In den nächsten Tagen machte ich mich daran, eine neue Reiseroute mit

der sibirischen Eisenbahn zu studieren, aber ich hatte Glück, denn schon

die Zeitungen brachten Dementis der Alarmnachrichten, und am 29.

Dezember erhielt ich Nachricht, daß ein neues Schreiben seitens der

Gesandtschaft eingelaufen sei, welches alle früheren Angaben als

erfunden bezeichnete, daß die Provinzen Schensi und Kansu ruhig seien

und daß somit meinem beabsichtigten Ritte nichts mehr im Wege stände.

Auf Befragen blieb ich selbstredend bei meinen früheren Absichten

bestehen und hatte nur noch die endgültige Genehmigung des Generals

abzuwarten. Diese traf am 30. Dezember ein, und zugleich wurde mir mein

chinesischer Reisepaß ausgehändigt. Ich stieß einen Seufzer der

Erleichterung aus, als ich diesen endlich in Händen hatte, denn nun

konnte ich wirklich fort. Es war aber auch höchste Zeit, denn ich hatte

noch keinen Pony und mußte auch noch meine gesamte Ausrüstung

zusammenstellen. Letztere war fast dieselbe wie im Herbst zum Ritt

durch Schansi, nur einiges kam hinzu, wobei ich als wesentlichstes den

Karabiner, photographischen Apparat und mehr Pelzsachen anführen

will[1]. Dank der Liebenswürdigkeit und dem Entgegenkommen der Kameraden

war ich bald im Besitz guter, erprobter Tiere, von denen sich später

besonders der von Leutnant Brandt erstandene und nach ihm "Schorsch"

getaufte Pony, der gute Dicke, besonders bewähren sollte. Es war ein

Dunkelfuchs, 8 Jahr alt und 13 hands (52 Zoll) groß; als zweiten Pony

nahm ich einen 13jährigen, 13,1 hands (53 Zoll) großen Dunkelbraunen,

namens "Nepomuk" mit. Dieser war als Beißer und Schläger bekannt, hatte

aber vier tadellose Beine und galt als sehr ausdauernd. "Schorsch" war

ein gutes Gebrauchstier, sehr gutmütig, nicht schnell, hat mir aber von

meinen drei Tieren, zu welchen eine edle 8jährige dunkelbraune

australische Stute "Witwe Bolte" gehörte, die bei weitem besten Dienste

geleistet.

[1] Die Gesamtausrüstung siehe S. 78.

[Illustration: Englischer Krankenwagen (Djanjibhoy) von den Offizieren

als Krümperwagen benutzt]

Der Paß vom Konsulat traf ein, ebenso erhielt ich durch die liebenswürdige

Vermittlung unseres Konsuls ein offenes Empfehlungsschreiben des

russischen Konsuls für die russischen Behörden, und einen geschlossenen

Brief an das Generalkonsulat zu Kaschgar, die erste russische Behörde, die

ich auf meinem langen Wege antreffen würde.

Die wenigen mir noch fehlenden Ausrüstungsstücke waren bald besorgt, und

das Abschiedfeiern, ohne das es hier in Ost-Asien einmal nicht geht,

fing an, um bis zum 4. Januar 1903, dem Tage meines Abrittes, zu dauern.

Das offizielle große Abschiedsessen für alle Anfang Januar nach der

Heimat Zurückkehrenden war schon am 23. Dezember gewesen. Eine um so

größere Freude bereitete es mir, als zehn meiner Freunde am 1. Januar

mir noch ein besonderes Abschiedsdiner gaben. Am 2. Januar meldete ich

mich dienstlich überall ab und erhielt von meinen Vorgesetzten manches

liebenswürdige Wort mit auf die Reise.

Am 3. Januar wurde alles probeweise fertig gepackt und mit Hilfe unseres

Batteriesattlers noch manches geändert.

