sie aus der Herde eingefangen waren; dann wurde ihnen die Trense
aufgelegt; man hielt ihnen dazu das Gebiß so lange vor die Lippen, bis
sie danach bissen, dann hatten sie die Trense sicher im Maul. Nun kam
ein Junge darauf, der wie eine Klette festhing; zwei Leute führten das
Pferd und longierten es an einem langen Strick, bis es müde war, dann
ritt es der Junge ohne Longe weiter. Die meisten Pferde benahmen sich
hierbei sehr vernünftig.
Wir hatten scharfen Nordwest, so daß man trotz 25 Grad Wärme in der
Sonne fror. Mittagsrast machten wir in Tsing-hsiang-pu, wo es wieder
prachtvolle Milch gab, dann mußten wir über den Fluß, was bei jedem der
verschiedenen Arme desselben einen Auftritt mit dem Pony gab, welcher in
der Karre als Têtenpferd zog. Ich ritt schließlich immer vorn weg, der
Führer den Pony im Geschirr hinter mir her, während der Mafu auf der
Karre die Peitsche handhabte. Der Weg ging dann, den Fluß verlassend, in
die Berge. Das Tal sperrt auf jeder Flußseite eine Befestigung; die
nördliche ist mit achtzig Soldaten besetzt. Auch die große Mauer kreuzt
den Fluß und geht ebenso wie der Weg in die Berge. Schon als wir noch im
Tal waren, kam von Nordwesten ein weißer, dichter Nebelschleier über die
hohen Bergspitzen, und im Begriff, den steilen Paßweg zu ersteigen, war
der Staubsturm da, einer von denen, die den Sand schon in der Luft
mitbringen und nicht erst aufwirbeln. Die Sonne verschwand bald und
wurde nur zeitweilig wie ein roter, glanzloser Ball sichtbar. Übrigens
ist die hiesige Gegend wegen ihrer auffallenden Temperaturschwankungen
und Staubstürme berüchtigt. Das Thermometer fiel sofort bis 0°C und
hielt sich darauf. Mir war höchst unbehaglich zu Mute, die Milch war zu
kalt gewesen und wirkte reißend. Weder für die Fasanen noch für
Steinhühner hatte ich Augen, dafür aber scheußliche Bauchschmerzen.
Gegen 3¾ Uhr waren wir oben; ein Tempel krönte auch hier den Paß.
Leute kamen uns mit einem mächtigen toten Wolfe entgegen, der in der
letzten Nacht im Dorfe jenseits des Passes erschlagen worden war.
[Illustration: Gefährliche Passage im Wu schy ling schan]
Bergab ging es nun schneller, aber wir hatten den Wind gerade von vorn.
Die Bäche waren alle aus den Ufern getreten und ganz gefroren; sie sahen
aus wie Gletscher und waren beim Überschreiten recht unangenehm. Am
Abend langten wir in dem von hohen Bergen eingefaßten Lung-go-pu an.
Nördlich liegt der Ho-di-wan-schan, südlich der Scha-tsui-tai-schan, der
Paß, den wir hinter uns hatten, heißt der Wu schy ling. Die steilen
Abhänge zeigten rötliche Farbe, vereinzelt sah man kleine Waldparzellen.
Der Lung-go-pu-ho, der in das Liang-tschau-sui fließt, war offen und
hatte ziemlich viel Wasser; unterwegs trieb er viele Mühlen. Das
Unterkommen machte wiederum große Schwierigkeiten, da alle Gasthäuser
besetzt waren; schließlich mußten wir sämtlich mit einem kleinen Zimmer
vorlieb nehmen. Der Wirt hatte einen europäischen Nachttischleuchter,
den er auch gleich herbeibrachte; wie mag dieser nur hierher gekommen
sein! Nachdem ich einen Riesentopf voll Reis gegessen hatte, wurde mir
abends wohler, so daß ich noch die größte Lust hatte, auf Wolfsjagd zu
gehen, jedoch war kein Chinese zu bewegen, sogar für Geld, als Führer
mitzukommen.
