Nach einer recht schlecht verbrachten Nacht, mir mußte irgend etwas im

Magen gelegen haben, ging es weiter. Zweimal wurde ich in kleinen

Ortschaften angehalten und nach meinem Paß gefragt; schließlich

gelangten wir ganz in die Ebene, und gegen vier Uhr nachmittags ritten

wir in das ersehnte Taiyuanfu ein und wurden von dem liebenswürdigen

Direktor der Schansi-Universität und seiner ebenso liebenswürdigen

Gemahlin willkommen geheißen und aufgenommen. Es war alles da, was der

Mensch zu seiner Bequemlichkeit gebrauchte, und bei der Herzlichkeit,

mit der es gegeben wurde, fühlte man sich gleich wie zu Hause. Wie ich

schon im ersten Kapitel berichtet habe, hatte ich die gastfreien Leute

auf meinem letzten Ritt im Herbst 1902 kennen gelernt. Zuerst unterzog

ich meinen äußeren Menschen einer gründlichen, ebenso notwendigen wie

angenehmen Reinigung; dann schwelgte der innere Mensch in den Genüssen

der hervorragend geleiteten Küche. Die Stadt sah noch genau so aus wie

im Herbst.

Ich war dieses Mal auch in mehreren Kuriositätenläden und kann nur jedem

Sammler zuraten, einen Ausflug nach Taiyuanfu zu machen; denn

hauptsächlich in Jett, Bronze und Porzellan findet er hier eine Auswahl

zu billigen Preisen, wie wir sie nur seiner Zeit im letzten Drittel des

Jahres 1900 in Peking erlebt haben. Das waren damals noch schöne Zeiten

für den Sammler, als man, ahnungslos vom wirklichen Wert, die vom klugen

Chinesen sorgfältig zusammengestohlenen Sächelchen billig kaufte. Aber

auch für den Briefmarkenfreund hat die chinesische Regierung liebevoll

gesorgt. Da besteht ein nett eingerichtetes Postamt, auf dem man sein

sämtliches Geschreibsel zu billigem Preise an einen vorzüglich Englisch

sprechenden Chinesen zur Beförderung los werden kann. Sonst ist hier

wenig Interessantes; daß die Tempel zusammenfallen, die Löwen oder Hunde

vor denselben schon halb in die Erde versunken sind, ist ja eigentlich

selbstverständlich in China. Erwähnenswert ist höchstens eine

Waffenfabrik, die nach Kruppschen Modellen schlechte Gewehre und Kanonen

fertigt. Ich möchte nicht unter der Bedienung desjenigen Geschützes

stehen, das zum ersten Male scharf feuert; ich halte für sicher, daß

infolge der glänzenden Wirkung auf die eigene Bedienung der Rest der

Batterie auf ein weiteres Schießen verzichten wird, doch: ut desint

vires tamen est laudanda voluntas.

[Illustration: Taiyuanfu. Drachenmauer aus Porzellan im Chang Chuang

Miau (Großer Stadttempel)]

Die Universität, in der ich so freundlich aufgenommen wurde, blüht und

gedeiht; sie zählt jetzt schon 200 Studierende, gegen 45 im Oktober

vorigen Jahres. Sie erfreut sich der Gunst des Gouverneurs, was viel,

wenn nicht alles für eine derartige Anstalt bedeutet. Bemerken muß ich

dabei, daß man den schlechten Sekt, den er zu seinen sonst opulenten

Diners gibt, auch hier im Innern nicht schätzt; die Kopfschmerzen sollen

von denen, die man von der gleichen Marke in Deutschland bekommt, nicht

zu unterscheiden sein. Die Studenten machen in Jura, Chemie, Sprachen,

Ingenieurwesen usw. ihre Studien, nebenbei treiben sie auch Sport; ich

sah Fußball, Tennis usw. spielen. Die Hörsäle sind mit den modernsten

Erzeugnissen ausgestattet, man sieht da unter anderm ein Lesezimmer mit

einer sehr reichhaltigen Zeitungsauslage, ein chemisches Kabinett, ein

naturwissenschaftliches und anderes mehr. Vorläufig sind die Studenten

noch in einem gemieten Yamen, mit übrigens sehr schönen Räumen,

untergebracht. Die Neubauten auf eigenem Grund und Boden sind schon im

Gange und ihre Fertigstellung steht noch im Laufe dieses Jahres zu

erwarten. Schlechte Beispiele verderben gute Sitten, so sagt man auch

hier; denn, nachdem der Gouverneur Chau-fu in Tsing-tau die Schulen

besichtigt und Prämien ausgeteilt hat, konnte der hiesige Gouverneur

dies natürlich auch nicht unterlassen, sehr zum Leidwesen der Studenten.

