»Bei allem Glücke Oraniens!« rief mit Lebhaftigkeit der junge Mann. »Ich

verehre Euch zu sehr, um selbst Euerer Rede zu trauen, wenn sie in

derselben Viertelstunde das zurücknehmen will, was sie kurz zuvor

gestattet. Nein, verehrte Jungfrau! Ihr könnt nicht von sträflichem

Wankelmuth, von unbeständigem Leichtsinn regiert werden. Ihr sprecht

wenig, aber Ihr denkt desto mehr und was Ihr einmal bedacht und überlegt

habt, das ist gewißlich das Rechte und ich leiste ihm Folge, ob auch

tausend Gegenbefehle kämen! Wer flüsterte mir ein trauliches =Ja= zu,

als ich Sonntags Nachmittag an der Kirchthüre um die Erlaubniß zu

diesem Besuche bat? Ihr waret es, Holdseligste! Was Ihr später, als ich

Euch einige Schritte weit begleitete, gesagt habt, mag ich gar nicht

gehört haben und lasse es in der Nacht der Vergessenheit begraben seyn.

Ich habe mir nur einen Vorwurf zu machen. Es ist =der=, zu spät gekommen

zu seyn. Aber da muß mein böses Schicksal, gerade als ich das Haus

verlassen will, unsern Buchhalter, den alten =Hoontschoten=, von weiter

Reise zurückführen, da nimmt mich der alte Mensch beim Kragen, jammert

und heult mir Dinge vor, von denen ich kein Wort begreife, bis ich ihm

endlich verständlich mache, daß mein Vater im Prinzencollegium ist, daß

er dorthin gehn und seinen Jammer anbringen soll, wo er ohne Zweifel

mehr Aufmerksamkeit und Begriffähigkeit dafür finden würde. Der seltsame

Kauz war ganz außer sich. Ich habe ihn noch nie so gesehen und ich

fürchte sehr, er wird mit seinen Litaneyen meinem Vater den beliebten

Thee in betrübten Wermuthtrank verwandeln. Ach, =Clelia=,« fuhr der

Gesprächige mit einem Seufzer fort, der ernsthaft seyn sollte, aber,

indem er seinen Ursprung aus einem heitern Character nicht verleugnen

konnte, eher komisch ausfiel: »welche Leiden hat doch die Liebe in ihrem

Gefolge! Da ist die gespenstige Eifersucht, da ist Zweifelsucht, da ist

die übele Nachrede anderer. Ja, liebwertheste Jungfrau, es giebt Leute,

welche behaupten, wir paßten nicht für einander, weil Ihr viel denkt und

wenig sprecht, und ich gerade das Gegentheil von diesen beiden Dingen

thue. Welche Thorheit, oder gar welche Bosheit aus schwarzem Neide

entsproßen! Eben um dieser Ursachen willen sind wir ganz für einander

geboren. Ihr denkt für mich und ich spreche für Euch. So wandeln wir

vereinigt durch's Leben und jeder sorgt und handelt für den andern, lebt

nur in diesem, vergißt sich selbst und ist so in der einzigen und wahren

Liebe, welche allein die Sterblichen beglücken kann! Ach, wie viele

unglückliche Ehen gäbe es weniger in der Welt, wenn jedermann in der

Wahl des zu liebenden Gegenstandes so vernünftig zu Werke ginge, wie

wir!«

Langsam und unter dem Scheine der Unabsichtlichkeit war indessen

=Clelia= mit ihrem Verehrer zu der Fensternische geschritten, in der

zwei Sessel standen, auf denen sie nun einander gegenüber Platz nahmen.