Der Wind hatte am Morgen des 3. März aufgehört, der Himmel war noch halb
bedeckt und es herrschte eine Kälte von minus 9 Grad. Es ging im Tal
weiter abwärts, und da der Fluß unterhalb noch teilweise gefroren war,
mußte man beim Überschreiten sehr vorsichtig sein, um nicht in eines der
Löcher zu fallen. Dort, wo die kleinen Nebenflüsse mündeten, war der
Übergang über das Eis sehr schwierig. Ich sah einen Maultierkarren dabei
ins Rutschen kommen und gleich fünfzig Schritte abwärts sausen; wir
kamen überall glatt hinüber. Die Mauer begleitete uns rechts über die
Berge. Mitten am Wege steht ein kolossaler Felsblock, auf den die
meisten Vorübergehenden mit Steinen anschlagen, so daß der Stein über
und über von den kleinen Anschlagstellen weiß ist, es soll gegen
Krankheit helfen. Der Stein weist auch mehrfach alte, fast verlöschte
Inschriften auf. Gegen Mittag wandte sich das Tal nach Norden zu und man
hatte einen Einblick in die unermeßliche Ebene; das Tal wird von einer
Sperrfestung, Gulang Hsien, abgeschlossen, bis wohin unsere Karre
verpflichtet war.
Gegen 11 Uhr vormittags langten wir dort an. Ich sandte meinen Mafu mit
Visitenkarte und Paß zum Yamen, wo man ihn ungefähr zwei Stunden warten
ließ und mit dem Bescheide zurückschickte, der Yamen gäbe heute keine
Karren. Ich versuchte nun selbst eine solche zu mieten, fand aber nur
Ochsenkarren. Daher schickte ich den Mafu nochmals zum Yamen, um unter
Hinweis auf den Paß und unter der Erklärung, daß ich keinen Karren
bekommen könnte, ihn zu bitten, mir beim Mieten eines solchen behilflich
zu sein. Man ließ den Mafu wiederum 1½ Stunden warten, dann kam er in
Begleitung eines Schreibers zurück, der nicht gerade sehr höflich war
und mir erklärte, der Yamen gäbe keine Karren, sein Herr wünschte jedoch
meine Photographie zu haben. Ich wies das Ansuchen und den Mann zurück,
der mich vollkommen als seinesgleichen behandelte, obwohl er meinen Paß
gesehen hatte. Ich sandte den Mafu nun zum dritten Male zum Yamen und
ließ ihn um die Visitenkarte des Beamten ersuchen; man hatte mir
dieselbe nicht mitgesandt. Die Leute in der Stadt hatten mittlerweile
gehört, daß die hohe Obrigkeit mich schlecht behandelte, und jetzt
weigerten sich selbst die Ochsenkarrenführer, zu fahren. Ich verfügte
mich nun selbst zum Yamen, meinen Mafu mit meiner Visitenkarte
vorausschickend, um mich anzumelden. Da es mir zu lange dauerte, bis er
zurückkam -- der Mafu hatte augenscheinlich Angst vor dem chinesischen
Beamten --, ging ich selbst hinein, wo ich eine Gerichtssitzung vorfand.
Die Diener wollten mich sofort hinausweisen; da ich durchaus nicht
beabsichtigte, die Gerichtssitzung zu stören, ging ich in einen
Nebenraum rechter Hand. Dort schrien mich sofort Schreiber und Bediente
auf die unverschämteste Weise an. Nachdem ich mir dieses sehr energisch
verbeten hatte, legte ich noch einmal meinen Wunsch klar; man antwortete
mir, ich solle warten, bis der Beamte mich empfangen würde. Da dies
wahrscheinlich mehrere Tage gedauert hätte, antwortete ich, daß ich
nicht eher den Yamen verlassen würde, als bis man mir das Mieten einer
Karre ermöglicht hätte. Nun merkten die Leute, daß ich Ernst machte und
gaben mir daraufhin zwei Diener mit, die den ersten des Weges kommenden,
Dünger fahrenden, mit einem elenden Pony bespannten Karren zwangen, in
den Hof meines Absteigequartiers mitzukommen. Der Führer spannte dort
sofort aus und war nur durch doppelte landesübliche Bezahlung im voraus
zu bewegen, zu fahren. Um überhaupt vorwärts zu kommen, war ich
gezwungen, später Nepomuk in die Karre einzuspannen. Da mir das Benehmen
des Beamten doch zu unverschämt erschienen war, sandte ich über dieses
Erlebnis einen Bericht an die kaiserliche deutsche Gesandtschaft nach
Peking; außerdem schrieb ich es meinem Freunde Goo-ta-jen nach Hsi Ngan
Fu. Ich glaube, daß besonders der letzte Brief seine Wirkung nicht
verfehlt haben wird, da Goo-ta-jen mir sehr wohlgesinnt war und genug
Einfluß hat, um die schlechte Behandlung eines mit Regierungspaß
reisenden fremden Offiziers zu sühnen. Ich war schließlich so in Wut
gebracht, daß ich am liebsten einen verhauen hätte. Die Chinesen
amüsierten sich über meinen Ärger ungemein.
