Dicht vor unserm heutigen Ziele, Chonnega, sah man das erste bestellte

Feld. Wir kamen in der, eigentlich als Soldatenlager erbauten, aber

nicht mit Soldaten besetzten, Herberge sehr gut unter. Die Anlage ist

praktisch und, da sie neu ist, auch tadellos sauber, im Viereck erbaut

mit zwei Ställen in je zwei Ecken. Ich hatte zum ersten Male seit Ngan

Hsi Tschau einen Raum, den man als Zimmer bezeichnen konnte, und den

Luxus eines Tisches und einiger Stühle, sogar frische Semmeln gab es am

Abend. Durch das offene Fenster beobachtete ich, wie der Mafu den dicken

Pony, meinen besonderen Liebling, schlug, weil er sich den zähen gelben

Lehm nicht von den Beinen waschen lassen wollte. Da ich in diesem Punkte

sehr kitzlich bin, gab es eine recht scharfe Auseinandersetzung und ich

hätte ihn beinahe schon heute entlassen; bald sollte er ohnehin den

Rückweg antreten.

Es war eigentlich meine Absicht, um 2 Uhr nachts schon abzumarschieren;

ich war jedoch der einzige, der wach wurde. Der Karrenführer lag im

Opiumdusel und mein Mafu war überhaupt nicht zu finden; ich mußte

warten, und wir konnten erst um 5½ Uhr aufbrechen. Am Wege tauchten

Dörfer auf. Der typische Kuppelbau der Tempel und die Gräber, die nicht,

wie im eigentlichen China, runde Hügel sind, sondern, wie bei uns, eine

längliche Form haben, ließen erkennen, daß wir bei Türken angelangt

waren. Die Chinesen nennen diese Leute Schantus; es sind wohl

Dschaggatai-Türken. Sie haben auffallend viel Bartwuchs im Gesicht und

ziehen sich sehr bunt an; charakteristisch sind ihre Lederstiefel mit

weicher Sohle ohne Absatz. Mit diesem Stiefel fahren sie dann in einen

Pantoffel mit Absatz, den sie, sobald sie die Zimmer betreten, einfach

ausziehen. In der Gesichtsbildung fällt sofort die starke Nase auf.

In der Nähe von Hami wurde der Verkehr stärker. Gegen 11½ Uhr waren

wir an der Stadt, durch die hindurch wir zur Beamtenherberge ritten, wo

kein Unterkommen zu finden war. Von da aus ging es zur nördlichen

Vorstadt, in der wir ganz gut unterkamen; doch gab es gleich Skandal,

denn die Menge benahm sich unverschämt und zudringlich. Als einige der

Leute "Fremder Teufel!" riefen, griff ich mir einen von den Schreiern

heraus. Schließlich nahmen aber die übrigen Leute für mich Partei und

beschimpften den Betreffenden auch noch, so daß ich ihn laufen ließ.

Man erzählte mir, daß noch ein Europäer augenblicklich in Hami sei.

