Gegen 1 Uhr gelangten wir an den Anfang eines Fahrweges mit russischen

Bezeichnungen an den Pfählen; es war der große Weg nach Osch über den

Talldik, nach Sven Hedin 3537 m. Er war recht belebt, man sah Kaufleute,

ab und zu Kosaken und auch eine Menge zu Fuß gehende Leute, die teils

nach Kaschgar, teils nach der andern Seite, gen Andischan wanderten. Die

Straße steigt in Serpentinen an den Talhängen hoch zur Paßhöhe; von der

Schneegrenze ab war sie teilweise durch große Schneemassen gesperrt, so

daß man sich selber einen Weg am jenseitigen Hange suchen mußte. Das

Schmelzwasser schadet der Straße sehr, die ein hübsches Stück Arbeit

gekostet haben muß und ein Wahrzeichen des russischen Vordringens in

Zentral-Asien ist; ganze Strecken sind unterwaschen oder weggerissen.

Nach anderthalbstündigem Steigen hatten wir die Höhe des Talldik

erreicht. Hier ist eine Plattform geschaffen, in deren Mitte an einer

Stange zwei eiserne Inschrifttafeln angebracht sind. Man hat eine

herrliche Aussicht von dort oben nach beiden Seiten. Der Abstieg ist

ebenso wie der Aufstieg. Die Karawanen benutzen kaum den neuen Weg,

sondern krabbeln lieber auf den alten, schmalen Saumpfaden entlang.

Übrigens entdeckte ich im Schnee Räderspuren, also muß ein Wagen über

den Paß gefahren sein, was immerhin eine Leistung ist. Je tiefer wir auf

den Serpentinen kamen, desto romantischer wurde die Umgebung. Man sah an

den Abhängen Knieholz, und auf den Uferwiesen des Baches wuchs

herrliches Gras. Die Karawanenführer hatten Mühe, ihre Tiere davon

abzuhalten. Zwei- oder dreimal hörten wir von Heraufmarschierenden, daß

sie früh morgens meine drei Bagagetiere im Marsch gesehen hätten. Unsere

beiden Pferde waren sehr müde und auch Nasr klagte über alle möglichen

Schmerzen, die er sich wohl beim Biwak zugezogen hatte, so daß ich

beschloß, bei der ersten, nicht mehr weit entfernten Kirgisen-Jurte zu

übernachten.

[Illustration: Im Alai-Gebirge vor dem Talldik]

Gegen fünf Uhr erreichten wir eine Mulde mit herrlichem Grase, auf der

gerade aus Osch kommende Kirgisen ihre Jurten aufschlugen. Sie befanden

sich zu dieser Zeit auf dem allmählichen Vormarsch zu den schönen Weiden

des Alai. Im September wandern sie dann ebenso in Etappen nach Osch

zurück. Wir kamen schnell und gut unter. Gegen Abend gab es Asch[5],

dazu frische Yakmilch. Nasr war gänzlich unbrauchbar, er schien etwas

Fieber zu haben und glaubte sich aus diesem Grunde noch berechtigt,

unverschämt zu werden.

[5] Asch = in Hammelfett gekochter Reis.

Am 24. Juni brachen wir sehr früh auf. Das Tal erweiterte sich zu einem

weiten Wiesenplan, auf dem überall Kirgisen-Jurten standen und Yak-,

Hammel- und Ziegenherden weideten. Wir begegneten etwa 50 Kosaken, die

zur Ablösung der Kaschgarer Konsulatswache dorthin zogen. Nasrs Zustand

verschlimmerte sich heute; er verlor ganz und gar den Kopf und wollte

durchaus nach Kaschgar zurückwandern. Als ich ihm das Unsinnige dieser

Absicht vorhielt, heulte er wie ein kleines Kind, bestand auf seinem

Vorhaben und wollte nicht einmal Geld von mir nehmen. Schließlich

überredete ich ihn doch, mit nach Andischan zu gehen, da ich ihn in

diesem Zustande nicht allein zurückkehren lassen konnte. Wir passierten

zweimal Felsdurchbrüche des Syr darya. Das Tal verbreiterte sich

allmählich, der Flußlauf selbst ist tief eingeschnitten.

