herrlich, kein Lüftchen regte sich, und der Verkehr war schwach. Die
Bauern pflügten noch überall auf den Feldern, vom Fluß her tönte der
Schrei des Storches und der Gänse, ab und zu hörte man die Weihe, die
ungestört, meist mitten im Dorfe, auf irgend einem hohen Baume nisten.
Allmählich wurde es dunkel, nur noch vereinzelte Krähen zogen ostwärts.
Da sah man am Horizont helle Punkte am Himmel auftauchen; es waren
erleuchtete kleine Drachen, die die Kinder aufsteigen lassen, also
konnte die Stadt nicht mehr fern sein. Bald befanden wir uns zwischen
den Häusern der Vorstadt und die Stadtmauer lag vor uns. Eine barsche
Stimme fragt: "Wer ist da?" damit ist der Pflicht genügt, es ist die
Torwache. Einige vorsichtige Geschäftsführer von Gasthöfen waren nicht
zu bewegen, das große Tor aufzumachen. Die Gegend ist unsicher, und wer
so spät am Abend noch reist, der kann nichts Ordentliches sein. Endlich
fanden wir doch noch ein Unterkommen. Der viel geplagte Mafu wanderte
zum Yamen und erhielt das Versprechen, daß die Karre pünktlich
erscheinen werde; dann gab es das karge Abendessen, und bald konnte man
das müde Haupt auf dem harten Kang zur Ruhe legen. Nebenan störte ein
chinesischer Sänger, der tausendmal dieselbe Melodie sang; aber auch
dieser bekam die Sache satt. Drei Böller kündeten, daß das
Stadtoberhaupt zur Ruhe gegangen sei, nur ein vereinzelter Eselsschrei
noch in der Ferne, dann trat Ruhe ein und man träumte vom schönen
Vaterlande im fernen Westen.
Natürlich kam am 16. März morgens keine Karre. Zweimal mußte ich zum
Yamen schicken, ehe wir alles beisammen hatten. Unterwegs futterten wir
in Scheziang yi, wo der Führer in seinem Vaterhause durchaus alles
mögliche abgeben wollte. Ich hatte den Verdacht, daß er sich zu drücken
beabsichtigte und ließ ihn daher, bevor er ging, seine Sachen als Pfand
deponieren. Es gab eine lebhafte Auseinandersetzung, bis ich einfach die
Sachen wegnahm. Nunmehr erschien auch der zugehörige Vater und
versicherte überlegen, daß, wenn sein Sohn versprochen habe,
wiederzukommen, er sicher auf die Minute da sein würde. Leider war ich,
trotz reichlicher Erfahrung, so dumm, ihn fortzulassen, denn wer
natürlich nicht wiederkam, war der Schelm, so daß ich, zu meinem
Verdruß, in dem Loche übernachten mußte. Den Abend ging ich dafür auf
Entenjagd und schoß eine, die aber so tranig war, daß man sie nicht
essen konnte.
Am folgenden Tage marschierten wir gegen sechs Uhr bei sieben Grad Kälte
in die Wüste ab. Wir sahen links in den Dünen mehrfach Antilopen und ich
ritt näher heran, um mich zu überzeugen, wie viele es wären. Beim
Absteigen blieb ich mit dem linken Fuß im Bügel hängen und mein guter
Dicker ging sofort pleine chasse mit mir durch, mich schleifend. Ich
fühlte noch Hufschläge am linken Schienbein, am rechten Spann, am
rechten Ellenbogen und am Kopfe, dann vergingen mir die Sinne und ich
kam erst zu mir, als mich mein Mafu auf richtete. Gottlob war der Sand
knietief und kein Steinchen darin. Der Pony hatte den Karrenführer, der
ihn aufhalten wollte, überrannt und dabei eine kurze Wendung gemacht,
wobei mein Fuß aus dem Bügel ging und ich liegen blieb. Der tiefe Sand,
der wattierte chinesische Rock sowie die dicke Pelzmütze hatten die
Hufschläge gemildert, so daß ich mit einigen Hautabschürfungen und
leicht gezerrten Muskeln davonkam. Merkwürdigerweise stellten sich auch
gar keine Kopfschmerzen ein, und nachdem ich einige 100 Schritt am Stock
gewandert war, konnte ich schon wieder glatt gehen, wenn auch mit
Schmerzen. Die Strecke, die der Pony mich geschleift hatte, betrug gegen
400 Meter. Die Bewußtlosigkeit kann kaum zwei Minuten gedauert haben.
Der Pony und die Chinesen hatten einen viel größeren Schreck bekommen,
als ich selbst. Sie erzählten mir hinterher, daß sie mich anfangs für
tot gehalten hätten und waren sehr um mich besorgt, was mich
einigermaßen rührte, denn im allgemeinen kennt der Chinese kein Mitleid.
