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Die Mumie von Rotterdam.
=Novelle=
=in zwei Theilen=
=von=
=Georg Döring.=
=Erster Theil.=
=Frankfurt= am Main.
Gedruckt und verlegt von Johann David Sauerländer.
1829.
Seinem verehrten Freunde
=Friedrich Mosengeil=
=der Verfasser.=
Ich habe Dich gefunden
Im stillen Friedensthal:
Wir waren längst verbunden,
Wir wurden's noch einmal.
So fügt sich Ring dem Ringe
Zur Blumenkette an,
Daß sie uns sanft umschlinge
Und unsern Lebenskahn.
Er zieht den Strom danieder --
Wann ruft der Schiffer: =Land=?
Wir reichen uns dann wieder
Am Ufer dort die Hand.
Die Mumie von Rotterdam.
Erster Theil.
1.
Am Haven von =Rotterdam= herrschte ein buntes Gewimmel von Geschäftigen
und Müßiggängern. Einige von jenen, mit schweren Lasten beladen, schoben
langsam aber nachdrücklich diese, die eitle Neugierde oder Langeweile
hierher geführt hatte, zur Seite; andere, Papiere in der Hand tragend,
Schiffsconsignationen oder Frachtbriefe, drängten sich rasch und
lebendig durch die Menge, um die Zeit der Ankerlichtung irgend eines
Fahrzeuges nicht zu versäumen.
Eben stimmten die Glockenspiele der Stadt ein Liedchen an, das die
sechste Abendstunde bezeichnete, als zwei Männer, denen die Meisten der
Anwesenden mit allen Beweisen von Hochachtung und Ehrfurcht auswichen,
am Ufer der =Maas= erschienen. Es waren die zwei Handelsherrn =Tobias
van Vlieten= und =Jan van Daalen=. Beide wurden für die reichsten
Leute der Stadt gehalten, beide wußten das und fanden deshalb nicht für
nöthig, die zahlreichen, an sie gerichteten Begrüßungen zu erwiedern. Am
Starrsten und Unbeweglichsten schritt Herr =Tobias van Vlieten= durch
die Raum gebende Menge hin. Seine hagere Gestalt ragte fast um
Kopfeshöhe über die Nebenstehenden empor und sein braungelbes Angesicht,
mit der scharf hervorstehenden Nase und den großen, todten grauen Augen,
bot, unter der umfangreichen, weißgepuderten Perücke, einen
abschreckenden Anblick. Er trug einen langen, zimmetfarbenen Tuchrock,
der trotz des sehr warmen Abends vom Kopf bis auf die Füße zugeknöpft
war. Die Knöpfe aber bestanden aus Doppelducaten und erregten, indem sie
im Abendsonnenstrahle weithin glänzten, die Begehrlichkeit manches armen
Taglöhners, der hier mit schwerer Arbeit wenige Stüber erwarb.
Herr =Tobias= hatte viele Jahre seines Lebens in =Ostindien= zugebracht.
Aber diese Zeit war für ihn keine verlorene gewesen. In dem Handel mit
feinen Spezereien hatte er Millionen gewonnen und während die ungesunde
Luft =Batavia's= seine besten Kräfte aufzehrte und ihn zu einer
lebendigen Mumie ausdörrte, vermehrte sich die Zahl seiner Geldsäcke im
wohlverwahrten Gewölbe auf das Ansehnlichste, stiegen von Posttag zu
Posttag die Summen, die er nach dem Vaterlande übermachte, daß sie dort
sicher und gute Zinsen tragend, angelegt würden. Er hatte auch in
=Batavia= geliebt und in einem kurzen Ehestande gelebt. Die Liebe
überschlich ihn, als er vernahm, daß die bleiche alternde Jungfrau
=Cypriana Hoogendöbel=, welche ihm in einer Theegesellschaft gegenüber
saß, seit gestern die Erbin von hunderttausend Stück Dukaten geworden
sey und ganz allein und verlassen in der Welt stehe, ohne Brüder und
Schwestern, ohne Vettern und Basen, die an dem reichen Erbe mitzehren
könnten.
Es war ihm zu Muthe, als habe er von der berauschenden Wurzel Bang
gegessen, da er dieses vernahm. »=Cypriana Hoogendöbel= muß die Meine
werden!« gelobte er sich selbst mit heißem Schwure. Er näherte sich; er
wurde freundlich angesehen und aufgenommen. Besaß denn =Tobias= nicht
auch schon ein Vermögen von mehr als hunderttausend Dukaten? Und hatte
denn =Cypriana= seit gestern nicht das Ansehen und die Bedeutung, welche
ein solcher Besitz gab, gehörig schätzen und würdigen gelernt? Der
Wunsch, sie nach dem Theeschmause in seinem Wagen nach ihrer Wohnung zu
bringen, wurde dem glücklichen =Tobias= gewährt. Auf diesem Wege
sprengte die neu erwachte Leidenschaft ihre Fesseln. Er erklärte sich
und ward verstanden, er warb um =Cypriana's= diamantenfunkelnde Hand und
sie ward ihm gewährt. Wie nun Herr =Tobias van Vlieten= einen
jahrelangen, glücklichen Ehestand mit seiner Hausfrau verlebt, indem er
während dieser Zeit fast immer auf Handelsreisen von ihr fern gewesen,
das sey hier nur flüchtig berührt. Am Ende dieses Jahres schenkte ihm
=Cypriana= ein Töchterlein; sie selbst aber starb wenige Tage nach der
Geburt des Kindes. Ganz =Batavia= bewunderte die Standhaftigkeit des
jungen Wittwers bei diesem Trauerfalle. Niemand sah ihn eine Thräne
vergießen. Er verbarg den Gram so tief in seiner Brust, daß seine
Freunde ihn nicht einmal ahneten, er besaß Selbstbeherrschung genug,
statt der Falten des Kummers, eine zufriedene Heiterkeit auf seiner
Stirne zu zeigen. Nur sein schwarzer Anzug, die Trauerflöre, mit denen
er reichlich umhangen war, verriethen sein Leid. Die Neugeborene ward
nach dem Willen der verewigten =Cypriana=, die in den letzten Monaten
ihres Lebens einige nach Ostindien verirrte französische Schäferromane
mit großem Interesse gelesen hatte, =Clelia= genannt. =Clelia= hatte
eben das achte Jahr zurückgelegt, als ihr Vater, den das Clima zu einer
Leiche auszudörren drohete, sich entschloß, nach Europa zurückzukehren.
