Der Ortsvorsteher besuchte mich und erzählte, daß es hier sehr viele

Wildschweine gäbe. Ich bat sofort um Pferde, die mir auf das

liebenswürdigste zugesagt wurden. Man brachte mir einen Hengst, der

bereits rechts am Bauche schwere Narben aufwies, die ihm ein verwundeter

Keiler bei der Jagd auf Schweine beigebracht hatte. Als das Pferd in den

Hof gebracht wurde, bemerkte ich, daß die Chinesen grinsten, und auf

meine Frage, was sie zu lachen hätten, meinten sie: "Herr, das Pferd ist

din bu lausche" (ein gemeiner Verbrecher). Mir machte das nichts, ich

saß ruhig auf und ritt mit meinem Diener und noch zwei andern Schantus

nach Osten, auf dem Wege, auf dem wir hergekommen waren, acht Kilometer

durch angebautes Land zurück. Unterwegs erzählten die Leute viel von

ihren Schweinsjagden; sie hassen das Tier, welches sie als Mohammedaner

nicht einmal essen, wie die Pest, weil es ihre Saaten zerwühlt, und sie

jagen es, wann und wo sie nur können. Zu dieser Jagd ziehen sie bis zu

20 Reiter stark aus, von denen nur einer eine alte primitive Büchse hat;

die andern haben Lanzen oder auch nur Stangen. In langer Linie reiten

sie durch das Unterholz, und kommt dann ein Schwein auf, so geht es in

Pace hinterher, bis das Schwein gestellt wird. Dann erhält es den Schuß,

der fast nie fehlgehen soll. Wir machten es ähnlich, verteilten uns auf

eine Linie und ritten durch sehr dichtes Unterholz, das mit frisch

gerodetem Land und Saaten abwechselte. Überall sah man die Fährten des

Wildschweines, es mußte hier Hunderte von Schwarzkitteln geben. Im Trabe

ging es über viele Gräben und Dämme und durch ein Stück Sumpf. Mein Pony

ging sehr gut und benahm sich vorläufig ganz anständig. Nasr hatte den

linken Flügel und rief plötzlich: "Herr, Herr, ein sehr großes!" und

schon kam es wie eine Maschine durchs Unterholz. Ich sah nur einen

Moment die weißen Gewehre des Keilers blitzen, kam aber nicht zum Schuß,

und nun ging die Jagd los, eine Parforcejagd, wie sie in Deutschland

nicht schöner sein kann. Die Ponies gingen totsicher und beinahe in

Rennpace durch das Dickicht, daß es eine reine Freude war. Ich bemerkte

nun, warum die Chinesen mich vor dem Tiere gewarnt hatten, denn mein

Brauner kannte das Geschäft ganz genau und pullte wie besessen. Ich

glaube, daß die Mohammedaner gehofft hatten, mich beim ersten Graben im

Schmutz liegen zu sehen; den Gefallen tat ich ihnen aber nun nicht. Ich

nahm die Zügel in die eine Hand und hielt mit der anderen das Gewehr

hoch. So ging die Jagd mehrere Kilometer weit, immer das durch das

Gebüsch brechende Wild vor uns. Mit einem Male hörte ich nichts mehr von

dem Schwein; wir waren an einen Sumpf, die Pferde sanken tief ein. Wir

mußten leider umkehren, da die Sonne schon bedenklich tief stand und wir

einen weiten Rückweg hatten.

Auf dem Hauptwege angelangt, proponierte einer der Schantus noch ein

Wettrennen; ich glaube, sie wollten mich auf meine Sattelfestigkeit hin

prüfen. Natürlich war ich gleich dazu bereit und bestimmte, um einer

unnützen Hetzerei vorzubeugen, als Ziel ein Haus am Wege, wohin ich

meinen Diener als Richter vorausschickte. Ich hatte richtig gerechnet,

die Schantus stürmten vom Platz weg, was die Tiere laufen konnten,

während ich, nachdem ich mein Gewehr an Nasr abgegeben hatte, mit beiden

Händen meinen alten Puller hinten halten konnte. Kurz vor dem Ziel fing

ich an zu reiten und schlug die andern um eine gute Länge, was sie

natürlich nicht erwartet hatten; sie waren etwas verblüfft, und ich

konnte ihnen nun meinerseits sagen: "Seht ihr, so reiten die Europäer."

