Unser Weg führte uns unterdessen weiter zum Arsenal in die Südwestecke

der Stadt. Dabei ging es eine Zeitlang an der Stadtmauer entlang, und

ich hatte Gelegenheit, zu sehen, daß auch Hsi Ngan Fu einst eine nicht

unbedeutende Kanalisation gehabt hat, die jetzt im Verfall ist. Das

Arsenal bot absolut keinerlei Sehenswertes; warum es eigentlich Arsenal

heißt, weiß ich nicht, denn es hat nichts von denjenigen Sachen in

seinen recht spärlichen Räumen, die man sonst darin vermuten würde. Der

Vorstand im Mandarinenrange entschuldigte sich ununterbrochen bei mir,

daß gar nichts Interessantes zu sehen wäre; ich konnte ihm eigentlich

nur beistimmen. Außer einigen Schraubstöcken und einigen nicht im

Betrieb befindlichen, gänzlich verkommenen amerikanischen Maschinen für

Waffenreparatur konnte ich nichts entdecken. Überall klebten

Neujahrszettel an den Maschinen; Neujahr entschuldigte jetzt ihren

Nichtbetrieb. In der übrigen Zeit wartet man wahrscheinlich sehnsüchtig

auf Neujahr und betreibt sie ebenso wenig. Das Hauptgebäude ist im

europäischen Stil solide erbaut. Der Vorstand erzählte, daß schon lange

Maschinen erwartet würden, aber der Weg über die Berge sei so furchtbar

schwierig; warum man sie nicht auf dem Wasserwege schickt, leuchtete mir

nicht ein. Am Ende könnten sie dann womöglich ankommen, und das wäre

doch recht unangenehm, da ist es so schon besser. Nachdem ich meine

höchste Bewunderung über den hervorragenden Zustand des Arsenals

ausgedrückt und mein Führer erklärt hatte, daß ich als deutscher

Artillerieoffizier das gewiß ganz genau beurteilen könne, wobei ich mir

kaum das Lachen verbeißen konnte, empfahlen wir uns, ohne dem schlechten

Tee und dem noch schlechteren Zuckerwerk des Vorstandes entgehen zu

können; das ist eben beim Chinesen unvermeidlich.

[Illustration: Theater in Hsi Ngan Fu. Schauspieler.]

Unser weiter Weg führte uns zu den schwedischen Missionaren, obwohl ich

im allgemeinen solche Besuche nicht schätze, da ich mir immer etwas

aufdringlich vorkomme. Jedoch mein Führer ließ nicht locker, ich mußte

heran, ob ich wollte oder nicht, und richtig hat mir diese

Missionarsgruppe von der Swedish Alliance Mission gar nicht gefallen.

Gleich beim Eintritt hatte ich genug: ein kleiner Hof, Schmutz,

Unordnung und eine Menge kleiner Kinder. Ich wurde hereingenötigt, die

Tische waren ohne Decken, die schleunigst erst aufgedeckt wurden; in der

einen Sofaecke schlief ein Säugling, in der anderen ein Köter.

Allmählich versammelten sich zwei Herren und drei Damen, natürlich alle

in chinesischer Kleidung, und nachdem ich kurzen Bescheid über woher und

wohin gegeben und eine Tasse Kaffee dankend angenommen hatte, drückte

ich mich schleunigst, um eine Erfahrung reicher und das bestätigt

findend, was schon andere, z. B. Sven Hedin, vor mir gesehen haben.

