an. Emin stand wieder einmal nicht auf und machte damit sein Maß voll.
Ich ärgerte mich dabei noch weniger über ihn, als über mich selbst, daß
ich mich so hatte über die Ohren barbieren lassen. Schon morgens war es
drückend schwül. Es ging durch Steppe, die viele sumpfige Stellen
aufwies und teilweise mit Bäumen bestanden ist. Ich war recht froh, als
wir um 12 Uhr in Tsching sui choa anlangten, einem Nest mit schlechtem
Gasthause. Emin bekümmerte sich, wie üblich, um nichts und da er
außerdem, anstatt mein Essen zu besorgen, ausging, riß mein Geduldsfaden
und er ward entlassen. Zur Strafe nahm ich ihm die für mein Geld
gekauften Decken weg und gab sie meinem chinesischen Diener. Merkwürdig
war nun zu beobachten, wie sich sofort zwei Lager bildeten, die den
Vorgang besprachen. Die einen meinten, ich täte ganz recht, da der
Bengel faul und schmutzig wäre, die andern erklärten, es sei unrecht, so
ein Kind hier hilflos auszusetzen. Ein alter Kavallerist bat mich, Emin
wenigstens noch bis Karaschar mitzunehmen, aber als ich ihm vorschlug,
sein Pferd zu diesem Zweck herzugeben, zog er doch lachend ab. Im Laufe
des Abends erschien Emin noch ein paar Mal, um ein Trinkgeld zu
erbetteln, jedoch ohne Erfolg.
[Illustration: Rasthaus in der Steppe vor Karaschar]
Die Stute hatte leider hinten rechts eine angelaufene Sehnenscheide;
wahrscheinlich infolge von Überanstrengung. Durch sumpfige Gegend, in
der wir auffallend viel graue, unsern Ringelnattern gleichende Schlangen
sahen, von denen die Chinesen behaupten, sie seien sehr giftig, zogen
wir weiter. Die Bauern hatten hier zur Überschwemmung ihrer wenigen
Felder wieder einmal die Wege als Wasserleitung benutzt, so daß man
gezwungen war, stets abseits im Sumpfe zu reiten. Infolgedessen verloren
meine Tiere mehrere Eisen. Die Gegend hatte auffallend viel Wasserwild.
Mehrfach kamen wir an Filzjurten der Mongolen vorbei. Hier residieren
zwei Fürsten, denen auch die großen, hier weidenden Pferdeherden
gehören. Diese Gegend stellt hauptsächlich den Pferdebedarf bis Schansi,
von dort ab findet man den nordmongolischen Pony wieder häufiger
vertreten. Der hiesige Pony hat mehr Exterieur als der nordmongolische;
er erinnert in seinem ganzen Bau mehr an unser Pferd, zeigt also ein
edleres Gepräge als unser alter Freund aus dem Norden. Er hat einen
feineren Kopf und längeren Hals, Schopf, Mähne und Schweif sind sehr
stark; letzterer reicht bis auf die Erde, und gelegentlich findet man
auch ebenso lange Mähnen. Die Farben sind genau so bunt, wie die der
nordmongolischen Ponies. Die Tiere werden im allgemeinen gut gehalten,
verhältnismäßig selten findet man gedrückte oder lahme; der Preis ist
erheblich niedriger als im Osten. Ein leidlich guter Pony mittlerer
Klasse kostet zwischen 18 und 25 Taels, aber auch für 10 bis 15 Taels
kann man schon einen ganz annehmbaren bekommen.
Das sogenannte Ili-ma also im Kreise Ili gezogene Pferd, das sich nur
durch besondere Größe auszeichnet, gefiel mir weniger, da die beim Pony
nun einmal vorhandenen häßlichen Points infolge der Größe beim Pferde
mehr hervortreten. Besonders der unverhältnismäßig große Kopf fällt auf.
Maultiere kommen hier weniger vor.