Auf einem Wiesenplan stießen wir endlich auf unsern Karawan-Baschi mit

seinen Tieren, der ganz vergnüglich bei meinem Gepäck lagerte,

unschuldig wie ein Kind tat und gar nicht auf den Gedanken gekommen war,

auch nur eine Minute auf uns zu warten. Sonst war alles in schönster

Ordnung. Leider fing es an zu regnen, ich wollte aber noch nach Guldscha

weiter und ließ deshalb aufpacken, obgleich mir kein Mensch angeben

konnte, wie weit es eigentlich bis dort noch war. Schließlich, als es

vom Himmel wie mit Kannen goß, krochen wir doch gegen drei Uhr bei

Kirgisen unter, die behaupteten, es sei nur noch vier Kilometer bis

Guldscha. Indessen konnte es mir gleichgültig sein, denn mit meiner

Bagage hatte ich hier alles, was ich brauchte. Bei den Kirgisen kaufte

ich für billiges Geld kleine Webereien aus Kamelwolle, die man nur

vereinzelt in den Jurten fand; sie sind stets von der Hausfrau selbst

geknüpft. Leider sind von den vier von mir erstandenen Stücken nicht

zwei im Muster gleich. Den ganzen Nachmittag regnete es lustig weiter.

Nasr litt an Fieber und Durchfall; ich gab ihm Kalomel und später

Chinin, was die erwünschte Wirkung hatte.

In einer solchen Kirgisen-Jurte ist es ganz gemütlich. Draußen grunzen

die Yaks, blöken und meckern Schafe und Ziegen. Zuweilen bekommt man

einen Spritzer durch ein Loch in der Filzbekleidung, aber das in der

Mitte lodernde Feuer hält alles warm und trocknet schnell ab. Natürlich

schläft man nachts mit der ganzen Familie in einer Jurte. Stets sind

mehrere Weiber und eine Menge Kinder mit im Zelt, was aber keinen stört;

es sind eben noch Naturmenschen.

Gegen 6 Uhr morgens marschierten wir weiter. Nach vier Kilometern hatten

wir das vermeintliche Guldscha erreicht. Es war nur ein Kosakenposten,

der in der Einmündung des Weges vom Terek davon aufgestellt und in

einigen Baracken untergebracht ist. Den ganzen Tag begegneten uns

Kirgisenfamilien, die mit ihrer ganzen Habe nach dem Alai zogen. Es war

das bunteste und farbenprächtigste Bild, das ich je gesehen habe, leider

etwas durch den ununterbrochen fallenden Regen beeinträchtigt. Den Zug

jeder Familie eröffnete eine auf einem Pony reitende Frau, die ein Kamel

führte. So folgte eine Reiterin der anderen, jede ein Kamel an der Hand.

Schon Jungen und Mädchen von vier Jahren sind beritten; dazu kommt noch

die bunte Ausstattung. Die Reittiere der Frauen sind vollkommen in

rotes Zeug eingekleidet, ungefähr so, wie wir unsere Rennpferde

eingepackt zur Morgenarbeit schicken. Die Satteldecken sind reich

bestickt, über diese liegen noch Teppiche. Trensen, Vorder- und

Hinterzeug haben Silberbeschlag; die Bügel sind schwer versilbert. Die

Frauen und besonders die erwachsenen Mädchen sind in vollem, höchst

buntem Staat, die Mädchen mit merkwürdigen Kappen, die mit Silber- und

Korallenketten verziert sind, welche über das Gesicht fallen, die Frauen

in der typischen weißen Haube mit zwei durch Silberbeschlag verzierten

Korallenketten, die zu beiden Seiten des Kopfes herabhängen. Die

Säuglinge -- eine Frau ohne solchen sah ich kaum -- werden in einer

kleinen Wiege mit Überzug vorn auf den Sattelknöpfen transportiert. Die

Füllen werden an den Schweif der zugehörigen Mutter gebunden, die jungen

Kamele laufen an reich gestickten Halftern an der Seite ihrer Mütter.

