inmitten von Gärten gelegenen Vorstädten von Kutscha anlangten. Noch
eine ganze Zeit lang ritten wir durch Vorstädte, ehe wir den Basar
erreichten, in dem noch lebhaftes Treiben herrschte. Überall sah man die
Leute auf den mit Filzteppichen bedeckten Kangs vor den Häusern sitzen,
allenthalben hörte man zur Gitarre singen; die Verkäufer schrien ihre
Eßwaren aus, Kinder spielten auf den Straßen, und man hatte das Gefühl,
bei einem friedlichen, glücklichen Volk zu sein. Die Weiber gehen hier
alle ganz weiß gekleidet. Durch die Mitte der Stadt fließt ein Bach,
dessen Brückenbelag abgenommen war, wahrscheinlich aus Furcht vor dem
infolge des starken Regenfalles zu erwartenden Hochwasser. Guter Rat war
teuer; der Kavallerist benutzte die Gelegenheit, um im Dunkel zu
verschwinden, wofür ich ihm morgen beim Yamen zu verklagen beschloß.
Endlich wies uns ein des Weges kommender Karrenführer nach einer einen
halben Kilometer oberhalb liegenden Furt, die wir glücklich in der
Dunkelheit passierten. Dann ging es durch eine Menge dunkler Gäßchen und
endlich hielten wir am Ziel, dem Hause des Aksakals, der hier die
russischen Interessen vertritt. Ich hatte den alten Mann in Bugur
getroffen und er hatte mich gebeten, in seinem Hause in Kutscha Wohnung
zu nehmen, was ich gern annahm. Die Leute im Hause waren bereits durch
einen vorausgesandten Brief über mein Kommen unterrichtet. Man nahm mich
sehr freundlich auf und gab mir ein hübsches Zimmer, Tee, Brot und
Süßigkeiten. Der Stall war allerdings weniger gut. Infolge meines
Ausschlages konnte ich leider nicht schlafen und wälzte mich bis zum
Morgengrauen ruhelos auf den Filzteppichen herum.
Die Karre kam am 15. Mai erst gegen 7 Uhr morgens an; die Tiere waren in
dem teils knietiefen Schlamm nur langsam vorwärts gekommen. Für den
Vormittag setzte ich großes Reinemachen an, dann wanderte Dschang zum
Yamen, um mich anzumelden. Er erschien wieder in Gala, und beguckte sich
fortwährend im Spiegel. Kleider machen Leute, man ahnt gar nicht, was
bei anständiger Behandlung, gutem Essen und guter Kleidung alles aus
einem schmutzigen, verlausten Kuli werden kann. Gegen 11 Uhr ritt ich
dann selbst mit Vorreiter und einem berittenen Schantu als Führer durch
die stark belebten Straßen zum Yamen. Man ließ mich erst warten, die
Böllerschüsse und das Öffnen des Haupttores fielen weg. Dagegen war eine
ganze Unzahl von Dienern, darunter mehrere mit Mandarinenknopf,
aufmarschiert. Zum ersten Male sah ich hier auch Schantus mit dem
Abzeichen der chinesischen Mandarinen, es sind solche, die eine Art
Dolmetscherposten am Yamen innehaben und bei den Gerichtsverhandlungen
gegen Schantus den Beamten unterstützen. Bald kam auch der Mandarin,
wieder ein Hunanese. Er ist lange in Peking gewesen und spricht ein sehr
schönes Hochchinesisch, so daß wir uns die kurze Zeit unseres
Zusammenseins sehr gut unterhielten.
[Illustration: Mein Diener Djo Kutscha -- Leute sehen durch meinen Zeiß]
In Kutscha waren gerade zwei japanische Offiziere anwesend, über deren
Mission und Absichten man sich im Yamen nicht ganz klar war. Man bat
mich um Auskunft, die ich natürlich nicht geben konnte. Sie gaben vor,
hier den Buddhismus studieren zu wollen und gruben augenblicklich in
einem Dorfe südlich Kutscha alte Grabdenkmäler aus. Man schien sie nicht
für voll zu rechnen, aber der Mandarin war seiner Sache nicht ganz
sicher und fragte sehr vorsichtig. Beim Abschied begleitete er mich
nach chinesischer Sitte bis zu dem geöffneten Haupttor; natürlich wurde
das große Pferd gebührend angestaunt.