Die liebe Geburtsstadt =Rotterdam=, mit dem buntbemalten Standbilde des
=Erasmus= auf dem großen Markte, stieg plötzlich in einem Zauberglanze
in der sonst öden Phantasie des Herrn =van Vlieten= empor. Er sah sich
selbst, der als ein armer Jüngling die Heimath verlassen, nun als den
reichsten ihrer Bürger in den breiten Straßen der =Buitenstad= auf- und
niederwandeln, im vornehmen Dukaten-beknöpften Rocke, mit stattlichem
spanischem Rohre, begrüßt und geehrt von jedermänniglich; er sah sich am
=Nieuwe-= und =Leuwen-Haven=, am =Blaak= und am =Boompjes=, am
=Wynkracht= und am =Haringvliet=, und an allen Orten flüsterte es um
ihn: »Seht, das ist =Myn Heer Tobias van Vlieten=, der =dickste= Mann
von =Rotterdam=!« Und wie er es prophetisch vorausgesehen im Geist, so
geschah es auch. Er wandelte nun schon seit acht Jahren in den Straßen
und in den Havenplätzen der Heimathstadt in derselben Weise, die ihm die
Ahnung gezeigt, auf seinen Wegen blieben die Leute stehen und raunten
denjenigen, die es noch nicht wußten, mit wichtiger Gebehrde ins Ohr,
dieses sey der dickste -- nämlich der reichste -- Mann der Stadt. Wenn
dann ein Fremder, dem es unbekannt war, wie bei den Holländern =dick=
mit =reich= gleichbedeutend sey, die Mumiengestalt des Herrn =Tobias van
Vlieten= mit erstaunten Blicken maß und ungläubig lächelnd den Kopf
schüttelte, so konnte wohl sein von Natur phlegmatischer holländischer
Freund in Feuer gerathen und Hab und Gut zur Wette anbieten: daß dieses
die Wahrheit sey. So war es denn nach und nach gekommen, daß man Herrn
=Tobias= nur schlechtweg und vorzugsweise den =Dicksten= nannte. Sein
Töchterlein =Clelia= war indessen zu einer anmuthigen und
begehrenswerthen Jungfrau herangewachsen.
Der Mann, in dessen Geleit uns Herr =van Vlieten= zum erstenmale am Ufer
der =Maas= begegnet, war in seinem ganzen Aeußeren der lebendigste
Gegensatz zu dem Wesen des erstern. Herr =Jan van Daalen= maß wenig über
vier Fuß, hatte durch die sorglichste Pflege seines Leibes nach und nach
einen körperlichen Umfang gewonnen, der ihm, nächst seinen Geldsäcken
einen doppelten Anspruch auf die Ehrenbenennung eines =Dicken= gab, und
sah aus dem immer lächelnden runden, weißen und rothen Antlitze jeden
mit den nichtssagenden Blicken der gläsernen Augen so geringschätzig an,
als seyen alle übrigen Menschen Nullen, er aber und sein Begleiter
vielleicht nur allein Zähler in der Seelenliste der Einwohnerschaft von
=Rotterdam=. Seine Kleidung war schlichter und geschmackvoller, als die
des Herrn =van Vlieten=; aber das ächte spanische Rohr, mit dem großen
porzellanenen Knopfe oben, prangte auch in seiner Rechten und die
stattliche Perücke umgab, wie eine Wolke, die obere Hälfte seiner
gedrängten Gestalt. Sein Fuß hatte nie das Weichbild von =Rotterdam=
überschritten. Er hatte das ansehnliche Vermögen, das er von seinem
Vater ererbt, durch kluge, wenn gleich geheimnißvolle Speculationen, so
bedeutend vermehrt, daß er unter den =dicken= Leuten der Generalstaaten
einen der ersten Plätze einnahm. Immer aber blieb die Art, wie er dazu
gekommen, jedermann ein Räthsel. Er hielt keine Schreibstube und keine
Gehülfen. Alle Schreibereien machte er selbst hinter verschlossenen
Thüren ab. Niemand, sein einziger Sohn =Cornelius= nicht ausgenommen,
durfte sein Schreibgemach betreten. Nur ein alter Buchhalter, den Herr
=van Daalen= als ein Erbstück mit von seinem Vater übernommen hatte und
der schon seit vierzig Jahren in die Geschäfte des Hauses eingeweiht
war, schien das Vertrauen seines Prinzipals zu besitzen. Der alte Herr
=Hoontschoten= war aber fast immer abwesend, niemand wußte, wo? Oft ließ
er sich in Jahresfrist und manchmal auch in noch größeren Zwischenräumen
in =Rotterdam= nicht sehen. Erschien er dann endlich, so strahlte Herrn
=Jan's= Antlitz in unverkennbarer Freude und immer wurden, wenige Tage
nach seiner Ankunft, große und gewichtige Geldsäcke in das =van
Daalen=sche Haus geschafft. An seinem Sohne =Cornelius= hatte der alte
Herr bisher wenig Freude erlebt. Statt frühe die Feder zu gebrauchen, um
im Rechnen und Copieren sich zu dem höheren Wirken im Handelstreiben
vorzubereiten, hatte =Cornelius= das Schwerdt ergriffen und war, allen
Abmahnungen des Vaters zum Trotz, unter König =Wilhelm= gegen die
Franzosen zu Felde gezogen. Herr =Jan= zürnte ihm lange und wollte
nichts von ihm wissen. Als er aber einige Jahre nach dem geschlossenen
Frieden in das väterliche Haus trat, zu einem kräftigen, blühenden
Manne geworden, bekleidet mit der Würde eines Hauptmannes, da erfreuete
sich doch des Vaters Auge an ihm; als er aber gar nach einiger Zeit
erklärte, daß er dem Kriegshandwerk gänzlich entsagen, um als ein guter
Ehemann und Hausvater daheim zu leben, und daß die holdselige Jungfrau
=Clelia van Vlieten= es sey, die er zum Gattengespons erwählet, da
schloß ihn Herr =Jan= gerührt in die Vaterarme und meinte in seinem
Innern, der Apfel falle doch nicht weit vom Stamme und die Speculation
auf das liebliche Töchterlein des =Dicksten= sey in der That eines =van
Daalen= würdig. =Cornelius= konnte versichern, daß =Clelia= ihn mit
Blicken betrachte, die keinesweges gleichgültig zu nennen waren. Er
verschwieg, daß er bei günstiger Gelegenheit schon das Geständniß seiner
Liebe gegen sie gewagt habe, daß dieses nicht allein gütig aufgenommen,
sondern sogar mit jungfräulicher Schüchternheit erwiedert worden sey.
