Am Morgen des 29. März zog ich mit einem Begleiter zum Südtor hinaus auf

die Antilopenjagd. Vorher gab es noch einen kleinen Auftritt. Ich hatte

meine sämtlichen Decken im Freien aufgehängt, um sie zu sonnen, als ein

Quartier machender Mafu hereingeritten kam und sie einfach in den

Schmutz riß. Ich versetzte ihm sofort eine Züchtigung und zwang ihn,

alle Decken wieder fein säuberlich zu reinigen und aufzuhängen. Das

umstehende Volk nahm gegen mich Partei, und nur dem gerade zur Jagd

umgehängten Karabiner hatte ich es zu verdanken, daß es nicht einen

größeren Skandal gab. -- Wir zogen zum Südtor hinaus, nach Süden zu,

sahen aber lange nichts, bis wir hinter einer Sandhügelreihe ein Rudel

von elf Antilopen aufstöberten, welche sofort absprangen. Nun ging es

wieder wie gewöhnlich; ich kroch stundenlang hinter den einen halben

Meter hohen Sanddünen herum, ohne näher als 400 Meter an die Tiere

herankommen zu können. Einmal schoß ich unterwegs mit dem Erfolg, daß

der ganze Sprung wieder flüchtig wurde und verschwand. Erst nach einer

Weile hatte ich sie mit dem Zeiß wiedergefunden, doch sehr weit

entfernt. Es bot sich aber eine ausgezeichnete Gelegenheit zum

Anpirschen durch ein ausgetrockenetes Bachbett, in dem ich in gebückter

Haltung, über Schlamm, Gestrüpp und gefallene Bäume, manchmal auf allen

Vieren kriechend, schnell vorwärts kam. Von Zeit zu Zeit vergewisserte

ich mich, ob sie noch da wären; sie zogen ganz langsam, ruhig äsend,

weiter. Nach ungefähr drei Viertelstunden war ich heran; die Tiere

hatten mich nicht bemerkt. Vorher hatte ich schon Zeiß, Pelzmütze und

Patronengürtel meinem Begleiter abgegeben. Nun schob ich mich sachte an

der steilen Böschung in die Höhe, aber schon hatte mich der Leitbock

erblickt. Die Tiere schlossen zusammen und äugten nach mir hin; ich war

wieder untergetaucht. Dann von neuem hinübersehend, nahm ich mir das

nächste Tier aufs Ziel und schoß. Es lag im Feuer, und als ich hinkam,

-- die Entfernung betrug 148 Schritt -- waren außer ihm noch zwei zur

Strecke die ersten beiden hatten Blattschuß, das dritte Halsschuß; ich

nickte es ab, der Rest war flüchtig, alle drei waren Böcke. Natürlich

war große Freude über den schon so lange ersehnten Erfolg. In der Nähe

weidete eine Kamelherde, deren Hirten jedoch um kein Geld zu bewegen

waren, ihre Herde zu verlassen und die Jagdbeute in die Stadt zu

bringen. Mein Begleiter lief daher nach Ngan Hsi Tschau zurück, um eine

Karre zu holen, nachdem der Versuch, die gekoppelten Tiere am Karabiner

zu tragen, wegen ihrer Schwere mißglückt war. Nach zwei Stunden langem

Warten erschien am Horizont ein Ochsenkarren, auf dem wir die drei Tiere

glücklich heimtransportierten. Auf dem Rückwege sahen wir noch zweimal

Füchse und Antilopen. In der Stadt war helle Aufregung, als wir mit den

drei Antilopen ankamen, eine reine Völkerwanderung flutete nach meinem

Gasthause, und jeder wollte das Gewehr näher besichtigen, mit dem ich

den glücklichen Schuß getan hatte. Ich machte Strecke, photographierte

meinen Begleiter mit den Tieren und schenkte ihm eine Antilope, eine

schickte ich dem Yamen und eine behielt ich selbst nebst allen drei

Gehörnen. Wir waren nun wenigstens für die nächsten Tage mit Fleisch

versorgt. Abends gab es Antilopen-Gulasch, von der wieder ganz

versöhnten chinesischen Freundschaft sehr gut zubereitet.

