Auch in dieser Gegend fand ich nur Hengste; übrigens sind dieselben

gegen den Menschen durchweg gutartig, nur untereinander fangen sie

sofort Streit an. Vor dem Hause liegt ein flacher See, der in manchen

Jahren ganz austrocknen soll. Daß er andererseits zuweilen sehr viel

höher stehen muß, konnte man an den verschiedenen alten Uferlinien

erkennen.

Wir machten früh nur eine deutsche Meile nach Awott, wo die Pferde

gewechselt und gefüttert werden sollten, um für den Marsch durch die 55

Kilometer lange Wüste nach Mogal frisch zu sein. Die Pferde standen im

Garten unter dichten Aprikosenbäumen, wo es angenehm kühl war, während

man es im Freien vor Hitze nicht aushalten konnte. Mein Küchenzettel

wurde hier recht einseitig, meist bestand er nur aus Hirse und Eiern.

Gott sei Dank hatte ich einen kleinen Sack mit Reis und einige,

allerdings schon sehr trocken gewordene Brötchen mit. Die Leute waren

wieder lächerlich freundlich. Der alte Umpasch, ein Mekkapilger mit dem

grünen Turban, kam alle fünf Minuten, um nachzusehen, ob auch alles

nötige da sei. Der mächtig große Raum, der wohl 12:12 Meter maß und in

der Decke ein Luft- und Lichtloch von einem Quadratmeter hatte, war

schön kühl. In ihm hielt sich die ganze Familie mit Knechten und Mägden

auf, es war eine Art Diele, wie man sie bei uns in Westfalen findet. Man

sah hier schon die hübschen, ziselierten Wasser- und Teekrüge aus

Chotan; der übrige Hausrat war denkbar einfach. Einige Filzteppiche,

Kopfpolster in Rollenform, einige wenige irdene Töpfe und Teller, die

Metallspiegel und Öllampen, alles war noch ganz so, wie zu Zeiten

Christi Geburt. Die Leute essen hier verhältnismäßig viel Fleisch, sind

dafür aber auch viel muskulöser als die Chinesen. Opiumraucher habe ich,

außer einigen Damen der Halbwelt, unter den Schantus noch nicht gesehen;

jedoch soll es eine ganze Menge geben, die diesem Laster huldigen. Dafür

hat jeder seinen kleinen, ausgehölten Flaschenkürbis mit Tabak im Gürtel

hängen, aus dem er ab und zu eine Prise kaut. Ich versuchte das

dunkelgrüne Zeug; es ist beißend scharf; daß es auf die allgemeine

Gesundheit des Körpers denselben schwer schädigenden Einfluß hat wie das

Opium, glaube ich nicht. Die kleinen Flaschenkürbisse sind außen meist

hübsch geschnitzt, teilweise mit Silberbeschlag versehen.

[Illustration: Bek von Terem]

Um 5 Uhr ritten wir ab. Den nahenden Staubsturm sah man schon an der

Färbung der Horizontes. Der Himmel war ganz grau geworden und die Sonne

nur noch eine glanzlose Scheibe. Es ging durch ein kleines Stück

bebautes Land, das bald in Wüste mit abgestorbenem Walde überging.

Leichte Sanddünen, vielleicht drei Meter hoch, nordsüdlich laufend,

kreuzten den Weg. Trotzdem sie nur klein waren, machten sie den Pferden

viel Beschwerde. Ich konnte mir recht gut vorstellen, wie es Sven Hedin

im Tschong Kum, dem großen Sande in der Taklamakan, die wir dicht vor

uns haben, ergangen ist. An tiefer gelegenen Stellen stehen vereinzelt

grüne Bäume. Um 6 Uhr ging der Sturm los, es wurde stockfinster. Wie

unser, vom letzten Ort mitgenommener Führer den Weg fand, der sich im

Sande ohnehin kaum abzeichnete, ist mir noch heute unklar; diese Leute

müssen eine Art Instinkt haben. Im rücksichtslosen Inspektortrabe ging

es vorwärts, dicht aufgeschlossen; hinten galoppierte alles, um nur

mitzukommen. Nach 1½ Stunden war der Sturm vorüber, und nach einer

weiteren Stunde schärfsten Trabes hatten wir die Wüste hinter uns und

waren im steppenartigen, mit Gebüschgruppen besetzten Lande. Ab und zu

kam noch eine hohe Sanddüne, die wir umgingen, und um 11 Uhr waren wir

am Hause des Dorfältesten von Mogal, wo Mann und Pferd bald gut

untergebracht waren und wir bei einer Tasse Tee unsern recht

beträchtlichen Durst löschen konnten.