Wir gingen dann zum kaiserlichen Palast; eigentlich sollten Kaiserin und

Kaiserin-Mutter im Fu-tai-Yamen, als dem größten und geräumigsten Yamen

der Stadt, wohnen. Der Fu-tai hatte alles zur Aufnahme hergerichtet,

aber der Kaiserin-Witwe war die Lage nicht zur Verteidigung geeignet

genug; sie zog den später vom Hofe bewohnten Yamen vor, der schon viele,

viele Jahre leer stand und von dem man im Volksmunde sagte, es spuke

darin. Das scheint die Kaiserin jedoch nicht zurückgehalten zu haben,

und wie man jetzt sieht, hat ihr der Spuk auch nichts angehabt. Der

Yamen liegt in dem Teil der Stadt, in dem vorherrschend Mohammedaner

wohnen, also im nordwestlichen Viertel; er besteht ebenso aus mehreren

hintereinander liegenden Höfen mit Gebäuden dazwischen, wie jeder andere

chinesische Yamen auch. Man sieht ihm an, daß es noch nicht sehr lange

her ist, daß er geräumt wurde, denn alle Malereien usw. sind noch wie

neu; anderseits sah ich mehrfach in den Räumen oder außerhalb

Renovierungsarbeiten vollziehen. Schwarzseher schlössen daraus auf einen

baldigen neuen Aufstand und eine abermalige Verlegung des Hofes nach Hsi

Ngan Fu. Der Kenner weiß, daß vom Kaiser auch nur kurze Zeit bewohnt

gewesene Räume dadurch geheiligt sind und gleichsam als Tempel auf

Staatskosten in Ordnung gehalten werden. Haarscharf nimmt man es hiermit

jedoch nicht, denn ich sah auf dem Herwege mehrfach kaiserliche

Rasthäuser bewohnt und Hund und Schwein vergnügt in den Höfen

herumlaufen, in denen der Sohn des Himmels über die Wandelbarkeit des

Schicksals, also über seine liebe Mutter nachgedacht hatte.

Der kaiserliche Yamen liegt nicht etwa auf freiem Platze, sondern ist

von Gebäuden dicht umgeben. Man sieht zuerst einen langen offenen Hof

mit Sperrbäumen umgeben; im Hofe zwei Steinlöwen, die "Wächter", vor

einem Tor, das geschlossen ist. Ich ging durch eine Seitentür auf der

östlichen Seite hinein; mein Führer zeigte oder übergab einem Beamten

Herrn Shorrocks und meine chinesische Visitenkarte mit der Bitte, uns

den Palast ansehen zu dürfen. Die englischen Missionare scheinen sich

hier eines guten Rufes zu erfreuen, denn sofort wurde alles geöffnet.

Wir traten ein und schritten durch ein weiteres dreiteiliges Tor in

einen zweiten Hof, der an beiden Seiten Dienerschaftsgebäude hat. Ein

ferneres Tor in der natürlich roten Mauer brachte uns in einen dritten

Hof, der, zuerst schmal, nach ungefähr 30 Metern rechtwinklig nach

beiden Seiten ausspringt, und vor uns lag der erste Thronsaal, einfach

ausgestattet im Innern, mit einem ganz einfachen, hölzernen, breiten,

vergoldeten Sessel und einem Wandschirm dahinter, der sehr schöne

eingelegte Arbeiten zeigte. Außerdem waren in diesem Raume viele mit

Drachenstickereien überdeckte Stühle und einige Spiegel. Rechts und

links, in je zwei kleineren, aber auch höchst einfach eingerichteten

Nebenräumen konnte man einige sehr schöne Porzellanvasen auf Tischchen

sehen. Die Wände zierten von der Kaiserin-Mutter selbst auf Seide

gemalte riesige Schriftzeichen. Die übrigen Kuriositäten scheint man

nach Peking mitgenommen zu haben, denn in fast allen Zimmern konnte man

die einstigen Behälter aufgeschichtet stehen sehen.

[Illustration: Partie aus dem Kaiserpalast Hsi Ngan Fu]

