eingeschnittener Schlucht fließenden Bach entlang. Der Staubsturm wurde
immer schlimmer, dicke Wolken des hier rötlichen Staubes wirbelten durch
die Luft und erschwerten das Atmen und das Sehen. Auch in
Tschönn-tschin-kau, wo wir gegen 1 Uhr ankamen, mußte ich wieder auf der
Pferdewechselstelle Unterkunft suchen. Der Verwalter tat höchst
großspurig; doch achtete ich nicht darauf und überhörte gänzlich seine
unverschämte Anrede: "Niti mingtse!" (Dein Name)! Als ihm dann einer von
den Leuten erzählte, daß ich Offizier sei, war er plötzlich wie
ausgewechselt, lud mich zum Essen ein und war sehr freundlich. Er war
schon 60 Jahre alt und hatte eine hübsche junge Frau, die bloß nach mir
guckte und vor Neugierde beinahe verging, bis ich ihr schließlich meine
europäischen Sachen zeigte.
Der Dicke wollte nicht fressen, ließ den Kopf hängen und schien
Leibschmerzen zu haben; wahrscheinlich hatte er zu kalt gesoffen. Der
Staubsturm ließ auch am 25. April nicht nach, im Gegenteil, er nahm zu,
er kam aber jetzt aus Osten, also von hinten, so daß man es nicht so
schlimm empfand. Durch steinige Ebene, bedeckt von unzähligen kleinen
Erdhügeln, die wie Brunnen aussahen, zogen wir weiter. Ich konnte mir
zuerst ihre Bedeutung gar nicht erklären, bis ich herausfand, daß die
ganze Wüste über und über von nord-südlich gehenden unterirdischen
Wasserleitungen durchzogen ist. Die Erdhügel sind durch Herausschaffen
der Erde aus den unterirdischen Kanälen entstanden. Sie haben oben
Öffnungen, um in die meterhohen Kanäle hineinzusteigen. Letztere bringen
das von den nördlichen Bergen herunterkommende Wasser zu den
menschlichen Ansiedelungen. Über der Erde geleitet, würde es wohl bald
im Sande versiegen. Mehrfach an verfallenden unbewohnten Gehöften vorbei
erreichten wir gegen Mittag endlich Turfan. Schon von weitem sah man
einen hohen Turm bei einem mohammedanischen Grabmal. Es ging durch
Vorstädte mit landwirtschaftlichen Betrieben und den üblichen kleinen
Bewässerungsgräben, die zum Leidwesen der Reisenden oft mit ihren hohen
Ufern die Straße kreuzen, so daß der Wagen festsitzt. Die eigentliche
Stadt ist mit Wall, Graben und Tortürmen im chinesischen Stil versehen.
Wir kamen am Yamen vorbei und zu einem Gasthaus, welches mir nicht
gefiel; also weiter. Noch zwei andere Herbergen sagten mir ebensowenig
zu. Der Hamier Yamenbeamte, dem es zu lange dauerte, wurde unverschämt,
so daß er nur mit knapper Not der Strafe entging. Schließlich langten
wir wieder beim Yamen an. Ich benutzte die Gelegenheit und gab Paß und
Visitenkarte ab, um mich anzumelden. Ein chinesischer Junge übernahm nun
die Führung und brachte uns nach einem in der Vorstadt, nicht weit vom
Tore, gelegenen Schantu-Gasthaus, das gleich einen sehr guten Eindruck
machte. Es war tadellos sauber, hatte ein festes Sonnendach über dem
ganzen Hof und einen guten Stall. Ich war froh, endlich untergekommen zu
sein und ließ sofort auspacken. Der Hamier Yamenbeamte bekam kein
Trinkgeld und wurde entlassen.
Ich machte Toilette und ließ mir von einem Schantufriseur die Haare
schneiden, wofür er 120 Cash, also ungefähr 30 Pfennig forderte; er
bekam natürlich nur ein Viertel davon und zog schimpfend ab. Bald darauf
kamen Leute vom Yamen Turfan und brachten mir als Geschenk ihres Herrn
Pferdefutter und Essen, was ich sehr zuvorkommend fand. Um 5 Uhr ging
ich hin, ließ mich anmelden und wurde von Wönn ta lauye empfangen. Ich
fand einen vornehmen, liebenswürdigen Hunanesen, der sehr leidend war.