Im Quartier war inzwischen schon das übliche Deputat des Yamen,
bestehend aus Pferdefutter, einem Hammel und zwei Hühnern angekommen.
Ich ließ meinen Dank sagen und schickte dann zum hier residierenden
Schantufürsten, um anzufragen, wann ihm mein Besuch angenehm sei. Er bat
mich, morgen zu kommen, da er heute, am Basartage, sehr beschäftigt sei.
Ich aß zu Mittag und empfing mehrere angesehene Schantus, die mir ihren
Besuch machen wollten. Unter andern kam auch der erwachsene Sohn des
Besitzers meiner hübschen Wohnung, der über den fremden Eindringling
sehr erstaunt war, denn man hatte ihn von meinem Kommen nicht in
Kenntnis gesetzt.
Nachmittags wanderte ich mit einem Chinesisch sprechenden Schantu und
meinen beiden Chinesen in die Stadt, um den Basar zu besichtigen. Das
war ein buntes Treiben; jede Gilde hat ihr besonderes Viertel, da waren
solche, die Kattune und andere leichte Stoffe, sämtlich europäischer
Herkunft, feilhielten, dann Schuster, Lederhändler, Schmiede, ferner
Mützenhändler mit reizenden Mustern, meist Taschkenter Herkunft, und
Schneider; vielfach sah man hier schon Nähmaschinen russischen
Ursprungs. Salz wurde in großen grauen Stücken, ungereinigt,
feilgehalten. Dazu erfüllten allerlei Eßwaren mit ihrem Fettgeruch die
Luft. Hier hielt einer mit lebhaften Geberden einen Vortrag über
Konstantinopel an der Hand eines Planes. Überall trieben sich unzählige
Bettler herum. Auch das weibliche Geschlecht war reichlich vertreten,
teils verschleiert, teils unverschleiert, die letzteren in der Mehrzahl.
Auch solche, die sich in Samt und Seide kleiden und einen frechen Blick
haben, waren da. Alle Weiber trugen große, weiße Nackenschleier und
viele an der Mütze hübsche Silberverzierungen. In Betsälen hielten
Derwische vor einer zahlreichen Menge männlichen Geschlechts Vorträge.
Auch eines der mit Hirschgeweihen, Widderköpfen und unzähligen Fähnchen
geschmückten heiligen Gräber sahen wir uns an. Dann wurde eingekauft;
natürlich hatte jeder einen Wunsch. Dschang wollte neue Schuhe haben,
Dscho, mein anderer Diener, einen langen Rock und eine Überziehweste,
und ich mußte natürlich das Geld dazu hergeben, da die Gesellschaft
keinen Pfennig besaß. Wir konnten uns mit dem Schneider nicht einigen,
da er infolge meiner Gegenwart unverschämte Preise machte. Weiter
wandernd, kreuzten wir den gelbe Fluten südwärts wälzenden Bach auf
einer Brücke, die nur aus den zum Tragen des Belags bestimmten Balken
bestand, die obendrein nicht einmal vierkantig waren. Unter Lachen und
Jauchzen balancierte alles die 30 Meter lange Strecke hinüber und
herüber. Drüben schäkerten drei Arm in Arm wandernde Kavalleristen mit
hübschen Schantumädchen tout comme chez nous. Wir statteten dann noch
einer Kwantse einen Besuch ab, in der drei Musikanten mit ihren
melancholischen Weisen die Schmausenden unterhielten. Dann ging es
zurück nach meinem Hause, da sich der Amban um 5 Uhr zum Besuche
angemeldet hatte und ich diesen nicht verfehlen wollte. Unterwegs sahen
wir noch ein Bad, das recht sauber gehalten war und in dem man von einem
Mädchen bedient wurde.