Am Abend war ich nochmals ins allgemeine Kasino eingeladen;

Oberstleutnant von Kronhelm hielt eine mir zu Herzen gehende Rede, und

ich merkte erst jetzt, wie schwer mir der Abschied von so vielen

liebegewordenen Freunden und Kameraden fiel, mit denen ich hier Jahre

lang zusammen gelebt und gewirkt hatte. Bis zum frühen Morgen saßen wir

zusammen, Parademarsch auf Stühlen und der übliche Abschiedsschnaps im

Korridor machten den Abschluß der unvergeßlichen Feier. Es war höchste

Zeit, denn Frau Sonne färbte den Horizont schon leicht purpurn, und ich

mußte mich ans Satteln der Pferde machen, da um Punkt 9 Uhr abmarschiert

werden sollte. Mir kam es so vor, als ob ich statt drei Tiere deren

sechs mitnahm; aber es war der letzte Tropfen Alkohol bis zum Kaspischen

Meere gewesen.

Verzeichnis der auf dem Ritt durch Zentral-Asien mitgeführten Pferde und

Ausrüstungsstücke.

Witwe Bolte, australische Stute, 8jährig, dunkelbraun.

Schorsch, chines. Pony, 8 Jahr, Dunkelfuchs, 13 Hands.

Nepomuk, chines. Pony, 12 Jahr, dunkelbraun, 13,1 Hands.

2 Offizierbocksättel mit kleinen Vorderpacktaschen.

1 Armeesattel mit Packtaschen, Vorder- und Hinterzeug.

1 englischer Sattel.

3 Halfter mit Trensen und Anbinderiemen; Reserveriemen.

6 große Woilachs.

1 Paar Hinterpacktaschen.

1 Paar große schweinslederne Packtaschen.

1 Mantelfutteral aus Leder.

1 Kamelhaardecke,

1 halbseidene Decke.

1 Pferdedecke.

2 Filzunterlegedecken.

1 Schlafsack.

1 Katzenfelldecke mit Tuch gefüttert.

1 Obergurt.

1 langer lederner Führriemen.

1 wasserdichte Lagerdecke.

1 schwerer (englischer Winterkhaki) Rock mit Biberkragen und Pelzfutter.

1 graue Rockbluse.

2 graue Reithosen mit Lederbesatz.

1 Schafspelz.

1 Paar Pelzhandschuhe.

1 Lederjacke.

2 blaue Sweater.

4 wollene Hemden.

1 seidenes Hemd.

3 wollene Unterhosen.

2 Paar hohe Kniestrümpfe.

4 Paar wollene Strümpfe.

1½ Dutzend Taschentücher.

4 seidene Halstücher.

1 Paar Pulswärmer.

2 große, 6 kleine Handtücher.

2 Pelzmützen.

1 Kopfkissen.

1 Regenmantel.

1 Baschlik.

Waschzeug, Rasierzeug, Nähzeug, Verbandzeug, Bindfaden, Sattlernadeln.

1 Paar hohe Filzstiefel.

1 Paar schwere Schnürstiefel.

1 Paar englische Gamaschen.

1 silberne Uhr mit Kette.

1 Nickeluhr.

1 Brustbeutel mit 4 Zwanzigmarkstücken.

1 Kodak mit 16 Dtzd. Films in lederner Tasche.

1 Thermometer in Lederfutteral.

1 Feldflasche mit Becher und Riemen.

1 Zeiß-Fernglas mit Futteral.

1 Patronengürtel für 8 Rahmen Karab. 8 mm und 2 Rahmen Mauserpistole.

1 langes Jagdmesser in Lederscheide mit Gehenk zum Anbringen am Sattel.

2 Taschenmesser (Nicker).

1 Kompaß.

1 chinesische (große) Visitenkartentasche.

Deutsche und chinesische Visitenkarten.

4 Kneifer.

2 Staubbrillen.

1 Handspiegel.

1 Laterne mit Lichtern und Streichhölzern.

1 Paar Hausschuhe.

1 Geldwage.

1 Eßbesteck im Beutel.

1 Aluminiumbecher.

1 Koppel als Leibgurt.

1 Paar Hosenträger.

1 Gummiwaschbecken.

Schreibpapier.

Tintenfaß, Tinte.

Federhalter, Bleistifte, Buntstifte, Zirkel, Siegellack,

Krokiertasche mit Block, Federn, Notizbuch, Glyzerin.

2 Bände Sven Hedin "Durch Asiens Wüsten".

Möllendorfs Chinesische Grammatik.

Feller: Deutsch-Englisch, Französisch-Chinesisches Wörterbuch.

Karten aus dem großen Debesschen Atlas.

