dann sah ich mir zu Fuß die Stadt an und entdeckte sogar einen
Uhrmacher, der meine zerbrochene Uhr reparieren wollte; als Lohn sollte
ich ihm eins meiner Reittiere borgen, er wollte damit einen Ausflug in
die Berge machen, eine Idee, die mir weniger zusagte. Nachmittags ließ
ich mich zur chinesischen Post führen, wo mir ein gut Englisch
sprechender Chinese meinen Einschreibebrief nach Deutschland abnahm.
Dann gings weiter zu einer Mission, in der ich jedoch keinen Europäer
fand. Ein kleiner Junge führte mich weiter; unterwegs traf ich eine
Europäerin, der ich mich in der Annahme vorstellte, eine Missionarin vor
mir zu haben. Sie führte mich in einen schönen großen Yamen, in dessen
einem, europäisch eingerichteten Raum mich eine Engländerin sehr
liebenswürdig bewillkommnete und mich zu einer Tasse Tee einlud. Ich
glaubte immer noch, bei Missionaren zu sein; bald kamen einige Herren
dazu, darunter ein Deutsch sprechender Schwede, ein Herr Nieström, und
es stellte sich heraus, daß ich bei den Professoren der hiesigen
chinesischen Universität war, von deren Existenz ich keine Ahnung hatte.
Ich wurde festgehalten und mußte versprechen, umzuquartieren.
Infolgedessen ritt ich zurück, packte meine Sachen in eine Karre und
fuhr wieder zum Yamen der Europäer, wo man mir zwei sehr hübsche Zimmer
anwies, in dessen einem sogar ein Bett stand, mir ein lang entbehrter
Anblick. Ich glaube, daß ich dieses nur der außerordentlichen
Liebenswürdigkeit eines der Herren verdankte. Später wurde ich
herumgeführt und es wurden mir die Empfangs- und Schulräume gezeigt. Das
europäische Essen tat meinem etwas strapazierten Magen sehr wohl.
[Illustration: Tempel in Taiyanfu zum Gedächtnis der 1900 ermordeten
Missionare erbaut an der Stelle, wo sie hingerichtet wurden.]
[Illustration: Herr und Frau Duncan und Herr Swallow von der
Schansi-Universität in Taiyuanfu.]
Am 23. Oktober ritten wir gemeinsam aus, um uns die Stadt anzusehen. In
der Hauptstraße marschierte viel Militär; es war heute die Feier des
Herbstanfanges. Um 11 Uhr begann die große Prozession. Zuerst kam viel
Infanterie mit noch mehr Fahnen; die Offiziere waren sauber und gut
angezogen, rauchten jedoch im Glied Zigaretten; dann kam die rot
bekleidete Leibwache des Taotai sogar mit Musik, allerdings übler Sorte.
Es folgten sehr viele Mandarinen, von denen ich bis gegen sechzig
zählte. In offenen Sänften wurden eigentümliche Rüstungen getragen,
wieder kamen viele Fahnen, Ehrenschirme, Gongschläger, Trompetenbläser
usw. Wir ritten weiter; ich entdeckte in der Stadt einen großen Bazar
mit europäischem Kleinkram, meist "made in Germany". Nach dem Frühstück
ritten wir nach den Militärlagern im Südwesten der Stadt, wo die
Soldaten selbst neue Kasernements bauen. Hier benimmt sich alles
auffallend anständig gegen den Europäer; jeder einzelne Soldat erweist
ihm den Gruß. Sie haben keine europäischen Instrukteure, jedoch einen
Chinesen, der früher in Wutshang von den Deutschen gedrillt ist. Wir
ritten noch zu zwei hohen Pagoden, mit schöner Aussicht, dann zurück zum
Neubau der Universität, zum Rathaus der Kaiserin-Witwe und zur
niedergebrannten alten Mission; dann verweilten wir kurze Zeit bei
amerikanischen Missionaren und schließlich hatte ich den ungewohnten
Anblick, chinesische Studenten Fußball spielen zu sehen.
