Unser Ziel, Gau tai Hsien, war noch 20 Li entfernt. Der Abend war

herrlich, kein Lüftchen regte sich, und der Verkehr war schwach. Die

Bauern pflügten noch überall auf den Feldern, vom Fluß her tönte der

Schrei des Storches und der Gänse, ab und zu hörte man die Weihe, die

ungestört, meist mitten im Dorfe, auf irgend einem hohen Baume nisten.

Allmählich wurde es dunkel, nur noch vereinzelte Krähen zogen ostwärts.

Da sah man am Horizont helle Punkte am Himmel auftauchen; es waren

erleuchtete kleine Drachen, die die Kinder aufsteigen lassen, also

konnte die Stadt nicht mehr fern sein. Bald befanden wir uns zwischen

den Häusern der Vorstadt und die Stadtmauer lag vor uns. Eine barsche

Stimme fragt: "Wer ist da?" damit ist der Pflicht genügt, es ist die

Torwache. Einige vorsichtige Geschäftsführer von Gasthöfen waren nicht

zu bewegen, das große Tor aufzumachen. Die Gegend ist unsicher, und wer

so spät am Abend noch reist, der kann nichts Ordentliches sein. Endlich

fanden wir doch noch ein Unterkommen. Der viel geplagte Mafu wanderte

zum Yamen und erhielt das Versprechen, daß die Karre pünktlich

erscheinen werde; dann gab es das karge Abendessen, und bald konnte man

das müde Haupt auf dem harten Kang zur Ruhe legen. Nebenan störte ein

chinesischer Sänger, der tausendmal dieselbe Melodie sang; aber auch

dieser bekam die Sache satt. Drei Böller kündeten, daß das

Stadtoberhaupt zur Ruhe gegangen sei, nur ein vereinzelter Eselsschrei

noch in der Ferne, dann trat Ruhe ein und man träumte vom schönen

Vaterlande im fernen Westen.

Natürlich kam am 16. März morgens keine Karre. Zweimal mußte ich zum

Yamen schicken, ehe wir alles beisammen hatten. Unterwegs futterten wir

in Scheziang yi, wo der Führer in seinem Vaterhause durchaus alles

mögliche abgeben wollte. Ich hatte den Verdacht, daß er sich zu drücken

beabsichtigte und ließ ihn daher, bevor er ging, seine Sachen als Pfand

deponieren. Es gab eine lebhafte Auseinandersetzung, bis ich einfach die

Sachen wegnahm. Nunmehr erschien auch der zugehörige Vater und

versicherte überlegen, daß, wenn sein Sohn versprochen habe,

wiederzukommen, er sicher auf die Minute da sein würde. Leider war ich,

trotz reichlicher Erfahrung, so dumm, ihn fortzulassen, denn wer

natürlich nicht wiederkam, war der Schelm, so daß ich, zu meinem

Verdruß, in dem Loche übernachten mußte. Den Abend ging ich dafür auf

Entenjagd und schoß eine, die aber so tranig war, daß man sie nicht

essen konnte.

Am folgenden Tage marschierten wir gegen sechs Uhr bei sieben Grad Kälte

in die Wüste ab. Wir sahen links in den Dünen mehrfach Antilopen und ich

ritt näher heran, um mich zu überzeugen, wie viele es wären. Beim

Absteigen blieb ich mit dem linken Fuß im Bügel hängen und mein guter

Dicker ging sofort pleine chasse mit mir durch, mich schleifend. Ich

fühlte noch Hufschläge am linken Schienbein, am rechten Spann, am

rechten Ellenbogen und am Kopfe, dann vergingen mir die Sinne und ich

kam erst zu mir, als mich mein Mafu auf richtete. Gottlob war der Sand

knietief und kein Steinchen darin. Der Pony hatte den Karrenführer, der

ihn aufhalten wollte, überrannt und dabei eine kurze Wendung gemacht,

wobei mein Fuß aus dem Bügel ging und ich liegen blieb. Der tiefe Sand,

der wattierte chinesische Rock sowie die dicke Pelzmütze hatten die

Hufschläge gemildert, so daß ich mit einigen Hautabschürfungen und

leicht gezerrten Muskeln davonkam. Merkwürdigerweise stellten sich auch

gar keine Kopfschmerzen ein, und nachdem ich einige 100 Schritt am Stock

gewandert war, konnte ich schon wieder glatt gehen, wenn auch mit

Schmerzen. Die Strecke, die der Pony mich geschleift hatte, betrug gegen

400 Meter. Die Bewußtlosigkeit kann kaum zwei Minuten gedauert haben.

Der Pony und die Chinesen hatten einen viel größeren Schreck bekommen,

als ich selbst. Sie erzählten mir hinterher, daß sie mich anfangs für

tot gehalten hätten und waren sehr um mich besorgt, was mich

einigermaßen rührte, denn im allgemeinen kennt der Chinese kein Mitleid.

