den Hoang Ho in Sicht, den ich mir hier eigentlich mächtiger vorgestellt
hatte. Dann ging es wieder durch Lehmberge und zuletzt in sehr steilem
Abstieg zur Ebene hinunter. Auf zehn Kilometer hatten wir Lantschau Fu
vor uns; man merkte bereits die Annäherung an die große Stadt; über ihr
lag eine Dunstwolke, lebhafterer Verkehr herrschte auf der Straße, und
auch die unendlich ausgedehnten Gräberfelder kündigten sie an. Es ging
den letzten Teil durch große Tabakfelder; vorbei an einigen
Soldatenlagern und hohen roten Tempelmauern gelangten wir zum Osttor,
das wie alle anderen Tore von weithin sichtbaren Türmen gekrönt ist. Vor
der Stadt kam uns im Galopp ein laut heulender Diener nachgeritten und
fragte, ob wir nicht etwa den Mantelsack seines Herrn gesehen hätten,
der ihm gestohlen worden war, während er in einer Kneipe saß. Er ritt
weiter, jeden Menschen am Wege fragend. Die Sachen waren natürlich
längst verschwunden und der Kuli wird zur Strafe für seine Unachtsamkeit
wohl ordentlich Prügel gesehen haben. Am Tore stellte die Wache die
üblichen Fragen an mich, noch hinzufügend, ob ich dienstlich hier wäre.
Zum höchsten Erstaunen der Leute erwiderte ich, daß ich zu meinem
Vergnügen reise. Ich wußte damals noch nicht, daß jeder, der im Besitze,
eines Passes vom Auswärtigen Amt ist, sich auf Dienstreisen befindet.
Das Unterkommen war leidlich. Ich ließ sofort alle Sachen auspacken, die
Decken wurden gesonnt, Wäsche zum Waschen gegeben, ein Schuster
reparierte meine Schnürstiefel, ein Friseur schnitt mir mit meiner
kleinen Nagelschere die Haare kurz. Er wollte mir durchaus nach
chinesischer Sitte den Kopf halb rasieren, ich streikte jedoch
energisch, und er machte seine Sache recht gut, wenn auch etwas langsam.
Ich hatte mich auf den Hof in die pralle Sonne gesetzt; das Thermometer
zeigte plus 31 Grad, und um uns herum hatten sich eine Menge Zuschauer
gesammelt. Meine Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt, denn es
dauerte zwei Stunden, bis er fertig wurde. Dann rasierte er mich noch
einschließlich Schnurrbart. Gott sei Dank, daß meine gute Mutter mich
nicht so sehen konnte.
[Illustration: Lantschau am Hoang Ho. Ausgefahrene Schiffsbrücke im
Eise.]
Während der Mafu zum Yamen wanderte, um die üblichen Förmlichkeiten zu
erledigen, ging ich mit einem kleinen Jungen als Führer zur Mission und
traf dort drei Englisch sprechende Missionare und zwei Frauen. Ich ließ
mich anmelden, wurde aufgefordert, näher zu treten und bekam Kaffee und
Kuchen, die mir sehr wohl taten. Nebenbei gab es nichts von Interesse zu
hören, eher umgekehrt; sie suchten aus mir herauszuholen, was es Neues
in der Welt gab; der hier ansässige deutsche Missionar Bläsner nebst
Frau war leider gerade jetzt nach Si-ning-fu verreist. Ich wurde für den
nächsten Tag zum Lunch eingeladen und verabschiedete mich dann bald. Das
Leben hier draußen macht zweifellos stumpfsinnig, hätte ich nicht
fortwährend neue Gedanken für das Gespräch hervorgesucht, so hätten wir
alle schweigend dagesessen; Männer und Frauen waren in chinesischer
Kleidung. Als einzige Neuigkeit erzählten sie, daß in Lantschau Fu seit
kürzester Zeit ein russischer Laden in der Hauptverkehrsstraße
aufgemacht worden sei, in welchem Russen, die fertig Chinesisch
sprächen, jedoch ihre russische Kleidung weitertrügen, verkauften. Die
Missionare vermuteten Regierungsgeld hinter der Sache und den Beginn
eines Attentates auf diese Provinz. Merkwürdig ist die Sache allerdings.