Nachdem ich gegessen hatte und die Pferde besorgt waren, schickte ich

den Mafu zum Yamen; ich selbst ließ mich zu dem Gasthaus führen, wo der

Europäer wohnen sollte. Man war sich über Nationalität und Beruf nicht

einig; die einen behaupteten, es sei ein Russe, andere sagten, es sei

ein Deutscher; jedenfalls sei er sehr grob. Ich wanderte durch die

Stadt, eigentlich muß man hier schon Basar sagen, zum Gasthaus des

Fremden, den ich gerade mit Waschen seiner Pferde beschäftigt fand; sie

hatten, ebenso wie die meinigen, Läuse, und da auf die chinesische

Bedienung kein Verlaß ist, machte er es ebenso wie ich und wusch sie

selbst. Ich redete ihn an: "Sprechen Sie deutsch?" "Jawohl", sagte er,

worauf ich erwiderte: "Ich bin ein Deutscher, und freue mich, einen

Landsmann zu treffen." Er teilte mir mit, daß er Bode heiße und

Kapitänleutnant außer Dienst sei, worauf ich mich ihm als deutscher

Offizier vorstellte. Nun waren wir gleich im richtigen Fahrwasser, und

als Kameraden fühlten wir uns wie alte Bekannte. Ich fand in

Kapitänleutnant Bode einen weit gereisten Mann, der viel von der Welt

gesehen hatte und sehr Interessantes zu erzählen wußte. Er reiste, wie

ich, ohne größeren Komfort und wechselte seine Begleitung und

Dienerschaft von Ort zu Ort. Der hiesige Yamen hatte ihm zuerst jegliche

Unterstützung verweigert. Daraufhin hatte er nicht lange gefackelt,

sondern sofort mittels des ausnahmsweise funktionierenden Telegraphen

die russischen Behörden in Urumtschi um Unterstützung gebeten. Die

Russen hatten diese Gelegenheit benutzt, um ebenfalls telegraphisch

irgendwelche hohen Chinesen zu drücken, und der hiesige Yamenbeamte

schien eine scharfe Zurechtweisung erhalten zu haben; jedenfalls war er

zahm geworden wie ein Lamm, was auch mir zugute kam. Man ersieht

hieraus, wie weit der russische Einfluß reicht, bis zur äußersten

Ostgrenze von Turkestan. Bode war ein unabhängiger, sehr energischer

Mann, der zu seinem Vergnügen reiste. Er beabsichtigte, ungefähr bis Hsi

Ngan Fu den von mir genommenen Weg zu verfolgen und von dort aus später

nach Süden zu gehen. Ich saß bis spät abends bei ihm, trank aber leider

zu viel von seinem vorzüglichen, an der Quelle gekauften Ceylon-Kaffee,

der mir solches Herzklopfen verursachte, daß ich mich später lange

schlaflos herumwälzte. Meiner braven Stütze, dem Mafu, redete ich zu,

mit Kapitänleutnant Bode wieder zurückzuwandern; auf diese Weise wurde

ich ihn besser los, als wenn ich ihn später hinaussetzte, was doch bald

hätte geschehen müssen, weil er von Tag zu Tag mehr verbummelte und ich

für das Geld, das ich ihm gab, drei Leute bekommen konnte.

Früh morgens am 12. April, einem Sonntage, kam der Mann an, dem ich in

der Wüste seinen Esel zurückgekauft hatte; er brachte mir ein schönes,

großes Stück Hammelfleisch zum Dank. Ich habe mich über dieses Zeichen

der Dankbarkeit ganz besonders gefreut, kam es doch von einem Chinesen,

bei dem diese Eigenschaft sehr selten ist, und von einem ganz armen

Mann. Ich ritt dann mit der Stute zu Kapitänleutnant Bode, um ihn zu

einem gemeinsamen Besuche beim hier residierenden Schantu-Sultan

abzuholen. Der Yamen des Sultans lag in der westlichen Vorstadt, die nur

von Mohammedanern bewohnt ist. Da ich mich vorher hatte anmelden lassen,

erwartete man mich bereits. Die Mitteltüren wurden mir zu Ehren

geöffnet, und ich trat in einen langen, von Gebäudereihen flankierten

Hof. Am Kopfende befand sich ein höheres Gebäude. Der Prinz kam selbst

heraus und bewillkommnete mich aufs liebenswürdigste. Wir traten in eine

schöne Halle, deren Einrichtung ganz im chinesischen Stil gehalten war;

man sah gemalte Schriftzeichen auf Rollen an den Wänden, geschnitzte

Gitterfenster, sehr schöne seidene Teppiche aus Chotan, Rotlacksachen,

Jettgegenstände und gute Porzellane. Wir bekamen Tee, Biskuits und

kleine Konfitüren russischen Ursprungs vorgesetzt.

