Am 2. Februar abends in Chuarry miau angekommen, besah ich mir am

nächsten Morgen einen schönen alten Stadttempel, in dem als besondere

Sehenswürdigkeit eine ungefähr acht Meter lange, aus einem Stück

geschnittene Schwarzsteintafel mit Fuß und Kopf gezeigt wird; leider ist

sie durch scheußlich häßliche daran geklebte Zettel vollkommen

entstellt. Sie erzählt von den Heldentaten des Kaisers Kien-lung. Beim

Weitermarsch freute ich mich auf der Straße über die Menge von hübsch

angeputzten, auf Eseln reitenden Frauen, bis ich erfuhr, daß es nicht

Tai-tais, sondern von Kunstreisen über Neujahr zurückkehrende Damen der

Halbwelt seien. Mittagsrast machten wir in einem kleinen Nest, in dessen

Tempel oder vielmehr davor viele Hunderte von Menschen, besonders

Weiber, um ein gesegnetes neues Jahr beteten; es war das reine

Volksfest. Später, auf dem Rückwege, konnte man manchmal bis vier

Menschen auf einem Ochsen oder Maultier reiten sehen.

[Illustration: Eine hübsche Chinesin]

Wir trafen auf dem weiteren Wege einen Reiter auf einem bildhübschen

Schimmel; der Chinese hatte sofort erkannt, daß mir das Tier gefiel, und

bot es mir für 150 Taels zum Kaufe an. Er behauptete, sein Pferd sei das

schnellste in der ganzen Gegend; ich meinte dagegen, meine große Stute

sei schneller, er wollte sofort um 50 Taels wetten. Ich überlegte schon,

ob ich nicht auf die Wette eingehen sollte, als mein Mafu hinter mir

sagte: "Herr, laß dir erst das Geld vorzeigen." Natürlich hatte der Kerl

keinen Pfennig, machte dumme Ausreden und drückte sich baldigst.

Die Felder wurden in dieser Gegend schon grün, und wir hatten eine

angenehme, warme Frühlingsluft. Nachmittags waren wir in Chua Dscho, wo

das Unterkommen wieder einmal sehr viel Schwierigkeiten machte. Als wir

schließlich unter Dach und Fach waren, fragte der Yamen an, ob wir nicht

dort wohnen wollten. Nun war es natürlich zu spät, dafür schickte er

Essen und Beleuchtung. Am 4. Februar legten wir annähernd 50 Kilometer

zurück.

Am folgenden Tage dachte ich eigentlich direkt nach Hsi Ngan Fu zu

marschieren, aber gewöhnlich kommt es anders, als man denkt, wie es ja

meistenteils im Leben zu sein pflegt, besonders in demjenigen des

Soldaten. Ich hatte meinen Mafu nach Ling tun vorausgeschickt, um das

Karrenwechseln, was ich dort beabsichtigte, zu beschleunigen. Bei

bedecktem Himmel und 2 Grad Kälte zog ich morgens los. Ein alter Mann,

den ich nach dem Wege fragte, ließ sich mit mir in eine Unterhaltung

ein, und als ich ihm erzählte, ich ritte nach Hsi Ngan Fu, riet er mir,

unbedingt vorher Ling tun mit seinen heißen Quellen anzusehen. Ich

folgte seinem Rat und bereue es keineswegs. Wir ritten links ab vom Wege

auf die südlich gelegene Gebirgskette zu, deren Abhänge stellenweise

noch mit Schnee bedeckt sind. Zuerst ging es durch hügeliges Gelände mit

ausgedehnten Obstpflanzungen, dann durch ein Vorplateau mit Ackeranbau,

hübsch unterbrochen durch Busch- und Baumparzellen, die die Gräber

umgeben. Die Äcker waren schon leicht grün, bei einem bißchen Phantasie

konnte man sich in eine Art englischen Park versetzt glauben. Gegen 10

Uhr ritten wir in die Stadt Ling tun Hsien ein, die in ihrem Äußeren

sich durch nichts von anderen chinesischen Städten unterscheidet. Die

uns Deutschen so lieben, charakteristischen Baustile bei alten Häusern

in den verschiedenen Provinzen unserer schönen Heimat fehlen hier

gänzlich.