Die Dimensionen der Räume und der Höfe sind nicht entfernt so kolossal

wie in Peking, aber wenn mir auch dort die Größenverhältnisse imponiert

hatten, so gefiel mir dieser Palast doch besser, er ist, ich möchte

sagen, gemütlicher und zeigt nicht solche "kalte Pracht" wie jener in

Peking. Doch weiter: Hinter dem ersten Thronsaal liegt ein weiterer Hof

und ein zweiter, ähnlich ausgestatteter Thronsaal, für Empfänge der

Kaiserin-Witwe bestimmt, mit kleinem Thron und in heller Farbe

gehaltenen, mit Seide ausgeschlagenen Nebenräumen, in dessen einem zur

Linken das kaiserliche Bett steht. Ein einfaches, nicht sehr langes,

drei viertel Meter hohes Holzbett mit in Holz geschnitztem Himmel

darüber, im Bett selbst nicht etwa eine Springfedermatratze, sondern

eine wattierte dicke Decke als Unterlage. Auch hier einige Wandbehänge,

Vögel im Baum darstellend, unter Glas, einige blue and white-Vasen, eine

herrliche große Sang de boeuf und einige Kuriositäten, Schränke mit

Intarsienarbeit, das ist alles. Hinter dem Schlafzimmer befindet sich

ein dunkler, leerer Raum, der als Badezimmer gedient hat.

An den zweiten Thronsaal nach Osten schließt sich ein weiterer Hof an,

in den man, durch das Seitengebäude gehend, gelangt. Hier ist ein

Felsengarten, am südlichen Ende ein langes Gebäude, das kaiserliche

Privaträume enthält. An dieses Gebäude, wiederum nach Süden,

entsprechend dem dritten Hauptsaal, reiht sich ein Gebäude an, das für

die Kaiserin-Witwe bestimmt ist. Die Räume sind steif und einfach

ausgestattet, einige Stühle, Hocker, Spiegel, Tischchen, auf diesen

meist große Uhren oder Vasen, auf dem Boden der übliche große

Drachenteppich, weiter enthalten sie nichts. In den Nebenräumen ist auch

die Ausstattung nichts als Schund. Nach Osten folgt noch ein zu

Wohnzwecken bestimmtes kaiserliches Privatgebäude, vor ihm liegt ein

hübscher, großer Felsengarten mit Wasserbassin, hoher künstlicher

Terrasse mit schöner Aussicht und einem Gartenhäuschen. Man hört den

Straßenlärm bis hierher schallen, und oft wird der Kaiser wohl hier

gesessen und den ihm bis dahin unbekannten Äußerungen des Volkslebens

gelauscht haben.

[Illustration: Kaiserpalast Hsi Ngan Fu. Zweiter Thronsaal]

Auf dem Rückweg begegnete mir Goo-ta-jen, der mir sofort sehr freundlich

die Hand gab. Er war mit großem Gefolge hier; wahrscheinlich trieb ihn

nur die Neugierde her, den Fremdling zu sehen. Wir gingen nun über den

mächtigen freien Platz, wo vor tausend Jahren und mehr stets der

Kaiserpalast gestanden hat und der jetzt nicht mehr bebaut werden darf,

nach dem mitten in der Stadt liegenden Hospital von Dr. Smith. Das

Hospital ist ein großer, schöner Yamen, dessen Zwischenräume nicht, wie

sonst, schmutzige Höfe, sondern hübsche Gärten zieren. Das Hospital geht

augenblicklich ein, da Dr. Smith Familienverhältnisse halber nach

England verreist ist. Ich frühstückte mit Missionar Shorrock, der mich

hier erwartete, im Yamen, dann erhielt ich den Besuch Goo-ta-jens, der

unter den üblichen Förmlichkeiten von 2 bis 6 Uhr abends dauerte. Ich

erkältete mich hierbei schauderhaft und hatte nebenbei das Gefühl, von

dem Missionar als willkommenes Mittel betrachtet zu werden, um mit einem

hohen, einflußreichen Mandarin recht eingehend Rücksprache zu nehmen.

Auch den Abend verbrachte ich bei Missionar Shorrock. Den ganzen

nächsten Morgen, am 8. Februar, wurde ich wiederum durch den Besuch

Goo-ta-jens festgehalten, so daß ich zu meinem großen Ärger

vierundzwanzig Stunden verlor. Da ich außerdem der Andacht in der

Mission beiwohnen mußte, büßte ich noch weitere mir wertvolle 1½

Stunden ein.