[Illustration: Eine hübsche Chinesin]

Irgend ein Mandarin war mit großem Gefolge aus Hami eingetroffen,

darunter zwei hübsche, junge Frauen; sie wohnten neben mir und benutzten

jede Spalte und Ritze, mich zu beobachten. Ganz besonderen Spaß schienen

ihnen meine eingehenden Waschungen zu machen; der Chinese kennt so

etwas nicht. Sie kamen aus dem Kichern und dem "Nican, nican!" (sieh

nur, sieh nur) nicht heraus. Abends schickte mir der Yamen Nachricht,

daß er noch keinen Karren hätte auftreiben können und Kamele bis Hami

unter 15 Taels pro Stück nicht zu haben wären. Das war mir zu teuer,

besonders wenn man bedenkt, daß ein gut bespannter Karren für dieselbe

Strecke nur 18 Taels kostet. Dies war der Dank für die geschenkte

Antilope! Es blieb mir also nichts weiter übrig, als am nächsten Tage

wieder die Antilopen zu ängstigen. Beim Schlafengehen bemerkte ich, daß

mein großer Pelz fehlte, der draußen gesonnt worden war und den mein

Mafu vergessen hatte, hereinzubringen. Alles wurde sofort alarmiert; ich

drohte bereits mit Abzügen vom Gehalt und Prügel vom Yamen, als er sich

endlich in einem der Karren des Herrn aus Hami wiederfand. Einer der

fremden Mafus hatte ihn bereits als willkommenes Beutestück annektiert.

[Illustration: Ngan Hsi Tschau -- Antilopenstrecke]

Über Nacht setzte aus Osten ein kolossaler Staubsturm ein, der stärkste,

den wir bisher gehabt hatten. Ganze Wolken von Sand, mit Streu und

kleinen Steinen gemischt, flogen mir ins Gesicht, so daß ich davon

erwachte. An eine Weiterreise war, auch wenn die Karre pünktlich

gekommen wäre, gar nicht zu denken. Die Chinesen rührten sich nicht aus

ihren Zimmern und hockten überall auf den Kangs, frierend und faulenzend

oder rauchend. Einige von ihnen vertrieben sich die Zeit mit

Kartenspielen, was ich zu ihrem großen Vergnügen als recht schlechte

Unterhaltung brandmarkte. Außerdem sprachen sie den ganzen Tag von

nichts anderm als von Weibern und von den Freuden, die ihrer in Hami

warteten, was ich zu ihrer noch größeren Belustigung als völlig

verwerflich bezeichnete. Meine schöne Nachbarschaft rauchte Opium, eines

der Weiber stillte dabei einen Säugling, und das alles bei offener Tür.

Wir kochten uns Antilopenfleisch, dessen wundervolle Bouillon der Mafu

den Schweinen geben wollte, die Chinesen mögen sie nicht; er begriff gar

nicht, daß ich mir eine große Schüssel davon zurückstellen ließ und mir

auch die Gehörne zurückbehielt. Mehr als einmal bat mich einer der

Chinesen um ein Gehörn mit der Bemerkung, daß es ja für mich wertlos

sei. Der zu überschreitende Su lei ho war durch den Sturm angestaut und

weit aus den Ufern getreten, so daß Mongolen, die ihn am Abend mit ihren

Kamelen überschreiten wollten, zurückkehren mußten. Am nächsten Tage

hielt der Staubsturm, wenn auch nicht mehr ganz so stark, doch noch an,

es war aber noch mehr Staub in der Luft, so daß man nicht quer über den

Hof sehen konnte. Der Karren kam selbstverständlich wieder nicht; dafür

war niemand ausgefahren und das Gasthaus bis auf den letzten Platz

gefüllt. Zum Entsetzen des Mafu beschloß ich, selbst zum Yamen zu gehen;