[Illustration: Familie, vom Neujahrsgebet zurückkehrend]

Ich schickte meinen Mafu mit Paß und Visitenkarte zum Yamen, um das Bad

benutzen zu dürfen. Sofort wurde mir ein äußerst höflicher Beamter

mitgesandt, der uns durch die Stadt führte. Ungefähr einen halben

Kilometer außerhalb der Stadtmauer, gerade am Fuße der Berge, gelangten

wir an einen großen Gebäudekomplex mit teilweise roten Mauern, also

kaiserliches Eigentum. Wir ritten durchs Tor in einen Yamen, wo ich

einem andern ebenso höflichen Beamten anvertraut wurde, der meinen Mafu

nach den Ställen wies und meine fernere Führung übernahm. Durch zwei

weitere Höfe gelangte ich zu einer geschlossenen Halle mit vier kleinen

Nebenräumen. Man bot mir sofort Tee und einen der Nebenräume zur Wohnung

an, was ich dankend annahm. Auf meine Bitte, mir nun die Anlage ansehen

zu dürfen, wurde sofort alles zur Besichtigung geöffnet. In den an dem

ersten Hof gelegenen Räumen befindet sich ein mächtiges Bassin mit einer

Quelle, die einen circa 25 cm starken, ziemlich starken Strahl sprudelt.

Dieser Baderaum ist für die mittleren Klassen der Bevölkerung männlichen

Geschlechts vorbehalten. In Adamskostümen planschen sie riesig vergnügt

in dem heißen Wasser herum und spritzen und ducken sich unter, genau so,

wie wir es als Jungen in der Schwimmanstalt getrieben haben. Durch mich

und meinen Photographenapparat ließen sie sich nicht im mindesten

stören. Außerdem sind an diesem Hof Küchen- und Dienerschaftsräume. Der

zweite Hof mit seinen Räumlichkeiten ist für die "oberen Zehntausend"

bestimmt. Drei Nebenräume der oben erwähnten Halle sind zu Wohnzwecken

hergerichtet und dementsprechend ausgestattet, den Kang ersetzt eine

hölzerne Pritsche. Der vierte Raum ist Baderaum; eine circa 20 cm starke

Quelle strömt in ein 1½ m langes und 2 m breites Bassin aus Stein, zu

dem eine breite steinerne Treppe herabführt.