Interessant war mir am Abend, mit Herrn Duncan über unsere Unternehmung
gegen die Schansi-Pässe zu sprechen. Er zollte der deutschen
Unternehmung auf die Pässe und der Erstürmung derselben hohes Lob. Die
Chinesen hatten diese Pässe für absolut uneinnehmbar gehalten und sind
daher, nachdem man sie praktisch vom Gegenteil überzeugt hat, jetzt in
Schansi viel willfähriger. Er meinte, falls diese Pässe nicht genommen
worden wären, würde in Schansi jetzt nichts für die Fremden getan
werden, sondern im Gegenteil, man würde ihnen die Aufnahme gänzlich
verweigern.
Die liebenswürdige Frau Duncan packte mir am 24. früh noch Gott weiß was
ein, dann ritt ich ab in Begleitung von zwei der jüngeren Herren der
Universität. Die Dörfer am großen Wege waren alle ganz leer, die
Einwohner waren fast sämtlich an der Cholera gestorben oder vor ihr
geflohen. Der Verkehr war ziemlich lebhaft, und man sah hauptsächlich
die von zwei Maultieren getragenen Gebirgs-Sänften. Am Abend waren wir
in Schetienyi; unterwegs hatte mein lahmer Pony wieder ein Eisen
verloren und war noch lahmer als vorher. Im Orte fand sich ein Schmied,
der behauptete, Roßarzt zu sein und ganz besondere Eisen machen zu
können. Ich traute dem Frieden zwar nicht, ließ ihn aber doch machen; er
wollte die Eisen am nächsten Morgen bringen und dem lahmen Pony
aufschlagen. Am 25. Oktober morgens kam denn richtig der Schmied und
schlug Franz die neuen Eisen auf, mit denen er allerdings viel besser
laufen konnte als bisher. Ich muß zugeben, daß der Mann in seiner Art
ganz geschickt verfuhr; im übrigen war es der erste chinesische Schmied,
der die Tiere nicht nach Schema F behandelte. Leider brach unterwegs ein
Eisen entzwei, so daß ich am Abend ganz genau so dasaß wie am Tage
vorher. Es geht hier durch hohe Lößberge; Mittagsrast machten wir in
Tai-ngan-yi, wo gerade sehr lebhafter Gemüsemarkt war. Es kümmerte sich
kein Mensch um uns in den Straßen, so daß das Durchkommen sehr
erschwert wurde. Abends gelangten wir noch bis Cho-mönn, dicht vor
Schauyang.
Die Gasthäuser waren noch nicht sehr voll, füllten sich aber im Laufe
des Abends derartig, daß mehrfach nach Unterkunft suchende Leute ins
Zimmer guckten; zuletzt war alles dicht besetzt. Ein Blick in die Küche
belehrte mich, daß Fritz -- mein Mafu -- zwei Etagen hoch von
neugierigen Menschen belagert war. Maultiere fraßen bei meinen Ponies
aus den Krippen mit; den Treibern gefiel jedenfalls mein gutes Futter
recht gut. Ich mußte mir das erst sehr energisch verbitten.
Man konnte hier so recht das Leben und Treiben der großen Verkehrsstraße
beobachten, da im Laufe des Abends mehrere Reisende von Rang eintrafen.