Selbstredend sind auch chinesische, fremder Sprachen mächtige

Hilfslehrer vorhanden. Einer derselben beteiligte sich am Fußballspiel,

ohne seinen kostbaren Pelz auszuziehen; natürlich trat er sich bald auf

seinen langen Frack und fiel zum allgemeinen Gaudium lang hin; tout

comme chez nous.

Von Tung-fu-hsiang und Tuan waren wiederum erneute Gerüchte, die sich

mehr und mehr verdichteten, hierher gelangt; erster wirbt im weiten

Umkreise um seinen jetzigen Standort Heichengtse in Kansu Rekruten. Er

kauft Getreide und Tiere im Lande auf, und da es dabei mehrfach zu

Tätlichkeiten zwischen seinen Parteigängern und der Bevölkerung gekommen

ist, zog ich vor, ihm nach Süden zu auszuweichen und hierbei die

Gelegenheit zu benutzen, mir Hsi Ngan Fu, die alte berühmte Kaiserstadt,

anzusehen. Meine Pferde hatten sich in zwei Ruhetagen sichtlich erholt

und waren frisch und munter.

Am 21. Januar früh nahm ich Abschied von der gastfreien Universität, um

mich meinem neuen Reiseziele Hsi Ngan Fu zuzuwenden. Ich beabsichtigte,

die Stadt in 18 Tagen zu erreichen. Drei Herren der Universität

begleiteten mich zu Pferde noch bis zum Tor hinaus. Außerhalb desselben

fand gerade eine Parade der gesamten Garnison statt. Diese sahen wir uns

schnell noch an, dann verabschiedete ich mich auch von meinen Begleitern

und zog auf den knietiefen staubigen Wegen weiter. Auch mir wäre ein

Regen nicht unangenehm gewesen, das Land hatte denselben dringend

notwendig. Der Staub überzieht bald alles grau in grau, man kann sich

durch nichts vor ihm schützen. Die Sänftenträger der Kaiserin-Witwe, die

hier vor einem Jahre entlang gezogen ist, sind nicht zu beneiden

gewesen, wenn man bedenkt, daß jedem Versagenden ohne weiteres der Kopf

heruntergeschlagen wird.

[Illustration: Infanterie im Marsch. Taiyuanfu]

Beim Geldwechseln wurden mir eine Menge zu kleiner Cash in den

Cashrollen gegeben; ich hatte es zuerst nicht gemerkt, erst später fiel

es mir unangenehm auf, da kein Mensch das zu kleine Geld nehmen wollte.

Das ganze Land ist hier von Kanälen durchzogen, die quadratisch angelegt

sind; augenblicklich sind die meisten derselben völlig versandet, ebenso

wie die hier überall vorhandenen Schleusen gänzlich vernachlässigt sind;

wie es zur Zeit der Frühjahrsbestellung aussehen mag, weiß ich nicht,

wahrscheinlich auch nicht anders. Die Kanäle werden vom Fönn-Ho

gespeist, in dessen Tale wir jetzt entlang marschierten. Der Verkehr war

nicht sehr stark, aus dem Süden kommende Karren zogen nach Kalgan mit

Tabak, Fett in Behältern, die wie unsere großen Petroleumbehälter

aussehen, außerdem noch Salz. Aus Norden wird Seife in großen Stücken

gebracht; die Chinesen nennen es Seife, in Wirklichkeit ist es ein

schwammartiger, weicher Stein, der in Formen gepreßt ist mit der

Firmenmarke darauf.