Nach den üblichen Fragen nach woher und wohin, Alter, Eltern usw. ließ
ich als Dank mein Geschenk, eine Halfter mit Trense, überreichen. Ich
ahnte nicht, daß der alte Herr nicht mehr reitet, sonst hätte ich ihm
etwas anderes geschenkt. Beim Abschied ließ er mir zu Ehren die
Haupttore öffnen und begleitete mich noch hinaus. Wahrscheinlich war er
sehr erstaunt, daß ich ohne jeglichen Dienertroß, also ganz entgegen
chinesischer Sitte, angekommen war; er fragte mich sofort, wo denn meine
Leute und Pferde seien.
Der Staubsturm wurde immer übler; namentlich litten die armen Pferde
darunter. Mein guter Dicker wollte noch immer nichts fressen und war
ganz schwach. Ich hatte fortwährend eine Unzahl Jungen um mich, die sich
aber viel anständiger benahmen als die chinesischen Rangen gleichen
Alters. In dem Gasthaus kaufte ich von einer Türkin zwei der hier
üblichen Mützen, von denen ich eine zum allgemeinen Jubel aufsetzte.
Abends sandte mir der Yamen einen Hammel, eine Ente, ein Huhn, Reis und
Brennholz als Geschenk.
Die Türkinnen hier sind hübsch und sehr viel freier als die Chinesinnen,
man sieht sie überall unverschleiert auf der Straße. Über dem offenen
oder in zwei bis drei Zöpfe geflochtenen Haar tragen sie als
Kopfbedeckung rote, grüne oder blaue Velvetmützen, als Anzug ganz bunte
Kleider mit weiten Hosen und über alles ein bis an die Knie gehendes
Oberkleid. Die Kleider bestehen meistenteils aus Kattun in den
schreiendsten Farben; hier müßte für unmodern gewordene
Farbenzusammenstellungen ein gutes Absatzfeld sein. Als Schuhwerk tragen
sie entweder hohe, weiche Kniestiefel mit Pariser Hacken oder
Pantoffeln; viele gehen auch barfuß. Silberne Ohr- und Fingerringe in
chinesischem Geschmack dienen als Schmuck. Die Männer tragen einen
langen, vorn offenen, gesteppten Rock und ein über die Hosen gehendes
Hemd, bunte Kappe, bunten Gürtel und hohe rindslederne Stiefel.
[Illustration: Wen Li Schan, Mandarin in Turfan]
Am nächsten Morgen kam mit großem Pomp Wönn la lauye, um mir seinen
Gegenbesuch zu machen. Der alte Herr, dem das Gehen und besonders das
Treppensteigen schwer fällt, war wieder sehr liebenswürdig. Natürlich
interessierte er sich ganz außerordentlich für meine europäischen
Sachen. Leider verstand ich ihn sehr schlecht, da er Südchinesisch
spricht und nebenbei auch noch stottert. Er saß wohl über eine Stunde
bei mir und fuhr dann ab, nicht ohne sich erkundigt zu haben, ob ich
alles Notwendige bekommen hätte und ob ich nicht irgendeinen Wunsch
hätte. Über Mittag schickte er mir wieder ein Diner, das mir sehr gut
schmeckte. Nachmittags wanderte ich durch die Stadt, die auch in ihrem
mohammedanischen Teil einen vollkommen chinesischen Eindruck macht, wenn
nicht die anders gearteten Kostüme und die bärtigen Männer wären.
Übrigens trägt man hier schon sehr viel den Turban. Im Innern zeigen die
Häuser, die von außen wie chinesische Bauten aussehen, orientalischen
Charakter, gewölbte Decken mit viereckigem Loch als Rauchfang, kein
Fenster, oder nur ein ganz kleines vergittertes, Teppiche am Fußboden,
die Feuerstelle mit dem Fußboden in gleicher Höhe und vor dem Feuer eine
viereckige Vertiefung, von der aus geheizt wird und in welcher Kohlen
und Holz aufbewahrt werden.