Als ich früh um 9 Uhr aus meinem Zimmer trat, fand ich draußen eine

große Menge versammelt. Mogal hatte seit vollen zwei Jahren seinen

Anteil an Wasser aus dem Kaschgar darya nicht erhalten. Jedes dieser

Dörfer hat nämlich für eine bestimmte Zeitdauer im Jahre, für Mogal sind

es 20 Tage, das Recht, seinen Bedarf an Wasser aus dem Flusse zu decken.

Da es hier nie regnet, so ist den Leuten einfach die Lebensader

unterbunden, wenn das Wasser aus dem Flusse fehlt. Nun klagten sie mir

ihr Leid, der Umpasch von Terem, dem sie unterstellt sind, enthalte

ihnen ihren Anteil an Wasser vor, und baten mich, dem Taotai in Kaschgar

den Sachverhalt mitzuteilen. Sie selbst hatten natürlich zu dem hohen

Herrn nicht vordringen können, es kostete zu viel Geld. Es sah

allerdings hier böse aus: alles war verdorrt und versengt, und die

meisten Felder waren unbestellt. Ich versprach, bei Gelegenheit dem

Taotai zu erzählen, was ich gesehen hätte, bemerkte aber im übrigen, daß

ich als Ausländer keinerlei Einfluß auf die ganze Angelegenheit habe.

[Illustration: Ordan Padscha -- Alter Molla]

Wir ritten dann weiter nach Terem. Als wir gegen zehn Kilometer entfernt

waren, bemerkte ich, daß mein Taschenmesser, ein Nicker, fehlte. Mir

fiel ein, daß ich einen Mann aus meinem Zimmer hatte kommen sehen, der

schnell etwas in seinem langen Rock versteckte. Ich hatte mir sein

Aussehen gemerkt und schickte nun schleunigst zurück, um nachsuchen zu

lassen. Nach drei Stunden war das Messer richtig wieder da, es hatte

sich tatsächlich bei dem betreffenden Manne gefunden. Wir ritten durch

die öden, vertrockneten Felder weiter; alle die kleinen Wasseradern

waren ausgetrocknet. Ich hatte erwartet, als wir auf Teremer Gelände

kamen, alles in Fruchtbarkeit strotzen zu sehen, aber im Gegenteil, es

war alles ebenso verdorrt wie in Mogal. Der alte weißbärtige Umpasch der

mich sehr freundlich aufnahm, schien wirklich keine Schuld zu haben,

denn seine Felder sahen genau so schlecht aus wie die übrigen auch. Ich

bekam in einem wunderschönen kühlen Zimmer gleich "Asch" (in Hammelfett

gekochten Reis und Hammelfleisch) sowie russisches Zuckerzeug

vorgesetzt. Auch die Pferde wurden gut untergebracht und versorgt.

[Illustration: Kaschgar -- Strohverkäufer]

Unter großer Eskorte brachen wir am Abend auf. Der Umpasch stellte mir

eines seiner eigenen Pferde zur Verfügung, er wollte später selbst

nachkommen. Unsere Karawane war schließlich elf Pferde stark. Durch

Steppe und Wüste reitend kamen wir um zwei Uhr in einem schon auf

Kaschgarer Gebiet liegenden Dorfe unter. Gegen Abend kam der alte

Umpasch an; wir wechselten wieder die Pferde und ritten um acht Uhr nach

dem berühmten Masar Ordan Padscha, dem vielbesuchtesten Heiligengrab

Turkestans. Bald umgab uns völlige Wüste. Links lag einmal ein Masar.

