Märsche genähert hatte, war es für mich von ganz besonderem Interesse,
etwas Neues über ihn zu erfahren. Ich begab mich daher sofort zu dem
hier anwesenden Missionar, einem Herrn Johnson; in der Stadt, die ich
auf dem Wege zur Mission passierte, bekam ich von Tung-fu-hsiangs
Schwarzröcken nichts zu sehen; dagegen hatte ich Gelegenheit, einer
Pferdeoperation auf offener Straße beizuwohnen. Der Missionar wohnte
außerhalb des Tores, ich innerhalb desselben, so daß ich nicht bei ihm
bleiben konnte, da nach Toresschluß gegen 6 Uhr nicht mehr geöffnet wird
und ich anderseits den Mafu mit Geld und Waffen nicht allein lassen
wollte. Jedenfalls fand ich hier genau das, was ich mir dachte, nämlich
eine chinesische Stadt genau wie alle andern, mit dem lebhaften Kommen
und Gehen, wie es stets auf der großen Verkehrsstraße zu sein pflegt,
und keinen Menschen, der sich auch nur eine Minute für Tung-fu-hsiang
interessiert hätte. Man sagte mir, alle Gerüchte über ihn und seine
Truppenteile seien weit übertrieben; er sitze ruhig in Heichengtse, drei
Tagemärsche nördlich von dieser Stadt, verschanzt, und tue keinem
Menschen etwas zuleide. Im Gegenteil, er solle in letzter Zeit die
Absicht geäußert haben, sich noch weiter nach dem Innern zurückziehen zu
wollen, da er sich hier immer noch den Grenzen der Zivilisation zu nahe
fühle. Er habe nur 13 schwache Kompanien (eine chinesische Kompanie hat
504 Mann), im ganzen 5000 Mann, dazu alte Kanonen und genügend Reit- und
Bespannungsmaterial. Ferner habe er sehr viel Proviant aufgekauft; da in
den letzten Jahren gute Ernten gewesen seien, habe dieses nicht weiter
auf die Preise gedrückt, wie ich selbst feststellen konnte. Man war in
den hiesigen Kreisen fest überzeugt, daß er nichts unternehmen würde;
der Missionar ließ gerade jetzt seine Frau aus Hsi Ngan Fu
hierherkommen, was doch sicher als ein Zeichen des Friedens anzusehen
war. Missionare sind stets gut orientiert und unterhalten nebenbei
Spione bei Tung-fu-hsiang.
[Illustration: Pingliang Fu]
Am 16. Februar morgens gab ich einige Briefe und Karten an den Missionar
Johnson mit der Bitte um Weiterbeförderung ab. Die Missionare schicken
ungefähr alle vierzehn Tage einen verläßlichen Mann, der bis zur
nächsten Station reitet, von wo aus die Briefe dann auf ebendieselbe
Weise nach Hankau weiterbefördert werden. Kurz bevor ich wegging, ließ
sich der Mandarin noch einmal angelegentlichst nach meinen ferneren
Absichten erkundigen und anfragen, ob ich etwa den Wunsch hätte, zu
Tung-fu-hsiang zu gehen. Ich sagte ja, um zu sehen, was die Leute wohl
tun würden. Der Bote ging zurück, bat mich jedoch, bevor ich
abmarschierte, den Bescheid seines Herrn abzuwarten. Bald kam er wieder
in Begleitung von 16 Kavalleristen und 20 Infanteristen; zugleich sagte
er mir im Auftrage seines Herrn, daß diese Leute dazu bestimmt wären,
mich von meinem Vorhaben nötigenfalls abzubringen, woraufhin ich ihm
erwiderte, daß ich sofort das Feuer eröffnen würde, sobald auch nur
einer es wage, mich zurückzuhalten. Der Mandarin hatte jedenfalls sehr
viel mehr Angst um seinen Posten und seine reichen Einnahmen, falls mir
etwas zustoßen sollte, als um meine eigene Person, die ihm gänzlich
gleichgültig war. Ich vertrug mich später sehr gut mit den Soldaten,
schoß ihnen etwas mit meiner Mauserpistole vor und bin überzeugt, daß
auch nicht einer im entferntesten gewagt hätte, mich zurückzuhalten,
falls ich doch Tung-fu-hsiang aufgesucht hätte. Die Mauserpistole, die
immer schoß und gar nicht geladen zu werden brauchte, flößte ihnen einen
Heidenrespekt ein. Daß nur zehn Patronen darin seien, erzählte ich
ihnen natürlich nicht, nebenbei hatte ich vorsichtshalber auf nur 20
Schritt Entfernung geschossen, so daß die sechs abgegebenen Schüsse alle
dicht beieinander saßen. Meine Begleitung verkrümelte sich nach und nach
bis auf zwei Kavalleristen und einen Begleiter vom Yamen.