Der älteste der Missionare, zugleich Superintendent für Kansu, befragte
mich, ob ich auch eine Bibel mit hätte, was ich leider verneinen mußte;
daraufhin mußte ich gleich mitgehen, um wenigstens hier fleißig in Herrn
Bläsners Bibel zu lesen. -- In dem Gasthaus hatte der Mafu unterdessen
aufgeräumt, und zwar zum ersten Male unaufgefordert. Außerdem konnte er
mir auch noch eine andere Delikatesse für morgen ankündigen, nämlich
frische Kuhmilch.
[Illustration: Lantschau am Hoang Ho und der Tempelberg gegenüber]
Am 25. Februar morgens, als ich gerade aus dem Schlafsack gekrochen war,
erschien bei meinem Wirt die Steuerkommission, um die Steuern zu
erheben. Auch hier sind diese Leute gar nicht gern gesehen, da die
Steuern recht hoch sind. Eine an allen Ecken angeschlagene Proklamation
des Vizekönigs mahnt zur ordnungsgemäßen Zahlung. Ich gab dem Mafu meine
Aufträge und wanderte dann zur Mission, wo ich Mr. Kenneth beim
Unterricht einiger Chinesen fand. Wie anderswo sucht man auch in China
zuerst Arme und Elende zu bekehren. Ich hörte zu, verstand jedoch wenig,
habe auch wahrscheinlich nur gestört, da bei Anwesenheit des Europäers
die Aufmerksamkeit fehlte. Nach dem Kaffee begab ich mich mit einem der
jüngeren Missionare zur Nordfront, an der der Hoang Ho entlang fließt.
Eine Pontonbrücke verbindet sonst die beiden Ufer; da jedoch das Eis
gerade im Begriff war, sich in Bewegung zu setzen, war sie aus- und am
Südufer aufgefahren. Es war sehr zweifelhaft, ob ich morgen noch
hinüberkommen würde, was dann womöglich einen Aufenthalt von mehreren
Tagen bedeutet hätte, da die Chinesen nicht wagen, über den
eistreibenden Strom mittels der Fähre hinüberzusetzen. Am jenseitigen
Ufer liegt, auf vielen Terrassen verteilt, eine malerische Tempelgruppe,
Pai-ta-schan. Für mich zum Trost zog gerade von drüben über das Eis eine
aus Tibet kommende Ponyherde; die Tiere waren kräftig und in guter
Kondition, trotz des 3½ monatlichen Marsches. Die Treiber waren
schmierig, in Felle gewickelt und grundhäßlich. Wir gingen die Nordfront
entlang; den Weg besserten Soldaten aus; sie machten Witze über uns und
wollten sich krank lachen. Dann kamen wir zu einer Wasserpumpe mit
Dampfbetrieb, die einst ein fremdenfreundlicher Vizekönig hatte kommen
lassen, um den Yamen mit Wasser zu versorgen; Gebäude und Maschinen
stehen noch, daneben aber hat man das alte ursprüngliche chinesische
Wasserschöpfrad angebracht. Man sieht, der jetzige Vizekönig Song, ein
Mandschu, schätzt europäische Sachen nicht; das äußert sich sogar auch
hier; jetzt standen übrigens beide Werke des Eises halber still. Wir
wanderten weiter durch das Wassertor in die östliche Vorstadt und auf
einer von verschüttetem und gefrorenem Wasser glatten Passage zum
Pferdemarkt, wo kein einziges Pferd war; der Markt beginnt übrigens
schon um 6 Uhr morgens; weiter zum vizeköniglichen Yamen in der Mitte
der Stadt, der nichts Besonderes bietet, und dann zu einer
Tabakmanufaktur. In der ersten, an der wir klopften, wollte man uns
nichts zeigen; in der zweiten war man freundlicher. Auf den Dächern
sortierten Weiber die Blätter, von denen es zweierlei Sorten, grüne und
braune, gibt. Der grüne Tabak ist besser, folglich färbt man den braunen
mit einer hier gewonnenen Pflanzenfarbe grün. Die Blätter werden erst
getrocknet, dann ausgeschwungen, zerkleinert und kommen schließlich in
eine Presse, wo sie zu einem ungefähr einen Kubikmeter enthaltenden
Block zusammengedrückt werden. Von diesen Blöcken wird dann der Tabak
mittels eines Hobels, der genau so aussieht wie unser Tischlerhobel,
abgehobelt und in kleinere Pakete gepreßt; diese wiederum werden in
Papier eingeschlagen, um entweder nach Schang-hai ausgeführt oder in der
Stadt verkauft zu werden. In den unteren Räumen standen die Hobel,
deren Bedienung sich auf kleinen Öfen Opium zum eigenen Gebrauch
auskochte. Entsprechend ihrer Tätigkeit sahen die Leute ganz grün aus,
so daß man sie auf der Straße sofort herauskannte. Hier liegen viele
solcher Fabriken. Ich photographierte die Anlage und empfahl mich.