er wußte schon, daß ich mit dem Yamengesindel kurzen Prozeß zu machen

pflegte, und fürchtete, daß seine eigene Schwäche der Gesellschaft

gegenüber herauskommen würde. Im Yamen angekommen, griff ich mir sofort

den Unverschämtesten im Dienerschaftszimmer heraus und sagte ihm, daß

ich ihn nicht eher loslassen würde, als bis er mir die Karre gezeigt

hätte, die ich bekommen sollte. Er wollte anfangs nicht hören; als ich

ihn aber, ohne ein Wort zu sagen, ruhig festhielt, wurde er doch

gefügig, und richtig bekam ich in einem ziemlich entfernten Gehöft die

für mich bestimmte Karre zu sehen, vorläufig noch ohne Räder; letztere

sollten beim Stellmacher und noch in Arbeit sein; also weiter, dorthin.

Die Räder waren seit vierzehn Tagen fertig, nur hatte kein Mensch danach

gefragt oder sie abgeholt. Ich ließ sofort die Räder zur Karre bringen

und diese zusammensetzen, dann wurde der Yamenmann entlassen; er war

sehr höflich geworden, nachdem ich ihm mit der Peitsche gedroht hatte,

falls er mich nicht mit "Lauye" (Herr) anrede, was er vorher nicht für

nötig gehalten habe.

[Illustration: Karrenreparatur in der Wüste Gobi]

Nun hatte ich zwar meine Karre, an Ausrücken war aber nicht zu denken.

Gegen 1 Uhr versuchte ich einmal mit der Büchse zum Südtor

hinauszugehen, mußte indessen bald wieder umkehren, da man nicht zehn

Schritt weit sehen konnte und es ganz aussichtslos war, an Antilopen

heranzukommen.

[Illustration: Durch die Wüste Gobi zum Thien Schan

11 Marschtage = 525 Kilometer. Durchschnittsmarschleistung 47,7

Kilometer]

VI. KAPITEL.

Durch die Wüste Gobi zum Thien Schan.

Der 1. April brachte uns endlich bei ganz bedecktem Himmel und warmer

feuchter Luft abwechselnd Regen und Schnee; der Staubsturm hatte sich

gelegt. Wir packten auf und marschierten um 6½ Uhr ab, als gerade die

Kavallerie, dreißig Köpfe stark, einrückte. Angesichts des drohenden

Regens hatten sie es vorgezogen, am Tore kehrt zu machen und sich das

Exerzieren zu schenken. Wir ritten zum Nordtore hinaus auf die als

breiter dunkler Streifen am Horizont sichtbare Wüste zu. Mit uns

zugleich kamen eine Menge Ochsenwagen, die hier die Fähre über den Su

lei ho ersetzen. An diesem angelangt, fanden wir einen breiten,

reißenden Strom, der weit aus den Ufern getreten war. Diesseits stand

eine Menge Chinesen teils mit, teils ohne Karren, jenseits eine Anzahl

Mongolen auf Kamelen beritten, beide Teile wartend, wer es zuerst wagen

würde, den Strom zu kreuzen. Die Chinesen machten sich dabei laut über

die Mongolen lustig, daß sie nicht ins Wasser wollten, während diese

sich schweigend verhielten.

Als ich eintraf, bot ich einem Kuhwagenführer die hohe Summe von 5 Cash,

wenn er fahren wollte, aber erst, als ich mein Gebot auf 8 Cash

steigerte, entschloß sich einer, für diese Riesensumme sein Leben zu

riskieren; unter einem wahren Indianergeheul der versammelten Menge fuhr

der Karren durch. Der Ochse mußte seinen Kopf zwar sehr hoch halten,

aber es gelang. Das Wasser ging an der tiefsten Stelle über den

niedrigen Wagen hinweg; ich schätzte es auf 1,10 Meter. Mit demselben

Geschrei fuhren wir nun hinein, ich selbst auf der Karre, die Pferde

hinten angebunden. Einen Augenblick drohte der Strom die vorderen Pferde

wegzureißen, aber wir schlugen, was wir konnten, mit den Peitschen

darauf los und kamen noch gerade an der äußersten Kante der Einfahrt zur

Furt heraus. Weiter unterhalb war das Ufer hoch und sehr steil, so daß

wir dort in eine recht unangenehme Lage geraten wären. Der Karrenführer

benutzte den Erfolg, um eine halbstündige Pause einzulegen und den

Vorfall erst einmal gründlich zu erörtern. Unterdessen ritten die

Mongolen ins Wasser hinein. In der Mitte des Flusses stoppten die

Kamele, und es schien, als ob sie nicht mehr weiter könnten, daraufhin

allgemeines Freudengeheul der Chinesen. Aber sie kamen doch durch, was

mich sehr freute.