[Illustration: Pferdeoperation in Pingliang Fu]
Bei bezogenem Himmel ging es talaufwärts, mehrfach den gefrorenen Fluß
kreuzend, was sehr unangenehm war, da die Tiere einbrachen und sich die
Fesseln durchschnitten. Das Tal war mit mannshohem Gestrüpp bewachsen
und hatte viel Steingeröll. Wir sahen zum ersten Male die schönen
Königsfasanen, die bekanntlich hier heimisch sind. Ich hatte das Glück,
einen mit der Kugel zu schießen, was eine sehr willkommene Abwechslung
in unsern etwas einförmigen Küchenzettel brachte. Nach 70 Li machten wir
Rast. Der Karrentreiber veruneinigte sich mit seinem Stangenmaultier,
was eine recht unerquickliche Szene gab, da er es rücksichtslos
mißhandelte, und zwar aus keinem andern Grunde, als weil das
unglückliche Tier nicht fressen wollte. Übrigens trat heute doch eine
merkbare Preissteigerung in allem ein. Weiterhin verengerte sich das Tal
fortwährend, und es kamen sehr hübsche Felspartien zu beiden Seiten vor.
[Illustration: Bergtempel in Kansu]
Ich war gerade dabei, eine solche mit meinem Kodak aufzunehmen, als mich
in voller Fahrt ein großer schwarzer Hund anfiel, der anscheinend toll
war. Die Lage war kritisch, denn ich mußte meinen Apparat retten, den
ich auf keinen Fall geopfert hätte. Der Köter sprang mich an und
schnappte über meine linke Hand hinweg nach meinem Rock; ich fiel auf
die steinerne Brüstung des Weges, den Apparat in der rechten Hand
hochhaltend. In demselben Moment stach einer der mich neugierig
umgebenden Soldaten nach dem Vieh, worauf es das Weite suchte. Die ganze
Episode spielte sich in vielleicht zwei Sekunden ab. Die Chinesen
beglückwünschten mich, daß mich der Hund nicht gebissen hatte; ich hätte
ihm gern hinterher noch eins aufgebrannt, aber er war längst
verschwunden.
[Illustration: Flußübergang vor Huacing, halb vereist]
Der Weg wurde für die Tiere immer anstrengender, die Karren blieben bei
den Übergängen alle Augenblicke stecken, wobei dann die Führer
gegenseitig mit Vorspann aushalfen. Gegen 5 Uhr überschritten wir einen
hohen, sehr beschwerlichen Paß und hatten dann im Tale Huacing eine
Sperrfestung vor uns. Hier scheiden sich die Wege nach Lantschan Fu und
Kuyuen. Der Karrenführer wollte die Stadt links umgehen, um gleich den
Lantschau Fuer Weg zu gewinnen. Er war erst nach recht energischem
Zureden meinerseits zu bewegen, in die Stadt zu fahren; natürlich hatte
er nur Angst, daß ich zu Tung-fu-hsiang gehen würde, und wollte
möglichst schon heute in einem Orte auf dem Lantschau Fuer Wege
übernachten. Der Yamen erkundigte sich sofort nach meinen ferneren
Absichten, und zwar ließ mich der junge Beamte nicht zufrieden, sondern
wollte immer mehr wissen, so daß ich schließlich die Geduld verlor,
überhaupt keine Antwort mehr gab und für fernere Soldatenbegleitung
dankte.