Die Leute haben mir sonst gefallen, sie gehen in einer Pace und mit

einer Ruhe durchs Dickicht und über schwere Hindernisse, die ganz

vortrefflich ist. Dabei haben sie wirkliche Jagdpassion und einen

scharfen Blick, um welch letzteren ich sie besonders beneide. Man merkte

ihnen übrigens die Dankbarkeit für gute Behandlung an. Dieser Herr

schlug die Leute nicht, ritt wie sie selber und hatte auch noch für ihre

Angelegenheiten Interesse; das war noch nicht dagewesen, denn der

chinesische Herr verkehrt nur per Peitsche mit den Schantus.

[Illustration: Bettler in Uchur Masar]

Am 1. Juni morgens marschierten wir nur 25 Kilometer, weil in der Gegend

viele Schweine sein sollen. Aus der Ebene, die sehr sumpfig wird und

mehrfach Seen-Bildung aufweist, erheben sich ganz unvermittelt

Felsgruppen zu ziemlich beträchtlicher Höhe. Ich pirschte die ganze

Gegend ab, ohne auch nur eine Fährte eines Wildschweines zu sehen; es

wurde drückend schwül, und die Luft war wie in einem Treibhause. Auf

einem der Felsen, unmittelbar am Dorfe, liegt ein Heiligengrab, Uchur

Masar, das dem Dorfe den Namen gegeben hat. Der hier ruhende Heilige ist

vor ungefähr 200 Jahren begraben worden. Ich kletterte auf einem für

Nichtschwindlige berechneten Pfade hinauf und genoß von oben eine

herrliche Fernsicht.

Unten im Dorfe erzählten die Leute, daß vor ein paar Tagen ein Tiger

hier gewesen sei und einige Pferde und Rinder zerrissen habe. Leider

mußte ich mich von der Unmöglichkeit einer Jagdexpedition zur Zeit

überzeugen. Abgesehen davon, daß mich kein Mensch begleiten wollte und

ohne Führung an den Tiger gar nicht heranzukommen gewesen wäre, bietet

die Jagd selbst auch noch sehr große Schwierigkeiten. Das Schilf ist

drei Meter hoch und der Untergrund fast durchweg Wasser, so daß die

Treiber nicht durchkommen können. Die Leute behaupteten, der Tiger säße

auf dem andern Ende des Sees im Sumpf; Entenjäger hätten ihn gestern

Abend vom See aus brüllen hören. Im übrigen wird der Tiger hier

eigentlich nur im Winter geschossen, da dann seine Decke sehr viel

schöner und die Jagd weniger schwierig ist. Man brennt das trockene

Schilf herunter und treibt ihn so auf den Fleck, wo man ihn haben will,

was er sich ruhig gefallen lassen soll, und schließlich schießt ihn der

beste Schütze des Dorfes mit der nie fehlenden Kugel oder vielmehr der

Ladung aus Bleistücken aus der primitiven Luntenflinte. Die Decke bringt

im Bazar ungefähr 60 Taels, jeder Knochen und jedes Stückchen Fleisch

wird verwertet, da es die Apotheken für Medizin sehr hoch bezahlen. So

zahlen sie z. B. für einen Röhrknochen drei Taels.