[Illustration: Hsi Ngan Fu Goot-ta-jen]

Schließlich empfahl ich mich und ritt zu meinem Gasthaus zurück, wo mein

Mafu bereits in größter Angst auf meine Rückkehr wartete. Er hatte

Auftrag erhalten, den gedrückten Pony womöglich zu verkaufen und sich

nach einer billigen Karre zur Gepäckbeförderung nach Lantschau Fu

umzusehen. Für den Pony, der Schläger und Beißer und nebenbei auch

ziemlich bejahrt war, waren ihm nicht mehr als 10 Taels geboten worden,

was mir zu wenig war. Praktisch, wie der Chinese zu sein pflegt, hatte

sich der Mafu, der Karre wegen, an den Yamen Goo-ta-jens gewandt, und

letzterem muß ich unbedingt gefallen haben, denn er stellte mir eine

seiner eigenen Karren bis Lantschau Fu zur Verfügung, was ich nach

chinesischer Sitte nicht zurückweisen konnte. Außerdem hatte Goo-ta-jen

anfragen lassen, ob ich nicht mein großes Pferd verkaufen wollte. Der

Mafu hatte es in seinem Leichtsinn gleich hingebracht und dort gelassen,

worüber ich weniger erfreut war; nebenbei war er auf der Straße

hingefallen und hatte sich das Knie verletzt, so daß er nicht reiten

konnte und entsetzlich wehleidig tat. Ich glaube, das Fahren auf der

Karre, wobei er tagsüber so schön schlafen konnte, hatte ihm gefallen.

Gott sei Dank hatte ich noch einen Begleiter vom Yamen mit, den ich

sofort mit einem englischen Brief zu Goo-ta-jen mit der Bitte sandte,

mir entweder 500 Taels oder das Pferd zurückzuschicken. Die 500 Taels

kamen nicht, dafür aber das Pferd.

Am nächsten Morgen wartete ich von 7 bis 8½ Uhr auf den mir von

Goo-ta-jen versprochenen, ganz besonders guten Karren, der natürlich

nicht ankam; schließlich machte ich mich selbst auf den Weg zum Yamen,

traf aber auf der Hauptstraße einen mir bekannten Beamten, der

behauptete, der Karren käme sofort. Wir gingen zum Gasthause zurück,

und ich erhielt den Paß für den Wagen mit der Anweisung, den Führer

ordentlich zu verhauen, wenn er sich widerspenstig zeigen sollte.

Unterdessen wurde es 9 Uhr, und statt der Karre erschien Goo-ta-jen auf

der Bildfläche. Er kam sicherlich nur aus Neugierde, ließ sich meine

Waffen zeigen und stellte sich, als ob er von dem gestrigen Pferdehandel

nichts mehr wüßte. Unterdessen kam der Karren, der erbärmlich aussah und

noch miserabler bespannt war. Goo-ta-jen hatte natürlich keine Ahnung,

daß es sein Karren sei, und mußte erst darüber belehrt werden. Dann war

es ihm sichtlich unangenehm, da er mir vorgelogen hatte, er hätte Karren

und Tier aus seinem eigenen Stall selbst ausgesucht. In Wirklichkeit

hatten seine Leute für ganz billiges Geld irgendeinen gerade zufällig

nach Lantschau Fu fahrenden Karrenführer halb gepreßt. Ich dachte, einem

geschenkten Gaul sieht man nicht ins Maul, und ließ aufladen.

Wir marschierten durch das Westtor ab. Die Witwe, die ich heute ritt,

hatte seit gut drei Wochen keinen Reiter mehr gehabt und ging daher sehr

unruhig. Goo-ta-jen bat mich, das Tier doch einmal vorzutraben, aber die

Stute galoppierte ununterbrochen und war nicht zum Trabe zu bringen. Die

Chinesen lachten und hatten sicher ein Gefühl der Genugtuung, nicht auf

das fremde Pferd hineingefallen zu sein. Ich ärgerte mich gründlich,

wahrte aber nach chinesischer Sitte das Gesicht und lachte mit. Am Tore

verabschiedete ich mich und erhielt von Goo-ta-jen nochmals den Rat, den

die Karre treibenden Chinesen ordentlich zu prügeln, da er sonst nichts

täte. Ich sagte ihm, daß ich, außer in Notwehr, niemals einen Menschen

schlüge, wodurch sich Goo-ta-jen gar nicht rühren ließ, sondern nunmehr

meinem Mafu denselben Rat erteilte.