Ich nahm am Abend mit einem alten Lama, der gerade von Tung-fu-hsiang
herzukommen behauptete, Rücksprache. Wir gingen durch die Stadt
spazieren, wobei er mir die Parteigänger des Rebellen-Generals zeigte.
Sie tragen stets ganz schwarze Kleidung, im übrigen handelte es sich
hier nur um solche, die Getreide oder Pferde ankaufen wollten;
eigentliche Soldaten Tung-fu-hsiangs habe ich kaum zu Gesicht bekommen.
Ich fragte den alten, freundlichen Mann, ob es für mich irgendwie
lebensgefährlich sei, nach Heichengtse zu gehen. Er meinte, daß
keinerlei Gefahr damit verbunden wäre, riet mir aber insofern ab, als
dort nichts, rein gar nichts von Interesse zu sehen sei. Man würde mich
ruhig in die Befestigungen, die genau so aussähen wie alle anderen,
hineinlassen, und mir nichts tun; auf keinen Fall aber würde ich den
alten Tung-fu-hsiang zu sehen bekommen. Er halte sich streng
abgeschlossen, und selbst von seinen eigenen Leuten hätten ihn die
allerwenigsten jemals erblickt. Auf diese Nachrichten hin stand ich von
meiner ursprünglichen Absicht, nach Heichengtse zu gehen, ab und nahm
damit meinem Mafu und meinem Karrentreiber einen schweren Stein vom
Herzen. Ich glaube, sie fühlten ihren Kopf in der letzten Zeit nicht
mehr sicher auf den Schultern, und meinem Mafu war der sonst sogar recht
beträchtliche Appetit vergangen.
[Illustration: Am Rasthaus im Liu pan schan]
Die Nacht war wieder einmal sehr kalt, die armen Pferde hörte ich neben
meiner Stube fortwährend hin- und hertreten, die Kälte ließ sie nicht
schlafen. Ich wollte ihnen noch eine Decke überlegen und warf beim
Aufstehen meine silberne Zigarettentasche, die ich als Behälter für
Kompaß und Kneifer benutzte, herunter. Der Kneifer blieb ganz, der
Kompaß zerbrach leider, ein recht herber Verlust. Beim Abreiten meldeten
sich noch zwei Infanteristen; wir marschierten zuerst bis an den
Hauptpaß im Liu pan schan, zu dem es sehr steil bergauf ging, so daß die
armen Zugtiere schwer zu ziehen hatten; ohne Nepomuk hätten die beiden
Muli allein die gar nicht so große Last wohl nicht heraufgebracht. Wie
gefühllos die Chinesen den Tieren gegenüber sind, konnte man heute
wieder beobachten, denn gerade an der schwierigsten Stelle setzten sich
die Infanteristen, der Treiber und der Mafu in die Karre, aus der ich
sie sofort wieder herausbesorgte. Auf halber Höhe liegt ein hübsches
Rasthaus mit Tempel, der, wie alle solche hier, Lauyemiau heißt. Da er
eine kleine Soldatenbesatzung hat, ist seinem Namen hinten noch ein Ping
angehängt (Ping heißt nämlich Soldat). Der Wirt hatte drei hübsche
Töchter, die schleunigst photographiert wurden, sie waren ausnahmsweise
ganz vernünftig dabei. Ich benutzte bei den Serpentinen immer die
Richtwege, um auf Fasanen zu pirschen, sah auch mehrfach welche, kam
jedoch nicht zum Schuß. Die Soldaten nahmen recht eifrig an der Jagd
teil. Nach Aussage der Leute sind Wildschwein, Wolf und Leopard hier gar
nicht so selten, leider verbot mir meine kurz bemessene Reisezeit,
größere Jagdausflüge zu machen. Den Paß krönt wie gewöhnlich ein Tempel.