»Es ist wahr, Herr =Cornelius=,« begann jetzt =Clelia= in einem ruhigen

und gemessenen Tone, »daß mein Vater von der Möglichkeit einer

Verbindung zwischen uns beiden mit mir gesprochen hat, aber er hat mir

auch nicht verhehlt, daß erst gewisse Bedingungen, die er mir nicht

nennen wollte, erfüllt seyn müßten, ehe er sein Jawort in einer

bestimmten Weise geben könne. Ich bin Euch von Herzen gewogen, Ihr habt

ein gutes Herz, ein treues und offenes Gemüth. Ich glaube, daß ich

glücklich mit Euch werden kann. Aber Ihr müßt immer bedenken, daß wir

noch nicht am Ziele stehen, daß Alles noch sehr ungewiß ist. Deshalb

müßt Ihr auch meinen Ruf schonen, nicht so oft an unserm Hause

vorübergehn und heraufschauen, mich nicht an der Kirchthüre erwarten,

auf der Straße mir nicht auflauern und geheimnißvoll zu mir flüstern.

Euch recht dringend darum zu ersuchen, war allein die Ursache, daß ich

Euere Gegenwart verlangte, was ich gleich nachher bereuete, da es doch

auch zu übelm Leumund Anlaß geben kann. Aber ich bitte Euch recht sehr

Herr =Cornelius=, bedenkt was ich Euch gesagt habe!«

»O, das abscheuliche Denken!« rief =Cornelius=, indem er sich mit einer

Gebehrde des Unmuths durch das krause Lockenhaar fuhr. »Fordert Alles

von mir, vieltheuere =Clelia=, nur das nicht! Soll ich Euch irgend einen

französischen Oberoffizier mitten aus seinen Leuten herausholen, mit Roß

und Waffen? Bei dem Glücke Oraniens, Ihr sollt ihn haben! Befehlt sonst

ein Wagstück, ein Unternehmen, bei dem es Blut und Leben gilt:

=Cornelius van Daalen=, gewesener Hauptmann König =Wilhelms=, wird

keinen Augenblick zaudern. Aber =Denken=? Das scheint mir gerade so

schwer, wie =Sprechen= leicht! Auch ist es sicherlich in den weisen

Einrichtungen der Natur nicht so begründet, wie das Sprechen. Gibt es

doch unvernünftige Vögel, welche zum Sprechen abgerichtet werden

können, ohne daß es noch je möglich gewesen wäre, sie auf einen

gescheidten Gedanken zu bringen. Wenn ich mir einmal ein Herz fasse und

mich bemühe zu denken, dann geht's mir, wie den Krebsen, und ich

schreite mit meinen Gedanken rückwärts in die Vergangenheit, statt

vorwärts in die Zukunft hinein, in die ich eigentlich wollte. Dann

fallen mir tausend dumme Streiche ein, die ich begangen habe, und noch

mehr übereilte, zu denen ich mich in der Gutmüthigkeit meines Herzens

hinreißen ließ und die meinen Vater Geld genug kosten. Dann ärgere ich

mich und verschwöre das Denken auf lange hin. Glaubt mir, sehr theuere

Jungfrau, es ist höchst weise von unsern Vätern gethan, daß sie für uns

Geld und Gut in Fülle zusammengescharrt und gespart haben; denn, wenn

wir von dem zehren sollten, was ich durch Denken und Speculiren

aufzubringen vermöchte, als ein wohl ehrsamer Handels-Patron, so würde

nicht allein das Salz auf dem Brode, sondern auch das Brod unter dem

Salze fehlen. Aber Ihr könnt Euch darauf verlassen, daß ich mich, Euerm

Wunsche zu Folge, in meinem Betragen ändern werde, bis die gestrengen

Väter das Facit des Rechenexempels, das sie mit uns beiden anstellen,

gezogen haben. Ihr werdet mich nicht mehr in der Kirchenthüre sehn,

sondern in der Kirche selbst, wohin mich die christliche Pflicht ruft;

