Solche Tiere kommen beim Ankauf bis 500 Taels, was man wohl als

Höchstpreis bezeichnen kann. Man hört manchmal von sehr viel teureren

Tieren, aber das ist dann meist nur Reklame, und in Wirklichkeit,

besonders wenn der Verkäufer Bargeld sieht, ist das Tier bald sehr viel

billiger. Das Gros der Ponies, "Griffins", und Griffin ist jeder auch

noch so alte Pony, der noch in keinem öffentlichen Rennen auf einem der

Plätze des Peking-, Tongschan- und Tientsin-Race-Clubs gelaufen

ist -- unsere deutschen Rennen und die Rennen des Winter-Sport-Vereins

rechnen nicht mit --, wird in Tientsin selbst an Ort und Stelle vom

Händler gekauft. Diese Tiere sind meist nicht unter sieben Jahren; man

hat durch die Erfahrung herausgefunden, daß der Pony die höchste

Leistungsfähigkeit zwischen acht und zehn Jahren erreicht. Es spricht

sich naturgemäß schnell herum, der und der Händler -- die Namen sind

bekannt -- hat "Griffins" angebracht; jeder einzelne kann dann nach

Geschmack kaufen. Gott sei Dank sind die Geschmäcker auch hier

verschieden, und jeder, der kaufen will und das Geld dazu übrig hat,

kann voll auf seine Kosten kommen.

[Illustration:

1 2 3 4 5 6

Unsere Renngesellschaft am Stall

1 Herr Sommer, Sieger im großen Distanzritt Tientsin -- Peking, 130 km in

7 Stunden 33 Min. 2 Herr Stang 3 Herr Felix Boos 4 Mr. Andersen

5 Leutnant v. Salzmann 6 Herr Otto Schweigardt]

Die Ponies kosten dann je nach Größe und Points zwischen 60 und 150

Taels; man schätzt hierbei ein Durchschnittsmaß von 13,1 hands (dreizehn

h. 1 inches) am meisten; für einen kleineren Pony ist es schwer, einen

Reiter zu finden, der das betreffende Gewicht reiten kann, und größere

Ponies bekommen zu viel aufgepackt. Hinsichtlich Points sieht man genau

auf dieselben Eigenschaften wie in Europa beim Vollblut, und da die

Tiere fast ausschließlich in Flachrennen gehen sollen, so ist eine

lange, schräge Schulter, in Verbindung mit einem nicht zu kurzen Rücken,

besonders erwünscht. Trotz noch so schöner Points kauft man aber stets

die Katze im Sack, denn selbst der gewiegteste Kenner kann nicht im

entferntesten ahnen, ob einmal aus dem Tier etwas wird, oder ob er sich

nicht seines Temperaments halber oder aus sonstigen Gründen als absolut

ungeeignet zu Rennzwecken erweist. Jeder Anhalt infolge Abstammung fehlt

eben.

Die meisten der aus der Mongolei kommenden Tiere weisen einen Brand auf

einem der Hinterschenkel, der Schulter oder seltener am Halse auf. Diese

Brände sind entweder chinesische Charaktere, wie

[Illustration]

oder Phantasiezeichen, wie

[Illustration]

Ob dieses eine Art Gestütsbrand ist oder nur ein Händlerbrand, habe ich

nie so recht feststellen können. Eines weiß ich jedoch bestimmt, daß

viele Händler ihre Tiere brennen aus dem einfachen Grunde, um ihr

Eigentumsrecht an diesen Tieren ad oculos zu demonstrieren. Ich habe

dies bei Kalgan beobachtet, und ich denke, daß, wenn Züchter ihre Tiere

brennen, sie es nur aus dem oben angeführten Grunde tun. Wenn unter

Rennleuten zuweilen Tiere mit bestimmten Bränden vorgezogen werden, so

halte ich dies insofern für einen Zufall, als dem Betreffenden

einigemale hintereinander Tiere mit demselben Brande in die Hände

geraten sind.