Es war natürlich sehr spät geworden, bis wir unser beabsichtigtes
Nachtquartier Schan-ta-tschwang erreichten; denn in dem ungastlichen Gu
lang Hsien wollte ich keinesfalls bleiben. Wieder einmal gab es nichts
zu essen, und auch am 4. März morgens mußten wir hungrig abziehen, da
ich sehr früh aufbrach, um zeitig nach Liang tschau fu zu kommen. Der
Weg war mehr als schlecht, die Felder lagen brach und die Dörfer waren
zerstört. Unterwegs trafen wir den Liang tschau fuer Taotai, der mit
großem Gefolge nach Lantschau Fu reiste, um dem Vizekönig dort seine
Aufwartung zu machen. In Liang tschau fu angekommen, versuchten wir
erst, im Innern Unterkunft zu finden; wir fanden jedoch kein großes
Gasthaus, mußten umkehren und kamen dann außerhalb, dicht am Osttor,
das Sven Hedin in seinem Werk abgezeichnet hat, ganz gut unter. Ich nahm
die übliche große Reinigung mit mir vor und ging dann zur Mission, um
mein Paket und die Briefe abzugeben. Ich wurde dort auf das
Liebenswürdigste empfangen und blieb ungefähr eine Stunde. Liang tschau
fu ist recht groß und hat ganz chinesische Bevölkerung, ohne
Mohammedaner; Mongolen sieht man hier nicht. Die Mandschustadt liegt
2½ Kilometer außerhalb, abgesondert für sich; dort führen die
Mandschus ihr faules Dasein, nichtstuend und noch vom Staate
unterstützt. Ich packte am Abend mein gesamtes Zeug um und hielt
Generalrevue über die Vorräte ab, um die für die Wüstenreise nötigen
Einkäufe zu machen. Mein Mafu mußte dann Kochtöpfe, Lichte, Reis, Mehl,
Zucker, Salz, Brot etc. etc. besorgen. Der Betrieb in den Straßen war
sehr lebhaft.
Ich erkundigte mich über die Mission, oder vielmehr es kamen Chinesen zu
mir, die sich bei mir über die Mission unterrichten wollten. Sie
erzählten mir, daß die protestantischen Missionare so gut wie gar keinen
Erfolg haben, während die katholischen, die außerhalb wohnen, eine feste
Stellung besitzen und zu ihrer Gemeinde Chinesen gehören, die schon in
der fünften Generation sich zum christlichen Glauben bekennen. Die
Missionare verschiedener Bekenntnisse verkehren gar nicht untereinander,
und die Chinesen fragten mich nun: "Sage einmal, wer hat von den beiden
recht? Der katholische Missionar sagt: dasjenige, was der
protestantische Missionar predigt, sei falsch, und der protestantische
in der Stadt behauptet wieder das Gegenteil." Ich mußte ihnen die
Antwort darauf schuldig bleiben. Am 5. März, 8 Uhr, war ich zum
Frühstück in der Mission eingeladen und mußte der Andacht der Missionare
und schließlich noch der Andacht mit drei Chinesen beiwohnen, die
bestimmt sind, dereinst Christen zu werden. Es waren Bediente aus der
Mission, die wahrscheinlich, sobald sie diese verlassen, gar nicht daran
denken, Christen zu werden oder zu bleiben, sondern jetzt nur heucheln.