Beim Abstieg hatten wir eine riesenhafte Windhose vor uns, die von den
Wolken trichterförmig erwidert wurde. Im Tale liegt Lung-hsi-hsien mit
befestigtem Bergfort auf der Ostfront vorgelagert. Die Pferde bekamen
hier zum ersten Male wieder Hafer, den sie sehr gern nahmen.
Meinem Karrenführer war nun das Geld endgültig ausgegangen, er klagte
mir sein Leid, und es stellte sich heraus, daß er von der anfangs
vereinbarten Summe von 19 Taels nur 15 erhalten hatte, den Rest hatten
die Leute Goo-ta-jens eingesteckt, und ich staunte nur, daß er überhaupt
noch so viel erhalten hatte. Von dem empfangenen Gelde hatte er noch die
Hälfte an die Taitai abzugeben. Wenn seine Tiere besser gewesen wären,
hätte ich ihn nach Kaschgar engagiert, da er durchaus mit mir gehen
wollte; die Maultiere waren aber zu alt, die Karre zu schwer, außerdem
wußte kein Mensch zu sagen, wie fernerhin die Wege eigentlich seien und
ob überhaupt Karren so weit fahren könnten. Nun borgte er den
Geschäftsführer des Gasthauses an. Das soll allgemein so Sitte sein bei
den Karrenführern, die durch dieses Verfahren niemals auf einen grünen
Zweig kommen, da sie stets in irgendeinem Gasthause hängen. Übrigens
hatte ich meinen Führer in falschem Verdacht mit dem Feigensack gehabt,
er hatte die Früchte nur als Geschenk für Freunde mitgenommen und
verteilte sie nun, wie ich mehrmals sehen konnte.
Mittags verlangte ich Schweinefleisch, worauf alles lachte und mich
abwies. Ich ahnte nicht den Grund; erst später fiel mir ein, daß hier
meist schon Mohammedaner wohnen. Am Nachmittag trafen wir beim
Weitermarsch eine ganze Kamelkarawane, mit Hirschgeweihen beladen. Sie
kamen aus Si-ning-fu, das Hirschhorn geht zur Küste und wird zu
Arzneizwecken verwandt. Am Abend in Tschönning pu sollte ich eine Frau
ärztlich behandeln, die den Anzeichen nach an Herzkrämpfen litt. Ich
verordnete kalte Abreibungen morgens und abends und beim Eintritt der
Krämpfe kalte Umschläge; jedenfalls war ich sicher, damit keinen Schaden
anzurichten, denn ehe der Chinese zum kalten Wasser greift, geht die
Welt unter.
[Illustration: Einziehende Kavallerie]
Am 18. Februar morgens ging es durch die Ebene weiter. In Tsching Hsing
tschau, wo wir rasteten, hatte sich eine entsetzlich neugierige Menge um
mich gesammelt, die sich weder durch Wasserguß, noch durch sonstige
Schreckmittel abhalten ließ, bis laute Signale einrückende Kavallerie
meldeten, die einen malerischen Anblick gewährte. Vier Trompeter
bildeten Spalier und bliesen Fanfaren, voraus ritten drei Falkenträger,
dann kamen die Fahnen und schließlich die Mannschaften in bunten, meist
roten Uniformen. Ich photographierte die Gesellschaft, wobei sie mich
rücksichtslos anritten. Unterdessen hatte sich Staubsturm erhoben, der
beim Weitermarsch recht unangenehm war. Wir kletterten über drei Pässe
mit überaus starken Steigungen, so daß die entgegenkommenden Tabakkarren
aus Lantschau Fu sich gegenseitig Vorspann bis zu 16 Tieren gaben, um
die einzelnen Wagen die Berge herauf zubringen. Die Luft war derart mit
Staub erfüllt, daß wir bei Biegungen oder an den Hunderte von Metern
hohen, steilen Abfällen die vorn gehenden Tiere am Kopf führen mußten,
da man den Weg gar nicht mehr sehen konnte und ich fürchtete, bei der
geländerlosen Straße abzustürzen. Entgegenkommende Karawanen meldeten
sich stets durch Glockenklang ihrer Tiere an. Um sie an den
Ausweichestellen festzuhalten, damit wir glatt vorwärts kommen konnten,
hatte ich die mich begleitenden Soldaten vorausgeschickt; es klappte
auch ganz gut. Gegen Abend legte sich der Staubsturm, der diesmal nur
vier bis fünf Stunden gedauert hatte.