Manche waren mit Hals- und Rückenschutzdecken versehen. Die Kamele

tragen den Hausrat, über dem stets einer der von uns so sehr geschätzten

herrlichen Teppiche befestigt ist, an beiden Seiten bis zur Erde

reichend. Hinterher kommen dann, von den berittenen Männern und größeren

Jungen getrieben, die Pferde, das Rindvieh und die Schafherden, unter

letzteren meist einige Ziegen. Die besonders schwachen Füllen, Kälber

oder kleinen Hammel werden vorn über den Sattel gelegt. Die Männer

führen stets einen langen Stock zum Treiben. Manche hatten an diesem

Stock eine lange Schlinge zum Einfangen der Tiere. Natürlich gehören zu

jeder Herde mehrere Hunde.

[Illustration: Kirgisen auf dem Marsch zum Alai]

So zogen sie vorbei, Karawane auf Karawane in unübersehbaren Reihen,

Tausende und aber Tausende von Haustieren nach dem Nahrung spendenden

Alai treibend. Den ganzen Tag über ging das fort, und wenn es auch stets

dasselbe Bild blieb, so war es doch immer wieder infolge seiner

Farbenpracht interessant; Zirkus Busch könnte unbedingt eine Zugnummer

daraus machen. Leider regnete es -- wie gesagt -- wie mit Bindfäden, und

der bergauf und bergab gehende, mehrfach den Syr darya auf Holzbrücken

kreuzende Weg glich einem tiefen Sumpf.

[Illustration: Kirgisen auf dem Marsch zum Alai-Hochtal]

Gegen 3½ Uhr waren wir an dem Talkessel, in dessen Mitte Guldscha

liegt, angelangt. Man bemerkt hier schon die ersten Vorbereitungen zum

Telegraphenbau nach Irkechtam, außerdem sah ich Eisenbahnmaterial in

Menge anfahren. Sollte Rußland etwa seine strategischen Bahnen bis

hierher ins Gebirge verlängern wollen? Wir ritten zwischen den

einstöckigen, hübsch angelegten Kasernen der Garnison durch nach dem

dicht dabei gelegenen Basar oder vielmehr nach dem Schmutzloch, das sich

Basar nennt. Nach einigem Suchen bekam ich glücklich einen dunkeln Raum

ohne Fenster, in einem Torweg gelegen. Zum Trost hielt wenigstens das

Dach dicht. Mein sämtliches Gepäck war vollständig durchnäßt, und dabei

regnete es ununterbrochen weiter. Mein Zimmer war derartig feucht, daß

die Tropfen an den Wänden herunterliefen.

Auch am 26. Juni regnete es noch; der feuchte Raum verstimmte mich

derart, daß ich nichts mehr essen konnte und zur geringen Freude meiner

Leute befahl, daß aufgebrochen werden sollte. Um 2 Uhr hörte es auf zu

regnen, und um Punkt 3 Uhr marschierten wir bei schönster Sonne,

allerdings im knietiefen Sumpfe, ab.

[Illustration: Kamel der Kirgisen]

Gleich hinter dem Orte ging es über den Syr darya, der recht unangenehm

aussah. Am jenseitigen Ufer standen Reiter, die herüber wollten. Ich

dachte: lassen wir die andern die Kastanien aus dem Feuer holen und

warten wir ab. Die drüben dachten wahrscheinlich genau dasselbe, saßen

ruhig ab und warteten auch. Schließlich stürzte sich ein Kirgise mit

einem Handpferde mutig in die Fluten; er war fast drüben, als er auf

eine tiefe Stelle geriet; sein Pferd schwamm, das Handpferd dagegen

machte sich los und lief weg, aber der Kirgise kam herüber. Nun wußten

wir Bescheid und ritten ins Wasser, sorgfältig die schlechte Stelle

vermeidend. Nasr ging voran, wurde jedoch immer langsamer. Plötzlich

machte sein Pferd kehrt und ich sah schon ein allgemeines pêle-mêle mit

den Packpferden folgen; daher trieb ich meinen Schimmel mit der Peitsche

so schnell wie möglich nach vorn. Er ging auch willig, doch saß ich mit

der linken Seite bis über die Hüfte im Wasser, so mußte er sich gegen

den Strom legen; aber ich kam durch. Die Bagage folgte nun schnell. Die

Partie am andern Ufer freute sich sichtlich, als ich nur mit einem

Stiefel weiter ritt, den andern mit Strumpf hatte ich zum Trocknen auf

die Bagage gebunden.

