Wir kreuzten die unzähligen Arme des Kaschgar darya und gelangten,

allmählich ansteigend, in ein steiniges, breites Tal, das rechts und

links von hohen, steil aufsteigenden Felsen begrenzt wird. Um 4 Uhr

waren wir nach 35 Kilometer Marsch in Mynyoll, dessen einziges großes

Gasthaus im Dezember 1902 vom Erdbeben vollkommen vernichtet worden ist.

Die Besitzer leben nun in einer Kirgisen-Jurte im Hofe; zwei Räume für

Gäste sind notdürftig aufgebaut. Nach Norden zu hat sich in einer

Riesenfelswand ein Loch gebildet. Bei meinen Pferdebesitzern hatte ich

wieder mit der häßlichen Angewohnheit zu kämpfen, daß sie die

unglücklichen Tiere bis zum Abend hochgebunden stehen lassen und erst

bei Dunkelwerden füttern. Es gab hier viel Ungeziefer, das mich nicht

schlafen ließ. Meine Leute litten schon hier, in einer noch

verhältnismäßig geringen Höhe an einer Bergkrankheit, die sich in

Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit und einer merkwürdigen Schlaffheit des

ganzen Körpers äußerte. Gegen 7 Uhr morgens marschierten wir ab. Das

Auflegen der Bagage ging sehr schnell, da ich alle Lasten selbst

sorgfältig gleichmäßig abgewogen hatte. Es ging allmählich in einem

breiten Tale mit Bach auf der Sohle in die Höhe. Wenn die Sonne aus den

treibenden Wolken einmal herauskam, war es glühend heiß, sonst

empfindlich kalt. Mehrfach trafen wir Karawanen, die die weiße russische

Baumwolle, die allmählich, aber sicher die indische verdrängt, nach

Turkestan bringen. Einmal passierten wir zwei verfallende

Soldatenlager, die wohl als Talsperren dienen sollen. Gegen 2 Uhr, es

drohte Regen, waren wir in Kandjoram, wo wir wie gewöhnlich beim Umpasch

-- wir waren noch auf chinesischem Gebiet -- unterkamen. Ich erhielt die

schöne, große Hauptjurte angewiesen, die genau wie die mongolischen

gebaut war. Der glückliche Besitzer hatte zwei Frauen, die beide sehr

artig waren, wie mir mein Diener versicherte. Im übrigen hatte der

Umpasch große Schaf- und Ziegenherden und auch eine ganze Anzahl Kamele,

Pferde und Rinder, mit anderen Worten, er war ein reicher Mann. Den

ganzen Abend führten die jungen, noch saugenden Tiere ein

ununterbrochenes Konzert auf. Die kleinen Lämmer und Ziegen sind vor den

Zelten an einem langen Strick, der viele kleine feste Schlingen hat,

angebunden. Wenn die Herden dann heimkommen, wird erst allen

Muttertieren etwas Milch abgemolken, und alsdann wird das Kleine zur

Mutter gelassen, auf die es sich natürlich wie ein Wolf stürzt. Die

Jungen und Mädchen fangen die Tiere zum Melken ein, während die Frauen

sie melken. Mir zu Ehren wurde eine junge Ziege geschlachtet; die

Bouillon davon war sehr gut, das Fleisch bekam ich erst am nächsten

Morgen kalt vorgesetzt; es war nicht schlecht, aber sehr ausgekocht.

Abends setzte stoßweise Wirbelwind ein, der nur einige Minuten dauerte,

aber vollkommen genügte, um meine zum Lüften aufgehängten Decken zu

beschmutzen. Die Nacht über wurde es empfindlich kalt.

[Illustration: Zum Markte]

[Illustration: Kirgisen]

Am 19. Juni passierten wir, weiter reitend, ein Heiligengrab, dann ging

es steil aufwärts, manchmal durch richtige Klammen. Das Gestein ist

weich und rötlich mit vielen runden Windlöchern. An einer Wand fanden

sich viele Inschriften in russischen Buchstaben; meine Türken fühlten

sich natürlich verpflichtet, auch ihre Namen dort zu verewigen. Weiter

ging es über den im tief eingeschnittenen Tale fließenden Kysil Su, der

wenig, aber kristallklares Wasser führte. Der Weg ging bergauf und

bergab, manchmal traten Quellen mit stets vorzüglichem Wasser zutage.