Bald hatten wir wieder Antilopen vor uns. Ich pirschte nochmals heran,
sie sprangen aber zu früh ab, so daß ich nicht zum Schuß kam. Nach
weiteren fünf Kilometern war ein zweiter Sprung vor uns, den Weg langsam
kreuzend. Ich blieb ruhig bei der Karre und wartete, bis wir in gleicher
Höhe waren, dann schoß ich auf die nächste, vielleicht 130 Schritt
entfernte, ein vorzügliches Ziel bildende Antilope. Das Tier zeichnete
und brach im Feuer zusammen, begleitet vom Freudengeheul meiner
Chinesen. Es war die erste Antilope, die ich erlegte. Ich eilte mit
meinem Jagdmesser hin, um das Tier abzunicken, als es aufsprang und
flüchtig wurde; ich nahm zu Pony die Verfolgung auf, verlor aber bald
die Fährte und stand zu meinem nicht geringen Ärger wiederum vor einem
Mißerfolg. Wir suchten noch eine gute halbe Stunde, da das Tier mit
diesem Schuß unmöglich weit gelaufen sein konnte, aber vergeblich. Es
fehlte eben der Hund, und aller Eifer meiner Chinesen konnte eine gute
Nase nicht ersetzen.
Abends gelangten wir dann in einem kleinen Heidedorf inmitten von
Salzsümpfen an. Yan tsche ist nur eine Station an der großen Straße. Das
ganze Dorf besteht nur aus einigen Gasthäusern und wenigen Handwerkern,
die vom Durchgangsverkehr leben. Daß der Europäer als willkommenes
Objekt betrachtet wurde, ist klar; man bot mir Essen zu unmöglichen
Preisen an, so daß ich schließlich gar nichts kaufte, sondern Konserven
kochte. Doch bekam mir das europäische Essen nicht gut, da ich am 18.
März, nach einer fast schlaflosen Nacht, mit Kopfschmerzen erwachte.
Nachdem uns der Pony durch Weglaufen ungefähr eine halbe Stunde
aufgehalten hatte, kamen wir glücklich durch die Wüste gegen Mittag nach
Fang-Hsia, wo mich ein Mensch um Hilfe anbettelte, der letzte Nacht in
unserm Dorfe vollkommen ausgeplündert worden war und mit einem
anscheinend stumpfen Instrument einen schweren Hieb über das Schienbein
erhalten hatte. Ich verband unter Assistenz des ganzen Dorfes die übel
aussehende Wunde. Wie der Mensch mit einer derartigen Verletzung noch
weiter marschieren konnte, ist mir unklar, das kann eben nur ein
Chinese. Bei scharfem Nordwestwinde und bedecktem Himmel hatten wir
einen recht unangenehmen Weitermarsch. Der Wind ging schließlich durch
alles durch und wechselte merkwürdig oft zwischen West und Nord, so daß
man fortwährend im Staube war, wenn man hinter der Karre Schutz suchen
wollte. In der Ebene konnte man zeitweise 40 bis 50 Windhosen zugleich
beobachten. Kam man in eine solche, so war sofort alles fingerdick mit
Staub bedeckt. Dazwischen wieder war die Luft so klar, daß man
auffallend weit sehen konnte. Dabei rückten die entferntesten
Gegenstände ganz nah heran. Schon gegen Mittag lag unser heutiges Ziel,
das noch etwa 30 Kilometer entfernt war, in greifbarer Nähe.