Gegen Mittag näherten wir uns Karaschar; das eigentlich mitten im Sumpfe
liegt. Meine beiden Begleiter baten mich, doch das große Pferd zu
reiten, was ich ihnen zu Gefallen denn auch tat; natürlich machte es bei
der Bevölkerung sehr viel Eindruck. Die Stadt an sich ist nicht groß und
war fast vollkommen verlassen. Ganze Häuserreihen standen leer; das
infolge des sumpfigen Untergrundes herrschende Fieber hatte die Leute
vertrieben. Wir ritten zuerst in die südliche und dann in die westliche
Vorstadt, in denen sich das Hauptleben abspielt. Alle Gasthäuser waren
überfüllt oder die Leute wollten mich nicht aufnehmen, und dazu
herrschte eine schreckliche Hitze; doch ich hatte in China schon Geduld
gelernt und suchte ruhig weiter. Sowie man nämlich heftig wird oder zu
schimpfen anfängt, ist es vorbei und man bekommt überhaupt kein
Quartier. Schließlich hatten wir alle vorhandenen Herbergen abgeklappert
und kamen zum Ausgangspunkt zurück. Dort war in einem großen Gasthofe
gerade ein Zimmer frei geworden, das ich sofort mit Beschlag belegte.
Zwei chinesische Lauyes mit ihrem gesamten Gesinde hatten alles übrige
besetzt; der eine kam von Urumtschi (Chung Miauts) der andere aus Aksu.
Mein Diener mußte sofort ausgehen und sich noch einige Sachen kaufen, um
im Yamen anständig auftreten zu können. Ich besorgte unterdessen, von
etwa hundert Zuschauern umgeben, in Hemdsärmeln die Pferde. Der Lauye
aus Aksu kam, um mich zu besuchen, und konnte sich nicht genug wundern,
daß ich diese Arbeit selbst verrichtete, obwohl ich doch auch ein Lauye
sei. Er begriff nicht, daß es mir viel wichtiger war, meine Tiere nicht
unversorgt zu lassen, als was die Leute über mich dächten. Bald erschien
einer vom Yamen und brachte Mais und Stroh als Pferdefutter. Gegen 4 Uhr
kam auch Dschang zurück; es hatte zwar etwas lange gedauert, aber er war
wirklich, nach chinesischen Dienerbegriffen, tadellos angezogen, was
mich 3 Taels kostete. Er wanderte gleich zum Yamen, um meinen Besuch
dort anzumelden. Ich aß einen Bissen Brot und einige Eier, sattelte
dann, zog mich um und ritt auf dem großen Pferde, mit meinem Turfaner
Begleiter als Vorreiter und dem guten Dicken blank hinterher, zum Yamen.
Die Wirkung war die gewünschte, bei meiner Ankunft wurde ich mit drei
Böllerschüssen empfangen und die große Mitteltür wurde geöffnet. Mein
Diener war besser angezogen, als die ganze Yamengesellschaft, was ich
mit Genugtuung feststellte. Ich tauschte mit dem Mandarin die üblichen
Redensarten aus und zog mich dann zurück, erhielt wieder meine drei
Böllerschüsse und ritt auf meiner Stute stolz an der gesamten
aufmarschierten Yamengesellschaft vorbei, während die Stute einen großen
Köter, der sie hinten in die Beine biß, ebenso wie die Böller mit
Verachtung strafte.
[Illustration: Mandarin in Karaschar]
Im Gasthaus machte ich dem Mandarin aus Aksu meinen Gegenbesuch. Er
schien ein Lebemann zu sein, denn das einzige, was ihn interessierte und
wonach er sich sofort sehr eingehend erkundigte, waren die Verhältnisse
der Demimonde in Europa. Während wir uns unterhielten, kam der
Ortsmandarin, um mir seinen Gegenbesuch zu machen. Die Sache verlief wie
üblich; ich zeigte ihm meine Waffen, das Fernglas, den photographischen
Apparat und die Landkarte, was denn auch meist genügt. Er lud mich für
morgen früh zum Essen ein, was ich dankend annahm. Abends engagierte ich
dann noch einen zweiten Chinesen, einen gewesenen Kavalleristen, als
Diener für 4 Taels monatlich. Nach dem Abendessen besuchte mich wieder
der Mandarin aus Aksu. Am 5. Mai früh bekam ich ein schönes heißes Bad,
während ich sonst immer mit einem kalten Bade vorlieb nehmen mußte. Der
Yamen hatte mir Leute geschickt für sogenannte kleine Arbeit; ich
verteilte diese und ritt um 7½ Uhr mit Vor- und Nachreiter und mit
einem Begleiter vom Yamen zu dem Mandarin zum Frühstück. Der Empfang war
wie gestern, dann gab es ein verhältnismäßig kurzes Essen, zu dem außer
mir noch sechs Personen geladen waren. Der Mandarin mußte sich in mein
Fremdenbuch eintragen, ich photographierte ihn und ging dann zurück in
die Stadt, in der ich einige Besorgungen erledigte. Mir fiel hierbei ein
alter Mann auf, den ich nach seinem Alter fragte. Er war 98 Jahre alt,
hatte noch alle Zähne im Munde und ging aufrecht und stolz wie ein
Dreißigjähriger.