An den zweiten Hof schließt sich ein weiterer offener Raum, in dem

wieder eine Quelle in ein in chinesischem Stil unregelmäßig geformtes

großes Bassin fließt. Daran nach Süden folgt ein hoher überwölbter Raum,

der wiederum ein Bassin mit Quelle umschließt; letzteres ist acht mal

zehn Meter groß. Über der Wölbung ist ein Tempel, an dessen äußerer

Seite, der Quelle zugekehrt, Unmengen von Dankgebeten Geheilter, auf

rote Seide oder Papier geschrieben, angebracht sind. Außerdem befinden

sich in dem ganzen Komplex noch mehrere Quellen; sie sind alle

gleichmäßig warm, ich maß sie auf 42 Grad Celsius; das Wasser ist ganz

leicht schwefelhaltig, sonst kristallklar. Es badet sich sehr angenehm

darin. Nach Osten zu schließt sich ein Gebäudekomplex an, der besonders

für Angehörige des kaiserlichen Hauses vorbehalten ist, er wurde mir

bereitwilligst geöffnet. Es ist ein reizendes Durcheinander von

pittoresken Pavillons auf kleinen Inseln, von Felsaufbauten, Tempelchen

und Baderäumlichkeiten. Das fließende Wasser ist in Teiche geleitet, die

natürlich nicht gefroren sind und in denen Scharen von Goldfischen

munter spielen. An einem besonderen Hof befinden sich die für die

Allerhöchsten Herrschaften bestimmten Wohnräume, denen sich noch solche

für die Leibwache anschließen. Die Einrichtung sämtlicher Räume ist

einfach, aber in recht guter Ordnung gehalten und -- recht sauber. Da

ich durch meinen Besuch beim Yamen offizielle Persönlichkeit war, wurde

ich auch weiterhin dementsprechend behandelt; wo ich hinging, hatte ich

stets mehrere, meiner Wünsche wartende Leute hinter mir. Vergessen habe

ich noch zu erwähnen, daß sich nach Westen zu ein Bade-Yamen für die

holde Weiblichkeit anschließt; der Kuli badet außerhalb im abfließenden

Wasser, sein Bad beschränkt sich meist auf ein Abwischen des Gesichts

und auf ein Fußbad. Der Gebrauch des Bades ist überall frei, abgesehen

natürlich von dem hier in China fast noch mehr als in Europa üblichen

Trinkgeld. Nachdem ich meine Sachen untergebracht hatte, stürzte ich

mich sofort in die heißen Fluten, dankbar dem Geschick, das mich hierher

führte, und ich muß sagen, daß ich mich nicht erinnern kann, jemals so

angenehm gebadet zu haben wie hier im Innern Chinas.

Unterdessen war bereits in meinem Wohnraum das vom Yamen gesandte

unvermeidliche Diner aufgebaut, das übrigens ganz vorzüglich war. Als

Nachmittagsspaziergang wanderte ich, mit photographischem Apparat und

Zeiß bewaffnet, zum Lau-mutjin-miau, dem auf einem die Stadt

überhöhenden Berggipfel gelegenen hübschen Tempel. Meine Hoffnung auf

einen Sonnenstrahl erfüllte sich leider nicht, so daß mir dadurch die

berühmte Fernsicht von des Tempels Terrasse aus entging und auch mein

Apparat keine Arbeit bekam. Für uns Europäer ist nur eins an der ganzen

Anlage zu bedauern, nämlich, daß sie nicht nahe der Küste liegt und

damit für uns die Heilkraft der Quellen nicht ausgenutzt werden kann.

Der Chinese benutzt die Bäder sehr eifrig; zu Roß, zu Fuß und zu Karren

sah ich von allen Seiten Leute heranströmen; dementsprechend ist denn

auch der Trubel vor der Anlage, wo sich natürlich eine Unmenge

fliegender Händler niedergelassen hat und ihre mehr oder minder

duftenden Waren ausbietet. Wer den zweiten Hof unbefugt betritt, wird

von einem sonst sehr freundlichen alten, weißbärtigen Diener mittels

drei Meter langem Bambus sofort wieder hinausbefördert. Diese

Beschäftigung, nebenbei seine einzige, scheint ihm einen Riesenspaß zu

machen, denn ich sah ihn den ganzen Tag auf der Lauer sitzen.

Bei herrlichstem Wetter marschierten wir am 6. Februar gegen sieben Uhr

morgens ab; das Thermometer zeigte plus vier Grad, und man fühlte sich

in der wärmenden Sonne sehr wohl. Der Weg ist auch ferner schlecht,

recht steinig und ausgefahren. Wir überschritten auf einer 300 m langen

Steinbogenbrücke den Ba-ho. Der Übergang war sehr schlüpfrig, so daß die

Tiere fortwährend am Hinfallen waren; ich ließ sie an den Köpfen führen.

Leute dazu bekam man überall, da an beiden Enden der Brücke sich

Verkäufer niedergelassen hatten, die den sowieso schmalen Durchgang noch

mehr erschwerten. Das Flußtal ist hier mehrere Kilometer breit, und in

ihm tummeln sich unendliche Scharen von Wildgänsen, Störchen und großen,

wohlschmeckenden, rostbraunen Enten. Letztere waren schon paarweise

zusammen, eigentlich recht früh. Ich schoß einmal, natürlich vorbei, da

es für eine Mauserpistole doch etwas zu weit war. Einmal kamen wir an

einem Rasthaus des Kaisers vorbei, das er auf seinem Rückzug nach Peking

eine Nacht bewohnt hat; es war noch leidlich in Stand gehalten.

Eigentlich ist es durch das Wohnen des Kaisers darin geheiligt und darf

von keinem gewöhnlichen Sterblichen mehr benutzt werden. Ganz genau

scheint man es jedoch hiermit nicht zu nehmen.