Gegen 7 Uhr hatten wir die Wüste hinter uns, wir kamen wieder in
steppenartiges Gelände, und bald sah man auch angebaute Stellen. Ich war
froh, denn ich hatte etwas Fieber und litt stark an Durchfall, der
wahrscheinlich von dem hiesigen sumpfigen Wasser herrührte, denn auch
meinen Leuten ging es so. In Ling fi nahm ich abends den ersten Kognak
während der ganzen Reise und trank keinen Tee, sondern aß nur Reis. Ich
war so erschöpft, daß ich sofort, als ich mich hinlegte, einschlief. Ich
glaube, man hätte das ganze Zimmer ausräumen können, ohne daß ich es
gemerkt hätte. Am nächsten Morgen kamen sechs Mohammedaner zu mir, die
nach Tsin-Tsiang wollten. Sie machten Kotau und redeten mich mit
"Tajen" an, so daß ich sofort erriet, was sie wollten. Ich sollte ihnen
bei Dzia yü kwan durchkommen helfen, indem ich sie für meine Leute
ausgab. Ich erklärte ihnen, daß ich, als Europäer, mich niemals darauf
einlassen würde, die chinesischen Behörden zu betrügen, worauf sie
betrübt wieder abzogen. Die chinesische Regierung läßt nämlich
Mohammedaner ohne Paß nicht die große Mauer überschreiten, da sie ein
recht unruhiges Element der Bevölkerung darstellen und überall Unruhen
stiften.
[Illustration: Händler mit Jettwaren]
Mir ging es heute bedeutend besser, und da die Sonne wieder schien,
fühlte ich mich, trotz der 14 Grad Kälte, recht wohl. Wir hatten nur
kurzen Marsch, 40 Li, bis nach Su tschau fu, das wir, dem Laufe des
Pei-lung-sui folgend, um 11 Uhr erreichten: Su tschau fu ist zur Zeit
des Mohammedaneraufstandes gänzlich heruntergebrannt worden. Noch jetzt
sieht man viele Trümmer; im übrigen sieht es genau wie die anderen
Städte aus. Zuerst suchten wir innerhalb der Mauer nach einem guten
Gasthause, da es aber keins gab, ließ ich, zum Schmerz meiner
Begleitung, wieder umdrehen und außerhalb derselben einkehren.
Nachmittags erschien ein reisender Chinese, den ich bereits früher
getroffen und der mit seiner gesamten Dienerschaft hier auf mich
gewartet hatte. Die Gegend galt für unsicher und die Karrenführer
wollten tatsächlich nicht einzeln fahren, weshalb er mich bat, auch für
ihn beim Yamen eine Karre zu fordern, was ich zusagte. Merkwürdig war
es, daß viele Leute kamen, um sich zu erkundigen, ob ich Mausergewehre
hätte. Wie mag dieser Name hier bekannt geworden sein? Ein Mandarin
besuchte mich im Laufe des Nachmittags und erkundigte sich, wann Su
tschau fu Eisenbahn bekäme. Leider war mir der Zeitpunkt augenblicklich
unbekannt; ich vertröstete ihn also auf das nächste Jahr, alsdann würde
er sicher Eisenbahn haben. Nach meinem Gasthaus fand eine reine
Völkerwanderung statt; das Volk war harmlos, freundlich und neugierig
dabei. Im übrigen wird der Europäer hier als höherstehendes Wesen
betrachtet. Mir fiel entgegen früheren Berichten auf, daß sie ihre
Sachen von vornherein als schlecht und alle europäischen Waren als gut
bezeichneten. Hier ist eine lebhafte Industrie in Jetsachen. Ich kaufte
denn auch für recht wenig Geld verschiedene Kleinigkeiten.
Am nächsten Morgen erschien die Karre erst um 11 Uhr, der Treiber war
der Einfachheit halber weggelaufen, so daß einer der Yamenleute fahren
mußte. Mit der Karre stellte sich noch unser Yamenmann von Gau tai Hsien
ein. Er behauptete, kein Trinkgeld bekommen zu haben und bettelte in
unverschämter Weise, indem er versprach, das Opiumrauchen von nun an zu
lassen. Mir machte der zwanzigjährige Mensch Spaß, selten habe ich so
viel Gutmütigkeit und Leichtsinn vereinigt gesehen. Er redete so lange,
bis er ein Trinkgeld bekommen hatte, das er sofort in der nächsten Bude
in Näschereien anlegte, um dann, vergnügt singend und mit den
Straßenjungen Unfug treibend, die Straße entlang zu schlendern. Wir
packten auf, hielten aber in der Stadt noch mindestens zehnmal, um den
Karrenführer alle seine Geschäfte erledigen zu lassen, und kamen dann
glücklich durch das Nordtor und, durch die nördliche Vorstadt nach
Westen abbiegend, in eine von vielen Flußarmen durchzogene, ganz glatte,
mit Steingeröll bedeckte Ebene.