[Illustration: In der Provinz Schensi

16 Marschtage = 692 Kilometer. Tägliche Durchschnittsleistung 43,25

Kilometer.]

IV. KAPITEL.

In der Provinz Schensi.

Am nächsten Morgen erwachte ich in Hsienanyi mit greulichen

Kopfschmerzen infolge des die ganze Nacht rauchenden Kangs. Die alte

Druckstelle der Witwe war wieder derartig dick angelaufen, daß sie nicht

mehr geritten werden konnte. Das glücklichste wäre doch gewesen, wenn

sie mir der Mandarin abgekauft hätte, dann wären beide Teile befriedigt

gewesen; denn der Chinese hätte sich niemals daraufgesetzt, sondern nur

vor seinen Freunden mit dem teuren europäischen Pferde renommiert, und

die gute Witwe hätte sicher in dem chinesischen Stall ein beschauliches

Leben geführt.

Es ging heute weiter auf einem recht langweiligen Wege; überall sah man

noch vom Dunganenaufstande her zerstörte Dörfer. Rechts am Horizont

wurden Hügelreihen sichtbar. Mittagsrast hielten wir in

Yang-kia-tschwang, und abends waren wir in Fung Hsia. Es war zuletzt

recht langsam gegangen. Die beiden speziell von Goo-ta-jen ausgesuchten

Maultiere erwiesen sich als ein paar uralte, faule, müde Tiere, der

Karren fiel halb auseinander, dagegen zeigte sich der mir so warm

empfohlene Führer als ein netter, anständiger Mensch; wenigstens ein

Trost. Als wir abends in dem Gasthaus ankamen, fielen die Tiere in der

Schere vor Müdigkeit um, sie fraßen beide überhaupt nichts. Mein Mafu

brachte mir zum Nachtisch eine ganze Menge wundervoller Feigen, meine

Vorliebe für diese Frucht kennend. In dieser Gegend gab es sonst nur

noch die gelben Kakis. Er hatte die Feigen unserm Fuhrmann gestohlen,

der damit in Lantschau Fu ein Privatgeschäft machen wollte. Ich erfuhr

erst, woher sie waren, als ich sie längst gegessen hatte.

[Illustration: Meine Karawane. Nepomuk eingespannt]

Bei mir fing jetzt die Erkältung an herauszukommen, ich hatte etwas

Fieber und fühlte mich recht unwohl. Die Nacht schlief ich kaum. Das

Zimmer war mitten in den Lehm hineingebaut, wie hier allgemein üblich;

es war aber geräumig und sehr sauber. Es ging weiter durch langweiliges

Gelände, das nur zuweilen durch sehr tief eingeschnittene Löß-Schluchten

unterbrochen wurde. Überall war terrassenförmiger Anbau, ich zählte

einmal bis 28 Terrassen übereinander. Auf jeder derselben liegen die

Höhlen-Wohnungen immer eine neben der anderen. In Yung-dju-hsien machten

wir Mittagsrast, und bald versammelte sich eine große Volksmenge um

mich. Die Mistsammler benutzten die Gelegenheit, um hinter uns den

Misthaufen des Gasthauses zu stehlen, was zu einer rechthandgreiflichen

Auseinandersetzung mit dem Wirte führte. Da die beiden Maultiere des

Karrens trotz der leichten Last am Umfallen waren, spannte ich meinen

Nepomuk noch dazu in die Karre. Ein Freund des Karrenführers hatte die

Geschirre geliehen; Nepomuk ging so, als ob er nie etwas anderes getan

hätte, sicher war er früher schon einmal eingespannt gewesen.