In den Gasthäusern und auf den Straßen war das ausschließliche Interesse

der Leute auf mein großes Pferd gerichtet, wo ich mich nur sehen ließ

mit meiner Witwe Bolte, brüllte alles gleich: "meio jiba" (der Schwanz

fehlt). Das gute Tier hatte nämlich eine kupierte Rübe, war also nach

chinesischem Schönheitsbegriff vollkommen entstellt. Ach, wenn die gute

Witwe einen langen Fasanenschweif gehabt hätte, dann hätte ich mich

nicht täglich über die entsetzliche Freude der Chinesen über das

"schwanzlose" Tier zu ärgern brauchen. Das ist eben Geschmacksache, wir

Europäer lieben nun einmal kurze Schwänze beim Pferd, und deswegen

gleich zu behaupten, das Tier hätte gar keinen Schwanz, war eigentlich

unverschämt.

[Illustration: Chinesische Gebirgsartillerie in Taiyuanfu]

Meine tägliche Speisekarte war meist höchst einfach. Leider bin ich

selbst kein großer Koch, und mein Mafu Tsai war auch alles andere eher,

als ein Kochkünstler. Heute z. B. war hier wieder einmal kein Fleisch

aufzutreiben; es gab Hsiau-mi (Grütze) mit Zucker, dann fünf Eier,

Brötchen und Tee; zum Nachtisch gabs gefrorene Kakis, die bekannten

gelben Früchte. Mit meiner braven Stütze kämpfte ich einen täglichen

Kampf um das allmorgendliche Pferdeputzen. Er meinte, es wäre nicht

notwendig, ich meinte das Gegenteil, leider sah ich es schon kommen, daß

ich bei der bekannten Dickfelligkeit des Chinesen in solchen Sachen doch

noch unterliegen würde. Wahrhaft glänzend dagegen war sein Appetit zu

nennen, um den ich ihn beneidete; seine allmorgendliche Rechnung für

Essen betrug immer die Hälfte mehr als die meinige, obwohl er mich nicht

beschwindelte.

Die nächsten Tage brachten keine Abwechslung; am 23. Januar morgens

entließ ich meine beiden Kavalleristen aus Taiyuanfu. Sie waren sehr

besorgt, daß ich ihnen auch etwas Gutes auf die als Ausweis mitgegebene

chinesische Visitenkarte schrieb. Da sie sich in jeder Beziehung als

nützlich und hülfreich erwiesen hatten, tat ich es auch gern. Der Druck

der Stute war wieder derartig angelaufen, daß ich es vorzog, mir vom

Yamen eine Karre geben zu lassen. Da sämtliches Gepäck, auch die

Packtaschen der Pferde, auf die Karre gepackt wurden, ging die Reise

jetzt sehr viel schneller vorwärts. Ich hatte auch wieder die alte Regel

eingeführt, daß der Mafu zum Quartiermachen vorausgeschickt wurde;

abends fand ich dann einen geheizten Kang vor, das Pferdefutter war

eingekauft, und er hatte sich bereits erkundigt, was es zu essen gab.

[Illustration: Chinesischer Ehrenbogen in Schansi Ping yang schöng]

Man sah schon viele gänzlich zerstörte Dörfer; denn der letzte Aufstand

der mohammedanischen Chinesen hat seine Schrecknisse bis hierher

getragen. Auch am 24. Januar gab es keine Abwechslung, höchstens wurde

der Weg noch staubiger. Die in den Feldern verteilten Grabdenkmäler

wurden ansehnlicher, teilweise waren es wunderhübsche Ehrenbogen. Die

Gräber selbst sind meist von den alten Bäumen umstanden. Einmal

begegneten wir einem Trupp Infanterie, der einen guten militärischen

Eindruck machte, weniger gut sah die Bagage aus, auf der sich eine Menge

faules Volk herumsielte. In Li-hsing-hsien, wo ich übernachtete,

schickte mir der Yamen eine Wache über Nacht. Es geht hier wieder in die

Berge.