Als wir noch etwa zwei Kilometer vor unserm beabsichtigten Nachtquartier
waren -- ich ritt hinten --, rief der Karrenführer plötzlich: Sa lauye,
Lhang! (Wölfe.) Rechts am Abhänge einer Lehmschlucht, auf etwa 600
Meter, trottete langsam ein großes graues Tier; ich hielt es für einen
Hund, ließ aber doch meinen Zeiß auspacken, um einmal hinzusehen.
Unterdessen traten aus der Schlucht drei und dann noch ein ebensolches
Tier heraus. Jetzt sah ich, daß es unzweifelhaft Wölfe waren. Sofort
ließ ich mir Karabiner und Patronengürtel geben und trabte querfeldein
auf eine andere Lehmschlucht zu, um mich durch diese heranzupirschen.
Der gute Dicke machte seine Sache sehr gut. Als ich absaß und mich näher
schlich, ging er sehr vernünftig im Schritt zurück. Das Rudel, das sich
zusammengeschlossen hatte, sicherte nach mir hin, hielt nicht mehr und
zog von dannen. Es waren mindestens noch 300 Meter, und diese Entfernung
war mir zum Schießen zu weit, außerdem verschwanden sie zu schnell.
Abends in Gau-dia-pu kamen wir gerade zum Schweineschlachten zurecht.
Zuerst bekam ich die Nieren gebraten, und dann ließ ich mir ein recht
schönes Kotelett herausschneiden, das der Mafu leider gänzlich verdarb.
Die Leute können nur auf eine einzige Art kochen, und ob das Schwein,
Hammel oder sonst Beliebiges ist, bleibt ihnen vollkommen gleich; es
wird nach Schema F hergerichtet. Bei gänzlicher Windstille und leichtem
Schneefall ging es am 19. Februar weiter, am Tsauli Ho in Windungen an
den Bergwänden entlang. Der Schnee blieb liegen, und die Wolken hingen
tief in die Täler. In einem Dorfe gab es prachtvolles Schweinefett, von
dem ich gleich eine ganze Büchse kaufte. Dies erwies sich schon am
selben Abend als sehr angenehm, denn in unserm Nachtquartier Tsai dia
tse war die Unterkunft schlecht, alles sehr teuer, und man bekam nichts
zu essen. Zweimal über Nacht erhielt ich Besuch von großen Kötern, die
sich durch die Tür zwängten und mir mein Stiefelfett stahlen. Als ich
morgens nach der Dose suchte, fand ich noch einen Hund, dieselbe
ausleckend; ich wollte sie ihm wegnehmen, woraufhin er mich in meine
Ledergamasche biß; ein Schuß machte bald darauf seinem Leben ein Ende.
Wir hatten in den letzten Tagen recht erhebliche Märsche gemacht, ich
ritt abwechselnd die Stute und den dicken Pony, und beide befanden sich
ausgezeichnet. Das Tier, welches nicht geritten wurde, ging hinten an
der Karre angebunden oder wurde von einem der begleitenden Kavalleristen
an der Hand geführt. Am wohlsten von allen dreien fühlte sich
jedenfalls Nepomuk, der als Zugtier in der Karre ganz in seinem Element
war und alle übeln Gewohnheiten der Maultiere angenommen hatte.