Durch einen Hohlweg gelangten wir steil aufsteigend zu einem etwa 50

Meter sich über die Talsohle erhebenden Plateau, und vor uns lag auf

etwa 5 Kilometer Hsi Ngan Fu. Der bis jetzt stinkend faule Karrenführer

schien durch den so lange ersehnten Anblick ermutigt zu sein, denn mit

einem Male fuhr er im schlanken Trabe los. Vorbei an einigen

Soldatenlagern, gelangten wir zur Ling tuner Vorstadt. Unterwegs hatte

ich schon viele Leute nach dem bekannten alten Christenstein gefragt,

der hier stehen muß, es konnte mir aber keiner Auskunft geben. Später

erst stellte sich heraus, daß der Stein auf der Westfront liegt. Am

Haupttore angelangt, hielt uns die Wache auf, fragte uns nach Namen,

Nation, woher und wohin, dann ging es durch das mächtige dreiteilige Tor

auf der mit breiten Steinquadern gepflasterten, ostwestlich laufenden

Hauptstraße in die Stadt. Die Wache hatte uns einen Beamten als Führer

mitgegeben. Auch hier findet wieder scharfe Scheidung zwischen Chinesen

und Mandschu statt, letztere nehmen das nordöstliche Viertel ein. Daß

diese Scheidung eine tatsächliche ist, sah man gleich an den

unverkrüppelten Füßen der Frauen auf der Mandschu-Stadtseite. So

gelangten wir bis zur Mitte der Stadt, über die ein vierteiliger Bogen

erbaut ist. Wir bogen links ab in die Chinesenstadt, in ein Gewirr von

Gäßchen mit unendlich lebhaftem Treiben. Hsi Ngan Fu macht hier

unbedingt den Eindruck der Großstadt; weniger großstädtisch kamen mir

die Herbergen vor, vor denen wir bald hielten. Trotzdem sie meist den

stolzen Namen Ta-kuan-dienn führten, also große Beamtenherberge, waren

es doch meist nur schmutzige, dumpfe Löcher mit ganz unglaublichen

Ställen. Die besten Zimmer waren stets von reisenden Mandarinen besetzt.

Weiter vorbei am Futai-Yamen, wo Tausende sich um kleine Verkaufsstände

herumdrängten, um bunten Neujahrs-Krimskrams zu kaufen, vorbei an der

vizeköniglichen Wache, die sich in ihrer hochroten, bestickten Uniform

sehr hübsch ausnahm und laut unverschämte Bemerkungen über mich machte,

kamen wir schließlich zur Westfront und fanden endlich nach langem

Suchen eine einigermaßen annehmbare Unterkunft für Mann und Pferd in

einer kleinen Herberge. Mein Führer meinte zwar, sie sei keineswegs

standesgemäß, das störte mich jedoch weniger. Ich ließ zuerst die

Wohnung etwas säubern, die Fenster neu kleben, ließ dann die Pferde

füttern und mir selbst einen Happen besorgen.