Auch passierten wir mehrmals einzelne Stationen, die alle mit ihrer

Kochgelegenheit auf Pilgerkarawanen berechnet sind. Nach zwölf

Kilometern waren wir in hohen Sanddünen, in denen die glühende Hitze

noch schwerer zu ertragen war; die armen Pferde litten sehr. In der

Tiefe waren zuweilen harte, lehmige Stellen, auf denen man besser

vorwärts kam. Nachdem wir ungefähr acht Kilometer durch die Sanddünen

geritten waren, sahen wir von der Höhe aus vereinzelte Bäume und eine

Häusergruppe. Diese liegen um zwei salzige Quellen; Jakub Bek hat sie

seinerzeit in Holz gefaßt und ein Haus darüber erbaut. Hier liegen

mehrere kleinere Heiligengräber. Bald darauf erreichten wir Ordan

Padscha selbst. Dieses ist eine an einer Quelle entstandene Ansiedlung

aus mehreren Häusern, die entweder den Mollas zur Wohnung dienen oder

für die Unterkunft von Pilgern berechnet sind. Um letztere mit Essen zu

versorgen, hat man in einem Hause fünf große Töpfe eingemauert, die ich

mir nach Sven Hedins Beschreibung eigentlich anders und großartiger

vorgestellt hatte. Die sogenannten Töpfe sind flache kupferne Kessel;

ein ganz großer, ein mittlerer, der zerbrochen war, und kleinere, die

zur Zeit benutzt wurden. Der oberste Molla setzte uns in seinem Hause

Tee vor. Mir fiel hier wieder die merkwürdige Art, die Pferde zu

behandeln, auf. Die Tiere wurden trotz der glühenden Hitze mit dem Kopf

hoch gebunden und erhielten kein Wasser. Allerdings mag letzteres seinen

Grund darin gehabt haben, daß das gesamte Wasser salzhaltig ist.

[Illustration: Quelle in der Wüste in Ordan Padscha]

[Illustration: Betende Türken am Masar Ordan Padscha]

Allmählich versammelten sich viele Mollas, die mich mit ihrem

scheinheiligen, leidensvollen Wesen anwiderten und meiner Meinung nach

das Trinkgeld möglichst hoch zu schrauben suchten. In der glühenden

Hitze wanderten wir durch tiefe Sandberge nach dem 1½ Kilometer

entfernten Masar. Wir passierten einen im Bau befindlichen Betsaal,

ferner eine Quelle, die durch das Vorrücken des Sandes mitsamt den drei

sie umgebenden Bäumen wohl bald verschwinden wird. Dann waren wir an dem

Masar, die Stiefel voller Sand und einem Sonnenstich nahe. Den Masar

hatte ich mir viel großartiger vorgestellt; er besteht aus Bündeln von

Stangen mit Fähnchen. Jeder der Pilger bringt eine solche Stange mit, so

daß das Ganze im Laufe der Jahrhunderte schon eine ansehnliche Stärke

erreicht hat. Einige Versuche, die umliegenden Sanddünen zu befestigen,

scheinen keinen rechten Erfolg gehabt zu haben. Die Mollas und meine

Begleiter sprachen ein lautes Gebet. Ich schenkte für den Masar einen

Wildschafschädel und gab dem Molla einen halben Tael Trinkgeld, nachdem

ich durch einen der Diener daran erinnert worden war. Der Dank wurde mir

durch ein für mich gesprochenes Gebet abgestattet. Auch hier fiel mir

das salbungsvolle Getue der Leute auf; mehr gefiel mir ein gewandter

Türke, der uns eine Kanne mit Tee in die hohen Sanddünen nachgebracht

hatte. Meine sämtlichen Begleiter gaben hohe Trinkgelder; der Molla

hatte beide hohlen Hände zusammengehäuft voller Silbermünzen. Für jede

einzelne Gabe wurde mit einem gemeinsamen Gebet quittiert.

Zurückgekehrt gab es im Hause des Molla Reis und Hammelfleisch.

Maulbeeren und Ziegenmilch wollten sich in meinem Magen nicht recht

vertragen; ich drängte daher zum Aufbruch, besichtigte noch eine von

Jakub Bek gefaßte Quelle, dann führte ein langer heißer Rückweg, in dem

uns noch ein Staubsturm faßte, nach unserem Quartier zurück.