Zuerst kamen einige Bediente, die vorausgeritten waren; sie besahen die
Zimmer, wählten eins aus, ließen die Löcher in den Fenstern frisch
verkleben und den Kang heizen. Später kamen dann die Karren und Sänften
unter entsetzlichem Geschrei und Peitschengeknalle der Treiber in den
Hof gefahren und machten vor den betreffenden Zimmern Kehrt; es wurden
Böcke unter die Deichseln geschoben und die Zugtiere aus dem Geschirr
herausgenommen, letzteres verblieb an den Wagen. Den Tieren wurden die
wie eine Mettwurst aussehenden Unterkumte abgenommen, sie wälzten sich
dann im größten Schmutz. Ob dies ein Vorbeugungsmittel gegen Erkältung
ist oder eine Art Massage, ist mir nicht recht klar geworden; jedenfalls
ließ sich bei dieser Gelegenheit feststellen, daß eigentlich alle stark
durchgezogen waren, und zwar so, daß handgroße Stücke Fleisch zu sehen
waren. Die Tiere wurden dann mit geschnittenem Stroh und Kleie
abgefuttert, und zwar werden sie zu diesem Zweck nicht angebunden. Am
Abend fangen sie dann an herumzuwandern und stören natürlich über Nacht
mit europäischen Nerven begabte Reisende im Schlaf. Unterdessen erhebt
die Herrschaft ein fürchterliches Geschrei nach dem Schanguida, dem
Geschäftsführer des Gasthauses. Bald schreit einer hier, bald schreit
einer dort, der arme Kerl läuft den ganzen Abend herum, sei es mit
heißem Wasser für den Tee, sei es, um die elenden Oellampen anzustecken,
oder um Oel auf die Lampen zu gießen, oder um Essen zu kochen. Manchmal
wandert der Schmied herum, sich mit seinen eigentümlich klingenden Tönen
anmeldend. Verkäufer von Obst und Backwerk rufen ihre mehr oder weniger
wohlschmeckenden Sachen aus. Um 9 Uhr schließlich tritt meist Ruhe ein.
Alles futtert; die Treiber schnarchen auf dem allgemeinen Kang, man hört
nur noch das Geklingel der Maultierglocken, oder ab und zu beißen sich
zwei fremden Parteien angehörende Tiere um das Futter, bis um 2 Uhr
nachts der Krach von neuem losgeht, wenn die ersten wieder
weitermarschieren.
Am 26. Oktober passierten wir Schauyang, wo ich das Unglückstier Franz
wieder einmal beschlagen lassen mußte. Schauyang ist eine Stadt mit
Kavallerie-Garnison; hinter der Stadt fing der steinige Weg von neuem
an. Ich schloß mit dem Polizeioffizier des Bezirkes Freundschaft, indem
ich nämlich einen Pony, der ihm weggelaufen war, wieder einfing. Er
wollte mir sofort Kavalleristen zur Begleitung mitgeben, was ich jedoch
dankend ablehnte. Im Gespräch erzählte er mir, daß am Abend vorher ein
Leopard mehrere Schafe aus einer Herde gerissen hatte. Ich nahm mir vor,
morgen früh zu sehen, ob ihm vielleicht beizukommen sei; leider hatte
ich zu wenig Zeit, um mehrere Tage für die Jagd auf das scheue Tier zu
verwenden. Die Wege wurden immer schlechter, der Verkehr immer stärker,
und da ich wegen Unterkunft Sorge bekam, schickte ich den Mafu so
schnell wie möglich voraus, um ein Zimmer für uns zu besorgen. Ich hatte
recht, denn wir erhielten gerade noch im letzten Gasthaus ein kleines
Zimmerchen. Noch am Abend versuchte ich, im Ort Leute zu finden, die
mich auf den Leoparden bringen sollten; aber, wie stets, konnte keiner
Auskunft geben. Am 27. Oktober morgens, schon ganz früh, setzte ich mich
mit dem Hirten der Herde, die der Leopard angegriffen hatte, in
Verbindung, jedoch auch dieser hatte keine Ahnung über den Verbleib des
Tieres, so daß ich lieber weitermarschierte, da die Zeit drängte.
[Illustration: Kukwan an der grossen Mauer]
Es ging kurze Zeit im Flußbett des Tau-ho entlang und dann rechts in die
Berge, und zwar über einen Paß, dessen letzter Aufstieg ganz mit großen
Granitquadern belegt ist. Gegen Mittag passierten wir Pingtingtschau,
eine ziemlich große, sehr schmutzige Stadt mit auffallend vielen alten
Ehrenbogen. Die nächsten beiden Tage, den 28. und 29. Oktober, gings
weiter auf der Hauptstraße durch gebirgige Gegend. Die ganze Bevölkerung
lebt hier nur vom Verkehr, der allerdings sehr rege ist. Wir kamen durch
Kukwan an der großen Mauer. Sie ist hier sehr gut erhalten, hat ein
doppeltes Tor und auf den Bergen außerdem noch vereinzelte Warttürme. Am
30. Oktober traten wir aus dem Gebirge heraus in die Ebene. In den
Dörfern sieht man noch französische Ortsbezeichnungen, die aus der
Okkupationszeit herstammen. Wir setzten in einer großen Fähre über den
San-kan-ho, der von unzähligen Wildgänsen belebt ist; abends gelangten
wir bis Tschöntingfu, einer großen Stadt mit hübschen Tempeln und
mehreren Pagoden. Mein Mafu war abends großes Titou, d. h. Rasieren und
Zopfflechten, machen gegangen, was ungefähr 2½ Stunden dauerte, so
daß ich es schon mit der Angst bekam, er wäre eingesteckt worden. Am 31.