Am 20. Februar brachen wir bei 14 Grad Kälte auf und marschierten, um
abzukürzen, nicht über die Berge, sondern in einem Flußbett entlang. Ich
wäre gerne abgesessen und hätte etwas geführt, um mich zu erwärmen; das
war aber nicht möglich, da wir fast ununterbrochen durch Wasser ritten.
Es war der Chu-ning-ho. Kaum waren wir aus den Flußtale heraus, so
befanden wir uns wieder im dicksten Staube, der die Tiere
außerordentlich ermüdet; trotzdem wollte der Karrenführer morgen siebzig
Kilometer marschieren, um in drei Tagen in Lantschau Fu zu sein. Wer
natürlich am 21. Februar morgens nicht aufstand -- es waren hier 15 Grad
Kälte --, waren meine beiden Genossen. Um 6 Uhr mußte ich sie vom Kang
herunterbesorgen; zu ihrem Glück hatten sie wenigstens die Pferde
rechtzeitig gefüttert.
Bei unangenehmem Südost, der sich allmählich zum Staubsturm steigerte,
ging es weiter. Es gab einige nicht unerhebliche Steigungen zu nehmen;
ich benutzte immer die Richtwege und verritt mich einmal so, daß ich
froh war, nach einer Stunde meinen Karren wieder zu haben. Die Tiere
waren bei der Ankunft in Nanting Hsien sehr müde, besonders die große
Stute, die heute geführt wurde, hatte sich schon den ganzen letzten Teil
zerren lassen. Für die Menschen gab es endlich einmal etwas Ordentliches
zu essen, nachdem wir die letzten zwei Tage nur von Reis und Brot gelebt
hatten. Der Staub ist hier besonders fein und dringt durch alles
hindurch; ich befürchtete das Verderben meiner photographischen
Aufnahmen, wegen der stets verstaubten Linse des Apparates. In der Ebene
mußte der Staubsturm noch toller gewesen sein, denn die uns
entgegenkommenden Leute waren vor Schmutz überhaupt nicht zu erkennen.
Die Stute bekam hier zum ersten Male chinesischen Beschlag; sie hatte so
schöne, gesunde Hufe, daß auch ein chinesischer Schmied kaum etwas daran
verderben konnte. Als Bezahlung bekam er die alten deutschen Eisen, die
seine höchste Bewunderung erregten; er machte dabei immer noch ein sehr
gutes Geschäft, wenn man die hiesigen Schundeisen bedenkt.
Am 22. Februar waren wir wieder in Lößbergen mit ihrem terrassenförmigen
Anbau. Das Gebirge hieß Ta-lang-tsue-schan, der große Wolfsrachenberg,
auf deren Spitzen mehrfach kleine Kastelle lagen. Die Leute leben hier
nur von der bekannten Wassersuppe mit Nudeln, dem Mien-tang; dazu
Graubrot und kleine runde Brötchen, sehr selten gibt es Reis; Fleisch
ist ein fast unbekannter Luxusartikel. Über Nacht zum 23. Februar hatte
ich wieder einmal Hundebesuch, dem ich mittels eines schweren Knüppels
ein plötzliches Ende machte. Der Staub lag heute in den Hohlwegen bis
ein viertel Meter tief, über Mittag wurde es angennehm warm, plus 27
Grad, ein Temperaturunterschied von 40 Grad in 24 Stunden. -- Wir
durchschritten Tsing-hsui-dschiau, eine einstmalige Stadt, von der nur
noch der mittlere Ehrenbogen und die Stadtmauern stehen. Die Chinesen im
Vorort, bei denen wir Birnen kauften, behaupteten, es wolle sie keiner
mehr aufbauen, da es drinnen spuke. Nebenbei zeigten sie mir das große
Loch in der Stadtmauer, wo seinerzeit die Mohammedaner Bresche gesprengt
hatten.