Die Andacht wurde im englischen Stil abgehalten und reihum ein Kapitel
aus der Bibel gelesen. Da jeder sich natürlich seinen Absatz
vorbereitend ansah, um nachher beim Vorlesen keine Fehler zu machen,
fehlte die Andacht vollkommen. Darauf hielt einer der Missionare eine
kurze Predigt über das Gelesene, und der Schluß war ein von einem der
Chinesen gesprochenes endloses Gebet, bei dem man knien mußte. Die
Mission besitzt hier einen schönen Yamen mit reichlich genügendem Raum,
darunter zwei Betsäle und Wohnräume. Die Räume sind einfach und
geschmackvoll eingerichtet, nur die Christen fehlen.
Ich hatte meinen Mafu wieder einmal ausgeschickt, um Nepomuk, dessen
Widerristdruck aufgegangen war, zu verkaufen. Er fand einen Chinesen,
mit dem ich nach einiger Zeit für zwölf Taels handelseinig wurde. Jetzt
sollte also der gute Nepomuk nach Hsi Ngan Fu zurückwandern; seinen
neuen Besitzer biß er als erste Begrüßung gleich in den Arm. Später
brachte mir der Mafu anstatt der zwölf Taels Verkaufsgeld für den Pony
nur zwei Taels in bar und für zehn Taels Arzneien; er behauptete, daß
der Käufer kein Geld hätte. Ich wollte ihm sofort auf die Bude rücken,
mittlerweile war aber das Tor geschlossen worden und der Kerl natürlich
längst entwischt; alles Schimpfen half nichts; der Mafu begriff mich
übrigens nicht und behauptete, wir würden später 60 bis 80 pCt. an den
Latwergen verdienen. Da mein Mafu immer noch nicht reiten konnte oder
wollte, schaffte ich vorläufig keinen neuen Pony an und sparte dadurch
eine Menge Futterkosten.
[Illustration: Nepomuk in Liang tschau]
Abends besuchten mich Chinesen, die auch nach Tsin-Tsiang reisten; sie
kamen aus Hunan bzw. Hupeh und gingen nach Maralbaschi, welches ich
später auch zu berühren gedachte. Mein Mafu war mit der neuen
Reisegesellschaft sofort sehr einverstanden, während ich vermutete, daß
die Chinesen sich meiner nur als Beschützer in den unsicheren Gegenden
versichern wollten. Der Yamen hier riß sich die Beine für mich aus. Der
Mandarin war von meinem Vorfall in Gu lang Hsien unterrichtet worden,
hatte denselben sehr bedauert und war nun doppelt entgegenkommend und
liebenswürdig gegen mich. Schließlich kaufte ich noch einen Sack
Kartoffeln und ein großes Stück Butter mongolischen Ursprungs, das mir
in einem Kuhmagen angebracht wurde.
Alles ging am 6. März morgens ausnahmsweise glatt von statten. Der
Karren war zur Zeit da, der Geschäftsführer war mit seinem Gelde
zufrieden und ich hatte sehr gut geschlafen. Wir zogen erst mit einem
Gefolge von ungefähr zehn Yamenmenschen, nach chinesischer Sitte immer
einer hinter dem andern reitend, ich in der Mitte, was sich sehr
prunkend ausnahm, durch die ganze Stadt. Als wir zum Westtor kamen,
hatten sich aber alle, bis auf einen einzigen, verkrümelt; es fand sich
schließlich noch ein berittener Beamter ein, der mich sofort nach meinem
alten Rennfreunde, Felix Boos, fragte. Er hatte ihn vor Jahren in dieser
Gegend begleitet. Zuerst ging es durch unendliche Gräberfelder, jedes
Grab ein kleiner Steinhügel, dann durch die langweilige, über und über
mit Steinen bedeckte Ebene, bei weitem der schlechteste und für Mann und
Pferd ermüdendste Teil der ganzen bisherigen Reise. Man kam nur sehr
langsam vorwärts, und meinen armen Tieren taten die Beine sehr weh, was
sich in Se-sche-li-pu während der Mittagsrast dadurch äußerte, daß sie
beim Füttern fortwährend hin- und hertraten. Abends in Fung lo pu trafen
auch unsere neuen Freunde von gestern Abend ein, für die der Mafu schon
ein Zimmer reserviert hatte. Er hatte ein auffallendes Interesse an
diesen Leuten.