Eine Banknotentasche, enthaltend: Chinesischen Reisepaß, Reisepaß

vom Deutschen Konsulat in Tientsin, visiert vom russischen Konsul,

Reisepaß von der Besatzungsbrigade, Reisepaß vom russischen Konsulat

Tientsin, Soldbuch, einen Kreditbrief über 850 Rubel auf die Banque

Russo-Chinoise in Kaschgar.

1 Mauserkarabiner, neuestes Militärmodell, als Jagdkarabiner

umgeändert, mit 120 Patronen.

1 Mauserpistole im Holzfutteral mit 160 Patronen.

Gewehr-Putzzeug.

Konserven für 20-30 Tage.

372 Taels Silber (etwa 1000 Mark). Alles in Silberschuhen der

verschiedensten Größen. (Siehe Kap. I.)

Zum III. Kapitel.

[Illustration: Über Taiyuanfu zur alten Kaiserstadt Hsi Ngan Fu

32 Marschtage - 1280 Kilometer. Durchschnittsmarschleistung 40,0

Kilometer]

III. KAPITEL.

Über Taiyuanfu zur alten Kaiserstadt Hsi Ngan Fu.

4. Januar. Allmählich sammelte sich in meiner Wohnung eine Menge guter

Freunde und Kameraden, die mir noch zum Abritt das Geleit geben wollten.

Pünktlich war alles fertig, der unvermeidliche chinesische Photograph

nahm einige Bilder auf, und in Begleitung von zehn Freunden gings ab

nach dem Westtor der Chinesenstadt. Dort bekam ich noch drei Hurras auf

den Weg, dann zog ich mit dem Grafen Seyboltstorff, der mich zwei Tage

weiter begleitete, ab, dem weiten Ziele am andern Ende Chinas zu.

[Illustration: Mit dem Wachtmeister der Batterie über den am ersten Tage

zu nehmenden Weg beratschlagend]

Wir ritten heute nur eine mäßige Strecke, da die Tiere zu wenig

einmarschiert sind, im übrigen gingen diese recht gut. In Yangliu-tsing,

dem alten Boxernest, kamen wir leidlich unter. Am Abend hatte uns der

Wirt, da es empfindlich kalt war, eines von den mit glühenden Holzkohlen

gefüllten Kohlenbecken ins Zimmer gestellt. In der Nacht wachte ich mit

entsetzlichem Herzklopfen auf und sah, wie Graf Seyboltstorff, der sich

vom Kang erhoben hatte, mehrfach hinfiel, erst jetzt wurde mir klar, in

welch schwerer Lebensgefahr wir beide geschwebt hatten, wir wären um ein

Haar an den Kohlenoxydgasen erstickt. Gott sei Dank war ich noch

rechtzeitig erwacht, um die Türen aufzumachen und so nicht von

demselben Schicksal ereilt zu werden, wie einst der unglückliche Graf

York. Den ganzen nächsten Tag litten wir noch unter den entsetzlichsten

Kopfschmerzen.

[Illustration: Die Witwe Bolte, gepackt]

Nepomuk erwies sich als ein ganz gefährlicher Beißer; gleich beim

Satteln morgens riß er einem unglücklichen Chinesen ein großes Stück

Fleisch aus dem Arm heraus; die Stute bewährte sich sehr gut. Wir waren

gegen 8 Uhr abmarschiert, und schon nach einer Stunde befanden wir uns

in einem starken Staubsturm aus Norden. Da der Sturm immer stärker

wurde, versuchten wir in einem der am Wege liegenden Dörfer

unterzukommen und fanden schließlich für Mann und Pferd in dem

Nebengebäude eines Dorftempels Unterkunft. Die Leute waren sehr

freundlich und brachten alles, was wir wünschten. Wir delektierten uns

an einer von einem Kameraden von den Pionieren geschenkten sehr schönen

Wurst. Das Unwetter wurde gegen Abend ganz toll, so daß wir schließlich

im Sand halb erstickten. Trotzdem schliefen wir ganz gut und sogar ohne

Ungeziefer.