Die Aussicht, das ungeheuere Vermögen des Herrn =Tobias= mit dem
seinigen zu vereinen, den Vater =Clelias= vielleicht zu einer
Compagniehandlung zu bewegen, war für den alten =van Daalen= schon
höchst lockend; die Hoffnung aber, daß nun =Cornelius= auch Neigung zu
kaufmännischen Geschäften fassen und dereinst auf dem geheimnißvollen
Wege, den er mit Glück gewandelt, weiter schreiten werde, erfreuete ihn
fast eben so sehr. Er äußerte das auch seinem Sohne. Dieser aber
versicherte ihn ganz trocken: daran denke er nicht, es sey ihm im
Gegentheile nichts in einem so hohen Grade zuwider, als Schreiberei und
Handelschaft und er trage nichts anders im Sinne, als mit seiner
künftigen Ehefrau =Clelia= dermaleinst in Fülle und Wohlleben von den
Zinsen der Capitale zu leben, die ja die beiden Väter in Ueberfluß für
ihre Kinder zusammengebracht und gespart. Herr =Jan= sah ihn auf diese
Rede mit den gläsernen Augen starr und schweigend wohl eine
Viertelstunde lang an; dann wandte er sich mit einem schweren Seufzer
von ihm ab und begab sich zu Herrn =van Vlieten=, um mit diesem die
Freierei-Unterhandlungen zu eröffnen, die nun mit aller Bedächtlichkeit
und Vorsicht, welche zwei so kundigen Geschäftsmännern zugetraut werden
konnten, betrieben wurden.
Dieses war der Stand der zwischen den beiden Handelsherrn obwaltenden
Angelegenheiten, als wir sie zum erstenmale stolz und im Bewußtseyn
ihres Metallwerthes durch die treibende Menge im Haven von =Rotterdam=
hinschreiten sahen.
»Ihr wißt meinen Entschluß, Myn Heer van Daalen,« sagte Herr =Tobias= in
einem herben und strengen Tone, indem er bedeutungsvolle Blicke auf
einige ihm zugehörende, in der =Maas= ankernde Schiffe warf und dann
ebenso bedeutungsvoll auf einige andere zurücksah, die im Canale,
zunächst seiner Wohnung, lagen. »Fünfmalhunderttausend Stück Dukaten ist
ein artiges Sümmchen, aber siebenmalhunderttausend ist noch artiger. Wir
sind beide dick, aber Ihr seyd nicht der dickste! Nur gleich und gleich
gesellt sich gut und erst, wenn Euer =Cornelius= so schwer geworden, wie
meine =Clelia=, so können die Glockenspiele der =Binnen-= und
=Buytenstad= ein lustiges Stückchen zu ihrer Hochzeit aufspielen.
Schade, daß wir nicht in =Batavia= sind! Da hat mich's bei solcherlei
Festen am Meisten ergötzt, die schwarzen Sklaven und Sklavinnen, Abends,
wenn sie des Tages Last und Arbeit hinter sich hatten, einen lustigen
Tanz aufführen zu lassen. Sanken sie dann wohl vor Müdigkeit oder
Trägheit zu Boden, so war gleich des Aufsehers Peitsche bei der Hand,
die sie wieder in die Höhe zum Tanzen trieb und der Hauptspaß war es
nun, sie mit verzerrten Gesichtern, heulend und schreiend, springen und
hüpfen zu sehen. Dergleichen Vergnügungen giebt es nicht in Europa, Myn
Heer =van Daalen=!«
In diesem Augenblicke hemmte =Tobias= plötzlich seinen Schritt. Seine
Blicke waren starr auf einen Punkt gerichtet. Es schien, als mache
irgend ein Gegenstand ihn stutzig, als sey er über irgend eine
sonderbare Begegnung betroffen und unwillig.
Zwei junge Leute in Studententracht waren aus einer landenden Barke ans
Ufer gesprungen. Ihre ersten Blicke fielen auf die hagere und
ausgetrocknete Gestalt des Herrn =Tobias van Vlieten=, der in seinem
canelfarbigen Rocke und mit dem zusammengedörrten bräunlichen Antlitz,
laut und lachend von ihnen der ungeheuerste Zimmetstengel genannt wurde,
der jemals aus Ostindien herübergekommen sey. Ganz im Gegensatze zu
ihnen stand ein ältlicher Mann, der zwischen beide getreten war, dessen
Blicke mit einem Ausdrucke der Verzückung auf Herrn =van Vlieten=
ruheten und der nun mit hohem Ernst in seinen Mienen, mit schnarrender
Stimme und in der die Worte abwägenden Weise eines Pedanten rief:
»Ruhig, meine Söhne! Ruhig, ihr Kindlein der Musen! Habt Ihr je ein so
herrliches Exemplar einer egyptischen Mumie gesehen, wie das hier im
zimmetfarbenem Rocke und mit spanischem Rohre umherwandelnde? Schweigt
von Eurem schnöden Zimmetstengel! Ein Sproße aus pharaonischem
Geschlechte, ein königlicher Bewohner der Pyramiden zeigt sich Euerm
erstaunten Blicke. Er wandelt hier am Ufer der =Maas=, er schnupft Tabak
und trägt Dukaten auf dem Rocke! O wie köstlich, wenn wir ihn hätten im
_theatro anatomico_ zu =Leyden=, schön eingepackt im egyptischen Sarge,
den wunderdeutsamen Ibis zu seinen Füßen, ihn selbst eingehüllet in
balsamische Stoffe, hieroglyphisch übermalet -- o =Isis= und =Osiris=!
die Begeisterung reißt mich fort und verleitet mich, würdige
Handelsherrn der Gegenwart für Gestalten einer heiligen Vorzeit zu
halten! Verzeihet, Myn Heer,« wandte er sich nun zu dem immer finsterer
blickenden =Tobias=, »wenn Euch diese junge Leute durch unziemlichen
Scherz beleidigt! Meine Bewunderung wird Euch hoffentlich zu einigem
Ersatz dienen und solltet ihr jemals nach =Leyden= kommen, so seyd
höflich eingeladen, in dem Hause des Professor =Eobanus Hazenbrook=
einzusprechen.«
Mit diesen Worten nahm der Professor seine zwei jungen Leute, die nun
etwas ernster geworden, unter den Arm und schlenderte ruhig weiter,
indem er jedoch dann und wann einen gleichsam verliebten Blick nach
Herrn =van Vlieten= zurücksandte.
Dieser murmelte einige unverständliche Laute für sich hin, welche eben
nicht die freundlichste Begrüßung aussprechen mochten. Dann richtete er
seine Aufmerksamkeit auf Herrn =Van Daalen=, der von dem Professor und
seinen Zöglingen nichts gewahr geworden war und schon ein Weilchen ohne
Antwort zu erhalten, auf seinen Begleiter eingeredet hatte.