Bald hatten wir wieder Antilopen vor uns. Ich pirschte nochmals heran,

sie sprangen aber zu früh ab, so daß ich nicht zum Schuß kam. Nach

weiteren fünf Kilometern war ein zweiter Sprung vor uns, den Weg langsam

kreuzend. Ich blieb ruhig bei der Karre und wartete, bis wir in gleicher

Höhe waren, dann schoß ich auf die nächste, vielleicht 130 Schritt

entfernte, ein vorzügliches Ziel bildende Antilope. Das Tier zeichnete

und brach im Feuer zusammen, begleitet vom Freudengeheul meiner

Chinesen. Es war die erste Antilope, die ich erlegte. Ich eilte mit

meinem Jagdmesser hin, um das Tier abzunicken, als es aufsprang und

flüchtig wurde; ich nahm zu Pony die Verfolgung auf, verlor aber bald

die Fährte und stand zu meinem nicht geringen Ärger wiederum vor einem

Mißerfolg. Wir suchten noch eine gute halbe Stunde, da das Tier mit

diesem Schuß unmöglich weit gelaufen sein konnte, aber vergeblich. Es

fehlte eben der Hund, und aller Eifer meiner Chinesen konnte eine gute

Nase nicht ersetzen.

Abends gelangten wir dann in einem kleinen Heidedorf inmitten von

Salzsümpfen an. Yan tsche ist nur eine Station an der großen Straße. Das

ganze Dorf besteht nur aus einigen Gasthäusern und wenigen Handwerkern,

die vom Durchgangsverkehr leben. Daß der Europäer als willkommenes

Objekt betrachtet wurde, ist klar; man bot mir Essen zu unmöglichen

Preisen an, so daß ich schließlich gar nichts kaufte, sondern Konserven

kochte. Doch bekam mir das europäische Essen nicht gut, da ich am 18.

März, nach einer fast schlaflosen Nacht, mit Kopfschmerzen erwachte.

Nachdem uns der Pony durch Weglaufen ungefähr eine halbe Stunde

aufgehalten hatte, kamen wir glücklich durch die Wüste gegen Mittag nach

Fang-Hsia, wo mich ein Mensch um Hilfe anbettelte, der letzte Nacht in

unserm Dorfe vollkommen ausgeplündert worden war und mit einem

anscheinend stumpfen Instrument einen schweren Hieb über das Schienbein

erhalten hatte. Ich verband unter Assistenz des ganzen Dorfes die übel

aussehende Wunde. Wie der Mensch mit einer derartigen Verletzung noch

weiter marschieren konnte, ist mir unklar, das kann eben nur ein

Chinese. Bei scharfem Nordwestwinde und bedecktem Himmel hatten wir

einen recht unangenehmen Weitermarsch. Der Wind ging schließlich durch

alles durch und wechselte merkwürdig oft zwischen West und Nord, so daß

man fortwährend im Staube war, wenn man hinter der Karre Schutz suchen

wollte. In der Ebene konnte man zeitweise 40 bis 50 Windhosen zugleich

beobachten. Kam man in eine solche, so war sofort alles fingerdick mit

Staub bedeckt. Dazwischen wieder war die Luft so klar, daß man

auffallend weit sehen konnte. Dabei rückten die entferntesten

Gegenstände ganz nah heran. Schon gegen Mittag lag unser heutiges Ziel,

das noch etwa 30 Kilometer entfernt war, in greifbarer Nähe.