Am 6. Januar morgens, bei herrlichstem Wetter und 16 Grad Kälte, ging es

weiter. Ich sagte dem Grafen Lebewohl; der Abschied von meinem besten

Freunde fiel mir recht schwer, aber wir hofften auf ein vergnügtes

Wiedersehen in Deutschland. Während er nach Tientsin zurückritt,

marschierte ich nach Südwesten weiter. Mein dicker Schorsch hatte über

Nacht einen schweren Hieb rechts hinten gegen das Schienbein bekommen

und lahmte leider; trotzdem trabte ich weiter, immer nach dem Ta-dau

(großer Weg) fragend, jedesmal ein verständnisvolles "ang-ang" (ja, ja)

zur Antwort erhaltend; also das Geschäft mußte richtig sein.

Daß ich mich aber auf dem großen Wege nach Pautingfu und nicht nach

Ho-kien-fu, wo ich eigentlich hin wollte, befand, ahnte ich in meiner

Unschuld nicht. Bei Wegteilungen drängte ich stets nach Südwesten, wurde

aber immer wieder mit einer lächerlichen Beharrlichkeit auf den alten

Weg zurückgewiesen. Schließlich waren wir vor einer Stadt, die sich auf

Befragen zu meinem nicht geringen Ärger als Wönn An herausstellte. Daß

mir, als altem erfahrenen "Chinakenner", so etwas zustoßen mußte, war

eigentlich ein Skandal. Nachdem ich meinen Ärger an dem armen Mafu, der

gar nichts dafür konnte, genügend ausgelassen hatte, ging die Reise

weiter, nunmehr auf Jönn kiu zu.

[Illustration: Leutnant v. Salzmann, Oberleutnant Graf Seyboltsstorff]

Kurz hinter Wönn An kam mir ein Mandarinkarren entgegen, und aus

demselben sprangen zwei recht gut angezogene junge Chinesen, die mich

mit deutschen Worten freundlichst begrüßten. Ich bekannte sofort, daß,

ich Deutscher sei, zumal ich in meiner Nordpolfahrerausrüstung immerhin

für alles andere gehalten werden konnte, als für einen Offizier. Die

Freude war groß, ich mußte umdrehen, um der sehr liebenswürdigen

Einladung in das Haus des einen nach Wönn An Folge zu leisten. Noch

niemals bin ich von gänzlich unbekannten Chinesen mit einer derartigen

Herzlichkeit aufgenommen und weiterhin behandelt worden. Man sieht also,

daß der Umweg noch zu einem guten Ende führte.

Mein Mafu grinste, wahrscheinlich schadenfroh, ich weiß es aber nicht

genau, da er bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit grinste.

Jedenfalls glaubte er, infolge meiner so plötzlich umgeschlagenen Laune,

nun auch seinerseits etwas dazu beitragen zu müssen, indem er das

Pferdeputzen am andern Morgen durch einen verlängerten Schlaf ersetzte.

Die beiden jungen Chinesen hatten in Peking Deutsch gelernt; natürlich

mußten sie sich in mein unvermeidliches Fremdenbuch eintragen, was denn

auch in deutscher Schrift, mit einem Riesenklecks als Beigabe, erfolgte.

Ich wurde nun erst ordentlich abgefüttert, was mir sehr wohl tat; dann

mußte ich die ganze Stadt unter ihrer Leitung besichtigen und wurde noch

einigen Verwandten und Bekannten, alles sehr gut gestellte Kaufleute,

vorgeführt. Den Abend verbrachte ich so in ganz angenehmer Gesellschaft;

natürlich mußte ich alle Schreibstudien usw. ansehen und kann nur meine

Hochachtung vor dem Fleiß der erst sechzehnjährigen Menschen ausdrücken.

[Illustration: Abmarsch von Tientsin]

Am nächsten Morgen, den 7. Januar, nahm ich Abschied. Mein Mafu vergaß

noch den Zeiß, wahrscheinlich in seinem Trennungsschmerz; Gott sei Dank

wurde er mir im Galopp nachgebracht, es wäre doch ein sehr harter

Verlust gewesen. In den nächsten Tagen marschierte ich nun über Jönn

kiu, Sü-ning, Anping nach Tschönn ting fu. Ich nahm immer noch nicht

mehr als 30 Kilometer täglich, da die Tiere infolge des ungewohnten

harten Nachtlagers recht müde waren, auch war der gute dicke Pony, wie

schon erwähnt, von der Witwe rechts hinten lahm geschlagen, so daß er

uns etwas aufhielt. Viel zu erzählen ist aus den kleinen Löchern

eigentlich nicht. Die Menschen waren überall dort, wo fremde Garnison

gelegen hatte, und das war fast bei allen der Fall, geradezu ekelhaft

zudringlich, wie es mir niemals früher in gleichem Maße begegnet ist.