[Illustration: Befestigtes Dorf in Kansu]
Auf der Straße wurden sehr wohlschmeckende Reiskuchen, mit Pflaumen
darin, und Honig-Aufguß ausgeboten; für uns waren sie einfach eine
Delikatesse. Ich beobachtete hierbei die Reinigungsmethode der Teller.
Der Verkäufer leckte sie zuerst nach Rückgabe höchst eigenmäulig rein,
denn entnahm er einem Behälter einen breiten Pinsel und strich mit einer
unbestimmbaren Flüssigkeit über den Teller; abgetrocknet wurde er dann
am hinteren Teil der Hose. Sehr ermutigend sah das zwar nicht aus, hielt
mich aber nicht ab, doch zu essen; man gewöhnt sich eben an vieles, und
Hunger tut weh.
Die Gegend hier hat gemischte Bevölkerung, Chinesen und Mohammedaner,
manchmal sogar innerhalb der Dörfer selbst, die Weiber der letzteren gehen
verschleiert, sonst habe ich keinen Unterschied herausgefunden. Auf den
Bergen lag auch heute wieder ein zerstörtes Dorf neben dem andern. Was
hier an Wohlstand durch den Aufstand vernichtet worden ist, läßt sich
kaum beurteilen. Übrigens muß auch der gesamte Verkehr vor den Kämpfen
größer gewesen sein, denn viele der großen Absteigehöfe -- sofort an der
Anlage erkennbar -- sind nicht wieder aufgebaut worden. Nach der
Mittagsrast überschritten wir den Hsiau-sche-ho und folgten seinem
rechten Ufer; es wurde immer wärmer und wir hatten gegen drei Uhr 30
Grad Celsius. Mir war schon beim Reiten mein Pelzrock zu warm geworden,
und als ich beim Anpirschen wilder Enten wie ein Radfahrer schwitzte,
zog ich den Rock aus und trennte kurz entschlossen den ganzen Pelz
heraus zur unendlichen Freude meiner beiden Chinesen und des übrigen
Publikums. Auf dem rechten, zehn Meter hohen, steil zum ungefähr einen
Kilometer breiten Flußbette abfallenden Ufer liegt ein Dorf neben dem
andern. Die meisten haben ein Kastell; ob dieses für Soldatenbesatzung
bestimmt ist oder nur als Zufluchtsort bei Überfällen für die Einwohner
dienen soll, konnte ich nicht erfahren, jedenfalls waren recht viele
vorhanden, ein Zeichen, wie unsicher hier die Gegend noch immer sein
muß. Die Leute rekeln sich faul in der Sonne; überall sieht man sie vor
ihren Häusern kauern und nichts anderes tun, als sich gegenseitig die
Läuse absuchen, Karten und ein Brettspiel mit Steinen wie unser
Damespiel spielend, schlafend oder spinnend. Hierbei haben sie in einer
Hand ein birnenförmiges Körbchen, in dem die Baumwolle sich befindet,
unten ziehen sie den Faden heraus, der um ein Stückchen Holz gewickelt
wird, das einen Meter tiefer hängt; dieses Stück drehen sie durch
Anstoßen mit den Füßen. Meist sieht man alte Menschen männlichen
Geschlechts bei dieser nützlichen Tätigkeit. Wo der Fluß nicht alles mit
Kieselsteinen versandet hat, wird etwas Ackerbau betrieben, dessen
Bewässerung durch die von den Bergen herabkommenden, geschickt
aufgefangenen Schneewässer bewirkt wird. Die Leitungen hierzu gehen über
die Hohlwege in Holzrinnen, die fast alle undicht sind. Marschiert man
daher nicht im Staube, so watet man im knietiefen Schlamm.
