einem breiten steinigen Tale nach Nordwesten weitergeritten, stets
Schneewasser führende Rinnen kreuzend. Links von uns sah ich plötzlich
bei einer großen Schafherde ein Gewühl von Körpern, welches ich anfangs
für eine große Hundeschlacht hielt. Erst beim Näherkommen entdeckten
wir, daß fünf Hunde sich mit elf großen Wölfen um ein Schaf bissen,
scheinbar zum Nachteil der in der Minderheit befindlichen Hunde. Und das
am hellichten Tage, eigentlich direkt an der Landstraße. Die drei
Schafhirten hatten vorsichtshalber die Herde zwischen sich und die Wölfe
gebracht. Ich zog sofort meinen schweren Rock aus und machte den
Karabiner fertig. Die Wölfe waren durch das Halten der Karre stutzig
geworden und trabten im Rudel ab, das Schaf war tot, die Köter bellten
hinterher. Mir war die Entfernung schon zu weit zum Schuß; ich ließ
daher schleunigst die Stute satteln und galoppierte in Rennpace los. Die
Witwe ging prachtvoll und nahm die vielen kleinen Gräben und
Feldereingrenzungen, als ob es ein richtiges Hindernisrennen wäre. In
weniger als einer halben Minute hatte ich die Wölfe in Sicht, sie
drehten sich von Zeit zu Zeit um, um zu sehen, was da so schnell
angesaust kam. Ich konnte das Pferd, das sehr passioniert ging, mit der
dünnen Trense nicht so schnell bremsen und war plötzlich mitten zwischen
den erstaunt stehenbleibenden Wölfen. Wenn ich es nicht selbst erlebt
hätte, würde ich es nicht glauben. Die Witwe stand, spreizte alle Viere
von sich und schnob die ebenso erschrockenen Tiere an. Ich war wie der
Wind herunter, und im nächsten Augenblick wälzte sich, nicht zehn
Schritt entfernt, ein Wolf mit Blattschuß am Boden; die andern teilten
sich in zwei Parteien und galoppierten ab. Ich saß auf, hatte sie nach
tausend Meter wieder eingeholt und schoß einen waidwund. Er lag und ich
wollte ihm nun den Fang geben. Die Witwe hatte es vorgezogen, mit meinem
großen Jagdmesser am Sattel wegzulaufen; ich hatte also nur einen kurzen
Nicker bei mir, und jedesmal, wenn ich die wütend um sich schlagende
Bestie abfangen wollte, schnappte sie derartig nach mir, daß ich es
lieber unterließ. Einen festen Biß über den rechten Ärmel und über die
rechte Hand hatte ich aber doch weg. Ich ging nun zurück und sah bald,
in vollster Fahrt durchgehend, meinen Mafu am Horizont erscheinen. Er
konnte die gute Australierin, die in der letzten Zeit nichts getan
hatte, nicht halten; ein so edles Pferd ist doch ein anderes Tier als
ein Pony. Schließlich geriet er in meiner Nähe in ein tiefes Reisfeld
und konnte das Pferd stoppen. Ich ritt nochmals zum ersten geschossenen
Wolf und sagte herbeieilenden Hirten, ihn nach der großen Straße zur
Karre, die man am Horizont herankommen sah, zu bringen. Den zweiten Wolf
fand ich nicht wieder, er mußte sich in eine der unzähligen tiefen
Wasserrinnen verkrochen haben.