Sehr gut zog sich der Mandarin von Anping aus einer Affäre; er schickte

mir, als ich kaum zehn Minuten im Orte war, ein ganz vorzügliches Diner,

das ich dankend annahm. Der Mafu erwies sich nicht gerade als eine

Perle besonderen Ranges. Pferdeputzen vermied er möglichst, nebenbei war

es ihm ganz gleichgültig, ob die Pferde getränkt waren oder nicht, so

daß man ihm dauernd auf die Finger sehen mußte. Außerdem sprach er ein

Chinesisch, das mir reichlich unverständlich war, Kalganer Platt. Er war

nicht nur schmierig, sondern auch feige; jeden Abend kam er untersuchen,

ob ich auch die Mauserpistole unter das Kopfkissen gelegt habe.

[Illustration: Abmarsch von Tientsin]

Am 8. und 9. Januar hatten wir Staubsturm, am 10. Januar fanden wir in

Wu-die ein miserables Unterkommen. Das Volk ist hier ganz besonders

frech; überall hörte man das Yang-quetze (fremder Teufel), und mehrfach

wurde mit Steinen nach mir geworfen, bis ich mir einen der

Hauptübeltäter herausgriff und ihn etwas unsanfte Bekanntschaft mit

meiner Reitpeitsche machen ließ. Außerdem schickte ich zum Yamen und

ließ dem Mandarin sagen, daß, falls ich nicht sofort Ruhe bekäme, ich

mich direkt bei dem Vizekönig in Tientsin beschweren würde; das half,

denn ich bekam einige Infanteristen als Posten und hatte von nun an

Ruhe. Am 11. Januar kamen wir in Tschönn ting fu an und in demselben

Gasthaus, wie im Oktober, unter. Ich wurde auch sofort wiedererkannt und

freundlich bewillkommnet. Am Abend traf noch ein sehr hoher Mandarin,

der nach Hsi Ngan Fu zog, mit unendlichem Troß ein. Die Diener spielten

sich als Hauptstädter ganz besonders wichtig auf.

Am nächsten Morgen stellte sich Kavalleriebegleitung ein, die mir der

Yamen gegen meinen Willen geschickt hatte. Die Leute benahmen sich sehr

anständig und halfen mir, wo sie nur konnten. Ich kann auch den

Kavalleristen, die ich fernerhin zur Begleitung bekam, nur dasselbe

Zeugnis ausstellen; nie hat mich einer angebettelt, im Gegenteil, sie

verweigerten sogar die Annahme von Essen oder Futter für ihre Pferde und

waren stets ängstlich besorgt, daß ich ihnen auf die zur Rückkehr als

Ausweis mitgegebene Visitenkarte etwas Anerkennendes schrieb.

[Illustration: Mafu Tsai Ming Yü auf "Schorsch"]

Wir überschritten den Hu to Ho auf einer neu erbauten Brücke, die im

vergangenen Herbst noch nicht vorhanden war, dann ging es wieder durch

die entsetzlich staubigen Hohlwege auf Huolu zu. Unterwegs gab es

mehrfach Aufenthalt durch entgegenkommende Wagen. Die Kavalleristen

zwangen die Führer jedesmal, die Karren bis an die nächste

Ausweichestelle zurückzustoßen. Schon der steile Paß von Huolu fiel der

Witwe sehr schwer, sie stolperte mehrfach und sah recht müde aus. In

Huolu ließ ich abfüttern und wurde in dem Gasthause von Leuten, die mir

alles mögliche aufhalsen wollten, umlagert; natürlich ohne Erfolg. Ich

kaufte nur einige Portionen vorzügliches geräuchertes Fleisch für die

nächsten Tage. Es war hier ein sehr gutes Gasthaus, dessen erster

Bedienter mir seine Verachtung, wegen meines gänzlichen Versagens als

melkende Kuh, durch völliges "Schneiden" ausdrückte. Da wir einen sehr

schwierigen Aufstieg zum beabsichtigten Nachtquartier hatten und doch

auf den felsigen Wegen nicht reiten konnten, verteilte ich das Gepäck

auf alle drei Tiere, und trotzdem wurde ihnen der Marsch recht schwer.