ich werde Euch nicht mehr auf offener Straße anreden, sondern höchstens

in einem verborgenen Gäßchen; ich werde bei der Fensterpromenade nicht

mehr gerade zu Euern Fenstern hinaufschauen, sondern höchstens nur etwas

Weniges hinaufblinzeln.«

»Eine schöne Besserung!« lächelte =Clelia=. »Ich aber werde dazuthun,

sie zu einer wirklichen zu machen. In der Kirche gibt es auch

vergitterte Betstühle, verborgene Gäßchen werde ich zu vermeiden wissen,

und meinen Sitz am Fenster werde ich in die Mitte des Zimmers verlegen.«

»Welche strafbare Vorsätze!« rief =Cornelius=, indem er von seinem Sitze

aufsprang. »Insubordination und Rebellion! Bei dem Degen des großen

=Marlborough=! indem Ihr Euch zu meiner Liebsten bekannt, habt Ihr zu

meiner Fahne geschworen und der dürft Ihr nicht untreu werden durch

kaltes Zurückziehn, listige Winkelzüge und muthlose Flucht. Ich werde

nach Kriegsgebrauch mit Euch verfahren. Ich werde Euch vor ein Gericht

stellen, dessen Präsident, Beisitzer und Ankläger ich in einer Person

seyn werde. Alles geht rasch nach Kriegsmanier. Ihr werdet verurtheilt,

arquebusirt zu werden und das geschähe ohne Gnade und Barmherzigkeit,

wenn ich mich nicht im letzten Augenblicke, da Ihr schon auf dem

Sandhügel knieet, um den tödlichen Schuß zu empfangen, bereit erklärte,

Euch zu heirathen, was bekanntlich ebenfalls nach einem alten

Soldatenherkommen, den armen Sünder von der Todesstrafe retten kann.

Doch Holland und Oranien! was höre ich?« unterbrach er plötzlich

aufhorchend sich selbst. »Das ist Eueres Vaters Stimme, das ist die des

meinigen, oder ich habe nie Pulver gerochen! Sie sind schon auf der

Treppe, gleich wird sich die Thüre öffnen und wir werden die

wohlmögenden Heern erscheinen sehen.«

Während =Cornelius= noch sprach, waren seine Blicke im Zimmer nach einem

Verstecke umhergeflogen. =Clelia= war keines Wortes mächtig, sie

zitterte und mußte sich an der Fensterbank halten. Schon scharrte es vor

der Zimmerthüre, schon wurde die Klinke ergriffen und man vernahm

deutlich die beiden Herren, wie einer den andern zum Voranschreiten

nöthigte. Es war kein Augenblick zu verlieren. Mit einem raschen Sprunge

flog jetzt =Cornelius= zu dem Götzenbilde; indem die Thüre aufging und

die kleine, runde Gestalt des Herrn =van Daalen= sich hereinschob,

schlüpfte dessen liebe- und lebenslustiger Sohn in das Innere des

indischen Heiligthums.

Herr =Jan= ließ einige forschende und befremdete Blicke im Zimmer

umherschweifen. Er besaß ein sehr scharfes Gehör und hatte vor der Thüre

deutlich die Stimme seines Sohnes im Innern des Gemaches vernommen. Er

kannte ihn hinlänglich, um ihm den verwegenen Versuch eines

Stelldicheins mit Jungfrau =Clelia van Vlieten= zuzutrauen. Er sah auf

das Mädchen, er gewahrte ihre Verlegenheit, er war seiner Sache gewiß.

Aber wo war =Cornelius= hingekommen? Das Zimmer besaß nur die eine

Thüre, durch welche die Väter es betreten hatten. Nirgends war ein

Behältniß, eine verhängte Stelle zu bemerken, wo =Cornelius= ein

Versteck gefunden haben konnte. Da fielen Herrn =Jan's= Blicke auf das

Götzenbild, da sah er hinter dessen gläsernen Augen etwas Bewegliches

und nun wußte er auch, welche Kriegslist der theuere =Cornelius=

angewandt habe, sich dem unerwarteten Rencontre mit dem Gegner zu

entziehn.

Bedeutungsvoll lächelnd näherte sich der alte Herr =van Daalen= der

zagenden Jungfrau, bedauerte sehr, wenn sein, zu dieser Stunde

ungewöhnlicher Besuch sie in irgend einer angenehmen Beschäftigung

gestört habe und sprach die Hoffnung aus, daß sie wohl Zeit und

Gelegenheit finden werde, solche verlorene Augenblicke wieder

einzuholen. =Clelia= erröthete über und über. Sie sah sich verrathen;

sie vermochte kein Wort zu erwiedern.