[Illustration: Landschaft bei Guldscha im Alai-Gebirge]

Es ging nun gleich auf steilen, schlüpfrigen Wegen in die grünen Berge,

vorbei an einem großen Erdsturz, der vom Erdbeben Ende 1902 herrührte.

Gegen Abend kamen wir an ein allein stehendes Häuschen, anscheinend

einen Patrouillen-Unterschlupf. Ein höchst verdächtiges Individuum war

drinnen, und schließlich kam noch ein ebensolcher Kerl zum Vorschein.

Mein Diener bot, ganz gegen seine Gewohnheit, sofort an, nach Kirgisen

zu suchen; woran ich merkte, daß er eine Mordsangst vor den beiden

hatte; ich ließ ihn aber fortreiten, da hier doch unseres Bleibens nicht

war. Er fand auch einige gerade aus Osch gekommene Kirgisen, doch als

wir an das Lager kamen, stellte sich heraus, daß wir im Freien schlafen

sollten. Ich befahl sofort: Kehrt und zurück, worauf hin allgemeiner

Protest folgte. So gingen wir in der Dunkelheit erneut auf

Kirgisensuche; denn es sollten noch mehr da sein. Schließlich trafen wir

auch noch welche; sie waren schon von weitem an den Lagerfeuern zu

erkennen. Die Frau protestierte gegen das Betreten des Zeltes, wir

kampierten daher in einem Leinenzelt, welches zum Schutz der noch nicht

verstauten Sachen aufgeschlagen war. Man gab uns zum Abendessen warme

saure Milch mit gekochtem Reis darin. Ich hatte tüchtigen Hunger und

würgte eine große Portion herunter; dann packte ich mich nach

Möglichkeit warm ein und schlief recht gut, jedenfalls sehr viel besser,

als in der feuchten Höhle in Guldscha.

Am 27. Juni früh brachen wir nach Osch auf. Es gab einige kleine Pässe

zu erklettern; nach dreistündigem Marsch hatten wir den großen Hauptweg

erreicht und zogen langsam in der glühenden Hitze auf Osch zu, wo wir

gegen vier Uhr eintrafen. Es war gerade Basartag und dementsprechend ein

unendliches Gewimmel in den Straßen. Wir erhielten jedoch schnell in

einem großen, übervollen Gasthaus ein Zimmer mit Ausgang nach dem

Garten.

[Illustration: Auf dem Wege nach Osch -- Meine Bagage]

Nasr, der sich in Rußland viel sicherer fühlte, als im Lande der

Chinesen, weil er genau wußte, daß der Yamen mich hier nicht mehr

unterstützte, wurde immer frecher und fauler. Er kümmerte sich um nichts

mehr, kaufte sich für mein Geld Essen, Tee, Brötchen und Früchte und

hatte die Unverschämtheit, mich zum Mitessen aufzufordern. Ich sagte

nichts, dachte mir aber mein Teil, da ich ihn mit der Ablehnung in

Andischan sicher in der Hand hatte.

Was für Schmutzfinken die Türken sind, konnte man hier so recht sehen.

Der ganze Wasserbedarf des riesigen Gasthauses wurde aus einer durch den

Garten fließenden Wasserrinne, die nicht etwa gemauert war, gedeckt.

Diese Rinne durchfloß zwei kleine Bassins, aus denen jeder sein Koch-,

Trink- usw. Wasser entnahm, ferner wurde Wäsche darin gewaschen. Jeder

Neuangekommene spülte sich darin die Füße ab, und drei Meter oberhalb

floß aller Unrat hinein. Und dann wundern sich die Leute, wenn sie nach

dem Genuß dieses Wassers krank werden! Die Nacht über fraß mich das

Ungeziefer fast vollkommen auf.