Ich bekam vier Kavalleristen zur Begleitung mit; wir begegneten

unterwegs einer Eselkarawane nach der andern, meist Kohlen zu Tal

bringend. Vereinzelt trafen wir Gebirgs-Sänften.

[Illustration: Kavallerist in Chili]

Am Abend mietete ich noch für 200 Cash einen Esel zum Gepäcktragen nach

Tsing-hsing. Beim Abmarsch am 13. Januar früh war der Mann mit dem Esel

natürlich nicht da; die Frau hatte sich geweigert, dem fremden Teufel

den Esel zu borgen, also wurde das Gepäck wieder auf die Stute gepackt,

und in Begleitung eines Kavalleristen -- die drei andern hatten sich

verkrümelt -- ging es weiter. Die Pässe waren ein Herauffallen und

Herunterfallen für die des Kletterns über die Felsblöcke gänzlich

ungewohnten Pferde, hauptsächlich die Stute und der dicke Pony brachten

sich beinahe um. Es hatte sich noch ein Reisebegleiter eingefunden, der

schon gestern da war und in demselben Gasthause übernachtet hatte; es

schien so eine Art Yamenbeamter aus Tschönn ting fu zu sein, der mir zur

Aufsicht mitgegeben war; im übrigen sorgte er ganz gut für uns und

zeigte uns den Weg. In Tsing-hsing erschien ein neuer, während der alte

Beamte die übliche Bescheinigung über anständiges Benehmen seinerseits

verlangte und auch erhielt.

Der Weg hatte sich mehr und mehr belebt; große Maultier- und

Eselkarawanen kamen uns entgegen, meist mit Kohlen beladen. Jedes

einzelne Tier dieser Karawanen kannte seinen Weg ganz genau, denn selten

sah man die Führer einmal eingreifen; nur von hinten hörte man ihr

"Hoho, tata", oder "wowo"; jeder dieser Laute hat seine besondere

Bedeutung, die die Tiere ganz genau kennen. Wenn eines mal nicht

gehorchte, bekam es einige, kaum zu wiederholende Schimpfworte zu hören,

seltener eins mit der Peitsche übergehauen; dann ging es sofort wieder

ordentlich auf seinem Fleck. Fast alle hatten Maulkörbe um, damit sie

unterwegs nicht stehen blieben, fraßen und dadurch die Marschordnung

störten. An bestimmten Stellen des Weges werden Misthaufen angelegt, an

denen die Tiere Halt machen, um sich zu erleichtern. Das ist tatsächlich

kein Märchen, denn ich habe oft Gelegenheit gehabt, es zu beobachten.

Dünger ist hier recht teuer, und es darf nichts verloren gehen; außerdem

sah man überall kleine Jungen, die Mist aufsammelten. Beladen waren die

Tiere mit zwei kreuzweise über den Sattel gelegten Säcken, oder mit zwei

rechts und links am Packsattel befestigten Körben.

In Tsing-hsing ließ ich mir vom Yamenbeamten ein Maultier zum

Gepäckschleppen besorgen. Der Weitermarsch war äußerst anstrengend, und

als wir am Abend in Ho-tau-yüen, einem kleinen Gebirgsnest, anlangten,

waren die Tiere derartig müde, daß sie sich sofort hinlegten und zuerst

nicht fressen wollten. Nach dem üblichen Zank mit dem Wirt, der anfangs

Silber nicht wechseln wollte und mich dann beim Wechseln zu betrügen

versuchte, ging es am 14. Januar bei eisigem Winde weiter; Soldaten,

Yamenbeamter, alles zog weiter mit. Die Kavalleristen wechselten

mehrfach. Mir kamen die Wege sehr viel schlechter vor als im vergangenen

Herbst; es mochte daran liegen, daß ich das letzte Mal mit in

Gebirgstouren eingeübten Pferden marschierte. Der Verkehr war wie

gestern; wir begegneten einem durch einen Infanteristen eskortierten

Dieb, der auf dem Yamen Bambus-tschau-tschau[2] bekommen hatte. Er wurde

von zwei Kulis in einem an einer Stange hängenden Korbe getragen und

stöhnte ganz jämmerlich. Das Tragetier wurde einmal gewechselt, was sehr

schnell ging. Meine kleine Karawane war jetzt schon ganz gut

eingespielt: vorn marschierte ein Kuli mit dem Packpferde, alles andere

lief lose hinterher ohne Führer, immer ein Tier hinter dem andern; jedes

suchte sich so selbst seinen Weg zwischen den Felsblöcken. Hinten ging

der Mafu, dann kam ich, zuletzt der Kavallerist.