Mit einem sehr jammervollen Gesichte trat jetzt ihr Vater zu ihr heran.

»=Clötje=,« -- so pflegte Herr =Tobias= den Namen =Clelia= zu

verniedlichen -- sagte er weinerlich, »besorge uns Thee: viel und stark!

Thue auch Zimmet und Gewürznelken hinein, damit er mich erwärme, denn es

schüttelt ein Fieberfrost meine Glieder und eine wunderliche Sehnsucht,

wie ich noch nie empfunden, wandelt mich an, um die Mittagsstunde in

heißer Sonnenhitze auf dem Plätzchen vor meiner Plantage am Fluße

Jakkatarg, wo ich ungehorsame Sklaven oft zur Strafe den glühenden

Mittagsstrahlen preißgab, zu liegen, ohne ein schattendes Obdach,

einschlürfend und gierig einsaugend jeden senkrecht niederfallenden

Sonnenstrahl.«

Langsam entfernte sich die Tochter. Es war ihr lieb, sich unter einem

guten Vorwande der drückenden Gegenwart der beiden Männer entziehen zu

können, aber sie fühlte sich auch zugleich von Besorgnissen um den

versteckten =Cornelius=, den leicht ein Zufall verrathen konnte, bewegt.

Sie warf, als sie schon an der Thüre stand, einen ängstlichen Blick auf

das Götzenbild. Da lächelte ihr Herr =van Daalen= freundlich zu und

machte, während der Vater seine Augen nachdenklich zu Boden geschlagen

hatte, eine beruhigende Bewegung mit der Rechten, die dem Mädchen sagte:

daß er mit im Einverständnisse sey und schon sorgen wolle für eine

sichere Bewahrung des Geheimnisses. Dennoch verließ sie mit schwerem

Herzen das Gemach.

»Dieser entsetzliche Professor =Eobanus Hazenbrook=!« hob Herr =van

Vlieten= in einem sehr wehemüthigen Tone an, nachdem er sich mit seinem

alten Freunde an einem chinesischen Tischchen in der Mitte des Zimmers

niedergelassen hatte. »Womit habe ich ihn gekränkt, daß er Gift und

Galle in mein Herz schüttet, daß er mit boshaften, tückischen Worten

mich an das schauderhafte Ende alles Zeitlichen mahnt und mit einemmale

alle Standhaftigkeit meiner Seele niederwirft und da, wo Aufklärung und

Muth herrschten, Grauen und Furcht säet? Ach, =Myn Heer van Daalen=,

seit vielen Jahren habe ich kein Wörtchen von Tod und Sterben gehört,

ich habe jeden Gedanken daran sorglich fern gehalten, und war in den

schönen Traum eingewiegt, ich könne gar nie sterben und würde mich

ewiglich des Lebens und seiner Güter erfreuen! Dies herrliche Gebäude

der leiblichen Unsterblichkeit ist nun wie weggeblasen durch den

mörderischen Odem des schauderhaften =Hazenbrook=. Er hat mir es

angethan, ich bin wie umgewandelt, Todesfurcht liegt mir in allen

Gliedern und wohin ich sehe, erblicke ich Gespenster. Ach, Myn Heer und

Freund, habt die Gefälligkeit und nehmt meinen Platz ein! Ich kann es

nicht ertragen, wie mich das häßliche Götzenbild, mir gerade gegenüber,

mit starren Blicken anglotzt. Das ist das erstemal in meinem Leben, daß

ich mich davor fürchte, aber es ist auch heute, als stäke etwas

Besonderes drin und manchmal dünkt es mich, als gewönnen die Glasaugen

Leben und schleuderten Blitze in mein bebendes Herz herab!«

Herr =van Daalen= war gleich erbötig, mit =Tobias= den Platz zu

wechseln. Er hatte schon Anfangs, als sie sich niederließen, sich bemüht

an diese Stelle zu kommen, damit das Versteck des Sohnes nicht zu sehr

den Blicken des Herrn =van Vlieten= ausgesetzt sey; aber der alte Herr

hatte so fest Posto gefaßt, daß es jenem nicht gelang, ihn vom Flecke zu

mannoeuvriren. Jetzt änderte sich Alles von selbst, wie Herr =Jan= es

wünschte, und von seinem Vater hatte der verborgene Bewohner des Bildes

nichts zu fürchten.