[Illustration: Karaschar -- Mongole]
Die Leute hier waren alle sehr freundlich. Ich hörte mehrmals die
Bemerkung fallen: "Dieser Europäer ist sehr friedfertig"; mir schien das
ein schlechtes Licht auf meine Vorgänger zu werfen. Über Mittag schickte
der Yamen einen Diener. Ich mußte meinem neuen Diener seine sämtlichen
Sachen aus dem Leihhause auslösen; das war wieder ein schöner Reinfall
für mich! Im ganzen kostete mich der Scherz 3 Taels; von jetzt ab mußte
er aber seine Sachen in meinem Zimmer deponieren, sonst wäre er wohl
bald mit samt den Sachen auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Karaschar
hat ganz gemischte Bevölkerung. In der Umgegend leben sehr viele
Mongolen, die von den Chinesen "Dase" genannt werden; ob dies ein
Spottname ist, konnte ich nicht feststellen, jedenfalls werden die
Mongolen nicht nur von den Chinesen und Türken gründlich ausgebeutet,
sondern auch überall verhöhnt. Die Stadt liegt am Chai du gol, dessen
schmutziges, ganz trübes Wasser die Tiere merkwürdig gern saufen. Das
Brunnenwasser ist überall schlecht. Die große Stute hatte ein stark
entzündetes Auge und auch die Sehnenscheidenentzündung hatte sich noch
nicht gebessert, so daß ich noch einen Ruhetag zugab, der auch dem
Dicken, der sich sonst gut aufführte, sehr zu gute kam.
[Illustration: Mandarin mit Familie]
Für den folgenden Tag mietete ich mir Ponies zur Antilopenjagd, und
beschloß, einem der Mongolenfürsten einen Besuch zu machen. Wir ritten
mit meinem Turfaner Yamenbegleiter und zwei Kavalleristen am 6. Mai ganz
früh los, ich auf einem ganz netten Paßgänger-Schimmel, in nördlicher
Richtung hinaus in die Steppe. Nach 20 Kilometer hatten wir die ersten
mongolischen Jurten vor uns, deren große, schöne Hunde uns sofort wütend
anfielen. Die Hunde wurden festgehalten und wir fanden bei den Mongolen
freundlichste Aufnahme. Ihre Jurten sind rund und mit Filzdecken belegt,
die Tür ist ungefähr einen Meter hoch und drei Viertelmeter breit. Von
dem etwa drei Fuß hohen, gitterförmigen Rand laufen aufwärts zu einem
Reifen von ungefähr einem Meter Durchmesser Stäbe zusammen, die das Dach
bilden. Die Öffnung hat einen Windschutz; in der Mitte des Zeltes steht
auf einem Dreifuß ein großer Kessel; das Feuer wird mit Kamelmist
genährt. An den Wänden hängen die Gebrauchsgegenstände, und unten sind
die Filzdecken und die Pelze wie eine Bank zusammengelegt. Gegenüber der
Tür sieht man einen Altar mit Räuchergefäßen, auf dem kleine
Metallbecken stehen; in diesen befindet sich Fett. Ich bekam sofort
Milch vorgesetzt, ferner Milchtee und in kleinen Holzgefäßen Mehl in Tee
aufgeweicht. Ein Kavallerist diente als Dolmetscher. Als wir abritten,
mußten wiederum alle Hunde festgehalten werden; sie sind dunkelfarbig,
so groß wie unsere Schäferhunde und gehen rücksichtslos auf jeden
Fremden los.
[Illustration: Straßenbild aus Karaschar]
Mitten im hohen Grase fanden wir weiter nördlich ein menschliches
Skelett, von der merkwürdigen Bestattungsart der Mongolen herrührend.