Oktober früh beim Abmarsch goß mir ein altes Weib schmutziges Wasser vor
die Füße, was mein Mafu als ein sehr schlechtes Omen bezeichnete.
Die Chinesen hatten heute Allerseelentag, überall sah man sie außerhalb
die Gräber und Grabsteine in Ordnung bringen und Papierdarstellungen an
den Gräbern verbrennen. Die Gegend hat vollkommen unsern
Heide-Charakter. Der Verkehr war gering, da die neue Eisenbahn doch viel
weggenommen hat; jeder des Weges Kommende fühlte sich bemüßigt, mich zu
fragen, warum ich nicht die Eisenbahn benutzte, und begriff es nicht,
wie man zu seinem Vergnügen im Lande spazieren reiten könne. Am Abend
sahen wir in Hsinlo eine große Prozession nach dem Tempel gehen, die für
Abgeschiedene und Kranke beten wollte. Alle Teilnehmer trugen
Papierlaternen, außerdem begleitete eine entsetzliche Musik den langen
Zug, fernerhin sah man Götzenbilder und Baldachine. Ab und zu wurden
Papierdarstellungen von Geldstücken verbrannt.
Am 1. November ging es durch ebenso langweilige, öde Gegend; wir trafen
viel Kavalleristen-Patrouillen, sie hielten gerade eine große Razzia auf
Räuber ab. Auch in dieser Gegend sah man überall noch an Häusern die
Spuren der französischen Einquartierungen. Abends gelangten wir bis
Wangtu, und da wir uns mehrfach verritten hatten, trafen wir erst bei
Dunkelheit ein; die Pferde waren ganz besonders müde, alle Gasthäuser
waren voll von hier gerade zusammengezogener Kavallerie, und kein Stall
mehr frei. Unter dem üblichen Gelächter mußten wir mehrfach abziehen.
Endlich ließ mir ein mitleidiger Offizier ein kleines Zimmerchen von
Kavalleristen räumen und in seinen Ställen Platz für meine Pferde
machen. Den ganzen Abend hörte man Signale und Getrommel auf den
Straßen; von halbe Stunde zu halbe Stunde ritten Nachtpatrouillen ab.
Die Soldaten waren etwas neugierig, aber überall freundlich, einige
halfen mir sofort, während sonst der Chinese immer herumsteht, alles
sehen, aber nie helfen will. Derselbe Offizier, der uns Platz gemacht
hatte, besorgte uns aufs liebenswürdigste auch Futter; später in der
Unterhaltung erzählte er, daß er bei Tientsin einen schweren Schuß durch
das Bein bekommen hätte. Mehrfach in der Nacht kam ein revidierender
Offizier, um, mit der Peitsche in der Hand, nachzusehen, ob die
Patrouillenreiter rechtzeitig sattelten. Die hier zusammengezogene
Kavallerie hat vor einigen Tagen ganz in der Nähe ein Gefecht mit
Räubern gehabt und dabei mehrere Leute und Pferde verloren. Ihre Ponies
sahen gut aus, waren aber meinem Geschmack nach alle etwas sehr
dickgefüttert, jedoch war kaum ein einziger gedrückter darunter.