Wir trafen, wie gestern, viele Eselkarawanen mit Baumwolle für Fergana,

ich zählte hintereinander 200 Esel, dann hörte ich auf zu zählen, es

waren noch viele, und zwar alles Hengste. Diese Riesenkarawanen sind nur

von ganz wenigen Leuten begleitet. Ein Esel trottet immer hinter dem

andern her; merkwürdigerweise kommen kaum Marschstörungen vor. Gegen 4

Uhr erweiterte sich das Tal, an einem Bach standen einzelne Pappeln, und

bald kamen einige Jurten in Sicht. Der Ort hieß Uchsalar. Bei

freundlichen Kirgisen kamen wir, wie gestern, gut unter. Die Eseltreiber

biwakieren stets mit ihren Karawanen; sie bauen dann aus Baumwollballen

eine Art Ring, in dem es sich ganz schön wohnt. Mein Karawan-Baschi,

d. h. Führer, gab den Pferden einfach gar nichts zu fressen, sie bekamen

nur Gras, das sie sich selbst suchen mußten, und ein Tier war daher

schon am Zusammenbrechen. Erst auf meine ernstlichen Vorstellungen hin

entschloß er sich, wenigstens etwas Mais zu kaufen.

Auch am 20. Juni ging es weiter über Berg und Tal, vorbei an einer

ganzen Karawane von aus Mekka zurückkehrenden Pilgern, über einen sehr

steilen Paß, den eine von Jakub Bek geschickt angelegte Talsperre krönt.

Dicht an der kleinen Festung liegen drei Heiligengräber mit den üblichen

Stangen und Fähnchen. Um 1 Uhr machte ich Frühstückspause. Von Westen

her zog es schwarz herauf; die Temperatur war in den letzten Tagen schon

sehr gefallen und ich fror wie ein Schneider; bald wurde es noch kälter

und fing an zu scheinen, zu hageln und zu regnen, alles durcheinander,

noch dazu aus unserer Marschrichtung her. Die Pferde wollten nicht mehr

vorwärts und drehten sich immer mit der Kruppe nach dem Winde. Ich war

vollkommen durchnäßt; meine "wasserdichte" Lagerdecke gewährte gar

keinen Schutz mehr. Wir zogen weiter am Rande des Urchat darya. Der Weg

ist durch Faschinen befestigt und recht pittoresk, nur bei diesem Wetter

alles andere als angenehm. Rechts hatten wir himmelhohe Wände, links den

reißenden Strom. Manchmal ging es dicht am Wasser entlang, manchmal hoch

über ihm.

Gegen 3 Uhr nachmittags kamen wir durchgefroren und hungrig nach Kügün,

an einer breiten Stelle des Tales. Kirgisen nahmen uns auf, und wir

konnten unsere nassen Sachen trocknen. Natürlich waren die trockenen

Untersachen im letzten Ballen, den ich aufmachte. Meine ganz anständige

Bezahlung für das Quartier wurde mürrisch und ohne Dank am nächsten

Morgen angenommen; jedenfalls war es zu wenig.

Bei bedecktem Himmel und schneidendem Südwest marschierten wir am 21.

Juni weiter stromauf, den Urchat darya entlang. Schon kurz hinter den

Jurten hatte der Weg an einer hohen Felswand ein Ende; wir mußten den

Fluß kreuzen; sehr einladend sahen seine gelben Fluten, die reißend nach

Osten schossen, nicht aus. Ich schickte zuerst den Mann vom Taotai-Yamen

Kaschgar hinein, um nach einer Furt zu suchen. Er versuchte an

verschiedenen Stellen durchzureiten, behauptete aber schließlich, der

Übergang sei unmöglich. Da ich aber sah, daß er nur Angst hatte, ritt

ich selbst hinein und kam auch glücklich durch, allerdings bis über die

Knie, die ich verzweifelt hochgezogen hatte, naß. Nun mußten die

Bagagetiere durch. Sie gingen ganz willig, der untere Teil der Packen

war zwar durchnäßt, aber das ließ sich nicht ändern. Über steinige

Halden am rechten Ufer marschierten wir schnell vorwärts.