Pünktlich um 5 Uhr, wie ich auf eine Anfrage seinerseits gebeten hatte,
erschien mit großem Gefolge der Mandarin. Das übliche Programm wurde
abgewickelt; er schwindelte mir leider noch zum Schluß eine meiner
eigenen Photographien ab. Abends aß ich bei einem vornehmen Dunganen,
der mich eingeladen hatte; ich machte dabei noch die Bekanntschaft des
chinesischen Vorstehers des Telegraphenamtes. Derselbe, ein geborener
Tientsiner, war fünf Jahre lang in Amerika gewesen und sprach geläufig
Englisch, ohne irgendeinen Anklang an das sogenannte Pidgin-Englisch. Er
klagte mir sein Leid über diese weltentlegene Gegend, natürlich aber
hatte er nicht Geld genug, um in die Heimat zurückkehren zu können.
Am 16. Mai ritt ich um 8 Uhr früh zum Yamen des Schantufürsten, bei dem
ich mich zum Besuch angemeldet hatte. Ich wurde sehr liebenswürdig
empfangen und hatte Gelegenheit, in den verschiedenen Räumen besonders
die schönen Teppiche und die alten Waffen des Fürsten zu bewundern. Der
Fürst war schon zweimal in Peking gewesen und erkundigte sich lebhaft
nach dem Aussehen Pekings und den infolge der Unruhen im Jahre 1900
hervorgerufenen Veränderungen. Mit einer gewissen Schadenfreude fragte
er immer wieder nach dem Jahre der Verbannung des kaiserlichen Hofes aus
Peking. Er trägt den dunkelroten Rangknopf der kaiserlichen Prinzen und
machte in Auftreten und Aussehen einen durchaus vornehmen und dabei
gewinnenden Eindruck. Er ist unverheiratet, so daß diese Linie der alten
Nachkommen der früheren Herrscher einmal aussterben wird, was den
Chinesen wohl nicht unangenehm sein wird.
Von dort aus ritten wir zur Ordu, d. h. zur alten Burg. Diese besteht
nur noch aus einigen Lehmkegeln, die früher vorspringende Punkte in
einem langen Befestigungswalle, der die gesamte Oase umgab, gewesen
sind. Die Zwischenteile sind vollkommen verschwunden. Von der Höhe aus
hat man eine herrliche Fernsicht auf das sich wie ein großer Garten
ausbreitende Kutscha und Umgebung. Die Einwohner Kutschas sind nicht mit
Unrecht stolz auf die Menge ihrer Gärten und betonen dies bei jeder
Gelegenheit. Dann ritt ich weiter zu dem Hause, in dem die beiden
Japaner wohnen sollten, traf sie aber leider nicht an; sie wurden erst
abends zurückerwartet. Daher hinterließ ich einen Zettel, daß ich die
Absicht gehabt hätte, ihnen meinen Besuch zu machen und mich sehr
freuen würde, sie noch vor meiner baldigen Abreise zu sehen.
[Illustration: Masar kutscha -- Wildschaf-Schädel]
Nicht weit entfernt von dem Hause liegt das größte Heiligengrab von
Kutscha, ein uraltes Heiligtum. Durch eine von hohen alten Pappeln
beschattete Tür und durch einen Hof gelangte man zum Eingang, an dem
einige alte Mohammedaner auf den Knien lagen und Gebete murmelten. Wir
hatten einen zweiten Hof vor uns, an den sich Betsäle anschlossen, dann
ging es durch eine an beiden Seiten mit Tughs, Stöcken mit bunten Lappen
und den zu Haufen geschichteten Köpfen des Argali (Wildschaf) verzierten
Tür zum Grabe selbst. Dieses liegt in einem einfachen, mit breiter
vorspringender Galerie und Gitterfenstern versehenen Hause, das auch
wieder mit Tughs und Argaliköpfen geschmückt ist; ringsum stehen alte
Bäume. Die Dunganen und Schantus zogen sich vor dem Eintreten ihre
Überziehpantoffeln aus und verrichteten kniend ein kurzes Gebet. Draußen
im Hofe war eine Schule für Knaben und Mädchen, bunt durcheinander, die
laut und mit einer beneidenswerten Ausdauer ihre Lektionen hunderte von
Malen wiederholten. Die Schule war nur augenblicklich im Freien, sonst
befindet sie sich in einem anschließenden Hofe mit vielen kleinen
Räumen, in denen mehrere alte, graubärtige Mollahs jüngeren Priestern
aus dem Koran vortrugen.