Am 2. November, einem Sonntage, gelangten wir endlich nach Pautingfu,
das im Innern gerade auf Befehl Yuan-schi-kais nach europäischem Muster
gepflastert wurde. Man sah auffallend viel Soldaten auf den Straßen. Wie
stets in großen Städten, waren alle Gasthäuser voll besetzt, und erst
nach langem, langem Suchen gelang es uns, unterzukommen. Die Ställe
waren natürlich wieder miserabel, außerdem wollte der Geschäftsführer
mich gleich gehörig übers Ohr hauen und mit meinem Mafu paktieren;
letzterer war anständig genug, sofort abzuwinken. Abends hatte ich
Besuch von einem Englisch sprechenden Chinesen, der sich mir als
Besitzer des Gasthauses vorstellte. Wie sich nachher herausstellte, war
es ein Schwindler, der durch anscheinende Bekanntschaft mit dem
reisenden Europäer irgendwo anders Kapital herausschlagen wollte.
Pautingfu macht, wie ich am nächsten Tage feststellte, immer noch
denselben sauberen Eindruck, wie zu Zeiten der Okkupation; man sieht,
daß die Chinesen auch darin etwas gelernt haben. Ein neuer kaiserlicher
Palast ist im Bau und sieht seiner baldigen Vollendung entgegen. Wer
weiß, ob nicht die Kaiserin-Witwe eines Tages ihren gesamten Hofstaat
aus Peking hierher verlegen wird.
Nachdem ich schon um 3 Uhr morgens durch Signale geweckt worden war,
marschierten wir am 4. November durchs Osttor weiter. Gleich vor der
Stadt lagen viele Soldatenlager; der Vizekönig Yuan-schi-kai hat hier 4
Schwadronen Kavallerie, 5 Batterien und 20 Kompagnien, jede zu 500 Mann,
vereinigt; eine Batterie exerzierte am Geschütz, auf dem großen
Exerzierplatz übte die Infanterie. Hornisten bliesen ihre meist
deutschen Signale, kurzum, es war ein Bild, genau wie bei uns in einer
größeren Garnison. In der Mitte des großen Exerzierplatzes ist ein
Podium für den besichtigenden General errichtet. Die Kompagnien waren
gerade mit dem Dienst fertig und rückten nach den Quartieren. Vier
Trommler und vier Hornisten bliesen zum Marschieren; der Tritt ist sehr
langsam, im übrigen haben sie sonst vollkommen deutsches Reglement. Die
Griffe, die ich sah, wurden recht gut ausgeführt. Mir fielen Leute mit
roten Ärmeln auf; hiermit bezeichnet man Deserteure, also Leute im
zweiten Grade des Soldatenstandes. Ich fragte einen der Offiziere, der
sich mir als Major Wang vorstellte, ob ich sein Revier ansehen könne;
dieses wurde gern erlaubt, und ich trat in eines der mit Wall und Graben
versehenen Soldatenlager ein. In demselben lagen 504 Mann, Offiziere
wohnten mit im Lager. Die Unterbringung war in einfachen, tadellos
sauberen Lehmhäusern. Der Major führte mich selbst herum, und ich war
überrascht, welchen guten Eindruck die Leute machten; hier wurde das
Soldatenspielen unbedingt mit Ernst betrieben. Die Leute waren alle mit
Gewehr Modell 88 ausgerüstet. Im übrigen waren Montierungskammern,
Unterrichtstube für Kapitulantenunterricht, Küche, Eßsaal, Krankenstube,
alles vorhanden. Nachdem mir noch Tee gereicht worden war, marschierte
ich weiter und verritt mich in der Ebene mehrfach. Die Leute wiesen mich
hier scheinbar absichtlich falsch. Abends gelangten wir nach Hsian
tschönn.
Am 5. November gings weiter auf Pa-tschau zu. Ich schickte meinen Mafu
voraus und ritt selbst mit Franz und dem Schimmel als Packtier
hinterher. Als ich antreiben wollte, riß mir der Strick und der Schimmel
lief weg. Nach langer Hetze bekam ich ihn glücklich wieder, aber nun
streikte die Bestie und war weder durch Hiebe noch durch gutes Zureden
vorwärts zu bekommen; ich mußte sie ganz langsam zu Fuß vorwärts zerren
und gelangte erst abends 9 Uhr nach Pa-tschau, wo mich mein Mafu voller
Angst erwartete. Er hatte versucht, mit der Mauserpistole zu schießen,
um mich über die zu nehmende Richtung zu orientieren, hatte jedoch nicht
mit ihr umzugehen verstanden. Am 7. November traf ich, über
Wang-cing-to-tschönn und Schiku-hotu reitend, in Tientsin ein und war
doch recht froh, daß ich wieder zu Hause war, denn der gute Franz war
infolge des mangelhaften Beschlages so gut wie fertig. Die beiden
anderen Tiere hatten die schwere Tour sehr gut bestanden und waren ganz
frisch.