[Illustration: Waschende Türkin]
Als ich zurückkam, fand ich den Turfaner Yamenbeamten im Streit mit
einem alten Schantu. Dieser hatte das Pferdefutter für mich zu liefern
und behauptete, 40 Cash zu wenig erhalten zu haben. Der Mann vom Yamen
wollte mich veranlassen, zu seinem Herrn zu gehen, um den Streit zu
schlichten, in der Annahme, daß ich für ihn Partei nehmen würde. Mir
fiel es aber gar nicht ein, mich in den Zank der Gesellschaft zu
mischen. In diesem Augenblick kam ein junger Schantu dazu und sagte mir:
"Der vom Yamen hat gestern drei Viertel deines Essens für einen Tael
verkauft und das Brennholz gestohlen." Mir war sofort klar, daß er die
Wahrheit sprach; ich drohte dem Beamten, wenn er nicht binnen kürzester
Zeit die Sachen zur Stelle schaffe, würde ich zum Yamen gehen, wo sein
Herr dann entscheiden solle, wer die Prügel zu bekommen habe. Das Holz
kam umgehend zum Vorschein, das Essen war in einer halben Stunde da. Die
Schantus waren nun doppelt liebenswürdig gegen mich, weil sie gesehen
hatten, daß ich unparteiisch Recht sprach. Die Frau des
Geschäftsführers brachte mir europäischen Zucker, also einen großen
Luxusartikel, der Alte brachte mir Tee und der Junge bettelte so lange,
bis ich ihm versprach, ihn für freie Station und 2 Taels in bar, also
herzlich wenig, mit nach Kaschgar zu nehmen. Auch mein Chinese Djang
tsche Tschang, der eigentlich nach Urumtschi (Chung Miautse) zu seiner
Mutter wollte, entschloß sich, mich nach Kaschgar zu begleiten. Da er
recht abgerissen aussah, schenkte ich ihm, praktisch damit sein
Trinkgeld verbindend, für die letzten zwölf Tage 1 Tael und gab ihm 2
Taels Zuschuß, damit er sich anständig anziehen könne. Jetzt konnte ich
mich doch mit meinen beiden Genossen als richtiger Lauye sehen lassen,
denn ohne mindestens zwei Diener gilt hier in China ein Mensch gar
nichts. Der Schantu hieß Emin, war gegen 18 Jahre alt, anscheinend aus
besserer Familie und machte einen offenen Eindruck. Mein Chinese redete
zwar etwas viel, war aber ehrlich; dafür konnte ich schon manche
schlechte Eigenschaft mit in den Kauf nehmen.
[Illustration: Geschäftsführer und seine Frau
Türken aus Turfan in meinem Gasthaus]
Dem armen Pony ging es dauernd schlechter, er hatte ausgesprochenen
Verschlag, die Beine waren dick angelaufen, die Augen trieften und er
hatte starke Kreuzschmerzen, dabei war er ganz stumpfsinnig und wollte
nichts fressen. Für mich war das ein harter Schlag, daß der gute Dicke,
der mich so treu bis hierher geschleppt hatte, nun mit einem Male
versagte, denn er war mir sehr ans Herz gewachsen.
Ganz spät kam noch ein Brief vom Yamen, in dem ich für den 27. April zu
einem kleinen Frühstück eingeladen wurde. Am nächsten Morgen spazierte
ich also dorthin, nicht ahnend, daß man mir zu Ehren ein größeres Essen
angeordnet hatte. Zuerst mußte ich warten, da der Mandarin sich noch
nicht erhoben hatte. Unter üblichem Trommelwirbel stand er endlich auf.