Wir waren noch nicht 200 Meter von der Stadt entfernt, als rechts ein
mächtiger Wolf stand. Er beobachtete eine Hammelherde, wurde von dem
Hunde wütend angekläfft und von dem Hirten durch Zurufe zu verscheuchen
gesucht. Ich ritt heran, saß ab, kniete hin und schoß ihn in aller
Gemütsruhe auf noch nicht 35 Schritte Entfernung; er hatte gar nicht
daran gedacht, auszukneifen. Es war wiederum eine Szene, die ich nicht
glauben würde, wenn ich sie nicht selbst erlebt hätte. Leider war er im
Fell nicht sehr gut, so daß ich ihn den mich begleitenden Soldaten
überließ.
Es war heute reichlich warm, 30 Grad Celsius, die Sonne blendete auf dem
endlosen Steinfelde recht unangenehm; dieser Glanz wirkte geradezu
einschläfernd, so daß mir auf dem Pony mehrfach die Augen zufielen und
ich deshalb lieber zu Fuß wanderte. Wir sahen noch mehrfach Antilopen
und einmal einen jagenden Wolf, jedoch in ziemlicher Entfernung. Erst um
7½ Uhr kamen mächtige Mauern auf einer Anhöhe vor uns in Sicht, es
war Dzia yü kwan an der großen Mauer, das Ausgangstor des eigentlichen
China nach Westen. Gegen 10 Uhr überschritten wir einige Flußarme, dann
ging es die Anhöhe hinauf und durch zwei Tore in die Vorstadt, in der
das Gasthaus liegt. Nach einer schlecht verbrachten Nacht marschierten
wir am 21. März bei leicht bedecktem Himmel und der stets den Staubsturm
ankündenden Schwüle weiter.
[Illustration: Reisender Sarg (nach der Heimat), Kansu]
Es ging zuerst durch die nach chinesischen Begriffen äußerst stark
befestigte Stadt; die Steinhaufen auf den Mauern zeigen an, daß man
gegen etwaigen Überfall durch die Mohammedaner mit Wurfgeschossen
versehen ist. Die große Mauer, die wir hier überschritten, ist nur ein
elender Lehmwall und wohl mehr Grenz- als Verteidigungsmauer. Der Weg
führte durch eine ebensolche Steinwüste wie gestern, nur daß die Gegend
heute etwas hügelig war. Ich versuchte mehrfach, an Antilopen
heranzukommen, aber das Gelände war zu offen. Als wir in Chui-Chui-pu
eintrafen, brach gerade der Sandsturm los. Das Dorf ist eine kleine Oase
in der Wüste, von kaum fünf Menschen bewohnt. Außer altem Brot und
frischem Wasser gab es auch nichts zu beißen und zu brechen. Am 22. März
hatte der Staubsturm noch nicht nachgelassen. Es ging weiter durch
Steppen, zuweilen an einzelnen zerstörten Häusern, den Überbleibseln
früherer Ansiedelungen, vorbei. Das Gelände wurde steiniger, die
Bergformen schroffer, und bald sahen wir uns inmitten von Felswänden.
Nach 60 Kilometern Marsch langten wir abends in Tschy-Djin-Hsia an.
Nachts wurde ich durch anhaltendes Schnauben der Stute aufmerksam und
fand in ihrer Krippe eine große Ziege, die die Stute außerdem noch mit
den Hörnern angriff, was dieser doch wohl etwas zu viel war.
Der Wind sprang in der Nacht zum 23. März nach Norden um, und der
Staubsturm nahm noch zu. Die 50 Kilometer Wüste, die wir heute bis Yü
Mönn Hsien zurücklegen mußten, kamen mir endlos vor. Um 3 Uhr hatten wir
einen zugefrorenen Fluß, mit einer einen Meter breiten Eisspalte in der
Mitte, vor uns. Die Karren mußten weit ausbiegen, um einen Übergang zu
finden. Ich ritt voraus und suchte Quartier. In sämtlichen Gasthäusern
innerhalb der Stadt war kein Plätzchen frei; wir kamen außerhalb unter.
Die Türen fehlten zwar, aber es war immer noch besser als biwakieren.