Gegen 7 Uhr hatten wir die Wüste hinter uns, wir kamen wieder in

steppenartiges Gelände, und bald sah man auch angebaute Stellen. Ich war

froh, denn ich hatte etwas Fieber und litt stark an Durchfall, der

wahrscheinlich von dem hiesigen sumpfigen Wasser herrührte, denn auch

meinen Leuten ging es so. In Ling fi nahm ich abends den ersten Kognak

während der ganzen Reise und trank keinen Tee, sondern aß nur Reis. Ich

war so erschöpft, daß ich sofort, als ich mich hinlegte, einschlief. Ich

glaube, man hätte das ganze Zimmer ausräumen können, ohne daß ich es

gemerkt hätte. Am nächsten Morgen kamen sechs Mohammedaner zu mir, die

nach Tsin-Tsiang wollten. Sie machten Kotau und redeten mich mit

"Tajen" an, so daß ich sofort erriet, was sie wollten. Ich sollte ihnen

bei Dzia yü kwan durchkommen helfen, indem ich sie für meine Leute

ausgab. Ich erklärte ihnen, daß ich, als Europäer, mich niemals darauf

einlassen würde, die chinesischen Behörden zu betrügen, worauf sie

betrübt wieder abzogen. Die chinesische Regierung läßt nämlich

Mohammedaner ohne Paß nicht die große Mauer überschreiten, da sie ein

recht unruhiges Element der Bevölkerung darstellen und überall Unruhen

stiften.

[Illustration: Händler mit Jettwaren]

Mir ging es heute bedeutend besser, und da die Sonne wieder schien,

fühlte ich mich, trotz der 14 Grad Kälte, recht wohl. Wir hatten nur

kurzen Marsch, 40 Li, bis nach Su tschau fu, das wir, dem Laufe des

Pei-lung-sui folgend, um 11 Uhr erreichten: Su tschau fu ist zur Zeit

des Mohammedaneraufstandes gänzlich heruntergebrannt worden. Noch jetzt

sieht man viele Trümmer; im übrigen sieht es genau wie die anderen

Städte aus. Zuerst suchten wir innerhalb der Mauer nach einem guten

Gasthause, da es aber keins gab, ließ ich, zum Schmerz meiner

Begleitung, wieder umdrehen und außerhalb derselben einkehren.

Nachmittags erschien ein reisender Chinese, den ich bereits früher

getroffen und der mit seiner gesamten Dienerschaft hier auf mich

gewartet hatte. Die Gegend galt für unsicher und die Karrenführer

wollten tatsächlich nicht einzeln fahren, weshalb er mich bat, auch für

ihn beim Yamen eine Karre zu fordern, was ich zusagte. Merkwürdig war

es, daß viele Leute kamen, um sich zu erkundigen, ob ich Mausergewehre

hätte. Wie mag dieser Name hier bekannt geworden sein? Ein Mandarin

besuchte mich im Laufe des Nachmittags und erkundigte sich, wann Su

tschau fu Eisenbahn bekäme. Leider war mir der Zeitpunkt augenblicklich

unbekannt; ich vertröstete ihn also auf das nächste Jahr, alsdann würde

er sicher Eisenbahn haben. Nach meinem Gasthaus fand eine reine

Völkerwanderung statt; das Volk war harmlos, freundlich und neugierig

dabei. Im übrigen wird der Europäer hier als höherstehendes Wesen

betrachtet. Mir fiel entgegen früheren Berichten auf, daß sie ihre

Sachen von vornherein als schlecht und alle europäischen Waren als gut

bezeichneten. Hier ist eine lebhafte Industrie in Jetsachen. Ich kaufte

denn auch für recht wenig Geld verschiedene Kleinigkeiten.

Am nächsten Morgen erschien die Karre erst um 11 Uhr, der Treiber war

der Einfachheit halber weggelaufen, so daß einer der Yamenleute fahren

mußte. Mit der Karre stellte sich noch unser Yamenmann von Gau tai Hsien

ein. Er behauptete, kein Trinkgeld bekommen zu haben und bettelte in

unverschämter Weise, indem er versprach, das Opiumrauchen von nun an zu

lassen. Mir machte der zwanzigjährige Mensch Spaß, selten habe ich so

viel Gutmütigkeit und Leichtsinn vereinigt gesehen. Er redete so lange,

bis er ein Trinkgeld bekommen hatte, das er sofort in der nächsten Bude

in Näschereien anlegte, um dann, vergnügt singend und mit den

Straßenjungen Unfug treibend, die Straße entlang zu schlendern. Wir

packten auf, hielten aber in der Stadt noch mindestens zehnmal, um den

Karrenführer alle seine Geschäfte erledigen zu lassen, und kamen dann

glücklich durch das Nordtor und, durch die nördliche Vorstadt nach

Westen abbiegend, in eine von vielen Flußarmen durchzogene, ganz glatte,

mit Steingeröll bedeckte Ebene.