Am 25. Januar fing es kurz nach dem Abmarsch an zu schneien. Man

begreift es kaum, wie die Maultiere die schweren, mit Waren beladenen

Karren die steilen Böschungen herauf bekommen. Allmählich färbte sich

alles weiß; Paß folgte auf Paß, und man konnte hier beurteilen, welche

Schwierigkeiten eine Expedition nach Hsi Ngan Fu im Frühjahr 1901 gehabt

hätte. Alle paar hundert Schritte bieten sich Stellungen, die schon an

sich natürliche Festungen sind und von geringen Kräften gegen eine Armee

verteidigt werden könnten. Nebenbei hätte die Verpflegung größerer

Truppenmengen in diesem Landstrich die größten Schwierigkeiten gemacht,

und diejenigen, welche glaubten, daß nach Erstürmung der sogenannten

Schansi-Pässe der Weg nach Hsi Ngan Fu frei lag, waren meiner Meinung

nach stark im Irrtum. Die Schwierigkeiten hätten hinter Taiyuanfu erst

recht begonnen. Das Schneetreiben wurde immer stärker, und als wir gegen

4 Uhr den letzten Paß hinter uns hatten, schickte ich den Mafu voraus.

In den Hohlwegen blieb der Karren im hohen Schnee mehrfach stecken, die

Dunkelheit brach herein, und die Tiere waren so müde, daß sie kaum noch

vorwärts kommen konnten. Ich war daher sehr froh, als wir gegen 6 Uhr in

Cho Hso Hsien anlangten, wo alles schon vorbereitet war. Die Gegend hier

soll sehr unsicher sein; Räuberbanden trieben gerade zu jetziger Zeit

ihr Unwesen und plünderten die Reisenden aus. Mir gab der Yamen daher

zwei mit langen Spießen bewaffnete Infanteristen und fünf Kavalleristen

mit. Wir hatten am 26. Januar kaum die Stadt verlassen, als uns laut

schreiend ein Mann nachgelaufen kam, der behauptete, vom Yamen zu sein

und in der unverschämtesten Weise Geld forderte. Ich verlangte den

Ausweis von ihm, natürlich hatte er nichts, womit er sich ausweisen

konnte, und mußte schließlich unter dem Gelächter meiner Begleiter und

ohne Geld wieder abziehen.

Es schneite heute noch dichter als gestern, dabei hatten wir schärfsten

Nordwind. Rechts war wieder der Fönn-Ho, der hier schon bedeutend

breiter ist. Einmal lag in einem der schmalen Hohlwege ein krepierendes

Maultier; die Karrenführer fuhren ihm rücksichtslos über die Beine, mich

dauerte das arme Tier, und ich gab ihm den Gnadenschuß. Die Chinesen

lachten natürlich und begriffen meine Handlungsweise nicht.

In Hung-tung-hsien, wo wir abends ankamen, war das Volk unhöflich und

frech, so daß ich erst recht deutlich werden mußte. Die Leute drängten

sich an mich heran und befühlten meine Sachen; das dauerte so lange, bis

ich einem ordentlich über die Finger hieb, dann ließen sie mich in Ruhe.

Der Mandarin ist ein Tientsiner, von mir nahm er gar keine Notiz. Wir

standen dicht vor dem chinesischen Neujahr und die Kaufleute wollten

schon nichts mehr verkaufen. Wie sollte das erst übermorgen am

Neujahrstage werden!

Die Nacht zum 27. Januar kam mir recht kalt vor. Trotz der miserablen

Wege hatten wir doch täglich meist zwischen 50 und 60 Kilometer gemacht.

Da der Mafu auf dem Karren fuhr, wenn ich ihn nicht vorausschickte,

konnten zwei von meinen Tieren immer geführt werden, daher waren ihnen

die anstrengenden Tage sehr gut bekommen, sie sahen frisch aus und waren

munter. Der Weg war auch fernerhin scheußlich, teilweise überschwemmt

und mit einer dünnen Eisdecke bedeckt, durch welche die Tiere

durchbrachen und sich die Fesseln verletzten.

Meinem Mafu hatte man die europäischen Handschuhe gestohlen; da der

Chinese Handschuhe nicht kennt, mußte er von jetzt ab zur Strafe seiner

Eitelkeit an den Fingern frieren; er hatte sich nämlich einen Rock mit

kurzen Aermeln nach europäischer Sitte machen lassen. Ausserdem gaben

ihm die Handschuhe stets ein höheres Ansehen vor seinen Landsleuten; er

legte sie fast nie ab. Ich bekam auf dem ferneren Wege Zank mit meinem

Fuhrknecht, der seine eigenen Wege fahren wollte; ich zwang ihn, auf

der Hauptstraße zu bleiben. Natürlich gerieten wir in einen scheußlichen

Sumpf; man muß eben die Chinesen machen lassen, was sie wollen. Ich

beobachtete auch hier wieder, daß die meisten Leute quer über die Felder

fuhren, der eigentliche Weg wurde fast nie benutzt.