»Schon oft,« sagte =Tobias= jetzt in dem kleinlauten Tone, zu dem ihn

der Antrag des Professors herabgestimmt hatte, »sind mir von dem Domine

unseres Kirchsprengels Vorwürfe gemacht worden, daß ich, als ein

christlicher Kauf- und Handelsheer, den heidnischen =Brama=, =Schiwa=,

=Vischnu=, oder wie sonst die Teufelsfratze heißen mag, innerhalb meiner

vier Wände aufgestellt habe. Ich lachte darüber und versicherte den

Domine, ich sähe das seltsame Götzenbildniß nicht anders an, als eine

Curiosität, wie etwa die chinesischen Pagoden dort im Winkel, oder ein

Gemälde von einem unserer berühmten Maler, welche die Kirmessen so

getreulich dargestellt haben. Ich achtete nicht auf das Kopfschütteln

des geistlichen Heern, was er sagte, schien mir eitel Thorheit und

Aberglaube. Aber Uebermuth bestraft sich selbst! Ich sehe die Sache

jetzt ganz anders an, wie früher. Man soll den Bösen nicht an die Wand

malen! Daß ich dem ehrenwerthen Domine so schnöde begegnen konnte, war

sicherlich schon eine Eingebung des Satans mit den glotzenden Glasaugen,

der dort hinten auf dem Piedestale steht. Wißt Ihr was, Myn Heer =van

Daalen=? Ich habe große Lust, meinen Gewissensbissen wegen dieser Sache

mit einemmale ein Ende zu machen. Ich werde meinen Leuten rufen, daß sie

den =Vischnu= in tausend Stücke zerhauen und ihn ökonomisch verwenden

auf dem Heerde, um eine christliche Suppe daran zu kochen.«

Er war schon im Begriff aufzustehen, als Herr =van Daalen=, rasch den

kurzen Arm über den Tisch streckend, ihn zurückhielt.

»Um Gotteswillen, thut das nicht!« rief dieser mit ungewöhnlicher

Lebhaftigkeit. »Wer weiß, ob so ein Ding, aus Zorn über ein solches

Unterfangen, die Macht, die es in Indien exerciert, dann nicht einmal

auch hier üben möchte, so daß Euch und Euerem Hause entsetzliches

Unglück daraus entstünde. Wahrhaftig! mir kommt es schon vor, als

verdrehe es die Augen und richte sie mit drohendem Ausdrucke auf uns.

Myn Heer =van Vlieten=, gebt der Vernunft Gehör! Laßt heute das garstige

Bild in Ruhe. Ein anderes Mal, wenn der Domine dabei ist, um durch

geistliches Wort und Gebet den Höllenhund zu bändigen, mögt Ihr's

versuchen; uns zwei armen Sündern, die immer mehr dem Weltlichen, wie

dem Geistlichen ergeben gewesen, dürfte er übermächtig seyn. Er ist ein

häßlicher Kerl, der =Schiwa= oder wie Ihr ihn nennt. Er verdreht schon

wieder die Augen, er bewegt den Mund --«

In diesem Augenblicke ließ sich in der That ein tiefer Seufzer aus dem

Innern des Götzenbildes vernehmen. =Cornelius= fühlte seine Brust

beklemmt in dem engen Behältnisse; es ward ihm schwer, Odem zu schöpfen.

Die Anstrengung, welche er hierzu verwenden mußte, brachte jenen Ton

hervor, den sein Vater bemerkte und der Herrn =Tobias= schnell von

seinem Sitze auf und in einem weiten Sprunge nach der Thüre hintrieb.

