gestern recht mager geworden waren. Ich faßte zuerst Dschang, der
natürlich vorgab, von nichts zu wissen, aber an dessen Benehmen ich
sofort merkte, daß nicht alles in Ordnung war. Echt chinesisch schob er
alles auf seinen Kameraden, wollte jedoch den Verlust von 100 Cash, den
ich angab, aus seinem eigenen Gelde ersetzen, woraus ich schloß, daß das
Gestohlene mindestens dreimal soviel betrug. Ich hatte bald Gelegenheit,
mich von der Richtigkeit dieser Ansicht zu überzeugen. Als Dscho, den
ich ausgeschickt hatte, zurückkam, stellte ich sofort Haussuchung an; in
seinen Decken, in seinen Kleidern, überall kamen gestohlene Cashrollen
zum Vorschein. Er war aber derartig im Vorschuß bei mir, daß ich ihn, um
nicht noch mehr Geld zu verlieren, weiter mitnehmen mußte. Dann fehlten
meine Photographien. Ich setzte sofort Himmel und Erde in Bewegung; der
Yamen hatte bereits Reiter gestellt, die nach dem letzten Quartier
zurückreiten sollten, um nachzufragen, als sie sich doch noch fanden und
der ganze Lärm umsonst gewesen war.
[Illustration: Blick aus Aksu]
Der Yamen schickte, wie üblich, alles zum Leben Notwendige. Ich wollte
mich bald dort melden und befahl meinen Leuten, sich zu beeilen. Aber
wenn ein Chinese Toilette macht, so dauert das meist länger als bei
einer unserer verwöhntesten Damen in Deutschland. Erst gingen sie essen,
denn ohne etwas im Magen ist der Chinese unbrauchbar, dann mußten sie
Schuhe kaufen, dann ließen sie sich den Kopf rasieren und den Zopf neu
machen, kurzum, es dauerte volle vier Stunden, bis sie glücklich bereit
dastanden, um zum Yamen zu wandern. Ich engagierte in der Zwischenzeit
auf Empfehlung des Aksakals hin, den Sven Hedin in seinem Buche im Bilde
verewigt hat, noch einen Schantu, der sich mir anbot, so daß mein
Hofstaat nun auf drei Diener angewachsen war. Ich nahm den Mann nur, da
er neben seiner Muttersprache, dem Türkischen, auch noch Chinesisch
vollkommen beherrschte und mir so weiterhin von Nutzen sein konnte. Wir
ritten nun zuerst zum Taotai, einem jovialen alten Herrn mit rotem
Rangknopf. Er war sehr liebenswürdig; mir fiel auf, daß er merkwürdig
familiär mit seinen Untergebenen umging. Zum Besuche war, wahrscheinlich
als Dolmetscher, der Beamte der hiesigen Telegraphenstation geholt
worden. Außer "how do you do" konnte er aber nichts, so daß wir uns bald
wieder chinesisch unterhielten. Der alte Herr begleitete uns zum
Abschied aus dem Hause hinaus.
Wir ritten weiter zum Amban, wo ich einen großen Volkshaufen in
ungeheurer Aufregung vorfand. Im Hofe bildete bis zum Haupttor
Infanterie Spalier, die mit ihrer altertümlichen Bewaffnung einen höchst
spaßigen Eindruck machte. Als ich durchritt und mit meiner etwas hohen
Stimme mehrfach "Platz!" rief, wurde ich von allen Seiten verspottet und
nachgeahmt. Ich erfuhr nun endlich auch, was eigentlich vorging. Ein
Mann sollte hingerichtet werden, und das Volk war darüber vor Erregung
wie toll. Ich ließ mich beim Amban anmelden und wurde sofort gebeten,
näherzutreten. Er ist ein geborener Ningpoer; ich verabschiedete mich
bald wieder, da auch der alte Herr von der Hinrichtung ganz hingenommen
schien und mit seinen Gedanken gar nicht bei der Sache war. Beim
Herausreiten aus dem Yamen benahmen sich die Soldaten frech gegen mich,
so daß ich zurückritt und mir den ersten Bedienten des Beamten kommen
ließ, der sofort mit Knüppeln energisch für mich Platz schaffen ließ.