Die neuen Ponies kommen nun in die Ställe, wo sie der Obhut der Mafus,

chinesischen Pferdeknechte, anvertraut werden. Meist haben sie im Anfang

eine starke Antipathie gegen den Europäer, die sich beim Nähern des

letzteren in Schnauben, Ängstlichkeit, oft aber auch in Schlagen mit den

Vorderbeinen und Annehmen mit dem Gebiß äußert, während sie gegen ihre

Landsleute friedlich gesonnen sind. Die im Sommer kommenden Ponies

werden sofort frisiert, d. h. man fesselt sie, bremst sie, wenn sie sehr

ungeberdig sind, und dann werden sie mittels Klippschere geschoren. Die

schöne Mähne wird gekürzt, und gleichzeitig beschneidet der Schmied die

Hufe und bringt sie in Ordnung. Die im Anfang des Jahres kommenden Tiere

werden meist nicht sofort geschoren, da es ihnen in der Kälte wohl

schlecht bekommen würde.

Die Stallpflege ist sonst im allgemeinen genau dieselbe wie in Europa in

einem Rennstall. Jeder Junge bekommt ein Tier zur Pflege zugeteilt, der

erste Mafu verteilt das Futter und überwacht das Futterschütten. Da

diese ersten Mafus meist jahrelange Erfahrungen hinter sich haben,

wissen sie genau, wie sie die "Griffins" am besten an das ihnen noch

ungewohnte Körnerfutter gewöhnen, denn vorher haben die Tiere ja nur das

Gras der Weiden bekommen. Selbstredend hat auch beim Futtern jeder Stall

seine eigenen Grundsätze. Der eine gibt mehr Kauliang (Heu), der andere

füttert mehr Gerste oder schwarze Bohnen, oder gibt mehr oder weniger

Häcksel. Jeder hat natürlich von seinem Standpunkt aus recht und hält

seine Methode für die einzig richtige. Nur darin sind fast alle einig,

daß sie Hafer erst einige Wochen vor den Rennen futtern, da man die

Erfahrung gemacht hat, daß Hafer die Ponies sehr ungezogen und bockig

macht.

[Illustration: "Vitiges", 6j. mongolischer Schimmel-Wallach auf dem Wege

zum Start]

Die Tiere werden viel geführt, wozu bei den meisten Ställen eine runde

Strohbahn vorhanden ist. Bald fängt dann die erste Trabarbeit an, denn

diese ist das hauptsächlichste Mittel, das Tier in der Muskulatur und im

Atem zu fördern. Hierbei reiten die sogenannten Trainiermafus die Ponies

auf dem Rennplatze; der betreffende Besitzer trinkt unterdessen seinen

Kaffee auf der Tribüne und beobachtet durch das Glas seine Lieblinge.

Ich habe stets gefunden, daß diese Mafus fast durchweg, wie man so sagt,

"eine eiserne Klaue" haben; ich persönlich habe auch viel in der

Trabarbeit geritten und bei manchem Pony Gelegenheit gehabt, zu

beobachten, wie er in der Hand des Mafus von Woche zu Woche

unempfindlicher im Maul wurde. Bei manchem geht das dann so weit, daß er

sofort in voller Fahrt losgeht, sowie man ihm auf der Bahn nur die Nase

herumgedreht hat. Solche Tiere sind ihrer Heftigkeit wegen sehr schwer

zu behandeln; man arbeitet sie am besten draußen im Gelände ein und

bringt sie nur zur Galopparbeit oder zu einem Trial auf die Bahn, denn

sonst kann man später beim Aufsitzen und beim Start Szenen erleben,

gegen die ein schwieriger Start von Zweijährigen in Deutschland eine

Kinderei ist.

Ist der Pony nun kurze Zeit in Arbeit, so überhört man ihn einmal auf

seine Leistungsfähigkeit und Galoppaktion. Vorausschicken muß ich, daß

der Tientsiner Flachrenn-Kurs genau 2000 Meter lang ist, daß er ferner

mittels Stangen in Viertelmeilen (also 400 zu 400 Meter) eingeteilt ist,

und daß es daher von der schönen großen Tribüne aus möglich ist, die

Zeit, die das Tier zum Durchmessen der verschiedenen Viertelmeilen

braucht, mittels der Sekundenuhr, der Stopwatch, genau festzustellen.

Das gesamte fernere Training geht an der Hand der Uhr. Die

festgestellten Rekorde, die ich hier gleich aufführen will, sind jedem

bekannt und bieten daher einen durchaus genauen Anhalt für die

Leistungsfähigkeit des Tieres.