»Der Teufel ist los und wird uns gleich am Kragen haben!« schrie er

entsetzt. »Gleich steigt er herab von seinem Postamente, auf das ich

Unglücklicher ihn erhoben habe. Ich sehe ihn schon durch das Zimmer

schreiten, ich höre sein furchtbares Trappeln hinter mir her, Trepp'

auf, Trepp' ab, durch alle Gänge des Hauses, wenn ich ihm zu entrinnen

suche -- ich bin ein verlorener Mann, denn er =hat= mich! Der Domine muß

herbei, =der= allein kann helfen.«

=Cornelius= erstickte beinahe vor unterdrücktem Lachen in seiner dunkeln

Verborgenheit. Er konnte nicht so sehr Herr seiner einmal erregten

Lachlust werden, daß nicht wiederum sein Kichern vernommen worden wäre.

Herr =Tobias= glaubte in diesen Tönen die Vorboten von dem

ausbrechenden Zorne des Heidengötzen zu erkennen. Er achtete nicht auf

Herrn =van Daalen=, der mit beruhigender Gebehrde ihm nachschritt, er

sah nicht das Lächeln, das sich wider dessen Willen, auf seinem runden

Angesichte zeigte. »Fort, fort!« war der einzige Gedanke, dessen er

fähig war. Er riß die Thüre auf, er wollte hinausstürzen; da stürmte ihm

von außen herein eine fremde Gestalt entgegen, von neuem Entsetzen

ergriffen prallte er zurück, in die Arme des hinter ihm stehenden

Handelsherrn.

»Der Satan hat Genossen!« stammelte er. »Der Rückzug ist uns

abgeschnitten.«

Aber Herr =Jan= wurde in diesem Augenblicke bleicher, als =Tobias=.

Seine Augen starrten mit Blicken des Schreckens und der ängstlichsten

Erwartung den Hereintretenden an. Jeder Zug des heimlichen Spottes,

jedes Lächeln war aus seinem Antlitze verschwunden. Angst, Verzweiflung

und Entsetzen sprachen aus seinem ganzen Aeußeren. Er hatte den

sogenannten Genossen des Satans erkannt: es war sein alter Buchhalter,

=Jeremias Hoontschoten=, der mit dem kläglichsten Jammergesichte von

der Welt vor ihm stand.

»Ich bin da, gestrenger Patron!« wimmerte =Jeremias=. »Aber meine werthe

Person und die wenigen Fetzen, welche ich auf dem Leibe trage, sind auch

Alles, was ich mitbringe aus Mexiko. Die reichste Silberflotte, die je

über den Ocean gekommen, ist gekapert worden im Haven von =Vigos= und

zweimalhunderttausend Stück Dukaten, die meinem hochedeln Heern

angehört, sind in die schmutzigen Hände der Matrosen gefallen. Sie

fanden ebenso guten Cours bei den Engländern, wie bei unsern eigenen

Leuten und wenn ich diesen versicherte, sie seyen das Eigenthum meines

wohlmögenden Prinzipals, des Herrn =Jan van Daalen= in =Rotterdam=, so

behaupteten sie dagegen mit einem wahrhaft teuflischen Gelächter: das

sey erlogen, die Dukaten gehörten ihnen und wenn der Herr =van Daalen=

sie haben wolle, so solle er sie nur von ihnen abfordern. O, mein

hochedler Patron, ich habe mich ihnen zu Füßen geworfen, ich habe

geheult, wie ein altes Weib, für die Dukaten! Aber die Tigerherzen

waren nicht zu rühren. Sie spotteten meiner und schimpften mich einen

spanischen Holländer, den man von Rechtswegen aufknüpfen müsse.«

Herr =Jan= blieb stumm. Er konnte die Größe der Schreckenspost, die ihm

gebracht wurde, nicht fassen. =Tobias= war dagegen ganz Ohr geworden.