Ein Mann, der gerade nicht den besten Eindruck machte, drängte sich an

mich heran, er hatte gehört, daß ich nach Kaschgar ging und wollte mich

durchaus dorthin begleiten. Ich nahm ihn als Führer zu Dr. Smith, an den

mich eine Empfehlung aus Taiyuanfu wies. Den Mafu schickte ich mit Paß

und Visitenkarte zum Yamen, um mich anzumelden. Durch unendlich viele

Straßen mit einem bunten Getriebe, wie ich es kaum jemals in Peking

gesehen habe -- es wurden meist Laternen in den unmöglichsten Formen,

wie Drachen, Vögel, Fische, zu dem in fünf Tagen stattfindenden

Laternenfest verkauft --, gelangten wir zum Yamen des Dr. Smith, der

hier ein sehr gutgehendes Hospital aufgemacht hat. Natürlich war er

gerade gestern abgereist; also weiter zum Missionar Shorrock, der in der

östlichen Vorstadt wohnte, gerade dort, wo wir hereingekommen waren. Ich

wurde von dem Missionar und seiner Frau, die beide chinesische Kleidung

trugen, auf das liebenswürdigste empfangen. Natürlich sollte ich das

Neueste erzählen, wußte aber weniger als die Leute selbst; dagegen hörte

ich von unserm Freunde Tung-fu-hsiang, daß er sich zur Verteidigung und

nicht zum Angriff rüstete und zusammen mit Prinz Tuan sich in

Heichengtse fest verschanzt habe. Missionar Shorrock versprach mir für

morgen einen Führer durch die Stadt. Ich selbst mußte gleich zurück, da

mit Eintritt der Dunkelheit die Stadttore geschlossen werden und man

ohne Gnade ausgesperrt wird. Bemerken muß ich hierzu, daß der Missionar

in der Vorstadt wohnte, während ich selbst innerhalb der Stadt

untergekommen war.

[Illustration: Missionar Shorrock, Hsi Ngan Fu]

In der Stadt wurde überall getrommelt und Gongs zur Neujahrsfeier

geschlagen. Der Mafu hatte meine Briefe nach der Küste auf dem Yamen

abgegeben; mir selbst schickte der Yamen wiederum ein Diner. Neben

meiner Stube hatte im nächsten Zimmer eine Hündin Junge, die die ganze

Nacht quarrten; erst opferte ich mein Fleisch, um sie zu beruhigen, das

half nichts; daraufhin stand ich wieder auf und beförderte sie hinaus

ins Freie. Die Mutter hatte sie bald wieder zurückgeschleppt, und sie

quarrten noch mehr, woraufhin ich mich in mein Schicksal ergab.

Am 7. Februar morgens holte mich einer der chinesischen Hilfslehrer aus

der Mission zum Führen durch die Stadt ab. Ich fand in ihm einen

freundlichen, des Ortes bis ins kleinste kundigen Mann und erhielt auch

die Aufschlüsse über die Stadt, die ich haben wollte. Die Stadt ist

eingeteilt in fünfzehn Bezirke, hat 40 Li Mauerumfang und gegen 300 000

Einwohner, jedoch sind die Angaben darüber sehr schwankend, wie stets

bei chinesischen Städten; 20 000 davon sind Mohammedaner, 20 000 sind

Mandschu, der Rest Chinesen. Die Stadt hat sowohl in der Politik wie im

Handel stets eine bedeutende Rolle gespielt, im Handel weniger selbst

produzierend, wie als Zentralsammelstelle und Durchgangspunkt für Waren.

Ihre Gründung reicht bis in unbekannte Zeiten zurück, sicher steht fest,

daß die erste Han-Dynastie von 202 vor Christo bis 24 nach Christo

regiert hat und Schangan, das war der damalige Name, den man übrigens

heutzutage auch noch recht häufig hört, besonders als Hauptstadt vorzog.

Neben Schangan bestanden damals noch andere Hauptstädte. Später

residierte hier die Sui-Dynastie von 589 bis 613 und die Tang-Dynastie

von 618 bis 906. Unter letzterer erreichte die Stadt ihre höchste Blüte.

Wir finden unter ihr die Einführung des Christentums, über dessen

Verbreitung ein im Jahre 781 errichteter, beim Ausheben eines Grabes

1625 zufällig wieder aufgefundener Stein Kunde gibt. Er berichtet über

"die berühmte Religion von Tatsin".

Als Missionen wirken hier: die englische Baptist-Mission, die

schwedische Alliance-Mission und römisch-katholische Missionen. Die

Tätigkeit der Missionen liegt mehr außerhalb der Stadt, auf dem Lande;

soweit ich die Sache beurteilen konnte, schien mir die protestantische

Mission keinen großen Erfolg zu haben, während die katholischen

Missionen schon seit Generationen arbeiten und sehr fest fundiert sind.

Die zu oder von der Stadt führenden Hauptstraßen sind: von Peking,

Honan, Lantschau Fu, Sze-tschuan, Hankau; auf diesen Straßen werden

besonders ausgeführt: Felle, Tabak, Schuhwerk, Opium, Tee, Papier, Obst

und auch sehr viel medizinische Sachen, die aus dem Westen kommen; als

Einfuhrartikel sah ich meistenteils nur europäischen Schund.

