Leute benahmen sich aber anständig. Es ging weiter in die Berge hinein.
Gleich am Nordtor mußten wir absitzen und führen, da der Weg gänzlich
aufhörte. Gott sei Dank trafen wir einige Maultiertreiber, die uns
zurechtwiesen, wir waren gerade auf einen falschen Weg am Eingange der
Schlucht geraten. Die Straße führte zuerst in dem in der Talsohle
fließenden Bach entlang; der Eingang der Schlucht wird durch Warttürme
gesichert. Man konnte von hier aus sehen, wie gut die kleine Festung den
Taldurchgang sperrt. Der Weg ist auch fernerhin sehr steinig, es
herrschte so gut wie gar kein Verkehr; rechts und links sind fast
senkrecht aufsteigende, gänzlich vegetationslose Wände. Nach ungefähr
einer Stunde Marsch gelangten wir zu einer kleinen Ansiedlung, hinter
der sich das Tal teilte. Wir marschierten links ab, jetzt am Hang der
steilen Talwände entlang auf einem ganz schmalen Maultierpfade. Mehrfach
mußten wir das Packpferd abpacken, da wir sonst Gefahr liefen, daß das
Tier abstürzte. Einmal trafen wir einen Mönch aus Wutaischan, an den
mein Mafu sofort die neugierige Frage richtete, ob es dort sehr kalt
sei. Zu seiner Beruhigung meinte der Mönch, es sei dort auch nicht
anders als hier. Weiterhin trafen wir einige Maultiertreiber, die uns
wie übermenschliche Wesen anstaunten; sie hatten noch nie einen Europäer
gesehen. Der letzte Aufstieg war ganz besonders steil, und als wir um
11½ Uhr die Paßhöhe erreicht und einen Einblick in das jenseitige Tal
hatten, war ich sehr froh.
Der Abstieg auf der Südseite war leichter, da es auf lehmigen Wänden
hinabging, und nach einer Stunde waren wir im Tal und einen letzten
einsamen Kegel umgehend, an einem Gehöft vorbei, im Dorf Paimatschwang.
Die Leute waren auch hier wieder frech und zudringlich, es war keine
Unterkunft zu erlangen, bis sich schließlich ein alter Mann unserer
erbarmte und uns natürlich zu dem Gehöft führte, das wir gerade passiert
hatten, so daß wir den letzten Teil des Weges umsonst gemacht hatten. Es
gab kein Pferdefutter, die Tiere bekamen noch nicht reife, als Häcksel
geschnittene Gerste. Hier wohnt ein hübscher Menschenschlag, der
auffallend große dunkle Augen und dunkle Haare hat und gegenüber den
Chinesen der Ebene sehr viel kräftiger aussieht. Beim Weitermarsch ging
es in der Talsohle entlang, zusammen mit freundlichen Maultiertreibern,
die uns führten, dann weiter über die südlichen Berge. Um 3½ Uhr
passierten wir noch eine Paßhöhe und gewannen den Einblick in das
wirklich imponierende etwa 1500 m hohe Wutai-Gebirge. Ein eisiger Wind
pfiff uns entgegen, die Sonne war hinter Wolken verschwunden, und vor
uns lag noch ein endloser Abstieg auf Serpentinen. Ich wollte eigentlich
nach Schachoa, an der großen Straße nach Pautingfu, und bekam es
allmählich mit der Angst zu tun, als immer noch kein Haus in Sicht kam.
Gegen 4¾ Uhr passierten wir rechts einen Tempel, der genau wie ein
Schweizerhäuschen aussah, eine halbe Stunde später fanden wir endlich im
Tale eine Ansiedlung mit einem Gasthause, Cho-cho. Es war zwar alles
etwas teuer, und außerdem war das Unterhandeln mit Schwierigkeiten
verknüpft, da die Leute dieser abgelegenen Gebirgsgegend einen ganz
merkwürdigen Dialekt sprechen; ich war aber froh, daß ich untergekommen
war und bezahlte daher gern etwas mehr. Am Abend nahm ich zum Entsetzen
der versammelten Dorfjugend ein Bad in dem eiskalten, an dem Gasthaus
vorüberfließenden Bach.
Der 10. Oktober brachte uns morgens nach dem ungefähr 15 Kilometer
entfernten Schachoa. Wir marschierten zwischen senkrechten, bis 150
Meter hohen Lehmwänden, in denen große Höhlen sind, die von den Bauern
als Scheunen, zum Teil auch als Wohnungen benutzt werden. Das Wu
tai-Gebirge war heute ganz in Wolken. Gegen 9½ Uhr waren wir in
Schachoa, das inmitten von Bäumen hübsch gelegen ist. In einem der
großen Gasthäuser bekamen wir alles, was wir haben wollten, und Sattler
wie Schneider wurden in Nahrung gesetzt. Entsetzlich war die Neugierde
der Menschen; sie bohrten sich mit nassen Fingern stets kleine Löcher in
die Papierfenster, bis ich, rücksichtslos das Fenster durchstoßend,
einen mit dem Stock mitten auf die Nase traf. Daraufhin erfolgte
allgemeiner Rückzug auf zwanzig Schritte. Meine Ponies waren recht
pflastermüde, aber da uns gerade ein von Wu tai kommender Lama erzählte,
daß in einer Entfernung von ungefähr 20 Kilometer eine gute Herberge
läge, beschloß ich trotzdem, weiter zu marschieren. Die ganze Stadt
begleitete uns bis hinaus. Im schönsten Sonnenschein ging es durch die
vielleicht sieben Kilometer breite, leicht gewellte Ebene, aus der dann
das Gebirge schroff und ganz plötzlich aufsteigt. Alle Steine, die die
Leute von den Feldern aufsammeln, werden auf die Wege geworfen, so daß
sich diese in einem für die Pferdebeine wenig angenehmen Zustande
befinden.