Rechts lag einmal ein chinesisches Soldatenlager, es war einer der

Grenzposten. Ich wollte nicht verfehlen, noch schnell einen Blick

hineinzuwerfen; tiefer Friede herrschte darin, nichts regte sich.

Endlich, nach langem Suchen, zeigte sich ein verschlafener Kavallerist,

der nach meinen Wünschen fragte. Ich forschte nach seinem Herrn, der

aber noch schlief. Der Kavallerist, der einzige, den ich zu Gesicht

bekam, war recht feist und sah nicht aus, als ob er sich im Dienst

überanstrengte. Er wollte familiär werden, woraufhin ich es vorzog, mich

zu entfernen. Das Lager war sonst hübsch und sauber angelegt und auch

gut in Ordnung gehalten.

[Illustration: Chinesische Grenze -- Thingpan, Alai-Gebirge

(Soldatenlager)]

Weiterhin kamen wir an einem einzelnen Rasthause Jakub Beks vorbei, das

langsam, aber sicher zerfällt. Der Fluß teilt sich hier in viele Arme

und füllt das ganze Tal aus. Die von den verschiedenen Flußarmen

gebildeten Inseln sind mit lichtem Pappelbestand bewaldet und haben

teilweise gute Wiesen, auf denen die Kirgisen ihre Kamele und andere

Tiere weiden; auch an den Ufern stehen überall Pappeln. Unterhalb des

Rasthauses von Jakub Bek passierten wir den Fluß. Ein Packpferd legte

sich ins Wasser, stand aber schnell wieder auf, so daß die Sachen, die

es trug, kaum naß wurden. Wir wanderten in das Tal nach Norden zu, das,

wie man gleich an den viel gerader und höher gewachsenen Bäumen sehen

konnte, gegen den Wind geschützt lag. Nach zwei Stunden Marsch, gegen

Mittag, verbreiterte sich das Tal zu einem weiten, wiesenartigen Plan,

auf dem uns der Wind wieder voll faßte. Am Nordrande trafen wir ein

hübsch gelegenes Soldatenlager, umgeben von einer Menge Gebäuden. Das

Lager war nicht besetzt, nur zwei Chinesen langweilten sich darin,

natürlich vom frühen Morgen bis zum späten Abend Opium rauchend. Der Ort

heißt Jirün.

Wir machten eine kurze Pause in einer Kirgisenhütte, wo man uns

freundlich bewirtete. Ich hatte kein kleines Geld mehr, an wechseln war

nicht zu denken, und da ich nicht ohne Bezahlung abreiten wollte,

schenkte ich der Frau des Hauses einen Fächer von Adlerfedern aus

Kutscha, der großen Beifall fand. Im Tale sah man einige schwache

Versuche von Haferanbau. Der Hafer war jetzt, im Juni, noch ganz grün

und kaum handhoch. Bergauf, bergab reitend trafen wir wieder Karawanen

von aus Mekka zurückkehrenden Pilgern, und endlich hatten wir die hohen,

schneebedeckten Trans-Alai-Berge in Sicht. Die uns umgebenden Kuppen

waren auch schon leicht mit Schnee bedeckt. Nach kurzer Zeit mußten wir

in steilem Abstieg in das Alai-Tal hinab, das hier in seinem Ostende

vielleicht 1½ Kilometer breit und ganz steinig ist. Wir kreuzten das

Tal und den es durchfließenden Kysil Su, der auch sehr steinig, aber

ganz klar ist. Dann stiegen wir den jenseitigen Hang hinauf, wo bald der

chinesische Grenzpfahl in Sicht kam. Es ist ein einfacher Pfosten in

einem Steinhaufen, während auf russischer Seite ein senkrechter Stein

steht. Kurz hinter den Pfählen bekommt man Einsicht in ein Quertal, und

vor uns liegt freundlich mit seinen weißen Mauern die russische Grenz-

und Zollstation Irkechtam. Wir ritten hinunter und stiegen vor dem im

Grunde liegenden, zur Zollstation gehörenden Gebäude ab. Oben auf der

Höhe liegt der Kosakenposten und, alles überhöhend, fällt sofort ein

Reduit mit seinen Schießscharten auf.