Nach einer weiteren Stunde des Wartens trommelte es zum zweiten Male,
ein Zeichen, daß der Mandarin bereit sei, seine Gäste zu empfangen. Ich
kam als erster an. Allmählich stellte sich eine ganze Anzahl von
Chinesen aus der Haute volée Turfans ein. Wir bekamen zuerst Süßigkeiten
und Mandelmilch, dann rauchte alles. Hierauf schlug die Trommel zum
dritten Male und der erste Diener meldete, daß angerichtet sei. Übrigens
war die sehr zahlreiche Dienerschaft nicht nur sehr gut angezogen,
sondern auch vorzüglich geschult. Wir wurden zum Eßzimmer geleitet, wo
uns ein Diner allerersten Ranges vorgesetzt wurde. Peinlich war mir, daß
ich in meinem nichts weniger als salonfähigen Reisekostüm erschienen
war, aber das ließ sich nun nicht mehr ändern und hinderte mich auch
nicht, es mir recht gut schmecken zu lassen. Während des Essens erschien
meine Stütze in seinem neuen Anzug und meldete, daß es dem Pony immer
noch nicht besser gehe; zugleich fragte er an, ob wir nicht lieber erst
morgen aufbrechen wollten, da es ohnedies sehr heiß sei; das Thermometer
zeigte 37½ Grad. Ich bestellte den Karren auf abends, um die Nacht
durchzumarschieren. Mein Chinese beging nun einen groben faux pas, indem
er es sich in dem Eßzimmer in einem der Lehnstühle bequem machte. Da er
auch noch Lust zeigte, sich an der Unterhaltung zu beteiligen, schickte
ich ihn sofort mit einem Auftrag nach Hause. Um 12 Uhr empfahl ich mich,
nochmals für die vielen mir erwiesenen Aufmerksamkeiten dankend. Der
Boden brannte mir unter den Füßen, des kranken Ponys halber. Zu Hause
fand ich das arme Tier völlig teilnahmslos vor und überlegte schon, ob
ich es nicht lieber erschießen sollte, denn verkauft hätte ich es in
diesem Zustande keinesfalls. Aber man klammert sich ja auch bei kranken
Tieren stets, wie der Ertrinkende an den Strohhalm, an die Hoffnung auf
Besserung. Der Pony, der mich persönlich ganz genau kannte, nahm von mir
etwas altes Brot und dann geschnittenes Stroh mit Kleie gemischt an,
legte sich aber nicht hin, da er anscheinend Angst vor dem Aufstehen
hatte.
Nachmittags ging ich zum Telegraphenamt, um nach Deutschland zu melden,
daß ich noch am Leben sei; da ich den chinesischen Ausdruck für
Telegraph nicht wußte, irrte ich erst eine Zeitlang umher, ohne ihn zu
finden. Schließlich malte ich in einem Laden einem intelligenten
Kaufmann denselben auf, er verstand auch sofort, wohin ich wollte, und
bald waren wir an Ort und Stelle. Hier gab es nun einen ergötzlichen
Auftritt. Zuerst war der Draht bei Karaschar gerissen; einem on dit
zufolge soll er immer gerissen sein. Dann verstand kein Mensch
europäische Schrift, und ich selbst beherrsche nicht soviel chinesische
Schriftzeichen, um ein Telegramm aufsetzen zu können. Schließlich
bequemte sich einer der Beamten doch dazu, notdürftig Englisch zu
können. Nach Deutschland zu telegraphieren, war unmöglich; ich schrieb
daher ein Telegramm nach Kaschgar an das russische General-Konsulat auf,
in dem ich bat, das Telegramm an meinen Vater nach Deutschland weiter zu
geben. Selbstverständlich bezahlte ich dafür, obwohl es sehr zweifelhaft
war, ob es überhaupt abgehen, und ebenso ungewiß, ob es unverstümmelt in
Kaschgar ankommen würde. Wie ich dann später in Kaschgar erfuhr, ist das
Telegramm dort unverstümmelt angekommen und in der liebenswürdigsten
Weise vom russischen General-Konsul Exzellenz Petrofsky nach der Heimat
weitergegeben worden. Die Kosten waren nicht hoch, das ziemlich lange
Telegramm kostete nur 1,89 Taels.
Zu Hause packte ich dann, lohnte meinen großen Stab von wirklich netten
hilfsbereiten Jungen ab und bedachte auch die schöne Frau des
Geschäftsführers, die mir den Zucker geschenkt hatte, mit 200 Cash
Trinkgeld.