Wir waren noch nicht 200 Meter von der Stadt entfernt, als rechts ein

mächtiger Wolf stand. Er beobachtete eine Hammelherde, wurde von dem

Hunde wütend angekläfft und von dem Hirten durch Zurufe zu verscheuchen

gesucht. Ich ritt heran, saß ab, kniete hin und schoß ihn in aller

Gemütsruhe auf noch nicht 35 Schritte Entfernung; er hatte gar nicht

daran gedacht, auszukneifen. Es war wiederum eine Szene, die ich nicht

glauben würde, wenn ich sie nicht selbst erlebt hätte. Leider war er im

Fell nicht sehr gut, so daß ich ihn den mich begleitenden Soldaten

überließ.

Es war heute reichlich warm, 30 Grad Celsius, die Sonne blendete auf dem

endlosen Steinfelde recht unangenehm; dieser Glanz wirkte geradezu

einschläfernd, so daß mir auf dem Pony mehrfach die Augen zufielen und

ich deshalb lieber zu Fuß wanderte. Wir sahen noch mehrfach Antilopen

und einmal einen jagenden Wolf, jedoch in ziemlicher Entfernung. Erst um

7½ Uhr kamen mächtige Mauern auf einer Anhöhe vor uns in Sicht, es

war Dzia yü kwan an der großen Mauer, das Ausgangstor des eigentlichen

China nach Westen. Gegen 10 Uhr überschritten wir einige Flußarme, dann

ging es die Anhöhe hinauf und durch zwei Tore in die Vorstadt, in der

das Gasthaus liegt. Nach einer schlecht verbrachten Nacht marschierten

wir am 21. März bei leicht bedecktem Himmel und der stets den Staubsturm

ankündenden Schwüle weiter.

[Illustration: Reisender Sarg (nach der Heimat), Kansu]

Es ging zuerst durch die nach chinesischen Begriffen äußerst stark

befestigte Stadt; die Steinhaufen auf den Mauern zeigen an, daß man

gegen etwaigen Überfall durch die Mohammedaner mit Wurfgeschossen

versehen ist. Die große Mauer, die wir hier überschritten, ist nur ein

elender Lehmwall und wohl mehr Grenz- als Verteidigungsmauer. Der Weg

führte durch eine ebensolche Steinwüste wie gestern, nur daß die Gegend

heute etwas hügelig war. Ich versuchte mehrfach, an Antilopen

heranzukommen, aber das Gelände war zu offen. Als wir in Chui-Chui-pu

eintrafen, brach gerade der Sandsturm los. Das Dorf ist eine kleine Oase

in der Wüste, von kaum fünf Menschen bewohnt. Außer altem Brot und

frischem Wasser gab es auch nichts zu beißen und zu brechen. Am 22. März

hatte der Staubsturm noch nicht nachgelassen. Es ging weiter durch

Steppen, zuweilen an einzelnen zerstörten Häusern, den Überbleibseln

früherer Ansiedelungen, vorbei. Das Gelände wurde steiniger, die

Bergformen schroffer, und bald sahen wir uns inmitten von Felswänden.

Nach 60 Kilometern Marsch langten wir abends in Tschy-Djin-Hsia an.

Nachts wurde ich durch anhaltendes Schnauben der Stute aufmerksam und

fand in ihrer Krippe eine große Ziege, die die Stute außerdem noch mit

den Hörnern angriff, was dieser doch wohl etwas zu viel war.

Der Wind sprang in der Nacht zum 23. März nach Norden um, und der

Staubsturm nahm noch zu. Die 50 Kilometer Wüste, die wir heute bis Yü

Mönn Hsien zurücklegen mußten, kamen mir endlos vor. Um 3 Uhr hatten wir

einen zugefrorenen Fluß, mit einer einen Meter breiten Eisspalte in der

Mitte, vor uns. Die Karren mußten weit ausbiegen, um einen Übergang zu

finden. Ich ritt voraus und suchte Quartier. In sämtlichen Gasthäusern

innerhalb der Stadt war kein Plätzchen frei; wir kamen außerhalb unter.

Die Türen fehlten zwar, aber es war immer noch besser als biwakieren.