[Illustration: Besitzer einer Tabakmanufaktur in Lantschau auf dem Dache
seines Hauses, rechts tabaksortierende Frau]
[Illustration: Frauen sortieren Tabakblätter auf dem Dache der Fabrik in
Lantschau Fu]
[Illustration: In der Tabakfabrik in Lantschau Tabakpresse]
Wir kamen allmählich wieder zum Mittelpunkt der Stadt, wo in einem
offenen Laden Missionare der China-Inland-Mission predigten, was
übrigens vom alten Vizekönig nicht sehr gebilligt wird. Man erzählt sich
hier, daß Song, Tuan, Tung-fu-hsiang und Yung-lu in Verbindung sind und
ein neues Königreich gründen wollen. Dieses würde aus Kansu, Schensi,
Tsin-tsiang, Sze-tschuan bestehen und Tuan zum König wählen, der in Hsi
Ngan Fu, als seiner Hauptstadt, residieren würde. Ich halte dies für
unmögliche Träume der sehr ängstlichen Missionare. Im übrigen ist jetzt,
wo ich dies niederschreibe, der alte Yung-lu schon längst im Grabe und
damit die mächtigste Persönlichkeit aus dem Quartett geschieden. Ich sah
noch ein Arsenal, in das mir nicht erlaubt wurde, einzutreten, ferner
eine Universität im Bau, in der es uns ebenso ging, und die russischen
Läden in der Hauptstraße. Die Verkäufer waren Sarten aus Turkestan,
wahrscheinlich Untergebene irgend eines chinesischen Großhändlers, die
seine Waren aus Kaschgar hierher gebracht hatten. Von den ängstlichen
Missionaren waren sie schon für Russen gehalten worden. Zugeben muß ich
allerdings, daß ihre Waren meist russischen Ursprungs waren. Lantschau
Fu soll gegen 250 000 Einwohner haben, doch auch hier ist die Zahl nur
schätzungsweise festzustellen.
[Illustration: Kansus Steppen. Lantschau bis Ansifan (Ngan Hsi Tschau).
28 Marschtage, 3 Ruhetage. Durchschnittsleistung 43,5 km.]
V. KAPITEL.
Kansus Steppen.
Ich ging am 26. Februar morgens ganz früh schon zum Hoang Ho und stellte
mit großer Freude fest, daß das Eis noch stand. Die neue Karre war
unterdessen, leidlich bespannt, eingetroffen, der Treiber war ein
uralter Mann mit einer Riesenbrille, durch die er nichts sah. Ich
beobachtete nämlich mehrfach, daß er sie abnahm, wenn er etwas genauer
sehen wollte, aber die Brille gibt ein gelehrtes Aussehen. Nach üblichem
Zank mit dem Wirt wegen des Bezahlens fuhren wir zuerst zur Mission. Wir
kauften unterwegs noch Fleisch und Früchte für die nächsten Tage ein. An
der Mission erhielt ich ein Briefpaket für den Missionar in Liang tschau
fu, das ich versprochen hatte, mitzunehmen, ferner eine Büchse mit gutem
Tee, der hier schon recht teuer ist, sowie einen Kuchen europäischer
Herkunft geschenkt, alles sehr willkommene Beigaben. Der alte Mister
Hunter, der mir die Sachen übergab, gefiel mir sehr, er ist ein
einfacher Mann, der in seinem selbstgewählten Berufe aufgeht und sich
nicht um Politik kümmert, er hat übrigens seinerzeit Sven Hedin bei
seiner Durchreise begrüßt. Wir ritten weiter zum Nordtor, an dem ich
heute ungefähr zum zwanzigsten Male nach woher und wohin, Stand und
Visitenkarte gefragt wurde: "Ob ich nicht Missionar wäre?" "Nein." "Dann
also Kaufmann?" "Auch das nicht." Daß ich Offizier sei, begriffen sie
nicht; ein solcher muß mit großem Troß reisen, sonst kann es kein
richtiger sein. Da sind wir Chinesen doch ganz andere Menschen, dachte
sicherlich der weißbärtige Torwächter, milde und überlegend lächelnd.