Zu Kapitel II.
[Illustration: Routenkarte zum Distanzritt Tientsin - Peking]
II. KAPITEL.
Vorbereitungen zum großen Ritt nach dem Westen.
Am 5. Dezember 1902 erhielt ich die Nachricht, daß meine Ablösung aus
Ostasien dicht bevorstände, und damit nahm mein lange gehegter Wunsch,
einen Distanzritt in größerem Maßstabe auszuführen, bestimmtere Formen
an. Mir stand von Tientsin aus das gesamte Innere Asiens zur Wahl, und
ich entschied mich bald dafür, quer durch Zentralasien zu reiten, also
zu versuchen, auf bisher von Europäern wenig betretenen Wegen den
Anschluß an die transkaspische Bahn im russischen Turkestan zu
erreichen.
Sofort vertiefte ich mich in das geringe vorhandene Kartenmaterial, das
sich auf die großen Atlanten von Andree und Debes beschränkte; anderes
war nicht aufzutreiben, und selbst Sven Hedins Werk, welches mir
Aufschluß über Land und Leute geben sollte, war in keinem der
Bücherläden zu haben. Schließlich erhielt ich es durch die
Liebenswürdigkeit meines Pekinger Kameraden Leonhardi. Man wußte zwar,
daß einmal ein Professor Futterer dort gereist sei, ebenso, daß der
Russe Przewalski Zentralasien mehrfach durchquert hatte, ihre Werke
waren aber leider nirgends zu haben, und im allgemeinen herrschte
überall, wo ich anklopfte, ein merkwürdiger Mangel an Orientierung, ich
möchte fast sagen Unkenntnis über das von mir in Aussicht genommene
Gebiet. Die meisten wandten sich kopfschüttelnd und lachend von mir ab
und hielten das ganze Unternehmen, wie man so sagt, für eine Kateridee.
Einer meiner guten Freunde, den wir Leutnants stets "Onkel" nannten,
d. h. nur eine beschränkte Anzahl durfte sich dieses erlauben,
behauptete, er hätte mich im Traum bereits bei Tung-fu-hsiang mit einem
eisernen Ring um den Hals am Marterpfahl schmachten sehen und, was für
ihn das Schlimmste war, es gab dort nicht einmal einen Whisky-Soda; das
hielt ihn aber nachher, als meine Expedition zur Wirklichkeit wurde,
nicht ab, mir als Andenken eine sehr wertvolle Beigabe zur Ausrüstung,
in Gestalt einer guten Taschenuhr, zu schenken. Nur zwei waren gleich
Feuer und Flamme für die Sache und bedauerten, nicht selbst mitkommen zu
können; den einen hielten allzu dringende Geschäfte und seine plötzliche
Versetzung nach Han-kau ab, das war mein guter Freund Otto Schweigardt,
Manager der Ostasiatischen Handelsgesellschaft; den andern, meinen
besten Freund, den ich im fernen Osten gefunden habe, Oberleutnant Graf
v. Freyen-Seyboltstorff, ließ der königliche Dienst nicht fort; beide
haben mir, wo sie nur konnten, bis zum letzten Augenblick mit Rat und
Tat zur Seite gestanden und haben keinen Moment an dem Gelingen der
Expedition gezweifelt. Sie waren auch die ersten, von denen ich, in der
Heimat angelangt, einen telegraphischen und brieflichen Willkommensgruß
vorfand.