Ich ging nun, schräg abschneidend, auf Schan tan Hsien zu nach der
großen Straße oder nach dem, was man hier große Straße nennt, und
wartete auf die Karre, die bald heranrollte. Von Westen her kam
Staubsturm auf, die Sonne verschwand und es wurde bitter kalt. Schon von
weitem rief mir der Führer zu: "Lauye, dein Rock ist weg!" und richtig
hatte die Gesellschaft meinen schönen schweren Winterrock verloren, der
meinen Füllfederhalter, Bleistifte, mein Notizbuch mit einer Unmasse
wichtiger Notizen, kleiner Karte, Grundriß- und Ansichtszeichnungen,
Visitenkarten, Patronen, Taschenbuch usw. enthielt. Ich sandte sofort
alle zur Verfügung stehenden Leute zurück. Sie hatten entsetzliche
Angst, da sie annahmen, ich würde sie nun totschießen, und machten,
einschließlich der beiden Kavalleristen, unter Beteuerung ihrer
Unschuld, fortwährend Kotau. Dann galoppierte ich selbst bis zu dem
Dorfe zurück, wo wir gefuttert hatten, unterwegs jeden Karren, jeden
Menschen anhaltend und ausfragend; nichts war wiederzufinden. Leute
erzählten mir, daß ein des Weges kommender Reiter den Rock aufgenommen
hätte und eiligst nach Süden, auf die Berge zu abbiegend, fortgaloppiert
wäre. Meine beiden Kavalleristen schickte ich nach Dsia kau yi zurück,
um dort zu suchen; natürlich sind sie nie hingeritten.
Als ich, zurückkommend, kurz vor der Karre anlangte, brach die arme
Stute unter mir zusammen mit allen Zeichen einer schweren Kolik; das war
ausgerechnet das, was mir noch fehlte. Der Tag verdiente einen roten
Strich im Kalender. Ich saß sofort ab, brachte das Pferd noch glücklich
bis zur Karre und tat dann alles, was irgend möglich war; das arme Tier
warf sich mit solcher Gewalt, daß es gar nicht zu hindern war; ich
setzte nicht mehr viel Hoffnung auf sein Wiederaufkommen. Nach und nach
stellten sich, bis auf den Karrenführer, alle wieder, ohne den Rock, ein
und taten derartig dumm und ängstlich vor dem sich vor Schmerzen
krümmenden Tiere, daß ich vollends die Laune verlor. Um 3½ Uhr setzte
sich der trübselige Zug in Bewegung. Erst beim Abmarsch bemerkte ich,
daß die Chinesen die allgemeine Aufregung benutzt hatten, um den Wolf,
der neben der Karre gelegen hatte, auch zu stehlen. Trotz meiner recht
traurigen Stimmung mußte ich doch über die freche Gesellschaft lachen.
So gings weiter, voran die Karre, dann ich, das Pferd führend, und
dahinter der Mafu mit einer langen Peitsche, um das Werfen zu
verhindern. So gelangten wir allmählich um 6 Uhr, gegen den Staubsturm
ankämpfend, nach Schan tan Hsien. Als wir eintrafen, hatten sich die
Schmerzanfälle gemindert, das Tier erleichterte sich und ich schöpfte
wieder Hoffnung. Schließlich fraß es etwas und nahm Wasser; ab und zu
kam noch ein Anfall, dann legte es sich um 8½ Uhr hin und war, soweit
ich die Lage beurteilen konnte, gerettet. Mir war es schon lieber,
meinen Rock und die übrigen Sachen zu verlieren, als die gute Witwe
Bolte, die mir doch sehr ans Herz gewachsen war. Ich saß traurig neben
dem Tier in der steinernen Krippe, fror dabei scheußlich und hatte
Hunger. Den Mafu hatte ich, um nichts unversucht zu lassen, nach dem
Yamen geschickt, um Unterstützung zu erbitten. Der Mandarin schickte
sofort seine 30 Kavalleristen aus und versprach, alles zu tun, leider
gänzlich ohne Erfolg, woran ich nie gezweifelt hatte. Um neun Uhr kam
der Mandarin selbst angeritten; ich mußte auch noch den Liebenswürdigen
spielen, opferte eine Schachtel Schokolade, die ganz verschwand und
hörte dazu -- recht widerwillig -- die guten Ratschläge des übrigens
sehr freundlichen Chinesen an, der mich trösten wollte. Später stellte
sich auch noch der gänzlich verängstigte Karrenführer ein; natürlich
ohne den Rock. Er machte einen Kotau nach dem andern unter entsetzlichem
Geheul, da er annahm, daß es jetzt Prügel setzen würde. Schließlich
brachte er mir als Ersatz seinen alten Lausepelz angeschleppt, den ich
dankend ablehnte. Um 10½ Uhr nahm der Beamte Abschied, mit der recht
deutlichen Anspielung, daß ihm eine Taschenuhr als Geschenk nicht
unangenehm sein würde; ich versprach ihm meine zweite, kurz vorher
zerbrochene Nickeluhr, falls ich meine Sachen wiedererhielte.