Diese überlassen ihre Toten einfach den wilden Tieren in der Steppe
Einmal sahen wir flüchtige Antilopen, sonst bemerkten wir nur große
Herden von Ziegen, Schafen, Pferden, Rindvieh und Kamelen. Überall sah
man die runden Jurten noch gerade über das hohe Gras hinwegragen.
Nach weiteren 25 Kilometern kamen wir an ein Dorf, an dessen Eingang ein
gefallenes Maultier von Hunden herumgezerrt wurde. Das Dorf beherbergt
einige Kaufleute, Schantus und Chinesen, die die Mongolen ordentlich
übers Ohr hauen.
Wir wandten uns nach Westen und waren nach etwa vier Kilometern am
Lauwang-fu, dem Yamen des mongolischen Fürsten, der sich jedoch nicht zu
Hause befand, sondern mit seinen sämtlichen Leuten und Herden nördlich
in den Bergen frisches Weideland bezogen hatte. Wahrscheinlich bewohnt
er auch dort nur eine Jurte. Der im chinesischen Stil groß angelegte
Yamen war unglaublich verwahrlost; überall nisteten Scharen von Tauben,
nicht eine einzige Wand stand gerade, fast alle waren eingefallen oder
im Einfallen begriffen. Die Räume waren meist leer, nur einige
Prunkgemächer waren eingerichtet; es standen aber Karren, Geschirre usw.
darin. Einige Mongolen als Wache hatten in einem der Höfe ihre Jurten
aufgeschlagen. Wir bekamen wieder Milch und Tee vorgesetzt. In einem neu
erbauten Tempel schien sich eine Art Druckerei zu befinden, wenigstens
sah ich eine Unmenge von Holzclichés, mit denen die bekannten
Tempelfahnenbilder hergestellt werden. Auf dem Rückweg veranstaltete
einer der Kavalleristen ein Privatwettrennen mit einem Kamelreiter; das
Kamel erwies sich als schneller.
[Illustration: Karaschar -- Schuster]
Wir futterten im Dorf ab, und ich ging dann voraus, um noch auf
Antilopen zu pirschen. Da sich die Sonne inzwischen hinter Wolken
verkrochen hatte und ich ohne Kompaß war, machte es mir große Mühe, die
Richtung zu halten. Ich erinnerte mich, beim Herausreiten an einem Hügel
vorbeigekommen zu sein, auf dem drei Bäume standen. Diesen Hügel fand
ich mit dem Zeiß wieder und steuerte darauf los. Später traf ich noch
einen mongolischen Hirten, der mich zurechtwies. Da keiner die Sprache
des andern verstand, war die Unterhaltung ziemlich spaßig. Ich sagte:
"Karaschar", woraufhin er einen großen Sprung vorwärts machte und dann
zischend eine Linie auf der Erde zog. Ich mußte also ein Wasser
überschreiten. Große Freude seitens des Mongolen, als ich begriffen
hatte. Mehrfach fielen mich noch die großen Hunde an; ich mußte jedesmal
mit schußfertigem Karabiner warten, bis sie abgerufen wurden, denn nur
über ihre Leiche hätte der Weg weitergeführt, und unnötig wollte ich
den Mongolen ihre treuen Wächter nicht wegschießen.
Ich passierte den Bach und hatte bald einen befahrenen Weg vor mir, der
nach Süden führte. Es regnete leise. Endlich war ich bei unsern ersten
Mongolen, die mich sehr freundlich bewillkommneten. Alles suchte mich
schon; der Schantu war bereits vorausgeritten, um die Kavallerie in
Karaschar zum Suchen zu requirieren. Allmählich stellten sich die beiden
Kavalleristen ein und wir ritten heimwärts; es war die höchste Zeit, da
meine Pferde vor Müdigkeit zusammenzubrechen drohten. Gegen neun Uhr
kamen wir ins Gasthaus, wo auch schon über mein langes Ausbleiben große
Aufregung herrschte. Der Mandarin hatte bereits die ganze Schwadron
alarmiert, und diese war gerade aufgebrochen, um nach mir zu fahnden,
als die Nachricht von meiner Rückkunft eintraf.