[Illustration: Ich wollte den Scharfrichter photographieren, wobei er
den Kopf des Verbrechers fallen ließ]
Kaum hatte ich den Yamen verlassen, so fuhr eine Karre in den Hof. Der
Deliquent, ein Chinese, erschien und wurde unter dem Geheul der Menge
von vier bis fünf Yamenleuten auf die Karre geladen. Die beiden
Trompeter bliesen Fanfaren, und der Zug mit der Infanterie an der Spitze
ging los. Es folgte die Karre mit dem Deliquenten, dann kam der
Kommandeur des hiesigen Infanterie-Bataillons im scharlachroten Mantel
mit einigen andern Offizieren und Mafus dahinter. Der Marsch ging nach
dem ganz nahen Westtor. Die Menge tobte und brüllte ohne Unterlaß:
"Scha! scha!" (töte ihn! töte ihn!) Ich ritt ganz hinten und konnte von
der Stute aus alles übersehen. Als der Wagen am Tor war, konnte die
Menge es nicht mehr erwarten, alles griff zu und im Laufschritt wurde
die Karre vorwärts gestoßen. Am Richtplatz wurde der Deliquent
heruntergerissen, in die Knie gedrückt, und schon rollte der Kopf im
Sande unter allgemeinem "Ah" der Menge. Einer der mich umstehenden
Chinesen meinte zu mir: "Das ist doch noch schöner, als das Theater."
Die Trompeter bliesen nach der Exekution langgezogene Fanfaren, es klang
beinahe wie zum Halali. Die Menge drängte sich um den Körper, der Kopf
wurde sofort weggetragen, wobei sich die damit beauftragten Soldaten den
Scherz machten, ihn so am Zopf zu schlenkern, daß alle Umstehenden mit
Blut bespritzt wurden, dann kam der Kopf in das übliche Kästchen, um an
seinem Heimatsorte zur Warnung aufgehängt zu werden.
[Illustration: Scharfrichter, Schwert in der rechten Hand]
Ich hatte unterdessen den Gegenbesuch des Taotais verfehlt, den ich
unterwegs in seiner Karre, von meinem Hause zurückkehrend, traf. Bald
darauf kam auch der Amban zum Besuch. Abends machte mir Dscho, der sich
in seiner Dummheit noch immer nicht über das gestohlene Geld beruhigen
konnte, eine Szene, erklärte, daß er nach Karaschar zurück wolle, und
forderte im unverschämtesten Tone Geld. Ich setzte ihn etwas unsanft
hinaus, nahm ihm seine Sachen weg, damit er nicht fortlaufen konnte und
erklärte ihm, daß wir unsere Angelegenheiten morgen auf dem Yamen vor
dem Amban ordnen würden. Ich war recht müde, da man mich den ganzen Tag
belagert hatte, und schlief wie ein Toter. Frühmorgens am 25. Mai kam
Dschang, um für seinen Kameraden zu bitten, der natürlich Angst vor den
Prügeln hatte, die ihm bei der Klarheit des Falles mit Sicherheit auf
dem Yamenhofe bevorstanden. Meine drei Pferde waren so sauber wie noch
nie, das Essen ganz besonders gut hergerichtet. Dscho hatte sich die
äußerste Mühe gegeben, obwohl er auch sonst nicht faul war. Vorläufig
ließ ich ihn noch etwas zappeln, was ihm nur dienlich sein konnte.