[Illustration: Grenzfestung im Alai-Gebirge (Chinesisch)]

Ich war trotz meiner Pelzsachen total durchgefroren, und es schien mir

recht lange zu dauern, bis mein in die Station vorausgeschickter Diener

zurückkam; endlich erschien er in Begleitung eines untergeordneten

Angestellten, dem ich den Brief aus Kaschgar für den Kommissar, ferner

meinen Paß und mein Tientsiner Begleitschreiben vom russischen Konsulat

zur Aushändigung an Herrn Jusefowitsch übergab. Er ging zurück, kam aber

bald wieder mit dem kurzen Befehl: "Alles öffnen." Da man mir in

Kaschgar versichert hatte, daß dies nicht nötig sein würde, verlangte

ich den Kommissar selbst zu sprechen. Aber als er kam, sah ich an seiner

Nase bald, was die Glocke geschlagen hatte; nebenbei roch er stark nach

Fusel. Er gab mir freundlich die Hand und versetzte in demselben

Augenblick meinem Diener, der ihn nicht verstand, eine Ohrfeige. Das war

mir zu bunt, und ich fuhr ihn gründlich an. Darauf wurde er sehr höflich

und ging zurück, kam aber bald wieder in Begleitung eines in ebenso

vorgeschrittener Stimmung befindlichen Kosakenoffiziers und eines

Zivilisten. Ich hatte mittlerweile alles öffnen lassen, und die

Angestellten des Zollamts kramten jede Kleinigkeit durch, fanden aber

tatsächlich nichts zu verzollen. Der Zivilist sprach mich französisch

an, stellte mir den Kosakenoffizier, einen alten verwitterten Haudegen,

vor und bat mich im Namen des Herrn Jusefowitsch, doch mit in seine

Wohnung zu kommen. Ich lehnte ab, ersuchte ihn, Herrn Jusefowitsch

mitzuteilen, daß ich mich sofort beim Gouverneur in Taschkent beschweren

würde, falls er noch einmal ohne Grund meine Leute schlüge, und bat

gleichzeitig um Aufklärung, warum man mein Gepäck trotz des Schreibens

des Kaschgarer Zollamtes durchsuchte. Man brachte mir sofort ein Plakat

in allen Sprachen und meinte, meine Sachen hätten keine Plomben; das

ließ sich allerdings nicht leugnen, und da die Leute sonst wirklich

freundlich waren, ging ich mit ins Haus, wo ich natürlich auf dem Tisch

die Wodka-Flaschen vorfand. Alles Sträuben half nichts, ich mußte daran

glauben. Ich wußte ganz genau, welchen entsetzlichen Jammer ich am

nächsten Morgen haben würde, zumal ich seit einem halben Jahre überhaupt

keinen Alkohol getrunken hatte. Aber da zuerst die Gesundheit des

Deutschen Kaisers ausgebracht wurde, mußte ich austrinken. Ich erwiderte

sofort mit einem Toast auf den russischen Zaren. Die Russen hatten

zuerst meine auf den Zaren in französischer Sprache gesprochene Rede

nicht verstanden und machten faule Witze. Als der Zivilist ihnen dann

meine Worte übersetzte, sprangen sie bestürzt auf und brachen in ein

endloses Hurra aus. Ich bekam darauf von jedem nach russischer Sitte

einen Kuß. Weiter kam die Gesundheit der Eltern, die eigene, gute Reise

usw. usw., und immer mußte ausgetrunken werden. Der gute Kosakenoffizier

leerte, um seinen guten Willen zu zeigen, stets ein halbes Wasserglas,

während ich noch bei den kleinen Schnapsgläsern zu mogeln suchte.

Schließlich bekam er das heulende Elend und prügelte sich mit dem

Zollkommissar, welche Gelegenheit ich benutzte, um zu entschlüpfen und

mir den wirklich wunderbaren Sonnenuntergang anzusehen. Bald waren sie

alle auf der Suche nach mir, ich mußte zurück; für Wodka dankte ich,

bekam aber eine vorzügliche Bouillon und Hammelgehirn und ging, sobald

die beiden sich von neuem prügelten, schlafen.

[Illustration: Über den Kysil Su im Alai-Tal]

Am 22. Juni erwachte ich natürlich mit einem entsetzlichen Brummschädel.