[Illustration: Türken in Kurla]
Bei glühender Hitze marschierten wir am 7. Mai früh ab. Mittels Fähre
ging es über den Chai du gol und dann in die Steppe, an deren Anfang
gerade ein Mongolendorf lag. Die Stute lief weg und mitten in eine große
weidende Pferdeherde hinein. Die Mutterstuten schlossen sich sofort zum
Kreise zusammen und nahmen die Füllen in die Mitte. Der Leithengst griff
die Stute an und biß ihr einen großen Fetzen Fleisch in der Sattellage
heraus. Gegen Mittag wurde die Hitze immer schlimmer, wir hatten um ein
Uhr 55 Grad Celsius. Um 3 Uhr löste sich die Schwüle und es trat
Staubsturm ein. Am Nachmittag gelangten wir in Felsberge und
marschierten dem Kurla-gol entlang, der hier als reißender Gebirgsstrom
das Gebirge durchbricht. Wir machten bei einem Kaufmann, der unterwegs
sein Zelt aufgeschlagen hatte, kurze Rast und bekamen Milch, Tee und
Brot.
Um 6 Uhr abends gelangten wir nach einem Marsch von 70 Kilometer nach
Kurla, wo wir ganz gut unterkamen. Der Bek des Ortes schickte mir
Pferdefutter. In meinem Gasthaus hatten sich zwei Damen der Demimonde
etabliert. Ich ahnte zuerst gar nicht, wen ich vor mir hatte, und sagte
zu einem neben mir stehenden Chinesen: "Was habt ihr hier für hübsche
Frauen," woraufhin er nur kurz antwortete: "Einen Tael". Da wußte ich
genug. Den ganzen Abend über hörte ich ihren Gesang zur Mandoline. Sie
schienen gar nicht abgeneigt, mit mir Freundschaft zu schließen, aber
sowie ich nur hinsah, hatte ich sofort eine ganze Herde von Neugierigen
um mich herum.
Die Pferde waren am 8. Mai morgens von dem gestrigen Marsch in der Hitze
und über die felsigen Wege derartig ermüdet, daß ich beschloß, erst am
Abend aufzubrechen, um so mehr, da wir einen Marsch von 90 Kilometer vor
uns hatten. Es war schon um vier Uhr morgens so schwül, daß man nicht
mehr schlafen konnte. Im Laufe des Vormittags erhielt ich Besuch von den
beiden Mädchen, die vor Neugierde fast umkamen, meine europäischen
Sachen zu sehen. Heute war hier Basartag; ich mischte mich mitten in die
Volksmenge auf den Straßen. Was war das für ein buntes Treiben! Dazu die
farbigen Kostüme beider Geschlechter, es gab wirklich ein hübsches Bild.
Wie bei uns auf den Jahrmärkten schreit alles durcheinander, seine Waren
anpreisend. Man sieht sehr viel Bettler, die, meist zu dreien, singend
um eine Gabe betteln. Sie begleiten ihren Gesang mit der Gitarre und
einer Klapper; diese besteht aus einem Stock mit einem großen Ring, an
dem mehrere kleine Ringe hängen. Hauptsächlich werden Eßwaren, Kattune,
Obst, Fleisch, Mützen, Stiefel und Süßigkeiten feilgeboten. Mitten durch
die Stadt fließt der Chro-ma-gol, in dem die gesamte Stadtjugend badet.
Der Fluß hat ganz klares, durchsichtiges Wasser, das sehr kalt ist.
Ich besuchte eine Kwantse, d. h. ein Restaurant, in dem zwei
Gitarrespieler und ein Tamburinschläger Musik machten. Drei hübsche,
junge Schantumädchen forderten mich gleich auf, Platz zu nehmen. Es gab
Früchte wie getrocknete Weinbeeren, Lotoskerne, Mandeln, dann Tee und
Reiswein, der dem Mohammedaner anscheinend nicht als Wein gilt. Eines
der Mädchen führte zur Musik einen aus einzelnen Pas bestehenden
graziösen Tanz auf, der jedesmal in einer Pose wie beim Bauchtanz, mit
der Front nach irgendeinem der Anwesenden, endigte. Ich kam zuerst an
die Reihe; man rief mir von allen Seiten zu: "Cü lai, cü lai" (steh auf,
steh auf), was ich denn auch tat. Einer nach dem andern kam nun daran
und erhob sich mit einer Verbeugung gegen das Mädchen. Ich gab für die
Musik und für die Tänzerinnen Geld und kehrte dann in meinen Gasthof
zurück. Bald darauf erschien ein Chinese bei mir und forderte mich auf,
in sein Zimmer zu kommen, er habe dort etwas für mich. Richtig war es
die hübsche Tänzerin, die sie herbeigebracht hatten, in der Hoffnung,
sich einen Kupplerlohn zu verdienen. Ich ließ mich jedoch nicht
erbitten; das Mädchen fühlte sich verschmäht und weinte, aber ich konnte
ihr nicht helfen.