[Illustration: Ordan Padscha]

Dort schlief ich ein Stündchen und ritt dann 8 Uhr abends weiter nach

Chan Arik, wo wir früh morgens am 11. Juni anlangten und die Pferde

wechselten. Die neuen Pferde waren sämtlich Hengste, die sich sehr

bockig benahmen. Gleich, beim Aufsitzen räumten mein Diener und ein Mann

vom Yamen unfreiwillig den Sattel; beiden Hengsten rutschte der Sattel

hinten unter den Bauch, sie gingen nur noch auf den Hinterbeinen

spazieren und bissen sich herum, bis alles Sattelzeug zerrissen war. Die

Leute hatten nebenbei noch eine lächerliche Angst vor den Tieren, so daß

der Aufbruch eine volle Stunde verzögert wurde. Dann ging es weiter die

große Landstraße nach Kaschgar-Neustadt entlang. Unterwegs machten wir

in einer Maulbeerallee kurze Rast und pflückten uns zum Frühstück die

frischen Früchte von den Bäumen, was die Landessitte erlaubt, während

das Besteigen der Bäume verboten ist. Dann ging es in die Neustadt

hinein. In einem elenden Gasthause fand ich meine Karre vor; Dschang

hatte zwar alles von Maralbaschi hierher gebracht und war sehr stolz auf

diese Leistung, behauptete aber, in Kaschgar-Altstadt, wo ich eigentlich

unterkommen wollte, kein besseres Gasthaus finden zu können. Da ich

meine sämtlichen Angelegenheiten in der Altstadt zu erledigen hatte und

auch alle hier ansässigen Europäer dort wohnten, beschloß ich, dorthin

überzusiedeln und sandte meinen türkischen Diener und einen vom Yamen

voraus, mit dem Befehl, sich beim Taotai-Yamen zu melden und um

Unterstützung beim Aussuchen eines geeigneten Quartiers zu bitten.

Ich machte drei Stunden Rast, benutzte die Zwischenzeit, um zu essen und

mich rasieren zu lassen, und ritt gegen drei Uhr nachmittags nach

Kaschgar-Altstadt. Dort traf ich auf der Straße einen indischen Diener

in Kaki, sprach ihn englisch an und erfuhr von ihm, daß er bei Colonel

Miles, den ich noch aus Tientsin her kannte, im Dienste sei. Ich trug

ihm Grüße an seinen Herrn auf.

[Illustration: Kaschgar]

Ein entgegengesandter Mann vom Taotai-Yamen übernahm nun die Führung und

brachte uns nach einem Serail nicht weit vom russischen Generalkonsulat.

Es war nur ein ganz kleiner Raum, aber kühl und schattig, und besonders

bestach mich der gute Stall. Kaum war ich im Gasthause, als auch schon

mit oben erwähnten Diener ein Brief von Colonel Miles eintraf, ich

möchte sofort kommen und bei ihm Wohnung nehmen. Ich konnte nur

antworten, daß ich infolge meines wenig schönen Anzuges nicht wagen

könnte, mich augenblicklich sehen zu lassen. Der liebenswürdige

englische Offizier, der hier militärisch-politischer Agent ist, kam nun

selbst, um mich zu holen. Ich leistete seiner Aufforderung selbstredend

sehr gern Folge. Die Pferde blieben in dem Gasthause. Oberst Miles

bewohnte eine schöne, große Gebäudegruppe, die sehr hoch und vollkommen

fieberfrei gelegen war. Die Gebäude waren im europäischen Stil,

natürlich unter Berücksichtigung des heißen Klimas, erbaut worden, und

zwar für den Vorgänger des Obersten, einen Mr. Macartney.