[Illustration: Weg durch die Wüste (Wagenspuren)]

Nun ging es hinein in die Wüste. Kein Baum, kein Strauch, kein Vogel,

nichts als weite, steinige Fläche, dazu Regen und kalter Wind aus

Nordwesten, es war wirklich zu traurig. Der Weg kommt dem Reisenden

endlos vor, er bietet zu wenig Abwechslung; nur von Zeit zu Zeit mahnt

ein Kamel- oder Pferdegerippe, daß der Pfad nicht ganz gefahrlos ist.

Als wir noch 35 Li von unserm beabsichtigten Rastorte entfernt waren,

wurde die Gegend hügelig und vereinzelte Steppengrasbüschel und

Wüstenpflanzen tauchten auf. Ich trabte voraus, da zu viele Menschen

demselben Ziel zustrebten und ich mir eine Stube sichern wollte. Infolge

des dreitägigen Sandsturmes in Ngan Hsi Tschau hatte sich eine ziemliche

Menge wandernden Volkes angesammelt, die alle dem ersehnten Turkestan

zueilten. Die meisten waren kleine Handwerker, die im fremden Lande ihr

Glück versuchen wollten, das ihnen wahrscheinlich in der Heimat nicht

geblüht hatte. Ich fand denn auch in der einzigen vorhandenen Herberge

alles gepfropft voll, mir wurde aber doch nach Rücksprache mit dem

Geschäftsführer ein Zimmer eingeräumt.

[Illustration: Rast in der Wüste Gobi]

Am 2. April ging es weiter bei kaltem Nordwest über steinige Hügel. Die

Gegend bietet gar keine Abwechslung. Abends lagerten wir an einer

Wasserstelle, um die herum einst einige Gebäude gestanden haben, die

jetzt vollkommen in Trümmern liegen. Das Wasser war bitter und wurde

auch von den Pferden nur ungern genommen. Über Nacht war es hundekalt.

Halb bedeckter Himmel und stetig zunehmender eisiger Nordwest-Wind

kennzeichneten den 3. April. Die armen Pferde kamen mit der schweren

Karre kaum gegen den Wind an. Ich ritt immer möglichst dicht dahinter,

um mich etwas zu schützen, war aber bald so durchgefroren, daß ich es

vorzog, zu Fuß zu gehen, und zwar so schnell, daß ich über eine Stunde

früher als die Karre in Ta tschuan eintraf. Mir fiel es auf, daß die

Räder der Karren hier fast alle ohne Radreifen sind; daß sie bei den

steinigen Wegen überhaupt noch zusammenhalten, ist mir unbegreiflich.

Abends faßte ich wieder meinen Karrenführer beim Futterstehlen ab; dafür

konnte ich ihm hinterher eines seiner Pferde kurieren, das leichte Kolik

hatte. Gegen neun Uhr legte sich der Wind, es wurde ganz still, aber

sehr kalt; das Thermometer zeigte minus 12 Grad Celsius. Wir hatten am

nächsten Tage wundervolles Wetter mit schwachem Nordwest. Gleich hinter

dem Dorf standen zwei Antilopen, denen ich im Jagdeifer so weit folgte,

daß ich den Karren erst um 11 Uhr wieder einholte. Gegen Mittag kamen

wir nach Malan Dschinzo, einem aus zwei Gasthäusern bestehenden Ort an

einer leicht salzhaltigen kleinen Quelle. Die Freundschaft war

beleidigt, weil ich immer vorauseilte und mir die besten Zimmer

aussuchte, außerdem ihnen durch meinen Mafu hatte sagen lassen, daß ich

ein Zusammenwohnen in einem Zimmer nicht schätzte. Nachmittags ging ich

wieder auf Antilopenjagd, bekam auch drei ganz entfernt zu sehen und

versuchte zwei Stunden lang, jedoch ohne Erfolg, an sie heranzukommen.