[Illustration: Melkende Frau]
Um 6 Uhr, das Thermometer zeigte immer noch plus 31 Grad, marschierten
wir ab. Zuerst durch Kurla mit allen seinen hübschen kleinen Gärten,
dann an den Bergen entlang. Nach 40 Li machten wir kurze Rast in einem
einzelnen Gasthause; nach 110 Li ebenso in einem Posthause, in dem eine
einzelne Schantufrau waltete; sie kochte uns Tee und Eier. Ich war
todmüde und schlief auf dem Lager der Frau eine halbe Stunde vorzüglich.
Gegen 8 Uhr morgens -- es war schon wieder drückend schwül und die Tiere
infolgedessen sehr müde -- langten wir endlich in Tschot Wu an. Wir
hatten einen Marsch von 90 Kilometer hinter uns. Der uns begleitende
Mann vom Yamen war ein Schantu, der jedoch, als bei einer chinesischen
Behörde Angestellter, vollkommen als Chinese angezogen war. Er hatte das
Gesicht ganz und den Kopf halb rasiert und trug nach chinesischer Sitte
einen Zopf, so daß ich den Unterschied tatsächlich nicht bemerkt haben
würde, wenn mein Diener mich nicht darauf aufmerksam gemacht hätte.
Gegen Mitternacht vom 9. zum 10. Mai brachen wir bei Vollmond wieder
auf. Wenn die Saaten bei den Dörfern hoch sind, soll es hier massenhaft
Wildschweine geben, jetzt waren leider keine da; sonst durchquerten wir
nur reichlich mit Bäumen bestandene Steppe. Um 9 Uhr erreichten wir
Hsia-jen-kou, wo wir gut unterkamen und ich die Pferde baden ließ. Der
eine der mich begleitenden Kavalleristen bot mir fortwährend seinen
hübschen Schimmel zum Kauf an, doch sollte ich 35 Taels geben, was mir
zu viel war. Um 7 Uhr abends ritten wir weiter, durch angebaute Gegend.
In einem der Dörfer hing ein menschlicher Kopf am Wege; meine Leute
hielten sich lange darüber auf; man ist es hier weniger gewöhnt, die
Köpfe so schnell fallen zu sehen, wie im Osten. Für die Gasthäuser war
jetzt schlechte Zeit, da die Reisenden alle im Freien schliefen und die
Pferde einfach grasen ließen. Fast alle Häuser haben in dieser Gegend an
der Außenfront Kangs; wenn es noch heißer wird, schläft alles draußen.
Am 11. Mai, bald nach Sonnenaufgang, waren war in Yang Hsa. Sämtliche
Gasthäuser hatte der aus Kaschgar kommende Taotai belegt; dabei wußte
kein Mensch, ob er selbst überhaupt kommen würde. Ich mußte mich mit
einer ziemlich übeln Bude begnügen; dafür erschien bald der
Ortsvorsteher, ein Türke, um sich bei mir zu entschuldigen, daß kein
besseres Quartier vorhanden sei; brachte auch gleich Mais, Stroh, Heu
und Eier als Geschenk mit, was ich sehr anerkannte.
[Illustration: Kavallerist in Bugur, dessen Pony ich später kaufte]
Eine große Unannehmlichkeit, unter der ich hier litt, waren die Läuse,
von denen ich mich nie ganz freizuhalten vermochte. Trotzdem ich Tag für
Tag badete und so sauber wie nur irgend möglich war, verging kaum ein
Tag, wo ich nicht eines dieser widerlichen Tiere fing. So lange ich im
eigentlichen China war, geschah dies nicht, was eigentlich für die so
oft angezweifelte Reinlichkeit der Chinesen spricht.