Wir kamen glücklich über den gefrorenen Hoang Ho. Ganz dicht oberhalb
war schon eine breite Rinne eisfrei; hier konnte es auch nur noch Tage
dauern, bis der Fluß offen war. Von der anderen Seite, am Fuße des von
vielen Tempelchen gekrönten Pei-ta-schan macht sich Lantschau Fu sehr
hübsch. Man sieht hier erst, wie groß es mit allen seinen Vorstädten
eigentlich ist. Südwestlich, auf einem Berge, einen halben Kilometer vor
der Stadt, liegen vier mächtige quadratische Wachttürme, auf dem
nächsten Berge die stark befestigte Mandschustadt; die Türme haben
wahrscheinlich einst mandschurische Banner-Truppen beherbergt, die
Chinesenstadt beobachtend. Lantschau Fu mit seinen vorgeschobenen
Befestigungen sperrt das Hoang Ho-Tal vollkommen nach Westen zu ab. Wir
durchschritten ein Tor, bei dem die Felsberge dicht an den Strom
herantreten, dann erweitert sich das Tal, in dem Tabak- und
Obstplantagen liegen, die mittels Schöpfräder vom Hoang Ho aus bewässert
werden. Weiterhin geht es rechts ab in felsige Berge mit rötlicher
Grundfarbe, die teils ganz merkwürdige Formationen zeigen. Kegelförmige
Kuppen fallen in einem Teil ihres Abhanges ringsum senkrecht ab, so daß
sie unersteigbar sind; mehrfach liegen Befestigungen längs des Weges. Am
Abend kamen wir nach Yü-dia-wan in dem der "Dau"[3] Erbsen, mit denen
man hier die Pferde füttert, über 3½ Taels kostet, ein geradezu
unverschämter Preis. Der Himmel sah den ganzen Tag nach Schneefall aus,
das Wetter hielt sich aber noch. Der Mafu verlor zum ungefähr zehnten
Male den Anbindestrick für den dicken Pony. Ich drohte ihm an, von jetzt
ab das Geld dafür von seinem Lohn abzuziehen.
[3] Dau = Raummaß (sehr wechselnd).
In der ganzen hiesigen Gegend bis Ping fan war seit vollen zwei Jahren
kein Tropfen Regen gefallen, dementsprechend die enormen Preise, da
alles angefahren werden mußte. Es waren viele Leute gestorben, viele
ausgewandert, mit einem Worte, es herrschte Hungersnot; doch davon
hatten die Missionare in Lantschau Fu keine Ahnung. Man sah viele Felder
brach liegen: was ich zuerst von weitem für Schnee hielt, entpuppte sich
als Salpeter, auch wird in hiesiger Gegend Salz gewonnen. Selbst in den
tief eingeschnittenen Schluchten war kein Wasser mehr vorhanden, das
wenige ganz bittere verweigerten sogar die Pferde. Unser Koch- und
Trinkwasser wurde meilenweit vom Hoang Ho hergetragen; ich mußte für die
Kanne Teewasser 30 Cash zahlen. Mein Mafu benutzte die Gelegenheit, um
das Waschen gänzlich ausfallen zu lassen. Das Land blieb auch weiterhin
bergig; man sah zuweilen Ziegen- und Schafherden; letztere sind
Fettschwanzschafe, ganz weiß bis auf wenige schwarze Flecken. Die Ziegen
findet man in allen Farbenschattierungen. Der Boden zeigte große Sprünge
vor Trockenheit; Staub lag auf den Wegen mehr als fußhoch, man konnte
sich gar nicht davor schützen. Der Verkehr war gering, nur wenige
Reisende, ab und zu ein Karren mit Getreide, das war alles.