Während des mohammedanischen Aufstandes von 1871 bis 1875 durch welchen

alle Dörfer auf einer Strecke von Tausenden von Kilometern verwüstet

wurden -- man sieht sie noch jetzt überall in Trümmern liegen --, waren

alle Landleute in die Stadt geflüchtet. Man hielt die mohammedanischen

Einwohner in der Stadt als Geiseln fest, gab ihnen Essen und Soldaten

als Wache, drohte jedoch den außerhalb der Stadt die undenkbarsten

Scheußlichkeiten verübenden mohammedanischen Horden, sofort alle

Glaubensgenossen in der Stadt hinzurichten, falls auch nur versucht

werden sollte, die Stadt zu stürmen. Wer chinesische Verhältnisse kennt,

weiß ganz genau, daß die Chinesen sofort ihre Drohung erfüllt hätten,

und dadurch entging die Stadt der Belagerung und Erstürmung. In dem

Unterdrückungsfeldzug kaiserlicher Truppen hat sich der General

Tung-fu-hsiang infolge seines rücksichtslosen Vorgehens gegen die

Mohammedaner einen Namen gemacht. Er ist auch hier noch von den

kaiserlichen Truppen lächerlich gefürchtet, und man hofft, daß, im Falle

eines angriffsweisen Vorgehens des jetzt aufrührerischen Generals, die

Mohammedaner gegen ihren alten Unterdrücker aufstehen werden; denn auf

die kaiserlichen Truppen ist doch wenig Verlaß. Der Gouverneur von

Pingliang Fu und der kaiserliche General in Kuyuen sollen bereits Waffen

unter die Mohammedaner verteilt haben, nachdem die eigenen Truppen zum

Teil zu dem besseren Sold zahlenden Tung-fu-hsiang desertiert sind. In

ganz Hsi Ngan Fu sind nur 16 000 Soldaten und 16 schwere Kanonen und gar

keine Feldartillerie. Als vor ungefähr einem halben Monat die Gerüchte

auftauchten, daß Tung-fu-hsiang binnen kurzem angreifen würde, und sich

bereits eine Panik der Bevölkerung bemächtigte, wurden zur Ermutigung

des Volkes täglich von den Wällen Salven geschossen und den ganzen Tag

exerziert, was denn auch seine Wirkung zur Beruhigung der Bevölkerung

nicht verfehlt hat. Die Missionare haben durch Spione, die sie im

feindlichen Lager unterhalten, sicher festgestellt, daß Tung-fu-hsiang

augenblicklich 20-30 000 Gewehre besitzt und über 200, teils moderne

Kanonen verfügt. Goo-ta-jen, der oberste Beamte für auswärtige

Angelegenheiten in Hsi Ngan Fu, erklärte mir auf meine Frage, woher denn

Tung-fu-hsiang das Geld zur Unterhaltung seiner Truppen und zum Einkauf

von Waffen habe, daß er im Jahre 1900, als er noch der mächtige Freund

der Kaiserin-Witwe war, bei der Plünderung von Tientsin über eine

Million Taels bar geraubt und die Arsenale geleert habe. Nebenbei ist

bekannt, daß Tung-fu-hsiang sein sämtliches, nicht unbeträchtliches

Vermögen, bestehend aus Grundstücken und Kapitalanlage, in Pfandhäusern

flüssig gemacht hat. Welche Stellung der kaiserliche General in Kuyuen

ihm gegenüber einnimmt, zeigt folgendes: Der General hatte aus Peking

Befehl, ihn zu fangen; er hatte nichts Eiligeres zu tun, als

Tung-fu-hsiang um eine Unterredung unter freiem Himmel zu bitten und ihm

das Schreiben aus Peking zu zeigen. Sowohl der General wie der erste

Beamte in Pingliang Fu hängen das Mäntelchen nach dem Wind, sie können

es mit beiden Seiten nicht verderben; denn wenn Tung-fu-hsiang eines

Tages marschiert und die beiden fängt, schlägt er ihnen unbedingt den

Kopf herunter. Im übrigen baut er Befestigungen um Heichengtse und kauft

alles Getreide im Lande auf, so daß die Preise trotz der voraussichtlich

guten Ernte um 70 bis 80 % gestiegen sind.