Gegen vier Uhr abends, nachdem ich mich mehrmals, jedoch vergeblich, an
die sehr schönen Enten herangemacht hatte, verengerte sich das Tal,
rechts und links traten felsige steile Berge heran, über die nur
Maultierpfade führten. Wir marschierten im Flußbette entlang, den Fluß
auf den Kilometer gegen vierzigmal kreuzend. Er hatte infolge der
Schneeschmelze viel ganz trübes Wasser, was bis über die Achsen der
Karre ging. Mein Pony, der von dem langen Marsche sehr müde war,
stolperte im Flusse mehrfach über die darin liegenden großen Steine, die
er nicht sehen konnte; mitten in den gelben Fluten war das kein sehr
angenehmes Gefühl.
Gegen 5½ Uhr erreichten wir Hsiau-Suitse, und richtig war alles in
dem Neste besetzt, es konnte ja auch gar nicht anders sein, denn etwas
abergläubisch ist am Ende jeder, und ich hatte heute Morgen meine
Salzbüchse umgeworfen. Der chinesische General von Lantschau Fu befand
sich auf dem Wege nach Hsi Ngan Fu, wohin er versetzt war. Gerade heute
war er abmarschiert, und sein Riesentroß hielt jedes Zimmer und jeden
Stall besetzt. Mit Not und Mühe und viel Geschimpfe auf den gänzlich
ratlosen Mafu, der sich von den Kavalleristen verhöhnen ließ, bekam ich
ein Zimmer, an dem Fensterrahmen und Tür fehlten, dann eine Krippe für
die Pferde und zu geradezu horrenden Preisen etwas Stroh, den Hafer
brachte ich selber mit. Das Fenster wurde mit der "wasserdichten"
Lagerdecke verhängt, bei welcher Gelegenheit ich die Löcher in derselben
zu meinem Kummer zählen konnte; sie hatte sich auf dem Packsattel
durchgescheuert. Schließlich erkämpfte ich mir auch noch ein Stück Herd
zum Kochen; diesen in seiner vollen Ausdehnung hatte ein unverschämter
Koch irgend eines ganz geringen Herrn aus der Begleitung des Generals
besetzt. Da gutes Zureden nicht wirkte, zeigte ich ihm meine Hand mit
einer nicht mißzuverstehenden Geberde; das Mittel half vorzüglich. Er
wollte mir nun sogar Essen schenken, aber stolz wie ein Spanier würgte
ich, ihm dankend, meinen Reis hinunter. Für den Chinesen war es nur
Formsache, "Wahren des Gesichts", er hätte sich wahrscheinlich sehr
gewundert, wenn ich etwas genommen hätte.
[Illustration: Im Gebirge vor Lantschau]
Neben uns in einem ähnlichen Zimmer wohnten zwei Yamenbeamte, die soeben
aus Tsin-tsiang kamen. Mein Mafu kam angsterfüllt an, dort gebe es
nichts zu essen und alles wäre maßlos teuer. Ich ging hinüber und
stellte fest, daß die beiden übel aussehenden Brüder ungefähr den Weg
gekommen waren, den wir nehmen wollten, setzte aber meinem Mafu, um ihn
zu beruhigen, an der Hand der Karte auseinander, daß wir eine ganz
andere Straße marschieren würden, als diese beiden; denn wenn es nichts
zu essen gibt, macht er nicht mehr mit, und ich glaube, daß er schon auf
dem besten Wege war, nach Tientsin zurückzukehren. Der Mafu und der
Karrentreiber waren am nächsten Morgen ordentlich durchgefroren und
klagten über alle möglichen Schmerzen, weil sie eine Nacht einmal nicht
auf ihrem glühenden Kang geschlafen hatten, sondern mit einem
ungeheizten Zimmer ohne Tür und Fenster hatten vorlieb nehmen müssen.
Ich ahnte schon, was folgen würde, und richtig pumpte mich der
Karrenführer schon wieder an. Die Gesamtsumme des geborgten Geldes hatte
jetzt gerade die Höhe seines Trinkgeldes erreicht, so daß von nun an der
Geldladen geschlossen wurde.
[Illustration: Tor von Lantschau]