Die mitreisenden Chinesen setzten mir ein Diner vor, für mich das

Zeichen, daß ich ihnen wieder einen Karren besorgen sollte. Merkwürdig

ist es doch, daß hier im Innern der Europäer mehr erreicht, als der

Chinese selbst. In unserm Gasthaus logierte auch ein nach der Heimat im

Osten reisender Sarg mit dem in einem Käfig befindlichen weißen Hahn

darauf.

Man erzählte mir, es herrsche hier fünf Monate lang täglich derselbe

Wind; eine angenehme Gegend! Die armen Pferde froren in den offenen

Ställen sehr; man mußte ihnen das Futter in ganz kleinen Portionen

geben, da es der Wind sonst sofort wieder aus der Krippe hinwegfegte.

Bei noch stärkerem Staubsturm warteten wir am 24. März bis Mittag; es

war nicht möglich, die Nase nur aus der Tür hinauszustecken. Gegen

Mittag kam die Karre, doch fiel beim Umdrehen das eine Rad ganz

auseinander; wir saßen also wieder fest. Dazu hatte der Mafu

Leibschmerzen und kam alle fünf Minuten, um mir sein Leid zu klagen,

verweigerte aber das Kalomel, das ich ihm verordnete, und nahm statt

dessen irgendeine unbestimmbare chinesische Arznei, wonach die Schmerzen

nicht besser, sondern schlimmer wurden. Meine Reisebegleitung fütterte

mich hier mit den schönsten Sachen, deren Zubereitung ausgezeichnet war,

wenn man die mehr als dürftigen Hilfsmittel zum Kochen bedenkt. Jeder

Reisende kochte sich sein Essen selbst, und zwar an einem mitten in der

Stube auf der Erde angemachten Feuer. Feuergefährlich sind diese Räume

allerdings nicht, da auch nicht das geringste Stück Möbel sich darin

befindet und man überall nur die kahlen Lehmwände sieht. Um 2 Uhr kam

die Nachricht, es könne kein Karrenführer aufgetrieben werden. Wie

üblich, war der Karrenführer weggelaufen, weil es ihm nicht paßte, zu

fahren. Vor dem nächsten Tage war also nichts zu machen.

Da der Staubsturm inzwischen ein wenig nachgelassen hatte, zog ich in

südlicher Richtung auf die Antilopenjagd und hatte auch bald einen

Sprung von 13 Stück nicht weit von der Stadtmauer aufgetrieben. Die

Tiere ließen mich höchstens 800 Meter herankommen, trotzdem ich, ohne

Mütze, wie ein Indianer auf dem Bauche kroch, um in den das Gelände

durchziehenden Rinnen vorwärts zu kommen. Wir bewegten uns eigentlich

fortwährend im Kreise. Schließlich schoß ich auf 400 Meter und zerschoß

einer Antilope den linken Vorderlauf, trotzdem entkam mir das Tier auf

drei Läufen. Ich ritt hinterher, fand es aber nicht mehr vor. Mit

Antilopen habe ich jedenfalls kein Jagdglück.

Beim Rückwege fing es an zu schneien, und als sich gegen 7 Uhr abends

der Wind legte, blieb der Schnee liegen. Ich beschäftigte mich am Abend

damit, einem jungen Chinesen meiner Reisebegleitung zur allgemeinen

Freude deutsche Freiübungen beizubringen. Bis jetzt hatten die andern

meinen allabendlichen Gewehr Übungen mit Kopf schütteln zugesehen. Am

25. März um 8 Uhr langten glücklich die beiden Karren an, so daß wir

endlich fortkamen. Morgens war mein Thermometer verschwunden, fand sich

aber in einem zusammengekehrten Schneehaufen wieder. Die Gegend war

unverändert, teils steinige, weite Flächen, teils Steppe. Der Schnee

blendete derartig, daß wir unsere schwarzen Schutzbrillen heraussuchen

mußten. Der Mafu klagte noch immer über Leibschmerzen, wollte nichts

essen und war schlechter Laune. Ein Chinese, der einmal nichts gegessen

hat, versagt sofort vollkommen; von irgend welcher Selbstbeherrschung

ist nicht die Rede.

Gegen 2 Uhr erreichten wir einen ziemlich großen Ort, namens San-tan-gu,

an einem augenblicklich ziemlich wasserreichen Flusse gleichen Namens.

Mit uns zugleich kam von der anderen Seite ein großer Pferdetransport

aus Turfan an. Die Tiere gefielen mir nicht, sie waren hochbeinig, ohne

Gurtentiefe, mit kurzer Schulterlinie und in den Sprunggelenken wenig

schön; alle hatten Ramsnasen, es war das berühmte turkestanische Pferd.