[Illustration: Neujahrs-Glückszettel an allen Häusern zu Neujahr]

Überall bereitete man sich auf Neujahr vor; die Bäcker backten Brot in

Buddha- und Pagodenform, die Fenster wurden überall neu geklebt und

fromme Sprüche auf rotem Papier an alle Pfosten, Ecksteine und Türen

angemacht. Das Volk, besonders die Jugend, hielt Umzug mit Musik,

teilweise in Verkleidungen, und überall wurden Böller und Flintenschüsse

gelöst zur Vertreibung der bösen Geister.

Meine beiden Ponies waren am Abend weggelaufen; das Einfangen dauerte

eine gute Stunde; hinterher gab es eine gehörige Tracht Prügel. Am 28.

Januar morgens hatten wir wieder einmal 20 Grad Kälte, mit aufgehender

Sonne aber wurde es ganz angenehm. Die Gasthäuser waren teilweise schon

geschlossen. In einem Hohlwege blieben wir stecken; die zur

Fahrtrichtung schräge Rampe war so glatt, daß der Karren bei jedem

Versuch, an einem andern, ihm entgegenkommenden, vorbeizufahren, gegen

diesen rutschte; es half nichts, wir mußten den Abhang abgraben. Auch

das Reiten war infolge der schlüpfrigen Wege sehr unangenehm. Vor mir

reiste ein Japaner, von dem mir in allen Dörfern erzählt wurde, daß er

eine sehr große Exzellenz sei. Später in Hsi Ngan Fu stellte er sich als

ein ganz kleiner Hülfslehrer an der dort neu zu errichtenden Hochschule

heraus. Jedenfalls hatte er es gut verstanden, sein Licht nicht unter

den Scheffel zu stellen. Wahrscheinlich befand er sich im Besitz einer

sehr zahlreichen Bagage, was ihn in den Augen der Chinesen sofort zu

einem großen Mann stempelte; denn auch hier gilt das Sprichwort: Kleider

machen Leute.

Unser Karrenführer fuhr heute wie wild, so daß wir schon gegen 5 Uhr in

Chu ma tscheng anlangten. Er wollte noch am Abend bei seiner Familie

zurück sein. Wir mußten erst die ganze Stadt absuchen, ehe wir ein

annehmbares Zimmer fanden; um 7 Uhr hatten die armen Pferde noch immer

kein Futter. Die Chinesen rühren eben zu Neujahr keinen Finger für einen

Fremden. Überall haben sie kleine Altäre aufgebaut, vor denen sie ihren

Kotau machen und beten. Der Mandarin des Ortes, der jedenfalls dachte,

daß für mich nichts zu bekommen wäre, schickte mir eine große Portion

Hammelfleisch, die ich dankend annahm. Die ganze Nacht über ging das

Geknatter des Feuerwerks zur Neujahrsfeier; ich kam kaum zum Schlafen.

Morgens hatten wir 22 Grad Kälte; ich hatte vergessen, über Nacht meine

Tinte einzupacken, die natürlich ausgefroren war, ebenso war mein

Schwamm gleich einem Stein. Alles war heute geschlossen, man konnte

nichts zum Frühstück bekommen, erst am Mittag wurde auf Klopfen hin

geöffnet; die Chinesen waren heute faul und müde, da sie die ganze Nacht

nicht geschlafen hatten; der Fuhrmann schlief auch unterwegs mehrfach

ein, was sich jedesmal dadurch bemerkbar machte, daß die Karre stehen

blieb.