Ich fand in dem Sultan einen Mann mittleren Alters von sehr angenehmem

Wesen, der bei weitem besser orientiert war, als der vornehme

Durchschnitts-Chinese es zu sein pflegt. Ich unterhielt mich mit ihm

Chinesisch, während Bode Türkisch mit ihm sprach; der Sultan beherrschte

beide Sprachen. Wir blieben wohl anderthalb Stunden; er erkundigte sich

nach woher und wohin und nach europäischen Verhältnissen, besonders

interessierten ihn die mehr oder minder freundschaftlichen Beziehungen

der Völker zueinander, und hierbei namentlich die englisch-russische

Frage in bezug auf die Aufteilung Mittel-Asiens. Natürlich wollte er

gern wissen, welche der beiden Mächte später einmal sein Herr sein

würde; denn daß dieses eintreten müsse, hielt auch er nur noch für eine

Frage der Zeit. Nach meiner Ansicht wird es wohl der Russe sein. Mein

Freund Boos war vor fünf Jahren auch bei ihm gewesen. Er zeigte uns sein

Geschenk, ein Gewehr Modell 88, das gut im Stande war. Leider konnte ich

mich mit solchen Geschenken nicht beliebt machen, da ich derartige

Sachen nicht mit mir führte. Wir empfahlen uns dann, und der Sultan

begleitete uns noch hinaus, um die beiden großen, fremden Pferde zu

besichtigen. Kapitänleutnant Bode ritt einen sehr schönen arabischen

braunen Hengst, den er selbst bei Mekka gekauft hatte. Ich ritt meine

australische Stute. Natürlich zog der Sultan den Hengst vor, da dieser

einen sehr schönen, langen Fasanenschweif hatte; meine arme Witwe fand

infolge ihres kurzen Schwanzes nirgends Gnade vor den Augen der

Besichtigenden.

[Illustration: Kapitänleutnant Bode mit seinem arabischen Hengst "Lotto"

in Hami]

Ich hatte den Eindruck, daß sich dieser halb selbständige Fürst mehr zu

Stambul gehörig fühlt, als zu China; er erkennt aber den Kaiser von

China als sein Oberhaupt an und wird par ordre de mufti, jedenfalls wohl

nicht freiwillig, Ende dieses Jahres nach Peking reisen, um den Kaiser

oder vielmehr die Kaiserin-Witwe mittels Kotau zu Neujahr seiner

Ergebenheit zu versichern und den Tribut, bestehend in Geld, Teppichen

und Ponies, sowie in Jett-, Silber- und Goldsachen abzuliefern. Wir

ritten zurück. Ich fand in meinem Gasthause ein Diner vom Yamen vor;

bald kam auch der Beamte selbst, der hier schon nach türkischer Sitte

Amban heißt, um mir seinen Besuch zu machen. Kaum war er hinaus, als der

Taotai auch noch in Begleitung eines kleinen Söhnchens erschien, der

mich eine ganze Schachtel Schokolade kostete. Beide Mandarinen waren

äußerst liebenswürdig, nahmen mir aber mit ihrem Geschwätz eine Menge

Zeit weg.

Ich rechnete dann mit dem zurückgehenden Mafu ab; er bekam über 40

Taels, was ein ordentliches Loch in meinen Beutel machte; aber besser,

heute die Summe, als später in Kaschgar annähernd die doppelte und noch

einen Pony zum Zurückreiten, was ich mit ihm verabredet hatte. Ich

packte dann alles auf, schickte den Mafu zum Yamen, der Packtiere

halber, und engagierte mir einen mit mir von Ngan Hsi Tschau gekommenen

weiter nach Westen wandernden Mann als Stütze. Er sah zwar ziemlich

schmierig aus, machte aber einen ehrlichen Eindruck; er ging später mit

mir bis Kaschgar und hat sich stets als guter, ordentlicher Diener

erwiesen, der am liebsten mit mir nach Deutschland gekommen wäre. Den

Abend verbrachte ich sehr angenehm bei Kapitänleutnant Bode; er hatte

außer seinem arabischen Hengst Lotte noch vier andere Pferde, die teils

aus Karaschar stammten, teils Kalmückentiere waren. Ich half ihm mit

einigen Kleinigkeiten aus, die er mit ebensolchen erwiderte, außerdem

gab er mir eine schwarze Liste sämtlicher Mandarinen auf dem ferneren

Wege bis Kaschgar mit, so daß ich schon jetzt in der angenehmen Lage

war, über jeden derselben orientiert zu sein.