Nachmittags benutzte ich eines der Badehäuser. Das sehr heiße Bad tat
mir äußerst wohl und trug merkwürdig zur Beruhigung meiner durch den
"roten Hund" und die damit verbundene anhaltende Schlaflosigkeit
erregten Nerven bei. Der Ausschlag hatte meinen ganzen Körper ergriffen,
und zwar sehr viel schlimmer, als es den meisten Leuten auf der
Seefahrt infolge des Salzwassers ergeht. Nebenbei bemerkt, habe ich bei
der langen Überfahrt nach China überhaupt nicht daran gelitten. Abends
bekam ich wieder Besuch von dem Telegraphenbeamten, dagegen erschienen
die beiden Japaner nicht. Mit der Karre gab es wieder die üblichen
Schwierigkeiten; ich befahl schließlich kategorisch: "Morgen kommt sie!"
und das wirkte. Der hiesige Yamen weigerte sich zum ersten Male, meine
Briefe zu befördern. Ich ließ dem Mandarin sofort zurücksagen, daß ich
seinem Vorgesetzten, dem Taotai in Aksu, davon Mitteilung machen würde,
woraufhin sofort zwei Kavalleristen kamen, die er persönlich zur
Beförderung meiner Briefe beordert hatte.
Bei bedecktem Himmel herrschte am 16. Mai eine ganz angenehme
Temperatur. Ich fühlte mich auch bedeutend wohler, da infolge fehlender
Sonne die Augenschmerzen, die mich in letzter Zeit etwas geplagt hatten,
nachließen und ich auch endlich einmal gut geschlafen hatte. Im Laufe
des Vormittags besuchte ich einen reichen Kaufmann aus Tientsin, der
schon 16 Jahre hier ist und ganz gute Geschäfte macht. Er freute sich
ganz außerordentlich über meinen Besuch und schenkte mir sofort eine
Sonnenbrille und einen hübschen Fächer. Am Nachmittag kam endlich die
Karre. Ich erledigte meine Verpflichtungen gegenüber dem mit komischer
Hartnäckigkeit aufmarschierten und nicht von der Stelle weichenden
Dienstpersonal, das sich plötzlich verzehnfacht hatte und am Hause
Spalier bildete; jedoch belohnte ich nur nach Verdienst. Ein Dungane,
der sich besonders um mich bemüht hatte, erhielt einen vollen Tael, die
andern nur 50 Cash pro Kopf. Man sah recht lange Gesichter.
Um 6 Uhr nachmittags marschierten wir ab; zuerst durch die Stadt, dann
durch die Gärten der Vorstadt und schließlich hinaus in die Wüste, die
in wilde, zerrissene Lehmberge übergeht. Die Berge zeigen merkwürdige
Schichtformen und sind alle in einem Winkel von ungefähr 15 Grad nach
Westen zu geneigt. Mehrfach fand ich Quellen, die sich in salzhaltige
Lagunen ergossen und bald versiegten. Ich ritt wieder mit meinen
Begleitern voraus. Wir passierten einmal eine Telegraphenstation, wo der
Posthalter uns liebenswürdig mit Tee und Brot bewirtete.
Es mochte wohl gegen 2 Uhr nachts sein, als wir hinter uns -- wir waren
gerade mitten in den Bergen -- mehrere Schüsse fallen hörten. Ich
befürchtete einen Überfall auf meine Karre und ritt so schnell wie
möglich zurück. Richtig trafen wir die Karre haltend, während sich meine
beiden Leute und der Führer seitwärts in die Berge in Deckung begeben
hatten. Sie behaupteten, es wäre auf sie geschossen worden,
augenscheinlich von Räubern. Ich ritt, mit dem Karabiner bewaffnet, die
ganze Umgegend, soweit es möglich war, ab, fand aber nichts. Dann
schickte ich den einen Kavalleristen zur Telegraphenstation zurück, um
dort von dem Vorfall Meldung zu machen, da die betreffenden Schützen
auf ihrem Weiterwege dort jedenfalls durchkommen mußten. Später hörten
wir noch einmal ganz von weitem schießen. Der Kavallerist behauptete am
nächsten Morgen, er habe sich mit Räubern herumgeschlagen; ich glaube,
daß er sich nur selbst Mut geschossen hatte, im übrigen war ihm nichts
zugestoßen.