Um 10 Uhr machte ich mich auf den Weg nach dem alten Aksu, das ungefähr
50 Kilometer nördlich gelegen ist. Wir durchritten die umwallte Stadt
und die nördliche Vorstadt, in der der Hauptverkehr und Handel sich
abspielt, dann ging es entlang dem Aksu darga, dessen Tal reich angebaut
ist. Die Talwände steigen in senkrechten, hohen Lehmmauern zu einer
staubigen, lehmigen Ebene auf, durch die eine Zeit lang der Weg führt.
Man kann sich kaum einen größeren Gegensatz denken, als dieses reich
angebaute Tal und die öde Ebene. Der Boden im Tale ist hier sehr
wertvoll, die Begräbnisstätten liegen daher alle oben im schlechten
Boden. Wir ritten eine ganze Zeit lang zwischen Kirchhöfen mit ihren
kleinen Kuppelbauten und ihren unzähligen würfelförmigen Gräbern, genau
wie man sie in Konstantinopel sieht. Unten im Tale wird ein sehr guter
Reis angebaut, die überschwemmten Felder ließen dies schon von weither
erkennen. Beim Eintritt in die Stadt fiel sofort an hoher Stange im
Käfig der Kopf des gestern Hingerichteten auf, zu dem noch immer viele
Neugierige strömten. Wir ritten durch viele, lange, wundervoll kühle
Bazarstraßen, die so gut oben eingedeckt sind, daß es fast dunkel darin
ist, zum Yamen des Wangtsy[4] Hadyr. Er war nicht zu Hause, sondern
erwartete uns in seinem Garten außerhalb der Stadt. Trotzdem mich einer
der Beamten vom chinesischen Yamen schon vorher angemeldet hatte, kam in
voller Fahrt ein Diener angeritten, um uns zu führen.
[4] Wangtsy = Prinz
Am Garten, der noch im Entstehen begriffen ist, erwartete mich außerhalb
der Prinz, ein Mann im besten Alter mit Schnurrbart und rasiertem Kinn,
in der Kleidung eines vornehmen Chinesen. Er könnte jederzeit für einen
Chinesen besseren Standes gelten. Ich wurde zu einem nach allen Seiten
offenen Pavillon geführt, dessen Fußboden mit Teppichen belegt war. Wir
setzten uns auf Feldstühle, und es wurde Tee und russisches Zuckerwerk
gereicht. Die Unterhaltung drehte sich um die üblichen Fragen. Das
Plätzchen ist hier sehr angenehm, auf zwei Seiten rieselt ein Kühlung
spendender Bach; fünf Musikanten führten Musik auf einer derselben sang
dazu. Ich bekam dann noch Schlagsahne, eine Art Kalbfrikassee und Rührei
mit Früchten darin vorgesetzt. Man brachte zuerst den Teller mit dem
Fleisch, auf dem ein kleiner hölzerner Löffel lag. Da man mir keine
Eßstäbchen gab, fing ich an, mit dem Löffel zu essen, nicht ahnend, daß
ich damit einen groben faux pas beging, denn es war der Vorlegelöffel.
Nach dem Essen fragte man mich, ob ich nicht noch den Aksakal besuchen
wollte, der sehr weit entfernt wohnte, offenbar ein Wink mit dem
Zaunpfahl, mich zu empfehlen, dem ich schleunigst Folge leistete.
Natürlich wurde beim Abschied die nach chinesischen Begriffen
schwanzlose Stute gebührend bewundert, nicht ohne den üblichen
erstaunten Seitenblick, daß ich eine Stute reite.
[Illustration: Türkischer Prinz in Aksu -- Hadyr]
Wir ritten nun zum Aksakal, der nicht zu Hause war; dann versuchte ich
im Bazar mehrfach, kupferne Krüge zu erstehen; es war aber infolge
unverschämter Forderung nicht möglich. Weiter führte mich ein gewandter
Chinese nach dem Serail der Chotaner Teppichhändler. Hier bekam ich sehr
schöne, mit der Hand geknüpfte Kamelhaarteppiche zu sehen. Wir
handelten lange; der Verkäufer, ein junger Mann aus Chotan, war
eigensinnig und wollte mit dem Preise von 10 Taels das Stück nicht
heruntergehen, obwohl ich ganz genau wußte, daß er zu hoch war.