Am 13. April morgens, kurz bevor ich abmarschieren wollte, kam vom

Sultan als Geschenk ein Hammel, ein Sack Erbsen, ein Sack Reis, Heu,

Stroh und Feuerholz. Zurückschicken konnte ich die Sachen nicht, also

gab ich sie für meine Rechnung in Zahlung und tauschte den Hammel gegen

Pferdefutter ein. Übrigens ist ein Hammel hier nicht mehr als vier Mark

wert. Kapitänleutnant Bode kam noch, um mir Lebewohl zu sagen. Er stand

neben meinem Pferde, als ein etwa zehnjähriger Junge versuchte, ihm

einen Beutel mit Goldstücken aus der Tasche zu ziehen. Bode ertappte ihn

dabei und strafte ihn gründlich. Das Volk verhielt sich ganz

teilnahmslos dabei. Ich zog weiter nach Westen durch die

Mohammedanerstadt mit ihrer großen schönen Moschee und ihren

charakteristischen Begräbnisplätzen, hinaus in die Steppe, die hier

jedoch nicht so trostlos öde ist wie nach Süden zu, da sie von ziemlich

vielen kleinen Wasseradern durchschnitten wird. Nach Norden zu bildet

der Thien Schan mit seinen schneebedeckten Gipfeln einen wirkungsvollen

Abschluß.

Zu Kapitel VII.

[Illustration: Chinesisch-Turkestan

26 Marschtage, 4 Ruhetage = 1215 km -- Durchschnittsmarschleistung

46,4 km]

[Illustration: Chinesisch-Turkestan

23 Marschtage, 6 Ruhetage = 952 km -- Durchschnittsmarschleistung

41,3 km]

VII. KAPITEL.

Chinesisch-Turkestan.

Abends waren wir in Tru foa, wo wir sehr gut unterkamen. Meine neue

Stütze war willig und schnell.

In glühender Hitze zogen wir am 14. April durch Steppe und Wüste; wir

hatten über Mittag in der Sonne plus 45 Grad, und ich war froh, als ich

die ersten Obstbäume, die teilweise schon Blüten angesetzt hatten, bei

unserm heutigen Ziel, San foa, erblickte. Am nächsten Morgen hatten wir

nur plus 1 Grad, es wurde aber bald wieder drückend heiß. Wir hatten

wieder nur einen kleinen Marsch nach San to lin, wo wir auch gutes

Unterkommen fanden. Hier in Turkestan sind von 30 zu 30 Kilometer

offizielle, von der Regierung erbaute Rasthäuser, die, soviel ich

gesehen habe, stets gut instand gehalten sind. Kurz nach der Ankunft

bemerkte ich, daß mein Thermometer fehlte. Der Ortsvorsteher stellte

sofort einen Reiter, der nach dem letzten Quartier zurückritt, um dort

danach zu suchen. Am Nachmittag wusch ich, zum Gaudium der Bevölkerung,

besonders der Weiber, zuerst meine Stute, dann meine Wäsche im Dorfbach.

[Illustration: Mein Diener Djang tsche Tschang]

Wir näherten uns nun allmählich dem Thien Schan, der felsig und kahl

ist, genau wie alle anderen Gebirge im Osten Chinas. Merkwürdig war der

stete Wechsel der Temperatur während des Marsches. Kurz hintereinander

ging es durch heiße und dann wieder ganz kalte Luftschichten. Das

Gelände war heute ziemlich quellenreich, doch gehen die kleinen Bäche

meist nicht sehr weit, sondern versiegen im Sande. Wir waren oft

gezwungen, erhebliche Umwege zu machen, um nicht in dem durchweichten

Boden stecken zu bleiben. Einmal saßen wir doch fest und mußten alles

abladen, um die Karre mit vereinten Kräften wieder herauszuziehen. Gegen

3 Uhr erreichten wir Lo tung, das einen Kavallerieposten von 30 Mann in

einem Lager hat. Die Kavalleristen sind fast alle verheiratet. Der Ort

hat eine schöne große Quelle und eine ganze Menge Bäume. Mein, neuer

Diener, mit Namen Djang tsche Tschang, bewährte sich durchaus; er war

fleißig und aufmerksam, ob auch ehrlich, das konnte natürlich erst die

Zeit lehren. Ich merkte jetzt erst, was für ein unglaublich fauler

Mistfink mein alter Mafu gewesen war und ärgerte mich, daß ich den

Menschen für mein teures Geld so weit mitgeschleppt hatte.

[Illustration: Lo tung]

Es ging heute durch Ausläufer des Thien Schan bergauf und bergab.