An die paar Häuser des Nestes stößt eine kleine, zerfallene, mit einigen

Soldaten besetzte Befestigung, die dem Räuberunwesen steuern soll. Das

Dorf besitzt zwar eine große Rinderherde, aber keine einzige

milchgebende Kuh.

[Illustration: Ansiedlung Chin Chin-Hsia]

Nach 45 Kilometer Marsch durch hügelige, teils steppenartige, teils

gänzlich wüste Gegend gelangten wir am 5. April nach Chin Chin-Hsia,

einer kleinen Ansiedlung innerhalb hoher Felsberge, die eine Quelle mit

wirklich gutem Wasser aufweist. Die Kuppen rings um sind mit kleinen

Steinpyramiden gekrönt, die nur zur Verschönerung der Gegend dienen

sollen. Überall lag hier noch Schnee. Wir passierten heute die Grenze

zwischen Kansu und Tsin Tsiang, die durch einige behauene Steine

bezeichnet ist, außerdem durch ein kleines, mitten in der Wüste

stehendes Tempelchen, an dem die Karrenführer ihren Kotau machten und

dabei zwei in der Erde stehende Pfähle mit Achsenschmiere bestrichen, um

gute Fahrt bittend. Die Pfähle sahen aus, wie mit dem dünnen Ende in der

Erde steckende Keulen, denn oben waren sie von der vielen daran

haftenden Schmiere ganz dick. Die Nacht schlief ich endlich einmal

wieder recht gut unter Dach und Fach.

[Illustration: Tempel und Opferstöcke in der Wüste Gobi]