Es war früh um 6 Uhr schon glühende Hitze, als wir am 28. Juni zu unserm

letzten Marsche auf der langen Reise aufbrachen. Ich hatte eigentlich

beabsichtigt, schon um 4 Uhr abzumarschieren, meine Leute waren aber

nicht herauszubringen. Zur Strafe gab es nichts zu essen; ich selbst

begnügte mich natürlich auch mit einer trockenen Semmel; mir schadet das

nichts, die Leute aber sind gar nicht zu gebrauchen, wenn sie sich nicht

den Bauch gründlich vollgeschlagen haben.

[Illustration: Auf dem Wege nach Osch -- Meine Bagage]

Der Wirt des Gasthauses hatte meinem Ponytreiber ein Tier gepfändet,

weil er seine Rechnung nicht bezahlen konnte. Dabei wußte ich genau, daß

der Kerl noch ein Goldstück bei sich hatte, denn ich hatte es im

vorletzten Quartier gesehen. Schließlich mußte ich doch einen Rubel

herausrücken, um wenigstens das zum Weitermarsch notwendige Tier

herauszubekommen. Die Stimmung war allmählich eine derartig gereizte

geworden, daß ich alle Augenblicke einen ernsthaften Streit befürchtete;

aus diesem Grunde hängte ich mir die Mauserpistole wieder an den Sattel,

denn bei diesen verwegenen Menschen ist man seines Lebens nicht sicher.

Es war höchst komisch, den gegenseitigen stillen Kampf zu beobachten.

Nasr suchte mich auf jede Weise zu schikanieren; dabei war er doch unter

allen Umständen der Reingefallene, denn sein Trinkgeld wurde nur immer

schmäler.

Wir zogen eine lange, äußerst steinige, mit Baumreihen eingefaßte

Landstraße entlang. Die Häuser sind hier schon mit Nummern bezeichnet

und ab und zu sieht man russische Firmenschilder und Annoncen. Es war

drückend heiß, und bei der entsetzlichen Müdigkeit der Tiere, die nichts

Ordentliches zu fressen bekommen hatten, wurde der Weg geradezu zur

Qual.

Im chinesischen Turkestan sind Pferde sehr viel billiger, als im

russischen Turkestan; daher pflegen die Leute, die mit Karawanen über

das Gebirge gehen, in Rußland ihre sämtlichen Tiere zu verkaufen. Daß

sie in den letzten Tagen die Tiere nicht mehr ordentlich füttern, ist

bei der Herzlosigkeit der Türken gegen ihre Tiere begreiflich. Ich

glaube, daß mein Karawan-Baschi die ganze Reise über nicht drei Rubel

für Futter ausgegeben hat. Er ließ die Tiere stets nur grasen, und ich

mußte hinterher das Trinkgeld an die Kirgisen bezahlen.

Auf dem weiteren Wege begegneten wir mehrfach russischen Damen in

Troikas; sie sahen sich erstaunt nach mir um. Gegen 11 Uhr, nach 22

Kilometer Marsch, rastete ich in einem Nest mit Basar, es war dringend

nötig für die übermüdeten Tiere; ich mußte wieder für mein Geld Futter

kaufen. Die Karren hierzulande sind merkwürdig: sie laufen auf zwei

Rädern mit einer Art fester, sich nach vorn verjüngender Plane; bespannt

sind sie mit einem in der Schere gehenden Pony. Dieser trägt einen

Sattel, auf dem der Kutscher mit hoch angehockten Knien und auf die

Scherendeichsel gestellten Füßen sitzt. Vom Karren selbst aus sah ich

nicht fahren. Die Frauen gehen sämtlich verschleiert. Nach einer Stunde

Rast, während der ich mich an Aprikosen, Äpfeln sowie jungen Gurken

delektiert hatte, ging es weiter.