[Illustration: Derwisch in Tocktsun]
Mein Diener wanderte zum Yamen, um nochmals meinen Dank zu bestellen und
zu melden, daß ich abmarschiere. Der Mandarin erwiderte dies sofort
durch seinen Abgesandten mit der Visitenkarte des Beamten und dem
Wunsche einer glücklichen Reise. Nach und nach trafen dann noch ein
Begleiter vom Yamen, zwei Kavalleristen, sowie mit einem alten
Schantumann vier Karrenponies, dieses Mal auffallend gute, ein. Der arme
Dicke wurde hinten angebunden und unter allgemeinem Wunsche der Schantus
für glückliche Reise ritt ich in die dunkle Nacht ab.
Vorbei an der Turfaner Neustadt, wo die Chinesen wohnen, ging es auf
höchst übeln, in der Nacht doppelt unangenehmen Wegen nach Westen. Wir
konnten die Pferde, wenigstens solange es durch angebaute Gegend ging,
nicht führen, da uns die Hunde von allen Seiten wie toll anfielen. Bald
wurde es empfindlich kalt, nach der hohen Tageshitze doppelt unangenehm.
Mir schien, als habe ich noch nie eine so lange Nacht erlebt; ich fror
wie ein Schneider und war froh, als wir morgens gegen 8 Uhr die ersten
Häuser von Tocktsun erblickten. Merkwürdig gut bekam dem Dicken der
lange Marsch; er entwickelte morgens einen gewaltigen Appetit und legte
sich nach dem Fressen hin, um famos zu schlafen. Ich war ganz glücklich
darüber, daß das Tier durchgekommen war. Diese Ponies sind ein ganz
merkwürdig zäher Schlag Tiere, ich glaube, ein Pferd wäre sicher dabei
eingegangen.
Tocktsun ist ein Städtchen mit gemischter Bevölkerung, es hat eine
Kavallerie-Garnison von 80 Mann. Emin hatte schon heute Heimweh und
wollte wieder zurück. Natürlich dachte ich nicht daran, ihn wegzulassen,
ohne daß er das Geld, das ich ihm dummerweise als Vorschuß bezahlt
hatte, wieder herausgab. Als ich ihm drohte, ihn sofort zum Yamen zu
schicken, heulte er mir etwas längeres vor, doch ließ ich mich dadurch
gar nicht rühren, sondern entschied, daß er weiter mitgehen müsse. Die
Chinesen meinten, er sei eben noch ein Kind, dabei war der Bengel 18
Jahre alt und einen vollen Kopf größer als ich.
Bei empfindlicher Kälte ritten wir am 29. April morgens 4 Uhr ab, zuerst
durch steinige Ebene bis an einen Gebirgszug, der den Weg kreuzt. Ich
trabte mit meinem Yamenbegleiter und den Kavalleristen voraus. Wir
passierten am Anfang der Berge eine der einsamen Poststationen, dann
waren wir zwischen fast senkrechten, sehr hohen Felswänden. Der Boden
der Schlucht war äußerst steinig, außerdem ging es die ersten 15
Kilometer dauernd in einem Bachbett entlang. Die Berge sind gänzlich
vegetationslos, die nördlichen Wände an flacheren Stellen teilweise mit
übergewehtem Wüstensande bedeckt. Einmal sahen wir eine vereinzelte
Wildente. Wir marschierten unaufhörlich, die Schlucht nahm kein Ende.