[Illustration: "Auf Nepomuk"]
Ich hatte mir meine beabsichtigte Reiseroute in großen Zügen ungefähr
wie folgt festgelegt: Tientsin, Taiyuanfu, Lan tschau, Kan tschau,
Ansifan, Hami, Karaschar, Aksu, Kaschgar und über den Terek-Paß nach dem
Endpunkt der Eisenbahn, der in den Atlanten noch in Khokand angegeben
war, während er der Wirklichkeit entsprechend in Andischan lag.
Am 11. Dezember machte ich meinen militärischen Vorgesetzten, ohne deren
Einwilligung es selbstredend nicht ging, Meldung über mein Vorhaben.
Hierzu begab ich mich zum ersten Generalstabsoffizier der Brigade,
Major v. Falkenhayn, der selbst in früheren Jahren größere Reisen in
Ostchina gemacht hatte und der sofort das weitgehendste Interesse für
meine Pläne kundgab. Während wir noch an der Hand der Karte berieten,
kam unser Kommandeur, Generalmajor v. Rohrscheidt, dazu, und so war für
mich die Gelegenheit günstig, auch diesem Vorgesetzten sofort von meinen
Plänen Mitteilung zu machen. Ich stieß bei beiden nicht auf die kurze
Abweisung, die ich befürchtet hatte. Sowohl der General, wie auch der
Generalstabsoffizier erklärten mir, daß sie das Vertrauen zu mir hätten,
einen solchen im großen Maßstab angelegten Distanzritt glücklich
durchführen zu können, was mir eine große Genugtuung war, und ich
erhielt Befehl, in nächster Zeit mit durchgearbeiteten Vorschlägen
wiederzukommen. Denselben Abend benutzte ich, mich genauer über den zu
nehmenden Weg zu orientieren, und schon am nächsten Tage konnte ich den
beiden Vorgesetzten mit einem neuen Plan unter die Augen treten. Ich
hatte die Liste der Hauptortsnamen und der Distanzen festgestellt, hatte
an der Hand meiner auf dem letzten Ritt gesammelten Erfahrungen eine
Tagesleistung von etwa 40 Kilometer angenommen und wollte, diesen
Durchschnitt einhaltend, in 118 Tagen Khokand erreichen, um von dort
mittels Eisenbahn die Heimat in ferneren drei Wochen zu gewinnen. Ich
ahnte damals noch nicht, wie wenig es mir möglich werden würde, den
angegebenen Zeitraum inne zu halten, denn unerwartete Hindernisse
verschiedenster Art machten mir später einen Strich durch die Rechnung.
Der General erklärte sich schließlich mit meinen Vorschlägen
einverstanden und versprach, für mich bei Sr. Majestät in befürwortender
Weise einen dreimonatlichen Urlaub telegraphisch erbitten zu wollen, was
für mich zuzüglich der mir zustehenden Reisezeit von 45 Tagen genügt
hätte.
Ehe die Genehmigung Sr. Majestät des Kaisers eingetroffen war, konnte
ich selbstredend an die Beschaffung der notwendigen Ausrüstung nicht
denken, und da die Rückantwort unter zwei Wochen nicht zu erwarten war,
benutzte ich die Zwischenzeit zu mehreren Ritten, die teils dem eigenen
Training dienen, teils das mir gerade zur Verfügung stehende Pferde- und
Ponymaterial auf seine Leistungsfähigkeit ausproben sollten.
Mein erster Ritt führte mich zusammen mit einem Kameraden, der eine
dienstliche Patrouille über Wancingto-tschönn -- Yungtsing Hsien -- Kuan
Hsien auszuführen hatte, in drei Tagen nach Peking. Von Peking aus legte
ich an einem Tage die ganze Strecke von 130 Kilometer allein zurück. Ich
benutzte hierzu Peter, einen australischen braunen Wallach, der mein
Eigentum war; er hatte zwar während des dreitägigen Rittes nach Peking
in den offenen chinesischen Ställen sehr gefroren und nebenbei noch das
ungewohnte Futter schlecht angenommen; war aber sonst in ganz leidlicher
Kondition und sollte am ersten Renntage des "Winter-Sport-Vereins" Ende
Dezember herausgebracht werden. Ich will gleich hinzufügen, daß es mir
auch gelang, noch kurz vor meinem Weggange ein Rennen mit ihm zu
gewinnen.