Den ganzen Nachmittag kamen Leute, die mich um meinen ärztlichen Rat
baten. Die meisten litten an einer Augenentzündung, die sich besonders
in eiternden Tränendrüsen äußerte. Die ersten, die ankamen, wusch ich
mit einer ganz leichten Sublimatlösung sauber aus. Kaum hatten die Leute
nur die Sublimat-Pastillen gesehen, als jeder etwas von der wertvollen
Medizin haben wollte. Natürlich muß der Europäer Sachen haben, die gegen
jeden Schaden helfen. Dieses blinde Vertrauen zu einem Europäer, wie zu
einem höherstehenden Wesen, das in jedem Falle helfen kann, obwohl ich
persönlich mehr als tausend Mal erklärt habe, daß ich nicht Arzt sei,
ist einfach lächerlich. Ich konnte nur peinliches Reinhalten und Kühlen
mit kaltem Wasser empfehlen, da ich selbst nichts an Arzneien hatte,
ein Rat, der ungefährlich war und vielleicht auch half.
Gegen 8 Uhr abends marschierten wir weiter. Die Straße war mit hohen
Bäumen dicht eingefaßt, man ritt wie in einer Laube. Um 4 Uhr morgens
waren wir in Bugur, in dessen Gasthaus meine Stube wiederum von Kranken,
besonders von Weibern, gestürmt wurde. Mein Kavallerist lag mir dauernd
mit seinem Pony in den Ohren, bis ich schließlich das hübsche Tier für
22 Taels kaufte. Es erwies sich als etwas stolprig und scheute vor jeder
Kleinigkeit, war also wohl ein Blender.
[Illustration: Bugur]
13. Mai. Ich ritt, wie stets, voraus und war schon gegen 2 Uhr am Ziel
in Arbatai, wo ich bald mit dem Sattel unterm Kopf fest schlief. Man
lernt das sehr schnell: Tag für Tag schlief ich die Hälfte meiner
Ruhezeit, nämlich bis die Karre kam, auf den harten Steinen ohne jede
Bequemlichkeit und gewöhnte mich vollkommen daran. Der folgende Tag war
wohl der bisher schwülste, und es war unmöglich, den Tag über zu
schlafen. Als wir um 5 Uhr nachmittags abmarschierten, brach denn auch
der Staubsturm los, legte sich aber gegen 9 Uhr wieder. Um 1 Uhr hatten
wir nach sehr scharfem Ritt die 70 Kilometer bis Tockenä hinter uns und
kamen gut unter. Ich schlief trotz unzähliger Moskitos bald ein, um am
14. Mai früh, am ganzen Leibe zerstochen, von ihrem abscheulichen Surren
geweckt zu werden. Es war gerade hell geworden und die Karre kam an. Die
Abkühlung nach dem Staubsturm war ganz besonders angenehm, trotz der 18
Grad fror ich beinahe und zog mir meinen dicken Sweater an. Dann nahm
ich ein Bad im Flußwasser, was mir aber nicht bekam, denn mein ganzer
Körper zeigte bald kleine Bläschen, die auf das unangenehmste juckten.
Es war der allen Tropenreisenden bekannte Ausschlag, "roter Hund"
genannt, der mir noch mehrere Tage zu schaffen machte. Ich dachte jetzt
nur noch daran, so schnell als möglich aus dieser Moskitohölle
fortzukommen. Denn trotzdem ich den ganzen Tag über ein qualmendes
Strohfeuer im Zimmer unterhielt, so daß mir die Augen tränten, waren die
Moskitos nicht zu verscheuchen.
Gegen Mittag fing es leicht an zu regnen, und als wir um 4 Uhr
nachmittags abritten, hatte ein richtiger Landregen eingesetzt. Der
Kavallerist und der Yamenbegleiter wären nur zu gern dageblieben, denn
der Chinese haßt den Regen wie die Pest, aber ich ließ mich auf nichts
ein. Bald waren wir wie die Katzen naß, was mir sehr angenehm vorkam.
Den Weg schnitten von Norden kommende, teils flache, teils bis einen
Meter tiefe, schnell fließende Wässer von dunkelroter Farbe. Einmal
trafen wir unterwegs zwei etwa 14jährige hübsche junge Schantumädchen,
die gerade von einem im schärfsten Trab reitenden Manne eingeholt und
angehalten wurden. Auf unsere Frage, um was es sich denn da handle, kam
als Antwort: "die Liebe"; also zwei Durchgängerinnen.