Zuweilen lag auf einem der Gipfel ein einzelnes Gehöft, wie eine Burg;
es sind Mohammedaner, die sich da oben so absondern. In einem Nest,
durch das wir kamen, wurde immer noch Neujahr gefeiert, beinahe so, wie
bei uns zu Fastnacht. Da tanzten vier als Nachen kostümierte Leute eine
Quadrille, einer mit einem Mond als Maske dirigierte mit einem Stock, je
zwei Violinspieler und Trompetenbläser, Pauken, Becken und Trommeln
bildeten die Musik. Der Tanz war höchst graziös und dabei doch
hochkomisch. Auf einer andern Stelle tanzten zwei als Mädchen
verkleidete, mit einem als "alten Mann" kostümierten eine sehr niedliche
Pantomime und man sah noch viele andere hübsche Gruppen. Durch mich
ließen sie sich gar nicht stören, nur meine Pferde wollten nicht vorbei;
schließlich bildete die ganze Gesellschaft einen langen Zug, zog in den
Ort und machte bei jedem Kaufmann solange Katzenmusik, bis dieser eine
Flüssigkeit, welche der Chinese Wein nennt, herausrückte.
Abends in Tschun-tschönn-pu kamen wir in einem sauberen, hübschen
Gasthof sehr gut unter. Gegen 7½ Uhr war auch hier zur Neujahrsfeier
große Illumination; ich ahnte hinten in meinem Zimmer gar nichts davon,
bis mich der Mafu herausrief. Der Anblick war wirklich wunderhübsch,
alle Straßen waren beleuchtet, vor jedem Hause hingen in vier Felder
geteilte lange Laternen, und zwar über die Straßen hinweg von Haus zu
Haus, bei den Wohlhabenderen aus weißer, bemalter Seide, bei Ärmeren aus
bunt bemaltem Papier. Die Tempel waren mit offen brennenden, Kreise,
Zickzacklinien und chinesische Schriftzeichen darstellenden Lämpchen
erleuchtet, ebenso der Mittelbau der Stadt, die hohen Stadttore und der
daran stoßende Teil der Mauer. Kein Haus hatte sich ausgeschlossen. Ich
habe selten eine so vollkommene Beleuchtung gesehen. Ich wanderte in
Hausschuhen und Lederjacke durch die Straßen; es berührte sehr angenehm,
daß man keine betrunkenen oder skandalmachenden Menschen unter der auf-
und abwogenden Menge sah; jeder war vergnügt und lustig, ohne Radau zu
machen. Die Kinder waren meist in Begleitung der Eltern oder vielmehr
der Väter, die sie an der Hand führten. Überall wurde mir höflich Platz
gemacht, und als ich einer mit Musik herumziehenden maskierten
Gesellschaft aus freien Stücken einige Cash als Trinkgeld opferte, war
allgemeiner Jubel. Man sieht hier so recht, was für ein friedfertiger
und harmloser Mensch der Chinese ist, wenn er nicht aufgestachelt und
verhetzt wird. Spät am Abend war noch großes Feuerwerk, in dem die
Chinesen ja bekanntlich Meister sind.