Überall war steinbesäte Wüste. An einer Stelle war der Telegraph

zerrissen und Kavalleristen flickten ihn; das mag etwas schönes geworden

sein! Mitten in der Wüste stand ein Gasthof und ein Pferdestall, an dem

die Yamenreiter ihre Pferde wechselten. Natürlich war alles teuer und

schlecht, wir aßen das letzte Stück Fleisch aus Hami, von nun ab mußten

wir uns wieder auf Reis beschränken. Gegen Abend setzte Staubsturm ein,

der die ganze Nacht über wehte und durch die das Fenster darstellende

Öffnung in der Wand ganze Staubwolken hineinwarf. Wir ritten weiter

durch steile Felsberge. Unser beabsichtigtes Quartier, das wir gegen

Mittag erreichten, war derartig überfüllt, daß ich beschloß, den Marsch

noch fortzusetzen, nachdem ich eines der eingespannten Tiere im

kaiserlichen Ponystall hatte umtauschen lassen. Man brachte uns ein noch

ganz rohes Tier, das erst gefesselt werden mußte; die Chinesen ließen

den sehr unruhigen Pony so lange mit der Fessel ziehen, bis er beinahe

zusammenbrach, erst dann machten sie die Fessel ab; das Tier hatte sich

die Lehre gemerkt und ging nun sehr gut. Wir passierten noch einige

Kilometer Felsberge und gelangten dann in eine schräge Ebene, in der uns

der Sturm wieder voll faßte. In den Bergen war es dafür drückend schwül

gewesen. Gegen Abend langten wir in Kosch an, wo wir die Nacht blieben.

Am 19. April herrschte noch immer eisiger Sturm, trotzdem das

Thermometer gar nicht tief stand; man wurde beinahe vom Pferde

herabgeweht. Zuerst ging es 20 Kilometer durch mit vereinzelten

Tamarisken, bestandene Ebene; an einem kleinen, hübsch gelegenen Orte

wechselten wir die Pferde, dann fing wieder der steinige Weg an; es war

vollkommen so, als ob man über Schotter auf einer neuen Chaussee

marschiert und für die armen Pferde sehr anstrengend. Der Wind ließ

nicht nach und benahm einem vollkommen den Atem.

[Illustration: Kleines Felsennest hinter Kosch (Turkestan)]

[Illustration: Rasthaus in der Wüste]

Gegen drei Uhr nachmittags langten wir in einem einzelnen kleinen Hof,

mitten in den Felsbergen, an. Hier wohnte der Beamte, der die

kaiserliche Post besorgt und die posttragenden Reiter kontrolliert. Er

ist ein Hunanese, und wie alle Leute aus dieser Provinz, außerordentlich

freundlich. Da den Pferden die Beine sehr wehtaten, beschloß ich, zu

bleiben und wurde von dem Beamten sofort liebenswürdig aufgenommen.

Natürlich mußte ich mit der ganzen Gesellschaft in einem Raume wohnen;

von sieben Menschen rauchten sechs Opium, und obgleich ich trotz

Staubsturm die Türe nicht zumachen ließ, war es vor Gestank kaum

auszuhalten. Die Nacht fror es wiederum stark; der arme Dicke war am

Morgen ganz steif gefroren, wollte durchaus nichts fressen und ließ

bedenklich den Kopf hängen. Da kein Stroh zu haben war, mußten die Tiere

auf den nackten Steinen stehen. Heute ging es durch ganz kahle Berge und

dann in einen weiten Kessel, der von hohen Felsbergen eingefaßt war. Am

jenseitigen Ausgang lag unser heutiges Reiseziel, Tu Dundse, ein Hof, in

dem die Pferdestation sich befindet. Wir wurden auch hier von dem

betreffenden Beamten freundlich aufgenommen, die Tiere bekamen schönes

Heu und einen guten Stall, legten sich bald hin und fühlten sich sehr

wohl. Es blieb den ganzen Tag über kalt und windig. Der Beamte klagte

mir sein Leid, es sei fast das ganze Jahr über nicht anders. Nachmittags

ging ich noch einmal auf Antilopenjagd, sah auch einmal einen Sprung von

vieren, die aber schon auf 2000 Meter absprangen und bald in den hohen

Felsen verschwanden. Ich kroch noch stundenlang umher, entdeckte aber

nichts mehr.