Der Stute ging es am 11. März morgens gut, sie hatte sich wieder ganz
erholt, war aber natürlich sehr abgefallen. Ich schrieb im Laufe des
Vormittags Briefe an die Missionare im Lantschau Fu, Hsi Ngan Fu und
Liang tschau fu, um sie von dem Verluste des Rockes in Kenntnis zu
setzen, da ich es nicht für ausgeschlossen hielt, daß er an einem dieser
Plätze zum Verkauf angeboten werden würde. Um 12 Uhr kam die mit nur
einem Pony bespannte Karre; das andere Pferd sollte an einem Hause am
Wege stehen, was mir merkwürdig vorkam. Der Mandarin erschien auch
wieder, natürlich nur wegen der Uhr; da aber der Rock nicht wieder
eingetroffen war, gab es auch keine Uhr. Mitten auf der Straße im Ort
ließ uns der Karrenführer stehen und war sofort in der Menge
verschwunden; der Mandarin drückte sich hinten weg, da er voraussah, daß
es nur Zank geben würde. Ich ließ den Mafu sich einige Zeit mit der
Gesellschaft herumzanken, dann griff ich ein, stellte fest, wo das Pferd
sein sollte, und holte es aus dem Misthofe, in dem es stand, heraus. Es
ging nur auf drei Beinen, aber das genügt ja beim chinesischen Pony. Ich
ließ anspannen, immer noch ohne Karrenführer. Die Menge um mich herum
lachte mich aus, da sie jedenfalls erwartete, mich bald hilflos dastehen
zu sehen. Ich aber fragte gar nicht mehr viel, sondern fuhr einfach mit
dem Mafu los und hatte sofort die Lacher auf meiner Seite. Der neue
Führer kam nun schleunigst zum Vorschein. Er hatte, wie mir der Mafu
hinterher erzählte, erst um die Höhe des Trinkgeldes mit den Yamenleuten
gehandelt, nicht ahnend, daß ich für die unverschämte Gesellschaft nicht
einen Cash gebe, was ich ihm jetzt mit dem Bemerken eröffnete, daß er
außerdem; falls er etwa jetzt noch fortzulaufen beabsichtigte,
fürchterliche Prügel bekommen würde. Mein Mafu gab ihm die Erläuterungen
dazu; diese müssen sehr überzeugend gewirkt haben, denn er fuhr
späterhin sehr gut.
[Illustration: Witwe Bolte nach schwerer Kolik in Schan tan Hsien]
Zur Strafe warf ich sämtliche Yamenleute, die es sich auf der Karre
bequem gemacht hatten, aus dieser hinaus und ließ sie laufen, was ihnen
sehr peinlich war. Vorbei an dem auf hohem Berg liegenden Tempel
Fa-ta-tse, durch ein gut angebautes Tal gelangten wir nach
Dung-lo-hsien. Der dortige Beamte ließ mir gleich sagen, er könne keinen
Karrenführer schicken, denn derselbe würde sicher Karre und Tier
unterwegs verkaufen und ausrücken. Angenehme Zustände!
Am 12. März kam der Mafu schon um 4 Uhr morgens, um mich zu wecken. Ich
träumte gerade von dem schönen Diner, das ich nicht bekommen hatte, und
kroch aus meinem Schlafsack, um draußen einen schauderhaften kalten
Ostwind, der durch Mark und Bein pfiff, vorzufinden, aber sonst keinen
Menschen. Alles schlief noch; außer dem meinigen war kein Pferd
gefüttert. Der Karrenführer hatte das ganze vorausbezahlte Geld für die
Fahrt, einschließlich Futtergeld für die Tiere, in Opium angelegt und
lag nun irgendwo im Dusel. Die Yamenleute hatten das ganz genau gewußt,
sie rauchten aber sämtlich auch Opium und hatten daher ein Auge
zugedrückt. Hier huldigte überhaupt alles, einschließlich der Weiber,
diesem schrecklichen, nervenzerrüttenden Laster. Die Leute rannten nun
die Straße herauf und herunter, laut den Namen des Treibers schreiend,
um die Kneipe ausfindig zu machen, in der er seinen Rausch ausschlief.