[Illustration: Uchur Masar

Das Heiligengrab ist auf der Spitze des Felskegels]

Am Nachmittag wanderte ich, um die Pferde zu baden, zum See und

entdeckte hierbei in einem Abflußkanal drei Einbäume, jeder vielleicht 4

Meter lang, ausgehöhlt und ohne Kiel, Bug usw. Die Leute bewegen das

Boot sehr geschickt mit einem einfachen, ganz kurzen Handruder. Ich

unternahm sofort eine Gondelpartie und stieg mitten im See zu einem

herrlichen Bade in das nur ganz schwach salzhaltige Wasser. Der See soll

sehr fischreich sein. Das Heraus- und Hereinbalanzieren beim Einbaum war

ein ziemlich gefährliches Unternehmen, da der Kahn jedesmal zu kentern

drohte. Als wir landeten, planschten die Pferde vergnügt im Wasser

herum; der Dicke hatte sich losgerissen und es schien ihm ganz besonders

gut im Wasser zu gefallen, denn er wollte gar nicht mehr herauskommen.

Gegen Abend aufbrechend, passierten wir auf einem Bergabhang hohe Ruinen

von Gebäuden, teils Ziegel-, teils Lehmmauern. Die Chinesen

behaupteten, es seien zerfallene Tempel, die Schantus sagen, es sei eine

alte, verlassene Stadt. Es mochte gegen 2 Uhr nachts sein, als wir kurz

vor uns im hohen Schilfe das Brüllen eines Panthers hörten. Die Pferde

standen an alle Gliedern zitternd und waren nicht mehr einen Schritt

vorwärts zu bringen. Meine Kavalleristen wollten sofort kehrt machen,

und erst als sie sahen, daß ich mir den Karabiner geben ließ, um dem

Panther zu Leibe zu gehen, faßten sie wieder Mut. Leider war auch hier

wieder ein Eindringen in den Sumpf so gut wie unmöglich, und fernerhin

hörten wir nichts mehr von dem Panther. Die Pferde beruhigten sich und

wir marschierten weiter auf Maralbaschi zu. Früh gegen 3 Uhr waren wir

im Ort.

Beim Auspacken der Karre vermißte ich meine Antilopenköpfe, die stets in

einem Sack hinten an der Karre gehangen hatten. Zu meinem nicht geringen

Ärger waren sie gestohlen. Wahrscheinlich hatte sie bei den

Nachtmärschen einer hinten abgeschnitten; natürlich wollte keiner von

der Gesellschaft etwas wissen.

Der Yamen schickte mir sofort als Geschenk 50 Eier, Hühner und

Pferdefutter. Ich traf es gut, denn der Amban hatte gerade heute sein

Amt angetreten und sein Vorgänger soll ein fremdenfeindlicher,

unhöflicher Mensch gewesen sein. Ich schlief erst aus, dann ließ ich mir

die Haare schneiden und mich rasieren, was ein Schantu recht gut

besorgte. Ich gab ihm nach unserm Gelde 80 Pfennig, was im Vergleich zu

den hiesigen Lebensbedingungen sehr viel mehr bedeutet. Dennoch war der

Kerl nicht zufrieden und verließ den Hof erst, als ich ihm vorschlug,

mit mir zum Yamen zu kommen. Dort hätte man ihm sofort zwei Drittel des

Geldes, als zu viel, wieder abgenommen, so wenigstens versicherten mir

die anderen Schantus. Am Nachmittag erhielt ich vom Aksakal und einem

reichen indischen Kaufmann Besuch. Um 5 Uhr ritt ich selbst zum Yamen

und revanchierte mich dabei mit Geschenken in Gestalt einer Handlaterne

mit europäischen Lichten und einer Flasche Glycerin, die ich noch übrig

hatte. Ich sollte eines der Kinder, das Zahnweh hatte, kurieren, was ich

natürlich nicht konnte. Der Bengel hatte zur Feier des Tages zu viel

Zuckerzeug gegessen, das von den Kaufleuten des Ortes neben tausend

anderen Sachen zum Amtsantritt des Vaters geschenkt worden war. Der

Yamenhof, alle Eingänge, Säulen usw. waren mit roten Tüchern drapiert,

die nur notdürftig die Schäden der zerfallenden Lehmgebäude verdeckten.