[Illustration: Goo-ta-jen, Mandarin in Hsi Ngan Fu]

Hsi Ngan Fu besitzt Telegraphen nach Hankau und Tientsin. Die große

Linie nach Westen hat Telegraphenanschluß nach Kuyuen.

[Illustration: Theater in Hsi Ngan Fu. Schauspieler]

Wir wanderten zuerst zu dem vorerwähnten Nestorianischen Gedenkstein,

der ungefähr 1½ Kilometer vor dem westlichen Vorstadttore steht. Ich

hatte mir diesen weltbekannten Zeugen der Einführung des Christentums in

China in bezug auf seine Aufbewahrung ungefähr so vorgestellt, wie man

bei uns zu Hause mit derartigen ehrwürdigen, hochinteressanten Zeugen

einer vergangenen Zeit verfahren würde, und fand ihn mit noch einigen

andern Grabsteinen abseits der Straße inmitten des Schutt- und

Trümmerhaufens eines alten taoistischen Tempels. Da man von dieser Sorte

täglich eine größere Menge und stets im gleichen Zustande sehen kann,

würde man beim Vorbeireiten nie auf den Gedanken kommen, daß hier der

Gedenkstein steht, über den Bücher geschrieben und Vorlesungen auf

Universitäten gehalten worden sind. Ohne meinen Führer hätte ich ihn

wahrscheinlich auch nie gefunden. Bezeichnend für die Interesselosigkeit

chinesischer Behörden ist es, daß z. B. Goo-ta-jen, der Vorstand des

Yamens für die auswärtigen Angelegenheiten Hsi Ngan Fus, auch nicht die

entfernteste Ahnung von der Existenz des Steines hatte, obwohl er sonst

in seiner Art ein hochgebildeter Chinese ist. Später erzählte mir

Missionar Shorrock, daß auf Reklamationen katholischer Missionare hin in

Peking 1000 Taels für eine würdige Aufstellung des Steines und ein

Schutzdach gegen Regen und Wind bewilligt worden sind. Doch bis Peking

ist es weit. Man baute einfach aus schlechten Ziegeln im Höchstwerte von

25 Taels ein Häuschen darüber, das jetzt schon lange wieder verfallen

ist. Der Rest des Geldes blieb wahrscheinlich auf dem langen Wege von

Peking nach Hsi Ngan Fu in den verschiedensten Taschen hängen. Ich finde

diesen Vorgang bezeichnend.

[Illustration: Theater in Hsi Ngan Fu. Schauspieler]

Der Stein selbst ist in Form und Ausstattung wie die noch jetzt üblichen

chinesischen Grabsteine. Die beiden Figuren am oberen Ende, anscheinend

Drachendarstellungen, umschließen ein christliches Kreuz. Die Inschrift

ist in chinesischen Schriftzeichen, jedoch sind stellenweise Sätze in

syrischer Schrift eingefügt, besonders auf den schmalen Seiten des

Steins. Wir sahen uns die Reste des uralten Tempels an und wanderten

dann zurück, vorbei am Exerzierplatz, wo kompanieweise, wahrscheinlich

zur Ermutigung der Soldaten und des Volkes, Salven mit Platzpatronen

geschossen wurden, oder wie man das zur Zeit der Vorderlader bei uns

bezeichnet haben mag, denn solche führt die hiesige Infanterie. Außerdem

wurde mit einer Unmenge Fahnen gearbeitet, aber nicht etwa

Winkerflaggen. Die meisten Kompanien, es war hier eine ganze Anzahl

tätig, gaben ihre Salven ab, als ich mitten vor der Front war. Ob sie

mich erschrecken wollten oder ob es eine Ehrung sein sollte, konnte ich

nicht feststellen; ich knipste sie dafür mit dem Kodak. Offiziere waren

nirgends dabei; wahrscheinlich war es noch zu früh, oder der heute

wehende kalte Wind hielt sie ab.

Im Sattel durch Zentralasien: 6000 Kilometer in 176 Tagen · 第 9 / 26 段