Wir kreuzten noch zwei Hügelreihen und näherten uns allmählich

Andischan, das sich durch mehr und mehr vom letzten Erdbeben zerstörte

Ortschaften ankündigte. Es sah trostlos aus in diesen Dörfern; die

Einwohner wohnten in Strohhütten, in Jurten, und wo sich immer nur ein

geschütztes Stückchen Erde bot. Gegen 3 Uhr hatten wir Andischan

erreicht. Einige in Trümmern liegende Villen und eine Menge

provisorischer Baracken gemahnten mich an die erste Zeit meines

Tientsiner Aufenthaltes; es sah hier ganz ähnlich aus. Wie die schönste

Opernmelodie tönte mir von weitem der Pfiff und das Stampfen der

Lokomotive in das Ohr, ein sehr lange entbehrter Genuss. Kein Mensch

konnte uns Auskunft geben, wo Unterkunft zu finden sei. "Sie müssen eben

suchen", war die stereotype Antwort, "wir wohnen draußen, es ist alles

zerstört." So zogen wir eine ungefähr 300 Meter breite, von hohen

Pappeln eingefaßte Straße entlang zum Basar. Auch hier riesiges Gewimmel

von kleinen Holzhäuschen, Buden, aber nirgends ein freier Platz. In

Zelten war ein Lazarett aufgeschlagen. Alle Gewerbe waren hier eifrig

bei der Arbeit, einige Gasthäuser waren schon wieder aufgebaut, und in

denselben, hockte auf Filzteppichen, wie überall, die rauchende

Nichtstuergesellschaft. Eine Gruppe hübscher Jüdinnen, jedenfalls

bucharischer Herkunft, konnte mir in keiner der mir geläufigen Sprachen

Antwort geben. Schließlich fragte ich nach den Soldatenbaracken; man

wies uns in der Richtung nach dem Bahnhof zurück. In der Nähe des

letzteren gelangten wir auf eine Art russischen Basars, auf dem eine

Menge russischer und armenischer Kaufleute handelte, zwischen denen

viele Soldaten mit ihren weißen, sehr sauberen Uniformen

herumspazierten. Ich ließ in einem Teehause abpacken, um mich selbst

nach Quartier auf die Suche zu begeben, und fand bald inmitten einer

großen Menschenmenge sämtliche Offiziere des hier garnisonierenden

Bataillons mit ihren Damen um einen Tisch versammelt, an dem Waren aus

einem gerade zusammengestürzten Magazin öffentlich verkauft wurden.

[Illustration: Erdbeben in Andischan]

Ich ging heran und stellte mich dem ältesten Offizier auf französisch

vor; er verstand mich jedoch nicht. Die neben ihm sitzende Dame aber

sprach französisch, und gleich darauf, als ich erklärte, daß ich

deutscher Offizier sei, sagte der eine der Offiziere neben mir: "Ich

spreche deutsch." Es war der Distrikts-Chef Baron Stackelberg. Ich hatte

Glück, denn auf meine Bitte, mir zu einem Quartier behilflich zu sein,

drängte sich ein junger Mensch durch die neugierige Menge und sagte:

"Ich bin Deutscher, ich werde den Herrn führen." Ich bedankte mich nun

bei den Offizieren und ließ mich nach einem Hotel bringen. Dieses war in

Barackenstil neu aufgebaut, machte einen sauberen Eindruck und wurde von

einem Armenier gehalten. Das Zimmer kostete pro Tag einen Rubel. Ich

ließ sofort meine Sachen hierher bringen, packte aus und fühlte mich

wieder als Mensch.

Mein neuer Führer nannte sich Modrow, war fünf Jahre russischer Soldat

gewesen und augenblicklich hier als Fleischer tätig. Er erwies sich

sofort als sehr nützlich, nebenbei war ich mit einem Schlage von dem

ganz kleinlaut gewordenen Nasr, der mir bisher als Dolmetscher gedient

und sich für unentbehrlich gehalten hatte, ganz unabhängig. Wir

wanderten in die Stadt, um Einkäufe zu machen: Wäsche, Stiefel, ein Faß

zur Verpackung meiner Sachen, Photographien zum Andenken; es gab alles,

aber natürlich zu entsprechenden Preisen. Ich sah ein Stück der Stadt,

die im großen Stil, mit breiten langen Straßenlinien und sehr vielen

Gärten angelegt ist. Beim Erdbeben sind nur die Kapelle und die einem

Deutschen gehörige Bierbrauerei stehen geblieben; letztere machte

natürlich jetzt glänzende Geschäfte und verkaufte ein recht angenehmes

Bier, für mich seit sechs Monaten wieder das erste. Wir aßen in einer

provisorischen Kneipe gut und billig.