Am Abend gab es endlich einmal etwas Ordentliches zu essen: Suppe, ein

richtiger, guter, in Butter gebratener Fisch, gebratenes Huhn und als

Nachtisch frische Maulbeeren. Am Abend kam wieder der indische Kaufmann,

um mich zu besuchen. Er stammt, wie viele seiner Landsleute in der

Gegend, aus Lahore, reist jedes Jahr einmal nach seiner Heimat und macht

im übrigen hier recht gute Geschäfte. Seine Handelsartikel sind:

gemusterte und gestreifte Seide, Kaliko in den verschiedensten Farben,

Porzellan, Zuckerzeug und auf Verlangen jedenfalls alles, was die Käufer

bezahlen können. Nebenbei verleiht er gegen hohe Zinsen auch Geld. Er

behauptete, daß seine Waren alle aus Indien stammten, während ich mich

nach eingepreßten oder auch aufgemalten Firmen überzeugte, daß sie ohne

Ausnahme russischen Ursprungs waren. Die Leute waren hier sehr höflich;

wenn ich auf der Straße ging oder den Gasthof verließ, standen sie

überall aus ihrer gewöhnlichen Hockstellung auf und machten Platz. Der

Ort ist nicht sehr groß; an die umwallte Stadt, in der die Chinesen

wohnen und in der der Yamen liegt, schließt sich nach Osten zu eine

lange Bazarstraße mit vielen Läden an. Ich sah außerdem zwei Moscheen

und ein Heiligengrab.

[Illustration: Chinesinnen mit unverkrüppelten Füßen]

Den ganzen Abend wartete ich auf den mir angekündigten Gegenbesuch des

Ambans, der mir erst sehr spät sagen ließ, er käme am nächsten Morgen.

Bei meinem abendlichen Rundgang fand ich meine Stute und den Schimmel so

kurz angebunden, daß sie sich nicht legen konnten. Der zur

Beaufsichtigung der Pferde engagierte Schantu behauptete, daß der eine

der Kavalleristen sie kurz angebunden hätte, weil sie sein Pferd

geschlagen hätten. Ich beförderte den Opium rauchenden Krieger recht

unsanft vom Kang in den Stall, wo er eigenhändig meine Pferde wieder

lang binden mußte. Wegen einiger fehlender Eisen war es unmöglich, wie

ich es eigentlich wollte, am nächsten Tage weiter zu reiten; ich

beschloß also, Masar Alldi zu besichtigen, ein Heiligengrab, das sehr

hübsch auf einem einzelnen Felskegel in der Ebene gelegen sein sollte

und einen der Hauptausflugsorte bildet. Um meine Tiere zu schonen,

mietete ich mir im Orte drei andere Pferde. Wir wollten gerade abreiten,

als einer vom Yamen kam und den Besuch des Ambans anmeldete. Ich saß

wieder ab und ließ die Pferde wegführen, um ihn zu empfangen. Der große

Eintrittsraum der mir zur Verfügung stehenden Zimmer war mit meinen

schönen, neulich gekauften Teppichen ausgestattet und machte sich sehr

hübsch. Wir warteten und warteten, der Amban kam nicht. Die Sonne stieg

immer höher, und es wurde drückend heiß; endlich, um neun Uhr, nach

zweistündigem Warten, erschien der alte Herr und hielt mich noch eine

halbe Stunde auf, so daß es nunmehr eine Tierquälerei gewesen wäre, noch

zu reiten. Daher gab ich den Ritt auf und besuchte statt dessen den

Aksakal und den indischen Kaufmann, die mir beide nach Landessitte

Zuckerzeug vorsetzten. Dem Schmied, der mittags noch nicht angefangen

hatte, die Eisen zu machen, hetzte ich den Umpasch (türkischer

Ortsvorsteher) auf den Hals. Die Karre mit meinen Sachen sollte auf dem

großen Weg nach Kaschgar gehen, während ich selbst über Terem, Lailik

und Ordan Padscha südlich der großen Heerstraße zu reiten beabsichtigte.