Nichts meldete sich; ich ließ den Pferden daher etwas Stroh geben und
dann anspannen.
[Illustration: Meine Pferde in Schan tan Hsien, rechts der Bruder des
Mandarins von Schan tan Hsien]
Ein Soldat, der Mitleid mit mir hatte -- ich fror nämlich stark --,
brachte mir Tee und einige der kleinen, in Blattumhüllungen befindlichen
Pakete Reis mit Pflaumen darin; sie schmeckten mir heute besonders gut.
Unterdessen war aus einer andern Opiumhöhle ein Yamenmann herausgeholt
worden, der aussah wie ein Strolch von der Landstraße, ungewaschen --
hier waschen sich von zehn Leuten überhaupt höchstens zwei --, zerlumpt,
noch halb im Dusel. So zogen wir denn mit dem Kerl um 5½ Uhr im
Schritt los, denn zum Trab waren die Tiere nicht zu bewegen. Unterwegs
fanden wir eine neue Futterschwinge, die ich annektierte. Einmal ging
der Karrentreiber nach einer der kleinen, am Wege befindlichen elenden
Lehmhütten, in denen Tee ausgeschenkt wird. Zu meinem Leidwesen tun dies
alle Treiber, nur machte dieser den Unterschied, daß er einfach nicht
wiederkam. Ich ritt nach einiger Zeit zurück und fand ihn sanft ruhend
auf dem Kang. Ich weckte ihn ebenso unsanft mit einem Guß kalten Wassers
auf; dann ging es im Trabe der Karre nach, die mittlerweile wohl vier
Kilometer weiter war. Der Kerl hatte eine so heillose Angst vor mir, daß
er wie besessen lief und schweißüberströmt die Karre erreichte.
[Illustration: Chinesische Kavallerie-Eskorte vom Leichenzuge
Djau-ta-jens]
Die Gegend war öde und sandig, der Wind sprang um 8 Uhr nach Westen um,
und bald hatten wir den schönsten Staubsturm, den stärksten von allen
solchen bisher, ausgenommen den am 5. Januar. Auf der Straße kamen uns
im rasendsten Tempo Yamenreiter entgegen. Sie gehörten zu dem Leichenzug
Djau-ta-jens, des ehemaligen Futais von Tsin-tsian, der vor einem Jahre
gestorben war und jetzt als Leiche mit großem Gefolge nach Peking
zurückgebracht wurde. Die ersten waren die Quartiermacher, denn der
mitgeführte Troß ging wohl in die Hunderte.
Die Gegend nahm immer mehr einen wüstenähnlichen Charakter an. Sanddünen
wechselten mit steinigen, weiten Flächen ab. Ich mußte die Staubbrille
und den Kopfschutz herauskramen, um mich wenigstens einigermaßen gegen
den alles durchdringenden Staub zu schützen. Man sah die hohen Sanddünen
ordentlich wandern, derartig wird der Sand weitergeweht.
Der großartige Leichenzug nahte. Ganz bunte Kavallerie eskortierte ihn;
voran ritten einige Mandarinen in Staatsgewändern, dann folgte,
befestigt an einer langen Stange mit ausgeschnitzten, bunt gemalten,
erhobenen Drachenköpfen an den Enden, der Sarg, von vielleicht dreißig
Trägern an schweren hölzernen Querstangen getragen. Auf dem Deckel saß
in einem kleinen Käfig der übliche, ganz weiße Hahn, dann kam in Karren,
deren ich 58 zählte, das Gefolge, darunter eine Menge Weiber, deren
Gefährte wie kleine Häuser mit Türen und Fenstern versehen sind. Alle
beguckten natürlich sehr neugierig den fremden Teufel, von dem
allerdings in der Vermummung nicht viel zu sehen war, und lachten, wie
immer, wenn der Chinese nicht weiß, was er sagen soll.