Mein Diener hatte schon alles aufgepackt; ich bekam bei Herrn

Jusefowitsch, dem der Wodka vorzüglich bekommen zu sein schien, Tee mit

Fergana-Rotwein darin vorgesetzt. Dann verabschiedete ich mich von dem

gutherzigen Menschen und ritt mit dem Zivilisten, einem Moskauer

Kaufmann, ab, am südlichen Rande des Alai-Tales, also am Nordhange des

Trans-Alai-Gebirges entlang. Nach einer Stunde Marsch kreuzten wir das

hier schon ziemlich breite und teilweise Wiesengrund zeigende Tal und

kletterten nun in die nördlich gelegenen, mit Schnee bedeckten Berge,

die recht steile Hänge hatten. Dazu setzte der Wind von Westen, also

gerade von vorn, ein; es war mehr als ungemütlich. Nach weiteren zwei

Stunden Marsch kamen wir an die Schneegrenze, dafür taute aber die Sonne

die obere Schneeschicht auf, so daß das Reiten mehr einem Schlittern

glich. Dort, wo der Schnee nicht hoch lag, marschierte man im knietiefen

Schlamm, dort, wo er zusammengeweht war, fiel man alle Augenblicke in

ein Loch. Dabei mußte man sich noch fortgesetzt vorsehen, daß man nicht

in eine der durch Schmelzwasser entstandenen Bodensenkungen rutschte. Um

uns herum pfiffen die Murmeltiere; einmal sahen wir weit entfernt zwei

Tiere grasen, die wir für Steinböcke hielten. Beim Heranpirschen stellte

sich aber mit Hilfe des Zeiß heraus, daß es zwei entlaufene Pferde

waren, die sehr scheu waren und sofort wegliefen. Ich merkte bei dieser

Gelegenheit die Wirkung der Höhe, etwa 3600 Meter; ich bekam Herzklopfen

und Atemnot und mir zitterten die Hände so, daß ich den Karabiner kaum

halten konnte. Mein Diener und mehrere andere bekamen Nasenbluten.

Fußgänger, die sich uns angeschlossen hatten, spannten aus und konnten

nicht mehr weiter.

Um 12 Uhr erreichten wir eine Paßhöhe, wo eine Kaufmanns-Karawane im

Schnee biwakierte. Wir nahmen dankbar eine Tasse Tee, Brot und Fleisch

an, während die Bagage weiter vorausmarschierte. Beim Weitermarsch

versuchte ich, auf Murmeltiere zu schießen; die drei ersten schoß ich

nur krank, so daß sie im Bau verschwanden, trotzdem jedesmal sehr

reichlich Schweiß im Schnee war. Ich merkte dabei, wie unsicher ich

schoß, wenn ich auch nur zehn Schritte gegangen war; daher schoß ich die

nächsten Tiere stets direkt am Pferde stehend. Außerdem beobachtete ich,

daß krank geschossene Tiere, die nicht einen Kopfschuß hatten, jedes Mal

unrettbar im Bau verschwanden. Ich schoß nun einige Male vorbei, denn

das Ziel ist recht klein, und man muß schnell schießen, wenn sie den

Kopf aus dem Bau herausstecken, aber ich erlegte doch schließlich drei

Tiere, die alle gut im Fell waren, sie hatten auffallend lange

Schneidezähne und gut entwickelte Grabepfoten. Die Tiere sind sehr

possierlich; weiterhin trafen wir eine solche Unzahl und sie waren so

vertraut, daß sie mir leid taten und ich keine mehr schoß. Das

eigentümliche Pfeifen tönte dauernd von allen Seiten.

[Illustration: Alai-Gebirge -- Rast im Schnee]

Mittlerweile hatten wir die Karawane längst aus den Augen verloren und

eilten ihr in dem knietiefen Sumpf so schnell als möglich nach. Es war

drückend heiß geworden, und ich packte nach chinesischer Sitte

schließlich alles, was ich an Pelz usw. an mir trug, bis auf die

Lederweste, auf den Sattel. Als wir den letzten Berg hinter uns hatten

und in das wellige Alai-Hochtal eintraten, war kein weißes Fleckchen

mehr zu sehen, alles prangte im schönsten Grün, im Süden begrenzt durch

die weißen Trans-Alai-Berge; ein herrlicher Anblick. Weniger schön war

es, daß wir nichts von unserer Karawane entdecken konnten. An den

Spuren stellten wir fest, daß zwischen den Pferdespuren diejenigen von

einem Esel und einem barfüßigen Menschen waren, also waren wir

vielleicht auf falschem Wege; es wurde 5 Uhr, die Pferde kamen vor

Müdigkeit kaum noch vorwärts. Ich ritt auf einen inmitten des Tales sich

erhebenden, einen guten Überblick bietenden Felsen zu und erkletterte

die Spitze, um mit dem Zeiß zu erkunden, wo die Karawane steckte. Das

famose Glas zeigte mir bald drei ziemlich gleich aussehende Trupps;