In einem kleinen Gasthause rasteten wir eine Stunde, dann zogen wir
weiter in die Steppe und um 8 Uhr morgens waren wir nach 90 Kilometer
Marsch in Chrotsy, wo wir gute Unterkunft fanden. Natürlich hatten meine
Chinesen nichts Eiligeres zu tun, als sofort den ganzen Ort von der
Schießerei in Kenntnis zu setzen und vor jedem einzelnen mit dem
Abenteuer zu prahlen. Die Gebärdensprache, die ich von weitem
beobachtete, wirkte höchst komisch. Nun kamen die Chinesen zu mir, um
mich auszufragen. Ich ließ sie zuerst einmal meine Nationalität erraten;
sie waren lange im Zweifel, bis schließlich einer meinte, ich könne nur
ein Deutscher sein, denn die andern seien zu faul, ihre Sprache zu
lernen. Das Kompliment ging mir glatt herunter und ich bekannte Farbe.
Ein Offizier war auch in dem Dorfe und besuchte mich sofort, um sich
über die Räuber zu erkundigen. Mit seinem Mute schien es nicht weit her
zu sein, denn, wie ich später hörte, hatte er den Abmarsch sofort um
zwei volle Tage verschoben und seine gesamte Begleitung zum Erkunden
vorausgeschickt. Ich freundete mich unterdessen mit seinem netten
kleinen Sohne an, als mit einem Male der weniger nette Vater erschien
und das Söhnchen aus meiner Stube heraushieb, leider merkte ich die
Absicht zu spät, sonst hätte ich mir diese Exekution in meinem Zimmer
auf das energischste verbeten.
Wir marschierten wieder die Nacht hindurch und waren am 19. Mai morgens
um 8 Uhr in Bait scheng am gleichnamigen Flusse, der jetzt wenig Wasser
führte. Bei starkem Regen, der hier allerdings nur alle paar Jahre
einmal eintritt, soll er regelmäßig die sämtlichen, niedrig gelegenen
Häuserreihen wegschwemmen, was die Leute jedoch nicht hindert, sie immer
wieder aufzubauen. Die Stadt ist schmutzig und eng ineinander gebaut.
Ich kam im besten Gasthause unter, in dem drei andere Zimmer von Damen
der Halbwelt besetzt waren. Ein Kaufmann aus Andischan brachte mir als
Geschenk 50 Eier, Salz und Radieschen, der Yamen sandte sofort
Pferdefutter und Leute, kurzum, ich wurde auch hier ebenso gut und
liebenswürdig aufgenommen, wie stets in Turkestan. Ich ließ mich beim
Yamen anmelden und sagen, daß ich ungefähr um 4 Uhr meinen Besuch machen
wolle. Die Zwischenzeit benutzte ich, um mich endlich einmal etwas
auszuschlafen. Auf dem Yamen fand ich einen ganz jungen, sehr angenehmen
Beamten, der mir meinen Besuch bald erwiderte und sich natürlich in das
unvermeidliche Fremdenbuch eintragen mußte. Zu meinem Schmerz entdeckte
ich, daß die Chinesen meinen einzigen Thermometer zerbrochen, außerdem
zwei gute deutsche Riemen verloren und dann noch ohne meine Erlaubnis
mit meinem Gelde eingekauft hatten. Sofort wurde wieder die alte strenge
Wirtschaft eingeführt und kein Cash herausgerückt. Daß mich trotzdem der
zuletzt engagierte Chinese Dscho hinten und vorn betrog, war mir längst
klar, nur konnte ich es ihm nicht beweisen, da ich nicht jedem Verkäufer
nachlaufen konnte, um ihn auszufragen, nebenbei wird sich wohl Dscho mit
den Verkäufern den Profit geteilt haben. Er muß es aber ziemlich schlau
angefangen haben, da ich die landesüblichen Preise ganz genau kannte.