Um vier Uhr nachmittags waren wir in Wönn Hsi Hsien, dessen Yamenbeamter

seit drei Tagen aus Tientsin hier angelangt war. Liebenswürdigerweise

schickte er mir Holz, Kohlen, Licht und ein sehr gutes Essen. Am Abend

war wieder dasselbe Geknalle und Feuerwerk wie gestern. Reisende oder

sonstige Karren kamen nicht an. Ich hatte mir ein Kohlenbecken zum

Heizen ins Zimmer stellen lassen, bekam aber, als ich mich hinlegte,

infolge der sich entwickelnden Kohlenoxydgase solches Herzklopfen, daß

ich es wieder hinaustun mußte. In der Stadt wurden am 30. Januar morgens

wenigstens Fleisch und die weichen, weißen, runden Brötchen verkauft,

sonst blieb auch heute alles noch geschlossen, und nur ab und zu sah man

eine halb geöffnete Tür. Wir hatten morgens bei ungefähr 10 Grad Kälte

wundervolle klare Luft, so daß man im Osten die schwach bewaldeten Berge

und dahinter die hohen schneebedeckten Bergkuppen sehr gut erkennen

konnte; bald jedoch verschwanden sie wieder im Dunst. Die Leute bewegten

sich in Feiertagskleidern auf der Straße, überall wurde öffentlich

Karten gespielt, die Tai-tais (Frauen) hielten großen Klatsch ab. Der

Tag blieb auch weiterhin schön. Im Gasthause, in dem wir Mittagsrast

machten, mußte ich unsern Karrenführer anborgen, da kein Mensch Silber

wechseln konnte. Uns angeschlossen hatte sich ein Mann, der Steuern nach

Pu tschau fu brachte. Meinem Mafu hatte er gesagt, die Gegend wäre sehr

unsicher und ich möchte doch mein großes Gewehr, das ich verpackt hatte,

herausnehmen, damit die Leute es sähen. Ich glaube, er war sehr froh,

seiner eigenen Sicherheit halber mit uns reisen zu können. Über Mittag

tauten die Wege auf und befanden sich schließlich in einem ganz

unbeschreiblichen Zustande. Gegen 4 Uhr langten wir in Pe-chau-hsien an,

wo sich alsbald ein Yamenbeamter einstellte, der mir irgend etwas

begreiflich machen wollte, was ich nicht verstand, da er Südchinesisch

sprach. Schließlich kam mein Mafu dazu, und nachdem sich dieser mit dem

Beamten verständlich gemacht hatte, verwandelte sich die Angelegenheit

in ein Diner.

[Illustration: Übergang über den Hoang Ho]

Der Karrenführer behauptete, zu wenig Geld bekommen zu haben, wurde

frech und warf mir das Geld vor die Füße. Ich belehrte ihn handgreiflich

darüber, daß mit Europäern nicht zu spaßen sei, er war schließlich ganz

kleinlaut geworden und mit dem Gelde zufrieden.

In der Stadt fielen mir an manchen Häusern Glückszettel auf blauem

Papier auf, sie sind an solchen Häusern angebracht, die Trauer haben.

Es wurde heute ziemlich spät, ehe wir eine geeignete Unterkunft fanden.

Wir hatten ungefähr 70 Kilometer zurückgelegt. Meine Stube war ohne

Tür; ich konstruierte einen Vorhang aus Decken; es gab nichts zu essen,

und durch das beschädigte Dach schien zuerst der Mond herein, später

schneite es, so daß ich eine recht ungemütliche Nacht hatte. Dabei faßte

ich wieder einmal den Karrenführer beim Futterstehlen ab, d. h. nicht

ihn selbst, sondern seine beiden Maultiere, die meinen Vorrat auffraßen,

während er vergnügt zusah; die Tiere waren so gierig, daß ich von dem

Geräusch aufwachte.

[Illustration: Hoang Ho-Fähre]

Gegen Mittag des 1. Februar kamen wir in Pu tschau fu an. Mir war schon

mehrfach in den letzten Tagen aufgefallen, mit welcher Bereitwilligkeit

mein Mafu stets nach dem Yamen wanderte und daß er jedesmal mit einem

Diner zurückkam; ich schöpfte Verdacht, daß er in meinem Namen darum

gebettelt habe, daher wies ich von jetzt ab die Diners zurück, sehr zum

Leidwesen meines Mafu. Die Tiere waren heute wieder einmal von dem

gestrigen schweren Marsch sehr müde. Der Druck des Nepomuk war sehr viel

schlimmer geworden, der dicke Pony hatte eine Hornspalte bekommen, die

ihn jedoch nicht weiter störte. Am 2. Februar morgens gings weiter durch

glatte Ebene, die reich angebaut war. Die Bauern waren hier überall bei

der Feldarbeit, die Neujahrsfeier schien auf dem Lande beendigt zu sein.