[Illustration: Mein Gehilfe Modrow in Andischan]

Die russische Militärverwaltung hielt alles unter schärfster Kontrolle,

und überall herrschte musterhafte Ordnung. Die reichlich vorhandenen

Polizeisoldaten mit aufgepflanztem Bajonett sahen auch nicht so aus, als

ob sie mit sich spaßen ließen. Sämtliche Preise, sowohl was die

Zimmermiete, als auch was den Nahrungsmittel- und Alkoholverkauf

anbetraf, standen unter Kontrolle. Viele Wirtschaften durften überhaupt

weder Bier noch Schnaps verschänken; gestohlen soll hier so gut wie gar

nicht werden, und auch unmittelbar nach der Katastrophe soll, dank dem

sofort reichlich hergesandten Militär, keinerlei Unordnung eingerissen

sein.

Ich sah noch einen hübschen, großen, öffentlichen Park, in dem abends

die Militärkapelle frei konzertierte, als Eröffnungsstück die

Marseillaise spielend. In meinem Gasthause wohnte eine ganze Menge

zweifelhafter Personen weiblichen Geschlechts. Der Wirt jedoch übte

strenge Aufsicht und so lange die Lampen brannten, war keine Annäherung

erlaubt. Was nachher geschah, dafür schien er sich weniger

verantwortlich zu fühlen, denn er verschwand gegen 10 Uhr.

Am 29. Juni morgens schickte ich meinen Paß zur Polizei, die dann selbst

in Gestalt eines Offiziers erschien und meine Angelegenheiten als

geordnet bezeichnete. Bis dahin hatte mir mein Wirt nicht recht über den

Weg getraut. Zwar hatte mir der "Baron" (Stackelberg) auf offenem Markte

die Hand gegeben, auch hatte von mir in der hiesigen "Gazetta"

gestanden, aber bis die Polizei nicht ihr endgültiges Urteil abgegeben

hatte, schien ihm die Sache doch nicht geheuer. Ich veranstaltete eine

Generalrevision meiner Sachen; aus allen, nicht zum Mitnehmen bestimmten

wurde ein großes Bündel gemacht, mit dem Modrow zum öffentlichen Verkauf

auf den Basar ging. Unterdessen schrieb ich Briefe und Tagebuch, aß zu

Mittag bescheiden in einem Garten und brachte dann bei der in einem

Eisenbahnwaggon untergebrachten Post meine Briefe unter. Am Nachmittag

packten wir Kisten und um 4 Uhr ging ich zum Obersten und zum

Distrikts-Chef, um meine Besuche zu machen. Ich wurde liebenswürdig

aufgenommen und meist im mangelhaften Französisch von den zugehörigen

Damen über meine Reise ausgefragt.

[Illustration: Blick aus dem durch Erdbeben zerstörten

Andischan -- Baumwollspeicher Im Vordergrund "Jurte"]

Modrow benutzte den Abend, um sich einen tüchtigen Rausch zu holen; noch

am 30. Juni früh war er vollkommen betrunken, außerdem hatte er sich

ein blaues, verschwollenes Auge von einer Prügelei mitgebracht. Ich

hatte am vorhergehenden Abende übrigens Gelegenheit, mich von der

ziemlich laxen Moral des niedrigen Volkes zu überzeugen. Die Zustände

grenzen in dieser Beziehung allerdings nahe an das Unmögliche.

Ein Tischler schloß meine Kisten und wir brachten sie zu einem

Speditionsgeschäft zum Versenden nach Deutschland. Das Erledigen der

Formalitäten dauerte dort so lange, daß ich den einzigen am Tage

fahrenden Zug verpaßte und noch einen Tag bleiben mußte. Ich benutzte

diesen, um mir die deutsche Brauerei anzusehen und wurde vom derzeitigen

Manager, einem Herrn Kilb, sofort sehr freundlich aufgenommen. Die

liebenswürdige Familie hielt mich bis zum späten Abend fest, worauf mich

der Besitzer in seinem eigenen Fuhrwerk zum Hotel zurückschickte.

Im Sattel durch Zentralasien: 6000 Kilometer in 176 Tagen · 第 25 / 26 段