In jedem dieser Höfe, in denen die Pferde gewechselt werden, befindet

sich stets noch ein Mann, der die Telegraphenlinien in Ordnung halten

_soll_! Wie alle in Turkestan befindlichen Chinesen, rauchen sie Opium.

Ich habe keinen angetroffen, der es nicht tat. Mein Menü bestand hier

morgens, mittags und abends aus Reis, etwas anderes war nicht

aufzutreiben.

[Illustration: Rasthaus in der Wüste zwischen Hami und Turfan]

Bei großer Kälte und Staubsturm brachen wir am 21. April früh auf.

Zuerst ging es drei Stunden lang durch hohe Berge, dann in die Ebene, wo

uns der aus Norden kommende Sturm erst recht faßte. Es war einer der

schlimmsten, die ich erlebt habe. Man kam nur noch mit Not vorwärts. Um

3 Uhr hatten wir 70 Kilometer hinter uns und langten an einem einsam in

der Wüste liegenden Gehöft an, in dem die Pferde gewechselt werden

sollten. Das Haus sah zu elend aus, und da ein größerer Ort nur noch 20

Kilometer entfernt sein sollte, ließ ich weiter marschieren. Um 6 Uhr

trafen wir in Tschy-go-tai ein, hatten mithin eine Tagesleistung von 90

Kilometern hinter uns, ohne daß die Pferde auffallende Müdigkeit

zeigten. Der Ort hatte ein stark befestigtes Soldatenlager, das wie eine

Zitadelle die Gegend beherrschte. Das Lager war mit 30 Kavalleristen

besetzt. Nachdem ich die letzten vier Tage nur von Reis gelebt hatte,

waren Eier und Hammelfleisch, die es hier für teures Geld gab,

willkommene Beigaben des Küchenzettels.

[Illustration: Heiligengrab vor Pitschan]

Über Nacht legte sich endlich der Sturm. Am 22. April morgens hatte ich

wieder einmal großen Zank, da mir nur ein Pferd zur Karre gestellt

wurde. Es geht hier durch Wüste, in der vereinzelt an Quellen kleine

Oasen liegen. Um Mittag, als wir endlich bebaute Gegend erreichten,

zeigte das Thermometer plus 49 Grad. Die Zugpferde hatten bereits

mehrfach versagt, man sah es allen Tieren an, daß sie einem Hitzschlag

nahe waren. Es war merkwürdig, wie belebend auf Mann und Pferd der

Anblick der grünen Felder und Bäume, zwischen denen wir nun

durchmarschierten, wirkte. Gegen drei Uhr langten wir in Pitschan, einem

großen Orte mit gemischter Bevölkerung, an. Die Chinesen wohnen in einem

befestigten Mauerviereck, außerhalb desselben die Mohammedaner. Ich

setzte großes Reinemachen an; die Pferde wurden sämtlich gewaschen, die

Sachen geklopft und gesonnt und der Beschlag dort, wo es nötig war, von

einem geschickten Schmied für billiges Geld erneuert. In der Gegend, in

die wir jetzt kamen, gilt anderes Geld; auf den Tael gehen nur noch 400

Kupfer-Cash, so daß letzterer fast annähernd unserm Pfennig entspricht.

Besonderen Spaß machte meinem neuen Chinesen am Abend das Bürsten meiner

Katzenfelldecke, weil sie elektrische Funken abgab; er begriff gar

nicht, was das wäre, und hielt es wahrscheinlich für irgendwelche

Hexerei. Genau wie in der Türkei ruft hier abends der Muezzin sein

Gebet, allerdings nicht vom hohen Minaret, sondern vom Dach seines

Hauses.