einer nach Osten marschierend kam nicht in Betracht, ein zweiter nach

Westen ziehender mitten im Tale hatte, wie ich ganz deutlich sah, keine

Schimmel, also konnte es sich nur noch um den im letzten Moment

entdeckten, gerade in den nordwestlichen Bergen verschwindenden, sehr

weit entfernten handeln. Es war höchste Zeit, denn die Sonne tauchte

gerade hinter die Berge.

[Illustration: Lager im Alai -- Reisende Baumwollhändler]

Ich nahm mir als Artillerist einen genauen Marschrichtungspunkt mit

Zwischenpunkten und dann ging es los, so schnell, als die sehr müden

Tiere vorwärts konnten. Sobald wir in die noch etwa 7 Kilometer

entfernte Gegend kamen, wo ich die Karawane gesehen hatte, suchten wir

wie die Indianer eine ganze Zeit lang an feuchten Stellen nach den

Eindrücken der Hufe. Aber, o weh, es waren wieder die Eselhufe und der

barfüßige Menschenfuß dazwischen! Doch, was war zu machen, wir wollten

doch wenigstens abends bei Menschen landen, um Feuer, Holz und

Kochgelegenheit zu haben. Ich vergaß zu erwähnen, daß im ganzen Alai-Tal

keine Kirgisenhütten zu sehen waren; die Kirgisen kommen erst ungefähr

vierzehn Tage später hierher. Die Pferde führend und scharf auf die

Spuren achtend, überschritten wir einige kleinere Pässe und kamen

schließlich an einen Punkt, wo die Spuren sich teilten. Beide Spuren

zeigten Eselhufe; der barfüßige Mensch schien mittlerweile an den Füßen

gefroren zu haben, seine Fußspuren waren nicht mehr zu entdecken. Wir

wählten die nach rechts laufende Spur und bald machte mich mein Diener

auf eine Rauchsäule aufmerksam, die hinter einem Hügel hervorkam; also

endlich waren wir am Lager, und nach Passieren einer Ecke hatten wir ein

Biwak von aus Kaschgar nach Andischan ziehenden Baumwoll-Kaufleuten vor

uns; unsere Karawane war nicht dabei.

[Illustration: Lager im Alai -- Reisende Baumwollhändler]

Wir wurden freundlich willkommen geheißen und suchten nun so gut wie

möglich unterzukommen. Den Pferden wurden die Vorderbeine gekoppelt,

dann wurden sie zum Grasen geschickt. Durch einen glücklichen Zufall

hatte mein Diener gerade an diesem Tage die großen Packtaschen auf sein

Pferd genommen und wir fanden darin eine Kleinigkeit zu essen, so daß

wir wenigstens nicht zu hungern brauchten. Für Geld und gute Worte

bekamen wir ferner einige uralte Brötchen, heißes Wasser und einen

Jungen zum Helfen. Ich borgte mir zwei der großen flachen Baumwollballen

und schlug auf diesen mein Lager auf. Um 10 Uhr wurde gefuttert, dann

legte ich mich schlafen. Was an Sachen da war, hatte ich angezogen; zwei

Hemden, zwei Paar Strümpfe, Lederweste, Rock und Regenmantel, so daß ich

über Nacht nicht sehr fror, trotzdem es empfindlich kalt war.