Beim Abmarsch am 6. April gab es eine recht unerquickliche Szene. Ich

hatte meine Rechnung so bezahlt, wie es vom Geschäftsführer verlangt

wurde. Es war nicht zu teuer für diese, so viele Tagereisen von jeder

Zivilisation entfernte Gegend. Meine Reisebegleiter nun hatten gar

nichts gekauft, nicht einmal Brennholz, welches sie unterwegs in Gestalt

von Dornensträuchern und Kamelmist, mit dem man hier heizt, gesammelt

hatten. Dabei war von ihnen die Küche benutzt worden und sie hatten auch

einen Raum für sich allein beansprucht. Jeder reisende Kuli gibt für die

Unterkunft mindestens 20 Cash und schläft dafür auf dem allgemeinen

Kang. Die fünf Köpfe starke Gesellschaft aber gab dem alten freundlichen

Chinesen nur 27 Cash im ganzen, also viel zu wenig. Darauf wollte der

alte Mann sie nicht fortlassen und wandte sich an mich mit der Bitte,

ihm doch zu seinem Gelde zu verhelfen, wofür er seinem Herrn einstehen

müsse. Ich gab ihm vollständig Recht, wollte mich aber nicht

einmischen, da die Sache mich schließlich nichts anging. Ich ließ daher

für meinen Karren das Tor öffnen und ritt weiter. Kaum waren wir gegen

300 Meter weg, als wir hinter uns lautes Geschrei hörten. Die

Gesellschaft hatte die Durchfahrt erzwungen und verhieb nun noch

obendrein zu vieren den einzelnen alten Mann. Das ging mir denn doch zu

sehr gegen mein Gerechtigkeitsgefühl. Ich kehrte um, riß den einen

zurück, die andern aber entwichen schleunigst, als sie mir ansahen, daß

ich Ernst machte. Ich rief ihnen zu: "Wer den alten Mann noch einmal

anfaßt, den schlage ich nieder." Die vier Feiglinge wagten auch nicht zu

mucksen, sie hatten den armen alten Kerl blutig geschlagen und ihm der

Zopf halb ausgerissen. Ich spuckte vor der Gesellschaft aus und sagte

ihnen, daß ich ihre Handlungsweise für grundgemein hielte, im übrigen

würde ich dem alten Mann sein Geld geben. Im Hintergrunde widersprach

einer der Gesellschaft und schimpfte; ich sprang auf ihn zu und hielt

ihm die Faust unter die Nase, worauf er schleunigst hinter seine Karre

floh. Dann nahm ich den Alten mit und brachte ihn in sein Haus. Er war

ganz glücklich, machte fortwährend Kotau und wollte das Geld durchaus

nicht nehmen. So sind die Chinesen, einer wie der andere.

[Illustration: Quelle und Tempel Chin Chin-Hsia in der Wüste Gobi vor

Hami]

Nach fünf Kilometern hatten wir einen in die Felsen gebauten, kleinen,

hübsch gelegenen Tempel vor uns. Alles stieg die Stufen hinauf. Das

Innere war ganz mit Weihgeschenken behängt, rot- und gelbseidenen

Fahnen, die mit Schriftzeichen bemalt waren. Über dem Altar hing die

ewige Lampe. Ein alter Priester schlug eine schön klingende Glocke an,

jeder machte einzeln seinen Kotau, dann schüttelte er einen Würfelbecher

mit Würfeln in Steinchenform vor dem Kotaumachenden aus und sagte ihm

die Anzahl der gewürfelten Augen, es ist seine Glückszahl. Ein anderer

Priester verlas aus einem dicken alten Buche die auf diese Zahl sich

beziehende Deutung. Das Innere des Tempels machte ohne Frage einen

feierlichen Eindruck. Von seiner kleinen Terrasse, auf der in Gestellen

Fahnen, die üblichen Waffen, ferner Pauken und Sättel stehen, hat man

auf das Felsenmeer ringsum eine schöne Aussicht. Alle Abhänge sind mit

kleinen, bis einen Meter hohen Steinpyramiden bedeckt, die von den nach

dem Tempel Wallfahrenden errichtet werden, es sind viele, viele

Tausende.

[Illustration: Chin Chin-Hsia-Tempel in der Wüste Gobi vor Hami]

Gleich hinter dem Tempel hatten wir einen sehr üblen Abstieg, dann

kreuzten zwei Antilopen den Weg, hinter denen ich mich sofort hermachte.

Ich überschritt, immer auf den handbreiten Wechseln der Antilopen

entlang laufend, drei Bergketten, ohne zum Schuß kommen zu können;

einmal hatte ich sie auf ungefähr hundert Schritte vor mir, war aber so

außer Atem von dem Klettern über die Felsblöcke und von dem Rutschen

über die Schneeflächen, daß ich nicht schießen konnte. Nach ungefähr

einer Stunde gab ich die unnütze Jagd auf, denn ich sah mit dem Glase

die Tiere schon Kilometer weit abspringen, außerdem wurde ich für den

Rückweg besorgt, denn in diesem Felsenmeer verläuft man sich sehr

leicht. Ich nahm Marschrichtung nach Westen mittels Kompaß, wobei ich

die große Straße unbedingt kreuzen mußte. Nach einer Stunde strammen

Marsches sah ich mit dem Zeiß die Telegraphenstangen vor mir und hatte

bald die richtige Route erreicht. Leute, die gerade des Weges kamen,

sagten mir, die Karre warte weit hinten auf mich. Ich setzte mich in die

Sonne auf den Sand und malte zur Übung chinesische Schriftzeichen. Gegen

10 Uhr kam die Karre; der Mafu hatte mich schon verloren geglaubt und

war in Todesangst.