Entlang dem Ping fan Ho ging es am nächsten Tage weiter; es ist staubig
und die Gegend ziemlich flach. In der Ferne sah man hohe, schneebedeckte
Berge erscheinen, es werden wohl die Berge zwischen Ping fan und Liang
tschau fu gewesen sein. Beim Abreiten rissen die Stute und der Dicke
aus; ich ließ nämlich in der letzten Zeit immer diejenigen beiden
Pferde, die nicht geritten wurden, lose nebenher laufen, was sie bis
dahin auch ganz gut getan hatten. Der Mafu konnte seines verletzten
Knies halber immer noch nicht reiten oder gab es wohl nur vor, da es ihm
bequemer war, auf der Karre zu fahren. Wir hatten die Pferde bald
wieder, waren jedoch kaum 8 Kilometer von dem Ort entfernt, als sie in
voller Karriere in den Ort, der ihnen unbedingt sehr gut gefallen haben
mußte, zurückliefen. Ich ritt eiligst hinterher und fand sie, nachdem
ich ungefähr eine Stunde gesucht hatte, wieder, aber der Dicke wollte
nicht mit. Da Umsatteln mit den drei Tieren an der Hand nicht möglich
war und die Chinesen nicht helfen wollten, setzte ich mich kurz
entschlossen auf den blanken Pony und ritt in schlankem Galopp zurück.
Halbwegs zur Karre traf ich den Mafu, der nun den ungesattelten Pony
weiter reiten mußte, was ihm sehr wenig Spaß machte. Unterdessen hatte
sich Staubsturm aufgemacht, so daß wir völlig unkenntlich um 4 Uhr in
Ping fan, einem kleinen Ackerbürgerstädtchen, anlangten. Die Leute
hatten gehört, daß ich einen Pony verkaufen wollte; sie kamen in mein
Gasthaus und boten mir für Nepomuk 10 Taels, was mir zu wenig war. Der
Mandarin schickte mir Essen, außerdem gab es wieder einmal Milch, die
allerdings stark verdünnt war. Ich kaufte dann noch für die nächsten
Tage, da es im Gebirge voraussichtlich nichts gab, Hafer ein.
Am 1. März morgens mußte ich erst den Karren, mit dessen Inhaber ich
akkordiert hatte, durch Leute vom Yamen holen lassen; schließlich
stellte sich ein offener, mit zwei wie Mastschweine fetten Ponies
bespannter Karren ein. Sie stöhnten schon beim Anziehen, bewährten sich
aber schließlich ganz gut. Um 9 Uhr kamen wir glücklich weg und
marschierten dem Ping fan Ho entlang. Auffallend waren hier die unzählig
vielen Wildtauben. In Wu-tschang-yi machten wir kurze Rast; in unserer
Herberge waren zwei entsetzlich schmutzige, wandernde Lamas, die aus
Lhassa kamen. Sie hatten zwei von den entzückenden "Peking-Hündchen" mit
sich, die sie an mich verkaufen wollten; ich hätte sie auch ganz gern
genommen, konnte mich aber jetzt mit solchen verwöhnten Tierchen nicht
einlassen. Weiterhin nahm die Gegend einen steppenartigen Charakter an.
Unten am Flusse waren sehr viele Fasanen, von denen ich einmal einen
schoß. Auf den Berghängen weideten starke Schaf-, Ziegen-, Rindvieh- und
Pferdeherden, meist alles durcheinander gemischt. Gegen 5 Uhr
nachmittags fingen die großen Steppenmäuse an zu pfeifen; ich wußte
zuerst gar nicht, was das eigentlich war und dachte, die Laute kämen von
irgend einer Vogelart, bis ich die Tiere laufen sah. Auch hier lagen
alle Dörfer in Trümmern, in denen nur die Hirten hausten; man sah kaum
noch einen Acker, alles wurde allmählich wieder zur Weide. Der
Sonnenuntergang war wunderschön, die mit Schnee bedeckten Berge im
Westen waren ganz purpurn, dann lila, bis sie schließlich in der
Dunkelheit verschwanden. Von fern hörte man die tiefen Töne der
Kamelglocken und das Klingeln der Pferdeglocken, was einen feierlichen
Eindruck machte. Man merkte, daß man in ein ganz anderes Land gekommen
war, "die Steppe".
[Illustration: Am Dorftheater]
Gegen Abend, es war schon vollkommen dunkel, waren wir in Za koyi. Wir
suchten in allen Häusern und fanden kein Unterkommen, überall waren
Mongolen mit ihren Pferden und Karren. Am kommenden Tage sollte hier
Theater und großer Pferdemarkt sein; außerdem besorgten sie ihre
Frühlingseinkäufe hier; ich war also gerade zur rechten Zeit gekommen.