Schließlich kam der Älteste des Serails herzu. Mein Chinese und der Alte
steckten sich gegenseitig die rechte Hand in den langen weiten Ärmel, um
nun mit einem sehr geschickten, gegenseitigen Fingerspiel den Preis zu
bestimmen. Sie einigten sich auf 15½ Taels für zwei Stück. Der Alte
erklärte dem Jungen, der noch immer nicht einwilligte, daß er noch ein
Kind sei, im übrigen wurde er gar nicht weiter gefragt und der Kauf war
abgeschlossen. Bei einem andern Verkäufer in demselben Hofe kaufte ich
zu demselben Preise noch zwei andere sehr hübsche Teppiche, dann ritten
wir zurück. Der vermittelnde Chinese erhielt einen Tael Trinkgeld. Ich
wollte eigentlich die ganze Gesellschaft mit einem Stück Silber
auszahlen, jedoch belehrte mich mein Führer, daß dies eine Torheit wäre,
da der chinesische Bankier auf je ein Zehntaelstück Silber, das man bei
ihm wechselt, ungefähr 1/3 Tael in Kupfermünzen zugibt. Ich ließ daher
erst bei dem Bankier die Gesamtsumme in Kupfer wechseln und bezahlte die
Teppichhändler in Kupfer. Auf diese Weise sparte ich ungefähr einen
Tael.
Später kaufte ich noch kleine Jetsachen sowie chinesische Schuhe und
Strümpfe, da ich es in meinen schweren Schnürstiefeln mit den wollenen
Strümpfen nicht mehr aushalten konnte. Doch bewährten sich die Strümpfe
nicht, denn da sie aus Leinen sind, sind sie noch weniger durchlässig
als wollene. Der Scharfrichter, den ich photographiert hatte, stellte
sich ein und quälte mich um sein Bild. Natürlich konnte ich es ihm nicht
geben, da mir alles zum Entwickeln der Films fehlte, was die Leute
niemals begreifen konnten. Sie dachten immer, wenn man sie
photographierte, müßten sie auch immer gleich ihr Bild zu sehen
bekommen. Es hatte sich herumgesprochen, daß ich Teppiche gekauft hatte,
und nun wurde ich den ganzen Tag über von Leuten bestürmt, die mir den
verschiedenartigsten Schund aufhängen wollten. Der europäische
Geldbeutel gilt eben als unergründlich. Mein neuer Diener Nasr bat um
ein Darlehn von 2 Taels, da er seine Sachen im Pfandhause habe;
anscheinend bei diesen Leuten ein chronischer Zustand. Ich gab sie ihm
infolge schlechter Erfahrungen ungern, ließ mich aber schließlich
erweichen, da er nichts Ordentliches zum Anziehen hatte. Nach und nach
brachte er mir einen Teil des Geldes zurück, den er sich wahrscheinlich
von seiner Freundschaft zusammengeborgt hatte.