Der Staubsturm wurde unterdessen immer toller, die Pferde fingen an zu
streiken und wollten sich mit der Kruppe gegen den Wind stellen. In
einem Bachbett mit schmaler Ein- und Ausfahrt und steilen Ufern saß ein
Karren fest, wir mußten unsere Tiere als Vorspann geben, sonst hätten
wir nicht weitergekonnt, da die Ausfahrt gesperrt war. Endlich tauchten
Bäume auf, es war Örr-sche-li-pu, das als Schutz gegen den Staub und zur
Befestigung des wandernden Sandes rings von Bäumen umgeben ist. Wir
futterten schnell auf der Straße ab, dann ging es weiter durch sumpfiges
Gelände mit vielen offenen, moorigen Löchern.
[Illustration: Missionar Weiys in Kan tschau fu]
Gegen 3 Uhr kam Kan tschau fu in Sicht; der Sturm ließ nach. Wir fuhren
durch ein Tor in ein weites Gräberfeld mit einem sogleich in die Augen
fallenden Grabhügel in der typischen Sargform, von ganz kolossalen
Dimensionen. Die Vorstadt durchreisend, gelangten wir durch das Südtor
in die eigentliche Stadt, die viele kleine sumpfige Plätze hat. Leute
über 60 Jahre gibt es hier nicht, das Klima ist zu ungesund. Alle Mauern
stürzen bald wieder ein und man sieht sofort an den größeren
Tempelbauten, daß der Untergrund schlecht sein muß, denn die Gebäude
haben kaum einen ordentlichen rechten Winkel aufzuweisen. Vorbei an der
halb europäisch, halb chinesisch gebauten Kirche der katholischen
Mission, gelangten wir endlich in ein schönes, großes Gasthaus. Die
große Säuberung vollzog sich vor einer durch alle verfügbaren Öffnungen
guckenden Zuschauermenge. Dann ging der Mafu zum Yamen, ich zur Mission.
Sie hat schon seit 20 Jahren eine Kirche am Ort, die aber auch infolge
des sumpfigen Untergrundes Abweichungen zeigt, sonst ist sie wie eine
katholische Kapelle in Deutschland gehalten. Die Mission unterhält noch
eine Schule, ein Waisenhaus und betreibt in geringem Umfange Gartenbau
und Landwirtschaft. In Pater L. Weiys, einem liebenswürdigen Holländer,
fand ich einen Deutsch sprechenden, sehr natürlichen Menschen, der mir
gut gefiel. Er war allein hier; sein Kamerad, Pater Kissels, war vor
einem halben Jahr an Wassersucht gestorben, als ein Opfer des hiesigen
Klimas, nachdem er, Kissels, über 20 Jahre auf seinem Posten gewesen
war. Der jetzige Missionar war zufrieden mit seinem Beruf und seinen
Erfolgen; man sah es ihm auch sofort an. Er hat gegen 600 Christen unter
sich, die Gemeinde in Su tschau fu eingeschlossen. Auch hier scheint mir
die katholische Mission mit viel mehr Erfolg zu arbeiten als die
protestantische. Ich bekam selbstgekelterten, sehr guten Wein
vorgesetzt. Die Katholiken sind vernünftigerweise nicht derartig strenge
Abstinenzler wie die englischen Missionare, die ich bis jetzt gesehen
habe. Der Wein schmeckte mir sehr gut, ungefähr wie leichter spanischer
Wein; ebensogut war das mir angebotene Abendbrot, das natürlich, der
Fastenzeit entsprechend, keine Fleischgerichte enthielt. Draußen in der
Kapelle hörte man die Christen ihre Abendgebete laut absingen, und ich
fühlte mich eigentlich hier mehr zu Hause als bei den Engländern,
trotzdem ich Protestant bin und im allgemeinen die Engländer sehr gern
habe.
[Illustration: Alter Tempel in Kan tschau fu, aus der mongolischen
Dynastie stammend]
Gegen 8½ Uhr suchte ich mein hartes Lager auf und schlief wie ein
Toter, wahrscheinlich infolge des ungewohnten Weingenusses. Der 13.