Bei dem Blicke, den er mit einemmale in das Handelsgeheimniß des Herrn

=van Daalen= warf, hatte er den Domine, den Götzen sammt dem

Gottseybeiuns vergessen. So war denn endlich entschleiert, was der

geheimnißvolle Patron im Stillen getrieben, so wußte man denn nun, nach

so vielem vergeblichen Sinnen und Rathen, wodurch er Geld und Gut

gewonnen! Er war, wie viele andere niederländische Kaufleute, bei den

spanischen Gold- und Silberflotten interessirt gewesen, indessen war der

Krieg zwischen Spanien und Holland ausgebrochen, die vereinigten

Holländer und Engländer nahmen die spanischen Schiffe, wo sie sie

fanden, und durch einen besonders glücklichen Zufall gerieth ihnen auch

die im Haven von =Vigos= liegende reich beladene Flotte in die Hände.

»Also von dort her erwartetet Ihr die zweimalhunderttausend Dukaten,

welche die Differenz in der Mitgift ausgleichen sollten?« sagte jetzt

mit finsterem Angesichte und in einem sehr gedehnten Tone Herr =van

Vlieten=. »Und sie sind nun hin und fort und werden eingehen am

Nimmerstage, wo alle insolvente Gläubiger ihre Wechsel bezahlen? Lasset

zu Euch reden, Myn Heer =van Daalen=, wie es mir ums Herz ist in dieser

Sache! Euere ganze Handelschaft ist eitel Schwindelwesen und Ihr habt

mehr Glück als Verstand gehabt, daß Ihr nicht schon längst zu Grunde

gegangen seyd. Zucker und Kaffee, das ist solid, aber Schmuggelei mit

dem spanischen Erbfeinde kann nicht Segen haben auf die Dauer! Freilich

ist es Euch noch gut genug gegangen, daß Ihr durch die Kriegsjahre und

Kriegstroublen glücklich hindurch gesegelt seyd mit Euern

Silberschiffen; allein der Krug geht so lange zu Wasser bis er bricht,

und Ihr gemahnt mich jetzt gerade, wie so ein zerbrochener Krug, der

keinen Henkel mehr hat, an dem ihn unsereins anfassen mag, und dem der

Boden ausgefallen ist, auf dem der Inhalt geruhet.«

Der Handelsherr, an welchen diese Worte gerichtet waren, hatte indessen

einigermaßen die verlorene Fassung wiedergewonnen. Er sah ein, daß er

noch ohne die zweimalhunderttausend Stück Dukaten ein reicher Mann

blieb, er ahnete aber auch zugleich, daß diese unausgefüllte Lücke in

seiner Casse eine Kluft bilden könnte, welche sich störend zwischen die

Verbindung der Häuser =van Vlieten= und =van Daalen= drängen dürfte. In

dieser schlimmen Ahnung wurde er durch die Reden des Herrn =Tobias= noch

bestärkt. Er warf einen zornigen Blick auf den Buchhalter:

»=Hoontschoten=, Er ist ein Esel!« sagte er ingrimmig. »Wäre Er nicht so

alt, daß Ihm die Natur bald den Abschied aus dem Leben geben dürfte, so

gäb ich Ihm den Abschied aus dem Dienste.«

»Mein Gott und Heer!« versetzte bebend =Jeremias=: »worin habe ich denn

gefehlt? Gebot es nicht Pflicht und Gewissen, meinen wohlmögenden Patron

sogleich in Kenntniß zu setzen von einem solchen Unglücksfalle? Und

darin habe ich nicht gesäumt, nach den schwachen Kräften, welche mir

mein Alter vergönnt. Ich habe Euch gesucht wie eine Stecknadel, im Hause

und am Haven, im Prinzencollegium und am Boompjes, bis mich endlich ein

scharmanter Herr, ein Professor aus Leyden, dem ich Euere und Herrn =van

Vlietens= Personen weitläufig beschreiben mußte, hierher verwieß.«

»Verdammter =Hazenbrook=!« schalt Herr =Tobias= für sich hin, und die

große Ader auf seiner Stirn schwoll in zorniger Erinnerung höher an:

»Das Gespenst des verruchten Professors verfolgt mich allenthalben und

wenn ich mir ihn einmal aus dem Sinne geschlagen habe, so bringt ihn mir

ein verwünschter Zufall wieder in den Wurf.«

»Ich hätte Ihn nicht für so dumm gehalten, =Hoontschoten=!« zürnte

indessen der alte =van Daalen= zu seinem Untergebenen. »Er meint noch

Wunder wie gut er's gemacht hat und wäre am Ende im Stande gewesen, die

Sache auf dem großen Markte auszuschreien! Myn Heer =van Vlieten=,«

wandte er sich jetzt gänzlich umgewandelt, mit sanfter Stimme und

lächelndem Angesichte, zu diesem: »der Verlust einer solchen Kleinigkeit

wird keinen Einfluß auf Euere gütigen Gesinnungen für mich und meinen

=Cornelius= haben, wir bleiben die besten Freunde, wie bisher, und

=Clötje= wird meine Tochter und =Cornel= Euer Sohn.«

»Prosit!« versetzte mit einem herben Gesichte Herr =Tobias=. »Aus der

Heirath kann ein für allemal nichts werden, wenn die Gelder nicht bis

auf einen Deut _al pari_ stehen, und dazu ist, unter den gegenwärtigen

Auspicien, auf lange hin kein Anschein. Lebt wohl, Myn Heer =van

Daalen=! Siebenmalhunderttausend ist das Wort. Ohne das geht die Braut

nicht fort. Da habt Ihr in Reimen meine Meinung. Gott befohlen, Heer

=Jan=! Ich kann meinen Thee allein trinken. Besucht mich über's Jahr

wieder!«

»Wie?« rief der Fortgewiesene mit einer Miene, in der sich Staunen und

Unwille aussprachen: »Ihr wollt das alte Freundschaftsband zerreißen;

Ihr könntet um des lumpigen Geldes Willen die edlern Gefühle des Herzens

verleugnen? Thut das nicht, Myn Heer =Tobias=! Fürchtet die Rache

Schiwa's, unter dessen Augen Ihr diesen Frevel begeht!«

In seiner Herzensangst griff Herr =van Daalen= zu diesem letzten Mittel,

die Furcht des Widerwilligen auf's Neue zu erregen und sie zum Hülfsweg

bei dem Sturme auf =Tobias= Herz anzuwenden. Dieser aber hatte, unter

den neu eingetretenen Umständen, das Entsetzen, welches ihm der Götze

früher eingeflößt, rein vergessen und rief im Fortgehen:

»Was Schiwa, was Brama! Geld ist die Bank. Morgen brennt der Schiwa im

Ofen und auf dem Herde und der Kaffee, der an dem Satan gekocht wird,

soll mir wohl schmecken. Trag den Thee in mein Zimmer, =Clötje=!«

herrschte er der entgegentretenden Tochter zu, die mit großem Schrecken

den Zorn des Vaters wahrnahm und im ersten Augenblicke sich und den

Geliebten verrathen glaubte. »Herr =van Daalen= wird uns ein anderes Mal

die Ehre schenken, heute trinke ich allein.«

Er schritt so rasch nach seinem Zimmer, daß ihm die gehorchende =Clelia=

kaum folgen konnte. Herrn =van Daalens= Geduld war nun auch erschöpft.

Ohne weiter des Sohnes im Schiwa zu gedenken, stürmte er die Treppe

hinab und zum Hause hinaus. Aengstlich und sehr gedrückt trippelte der

Buchhalter hinter ihm her.

»Er ist an Allem schuld, =Tölpel=!« schrie ihn noch auf der Straße Herr

=Jan= an. »Warum hat Er erstlich die entsetzliche Dummheit begangen,

sich die zweimalhunderttausend Dukaten nehmen zu lassen, warum begeht Er

zweitens die noch entsetzlichere, die ganze Geschichte im Beiseyn des

unersättlichen =van Vlieten= auszuplaudern?«

Die Mumie von Rotterdam. Erster Theil · 第 2 / 13 段