»Alles wird sich zu Euerer Zufriedenheit ausgleichen,« fuhr Herr =Jan=
fort, »und ich kann Euch die feste Zusicherung geben, daß vielleicht
schon morgen oder übermorgen mein =Cornelius= so schwer oder auch noch
schwerer ist, wie Euere =Clelia=. Heute schreiben wir den
achtundzwanzigsten Oktober 1702. Jeder Augenblick kann mir die frohe
Nachricht bringen. Wo ich gehe und stehe ist es mir, als hätte ich
glühende Kohlen unter den Füßen und denke ich einmal zu ruhen im
gemächlichen Großvatersessel, so treibt mich's in die Höhe, als
prickelten mich tausend Stecknadeln. O Myn Heer, Ihr seyd glücklich
mit Euern Speculationen auf Zucker und Caffee! Aber unser eins -- die
Sorgen -- die ängstlichen Nachtwachen -- die Zweifel -- die
Erwartungen.« --
»Was treibt Ihr denn eigentlich?« unterbrach ihn neugierig sein
Begleiter, indem er stehen blieb und die todten grauen Augen forschend
auf Herrn =van Daalen= heftete. »Ihr seyd reich geworden, man weiß nicht
wie, Ihr vermehrt Euere Capitalien von Jahr zu Jahr, man weiß nicht
woher! Myn Heer, es gehen allerlei seltsame Gerüchte von Euch, denen ich
keinen Glauben beimessen mag. Viele sprechen, Ihr hättet einen Bund mit
dem Bösen, der Euch das liebe Geld und Gut zutrüge in der
Sylvesternacht, aber darüber lache ich, denn ich bin aufgeklärt. Andere
meinen wieder, Ihr säßet Nachts im geheimen Kämmerlein und kochtet Gold,
wie Ihr es aus einem zufälliger Weise aufgefundenen Recepte des
berühmten Paracelsus erlernt, doch auch das scheint mir nicht
glaubwürdig, denn hätte der berühmte Paracelsus die Goldmacherkunst
verstanden, so wäre er nicht elend und jämmerlich durch vieler Herrn
Länder gezogen, als ein Pillendoctor und Wurmsamenhändler. Was aber,
Myn Heer =van Daalen=, möchte wohl von den Gedanken derjenigen zu halten
seyn, bei denen Ihr in dem Verdachte steht, Ihr wäret ein allzu guter
Freund der Feinde Eures Vaterlandes, Ihr wüßtet denjenigen, die es
bekriegen, den Franzosen und Spaniern, auf geheimen Wegen Pulver und
Blei, Waffen und Mundvorrath zuzuführen? He! Myn Heer, was sagt Ihr
dazu?«
Herr =Tobias= hatte bei diesen Worten die dürren Knochenfinger seiner
Rechten um den Arm des Herrn =van Daalen= gekrallt. Dieser konnte
während der bedeutungsvollen Rede seines Nebenmannes seine Verlegenheit
nur schlecht verbergen. Er hielt den Porzellanknopf des spanischen
Rohres bald gedankenbrütend an die Nase, bald versuchte er, gleichsam um
die innere Angst zu bewältigen, die Knöpfe seines Kleides zu zählen,
bald lachte er dumm und nichtssagend den Herrn =van Vlieten= an.
»Schufte und Neider sind es,« brach er endlich mit mühsam errungener
Fassung los, »die mir so niederträchtige Dinge nachsagen! Ich bin ein
so guter Patriot, wie Hugo Grotius, und würde gegen die Feinde
ebensowohl zu Felde ziehn, wie Oranien und Horn, wenn ich anders die
Courage dazu hätte. Wenn Ihr dermaleinst meinen Handel kennen lernt, Myn
Heer, und das sollt Ihr, sobald das Geschäft mit der Heirath zu Stande
gebracht worden -- dann werdet Ihr sagen, der =Jan van Daalen= ist ein
schlauer Kauz und ein Vaterlandsfreund, wie es wenige gibt. Ihr werdet
bekennen müssen, daß er vom Feinde, wenn auch keine Schlachten und
Festungen, dennoch werthvolle Dinge genommen, daß er ihm Abbruch in
seinem Besten gethan und die Grundfesten seines ganzen Staatsbaues
erschüttert hat.«
»Große Worte, schöne Sentenzen!« erwiederte ungläubig Herr =van
Vlieten=. »Ueber die Sache müssen wir im Reinen seyn, ehe wir weiter
etwas abschließen. Gebt mir ein vernünftiges Journal, ein aufrichtiges
Cassabuch in Händen: das ist mir lieber, als die wohlklingendste
Redensart! Ich muß wissen, was Euer =Cornelius= in Handelsdingen von
Euch zu erwarten hat, ehe ich nur ein Härchen von dem Haupte meiner
=Clelia= in die Heirathslotterie mit ihm setze. Ich will Euch in meine
Keller und Gewölbe führen. Ihr sollt die Menge von Zuckerhüten und
Caffeeballen, die Hügel von feinen Gewürzen, die wundersamen Gebäude von
Theekisten dort bewundern. Dann will ich Euch die Geheimnisse meines
Comptoirs erschließen, Ihr sollt sehen, was in Cassa befindlich und was
auf gute Zinsen ausgeliehen ist, Ihr sollt Euch aus den Büchern, die ich
vertrauungsvoll vor Euch aufschlagen werde, überzeugen, daß ich meine
Zeit in Europa und Asia wohl angewandt habe. Aber Alles unter der
Bedingung, daß Ihr Tags darauf ein Gleiches thut, ohne allen Vorbehalt
und Hinterlist!«
Herr =Jan van Daalen= hätte in diesem Augenblicke lieber an jedem andern
Orte der Welt, als in =Rotterdam=, an der Seite des =Dicksten= und daher
angesehensten Mannes daselbst, seyn mögen. Er bewegte unruhig die Füße,
er warf das spanische Rohr bald unter den rechten, bald unter den
linken Arm, er steckte beide Hände in die Taschen, er wußte nicht was er
sagen sollte.
Da erschien zu seinem großen Troste ein Befreier aus dieser Bedrängniß
in der Person des Leydenschen Professors, =Eobanus Hazenbrook=. Dieser
trat, sich verlegen die Hände reibend, wiederum gerade auf Herrn
=Tobias= zu. Die beiden Studenten folgten ihm in einiger Entfernung,
kicherten und flüsterten unter einander.
»O Myn Heer,« schnarrte der Professor, »ich muß Euch anreden im Namen
der Musen und als ein Vormund der Wissenschaften in den vereinigten
Niederlanden. Freilich werde ich Euch von Dingen sprechen, die
gewöhnlichen Menschen nicht angenehm sind, aber Ihr, Myn Heer, seyd kein
gewöhnlicher Mensch, Ihr tragt das Gepräge des Außerordentlichen in
Euerm Antlitze, wie in Euerer Figura, und deshalb darf ich schon wagen,
zum Nutzen und Frommen der Wissenschaft eine Frage an Euch zu richten.