_Festgestellte Rekorde:_

Distanz Besitzer Pony Farbe Höhe Jahr Zeit

Gewicht Min. Sek.

1/2 Meile (800 m) H. Detring Sendgraf schw. 13,1 11,1 H.99 58-1/4

3/4 " (1200") " " Set schw. 13,3 11,7 F.99 1,29-4/5

1400 Meter (1400") " Andrew Advance Grau- 13,1 11,8 F.99 1,48-3/5

schimmel

1 Meile (1600") " Detring Set schw. 13,3 11,7 F.99 2,05-1/5

1-1/4 " (2000") " J.M.D. Stray Grau- 13,2 11,4 F.97 2,37

Shot schimmel

1-1/2 " (2400") "Dr. Frazer Neophyte Schimmel 13,2 11,0 F.90 3,14

1-3/4 " (2800") " Munthe Palo dun. 13,1 11,1 F.97 3,47

Alto

2 " (3200") " Brenan Orion braun 13,1 11,1 H.92 4,26

Die Höhe sind englische hands und inches. 1 hand = 4 Zoll,

1 inch = 1 Zoll deutsch.

Das Gewicht sind englische stones und pounds. 1 stone = 14 Pfund.

10 englische Pfunde = 9 deutsche Pfund.

H = Herbst, F = Frühjahr.

Die Zeit sind Minuten, Sekunden und Bruchteile der Sekunde.

Zeigt das Tier nun eine gute Aktion und eine annehmbare Zeit auf der

last quarter, der letzten Viertelmeile, ich will mal sagen 28½ bis

29½ Sekunden, manchmal sogar darunter, so ist es dasjenige, was man

verlangen kann. Wenn der Pony diese Zeit nicht geht, oder mangelhafte

Aktion zeigt, so wandert er meist an den Händler, vielleicht mit einem

kleinen Verlust zurück; dieser schickt ihn dann in die Mongolei, von wo

er vielleicht nach Jahren wieder einmal "wie neu" zurückkommt, um dann

mehr Gnade vor den Augen eines Besitzers zu finden; vielen blüht aber

auch das wenig beneidenswerte Los des Karrentieres.

So geht das Training weiter, sehr viel Trab, verhältnismäßig wenig

Galopparbeit; zu letzterer setzt sich meist der Herr -- es gibt nur

Herrenreiten in China --, der das Tier später im Rennen steuern soll,

selbst darauf. Die Ponies, die meist zu zweien oder dreien

herumgeschickt werden, müssen stets auf der Geraden in der letzten

Viertelmeile vollkommen ausgeritten werden, auch wenn sie hoffnungslos

geschlagen, ganz hinten liegen. Man sagt, daß ein Pony sich sofort

merkt, wo er angehalten wird, und später dort streikt, also zum

"Stinker" wird. Die Ponies entwickeln sich mehr und mehr in der

Muskulatur, man massiert sie abends viel und gibt ihnen allmählich

Hafer, sie sehen prachtvoll aus, und so mancher nimmt die Figur eines

Vollblüters, allerdings en miniature, an. Für den Sportsman ist es eine

reine Freude, zu sehen, was aus den Tieren bei sachgemäßer Arbeit werden

kann. Nun naht allmählich der Nennungsschluß; der Besitzer muß sich

schon klar darüber sein, und hat dies auch in Trials ausprobiert, für

welche der verschiedenen Distanzen sich seine Tiere eignen, um nicht

einen Flitzer in ein langes Rennen zu stellen und einen ausgesprochenen

Steher in ein kurzes. Der Nennungsschluß ist vier Wochen vor dem ersten

Renntage, Nachnennungen gibt es nicht; zugleich findet die Messung der

Ponies durch einen der Stewards statt.