Die mitreisenden Chinesen setzten mir ein Diner vor, für mich das
Zeichen, daß ich ihnen wieder einen Karren besorgen sollte. Merkwürdig
ist es doch, daß hier im Innern der Europäer mehr erreicht, als der
Chinese selbst. In unserm Gasthaus logierte auch ein nach der Heimat im
Osten reisender Sarg mit dem in einem Käfig befindlichen weißen Hahn
darauf.
Man erzählte mir, es herrsche hier fünf Monate lang täglich derselbe
Wind; eine angenehme Gegend! Die armen Pferde froren in den offenen
Ställen sehr; man mußte ihnen das Futter in ganz kleinen Portionen
geben, da es der Wind sonst sofort wieder aus der Krippe hinwegfegte.
Bei noch stärkerem Staubsturm warteten wir am 24. März bis Mittag; es
war nicht möglich, die Nase nur aus der Tür hinauszustecken. Gegen
Mittag kam die Karre, doch fiel beim Umdrehen das eine Rad ganz
auseinander; wir saßen also wieder fest. Dazu hatte der Mafu
Leibschmerzen und kam alle fünf Minuten, um mir sein Leid zu klagen,
verweigerte aber das Kalomel, das ich ihm verordnete, und nahm statt
dessen irgendeine unbestimmbare chinesische Arznei, wonach die Schmerzen
nicht besser, sondern schlimmer wurden. Meine Reisebegleitung fütterte
mich hier mit den schönsten Sachen, deren Zubereitung ausgezeichnet war,
wenn man die mehr als dürftigen Hilfsmittel zum Kochen bedenkt. Jeder
Reisende kochte sich sein Essen selbst, und zwar an einem mitten in der
Stube auf der Erde angemachten Feuer. Feuergefährlich sind diese Räume
allerdings nicht, da auch nicht das geringste Stück Möbel sich darin
befindet und man überall nur die kahlen Lehmwände sieht. Um 2 Uhr kam
die Nachricht, es könne kein Karrenführer aufgetrieben werden. Wie
üblich, war der Karrenführer weggelaufen, weil es ihm nicht paßte, zu
fahren. Vor dem nächsten Tage war also nichts zu machen.
Da der Staubsturm inzwischen ein wenig nachgelassen hatte, zog ich in
südlicher Richtung auf die Antilopenjagd und hatte auch bald einen
Sprung von 13 Stück nicht weit von der Stadtmauer aufgetrieben. Die
Tiere ließen mich höchstens 800 Meter herankommen, trotzdem ich, ohne
Mütze, wie ein Indianer auf dem Bauche kroch, um in den das Gelände
durchziehenden Rinnen vorwärts zu kommen. Wir bewegten uns eigentlich
fortwährend im Kreise. Schließlich schoß ich auf 400 Meter und zerschoß
einer Antilope den linken Vorderlauf, trotzdem entkam mir das Tier auf
drei Läufen. Ich ritt hinterher, fand es aber nicht mehr vor. Mit
Antilopen habe ich jedenfalls kein Jagdglück.
Beim Rückwege fing es an zu schneien, und als sich gegen 7 Uhr abends
der Wind legte, blieb der Schnee liegen. Ich beschäftigte mich am Abend
damit, einem jungen Chinesen meiner Reisebegleitung zur allgemeinen
Freude deutsche Freiübungen beizubringen. Bis jetzt hatten die andern
meinen allabendlichen Gewehr Übungen mit Kopf schütteln zugesehen. Am
25. März um 8 Uhr langten glücklich die beiden Karren an, so daß wir
endlich fortkamen. Morgens war mein Thermometer verschwunden, fand sich
aber in einem zusammengekehrten Schneehaufen wieder. Die Gegend war
unverändert, teils steinige, weite Flächen, teils Steppe. Der Schnee
blendete derartig, daß wir unsere schwarzen Schutzbrillen heraussuchen
mußten. Der Mafu klagte noch immer über Leibschmerzen, wollte nichts
essen und war schlechter Laune. Ein Chinese, der einmal nichts gegessen
hat, versagt sofort vollkommen; von irgend welcher Selbstbeherrschung
ist nicht die Rede.
Gegen 2 Uhr erreichten wir einen ziemlich großen Ort, namens San-tan-gu,
an einem augenblicklich ziemlich wasserreichen Flusse gleichen Namens.