Ich meldete mich nun brieflich sofort bei dem russischen Generalkonsul,

Exzellenz Petrofsky, "dem König von Kaschgar", an, mit der Bitte, mir

eine Zeit zu bestimmen, wann ich meinen Besuch machen könne. Endlich kam

auch meine Karre an. Spaßig war es, die Neugierde meines Chinesen zu

beobachten, der noch nie ein europäisches Haus gesehen hatte. Ich bekam

im Garten ein sehr hübsches Zimmer angewiesen und packte meine

sämtlichen Sachen aus, lohnte meine Begleiter ab und erhielt bald vom

Generalkonsul die Antwort, daß ich jederzeit zwischen 10 und 12 Uhr

willkommen sei. Da es mit meiner Toilette ziemlich übel bestellt war,

half mir mein Gastfreund in der liebenswürdigsten Weise mit der seinigen

aus. Ich erhielt einen Kakianzug, einen weißen Anzug und Wäsche und sah

schließlich vollkommen wie ein englischer Offizier aus.

Wir saßen den ganzen Abend zusammen, und ich erzählte von meiner langen

Reise. Schließlich geleitete er mich zu seinem mitten im herrlichsten

Garten gelegenen Zelt, das er mir zum Schlafen anwies. Überall durch den

Garten, der viele schattenspendende Bäume hat, fließt in kleinen Rinnen

Wasser, so daß es angenehm kühl ist. Von seiner Terrasse ans genießt man

eine entzückende Aussicht auf die Berge. Die ganze Anlage liegt so hoch,

daß Moskitos nicht mehr herkommen. Ich schlief zum erstenmal seit

langer, langer Zeit im weiß bezogenen Bette und war sehr erstaunt, als

ich am nächsten Morgen um 8 Uhr von Colonel Miles geweckt wurde.

Ich benutzte den Morgen des 12. Juni, um im Gasthause meine Pferde zu

besichtigen, ließ mir von einem Schneider Maß zur Wäsche nehmen, meine

Uhr reparieren usw. Am 1. Februar, 10½ Uhr, wanderte ich zum

russischen Generalkonsulat, wo mir gleichfalls eine ganz reizende

Aufnahme zuteil wurde. Der Generalkonsul kam mir mit einer

Liebenswürdigkeit entgegen, die ich niemals erwartet hätte. Ebenso nett

und liebenswürdig war sein Sekretär, Herr Lavroff. Exzellenz Petrofsky,

dem schon Sven Hedin ein so glänzendes und wohlverdientes Denkmal in

seinem großen Werke gesetzt hat, ist hier schon seit vielen Jahren

Herrscher, denn dieses Wort paßt allein auf seine Stellung. Man spricht

jetzt viel von seiner Ablösung, infolge zu hohen Alters. Ich glaube, daß

Rußland, wenigstens augenblicklich noch, einen Mißgriff tun würde, den

hohen Herrn hier wegzunehmen; denn von einem Abnehmen seiner Kräfte habe

ich in keiner Beziehung etwas gemerkt, im Gegenteil, mir imponierte

seine Geistesfrische, die Lebhaftigkeit seiner Auffassung und sein hohes

Interesse für alles und jedes außerordentlich. Ich konnte kaum noch

einen Wunsch oder auch nur eine Bitte äußern, so war sie schon erfüllt,

und ich möchte hier in diesen Zeilen noch einmal meiner großen

Dankbarkeit für die viele, mir erwiesene Güte Ausdruck geben.

[Illustration: Im russischen General-Konsulat -- Diner für vornehme

Türken]

Exzellenz Petrofsky übernahm sofort meine Telegramme in die Heimat,

eines an meine Eltern, mit der Mitteilung meiner Ankunft in Kaschgar und

eines an meine vorgesetzte Behörde in Berlin, auf dem russischen

Staats-Telegraphen. Kosacken ritten umgehend mit den Telegrammen nach

Guldscha -- über 300 Kilometer --, von wo aus sie der Draht in die

Heimat beförderte. Ebenso meldete ich meine Ankunft in Kaschgar an

meinen Kommandeur in Tientsin, General-Major v. Rohrscheidt, auf dem

gerade heute ausnahmsweise funktionierenden chinesischen Telegraphen.

Im Konsulat zeugte eine reichhaltige Menagerie von der Tierliebe des

Generalkonsuls; da liefen Steinböcke, Antilopen, Hirsche, Tibetschafe

usw., frei im Garten herum; alle so zahm, wie ich sie sonst nirgends

gesehen habe. Man sieht, wie gute Behandlung auch aus den scheuesten

Tieren Freunde der Menschen zu machen vermag.