Habt Ihr bereits Euer Testament gemacht, Myn Heer?«
=Tobias= blickte den seltsamen Frager mit einer Mischung von Zorn und
Erstaunen an. Mechanisch hob sich das spanische Rohr in seiner Hand und
es gewann für einige Augenblicke das Ansehn, als sey Herr =van Vlieten=
gesonnen, die Antwort auf eine so unverschämte Frage, auf eine
nachdrücklichere Weise, als die gebräuchliche, zu erwiedern. Da naheten
sich aber mit drohender Miene die zwei Begleiter des Professors, Herrn
=Tobias= Rohr neigte sich zur Erde und er begnügte sich, in einem
heftigen Tone zu antworten:
»Ihr seyd ein Unverschämter oder ein Wahnsinniger! Für beide Fälle rathe
ich Euch, diesen Platz schleunigen Schrittes zu verlassen. Es giebt hier
der Leute genug, die auf einen Wink von mir, Euch packen und Euere
Unverschämtheit im kalten Bade der =Maas= von Euch abwaschen oder, wie
ich es ihnen gebiete, Euch, wohl gebunden und bewacht, in's Narrenhaus
abführen. Trollt Euch Euerer Wege und reizt mich nicht ferner! Ihr müßt
wissen: ich bin Heer =Tobias van Vlieten=, der dickste Mann in
=Rotterdam=!«
Die beiden Studenten, junge Franzosen, die auf der damals weitberühmten
Universität =Leyden= den Wissenschaften oblagen, schlugen ein
schallendes Gelächter auf.
»_Que dites vous de cet embonpoint?_« fragte der eine den andern, indem
er mit einer spöttischen Gebehrde sein Schnupftuch zur Hand nahm und
Miene machte, den Umfang des Herrn =van Vlieten= zu messen.
»_Morgué!_« erwiederte der andere; »_il l'a volé à une squelette et il
tâche à le vendre. C'est pour cela qu'il s'en vante._«
Der Professor aber trat dem zurückweichenden =Tobias= noch einige
Schritte näher, und sagte mit großer Kaltblütigkeit:
»Ich könnte Euch _injuriarum_ belangen, Myn Heer, darüber, daß Ihr Euch
ermesset, einen _professorem ordinarium_ der illustern Academie von
=Leyden= als einen unverschämten Gesellen oder gar als einen
sinnverwirrten Menschen zu erklären. Aber Ihr habt mir mein Herz
gestohlen durch Euere absonderliche Liebenswürdigkeit und eine Sehnsucht
in meiner Brust erweckt, die jahrelang darin geschlummert. Ja, Myn
Heer, ich liebe Euch! Und wenn das ein junger Fant mit tausend Schwüren
seiner Liebsten versichert, so will das bei Weitem nicht soviel heißen,
als mein einfaches, unumwundenes Geständniß. Ich liebe Euch
wissenschaftlich. Und deshalb wünschte ich: Ihr machtet Euer Testament!«
Den Herrn =Tobias van Vlieten= überflog es bald heiß, bald kalt. Es war
menschenleer auf dem Platze geworden und er sah sich vergebens nach
einigen Leuten in der Nähe um, die ihn aus den Händen des Wahnsinnigen,
für den er jetzt im Ernst den Professor zu halten begann, hätten
befreien können. Von Herrn =Jan= durfte er wenig Beistand erwarten, denn
dieser sah sich auch bereits nach der Flucht um und hatte nicht den
Muth, ein Wörtchen zu verlieren, das den zwei jungen Franzosen, die sich
trotzig auf ihre langen Stoßdegen stützten, hätte unangenehm seyn
können. Er wagte einen großen Schritt um sich aus der Nähe des
Professors zu entfernen, aber dieser folgte ihm mit einem noch weit
größern und die Studenten vertraten ihm den Weg.
»Hört mich doch nur an!« begann auf's Neue =Eobanus Hazenbrook=. »Ich
will Euch weder kränken, noch beleidigen; ich will Euch nur einen
Vorschlag machen, den Ihr als ein Mann von Einsicht, als ein Verehrer
der Musen, gewißlich eingehen werdet. Ich, der hier vor Euch stehende
=Eobanus Hazenbrook=, bin von den edlen großmögenden Heern schon vor
vielen Jahren als Professor _historiae naturalis_ und Custos _theatri
anatomici_ der erlauchten Lugduner Academie ernannt und bestallt worden.
Was könnt Ihr Uebles fürchten von einem Manne in solchem Amte? Von einem
Manne, dem irgend ein anderer nur unter einem wissenschaftlichen
Rapporte wichtig seyn kann? Doch tretet einige Augenblicke mit mir zur
Seite! Das was ich Euch zu sagen habe, muß Euch erfreuen, da es Euch
eine höhere Achtung von Euch selbst einflöst, aber nur vier Ohren dürfen
es hören und nur unter der dichten Hülle des Geheimnisses kann dieses
Werk zum Ruhme der Universität -- was sage ich? zur Glorie gesammter
Generalstaaten gelingen!«
=Tobias= gewann bei dieser milden und schmeichelhaften Rede des
Professors einigen Muth. Er überließ ihm ruhig seine Rechte, nach der
jener gegriffen, und folgte ihm einige Schritte zur Seite.
»Wenn ich Euch, Myn Heer, ersuchte, Euer Testament zu machen,« hob nun
der Professor in einem leisen, sehr freundlichen Ton an, »so sollte das
nur eine Einleitung zu dem eigentlichen Gegenstande meiner Bitte seyn.
Diese besteht nämlich darin: Ihr möchtet der illustern Universität
=Leyden= und namentlich dem _theatro anatomico_ daselbst ein Legat
vermachen, das einem längst schmerzlich empfundenen Mangel abhelfen
dürfte. Dieses Legat ist aber kein anderes, als das Euerer eigenen,
hochwerthen Person!«
Wüthend wollte sich Herr =van Vlieten= von dem Professor losreißen,
dieser aber hielt ihn fest und sah mit mildem Lächeln in das verzerrte
Antlitz.