Mit uns zugleich kam von der anderen Seite ein großer Pferdetransport
aus Turfan an. Die Tiere gefielen mir nicht, sie waren hochbeinig, ohne
Gurtentiefe, mit kurzer Schulterlinie und in den Sprunggelenken wenig
schön; alle hatten Ramsnasen, es war das berühmte turkestanische Pferd.
Die Leute aus Turfan erzählten, daß sie 27 Tage geritten wären, danach
brauchte ich nach Kaschgar mindestens noch 70 Tage. Dem Mafu ging es
heute besser; er hatte gestern abend infolge seiner Krankheit weder
gefuttert noch geputzt, hingegen sich den Bauch massieren lassen. Meiner
chinesischen Reisebegleitung war der Karrentreiber mit einem Maultier
ausgerückt. Einen nahm ich mit, einer fuhr die Karre mit nur einem Tier,
die andern gingen zu Fuß, was ihnen, meiner Meinung nach, nur dienlich
sein konnte, da sie sich zu wenig Bewegung machten und für zwei aßen. Es
ging heute den ganzen Tag durch Steppe, durchzogen von mehreren Bächen,
die augenblicklich ziemlich viel Wasser führten. Mehrfach waren lange
Strecken sumpfig. Ich sah Fasanen, sonst nichts an Wild. Der Abend war
angenehm milde; wir rasteten unter hohen, schönen Bäumen an einer
Quelle, in den Ruinen einer Ansiedlung.
Etwas nach Mitternacht traf der ausgerissene Karrenführer per Esel ein,
und zwar mit einem solchen Lärm, daß ich davon erwachte. Kaum war Ruhe
eingetreten, als der neue Esel zu singen anfing, und zwar ohne
Zwischenpause. Ich stand auf, holte mir den Besitzer und ließ ihn sein
Tier wegbringen, alles in etwas beschleunigtem Tempo. Gutes deutsches
Zureden verfehlt auch in China seinen Eindruck nicht. Der Esel fand
Kameraden und war ruhig. Dafür machte sich Staubsturm auf, und bald war
man in Sandwolken eingehüllt. Ich klappte meinen Kopfschutz im
Schlafsack hoch und schlief sogleich, trotz Eselsgeschrei und
Staubsturm, fest ein.
[Illustration: Ngan Hsi Tschau -- Packtiere für den Wüstenritt]
Wir passierten am 27. März Po lung Hsia, und waren am Abend in
Hsiau-wang-pu, wo nur ein großer, gemeinsamer Raum zu haben war, den ich
mit vielen Chinesen teilen mußte. Bei ganz bedecktem Himmel kam von Zeit
zu Zeit ein Schneeschauer; hin und wieder war südlich das Nan
Schan-Gebirge sichtbar, von dem die Chinesen sagen, daß es sich bis nach
Kaschgar hin erstrecke, womit sie nicht unrecht haben, da sowohl das
Humboldt-Gebirge, wie der Altyn Tagh und Kwen-Lun als Fortsetzung des
Nan Schan angesprochen werden können. Um frühzeitig in Ngan Hsi Tschau
zu sein, wurde am 28. März schon um 5½ Uhr abmarschiert; wie gestern,
ging es durch Steppe unter einem endlich einmal wolkenlosen Himmel. Als
wir in die Stadt kamen, sah man, daß südlich eine zweite, jetzt gänzlich
verlassene Stadt liegt. Sie war infolge des sumpfigen Untergrundes zu
ungesund, daher haben sich die Bewohner nördlich neu angebaut. Der
Ostwind hat den Sand so an die Stadtmauer herangeworfen, daß er an
einzelnen Stellen bis an den oberen Rand liegt und sogar auf der inneren
Seite noch eine Art Rampe bildet, die Stadt selbst, vollkommen
chinesisch, bietet nichts Interessantes. Wir konnten wieder einmal
keine Karre bekommen, Kamele waren überhaupt nicht zu haben, und die
Packponies, die mir angeboten wurden, sahen derartig elend aus, daß ich
nicht wagte, mit ihnen die jetzt vor uns liegende Wüste zu kreuzen. Ich
mußte mich also in Geduld fassen und Ruhetage machen. Meine
Reisebegleitung spendete wieder einmal, wahrscheinlich infolge des
Karrenwechsels, ein Diner; ich hatte aber genug von der Sache und schlug
ihnen rundweg ab, mich noch weiter um ihre Karren zu bemühen.
[Illustration: Ngan Hsi Tschau]