[Illustration: "Totila", nach gewonnenem Derby auf dem Wege zur Wage,

von Herrn Felix Boos geführt (Frühjahr 1902)]

Die Rennen finden an drei meist aufeinander folgenden Tagen statt, denen

sich dann oft noch ein vierter Tag, ein sogenannter "off day"

anschließt, an dem alles geschlagene Material um von den hauptsächlich

gewinnenden Ställen ausgesetzte Preise konkurriert. Die Regel des

Tientsin Race Club schließen sich im allgemeinen den sogenannten

Newmarket rules an, im besonderen in solchen Fällen, wo die Bestimmungen

des Tientsin Race Club nicht ausreichen. Die Gewichte sind zehn stones

für zwölf hands, für jeden Zoll mehr drei Pfund, für den letzten Zoll zu

14,3 hands (59 Zoll) gibt's fünf Pfund. Größere Ponies dürfen nicht

laufen. Die Propositionen der einzelnen Rennen sind an der Hand von

jahrzehntelangen Erfahrungen zusammengestellt und bieten nach

Möglichkeit jedem einzelnen Pony eine Gewinnchance. Sämtliche Sieger

konkurrieren am dritten Renntage zusammen in den Champion stakes, einem

Rennen über 2000 Meter.

[Illustration:

1 2

Richter-Häuschen

1 General Soucillon, Commandeur de la brigade d'occupation française 2

General de Wogack (Rußland), Verteidiger Tientsins 1900]

Das Training geht indessen weiter; man weiß schon naturgemäß von

gewissen Ponies, daß sie außerordentlich gute Zeiten gezeigt haben.

Einige halten ihre Ponies dunkel oder geben sich wenigstens Mühe, es zu

tun, sie halten ihre Trials in der Dämmerstunde ab, und man erzählt

sich, daß ein Übereifriger sogar bei Nacht seine Trials abmachte und, um

das Passieren der Viertelmeilen-Pfähle zu markieren, an jedem der

letzten einen Chinesen mit einer Laterne aufgestellt hatte, die beim

Passieren des Points heruntergenommen wurde, um so den Anhalt für den

die Sekundenuhr Haltenden zu geben. Sonst steht am letzten

Viertelmeilenpfosten stets ein Chinese mit einer roten Flagge, die er

herunter nimmt, wenn ein Pony im Canter passiert.

Eng verbunden mit dem Rennen sind große Lotterien. Zu diesem Zwecke liegen

in den Clubs und öffentlichen Lokalen numerierte Listen der einzelnen

Rennen mit verschiedenen Preisen der Lose aus; jede Nummer, hinter die man

seinen Namen setzt, ist gleichsam ein Los. In gewöhnlichen Rennen kostet

eine Zeichnung zwei oder drei Dollar, in der Champion-Lotterie 10 Dollar.

Leider sind auch hier sehr viel mehr Nieten als Gewinne. Kurze Zeit vor

den Rennen werden an drei aufeinanderfolgenden Tagen, entsprechend den

Rennen der drei Tage, die Lotterien öffentlich im Tientsin-Klub gezogen,

zu welcher Haupt- und Staatsaktion sich alles, "was so ein bißchen was

ist", zusammenfindet, um zu gewinnen, zu verlieren oder um auch nur aus

der Höhe der Angebote der Stall-Besitzer für die zur Versteigerung

gestellten Gewinnlose zu ersehen, ob der Besitzer seinem Pony etwas

zutraut oder nicht. Soviel Ponies in einem Rennen genannt sind, so viel

Gewinnlose werden gezogen; diese werden hinterher versteigert. Der

Ersteigerer muß die Summe, die er geboten, einmal an den Glücklichen

zahlen, der das Los gezogen hat, und einmal der Rennkasse zuweisen. Er

wird damit Besitzer des Loses. Besonders in der Champion-Lotterie versucht

natürlich jeder Stall-Besitzer sich das auf seinen Stall gefallene Los zu

ersteigern. Dabei kommen fast immer ganz anständige Summen in Umsatz. So

war z. B. im Frühjahr 1902 4153 Dollar der Inhalt der Champion-Lotterie.

Nach einem Abzug für die Rennkasse bekam 75% von dieser Summe der Besitzer

des Loses, das die Nummer des gewinnenden Ponys zeigte, 25% gab es ebenso

für den zweiten. Ich hatte mit einem andern Herrn zusammen den zweiten

Pony, den ich notabene selbst ritt.