»Wie,« zürnte =Tobias=, dem die heftige Aufwallung des Unwillens die
Sprache zu ersticken drohete, so daß er, statt zu schreien, wie er gern
gewollt hätte, nur mit gepreßter Stimme reden konnte, »Ihr wagt es, mir
dergleichen vorzuschlagen? Mir, der dem Doctor jährlich hundert Dukaten
zahlt, daß er ihn durch Purganzen, Mixturen und Elixire noch lange am
Leben erhält, sprecht Ihr von Testament und Tod? Wißt Ihr, daß
dergleichen Redensarten ein Gift sind, das sich auf die edelsten Theile
wirft und so den wirklichen, leibhaftigen Tod herbeiführen kann? Und
dann -- Ihr Schinder und Leichendieb untersteht Euch, mich für Euere
Sägen und Messer zu verlangen, um mich nach meinem, will's Gott! noch
weit entfernten Hintritte, zu zerschneiden und zu zerarbeiten, wie einen
Selbstmörder oder armen Sünder, mich, einen Mann, der im Rathe von
Indien gesessen hat und Euresgleichen durch ein einziges Wort an den
Galgen bringen konnte. Euch soll ja --«
»Ihr ereifert Euch umsonst, Myn Heer!« unterbrach mit unerschütterlicher
Kaltblütigkeit =Eobanus Hazenbrook= den Zürnenden. »Ihr befindet Euch
in einem böslichen Irrthum und legt mir Absichten unter, die ich
keinesweges hege. Man merkt Euch aber an, daß Ihr kein großer
Philosophus seyd! Hättet Ihr dem Sprüchlein des alten Weisen: kenne dich
selbst! Eingang in Euere Seele verstattet und danach Euere Gedanken
geregelt, so müßte es Euch klar seyn, daß eine Figura, wie die Eurige,
bei einer in _usum juventutis_ unternommenen Section eine gar
erbärmliche Rolle spielen würde. Nein, Myn Heer! Wir wollen höher mit
Euch hinaus. Wir wollen Euch nicht zerstören, wir wollen Euch erhalten
auf Jahrhunderte -- was sage ich? -- auf Jahrtausende hinaus!«
=Tobias= machte große Augen. Er schloß sich wieder enger an den
Professor, eine schöne Hoffnung senkte sich in seine Brust, er lächelte
freundlich und sagte im gefälligsten Tone:
»Wenn ich Euch jetzt recht verstehe, so habe ich Euch früher entsetzlich
mißverstanden. Ihr hättet Gutes mit mir im Sinne, Ihr wolltet mich
erhalten in _saecula saeculorum_, wie ihr Lateiner sagt? O, Myn Heer! Es
kommt mir auf eine Metze voll Dukaten nicht an, wenn es ein so theueres
Gut, wie das Leben gilt! Besäßet Ihr wirklich den Stein der Weisen, das
Lebenselixir, das gegen den Tod stich-, hieb-, schuß- und krankheitsfest
macht?«
»Allerdings,« versetzte sehr ernsthaft =Eobanus=, »besitze ich die
Wissenschaft, Euern Körper vor den gewöhnlichen Zerstörungen, welche im
Gange der Natur liegen, zu bewahren; doch erst nachdem der
verehrungswürdige Geist die schlechte Hülle verlassen und sich in höhere
Regionen aufgeschwungen hat. Sehet nicht finster drein, Myn Heer! Es ist
auch etwas Seltenes, fortzuleben rein leiblich auf Erden, zur
Bewunderung der Nachwelt. Diesen Vorzug will Euch =Eobanus Hazenbrook=
bereiten. Höret mich noch einen Augenblick geduldig an und Alles soll
Euch klar seyn. Unser _museum rerum naturalium_ zu =Leyden=, dessen
Custos ich zu seyn die Ehre habe, ist in allen Dingen wohl versehen und
kann den ersten Sammlungen dieser Art in ganz Europa an die Seite
gestellt werden. Es ist mein Alles, dieses Museum: meine Frau, mein
Kind, mein Vater und Mutter, mein eigenes Ich! Nun denkt Euch meinen
Schmerz, edler Herr, als vor einigen Jahren ein fremder Doctor darin
erscheint, über Alles vornehm und wegwerfend hinblickt und zuletzt mit
verächtlichem Tone erklärt: es sey doch Alles nur jämmerliche
Rumpelwaare, da sich nicht einmal eine egyptische Mumie darunter
befinde. Ich hätte dem Bösewichte einen vergifteten Pfeil von der Insel
=Java=, den ich gerade in Händen hielt, ins Herz stoßen mögen. Aber ich
bewältigte meinen Zorn, ich verschloß meinen Schmerz in diese Brust. Er
hatte leider nur zu wahr gesprochen! Schon längst hatte ich den
schmachvollen Mangel erkannt, aber ich gestand ihn nie und bemühete mich
selbst, jeden Gedanken daran zu verbannen. Das war nun vorbei! Die
Sehnsucht nach einer egyptischen Mumie nagte mir fort und fort am
Herzen, ließ mir Tag und Nacht keine Ruhe und verzehrte mich, wie einen
schwächlichen Jüngling die erste, unerwiederte Liebe. O, Myn Heer, was
liegt nicht Alles in einer egyptischen Mumie: Poesie und Geschichte in
der wunderbarsten Hieroglyphik, Naturkunde einer fernen Vorzeit in
köstlichen Spezereien und Balsamen, Wissenschaftslehre in deren
chimischer Vereinigung und künstlicher Anwendung, Industrie eines fernen
Jahrtausends in den umwickelten Webestoffen und noch so vieles Andere,
das hier anzuführen die Zeit nicht erlaubt! Doch dieses Wenige, was ich
hier angeführt, wird hinreichen, Euch mit hoher Achtung vor einer
solchen Mumie zu erfüllen und Euch den Schmerz zu erklären, den ich
empfinden mußte, als der malitiose Doctor bemerkte, ohne ein
Mumienexemplar sey mein Museum eine Rumpelkammer. Mein ganzes Tichten
und Trachten ging nun dahin, die gerügte, schmähliche Lücke auszufüllen.
Ich schrieb Briefe, ich gab Aufträge, ich verschwendete Geld über Geld,
ich schickte sogar einen eigenen Reisenden nach Egypten, daß er mir eine
Mumie aus den Pyramiden verschaffen, im schlimmsten Falle stehlen
sollte. Alles vergebens! Die Aufträge blieben unerfüllt, der Reisende
wurde von räuberischen Arabern aufgefangen, ausgeplündert, mit Gewalt
zum Islam bekehrt und dann in die Wüste geschleppt. Ich war der
Verzweiflung nahe. Trostlos ging ich an den ersten Merkwürdigkeiten
meines Musei vorüber, deren Anblick mich sonst in Entzücken versetzt
hatte, ohne sie einer Beachtung zu würdigen. Die herrliche _boa
constrictor_, die ich einst als meine theuerste Freundin, im süßen
Wonnetaumel ans Herz gedrückt, das liebenswürdige Nilkrokodill, das ich
oft durch Freudenthränen angelächelt hatte, waren jetzt für mich nicht
mehr vorhanden. Ich trug nur =eine= Liebe, =eine= Sehnsucht im Herzen:
die zu einer egyptischen Mumie. Da kam mir eines Abends, als ich traurig
und sinnend auf dem Fußgestelle eines mir ehedem auch sehr werthen