Dummerweise versäumte ich aber, mir den Baschlik über den Kopf zu ziehen

und erfror mir die Backen, die Nase, Kinn und Lippen; sie brannten mir

bald wie Feuer und wurden purpurrot. Ich hatte zum Schutz gegen die

teilweise recht verdächtig aussehende Gesellschaft meinen geladenen

Karabiner im Arm; er wurde aber nicht notwendig. Von drei Uhr morgens ab

wurden die Hengste wieder lebendig und fingen an, sich mit dem üblichen

Geschrei zu balgen, dazu schneite es leicht, so daß an schlafen nicht

mehr zu denken war. Alles war dick bereift und das Wasser des kleinen

Bachs im Grunde vollkommen gefroren. Eigentlich ist es merkwürdig, daß

ich die Kälte so wenig spürte; es war aber vollkommen windstill, und bis

auf die erfrorenen Stellen im Gesicht fühlte ich mich ganz wohl. Zum

Frühstück gab es heißes Wasser mit hineingebrocktem Weißbrot. Den

Pferden ging es weniger gut, sie waren sehr abgefallen; das eine, ein

noch sehr junges Tier, wollte den Mais, den ich für schweres Geld

erstanden hatte, nicht einmal fressen. Die Leute satteln überhaupt nicht

ab, einesteils der Kälte wegen -- die Packsättel sind riesig groß und

gewähren etwas Schutz -- andernteils der Druckstellen wegen. Auch mein

Diener wollte um keinen Preis absatteln, wurde aber von mir dazu

genötigt.

[Illustration: Im Alai -- Reisende Händler mit Baumwolle]

Nachdem ich die Gesellschaft photographiert hatte, zogen wir ab, und

zwar auf der zweiten gestrigen Fährte, die bald in einen weiten

Wiesenplan führte. Dort trafen wir eine seit gestern Mittag lagernde

Gesellschaft, die nichts von unsern Leuten gesehen haben wollte. Sie

konnten uns auch nicht über den ferneren Weg nach dem Talldikpaß

orientieren, nur die ungefähre Richtung wußten sie anzugeben; diese

schlugen wir dann auch ein. An einem Kreuzungspunkt von mehreren Tälern

veruneinigte ich mich mit meinem Diener, der im höchsten Grade

schlechter Laune war. Als ich ihm jedoch den Vorschlag machte, ihn auf

der Stelle abzulohnen und uns zu trennen, hielt er es doch für geraten,

mit mir weiter zu gehen und verhielt sich von da ab still. Wir nahmen

von den uns zur Verfügung stehenden Tälern den Weg zur Linken, den ich

für den richtigen hielt; wie sich später herausstellte, hätten wir sogar

noch mehr links ausbiegen müssen. Es ging in die Berge, der Weg wurde

immer kleiner, schließlich ging er meist in einem Bach und nur zuweilen

waren noch einige Spuren am Ufer sichtbar.

Mit einem Male standen wir an der Schneegrenze vor einer unübersehbaren

Schneewand, die unten Eis zeigte, also einem Gletscher. Wir konnten

nicht weiter, und ich kam zu der Überzeugung, daß wir die ganze Zeit,

anderthalb Stunden lang, auf einem stark ausgetretenen Hirschwechsel

geritten waren. Von allen Seiten höhnten uns die pfeifenden Murmeltiere;

auch weiße Finken, Wildtauben und Dohlen gab es in dieser beträchtlichen

Höhe von etwa 4000 m noch. Ein Entenpärchen strich im Tal entlang, und

hoch oben zogen Bussarde ihre Kreise. Mit schwerem Herzen entschloß ich

mich, umzukehren und denselben Weg zurückzureiten. Es war drückend heiß

geworden. Schließlich entdeckte ich mit Hilfe des Zeiß weit unten im

Alaitale Menschen; also dorthin, denn das unnütze Herumirren führte zu

nichts. Als wir die Leute anhielten und ausfragten, zeigte es sich, daß

sie zu denen gehörten, die wir früh morgens lagernd getroffen hatten;

sie gingen ebenso wie wir nach Andischan und hatten uns offenbar am

Morgen falsch gewiesen. Sie entschuldigten sich damit, daß sie es selbst

nicht besser gewußt und erst von andern Leuten Auskunft über den

einzuschlagenden Weg erhalten hätten. Wir schlossen uns ihnen an, ließen

über Mittag die Pferde eine Stunde grasen und frühstückten spärlich

etwas uraltes Brot, an dem man sich die Zähne ausbeißen konnte.

Im Sattel durch Zentralasien: 6000 Kilometer in 176 Tagen · 第 24 / 26 段