[Illustration: "Totila", 7j. -- Frühjahr 1902 -- Sieger im Northern Cup

Tientsin Derby, 2. Champion stakes]

Nun kommen die Renntage selbst, ein wahres Volksfest für die

Bevölkerung; alle Läden schließen, jedes Geschäft, und sei es auch noch

so dringend, wird aufgeschoben, die Rennen entschuldigen alles. Der

schöne Rennplatz, dessen Tribüne und Richterhäuschen wiederhergestellt

sind, nachdem sie von den Boxern 1900 gänzlich heruntergebrannt waren,

prangt im Fahnenschmuck. Paddocks, Ställe und Toto usw. sind noch

provisorisch, werden aber jetzt wohl, wo ich dieses schreibe, auch schon

massiv hergestellt sein, denn die Mittel für die neuen Bauten waren

schon seinerzeit sichergestellt. Der deutsche Klub hat sein eigenes

Erfrischungszelt draußen, in dem auch er noch eine Privatlotterie für

die Championstakes aufgelegt hat. Alles wandert zu Roß, Rad, Wagen oder

zu Fuß, die Damen natürlich in großer Toilette, zum Rennplatz, deutsche,

französische oder englische Militärmusik läßt ihre fröhlichen Weisen

ertönen, kurzum, es ist genau so wie bei uns zu Hause, nur vielleicht

mit dem Unterschiede, daß sich alles gegenseitig kennt.

Vormittags sind drei Rennen, dann gibt es Lunch oder vielmehr Tiffin im

großen Saale der Haupttribüne, wonach die Rennen ihren weiteren Verlauf

nehmen. Man muß sich zu dem Tiffin, an dem alles, was sich zur guten

Gesellschaft rechnet, teilnimmt, vorher ein Billet kaufen. Das Saal-Innere

bietet ein hübsches buntes Bild. An langen Tafeln mit numerierten Plätzen

sowie auch an einzelnen kleinen Tischen sitzen die Damen in luftigen

Toiletten, die Herren in hellen Sportanzügen, und dazwischen die Offiziere

in Uniformen aller Länder. Dem nicht entsprechend ist gewöhnlich das

Tiffin; man bekommt so gut wie nichts, wenn man nicht seinen eigenen Boy

zur Bedienung mitbringt, und muß zufrieden sein, wenn man eine kalte

Schüssel erreicht. An ein Aufstehen ist nicht zu denken, wenn man nicht

einen Sturm der Entrüstung hervorrufen will, da alles sich gegenseitig

fast auf dem Schoß sitzt, und um zu seinem Platz zu gelangen, muß man eine

halsbrechende Kletterpartie unternehmen. Aber trotzdem herrscht

angeregteste, heitere Stimmung, der selbst kein Eintrag geschieht, wenn

inzwischen sich ein recht unangenehmer Staubsturm entwickelt. Ein Teil der

Rennstall-Besitzer schlägt in reservierten Boxes der Ställe selbst Buffets

auf, wozu kalte Küche und Getränke mitgebracht werden.

Die Preise der Rennen bestehen meist in Geldpreisen, zuweilen in

Ehrenpreisen, die jedoch stets an den Besitzer des siegenden Tieres

gehen.

[Illustration: Publikum auf dem Rennplatze an einem Renntage]

An den kleineren Renntagen im Winter gab es regelmäßig ein sogenanntes

"Ladies Nomination-Rennen". In diesem ritt man für eine vorher

angegebene Dame der Gesellschaft, der von dem siegenden Reiter der Preis

als Geschenk überreicht wurde. Ich hatte im Winter 1901/02 zweimal das

Glück, auf diese Weise Damen einen silbernen Ehrenpreis zu Füßen legen

zu können. -- An diesen Renntagen wurden auch einige scherzhafte Rennen

eingeschoben. So z. B. ein Hürdenrennen, bei dem man zum Schluß durch

einen Schirm von Seidenpapier springen mußte, was nicht so einfach ist;

ferner gab es sogenannte "leading races", in welchen man ein zweites

Tier an der Hand mitnehmen mußte. Zuweilen führten auch die Kosaken ihre

hübschen Reiterspiele auf. Auf dem Platze fehlen natürlich die

Buchmacher nicht. Nach Schluß der Rennen sucht jeder so schnell als

möglich nach Haus zu kommen -- tout comme chez nous --, und den Abend und

die ganze Nacht herrscht im Astor House (dem vornehmsten Hotel

Tientsins) und den Klubs reges Leben; das gewonnene Geld muß eben

untergebracht werden.