Ich hatte den Abmarsch am 22. April, der Hitze wegen, morgens um 5 Uhr

befohlen, aber wie stets, waren die Chinesen nicht pünktlich und wir

kamen erst um 6 Uhr fort. Zuerst ging es durch das breite, im höchsten

Anbau befindliche Pitschan-Tal; überall führten die kleinen, geschickt

geleiteten Kanäle das Wasser in die Felder. Die Aprikosen blühten

bereits und unterbrachen mit ihren roten Blüten sehr angenehm das satte

Grün der Pappeln, Weiden und Tamarisken. Als wir das Tal durchkreuzt

hatten und wieder in der Ebene waren, hörte mit einem Schlage jede

Vegetation auf und wir befanden uns wieder in der südlich von hohen,

kahlen Bergen begrenzten Wüste. Nur ab und zu traf man in tief

eingeschnittenen Tälern kleine Oasen. Gegen Mittag wurde es wieder

glühend heiß, plus 49 Grad. Die armen Pferde kamen kaum noch vorwärts,

und ich war froh, als wir von weitem das mit grünem Blätterschmuck

umgebene Liang mutjin endlich vor uns sahen. In den Herbergen war alles

besetzt; daher forderte ich unter Vorzeigung meines Passes bei dem

Verwalter der kaiserlichen Pferdewechselstelle Quartier. Er hatte nur

ein schlechtes Zimmer zur Verfügung, weshalb er mich gern abgewiesen

hätte, ich hörte jedoch nicht auf ihn und blieb, sonst hätte ich

biwakieren müssen. Nachmittags saß ich draußen und schrieb, was eine

wahre Völkerwanderung von Schantus und Chinesen durcheinander

veranlaßte. Jeder von ihnen hatte eine Frage zu stellen und schließlich

malte ich zur allgemeinen Freude jedem seinen Namen mit deutschen

Lettern in die Hand.

Der Kavallerist, der uns seit Tschy-go-tai begleitete, war ein ganz

durchtriebener Geselle. Wenn wir nicht mehr weit vor dem Quartier waren,

trabte er voraus, und wenn wir ankamen, trat er uns schon als Gentleman

in Zivil entgegen, d. h. er hatte die Zeichen seiner Uniform abgelegt,

irgendeinen Jungen zum Pferdeabwarten engagiert, und tat, als ob er mich

nie gesehen hätte. Zu seinem Kummer rief ich ihn heute heran, um ihm

einen Auftrag zu geben. Er wollte zuerst nicht kommen, bis ich sehr

deutlich wurde. Die Menge lachte ihn natürlich aus.

Der Abend war drückend schwül, wie ein Gewitterabend zu Hause.

Staubsturm und wieder einmal der übliche Zank wegen der Pferde leiteten

den 24. April ein. Trotz meines Passes vom Auswärtigen Amt, des

Begleitschreibens vom Yamen Hami, des mitgegebenen Beamten und des

Kavalleristen, tat der Verwalter der Pferdewechselstelle so, als ob ich

ihn überhaupt nichts anginge. In meinem Begleitschreiben vom Yamen Hami

stand, daß mir die Pferdewechselstelle stets einen mit drei Tieren

bespannten Karren zu stellen hätte. Ich hatte diese um vier Uhr morgens

beordert, jedoch erst um 6 Uhr erschienen zwei elende Kracken mit der

Karre. Mein Beamter war natürlich im Opiumdusel und zu schlapp, um

irgend etwas zu sagen; kurzum, ich mußte selbst wieder eingreifen. Erst

zankte ich mich eine Weile mit den sehr wenig Chinesisch verstehenden

Schantus herum, die ihrerseits wieder mit meinem Yamenbeamten

Höflichkeiten austauschten. Sie warfen ihm vor: "Du verstehst ja unsere

Sprache nicht", woraufhin er erwiderte: "So eine Frechheit. Ihr versteht

meine Sprache nicht", was die ganze Überhebung des Chinesen

kennzeichnet. Schließlich liefen die Schantus weg, weil sie Angst vor

Prügel hatten; der Verwalter aber ließ sich immer noch nicht sehen. Ich

schickte in das Haus, er möchte herauskommen; er kam nicht. Das war mir

nun doch zu viel, ich ging hinein und hielt ihm meinen Paß unter die

Nase mit dem Bemerken, daß, wenn nicht binnen fünf Minuten 3 Ponies und

Leute zur Stelle wären, ich dafür sorgen würde, daß er seinen Posten

verliere. Das half endlich, sofort war alles da und wir kamen glücklich

fort.

Im Sattel durch Zentralasien: 6000 Kilometer in 176 Tagen · 第 17 / 26 段