Auch auf dem weiteren Wege waren die Dörfer stets in den Lehm

hineingebaut. Abends kamen wir nach Tai yüe. Mir war sehr elend zumute,

nur fehlte merkwürdigerweise der Appetit nicht. Über Nacht tat mir ein

Prießnitz-Umschlag sehr gute Dienste, und am 12. Februar morgens fühlte

ich mich erheblich besser. Je höher wir kamen, um so kälter wurde es.

Während um Hsi Ngan Fu herum eine milde, angenehme Temperatur geherrscht

hatte, in der kalte Tage sehr selten waren, fiel hier das Thermometer

morgens wieder auf minus 12 Grad, und wir hatten dazu einen unangenehmen

Nordwest. Die Chinesen schlugen die ganze Nacht über Gongs und Trommeln

zur Neujahrsfeier und brannten Feuerwerk ab, so daß ich wiederum kaum

zum Schlafen kam.

[Illustration: Teil der großen Mauer bei Fing-tschall]

Nepomuk eingespannt, ging es über zwei hohe Pässe nach Kingtschau, wo

ein Nebenzweig der großen Mauer über die Berge geht, und von dort

marschierten wir zum Kin Ho hinab und in seinem Tale aufwärts, entlang

dem Südhange der Berge. Das Tal ist zwei bis drei Kilometer breit und

überall mit großen Obstpflanzungen bestanden. Ganz besonders werden

Birnen und Aprikosen angebaut, die im getrockneten Zustande ausgeführt

werden. Die an den Talhängen im Lehm eingebauten Wohnungen liegen zum

Teil in Etagen übereinander. Ich kann mir das nur so erklären, daß zur

Hochwasserzeit das Wasser sehr hoch steigt, die Leute daher möglichst

hoch wohnen wollen. Eine andere Erklärung bietet der Holzmangel der

Gegend, so daß dadurch die Einwohner gezwungen werden, sich in dem sehr

haltbaren Lehm Wohnungen zu graben. Manche der vorspringenden Bergnasen

waren wie durchsiebt von menschlichen Wohnungen, und zwar meist ganz

unregelmäßig durcheinander. In den Sandsteinfelsen sah man zuweilen

runde Strudel oder Windlöcher. Die Bevölkerung treibt etwas

Rindviehzucht; jedoch war Milch im Verkauf nicht zu haben.

[Illustration: Wohnungen im Löß bei Kingtschau]

Nach 55 Kilometern Marsch langten wir in Tschangwu Hsien, einer ziemlich

großen Stadt, an; trotzdem war Fleisch nicht zu kaufen. Die Straßen und

alle Läden waren mit Laternen erleuchtet, Gruppen von Menschen in allen

möglichen Verkleidungen zogen unter endlosem Getrommel herum, genau so,

wie bei uns zur Fastnacht. Ich mischte mich in meinem Schafspelz unter

die Menge; die Leute erkannten mich zwar, kümmerten sich aber weiter gar

nicht um mich. Meine Pferde waren heute recht müde, ebenso ging es auch

mir; ich schlief die Nacht trotz des Lärms ganz vorzüglich und wachte

am 13. Februar morgens frisch und gesund auf, meine schwere Erkältung

war vollkommen überwunden. Es ging weiter durch eine ganz glatte, kaum

von einigen Hügeln unterbrochene Ebene. In einem Orte war Theater, zu

dem hauptsächlich geschmückte Weiber, auf Karren, auf Eseln reitend, von

allen Himmelsrichtungen zusammenströmten; sie trugen hier einen

Kopfputz, der wie eine Ulanen-Tschapka aussah, nur ist der Deckel nicht

quadratisch, sondern länglich. Es war entsetzlich staubig, was sich

besonders unangenehm fühlbar machte, als wir am Abend nach Kingtschau,

im Tale des Kin Ho, durch unendlich lange, in den Löß tief

eingeschnittene Hohlwege hinabstiegen.