Wir hatten mittlerweile bei unbedecktem Himmel Sandsturm aus Nordwesten

bekommen, so daß der Weitermarsch mehr als ungemütlich, wurde. Ich

trabte voraus und machte in Ta tschuan tse Quartier, das heißt, wir

mußten mit einer Stallecke vorlieb nehmen, etwas anderes war nicht zu

haben, da aus Hami kommende Reisende alles besetzt hatten. Die

chinesische Freundschaft oder jetzt vielmehr Feindschaft hatte mehr

Glück. Ein Zimmer wurde gerade frei, als sie kamen, auf das sie sofort

Beschlag legten. Ihr Karrenführer, der heute morgen für mich Partei

genommen hatte, fürchtete sich vor ihnen und kam mit seinen Tieren zu

mir; er fühlte sich unter meinen Fittichen sicherer. Übrigens hatten

auch alle anderen Chinesen nach der Affäre beim Abmarsch mir ihre

Zustimmung für mein Eingreifen mit erhobenem rechten Daumen

ausgesprochen. Alles Gerechtigkeitsgefühl ist also bei ihnen nicht

erloschen. Der Abend war ruhig und nicht sehr kalt. Hier war wieder eine

Quelle mit sehr schönem Wasser, so daß wir unsere Wassersäcke und

ausgehöhlten Kürbisse neu füllen konnten.

Durch die steinige Wüste ging es am 7. April weiter nach Ku schui; das

Gelände war leicht wellenförmig. Wir hatten denselben Wind wie gestern,

aber es war nicht so kalt dabei. Das Thermometer zeigte um 6 Uhr morgens

plus 5 Grad. Es ist spaßig zu beobachten, wie es die Karrenführer

verstehen, sich stets irgend einen der mit uns denselben Weg ziehenden

Kulis zur Hilfe heranzuziehen. Der Herr Karrenführer sitzt bequem auf

der Karre, die Stütze muß die Pferde antreiben, muß im Gasthaus kochen,

Pferde tränken usw. Dafür darf der helfende Chinese sein geringes Gepäck

auf die Karre legen. Das Wasser war heute ungenießbar, wir mußten erst

ein tiefes Loch graben, um überhaupt welches zu bekommen. Zum Kochen

nahmen wir das von uns mitgeführte Wasser und marschierten abends gleich

weiter, weil der nächste Wasserplatz über 70 Kilometer entfernt lag. Ich

litt wieder an Verdauungsstörungen, wahrscheinlich weil ich gestern, als

ich sehr durstig war, unabgekochtes kaltes Wasser getrunken hatte. Im

allgemeinen pflegte ich nach chinesischer Sitte stets heißes Wasser zu

trinken; die eine Ausnahme hatte gleich üble Folgen. Unsere

Reisegefährten wollten eigentlich auch über Nacht marschieren, zankten

sich jedoch im letzten Moment mit ihrem Karrenführer. Dieser bat mich,

zu vermitteln, ich hütete mich jedoch, mich noch einmal mit diesen

Leuten einzulassen.

[Illustration: Aufbruch aus dem Biwak (Gobi)]

Wir hatten die Nacht zum 8. April hindurch einen recht schweren Marsch

in tiefem Sande. Ich war froh, als wir um Mittag am nächsten Tage Punkt

12 Uhr die lange Strecke hinter uns hatten und in Yen tun gutes

Unterkommen fanden. Die Oase besitzt vier oder fünf Gasthäuser, die

natürlich die einzigen vorhandenen Gebäude sind, außer einem Tempel, in

dem die wandernden Bettler unterkommen. Ich hatte auf dem Marsche wieder

einmal Gelegenheit, zu sehen, was für zähe Menschen diese schlecht

genährten, eigentlich nur von Grütze lebenden Chinesen sind. Mit unserer

Karre liefen drei nach Hami wandernde Handwerksburschen die ganze

Strecke mit, dazu noch in ihrer unpraktischen Kleidung, ohne hinterher

etwa besondere Mattigkeit zu zeigen, trotzdem auf dem Marsch keine

Ruhepause gemacht worden war. Während das Thermometer in der Nacht unter

dem Gefrierpunkt gewesen war, zeigte es um 3 Uhr nachmittags plus 42

Grad. Im Laufe des Tages trafen dann gruppenweise, je nachdem sie

abmarschiert waren, alle Mitreisenden hier ein. Viele derselben kannten

mich jetzt schon und begrüßten mich stets freundlich.