März war ein Ruhetag; der Schneider kam, um mir einen chinesischen Rock
für den gestohlenen anzufertigen. Die Sachen wurden gesonnt und der
Lebensmittelvorrat für die nächsten Tage ergänzt. Um 12 Uhr ging ich
wieder zur Mission, wo ich vom Pater Weiys ein für hiesige Verhältnisse
gutes Essen vorgesetzt bekam. Dann ritten wir auf seinen Ponies zu einem
alten Tempel, der noch aus der Zeit der mongolischen Herrscherdynastie
stammt und in dem besonders ein mächtiger schlafender Buddha in recht
unverhältnismäßiger Darstellung auffällt. Am Ende des Tempels befindet
sich eine der hohen, flaschenförmigen Pagoden. Von dort ging es zum
Garten der Mission, drei Li südwestlich der Stadt. In diesem wird
hauptsächlich Obst- und Weinbau betrieben; ferner liegt in ihm das
provisorische Grab des hier verstorbenen Paters Kissels.
[Illustration: Katholische Mission in Kan tschau fu]
Der Pater Weiys erklärte mir, daß er Gemeindeglieder habe, die bereits
in der fünften Generation christlich wären. Seine Stellung zu dem
Mandarin ist eine recht gute, aber durchaus unabhängige. Er befaßt sich
weniger mit der Belehrung der Heiden, als mit der Seelsorge in der
bereits vorhandenen christlichen Gemeinde. Im übrigen klagte er sehr
über das Opiumrauchen und besonders über das Opiumessen der Weiber. Der
Hauptgrund für letzteres sei darin zu suchen, daß sie zu früh heiraten
und ihre Männer vor der Hochzeit nicht kennen lernen. Die Folge sei dann
oft eine herbe Enttäuschung, welche die junge Frau zum Selbstmord
treibe. Dann werde der Missionar zu Hilfe gerufen, und unter den wenigen
ärztlichen Instrumenten in den Missionen könne man stets eine Magenpumpe
für den vorgenannten Zweck finden. Er erzählte noch außerdem, er habe
sehr damit zu kämpfen, daß z. B. neu bekehrte Eheleute Kinder hätten,
die infolge der leidigen Unsitte des frühen Verlobens schon an Heiden
vergeben seien, was natürlich zu großen Unzuträglichkeiten führe. Ich
empfahl mich bei dem liebenswürdigen Missionar, nicht ohne noch einen
besseren Jahrgang des selbstgekelterten Weines gekostet zu haben.
[Illustration: Grab des Pater Kissels im Garten der Mission zu Kan
tschau fu]
Auf dem Rückwege zu meinem Gasthause sah ich vor demselben eine große
Menschenmenge auf der Straße; ich ging hin und fand die öffentliche
Leichenschau eines Ermordeten. Die Leiche, mit einem Stich unterhalb des
Herzens, lag gänzlich nackt auf einem Brett mitten auf der Straße. Auf
einer Seite war ein Mattenverschlag, in dem Yamenbeamte, scharlachrot
kostümiert, ein Protokoll aufnahmen, während ein anderer Beamter an der
Leiche herummaß und den im Verschlag befindlichen Kollegen Angaben
zurief, die diese in das Protokoll notierten. Rings umher sowie auf
allen Dächern war eine neugierige Menge versammelt, die nur mit Not von
den Yamendienern zurückgehalten werden konnte. Zehn Schritte davon, in
einem nach vorn zu offenen Hause, lärmte eine vergnügte, trinkende
Hochzeitsgesellschaft. Man kann sich wohl kaum schärfere Gegensätze
denken.
Der Schneider kam am 14. März etwas zu spät; trotzdem ist es eigentlich
zu verwundern, daß er so schnell gearbeitet hatte. Der Rock war
natürlich um die Brust, um den Hals und in den Ärmeln etwas eng, da wir
Europäer doch anders gebaut sind als der Durchschnitts-Chinese. Die
ärmellose Überziehweste, Kandjörr, saß dagegen recht gut. Der Preis für
den Stoff betrug 2500 Cash, der Arbeitslohn 500 Cash, alles in allem
ungefähr 7,20 Mark, also wirklich recht wenig.