Bai tscheng hat auch einen Schantu-Prinzen, von denen es hierzulande
eine ganze Anzahl gibt.
[Illustration: Er will nicht -- Bai tscheng]
Lächerlich ist es, was für gute Geschäfte die Halbweltdamen hier machen.
Ich beobachtete, daß das Zimmer der einen, eines allerdings sehr
hübschen Mädchens, den ganzen Nachmittag von Chinesen besetzt war; man
hörte ohne Unterlaß das Geklimper der Gitarre, und jeder ließ einen
Obolus da, wofür er nur eine Tasse Tee bekam und allenfalls eine Pfeife
rauchen durfte. Am Abend war das Mädchen dann außerhalb vergeben.
Besonders die hübscheste von den dreien war förmlich mit Goldschmuck
behängt. Was das Mädchen an Ohrringen, Fingerringen, einem mit Gold und
Steinen besetzten Gürtel an sich trug, mußte mindestens einen Wert von
1000 Mark darstellen. Übrigens sind diese Mädchen sämtlich Türkinnen;
eine Chinesin würde dies Gewerbe niemals so öffentlich betreiben,
während bei den Türkinnen kein Mensch Anstoß daran nimmt.
Am 20. Mai war wieder einmal ein derartiger Staubsturm, daß ich
beschloß, erst am Abend weiter zu marschieren. Ich ging über Mittag in
die Stadt und kaufte als Andenken einige silberne Fingerringe und einen
kupfernen, außen verzinnten Wasserkrug, auf den ich mir auf der einen
Seite in chinesischen, auf der andern in türkischen Lettern den Namen
der Stadt einritzen ließ. Dann machte ich dem Kaufmann aus Andischan
meinen Gegenbesuch. Er verhandelt Stoffe russischen Ursprungs gegen
Felle, die dann nach Rußland gehen; es wird hier wenig mit barem Geld
gearbeitet. Trotzdem der Staubsturm nicht nachgelassen hatte,
marschierte ich um 4 Uhr ab. Unterwegs trafen wir den von der Jagd
zurückkommenden Schantuprinzen, vor dem alle des Weges Kommenden oder
vielmehr Reitenden, denn zu Fuß geht hier kein Mensch, schleunigst den
Sattel räumten und ihre Verbeugung machten. Nach dem Thien Schan zu sah
man überall die Feuer der Hirten lodern; im übrigen waren wir hier in
der Steppe, die zu dieser Zeit sehr gute Weide hatte. Unser Ziel hieß
Chonesse.
[Illustration: Hübsche Turkestanerin in Bai tscheng]
Wir kreuzten, nachdem wir am 21. gegen drei Uhr aufgebrochen waren,
einen reißenden, etwa einen Meter tiefen Fluß in einer Furt, durch
welche die Sutschis, d. h. Wassermänner, vorausgingen, um den Weg zu
zeigen. Weiterhin ging es in Lehmberge mit den merkwürdigsten Formen.
Nach ungefähr 30 Kilometer Marsch hatten wir eine um eine kleine Quelle
herum entstandene Ansiedlung vor uns. Die Quelle entspringt unterhalb
einer weit vorspringenden Bergnase, ist mittels eines ausgehöhlten
Stammes in ein Becken geleitet und hat herrliches süßes Wasser, was in
dieser Gegend immerhin eine Seltenheit ist. Ringsherum ist sonst
vollkommene Wüste. Manche Berghänge sehen infolge der Salzablagerungen
ganz weiß aus. Früher hat dicht bei der Quelle ein großes Rasthaus der
Fürsten von Kaschgar gestanden; seit der chinesischen Eroberung
zerfällt der Yamen und man sieht jetzt nur noch die Grundmauern.