Elephantenskelett's saß, der Gedanke, daß es wohl möglich sey, eine
solche egyptische Mumie in vollkommener Aehnlichkeit, den Kennern selbst
zur Täuschung, nachzumachen. Mein Herz flammte empor in neuer
hoffnungsvoller Liebesgluth! Von den Flügeln der Sehnsucht und Hoffnung
getragen eilte ich ins _theatrum anatomicum_. Hier hatte ich gerade
einige der reizendsten Cadaver vorräthig, die noch je unter die Hände
eines Prosectors gerathen. Ich ging ans Werk. Ich arbeitete viele Tage
und Nächte, ich brachte endlich im tiefsten Geheimnisse eine Mumie zu
Stande, die man keck aus dem Geschlechte der Pharaonen herdatiren
konnte. Wer war glücklicher, als ich! Mit Begeisterung sah ich auf das
gelungene Werk meines Fleißes. Mein Hoffen war erfüllt, mein Sehnen
gestillt, das Ideal meiner Liebe war Wirklichkeit geworden. Aber, o
Jammer! Nur wenige Tage währte mein süßer Traum, nur zu schnell verflog
mein seliger Liebesrausch! Wie es schöne Weiber gibt, die unter der
anmuthstrahlenden Hülle ein falsches, tückisches Innere verbergen, so
war es auch mit meiner Geliebten der Fall. Noch entzückte mich die
holdselige Gestalt, als schon die Furien von ihrem Innern Besitz
genommen hatten. Die Theuere wurde mir ungetreu: sie gab sich der
Verwesung hin. Ich beweinte sie lange und schmerzlich; aber ich verlor
den Muth nicht. Bald erstand unter meinen Händen eine zweite Geliebte;
doch ach! sie hatte dasselbe Schicksal, wie die frühere. Neue Versuche,
neues Mißgeschick! Zuletzt erkannte ich mit bitterm Schmerze, daß das
Wohlleben in unserm Lande, daß das Clima und noch viele andere Ursachen
sich feindlich und zerstörend meinem Liebesglücke entgegensetzten. Jene
heißen Winde, die in Egypten wehen, die Mäßigkeit der Einwohner, tausend
andere Umstände, welche dort die Menschen schon als halbe Mumien sterben
lassen, begünstigen das hohe Werk der Leibeserhaltung auf Jahrtausende
hinaus. Nun sah ich mich allenthalben nach einem Menschenexemplare um,
das alle Eigenschaften, alle Ansprüche, sterbend den uralten egyptischen
Königsthron zu besteigen, besäße. Mein Streben, mein Wünschen, mein
Sehnen waren bis heute vergebens. Aber, Myn Heer, wie wurde mir, als ich
dieses gesegnete Ufer betrat, als Ihr der erste Gegenstand waret, den
mein Auge traf, als ich in Euch Alles fand, was meinem liebebestürmten
Herzen den alten Frieden wieder geben könnte? _Per aspera ad astra!_ Ja,
Myn Heer, Ihr seyd berufen, ein Enkel der Pharaonen zu werden und
deshalb sollt Ihr Euch als Legat der illustern Lugduner Academie
vermachen, daß Ihr durch meine Liebe, durch meine Kunst noch
Jahrhunderte hindurch ein Gegenstand der Bewunderung und Verehrung seyd,
nicht unter dem schnöden Namen eines =Tobias van Vlieten=, nein! unter
einem erhabenen, welthistorischen, den Ihr selbst nach Belieben wählen
könnt, =Amenophis= etwa, =Tethmosis=, =Pherun=, =Cheops=, =Amasis=, oder
gar =Sesostris=« --
»Hol Euch der Teufel mit Euern Muhmen und Königen!« brach jetzt =Tobias=
in überschäumender Wuth aus, indem er gewaltsam seine Hand der des
Professors entriß. »Jetzt habe ich genug Eueres wahnwitzigen
Geschwätzes, Euerer tolldreisten Zudringlichkeit und unverschämten
Anträge. Ward dergleichen je erlebt in Europa, Asia, Africa oder in der
neuen Welt? Ein Mann wie ich, ein Rath aus Indien, ein Bewindhebber in
=Rotterdam= soll einem tollen Professor zu gefallen, nach seinem Tode
eine egyptische Muhme werden? Jetzt trollt Euch Eueres Weges, Myn Heer
=Eobanus Hazenbrook=, und wagt es nicht, Euch ferner freventlich an
mich zu drängen! Dort kommt die Havenwacht und =die= soll mich von
Euerer Gegenwart befreien, so wahr ich meinen ehrlichen Namen =van
Vlieten= gegen keinen Amenophel, Seestritz oder Theemops vertausche!«
In der That nahete jetzt die Havenwache, die hier ein lautes Gespräch
vernahm, mit schnellen Schritten. Der Professor fand nicht für gut, ihre
Ankunft abzuwarten. Mit einem schweren Seufzer und den Worten:
»So lebe denn wohl, Grausamer, der ein liebevolles Herz so unempfindlich
zurück stößt!« verschwand er, von seinen zwei Begleitern gefolgt,
raschen Schrittes in die Abenddämmerung, die sich während seiner
verunglückten Unterhandlung auf Stadt und Haven gesenkt hatte. In seinem
Innern aber kam der Vorsatz zur Reife, den ersehnten =Tobias= immer
unter geheimer Aufsicht zu halten und im erwünschten Falle seines
etwaigen Ablebens, um jeden Preis und auf jeglichem Wege in seine Gewalt
zu bringen.
Herr =Tobias= war erschöpft von dem unerwarteten, seltsamen Angriffe
auf seine Person. Er nahm den Arm des Herrn =van Daalen=, welcher nur
die Rolle eines stummen, aber verwunderungsvollen Zeugen gespielt hatte,
um sich auf ihn zu stützen.
»Wenn das nicht mein Tod ist,« sagte er matt, »so bin ich von Stahl und
Eisen. Ich verabschiede jeden Dienstboten, dem einmal durch
Unvorsichtigkeit das Wörtchen »sterben« über die Lippe geht und wo ich
einem Leichenbegängniß begegne, mache ich, wenn es seyn muß, einen
halbstündigen Umweg, um nicht in seine Nähe zu kommen. O, Myn Heer =van
Daalen=, Geld und Gut hat nur die Erde, das Himmelreich ist der Armen,
wie in der Schrift steht, und in Armuth mag ich nun und nimmermehr
verfallen! Führet mich nach Haus, Myn Heer! Zum erstenmale seit vielen
Jahren kann ich heute die Abendgesellschaft im Prinzencollegium nicht
besuchen. Was wird man dort denken von mir? Sie werden mich für krank
oder gar für -- schon gestorben halten!« Er sprach diese Worte mit
wehmüthigem, weinerlichem Tone. Dann fügte er hinzu: »ja, kommt mit
mir! Wir wollen daheim eine Schale Thee selbander trinken. Meine
=Clelia= soll ihn bereiten. Das wird mich beruhigen, das wird mir meine
Kräfte wiedergeben.«
Langsam und schweigend entfernten sich die beiden Handelsherrn vom Ufer
der Maas. Herr =van Vlieten= mußte öfters stehen bleiben, um sich zur
Fortsetzung des Weges zu stärken. So langten sie erst nach einer halben
Stunde vor seiner Wohnung an, obschon diese nur in einer kleinen
Entfernung vom Haven lag.
2.