[Illustration: Verbrecher in Kan tschau fu]
Es schneite ziemlich stark, und der Geschäftsführer wollte mich
überreden, noch zu bleiben. Ich konnte es aber nicht, da jeder Tag für
mich von Wert war. Um dem Übervorteilen seitens der Leute, bei denen ich
Lebensmittel usw. kaufte, zu entgehen, hatte ich dem Geschäftsführer
eine bestimmte Summe in Silber eingehändigt; davon bezahlte er jeden,
der eine Forderung an mich hatte. Ich vermied dadurch den ewigen Zank
wegen guten und schlechten Geldes, kam sicher billiger weg und der
Geschäftsführer machte zugleich sein Geschäft, da er natürlich jedem
Händler Prozente abzog. Er muß sich dabei ganz gut gestanden haben, denn
er war zufrieden und beklagte sich nicht, wie alle andern
seinesgleichen, über zu geringe Bezahlung. Auch die Yamenleute benahmen
sich anständig. Draußen, mitten auf der Straße, stand immer noch der
Sarg mit dem Ermordeten.
Es ging durch Heide, die vielfach moorig und von vielen kleinen
Wasseradern durchzogen war, in denen sich eine unendliche Menge von
Wasser- und Sumpfvögeln tummelte. Nach Durchschneiden einiger ganz
wüstenartiger Striche kamen wir am Abend nach Scha Ho, wo wir gute
Unterkunft fanden. Eine alte Frau mußte die Fehler, die der Schneider in
Kan tschau gemacht hatte, verbessern, da mich der Rock doch etwas
drückte. Auch am 15. März durchzogen wir eine wüstenähnliche Gegend. Die
Dünen laufen von Nordost nach Südwest, westliche Winde schienen
vorzuherrschen, da die Abhänge nach dieser Himmelsrichtung flach,
diejenigen nach Osten zu steil und sehr schwer passierbar sind. Die
Karre mit den zwei Meter hohen Rädern kam nur in mehreren Absätzen
hinauf; die Tiere keuchten schwer und sanken tief im Sande ein. Um
11¼ Uhr erreichten wir Fu-ji-ting, bis wohin meine Karre gemietet
war. Im ganzen Ort ließ sich kein neues Gefährt auftreiben, aber der
Beamte war so liebenswürdig, mir seine eigene, nur mit einem Pony
bespannte Karre zu geben, so daß ich wenigstens fortkommen konnte. Die
Gegend blieb weiterhin wechselnd; wüstenartige Strecken folgten
unmittelbar auf fleißig bewirtschaftete Ländereien, jedoch war der
angebaute Strich stets nur sehr schmal und ging mit den Flußläufen.
Überall sah man Hecken und Wälle, die dem Versanden wehren sollten.
[Illustration: Karre bei Su tschau]
Wir befanden uns gegen 3 Uhr in einer weiten Sandfläche, als links in
den Dünen Antilopen auftauchten. Ich ließ die Stute satteln, mit der
Absicht, mich in vollster Fahrt zu nähern und so vielleicht eine
derselben zu Schuß zu bekommen. Es klappte ganz gut; ich kam an die
ruhig stehenbleibenden Antilopen bis 150 Meter heran, als ich kurz vor
mir einen breiten Graben sah. Getreu meinem alten Prinzip, lieber das
Genick gebrochen, als gekniffen, ging ich, was ich konnte, gegen
und -- lag prompt drinnen, oder vielmehr samt Pferd drüben im hohen,
weichen Sande. Die Mauserpistole fiel in einen Grasbüschel, sonst war
nichts passiert. Ich saß wieder auf und ritt hinter den abspringenden
Antilopen her, jedoch war ihr Vorsprung zu groß; ich kam nochmals bis
etwa 150 Meter heran, dann versagte die Stute. Ich saß daher ab und
führte sie zurück, als links vor mir drei Wölfe auftauchten. Mein Tier
war zu müde und die Entfernung für die Mauserpistole zu weit, daher ließ
ich heute Isegrim laufen, was er sehr langsam, oft stehenbleibend, denn
auch tat. Der Wildreichtum in dieser Gegend ist einfach verblüffend.
Besonders sind Wasser- und Sumpfvögel in großen Massen vorhanden; unter
diesen schwarze Störche, weiße Reiher, unsere Wildenten, große,
rostbraune Enten, Krickenten, Gänse und viele kleine Wat- und
Schwimmvögel. Die Chinesen schießen die Tiere nicht; sie sind daher ganz
vertraut, und besonders die großen Enten kann man häufig in den kleinen
Gräben unmittelbar am Wege finden.