Ich ging nun zur russischen Bank, um mir auf meinen Kreditbrief Geld zu

holen. Da ich selbst nicht Russisch kann, war es mir leider nicht

möglich, mich mit den Leuten zu verständigen; ich mußte warten, bis der

augenblicklich unpäßliche Vorsteher der hiesigen Filiale, ein

Deutsch-Russe aus den Ostseeprovinzen, Namens Hammerbeck, wieder

hergestellt war. Am Nachmittag hatte ich das Glück, ein großes

chinesisches Diner beim Obersten Miles mitzumachen, zu dem derselbe

sämtliche vornehmen, im höheren Range befindlichen Chinesen Kaschgars

und der Umgegend eingeladen hatte. Genau nach Rangordnung, von unten

anfangend, stellten sich alle mit großem Gefolge ein. Schließlich

verkündeten Böllerschüsse, daß der Taotai käme. Das Diner wurde im

Garten serviert und nahm den üblichen Verlauf aller chinesischen Diners,

nur vielleicht mit dem Unterschiede, daß sich einige der alten Herren

einen gründlichen Schwips an dem guten Champagner des Gastgebers

antranken.

[Illustration: In den Straßen Kaschgars

Turkestaner, Essen auf offener Strasse feilbietend]

Am 13. Juni machte ich dem Taotai und dem Stadt-Präfekten, der noch

seinen Rausch von gestern ausschlief, meinen Besuch. Dann ging ich auf

die Bank, um nochmals zu versuchen, meinen Kreditbrief einzulösen. Ich

fand den Vorsteher in seiner Privatwohnung, die etwas sehr tief zu

liegen scheint, denn Herr Hammerbeck litt an Malaria. Die ganze

russische Kolonie schien übrigens auf etwas gespanntem Fuße zu leben,

wie ich hier erfuhr. Später suchte ich Herrn Hammerbeck in seinem

Geschäftszimmer auf, wo mir die unangenehme Überraschung zuteil wurde,

daß die russische Bank den Kreditbrief nicht auszahlen wollte, da er

überfällig war. Ich mußte daher, um nicht Geld borgen zu müssen,

versuchen, meine Pferde zu verkaufen. Schon jetzt stellten sich große

Schwierigkeiten heraus, die geforderte Anzahl Tragetiere nach dem

russischen Turkestan zu bekommen. Ich erhielt den Eindruck, daß die

meisten hier durchreisenden Europäer infolge zu anspruchsvollen

Auftretens Zank gehabt haben, denn sowohl bei den Russen wie bei den

Engländern wurde darüber geklagt.

[Illustration: Musikanten in einem Gasthaus Kaschgars]

Am 14. Juni früh ritt ich mit Oberst Miles nach Hasrett-Afack, einem

Heiligengrabe. Der Heilige heißt Bodscha Deied Tula Bek, mit dem

Beinamen "König der Heiligen von Kaschgar" und ist im Jahre 1693

gestorben. Die Moschee liegt in einem schönen Hain rings von

Begräbnisplätzen umgeben; dicht dabei hat Jakub Bek eine Bethalle

erbaut. Sein Grab, wo er ohne Kopf liegen soll, da die eindringenden

Chinesen denselben verbrannt haben, nachdem sie die Leiche wieder

ausgegraben hatten, sieht wie die andern aus, wird aber nicht instand

gehalten, sondern verfällt vollkommen. Als wir zurückgekehrt waren,

machte mir Exzellenz Petrofsky seinen Gegenbesuch. Mir zu Ehren hatte er

den ihm von Seiner Majestät dem Deutschen Kaiser verliehenen Roten

Adlerorden angelegt. Er bot mir über die Berge Kosakenbegleitung an und

versprach, durch den russischen Aksakal Trage-Ponies besorgen zu lassen,

ferner bat er mich, meine drei Pferde vorzustellen, die er vielleicht

kaufen wollte. Später besuchte ich den bekannten Pater Hendricks, der in

der Eingeborenen-Stadt ein zerfallenes Haus ohne den geringsten Komfort

bewohnt. Ich bekam alten, selbst gekelterten Kaschgaer Wein vorgesetzt,

der wie Malaga schmeckte und sehr ins Blut ging. Am Abend stellte ich

auf dem russischen Generalkonsulat meine drei Tiere vor, die mir

schließlich alle zu einem annehmbaren Preise vom Generalkonsul und

seinem Sekretär abgekauft wurden. Ebenso verkaufte ich einen Sattel und

meine Mauserpistole.