Gegen Abend bemerkte ich draußen vor dem Tor einen Auflauf. Eine mit uns

die gleiche Strecke reisende Familie, ein Mann, zwei Frauen und vier

kleine Kinder, denen ich neulich schon einmal Geld geschenkt hatte,

waren inzwischen völlig mittellos geworden und wurden jetzt vom

Geschäftsführer gezwungen, einen ihrer drei Esel zu verkaufen. Dies war

für die Leute ein harter Schlag, denn die Frauen konnten mit ihren

verkrüppelten Füßen nicht laufen und den dritten Esel gebrauchten sie

zum Transport ihrer kleinen Kinder, die in zwei Kisten, an jeder Seite

des Sattels eine, untergebracht waren. Ich kaufte sofort den Esel für

denselben Preis zurück und stellte ihn den überglücklichen Leuten wieder

zu. Ein anderer Mitleidiger schenkte ihnen noch 1000 Cash, so daß sie

nun wohl bis Hami, ihrem Bestimmungsort, gelangen konnten. Der Mann war

ganz betäubt von dem plötzlichen unerwarteten Glück. Mir taten die armen

kleinen Kinderchen besonders leid und ich schickte ihnen noch Essen, da

sie den ganzen Tag nichts bekommen hatten; außerdem überließ ich ihnen

einen Sack Wasser.

[Illustration: Rasthaus in der Wüste Gobi]

Tschanglu sui war das Ziel des 9. April. Die Wüste war nicht mehr ganz

vegetationslos, an einzelnen Stellen traten Gräser auf, und einmal kam

sumpfiges Wasser zutage, um welches herum einige Bäume wuchsen, die

ersten, die ich seit vielen Tagen wieder zu Gesicht bekam. Ich ging die

ganze lange Strecke zu Fuß, es wurde allmählich drückend schwül; da ich

Gamaschen, Pelzmütze und Pelzweste trug, so war ich beim Eintreffen in

Tschanglu sui einem Hitzschlag nahe. Auf der Straße hatte sich eine

größere, Hasard spielende Gesellschaft niedergelassen; es ging um

geringe Beträge. Um fünf Uhr nachmittags spielten sie immer noch; die

Köpfe waren rot und die Summen waren recht bedeutend gestiegen. Es lag

viel Silber auf dem als Unterlage benutzten Tuch. Im Norden wurden die

hohen, meist mit Schnee bedeckten Ausläufer des Thien Schan sichtbar.

Um 5 Uhr setzte aus Nordwesten Staubsturm ein, nachdem den ganzen Tag

ein heißer Ostwind geweht hatte; noch um 8 Uhr abends zählte ich 22

Grad.

Am nächsten Morgen hatte der Staubsturm abgenommen, und da wir den Wind

im Rücken hatten, ließ ich aufpacken und abmarschieren. Die Gegend war

Steppe, von Zeit zu Zeit sah man sumpfige Stellen, auch vereinzelte

Bäume. Viele Pony- und Kamelherden grasten unter Aufsicht berittener

Hirten, welche Luntenflinten, mit dem gabelförmigen Auflegegestell am

Gewehr, auf dem Rücken trugen. Es waren malerische Gestalten. Der Sturm

ließ mehr und mehr nach und es wurde wieder drückend schwül, für die

Leute, die, in ihre Schafpelze gehüllt, von Ngan Hsi Tschau abmarschiert

waren, nicht angenehm. Hinter uns fiel ein Karren in ein Sumpfloch. Die

Mulis konnten weder vor- noch rückwärts und hätten leicht ertrinken

können. Ich ließ halten, um zu helfen, half auch selbst mit; denn ich

mochte den Su tschau fu'er Kaufmann, der, wie ich schon öfter

Gelegenheit gehabt hatte zu beobachten, rührend für seine Tiere sorgte,

nicht sitzen lassen. Der Erfolg war, daß die Tiere zwar herauskamen, ich

selbst aber von oben bis unten mit gelbem Lehm beschmiert war.

Im Sattel durch Zentralasien: 6000 Kilometer in 176 Tagen · 第 16 / 26 段