Weiter am 7. März durch öde, steinige Gegend; links lagen hohe Berge;
wir mußten schon nach 15 Kilometern rasten, da es auf dem ganzen
ferneren Weg kein Gasthaus gab; der Ort hieß Baba. Es war trotz der 30
Grad Celsius in der Sonne kalt und man fror. Die Berge südlich
verschwanden allmählich in einer dicken schwarzen Wolkenwand. Auch die
Sonne verschwand, nur nördlich war noch ganz klarer blauer Himmel.
Allmählich wurden rechts und vor uns Hügelreihen sichtbar; wir
marschierten wieder im Steppengelände mit dicken Grasbüscheln. Der Weg
war immer noch schlecht, auf der Karre schlief alles, alle paar Minuten
mußte ich die Gesellschaft anrufen, sonst wären wir überhaupt nicht mehr
von der Stelle gekommen. Die einzeln liegenden Höfe waren auch hier
festungsartiger als früher, mit an den Ecken vorspringenden Türmchen und
einem getrennt liegenden, mehrstöckigen, hohen, zur Verteidigung
bestimmten Wartturm.
Gegen 4½ Uhr langten wir in Yung chang Hsien an. Gleich hinter den
Toren rief mir ein Mann ein paarmal "Yang quetze!" (fremder Teufel)
nach. Ich stieg ab, ging hin und verwies es ihm, woraufhin er mich mit
der Faust vor die Brust schlug. Leider war er an den Falschen gekommen,
denn ich boxte ihm sofort einige Abfuhren ins Gesicht, so daß er unter
dem Gelächter der sich allmählich versammelnden Leute blutend abzog und
den Mund hielt; wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu
sorgen. Wir kamen in einem Gasthaus unter, in dem für irgend ein
erwartetes hohes Tier mehrere Zimmer tadellos hergerichtet waren. Der
Mandarin des Ortes schickte sofort Lichte und Tee, und versprach auch
Essen zu schicken, leider kam nichts. Man hatte zuerst angenommen, die
erwartete Exzellenz wäre angekommen, was aber nicht der Fall war, auch
der Tee und die Lichte waren für die hohe Persönlichkeit bestimmt
gewesen, ebenso die schöne Einrichtung der Zimmer. Als die Yamenleute
nun merkten, daß nicht der Mandarin, sondern ein Europäer gekommen wäre,
schnitten sie mich gänzlich. Ich sandte den Mafu zum Yamen mit der
Aufforderung, den Mann, der mich beschimpft hätte, zu bestrafen, im
gegenteiligen Falle würde ich den Vorfall sofort nach Peking melden. Wie
ich später hörte, hat der Bambus an demselben Abend noch nützliche
Arbeit getan.
Bei sturmartigem Nordost ging es am 8. März weiter. Der Himmel sah nach
Schnee aus. Um 9 Uhr fing es an zu schneien, erst wenig, dann schärfer,
der Wind nahm zu, kam aber, Gott sei Dank, von rückwärts; es war
schließlich ein richtiger Schneesturm. Wie der uns begleitende Mann vom
Yamen den Weg in der Steppe fand, ist mir unklar. Gegen 2 Uhr wurde der
Wind schwächer, der Schnee blieb liegen, denn es schneite erheblich
stärker. Gegen 3 Uhr waren wir am Ziel, und es war gänzliche Windstille
eingetreten.