Um fünf Uhr nachmittags marschierten wir ab. Wir waren noch nicht zehn
Li weit, als ein abscheulicher Staubsturm losbrach. In dem sandigen Tale
des Aksu darga reitend, kreuzten wir zwei oder drei Arme desselben, die
ungefähr einen Meter tief, und, da man nicht die Hand vor Augen sehen
konnte, recht unangenehm zu durchschreiten waren. Schließlich gelangten
wir an den Hauptarm, dessen gelbe, reißende, sich südwärts wälzende Flut
mittels Fähre überschritten wird. Die Fähre lag am rechten Ufer etwa 10
Meter von diesem entfernt. Man ritt durch das Wasser heran und
balanzierte vom Pferd aus hinein; die Tiere mußten dann über den einen
Meter hohen Bord hineinspringen. Ich sah die meinigen schon mit
gebrochenen Knochen bei dem lebensgefährlichen Manöver. Aber es ging
besser als man dachte; die Stute und der Schimmel sprangen glatt hinein,
nur der Dicke streikte, und wenn der einmal nicht will, ist nichts mit
ihm anzufangen. Ich ließ nun aus einigen Bohlen eine Art Laufsteg ins
Wasser bauen, redete meinem guten Dicken gut zu, und siehe da, er
kletterte gutwillig hinein. Als wir glücklich alle darin waren,
erklärten die Fährleute, wir müßten noch einige Stunden warten, bis der
Sturm sich gelegt hätte. Natürlich allgemeine Entrüstung. Auf meine
Frage, warum sie uns das nicht gleich gesagt hätten, erwiderten sie, wir
hätten sie ja gar nicht gefragt, sondern wären gleich in die Fähre
gestiegen. Ich ließ mir das nicht gefallen und befahl, loszufahren, aber
ich hätte es mir sparen können. Sechzehn Mann arbeiteten mit dem dazu
gehörigen Geschrei, ohne das Boot weiter als bis in die Mitte des gar
nicht sehr breiten Flusses bringen zu können. Der gewaltige Sturm
drückte derartig gegen, daß wir nicht vorwärts kamen, dabei trieb uns
die sehr starke Strömung fortwährend flußabwärts. Schließlich saßen wir
auf einer Sandbank fest. Nach vieler Mühe kamen wir wieder los und
landeten zuletzt an demselben Ufer an einer Flußwindung, ungefähr zwei
Kilometer vom Ausgangspunkt. Der Sturm nahm eher zu als ab. Ich ließ
daher ausladen und beschloß, zurückzureiten.
Zuerst ging es zur Karre, um meine Leute zu benachrichtigen, dann
führten uns die Kavalleristen zu einem nicht sehr weit entfernten Dorf,
bei dessen Ortsvorsteher wir uns einquartierten und recht gut
unterkamen. Die Pferde hatten einen sehr guten Stall, und ich bekam
etwas zu essen. Das beste Zimmer war von einem Opium rauchenden
Mandarinen, dem es ebenso wie uns gegangen war, besetzt. Ich sollte die
eine Hälfte bekommen, verzichtete aber lieber, da der Opiumgeruch der
einzige Geruch ist, an den ich mich in China nicht gewöhnt habe. Ich
nahm mit einem kleinen, aber sauberen Raume vorlieb. Unser Nachtquartier
hieß Tschochtan.
Über Nacht legte sich der Sturm. Am 27. Mai morgens hatten wir an der
Fähre wieder dasselbe Theater wie gestern. Der Dicke streikte heute
gänzlich, und ich war schon drauf und dran, mich auszuziehen und ins
Wasser zu steigen, als mir zum Glück noch ein alter Trick einfiel, mit
dem wir unsere Pferde in die Eisenbahn besorgen, nämlich, sie einfach
mittels hinten angespannten Obergurts hineinzuziehen. Ich ließ einen
Strick hinten anlegen und an beiden Seiten Leute ziehen, worauf mein
Dicker ganz willig hineinspazierte. Die Überfahrt an das andere, einen
Meter hohe Ufer mit steiler Böschung ging glatt von statten; die Pferde
sprangen direkt ans Land, und wir trabten bald lustig auf Humpasch zu.
Der Weg verschlechterte sich zusehends; da es im Gebirge stark geregnet
hatte, standen lange Strecken ganz unter Wasser. Viele der kleinen
Brücken waren weggerissen, so daß wir uns oft gezwungen sahen, große
Umwege durch das seichte Wasser zu machen. Einmal fingen wir einen fast
meterlangen Fisch, der im seichten Wasser nicht vorwärts konnte. Er
bildete eine sehr angenehme Abwechslung der Speisenkarte. Um 2 Uhr waren
wir in Ajikur, wo wir gut unterkamen. Bald nach uns langte eine Karre
mit einer Halbweltdame an, die mir sofort in die Stube lief. Inzwischen
entwischte ihr der bereits bezahlte Karrenführer, und es gab draußen
eine Szene, bei der man eine Sammlung der gemeinsten Schimpfworte zu
hören bekam. Merkwürdig und recht bezeichnend für die nicht allzu hohe
Sittlichkeit des Volkes ist es, daß die verheirateten Frauen mit dieser
Sorte Weiber wie mit ihresgleichen verkehren. Den ganzen Abend spielten
sie draußen auf dem Kang Karten, was schließlich auch mit einem Streit
endigte.