Da wir zu Pferde ohne jegliches Gepäck schneller vorwärts kommen

konnten, war anzunehmen, daß wir ungefähr zu derselben Zeit wie die

Karre in Kaschgar eintreffen würden. Die für heute schon bezahlten

Pferde bestellte ich für morgen zur Jagd. Der Schmied erschien noch ganz

spät abends, weil es aber schon zu dunkel war, verschob ich das

Beschlagen auf morgen und gab ihm, da ich nicht selbst anwesend sein

konnte, meine Wünsche ganz genau an. Um 4½ Uhr morgens ritten wir,

fünf Mann hoch, zur Schweinejagd. Ich hatte eine falbe Stute, die vier

anderen hatten Hengste, so daß das Gegrunze und Gequietsche kein Ende

nahm. Es fällt anfangs auf, daß in hiesiger Gegend nur Hengste geritten

werden und man gar keine Wallache findet. Dies hat aber seinen Grund

darin, daß der Wallach die Stute gegen den angreifenden Wolf oder Tiger

auf der Weide nicht schützt. Greift ein Raubtier die Herde an, so

schließen sich sämtliche Stuten zum Kreise zusammen und nehmen die

Füllen in die Mitte, wobei sie den Kopf nach innen haben, die Hengste

bleiben draußen und sollen den Tiger oder Wolf rücksichtslos mit Gebiß

und Hufen angreifen. Meine Begleiter waren Nasr, der Umpasch und zwei

vom Yamen, alle gut beritten. Es ging in der üblichen tollen Fahrt zur

Stadt hinaus in westlicher Richtung, allmählich etwas nach Süden

wendend, zuerst durch bebautes Land, dann durch heideartige, schwach mit

Tamarisken bestandene Steppe.

Bei einem einzelnen Gehöft machten wir Halt und saßen ab. Es gehört

einem wohlhabenden Schantu, Namens Togda Mehrab, eine Art

Vertrauensperson des Yamens. Ich lernte in ihm einen Mann kennen, wie

man ihn wohl selten findet. Der alte ehrwürdige Vater, der über 100

Jahre alt ist und auf fünf Generationen herabblickt, wie seine ganze

Familie waren alle gleichmäßig angenehm. Der Greis hat das Glück, nicht

einen einzigen ungeratenen Nachkommen zu besitzen. Ich wurde mit einer

Herzlichkeit aufgenommen, wie ein alter, lang erwarteter Freund, und

bekam sofort Tee, Milch und gerösteten Fisch vorgesetzt. Der Hof zeigte

bald ein Bild, wie bei uns im Herbst ein Gutshof im schönen Schlesien:

vor Versammlung zur Jagd. Die Frau des Hauses, das Muster einer guten

Hausfrau, sorgte für alle, dabei hatte sie noch ein freundliches Wort

für jeden und neckte sich mit allen herum. Wir ritten nun zur Jagd,

unter Führung des mit einer uralten Luntenbüchse und Gabel versehenen

Togda Mehrab. Jeder bekam noch zum Abschied von der Hausfrau oder ihrer

hübschen Enkelin einen Strauß Rosen geschenkt. Südwärts ging es im Pulk

galoppierend durch die nicht sehr dicht mit Tamarisken bestandene Heide,

weiter durch mehrere, hoch aufspritzende Bäche, bis wir an dem mit ganz

dichtem hohen Schilf bewachsenen Sumpfgürtel ankamen. Togda Mehrab nahm

nun die Tete, und einer hinter dem andern, ich als zweiter, ritten wir

im Schritt hinein in den Sumpf. Wir waren meist bis an den Bauch der

Pferde im Wasser und kamen nur verhältnismäßig langsam vorwärts, da das

sehr dicht stehende Schilf natürlich ein schnelles Vorwärtskommen

hinderte. Unzählige Schweinsfährten durchkreuzten das Schilf, ab und zu

kam die Fährte eines Hirschrudels, und Togda Mehrab zeigte mir die

Fährte eines starken Zehners, den er ganz genau kannte. Im Sumpf erheben

sich von Zeit zu Zeit kleine sandige Kuppen, ähnlich wie die Kanzeln,

die man bei uns zum Schießen hat; hier waren sie selbstredend

natürliche. An einer dieser Kuppen saßen wir ab, koppelten den Pferden

die Vorderbeine und machten es uns bequem, während Togda Mehrab auf

Kundschaft auszog. Bald kam er zurückgelaufen und meldete zwei Schweine,

ein großes und ein kleines. Ich zog seine hohen Stiefel an, und vorwärts

ging es zu Fuß durch den Sumpf bis zu einer großen, im Frühjahr

heruntergebrannten Strecke, auf der jetzt junges grünes Schilf wucherte.

Wir setzten uns an einer vorspringenden Ecke auf Anstand an und

warteten. Bald kamen sie, ich sah aber nur ihre hellbraunen Rückenlinien

über den Schilfspitzen und zögerte deshalb zu schießen. Die Schweine

ästen die jungen Schilfspitzen im Vorbeitrotten ab und näherten sich

bedenklich der gegenüberliegenden Schilfwand. Togda Mehrab sagte leise:

"Schieß, Herr, sie laufen sonst fort." Ich schoß auf das Schwein,

welches ich am besten sah, konnte aber nicht unterscheiden, ob es das

große oder das kleine war; es lag im Feuer, der Schuß saß Hochblatt. Der

große mächtige Keiler trollte ab; ich hatte leider die kleine geringe

Sau geschossen. Togda Mehrab ging wieder auf Kundschaft aus, kam aber

bald zurück mit der Meldung, die Schweine hätten sich verzogen. Er

brachte mir als Geschenk einen Schweinsschädel mit, den er irgendwo

vergraben haben mußte. Wir saßen auf und zogen immer tiefer in den Sumpf

hinein. Einige Male kamen wir an offene Stellen, wo die Pferde mehrere

Meter weit schwimmen mußten, so daß ich bis an die Schultern naß wurde;

mich mit der einen Hand an der Mähne festhaltend und mit der andern das

Gewehr hochhaltend, ging es aber doch ganz gut. Schließlich langten wir

an einer in Krümmungen durch den Sumpf laufenden Sandhügelkette an.

Togda Mehrab kannte jede kleine Bucht, wußte von jedem der hier

horstenden großen Bussarde, wie viel Junge er hatte, ich hätte mich in

diesem Labyrinth nicht mehr zurechtgefunden. Wir galoppierten weiter;

die Junisonne trocknete uns bald gänzlich. Wir sahen noch mehrfach

Schweine, aber vom Pferd aus ist stets schwer schießen. Einmal saßen wir

noch ab, ich hatte Glück und schoß einen groben Keiler, der im Sumpf

ruhig auf vielleicht 15 Schritt stand. Dann ritten wir allmählich

heimwärts. Ich war um eine interessante Jagderfahrung reicher und hatte

zugleich auch gelernt, daß Sümpfe, so unzugänglich sie aussehen mögen,

für den Geübten doch passierbar sind. Zu bewundern waren auch hier

wieder die Ponies, die mit einer Ruhe und Sicherheit überall hingingen,

die geradezu großartig war.

[Illustration: Nasr Togda Mehrab Meine Jagdgenossen in Maralbaschi]

Beim Hause angelangt, wurde uns ein köstliches Mahl vorgesetzt. Die Frau

hatte mir zu Ehren einen jungen Hammel geschlachtet und gekocht; Brühe

und Fleisch waren delikat; ich lernte hier zum ersten Male besonders den

Fettschwanz schätzen. Dann nahmen wir Abschied von dem gastfreien Hause.