Im Schneesturm zogen große Mengen von Wildgänsen südwestwärts. Im
Liang-Tale pirschte ich mich vergeblich an Enten heran, des
Schneetreibens wegen war mir der Schuß zu unsicher. Es soll hier schon
viele Antilopen geben, aber trotzdem ich den Leuten für die Führung ein
ganz ansehnliches Trinkgeld bot, wollte mich keiner begleiten; der
Chinese ist eben gänzlich ohne Passion für die Jagd. Unterwegs sahen wir
zweimal Füchse. In unserm Gasthause trafen wir anscheinend wohlhabende
Kaufleute aus Hami; zuerst taten sie sehr vornehm und zurückhaltend,
aber sowie mein Thermometer draußen hing, war alle Vornehmheit wie
weggeblasen, und die chinesische Neugierde überwog alle
Selbstbeherrschung. Am 9. März war herrlicher, klarer Himmel und draußen
eine große Schneefläche, aus welcher nur die Spitzen der hohen
Steppengrasbüschel vorguckten. Die andern Fuhrleute wollten nicht
fahren, nur der meinige kannte mich schon so weit, daß er meinem Befehl,
abzurücken, nicht zu widersprechen wagte. Es ist mir stets geglückt,
meine Chinesen schnell an unbedingten Gehorsam zu gewöhnen. Hatte mein
Mafu einmal einen Befehl von mir erhalten, so wußte er schon, dann gab
es keine andere Möglichkeit, als zu gehorchen. Der Schnee lag ungefähr
dreiviertel Meter hoch und ging bis an die Achsen. Zuerst streikten die
Tiere; manchmal blieben wir auch stecken, oder eines der Räder fiel in
ein tiefes Loch, aber es ging doch. Der Weg war natürlich nicht zu
erkennen, man fuhr eben einfach den hohen, weithin sichtbaren
Meilensteinen entlang. Ich fror schauderhaft an den Füßen und kroch auf
die Karre, um mich in den Decken etwas zu erwärmen.
Der Dicke benutzte die Gelegenheit, um sich gesattelt, samt
Mauserpistole, im hohen Schnee zu wälzen. Wir waren gerade damit
beschäftigt, den Pony möglichst eindringlich auszuschimpfen, was ihn
nebenbei gar nicht rührte, denn er trottete abseits und wälzte sich auf
der andern Seite, wo das Jagdmesser hing, als der Karrenführer in aller
Gemütsruhe sagte: "Lauye, chuang yang!" (Herr, Antilopen). "Wo?" Ich war
wie elektrisiert, sah aber in der angegebenen Richtung zuerst nichts.
Diese Kerle haben eben Falkenaugen. Ich ließ den Zeiß auspacken und
entdeckte nun vielleicht 3000 Meter entfernt sechs Antilopen, gegen
welche ich sofort losziehen wollte, aber der Karrenführer meinte, vor
uns wären noch sehr viel mehr, also Ruhe und weiter. Unterdessen wurden
Karabiner und Munition ausgepackt, und bald wurden links von uns wieder
sechs Antilopen sichtbar. Ich ging nun los, mich wie ein Indianer in dem
offenen, sehr wenig Deckung bietenden Gelände heranpirschend. Die Sonne
war schon hoch und ich schwitzte wie ein Reserveoffizier bei der
Sommerübung; meine hohen Filzstiefel waren mit Schnee gefüllt und ebenso
die Ärmel, infolge des Herunterrutschens über die Abhänge, die ich
einfach sitzend auf meinen lederbesetzten Reithosen nahm. Wir mußten
schon dicht heran sein, als links von uns ein Rudel, das wir nicht
bemerkt hatten, in voller Flucht abging, leider mit der Wirkung, daß das
unsrige auch absprang; ich zählte 22 Stück. Als sie auf fünfhundert
Meter in einem dichten Haufen standen, hielt ich einmal hin; es war aber
zwecklos, denn ich fehlte natürlich. Nun ging es wieder zur Karre, wobei
ich zu meinem Schaden die Beobachtung machte, daß das Gelände doch nicht
so offen war, wie es von weitem aussah. Eine nordsüdlich laufende
Schlucht folgte der andern, alles schneeverweht. Ich war ziemlich
erschöpft, sah aber meinen Mafu schon von weitem, aufgeregt winkend, auf
der Karre stehen. Auf der andern Wegseite, vielleicht 1500 Meter
entfernt, stand nämlich ein Rudel von mindestens 100 Köpfen. Ich
kostümierte mich schnell leichter, indem ich den Rock abwarf, bestieg
einen Pony und ließ mich erst einmal von einem der Soldaten bis an die
große, hier meist in Trümmern liegende Mauer führen. Dort legte sich der
Pony mit mir in ein tiefes Schneeloch, was mir einige blaue Flecke
eintrug und dem Karabiner nicht sehr dienlich war. Auch hier war das
Heranpirschen äußerst schwierig, da das ganze Rudel auf freiem Felde
stand und alle Deckung bietenden Gräben in diesem Tale nordsüdlich zu
verlaufen schienen, so daß man sehr schwer herankommen konnte. Ich
arbeitete mich vorwärts, solange es ging, dann schätzte ich die
Entfernung über freies Feld immer noch auf 600 Schritt. Mir war der
Schuß zu schwer, außerdem hatten die Antilopen mich auch schon eräugt
und flüchteten, lange, schwarze Streifen im Schnee zurücklassend. Es sah
aus, als ob eine Schwadron über das Feld gezogen wäre, so viele waren
es.