Die Sonne brannte glühend heiß herunter, das Thermometer zeigte plus 49
Grad; nirgends fand man ein bißchen Schatten. Die Pferde ließen
bedenklich die Köpfe hängen und der arme Dicke mußte schon getrieben
werden. Zuweilen trafen wir größere Eselherden, die als Lasttiere für
Waren benutzt werden. Der Esel kostet hier nur einen Tael, sehr gute bis
3 Taels. Merkwürdig ist, daß große Herden von ungefähr 100 Stück nur von
einem einzigen Manne geleitet werden. Ich sah in den Eselkarawanen nur
Hengste. Einmal passierten wir eine Karre ohne Bespannung, die Tiere
hatten versagt und der Führer war mit sämtlichen Tieren vorausgeritten,
um sie zu tränken. Gegen ein Uhr erreichten wir die ersehnte Tränke. Aus
einer hundert und mehr Meter hohen Felswand kam an einer porös
aussehenden Stelle klares Quellwasser heraus. Es war nicht viel, aber
trotzdem lagerten an dieser Stelle Hunderte von Eseln, viele Karren und
eine Menge Reisende auf Pferden; es war ein hübsches buntes Bild. Was
jedoch noch angenehmer in unsern Ohren klang, war, daß unser heutiges
Ziel, die Poststation Orwulac, nicht mehr fern sein sollte. Um 1½ Uhr
waren wir zur Stelle. An einer Erweiterung der Schlucht lag eine
Häusergruppe, bestehend aus dem Posthause und dem Gung Kwan, dem
Rasthause für mit Regierungspaß versehene Reisende. Man findet diese
Einrichtung in den meisten größeren Städten, auf den Zwischenstationen
seltener, und eigentlich braucht man hier nichts zu bezahlen. Diesen
Gung Kwan hatte der kommandierende Offizier aus Karaschar mit seiner
Sippschaft ganz mit Beschlag belegt. Ich zog trotzdem mit meinen Tieren
in den noch leeren Stall, aus dem mich seine Herrlichkeit sofort wieder
herausbefördern wollte. Da er nicht sehr höflich war, wurde ich grob;
seine Leute sprangen ein und belehrten mich, daß ich einen Ta-jen
(Exzellenz) vor mir hätte. Hierauf erklärte ich, das treffe sich
ausgezeichnet, denn auch ich sei ein deutscher Ta-jen; im übrigen würde
jeder, der meine Pferde auch nur anfasse, sofort von mir höchst
persönlich Hiebe besehen; natürlich wagte keiner mehr, etwas zu sagen.
Später zog ich selbst um, weil ich einen noch besseren Stall fand; für
die Menschen aber war durchaus kein Unterkommen zu finden. Inzwischen
verging Stunde auf Stunde und die Karre kam nicht. Meine armen Tiere
waren ganz verhungert; sowie sich nur ein Mensch sehen ließ, wieherte
die Stute, in der Hoffnung, er bringe Fressen. Ich legte mich hin und
schlief mit dem Sattel als Kopfkissen bald ein. Endlich um 9 Uhr langte
die Karre an; die Tiere hatten unterwegs in der Hitze versagt. Nun
bekamen die Pferde Futter und auch wir etwas zu essen. Übrigens war der
alte Schantu, den mir der Yamen Turfan mitgegeben hatte, rührend gut zu
mir. Er suchte mich immer zu trösten, teilte redlich sein bißchen Stroh
und sein Brot mit mir und trieb von irgendwo noch Tee und heißes Wasser
auf. Der alte Mann verdient wirklich einen Ehrenplatz in meinem
Reiseberichte, denn auch weiterhin sorgte er stets für mich, ehe er
irgendwie an sich selbst dachte.
Der Verkehr war hier sehr stark, es war gerade Reisezeit. Die ganze
Nacht über hörte das Kommen und Gehen von Menschen, Karren usw. nicht
auf. Mehrfach wurde mir zu meinem nicht geringen Ärger von Unterkunft
Suchenden ins Gesicht geleuchtet, obwohl meine kümmerliche Schlafstelle
in der Stallecke keineswegs mit einem Zimmer in der ersten Etage des
Berliner Zentralhotels zu vergleichen war. Natürlich konnte sich
jedesmal der Betreffende von dem Anblick des schlafenden fremden Teufels
nicht trennen, dazu kam noch das Geschrei der unzähligen Esel, es war
eine recht herzerquickende Nacht!
Auch am 30. April ritt ich voraus. Es ging noch ein Stück in der
Schlucht weiter, die einmal durch einen enormen Felssturz ein ganzes
Stück lang verschüttet war. Man sieht noch die Spuren des alten Weges;
der neue windet sich jetzt zwischen den abgestürzten Blöcken hindurch.
Das Tal erweitert sich, und nach 40 Kilometer Marsch hatten wir die
Ebene vor uns, in der man in der Ferne wiederum hohe Berge sah.