In der stattlichen Wohnstube des =van Vlieten'schen= Hauses saß Jungfrau
=van Vlieten= allein und suchte sich, wie es gehen wollte, die
Langeweile zu vertreiben. Sie zählte bald die Fensterscheiben, sie ließ
einen flüchtigen Blick über die tausendmal gesehenen Figuren des
chinesischen Wandgetäfels hingleiten, sie betrachtete dann auch wohl
einige Momente lang die beiden Pagoden, die nickend in den Ecken des
Zimmers standen, oder das große, seltsam gestaltete ostindische
Götzenbild, das ihr Vater, aus einer besonderen Liebhaberei, aus Asien
mitgebracht und im Hintergrunde des Gemaches aufgestellt hatte. Es
begann ihr unheimlich zu werden in der wunderlichen Umgebung. Sie
glaubte, das Dämmerlicht der wenigen Kerzen, die in dem Zimmer brannten,
ließ ihr heute besonders die sonst gewohnten Gegenstände in neuer
beunruhigender Weise erscheinen. Sie zündete noch mehr Kerzen an, sie
umstellte das Götzenbild, das ihr so grauenhaft noch nie vorgekommen
war, mit vielen brennenden Lichtern, sie zwang sich zu dem Muthe, in das
Innere des hohlen Bildes hineinzuleuchten, um sich zu überzeugen, daß
hier niemand verborgen sey. Aber weder die vermehrte Erhellung, noch die
erkünstelte Verwegenheit, reichten hin, sie nur auf die kurze Dauer
einer Viertelstunde gegen die furchterweckenden Eindrücke der einmal
bedeutungsvoll gewordenen Gegenstände zu wappnen. Die gläsernen Augen
des Schiwa oder Brama schienen drohend aus dem widrigen Menschenhaupte,
das auf einem Thierrumpfe saß, auf sie herabzublicken; der Götze schien
die erhabenen Arme mit den kralligen Tatzen nach ihr auszustrecken.
=Clelia= mußte die Blicke von ihm abwenden. Zitternd schwankte sie ans
Fenster und sah in den dämmernden Abend hinaus. Ein Seufzer hob ihre
schöne Brust. Sie war nicht groß, aber schlank und zart gewachsen. Sie
besaß eine Leichtigkeit der Bewegungen, die in einem Lande, wo sie beim
schönen Geschlechte ebenso selten ist, wie beim starken, um so mehr
auffallen mußte. Ihr Angesicht war regelmäßig und fein gebildet, ihre
Augen waren groß und schmachtend, ihr Haar von seltener Schönheit und
die rothen Rosen auf den südlich dunkeln Wangen gaben ihr einen ganz
eigenthümlichen Reiz.
Sie schien jemand zu erwarten: Bei jedem Geräusche, das auf den Gängen
vor dem Zimmer entstand, horchte sie aufmerksam hin. Oft wurde ihre
Erwartung getäuscht. Dann zeigte sich neben dem Ausdrucke der Furcht,
noch der des Unmuths in den Zügen des lieblichen Antlitzes. Endlich
nahm sie ihren Platz vor dem zierlich aus Rosenholz gearbeiteten
Spinnrade ein, einem Werkzeuge, das in jener Zeit, statt der bisher
gebräuchlichen Spindel, bei den Damen sehr in Aufnahme gekommen war und
durch sein tacktmäßiges Schnurren in der That die etwa lästig erregte
Aufmerksamkeit zerstreuen und die Gedankenlosigkeit befördern konnte.
Aber aus dem Angesichte der schönen =Clelia= wollte ein Zug, der Unruhe
und Verlegenheit ausdrückte, nicht verschwinden. Sie lauschte noch immer
unter dem Spinnen auf, sie schrack bei einem kleinen Geräusche zusammen,
sie sah sich ängstlich um.
Da hörte sie mit einemmale einen leisen aber raschen Fußtritt auf dem
Gange. Sie ließ die Hand sinken, sie blickte voll Spannung nach der
Thüre. Die Rosen auf ihren Wangen wurden so glühend, daß ihr Roth das
ganze Antlitz einnahm; das ungestümer schlagende Herz hob in unruhigen
Bewegungen die jugendliche Brust. Der Kommende mußte mit Hoffen und
Zagen, mit Wünschen und Bangen erwartet worden seyn!
»=Clelia!=« flüsterte eine gedämpfte Stimme durch die Thürspalte. »Darf
ich eintreten?«
Das Mädchen war nicht im Stande zu antworten. Sie that schwankend einige
Schritte nach der Thüre hin, ein tiefer Seufzer entrang sich der
beengten Brust. Ihre Augen hafteten ängstlich an dem Eingange, in
welchem jetzt mit leisem schwebendem Schritte und vorsichtig spähendem
Blicke, ein schlank gewachsener junger Mann erschien, der so
geschmackvoll und anständig gekleidet war, als es sich nur mit der Sitte
der damaligen Zeit vertragen wollte.
»Herr =Cornelius=,« hatte jetzt =Clelia= Kraft zu stammeln. »Ihr wagt es
dennoch -- trotz meiner Bitte -- wenn der Vater --«
»Beruhigt Euch, theuere Jungfrau,« erwiederte schnellzüngig der junge
=van Daalen=, indem er mit einer leichten und anmuthigen Bewegung vor
ihr stand. »Der werthe Vater steigt in diesem Augenblicke mit dem
meinigen am Haven umher und höchst wahrscheinlich sind beide in sehr
tiefsinnige Gespräche, die unser beiderseitiges Glück betreffen,
verflochten. Von da spazieren die zwei wohlmögenden Handelsheern, wie
es ihre auf viele Jahre hin gestellte Lebensuhr will, in's
Prinzencollegium, um dort bei einem Dutzend oder noch mehr Tassen Thee,
die Franzosen zu Land und die Spanier zur See zu schlagen. Mögen Sie es
thun! Mögen sie tausend Kanonen und hundert Linienschiffe erobern, ohne
einen Tropfen Blutes zu vergießen, ich entsage gern dem wilden
Waffenwerke, der Fahne des unruhigen Kriegsgottes, um mich zu beugen
unter die Macht Amors, des freundlichen Liebesgottes. Ja, holdselige
=Clelia=! Als ich zum erstenmale Eure anmuthige Gestalt sah, da hatte
ich in einem Augenblicke alle Gedanken an Waffenruhm, an Ehre im Felde,
an Lust und Jubel im Kriegslager rein vergessen. Wenn ich sonst nur
immer von erschlagenen Franzosen, von angesehenen Gefangenen, von
Lobeserhebungen meiner Vorgesetzten träumte, so sah ich jetzt im Traume
nur Euer liebliches Bild, nur Euch, wie ich Euch aus der Kirche
heimführte, als meine wohlleibliche Ehefrau, ich hörte nur Euere Stimme,
die mich mit süßen, wohlklingenden Namen nannte. Aber, Ihr sagt nichts,
mein theueres Bräutlein? Keine Silbe geht über Eueren Purpurmund und ich
hoffe und harre vergebens eines freundlichen Grußes, eines gütigen
Willkommen!«
»Kann man denn zu Wort kommen vor Euch, Herr =Cornelius=?« versetzte
lächelnd, aber dennoch schüchtern =Clelia=. »Und überdem bin ich auch
böse auf Euch, denn Ihr habt meinem Wunsche, =nicht= hierher zu kommen
zu dieser Stunde, entgegen gehandelt.«