[Illustration: "Jakob", brauner australischer Wallach

Frühjahr 1902 -- den Tientsin Race Club Cup im Canter gewinnend]

Ich hatte das Glück, im Frühjahrsmeeting 1902 mehrere Rennen mit Totila

zu gewinnen, und war damit bis zu diesem Zeitpunkte der einzige deutsche

Offizier, dem es seit unserer Ankunft in China geglückt ist, ein Rennen

in den offiziellen Tientsiner Meetings zu gewinnen. Als Favorit ging ich

mit Totila in das Hauptrennen, die Champion stakes, wurde aber leider

von einem Pony, mit dem ich gar nicht gerechnet hatte, auf den zweiten

Platz verwiesen. Für mich werden diese Ponyrennen stets eine der

schönsten Erinnerungen in China sein. Wir deutschen Herrenreiter gingen

zuerst mit einem etwas überlegenen Lächeln an die Rennen auf dem

mongolischen Pony heran und sahen uns bei unserm ersten Auftreten fast

stets auf die letzten Plätze verwiesen. Das Lächeln verschwand bald. Wir

sahen ein, daß nicht zu scherzen war, daß diese Konkurrenzen zur

peinlichsten Vorbereitung und zum schärfsten Kampf herausforderten und

daß der gesamte, so außerordentlich intensive Training auf der in

Jahrzehnten gemachten Erfahrung beruhte. Wir mußten vollkommen neu

lernen, denn auch das Reiten des Tieres, und hier wieder besonders das

Finishreiten, ist ein ganz anderes als beim Pferde. Das Reiten strengt

auf dem Pony sehr viel mehr an, als auf dem großen Pferde, und es gehört

dazu für den eigenen Körper ein ebenso scharfes Training wie für den

Pony. Ich habe die letzten sechs Wochen vor dem Rennen überhaupt keinen

Alkohol zu mir genommen, übrigens mich nebenbei niemals wohler gefühlt

als in dieser Zeit. Sehr vieles Zufußgehen brachte den Lungen die

genügende Arbeit. Mein Gewicht brauchte ich nicht herunterzubringen,

denn ich war sowieso schon zu leicht und mußte dies meist durch Gewichte

oder schweren Sattel ausgleichen. Mein Lehrmeister in allen das

Pony-Training angehenden Sachen war Herr Felix Boos, dem ich nicht genug

dankbar sein kann, denn ohne seine täglichen Ermahnungen und Ratschläge

hätte ich niemals die oben erwähnten schönen Erfolge errungen. Schwer

genug ist es Herrn Boos, glaube ich, manchmal gefallen, denn ich war

nicht gerade der folgsamste Schüler, sondern hatte meist meine eigenen

Ansichten, die ja nicht immer die richtigsten waren, was ich aber erst

hinterher einsah. Wie manches Mal wollte ich den Pony nicht mehr

besteigen, wenn mich unser bester chinesischer Reiter im Stall "Li-san"

wieder einmal mit dem schlechteren Pony in der Arbeit im Finish um einen

Kopf schlug, und ich hab's schließlich doch gelernt. Aber auch hier gilt

das Sprichwort: "Aller Anfang ist schwer."

[Illustration: "Nickel", 13j. mongolischer Pony-Wallach, Sieger vieler

Rennen]