Wir kamen heute an den Hoang Ho; die letzten zehn Kilometer vor dem

Fluße ging es durch die Ausläufer des Fönn tiau schan, der dann steil zu

dem Hoang Ho abfällt. An der Fähre angelangt, mußten wir ziemlich lange

warten, ehe die Fährleute sich entschlossen, an die Arbeit zu gehen. Sie

treidelten dann die Fähre ungefähr 100 Meter stromauf und legten ein

Laufbrett hinauf. Pferde und Maultiere mußten die fünf Meter bis zum

Boot durchs Wasser gehen und dann über den ziemlich hohen Bord weg

hineinspringen. Jedesmal gab es ein Theater, bis man glücklich eines der

Tiere drinnen hatte, da die meisten natürlich nicht springen wollten.

Trotzdem die Sache ziemlich lebensgefährlich aussah, kam nichts vor;

schließlich waren zwei Karren, elf Tiere und gegen 60 Menschen im Boot;

mit viel Geschrei wurde abgestoßen und die Fähre in dem reißenden,

eistreibenden Strom mittels zweier mächtiger, von je fünf Mann

gehandhabter Ruder ans andere Ufer gebracht. Der Strom ist hier gegen

220 Meter breit, man hat einen schönen Blick auf die jenseitigen Berge

und auf Tung kwan, welches mit seinen mächtigen alten Festungsmauern das

gegenüberliegende Tal sperrt. Das rechte Ufer ist ziemlich flach, und

schließlich mußten zwei bis zum Gürtel nackte Menschen in das eiskalte

Wasser hinaus, um das Boot am Ufer entlang zu einer besseren

Anlagestelle zu ziehen; auch dies geschah wieder unter entsetzlichem

Geschrei. Das ganze Übersetzen hatte wohl eine Stunde gedauert. Man

balancierte dann auf dem hochkant gelegten Ruder ans Land, da sie

natürlich die Laufstege am anderen Ufer vergessen hatten. Die Pferde

mußten wieder ins Wasser springen, wobei einige ausrissen. Es gab beim

Ausladen höchst spaßige Szenen, zumal sich beim Berichtigen des

Fährgeldes einige Leute drücken wollten. Ich selbst brauchte auf meinen

Paß hin nichts zu bezahlen, gab den Leuten aber ein anständiges

Trinkgeld.

[Illustration: Spieler auf öffentlicher Straße zu Neujahr]

In Tung kwan, wo wir Mittagsrast machten, schickte der Yamen, der von

meiner Anwesenheit jedenfalls gehört hatte, unaufgefordert ein Diner;

also schien mein Mafu auch früher nicht darum gebettelt zu haben. Auf

der Straße herrschte überall noch Festtrubel. Beim Verlassen der Stadt

hatte ich den für China ziemlich überraschenden Anblick einer Rauferei,

zu der Hasardspiel die Ursache gewesen war. Wir sind übrigens in die

Provinz Schensi eingetreten; überall wird viel Reis gebaut.

Für einen Jäger wäre hier eine schöne Ausflugsgelegenheit, besonders

Federwild ist recht zahlreich; ich sah zum Beispiel heute Wildgänse,

rostbraune große Enten in Menge, Bussarde, Falken, wilde Tauben,

Elstern, ganz schwarze Krähen, solche mit weißem Halsring, Mandelkrähen,

Dohlen, Störche, Fischreiher, Spechte, Paradiesvögel und eine Menge

kleine Vögel; dann noch einen großen rötlichen Vogel, der aufgebäumt war

und, als ich ihm mit der Mauserpistole eins aufbrennen wollte, mit

mißtönendem Geschrei langsam abstrich, ich kenne seinen Namen nicht.

Alle diese Tiere, deren Mannigfaltigkeit der Arten ich tatsächlich nicht

übertreibe, sind lächerlich vertraut; es scheint sie außer mir hier kein

Mensch mit dem Schießprügel zu ängstigen. In den Bergen haust der Wolf

und der Leopard, ob in ebensolchen Mengen, habe ich nicht feststellen

können; mir haben es nur die Leute erzählt, ich hoffe es im Interesse

derselben nicht. Da ich mir meine wenigen Patronen für später sparen

wollte, unternahm ich noch nichts; Hasen sah ich überhaupt noch nicht,

bei Tung kwan einmal einen Fuchs. Bei Pu tschau fu fand ich Trappen oder

Bastarde, die hier vorkommen sollen.

[Illustration: Mittagessen in Tung kwan]

Im Sattel durch Zentralasien: 6000 Kilometer in 176 Tagen · 第 8 / 26 段