Schließlich räumte mir ein liebenswürdiger Schanguida sein eigenes
Zimmer ein, so daß ich wenigstens ein Unterkommen hatte; es stieß an den
großen allgemeinen Raum. Ich verhing gleich die Tür mit einem Woylach,
denn auf dem allgemeinen Kang lagen mindestens fünfzehn Opium rauchende
Kaufleute, und ich habe den süßlichen Geruch der Opiumpfeife nie
vertragen können. In einer anderen Ecke des Hofes waren die Mongolen um
ein großes offenes Feuer, mit brodelnden Kesseln darüber, versammelt.
Ich wurde wie ein Wundertier angestaunt; jedoch sind auch die Mongolen
freundliche Menschen. Ich bekam einen Pferdestall, etwas Stroh, Tee und
zwei alte Brötchen, mehr war nicht aufzutreiben, nicht einmal ein Licht
gab es. Trotz Gestank und ewigem Radau schlief ich recht gut und wurde
morgens nach meiner Toilette durch die liebenswürdige Gabe einer Flasche
guter Milch vom Oberlama der Mongolen überrascht. Da ich seit 24
Stunden nichts Ordentliches bekommen hatte, kann man sich denken, wie
mir die Milch schmeckte.
[Illustration: Am Dorftheater]
Wir marschierten weiter, und zwar an einem Teil der großen Mauer
entlang, die sich im Grunde des Flusses dahinzieht. Sie ist hier aus
Lehm, 3½ Meter hoch, nicht sehr breit und gänzlich im Zerfall; große
Stücke fehlen gänzlich, die Wachttürme sind alle eingefallen; man
erkennt noch von Kilometer zu Kilometer die alten befestigten
Soldatenlager. Die Chinesen sagen, die Mohammedaner hätten die Mauer
zerstört, letztere behaupten das Gegenteil. Ich persönlich glaube, daß
keiner von beiden der Täter ist, sondern daß der Zahn der Zeit auch hier
seine Macht gezeigt hat. Der Fluß bildet jetzt die Scheidegrenze;
drüben, also nördlich, wohnen die Mohammedaner. Za koyi war vor dem
großen Aufstand mohammedanisch, jetzt ist es ganz chinesisch. Die
Mohammedaner sind damals hinausgeworfen worden, wie mir die Chinesen
schadenfroh erzählten. Merkwürdig ist es eigentlich, daß zwischen
Mohammedanern und Konfuzianern sich derartig scharfe Unterschiede
herausgebildet haben; im Aussehen sind sie überhaupt nicht
auseinanderzuhalten.
Heute strömte alles zum Theater, meist reitend, und in was für einem
Tempo! Hier konnte man allerdings Paßtraber sehen, bei denen ein
galoppierendes Pferd, um mitzukommen, schon guten Mittelgalopp laufen
müßte. Die meisten Pferde waren sehr hübsch aufgeputzt, mit Schleifen in
Mähne und Schweif, mit Silberbeschlag am Sattel und am Zaumzeug, bei
manchen waren die Schweife in einen dicken Zopf geflochten, die Mähne in
viele kleine Zöpfe. Die Weiber der Mongolen, wie die Männer reitend,
tragen das Haar gescheitelt, in der Mitte und zu beiden Seiten in viele
kleine Zöpfchen geflochten und in diese auf beiden Seiten einen 15
Zentimeter breiten, bis zu den Füßen reichenden Behang mit verschiedenen
Querverbindungen eingeflochten. Letzterer ist teils mit kleinen
Muscheln, teils mit Messingzieraten, selbst mit Korallen und Silber
reich bestickt. Wie die Männer tragen sie Mützen aus Fuchspelz, hinten
mit zwei langen, fliegenden Bändern, außerdem hohe, lederne Stiefel; das
Ganze sieht sehr hübsch aus, nur sind sie zu schmutzig. Sie hatten gar
keine Scheu vor mir, nur das Photographieren litten sie nicht, während
sich die Männer dazu drängten.
[Illustration: Gefährliche Passage im Wu schy ling schan]