[Illustration: Türkin aus Chotan]
Vom Amban in Aksu hatte der mich begleitende Yamenbeamte ein
Begleitschreiben mitbekommen, wonach die Ortsvorsteher uns Pferdefutter,
welches sich die Reisenden im allgemeinen mitzubringen pflegen, zu
liefern hatten. Der hiesige Ortsvorsteher verstand sich jedoch erst
dazu, nachdem die Kavalleristen eine längere Auseinandersetzung mit ihm
gehabt hatten. Ich persönlich habe übrigens niemals daran gedacht, etwas
zu fordern: lieferten die Leute etwas, so nahm ich es dankbar an und
vergalt es mit einem Geldgeschenk, gaben sie nichts, so mußte ich eben
kaufen, was ich gebrauchte. Da es am 28. Mai wieder sehr heiß war,
beschloß ich, über Nacht zu marschieren und rastete noch bis zum
Nachmittag. Gegen 4 Uhr ritten wir ab. Im nächsten Dorfe entstand ein
Streit zwischen einem meiner Kavalleristen, meinem Yamenbeamten und dem
Ortsältesten. Da ich die Türkisch sprechenden Leute nicht verstand, ließ
sich nicht feststellen, um was es sich handelte, doch konnte ich den
Verdacht nicht unterdrücken, daß die Gesellschaft hinter meinem Rücken
meinen Namen zu Erpressungen benutzte. Es ging weiterhin durch
knietiefen Sand, einen im Bau befindlichen Kanal entlang, der das
überflüssige Wasser des Aksu darga ableiten soll, um einerseits neue
Strecken urbar zu machen und andrerseits Überschwemmungen vorzubeugen.
Am Ende war ein Riesenbiwak von ungefähr 3000 Arbeitern, überall lohten
die Feuer, anstatt des Pferdegewiehers hörte man den klangvollen Schrei
des Esels. Die Arbeiter waren beim Kochen des Abendessens, es herrschte
ein lebhaftes Treiben im Lager. Von weitem konnte man sich einbilden, an
ein deutsches Manöver-Biwak heranzureiten.
Gegen 1 Uhr nachts kamen wir nach einer einsamen Posthalterei; die
Pferde waren sehr müde und infolge des knietiefen Sandes warm geworden.
Bis der Wagen kam, warteten wir, dann marschierten wir noch bis zur
nächsten Posthalterei an einer salzhaltigen Quelle. Man sagte uns, es
gäbe bis Kaschgar kein gutes Wasser mehr. In der Tat schmeckte das
Wasser schauderhaft bitter, und selbst die Pferde wollten es nicht
saufen. Der Ort hieß Tschyrchuduch. Das Frauenzimmer von gestern fuhr
mit ihrer Karre beständig hinter der meinigen her. Sie hatte natürlich
gehofft, an mir einen guten Fang zu tun, und mag recht enttäuscht
gewesen sein, denn ich ließ einfach das Haupttor sperren, so daß sie
draußen bleiben mußte. Über Nacht kam Staubsturm aus Nordwesten auf; es
war morgens so ungemütlich, daß ich bis 2 Uhr nachmittags wartete, zu
welcher Zeit sich der Staubsturm etwas gelegt hatte. Auch als wir
abmarschierten, war es noch immer drückend schwül. Der Weg führte wie
gestern durch Wüste mit vereinzelten Kamischbüscheln. Gegen 4 Uhr kam es
aus Osten bei kaltem Winde wie eine schwarze Wand angesaust, es war ein
neuer Staubsturm, der bedeutend stärker war als der erste; er brachte
Abkühlung, und da er von hinten kam, wirkte er nicht unangenehm.