Neben dem von Engländern gegründeten und von der gesamten

Fremden-Kolonie unterhaltenen Verein, dem "Tientsin Race Club", gab es

noch einen "Deutschen Reiter-Verein", der jährlich an zwei oder drei

Tagen Rennen abhielt, in denen es sich zum Teil um Rennen für große

Pferde, zum Teil um Hindernisrennen für Ponies handelte. Also

Hoppegarten und Karlshorst im Kleinen. Der Rennplatz des "Deutschen

Reiter-Vereins" war nur ein provisorischer und lag innerhalb des von den

deutschen Truppen besetzten Geländes. Diese Renntage trugen mehr einen

intimen Charakter, da die hauptsächlichsten Konkurrenten aus deutschen

Offizierställen kamen und nur vereinzelt fremde Uniformen oder der Dreß

auftauchte. Es wurde hier lediglich um Ehrenpreise geritten, die

Lotterien und der Totalisator fielen fort. Auch hier hatte ich das

Glück, viele Erfolge zu haben. Besonders mein australischer Wallach

"Jakob" wird noch in aller Erinnerung sein, der unter andern

"Signorita", bis zu diesem Zeitpunkt Tientsins bestes Pferd, spielend

schlug, ebenso der Fuchspony "Dr. H.", ferner "Flieger", "Nickel",

"Teja" und andere mehr. Der gute Schimmelwallach Nickel (13 Jahre) hatte

mir schon in Peking im ersten Jahre manch schönen Ehrenpreis

eingebracht. Jetzt habe ich eine ganze Anzahl solcher Preise in Silber,

Bronze und Cloisonné zusammen, schöne und liebe Andenken an den

Rennsport in China von 1900 bis 1902.

* * * * *

Unter Hangen und Bangen verstrichen die Tage nach dem letzten Pekinger

Ritt. Ich beantragte bei der Gesandtschaft einen Paß vom Wei-wu-pu --

dem Auswärtigen Amte Chinas --, aber noch ging eine Woche der

Ungewißheit hin. Endlich am 24. Dezember traf ich zufällig auf der

Victoria Road, der Hauptverkehrsstraße, Herrn Major v. Falkenhayn, der

mir im Vorbeireiten zurief: "Soeben ist Telegramm aus Berlin gekommen,

Ihr Urlaub nach Zentralasien ist genehmigt." Das war für mich das

schönste Weihnachtsgeschenk. Niemand war glücklicher als ich, da ich nun

alle Schwierigkeiten überwunden glaubte. Ich bestellte sofort den Paß

zur Reise durch Rußland im deutschen Konsulat, sah mich nach geeigneten

Tieren für mich um und dachte an meine Ausrüstung. Doch noch manches

unerwartete Hindernis stellte sich mir entgegen, ehe ich Tientsin

endgültig verließ.

Am 27. Dezember wurde ich wieder einmal zur Brigade gerufen und erhielt

die Mitteilung, daß mir der General infolge der politischen Lage in den

Westprovinzen des Reiches nicht gestatten könne, meinen Urlaub

anzutreten. Mein Gesuch um den chinesischen Reisepaß war auf der

Gesandtschaft eingelaufen und auch an das chinesische Auswärtige Amt

weitergegeben worden. Inzwischen waren vom englischen Generalkonsul aus

Hankau telegraphische Nachrichten eingetroffen, daß die Provinzen Kansu

und Schensi sich im Aufstande befänden, und zwar infolge erneuter

Umtriebe des Generals Tung-fu-hsiang und des Prinzen Tuan, sowie daß die

dortigen Missionare ihre Frauen zurückgezogen hätten und selbst bereit

seien, jeden Moment die Flucht zur Küste anzutreten. Auf diese Nachricht

hin schrieb der stellvertretende Gesandte, Legationsrat v. d. Goltz, an

das Brigade-Kommando, wie er es unter solchen Umständen nicht für

erwünscht halten könne, daß ein Offizier durch jene Provinzen ritte, und

daß ich entweder einen andern Reiseweg wählen oder warten müsse, bis

beruhigendere Nachrichten vorlägen. Das war ein recht harter Strich

durch die Rechnung, aber ich gab die Hoffnung trotzdem nicht auf, da

sich solche Alarmnachrichten meistenteils hinterher als weit übertrieben

oder sogar als ganz falsch erwiesen hatten.

Wir hatten an diesem Tage den ersten Renntag des "Winter-Sport-Vereins",

und es sollte mir zum letzten Male auf chinesischem Boden gelingen, eins

meiner Tiere zum Siege zu steuern. "Peter" kanterte in einem 1200 Meter

Flachrennen einfach dem ganzen Felde weg und gewann leicht wie er

wollte. "Dr. H." wurde einmal dritter hinter einem totes Rennen

laufenden Ponypaar und einmal zweiter. Das war wenigstens noch ein

hübscher Abschluß, der meine etwas gesunkene Laune wieder hob.

Im Sattel durch Zentralasien: 6000 Kilometer in 176 Tagen · 第 6 / 26 段