[2] Bambus-tschau-tschau nennt der Europäer in China die auf dem Yamen

verabreichte Prügelstrafe mit dem Bambusstock.

Ich blieb die Nacht in Hsilau-tou, und zwar in derselben Herberge, die

ich im Herbst inne hatte; in der Nacht stand ich einmal auf, da die

Pferde sehr unruhig waren, und faßte einen Chinesen beim Futterstehlen

ab. Ich denke, er wird es ein zweites Mal nicht wieder tun. Merkwürdig

war es, daß die meisten Leute meine große Stute zuerst für ein Maultier

hielten; allmählich erst kamen sie dahinter, daß es ein Pferd war.

Am 15. Januar ging es weiter nach Pingting tschau. Einmal hatten wir

links eine Tempelanlage, von einem bewaldeten Berge überragt; der

Anblick bildete eine sehr angenehme Abwechslung in dem ewigen öden Grau

in Grau. Allmählich trat Staubsturm ein.

Merkwürdig ist hier der außergewöhnliche Unterschied von Ort zu Ort in

Maßen, Gewichten und Preisen; man weiß daher beim Einkauf auch nie,

woran man eigentlich ist. In Pingting tschau schickte der kommandierende

Offizier zu mir und ließ fragen, ob ich die Stute nicht verkaufen

wollte. Ich forderte 500 Taels, was ihm etwas teuer zu sein schien; denn

er ließ dann nichts mehr von sich hören.

[Illustration: Meine beiden Ponies]

Abends waren wir in Ching Ching, wo die Leute im Orte eine Art Ring

geschlossen zu haben schienen, denn die Preise waren wirklich geradezu

unverschämt. Mir hatten sie meinen Kang überheizt, so daß ich infolge

der Hitze sehr schlecht schlief und mich auch obendrein noch erkältete.

Auch am 16. Januar hielt der Staubsturm noch an. Wir gingen fast

den ganzen Weg zu Fuß, halb im Laufschritt, um uns einigermaßen

warm zu halten; so kamen wir ziemlich schnell vorwärts. Hinter

Tu-hsi-ling ging es über einen hohen Paß, und mit einem Schlage waren

wir aus den Felsbergen heraus und mitten im Löss mit seinen scharf

eingeschnittenen, tiefen Schluchten, in die der Wind nicht mehr

hineinkommen konnte.

Wir landeten heute in Schau yang, in dem ich zum ersten Male die

unangenehme Entdeckung machte, daß mein großes Pferd leicht am Widerrist

gedrückt war. Abends ließ der Yamen noch anfragen, warum ich nicht dort

Logis genommen hätte. Jetzt war es zu spät dazu, etwas früher wäre ich

ganz gern hingegangen. Bei der Stute hatte sich ein Schwein einlogiert,

was das Pferd sehr aufregte, das Tier war aber nicht wegzubringen. Der

17. Januar brachte uns am Morgen 15 Grad Kälte; die armen Pferde in

ihren offenen Ställen froren sehr und waren beim Abmarsch ganz steif. Es

ging weiter durch Lößschluchten auf staubigen, wenig belebten Wegen; nur

ab und zu kam uns ein Karren oder ein einzelner Reisender entgegen.

Jeder führt seine Hausfahne, ein dreieckiges, berandetes und mit seinem

Namen bezeichnetes Stück Zeug, mit sich, je nach Geldlage in reicher

oder einfacherer Ausführung; bei den Reitern, die es hinten am Gepäck

herausstecken haben, sieht das ganz spaßig aus.

[Illustration: Taiyuanfu. Mauer am Futai Yamen]

Im Sattel durch Zentralasien: 6000 Kilometer in 176 Tagen · 第 7 / 26 段