Der Umbasch in Tschylangtai, wo wir über Nacht bleiben wollten, ließ mir
sagen, daß ich mich zu ihm bemühen solle, um ihm meinen Paß zu zeigen.
Dies war insofern eine Unverschämtheit, als ihm der Beamte vom Yamen Aksu
bereits das Begleitschreiben seines Herrn vorgezeigt hatte. Ich ließ ihm
zurücksagen, er möge zu mir kommen. Da er nicht erschien, schickte ich
Nasr hin, worauf er sofort kam und alles Vorhergegangene bestritt.
Wahrscheinlich hatten sich die Kavalleristen mit dem in Wirklichkeit ganz
gutwilligen Alten einen Witz erlaubt, weil er auf ihre Anzapfungen,
betreffend Pferdefutter usw., nicht eingegangen war. Am 30. Mai
marschierten wir früh ab; es ging durch Wüste, die allmählich in Steppe
mit Baumwuchs überging. Am Rande der Wüste steht ein altes verlassenes
Soldatenlager aus den Zeiten der Fürsten von Kaschgar. Wir rasteten und
futterten in einem kleinen Nest mit einer salzigen Quelle und marschierten
um 5 Uhr abends weiter nach Scheitai, d. h. elfter Meilenstein. Es ging im
mahlenden Sande meist durch dichten, Schatten spendenden Wald, abwechselnd
mit drei bis vier Meter hohen, auf kleinen Erdhügeln stehenden
Kamischsträuchern. Ich kann mir die Entstehung der Erdhügel nur so
erklären, daß Jahrhunderte lang die Verwitterungsprodukte desselben
Strauches diesen Hügel gebildet haben, auf dem dann der Strauch
fortwuchert. Eine kurze Zeit lang hatten wir südlich den jetzt kaum Wasser
führenden Kaschga darga in Sicht. Im Norden traten die Sanddünen der Wüste
hervor. Der Weg ging teilweise auf einem recht gut erhaltenen Knüppeldamm
mit vielen Wasserdurchlässen, die sich auch alle in gutem Zustande
befanden. Abends kamen wir nach Scheitai, wo ich aus den besten Zimmern
des Gasthofs erst einige Landstreicher herausbesorgen mußte, um
Unterkommen zu finden.
Leider gab es über Nacht eine große Pferdeschlacht. Ich hatte am Abend
allein neun Hengste im Hofe gezählt, von denen, nach der üblen Sitte der
Karrenführer, über Nacht keiner angebunden war. Ich wachte von dem
Geschrei der Hengste auf, nachdem ich schon am Abend vorher hatte Ruhe
stiften müssen, da die Hengste natürlich alle zu meiner Stute, der
einzigen im Hofe, gelaufen kamen. Mein Schimmel, der sich mit der Stute
sehr angefreundet hatte, geberdete sich wie toll und hatte Streit mit
allen Hengsten. Ich stand auf und fand die ganze Gesellschaft bei meinen
Pferden; der Schimmel war los und blutete bereits mehrfach. Auch die
Stute war hinten rechts verletzt. Nun lief mir doch die Galle über, ich
trieb mit der Peitsche alle Karrentreiber heraus und ließ die Hengste
anbinden.
Auch heute, 31. Mai, ging es durch Wald, der aber teilweise abgestorben
ist; wahrscheinlich hat ihm der vordringende Sand die Lebensbedingungen
genommen. Weiterhin sahen wir wieder viel Kamisch. Wir waren schnell
geritten und ich kam mit meinen Leuten schon gegen 12½ Uhr in
Scheitai an. Die Karre folgte erst um 4 Uhr.