Auffallend viele Tierkadaver lagen am Wege, ein Zeichen, wie schwer es
die armen Tiere hier in dem tiefen, steinigen Sande haben. Es war wieder
glühend heiß, plus 50 Grad C; um ein Uhr waren wir in Kümmisch, einem
kleinen Dorf mit ganz gemischter Bevölkerung, wo Schantus, Dunganen und
Bekenner der konfuzianischen Lehre bunt durcheinander wohnen. Ich
fragte, ob hier Mischheiraten vorkämen, was mit Entrüstung von allen
Seiten zurückgewiesen wurde. Kaum zwei Wochen weiter, konnte ich mich
wiederholt von dem Gegenteil überzeugen, alles heiratete lustig
durcheinander. Mein Schantudiener wollte nicht mehr mit dem Chinesen in
einem Zimmer schlafen, natürlich nur, um mir Schwierigkeiten zu machen.
Letzterer erwies sich als ein sehr brauchbarer Diener, während der
andere ein bäuerischer und noch dazu ganz kindischer Mensch war. Die
Chinesen haben hier an einem Bergabhang eine schöne große Quelle, die in
ein Becken fließt; letzteres ist vollkommen verschlammt und morastig,
und das überfließende Wasser ist infolgedessen gar nicht mehr genießbar.
Trotzdem denkt kein Mensch daran, das ganz flache Becken einmal zu
reinigen.
[Illustration: Poststation im Gebirge vor Kümmisch]
1. Mai. Unsere heutige Tagesleistung betrug 70 Kilometer. Wir
marschierten wieder ganz früh ab; ich ritt voraus, um auf Antilopen zu
pirschen, sah jedoch nur einmal solche ganz in der Ferne. Bald befanden
wir uns in den Bergen, die aber nicht so hoch und steil waren wie die
letzten. Nach 45 Kilometer Marsch erreichten wir Kara Kysyl, das die
Chinesen Lu-fu-gu nennen; auf den Karten ist ein Flecken gezeichnet, in
Wirklichkeit ist es nur ein großes Gehöft in einer Talerweiterung. Das
Gasthaus war gestopft voll, ich zählte allein über 100 Ponies, ohne die
Maultiere und Esel. Der Geschäftsführer des Gasthauses wollte mit meinem
Karren einige Kisten nach Karaschar mitsenden, was ich jedoch
untersagte, da ich kein Mietskutscher sei. Am Nachmittag schlief ich
etwas Vorrat, da wir die Nacht durch marschieren wollten. Dann ging es
weiter in die nur schwach vom zunehmenden Monde erleuchtete Nacht. Der
Weg war gut und im schlanken Trab kamen wir schnell vorwärts. Um 11,45
Uhr hatten wir bereits 45 Kilometer hinter uns und waren an einer
Poststation, in der noch Licht brannte. Nach längerem Klopfen wurde uns
geöffnet und wir bekamen von dem natürlich eifrig Opium rauchenden
Beamten sehr guten Tee vorgesetzt. In keiner der vielen Poststationen,
die ich passierte, habe ich einen Beamten getroffen, der nicht rauchte.
Der Weg blieb auch weiterhin gut und hell genug, obwohl der Mond
verschwand. Einmal sahen wir in der Dunkelheit einen Fuchs, dessen
Körper phosphoreszierte, so daß wir zuerst glaubten, es sei ein Licht.
[Illustration: In der Herberge Kara Kysyl]
Um 4½ Uhr morgens waren wir in Usch Dalla und kamen leidlich gut
unter. Mein Pferd war trotz der gewaltigen Anstrengung nicht sehr müde;
wir hatten innerhalb der letzten 24 Stunden 270 Li, etwa 135 km,
zurückgelegt. Vier Stunden später traf die Karre ein; meine Leute hatten
mehrfach Antilopen gesehen, die uns in der Dunkelheit entgangen waren.
Unangenehm bemerkbar machten sich jetzt schon die vielen Fliegen,
besonders die Stute war sehr empfindlich dagegen und schüttelte den
ganzen Weg über den Kopf; übrigens ging sie jetzt ganz vorzüglich und
von dem alten Widerristdruck war gar nichts mehr zu merken; auch der
gute Dicke befand sich wohler, so daß ich daran denken konnte, ihn in
einigen Tagen wieder zu reiten.
[Illustration: Kara Kysyl
Pferdefüttern mittels eines zwischen zwei Karren gebundenen Sackes]