Ich schenkte dem Besitzer mein Jagdmesser mit ledernem Gehänge,

woraufhin er mir sein turkestanisches Messer mit Ledergehänge zur

Erinnerung gab. In Begleitung des Hausherrn ritten wir zurück; im

schlanken Trabe ging es durch die Stadt, auf deren Straßen heute am

Bazartage ein lebhaftes Treiben herrschte. Im Gasthause wurde zuerst die

Jagdgesellschaft photographiert, dann der Beschlag besichtigt, der ganz

gut ausgefallen war. Dschang klagte über furchtbare Kopfschmerzen. Wie

sich später herausstellte, hatte er unsere Abwesenheit benutzt, um mit

einem "Freunde" ein "Gläschen Wein", also nach unsern Begriffen gemeinen

Fusel, zu trinken, und dann wunderte er sich noch über den Katzenjammer

und die Strafpredigt, die er von mir bekam. Togda Mehrab besuchte mich

noch in dem Gasthause und erhielt von mir eins der von allen Chinesen

und Türken vielbegehrten Frottierhandtücher für seine Hausfrau. Ich habe

allmählich, bis auf zwei ganz große, meine sämtlichen Frottierhandtücher

verschenkt.

Das Gepäck wurde verteilt, die leider wieder recht umfangreiche

Trinkgelderfrage erledigt und die Karre mit dem Gepäck entlassen. Bald

darauf ritten wir, fünf Mann und sieben Pferde stark, ab. Meine beiden

Pferde wurden an der Hand geführt, eins trug die Hinterpacktaschen, das

andere die mit den notwendigsten Ausrüstungsstücken gepackte chinesische

Satteltasche aus Aksu. Es ging heute nur 60 Li weit, die mir aber in

Anbetracht der sich allmählich einstellenden Müdigkeit endlos vorkamen.

Beim Abritt begleitete uns Togda Mehrab noch fünf Kilometer und empfahl

sich dann, wobei er mich sehr bat, doch ja zurückzukehren und dann in

seinem Hause und nicht im Gasthause zu wohnen; doch möchte ich erst im

Winter kommen, da die Jagd auf Tiger sonst zu schwierig sei und deren

Fell auch während der heißen Jahreszeit lange nicht so schön sei wie in

der kalten.

Wir überschritten unendlich viele Brücken, ließen einen nicht

unbeträchtlichen See links liegen und befanden uns meist auf sandigen

Wegen im lichten Walde. Um elf Uhr abends waren wir in Chamal, wo uns

der Umpasch, ein Bruder Togda Mehrabs und diesem sprechend ähnlich, sehr

gut und ebenso freundlich aufnahm. Ich schlief vor allen Dingen

ordentlich aus, und zwar in dem Bette der Dame des Hauses, was ich zwar

erst nicht annehmen wollte, aber nicht abschlagen konnte. Nach dem

letzten anstrengenden Tage bedurfte ich allerdings dringend der Ruhe.

Auch die hiesige Gegend war ein einziger, fruchtbarer, großer Garten, in

dem alle Arten Obst, Mais usw. angebaut wurden. Es herrschte ein

Überfluß an Holz, den ich der Tientsiner Gegend wünschte. Jedermann

wußte mit der Büchse umzugehen, wie ein alter gelernter Jäger; jeder war

ein guter Schütze, hatte Jagdpassion und Jagdverständnis.

Nachmittags ging ich wieder, dieses Mal zu Fuß, mit Togda Mehrabs Bruder

auf Schweinsjagd, kam jedoch nicht zum Schuß. Um 5½ Uhr marschierten

wir weiter, kreuzten den Yarkand darya und waren um 9½ Uhr in Achsach

Maral, wo wir beim Umpasch unterkamen. Leider plagte mich über Nacht

Ungeziefer, so daß ich nicht schlafen konnte. Morgens ging ich mit einem

Mann des Dorfes auf Antilopenjagd. Die Gegend ist hier sandiger, und

Antilopen kommen viel vor. Wir hatten Glück und kamen, auf dem Bauche

zwischen den Sanddünen entlang kriechend, an einen Sprung auf vielleicht

30 Schritt heran, ohne daß die Tiere uns bemerkt hätten. Ich schoß den

Leitbock weg; er lag im Feuer. Die Tiere waren so bestürzt, daß sie alle

durcheinander liefen und nicht wußten, woher und wohin. Die zweite Kugel

brachte einem geringeren Bock einen schweren Halsschuß bei; er lief noch

50 Schritte und brach dann zusammen, ich gab ihm den Fang. Wir pirschten

weiter, und nochmals hatte ich das Glück, an einen Sprung heranzukommen

und auf ungefähr 110 Schritte ein Tier umzulegen.