Zwanzig Kilometer von hier, in den rötlich erscheinenden Bergen,
befindet sich ein großes Kupferbergwerk, in dem gegen 1000 Menschen
arbeiten sollen. Dieses Bergwerk deckt den Hauptbedarf an Kupfer im
ganzen westlichen Turkestan bis zum Pamir. Tag und Nacht, zu jeder
Stunde sind nach der oben erwähnten Quelle Eselkarawanen unterwegs, um
in Fässern das Wasser nach dem Bergwerk zu schleppen; das dortige ist
schlecht, und da der Bedarf naturgemäß sehr groß ist, sind Hunderte von
Eseln mit dieser Arbeit beschäftigt. Das Gasthaus ist, wie alle in
Turkestan, groß angelegt und sauber gehalten, wie man im eigentlichen
China kaum ein gleiches findet, darin haben die Chinesen für die
Reisenden glänzend gesorgt. Auch in diesem einzeln gelegenen Gasthaus
befand sich wieder ein Frauenzimmer, welches auf die Gunst der Reisenden
spekulierte. Bei mir fand sie keinen Anklang.
Am 22. Mai hatten wir einen langen beschwerlichen Marsch durch Wüste und
durch ebensolche Lehmberge wie gestern, in denen mehrfach salzige
Quellen entspringen. Unter der drückenden Hitze hatten die armen Tiere
schwer zu leiden. Von meinen Begleitern waren sowohl der vom Yamen als
auch einer der Kavalleristen erbärmlich schlecht beritten, ich ritt
daher stets mit dem zweiten Kavalleristen voraus, und zwar heute den
guten Dicken, der vorzüglich ging. Das Tier war wirklich eine wahre
Perle, das geborene Distanzpferd, das sich durch nichts aus seiner Ruhe
bringen läßt. Um 5 Uhr nachmittags hatten wir 70 Kilometer hinter uns
und Hala jürgun erreicht, das schon in der Aksu-Ebene liegt. Über Nacht
sprang der Wind nach Norden um und brachte etwas Kühlung; ich
marschierte daher am 23. Mai schon morgens weiter; zuerst nach Sametei,
wo mittags gefuttert und gerastet wurde. Man sieht hier in der Gegend
auffallend viele Leute mit Kropf, Boghra, wie sie sagen; fast möchte ich
behaupten, daß von 40 Jahren aufwärts jeder einen Kropf hat. Die Leute
führen diese entsetzliche Krankheit, die sie aber weiter gar nicht
stört, auf die sumpfige und bittere Beschaffenheit des Wassers zurück.
Das Land war schon wieder teilweise angebaut, zwischendurch kamen aber
gelegentlich noch ganz wüste Striche. Die kleinen Bäche, die nordsüdlich
gehen, führten jetzt alle Wasser, das meist dunkelbraun gefärbt war.
Den Abend benutzten wir zum Weitermarsch nach Aksu. Im Norden stand eine
schwarze, regendrohende Wand, in der es unablässig blitzte. Wir kamen
aber trocken morgens um 2½ Uhr mit müden Pferden vor Aksu an,
durchritten weit ausgedehnte Vorstädte und hielten schließlich am
verschlossenen Stadttore, das ausnahmsweise schnell geöffnet wurde.
Durch leere Straßen, angekläfft von ganzen Herden von Kötern, vorbei am
Tamtam schlagenden Nachtwächter, ging es zur großen Kwann-dienn, für
die "Schweinestall" noch eine sehr milde Bezeichnung ist. Dazu war bis
auf ein Zimmer alles besetzt. Ich befahl, weiter zu reisen. Wir ließen
uns die inneren Abschlußgatter der einzelnen Stadtteile öffnen und
versuchten es bei andern Gasthöfen mit noch weniger Erfolg; sie waren
noch schmieriger als der erste und übertrafen in dieser Beziehung alles,
was ich bis jetzt gesehen hatte. Schließlich kehrten wir doch in den
ersten Gasthof zurück, der immerhin noch der beste war. Ich ließ das
einzige freie Zimmer im wahrsten Sinne des Wortes ausmisten, brachte die
Pferde unter und schlief wie üblich auf den Steinen, bis die Karre kam.
[Illustration: Aksu -- Siesta]