[Illustration: Markt in Kaschgar]

Ich wurde vom russischen Generalkonsul auch fernerhin mit

Liebenswürdigkeit überhäuft. Bei einem Besuch am 15. Juni schenkte er

mir eine ganze Reihe selbst aufgenommener, vorzüglicher Photographien,

ferner wurden meine sämtlichen andern Angelegenheiten auf seinen Befehl

hin beschleunigt, mein Paß visiert, der Paß für meine Diener fertig

gestellt, die Tragetiere für den 17. Juni bereits zum festen Preise von

55 Rubel gemietet und ebenso den Leuten, die mitgingen, Pässe

ausgestellt. Ich unterhielt mich jederzeit gern mit dem allerorts

hochverehrten Generalkonsul. An der Art, wie er die gesamte Situation

beherrscht, erkennt man, daß die Einverleibung Turkestans durch Rußland

wohl nur noch eine Frage der Zeit ist. Mit dem höchsten Mandarin springt

der Konsul wie mit einem Untergebenen um. So beklagte ich mich bei ihm,

daß der Taotai mir noch nicht seinen Gegenbesuch gemacht hätte, was

gegen alle Regeln der chinesischen Etikette verstoße. Sofort sandte der

Konsul einen Diener zum Yamen und ließ anfragen, warum der Taotai dem

europäischen Offizier noch nicht seinen Gegenbesuch gemacht hätte, und

daß er wünsche, daß der Beamte morgens um 8 Uhr bei mir antrete. Der

Taotai gehorchte umgehend, denn am 16. Juni morgens um 8 Uhr war er bei

mir.

[Illustration: Großer chinesischer Leichenzug in Kaschgar]

Nachdem der Taotai wieder verschwunden war, ging ich zum Zollamt, um

meine Sachen vorzuzeigen und dadurch einer Revision an der russischen

Grenze zu entgehen. Ich bekam von dem hiesigen Beamten einen Brief an

die Zollstation mit. Den Nachmittag benutzte ich, um alles in

gleichmäßige Pakete zu verpacken. Mein Diener Dschang wurde ausbezahlt

und mit 7 Taels Trinkgeld entlassen. Er schien nicht recht zufrieden zu

sein, obwohl das Trinkgeld seinen Lohn überstieg. Nebenbei hatte er es

doch noch fertig gebracht, mich in den letzten Tagen zu bestehlen.

Um 5½ Uhr ging ich zum russischen Generalkonsul, um meinen

Abschiedsbesuch zu machen. Der Konsul schenkte mir zum Abschied für die

Reise eine ganze gebratene Hammelkeule, 6 Hühner, Eier, sowie eine

Flasche guten Wodka. Später kam er noch selbst, um mir Lebewohl zu sagen

und brachte mir als weiteres Geschenk Kaviar, Hummer und als besondere

Kuriosität einen Teller aus Salz, von dem man z. B. kaltes Fleisch ohne

es mit Salz zu bestreuen, essen kann. Am 17. Juni um 5½ Uhr morgens

schickte ich die Bagage weg und wechselte mein Geld in Rubel, da von

jetzt an mit russischem Gelde gerechnet werden muß. Dann nahm ich

Abschied von dem gastfreien englischen Obersten und trat meinen Ritt in

die Berge an.

[Illustration]

[Illustration: Von Kaschgar über den Alai nach Russisch-Turkestan

12 Marschtage = 375 Kilometer. Tägliche Durchschnittsmarschleistung

31,2 Kilometer]

VIII. KAPITEL.

Von Kaschgar über den Alai nach Russisch-Turkestan.

Im Sattel durch Zentralasien: 6000 Kilometer in 176 Tagen · 第 23 / 26 段