Ich ging zum Pony zurück und dann zur Karre, wo der alte chinesische
Führer meinte, zu Pferde oder zu Fuß würde ich nie eine Antilope zu
Schuß bekommen. So gehe es allen, die es auf diese Weise versuchten. Die
Mongolen führen in einem kleinen Ochsenwagen heran und schössen dann aus
der Karre, aber so lange der hohe Schnee läge, käme man überhaupt nicht
heran. Warum, leuchtete mir zwar nicht ein, wahrscheinlich nur, weil bei
Schneewetter bekanntlich kein Chinese ohne Not die Nase zur Tür
hinaussteckt.
[Illustration: Einmarsch in ein Dorf in Kansu]
Wir fuhren weiter und kauften in einem elenden Nest einige Eier zum
Frühstück. Es gab hier nicht einmal Wasser zum Tee, dieses mußte erst
von weither geholt werden; jetzt schmolzen sie den Schnee zu Wasser und
kochten damit. Je weiter nordwestlich wir kamen, desto geringer wurde
der Schnee. Über Mittag hatten sich die Berge mit einem dichten weißen
Wolkenschleier auf halber Höhe bedeckt, was höchst merkwürdig aussah.
Als wir gegen drei Uhr das Gebirge vor Dsia kau yi durchschritten, waren
die Berge rechts und links fast schneefrei, während die schneebedeckten
Spitzen hinter uns blieben. Gegen vier Uhr waren wir im Dorfe. Mein
Gewehrputzen lockte eine große Volksmenge zusammen; ich machte dabei die
unangenehme Entdeckung, daß das Gewehröl ausgelaufen war, Schweinefett
mußte aushelfen. Meine Reisebegleitung aus Liang tschau fu hatte heute
einen großen Zank im Hause, in dessen Verlauf man eine Mustersammlung
chinesischer Schimpfworte zu hören bekam. Ich dachte: Pack schlägt sich,
Pack verträgt sich; morgen werden sie wohl alle wieder gut Freund sein.
Vielleicht kam die schlechte Laune daher, daß das Antilopenfleisch, auf
das man sich schon gespitzt hatte, ausgefallen war. Mir ging es ebenso,
ich hätte auch anstatt des ewigen Reis ganz gern einmal Antilopenfilet
gegessen, doch was nicht ist, kann ja noch werden.
Ich ging mit einem Soldaten am 10. März früh weg, um auf Antilopen zu
pirschen, sah jedoch nichts, bis der Wagen uns einholte. Dieser fuhr
heute so schnell, daß ich mich lieber anschloß, denn was die Augen des
Soldaten entdeckten, das sahen mein Mafu und der Karrenführer schon
lange. Leider zeigte sich nichts. Hier war der Schnee schon ganz
verschwunden, die Schneewasser kamen in kleinen Bächen von den Bergen;
an jeder der schmalen, tief eingeschnittenen Rinnen gab es einen Kampf
mit dem Dicken, der stets Versuche machte, zu streiken. Wir kamen in
eine Gegend, wo Reis angebaut wurde und die Bauern gerade dabei waren,
ihre Felder zu überschwemmen. Daß sie dabei den Weg mitbewässern,
scheint ihnen ganz gleichgültig zu sein.