Die Hitze war inzwischen unerträglich geworden, so daß wir zum Dorf

zurückgingen und die Jagdbeute hereinholen ließen.

Nachmittags ritten wir weiter durch das mit Büschen und Baumgruppen

bestandene Weideland. Einmal sahen wir einen Hirsch, der jedoch schon

flüchtig wurde, als wir auf ungefähr 400 Meter heran waren; es war ein

guter Zehner, den die Leute aus dem Dorfe ganz genau kannten. Gegen

Abend wurde es empfindlich kalt; wir marschierten auf einem Damm, links

lag ein flacher See. Um 10 Uhr waren wir in Ala Argi, wo wir wiederum

beim Umpasch gut unterkamen. Wenn man in dieser Gegend nicht von den

Leuten aufgenommen wird, muß man biwakieren, denn Gasthäuser gibt es

hier nicht. Ich hatte indessen, wie stets in Turkestan, ein

Begleitschreiben vom Yamen mit, welches die Ortsvorsteher anwies, mir

jede gewünschte Unterstützung zuteil werden zu lassen. Früh morgens am

7. Juni brachen wir nach Meinet auf. Der Weg führte teils durch

vollkommenen Urwald, teils durch Ackerland, welches stets gegen das hier

sehr zahlreiche Wild stark eingezäunt ist. Auf einer überschwemmten

Strecke ungefähr 5 Kilometer lang mußten wir durch knietiefen, zähen

Schlamm, so daß Mann und Pferd hinterher im wahrsten Sinne des Wortes

wie aus dem Morast gezogen aussahen. Auch hier bemerkte ich sehr

zahlreiche Fährten von Schweinen, zuweilen auch solche vom Hirsch, Wolf

und Fuchs. Der noch in Maralbaschi gar nicht seltene Tiger kommt hier

nicht mehr vor. Der Damm war sehr schlecht gehalten, die Brücken

sämtlich eingefallen. Vereinzelt traf man an gerodeten Strecken kleine

Ansiedlungen, meist nur aus einem alten Lehmhaus bestehend.

[Illustration: Türkinnen]

Gegen 3 Uhr waren wir in Meinet, einem aus verstreut liegenden Gehöften

bestehenden Dorf. Die armen Pferde waren infolge des Marsches durch den

Sumpf und infolge des Staubes sehr müde. Die meinigen waren besser in

Training, man merkte es ihnen nicht so sehr an, während die vom Yamen

ganz abgefallen waren und gar nicht fressen wollten. Wir kamen auch

hier wieder beim Umpasch unter. Mein Wirt war mehrfacher Großvater, und

im Hause waren elf kleine Kinder, die abwechselnd ununterbrochen

schrien. Sonst waren die Leute die Höflichkeit selbst und ich wurde in

jeder Beziehung als großer Herr behandelt, was teilweise gar nicht

bequem war. Wenn ich z. B. nur die Nase zur Tür hinaussteckte, um nach

meinen Ponies zu sehen, stand sofort alles ehrerbietig auf. Im übrigen

zeigte sich hier wieder, daß die Neugierde eine weibliche Eigenschaft

ist. So hatte eines der jungen Weiber durch eine Türritze beobachtet,

wie ich in einem Holzbottich badete; nun amüsierte sich alles großartig

darüber, und das Gekicher wollte kein Ende nehmen.

Im Sattel durch Zentralasien: 6000 Kilometer in 176 Tagen · 第 22 / 26 段