Die Leute aus Turfan erzählten, daß sie 27 Tage geritten wären, danach

brauchte ich nach Kaschgar mindestens noch 70 Tage. Dem Mafu ging es

heute besser; er hatte gestern abend infolge seiner Krankheit weder

gefuttert noch geputzt, hingegen sich den Bauch massieren lassen. Meiner

chinesischen Reisebegleitung war der Karrentreiber mit einem Maultier

ausgerückt. Einen nahm ich mit, einer fuhr die Karre mit nur einem Tier,

die andern gingen zu Fuß, was ihnen, meiner Meinung nach, nur dienlich

sein konnte, da sie sich zu wenig Bewegung machten und für zwei aßen. Es

ging heute den ganzen Tag durch Steppe, durchzogen von mehreren Bächen,

die augenblicklich ziemlich viel Wasser führten. Mehrfach waren lange

Strecken sumpfig. Ich sah Fasanen, sonst nichts an Wild. Der Abend war

angenehm milde; wir rasteten unter hohen, schönen Bäumen an einer

Quelle, in den Ruinen einer Ansiedlung.

Etwas nach Mitternacht traf der ausgerissene Karrenführer per Esel ein,

und zwar mit einem solchen Lärm, daß ich davon erwachte. Kaum war Ruhe

eingetreten, als der neue Esel zu singen anfing, und zwar ohne

Zwischenpause. Ich stand auf, holte mir den Besitzer und ließ ihn sein

Tier wegbringen, alles in etwas beschleunigtem Tempo. Gutes deutsches

Zureden verfehlt auch in China seinen Eindruck nicht. Der Esel fand

Kameraden und war ruhig. Dafür machte sich Staubsturm auf, und bald war

man in Sandwolken eingehüllt. Ich klappte meinen Kopfschutz im

Schlafsack hoch und schlief sogleich, trotz Eselsgeschrei und

Staubsturm, fest ein.

[Illustration: Ngan Hsi Tschau -- Packtiere für den Wüstenritt]

Wir passierten am 27. März Po lung Hsia, und waren am Abend in

Hsiau-wang-pu, wo nur ein großer, gemeinsamer Raum zu haben war, den ich

mit vielen Chinesen teilen mußte. Bei ganz bedecktem Himmel kam von Zeit

zu Zeit ein Schneeschauer; hin und wieder war südlich das Nan

Schan-Gebirge sichtbar, von dem die Chinesen sagen, daß es sich bis nach

Kaschgar hin erstrecke, womit sie nicht unrecht haben, da sowohl das

Humboldt-Gebirge, wie der Altyn Tagh und Kwen-Lun als Fortsetzung des

Nan Schan angesprochen werden können. Um frühzeitig in Ngan Hsi Tschau

zu sein, wurde am 28. März schon um 5½ Uhr abmarschiert; wie gestern,

ging es durch Steppe unter einem endlich einmal wolkenlosen Himmel. Als

wir in die Stadt kamen, sah man, daß südlich eine zweite, jetzt gänzlich

verlassene Stadt liegt. Sie war infolge des sumpfigen Untergrundes zu

ungesund, daher haben sich die Bewohner nördlich neu angebaut. Der

Ostwind hat den Sand so an die Stadtmauer herangeworfen, daß er an

einzelnen Stellen bis an den oberen Rand liegt und sogar auf der inneren

Seite noch eine Art Rampe bildet, die Stadt selbst, vollkommen

chinesisch, bietet nichts Interessantes. Wir konnten wieder einmal

keine Karre bekommen, Kamele waren überhaupt nicht zu haben, und die

Packponies, die mir angeboten wurden, sahen derartig elend aus, daß ich

nicht wagte, mit ihnen die jetzt vor uns liegende Wüste zu kreuzen. Ich

mußte mich also in Geduld fassen und Ruhetage machen. Meine

Reisebegleitung spendete wieder einmal, wahrscheinlich infolge des

Karrenwechsels, ein Diner; ich hatte aber genug von der Sache und schlug

ihnen rundweg ab, mich noch weiter um ihre Karren zu bemühen.

[Illustration: Ngan Hsi Tschau]

Im Sattel durch Zentralasien: 6000 Kilometer in 176 Tagen · 第 15 / 26 段