[Illustration: Meine Karawane im Kin Ho-Tal]

Kingtschau ist eine große Stadt. Auch hier war wieder alles illuminiert,

teilweise sogar die Einwohner, die dem auf allen Straßen feilgebotenen,

bis zum Kochen heißen Schnaps tüchtig zugesprochen hatten. Aber nirgends

sah man einen Krakeeler, alles ging friedlich vor sich wie stets beim

Chinesen. Die Stadt ist an einem Berge gelegen, und am Abend machte sich

das Lichtmeer der Illumination am Berge herauf und herunter

wunderhübsch. Sämtliche Preise, sowohl was Essen als was Pferdefutter

anbetrifft, gingen, entgegen den Angaben der Missionare, stets herunter.

In dieser Gegend waren sie einfach lächerlich niedrig. Über Nacht waren

wieder einmal die Karrenmaultiere über mein Futter geraten, und da der

Mafu auf kein Rufen hörte, mußte ich selbst hinaus und die Tiere

wegjagen. Nebenbei verschlief der Mafu am 14. Februar morgens die Zeit,

meine Stiefel waren nicht geschmiert, ich hatte wieder Kopfschmerzen,

kurzum, die lieblichste Laune war fertig.

Es ging weiter im Kin Ho-Tale aufwärts; die Gegend war wenig wechselnd,

auf der Straße herrschte lebhafter Karrenverkehr; meist waren es solche,

die in viereckige Blöcke zusammengepreßte Tabakpacken von Lantschau Fu

nach der Küste bringen. Mittagsrast machten wir in Wangtu, wo ich alte

Bekannte traf, die ich seiner Zeit in Tschöntingfu kennen gelernt hatte;

es waren Kaufleute aus Urumtschi, die von Peking kamen und nach ihrer

Heimat zurückgingen. Sie boten mir gleich an, mich ihnen anzuschließen,

aber sie marschierten mir zu langsam. Von Vorteil für mich wären

allerdings ihre mongolischen Sprachkenntnisse gewesen; einer unter ihnen

sprach auch Türkisch und ein anderer radebrechte Russisch. Wir waren

heute schon früh im Quartier in Peitseyu, ich setzte daher zum Schmerze

meines Mafu großes Sattelreinigen an. Der Karrenführer wollte mich

anborgen, ich verstand aber mit einem Male kein chinesisch mehr und wies

ihn an den Mafu, dem es ebenso zu gehen schien wie mir. In dieser Gegend

begann auch schon die Frühjahrsbestellung, man merkte es an den

überschwemmten Wegen; das Wasser trat von den schlecht gehaltenen

Bewässerungsgräben der Felder aus.

Im Orte war abends unter großem Zulauf ein Schattenbildtheater auf einer

einfachen, erhöhten Bühne; hinter einem weißen Gazerahmen ließ ein

alter, ganz heiserer Schauspieler die sehr gut gemalten bunten Figuren

ihre Mätzchen machen. Jungen waren unter die Bühne gekrochen und kniffen

den alten Kerl in die Beine, was natürlich, als der alte Mann es

schließlich merkte, sehr komisch wirkte. Die Figuren auf der Bühne

rauchten und aßen, was sich sehr spaßig machte.

Am 15. Februar morgens hatte ich wieder Kopfschmerzen, und die Nacht

über hatte ich sehr schlecht geschlafen. Ich schrieb dies dem mit

Pferdemist geheizten Kang zu; in den Zimmern war ein durchdringender,

scharfer Geruch, der auch, wenn man die Feuerung hinaustragen ließ,

blieb und europäischen Nasen wenig zusagte. Unser Weg war heute von zwei

Reihen hoher, dicht beieinander stehender Bäume eingefaßt. Um 1 Uhr

mittags waren wir in Pingliang Fu. Vor der Stadt stand auf einem

einsamen Hügel eine Art Kastell mit Tempel und hoher Pagode darin; das

Kastell beherrscht die Stadt und den Anmarschweg von Lantschau Fu.

Im Sattel durch Zentralasien: 6000 Kilometer in 176 Tagen · 第 10 / 26 段