Ich konnte mich hier mit den Leuten überhaupt nicht verständigen, meinem
Mafu gelang es auch nur mit großen Schwierigkeiten; er mußte alles erst
ein- bis zweimal wiederholen. Ein lustiger Chinese, der scheinbar einen
zu viel getrunken hatte, bot uns Schnaps an. Es scheint hier jeder sein
Schnäpschen täglich zu nehmen, wenigstens versicherte es der Chinese.
Wir trafen merkwürdig viele Leute mit weißen Trauerabzeichen; die
Cholera soll hier im Volke ziemlich gehaust haben.
Gegen 4 Uhr waren wir in Tung-hsi-nien, einem einzelnen Gehöft, das
einen recht verlodderten Eindruck machte. Neben dem Gehöft liegt ein
schöner Besitz eines reichen Chinesen. Wir sollten im Kulischlafzimmer
unterkommen, ich nahm aber lieber in der Kartoffelkammer Platz; jedoch
auch hier erwischte mich das Ungeziefer. In der Gegend wird ein ganz
leidlicher Hafer gebaut; das ganze Plätzchen ist wirklich idyllisch in
dieser Felswüste gelegen.
Am nächsten Morgen, den 11. Oktober, gings ohne Frühstück weiter. Im
Steingeröll liegen zuweilen kleine Felder, die unter unendlicher Mühe
dem felsigen Boden abgerungen sein müssen; rings herum haben sie hohe
Steinwälle. Zu beiden Seiten des Tales steigen fast senkrechte Wände
Hunderte von Metern empor, im Grunde fließt ein Bach, den wir oft
kreuzten. Ganz vereinzelt tauchten von weitem dürftig bewaldete Kuppen
auf. Der Himmel bezog sich mehr und mehr, und da es anfing leicht zu
regnen, zog ich es um 10½ Uhr vor, in der hübsch gelegenen Herberge
von Sze-ping einzukehren. Wir hatten gerade den zehn Kilometer langen,
hohen, beschwerlichen Paß vor uns. Bis auf unreif geschnittenen,
unausgedroschenen Hafer gab es für die Pferde nichts zu fressen. Nach
langem Parlamentieren bekam ich für uns etwas Mehl und sieben Eier, so
daß der Mafu wenigstens Brot backen konnte. Den Pferden gab ich als
Zusatz noch gestampfte Kartoffeln, die sie zwar nicht gern fraßen, aber
schließlich doch nahmen. Der Erfolg war denn auch, daß sie am Abend
unglaublich dicke Bäuche hatten.
Es regnete den ganzen Tag weiter, und dem Regen hatte ich es wohl zu
verdanken, daß ich nicht weiter belästigt wurde. Das Dorf hatte sowieso
nicht viele Einwohner, und diese mußten mich schließlich alle gesehen
haben. Am Abend kam der Wirt und machte mich darauf aufmerksam, daß die
Sze-pinger recht gerne stehlen und schon einmal in demselben Zimmer
einen Reisenden, jedenfalls wohl keinen Europäer, ausgeplündert hätten.
Ich sagte ihm, er möchte den lieben Mitbewohnern mitteilen, daß ich
sofort schießen würde, sowie einer es wage, nachts durch Tür oder
Fenster hereinzuklettern. Natürlich legte ich vorsichtshalber meine
Mauserpistole neben mein Lager, hatte aber nicht nötig, irgendwie davon
Gebrauch zu machen.
Am nächsten Morgen hatte der Regen aufgehört, mir fiel jedoch auf, daß
die gesamte Maultiertreibergesellschaft, die, Stangenholz nach der Ebene
bringend, mit uns in derselben Herberge übernachtet hatten, wohl die
Packsättel aufgelegt, hatten, jedoch die Lasten noch im Hause unter Dach
und Fach stehen ließen und gar keine Anstalt machten, aufzubrechen,
obwohl sie sonst um diese Zeit längst unterwegs zu sein pflegten. Auf
mein Befragen zeigten sie nordwärts auf den Himmel. Der Mafu erklärte
mir bald, daß sie aus Furcht vor dem im Paß zu erwartenden Nebel nicht
abzogen. Ich riskierte es, zu marschieren und geriet natürlich gerade
mitten im Paß in den Nebel. Gott sei Dank ohne den Weg zu verfehlen. Wir
mußten die Pferde führen, zumal die Straße sehr schlecht und kaum zu
erkennen war, da der gestrige Regen alle Spuren fortgewischt hatte. Bei
dem oftmaligen Kreuzen des heute ziemlich viel Wasser führenden Baches
wurde man unten herum bald ganz naß, da die Steine, auf denen man sonst
übergeht, unter Wasser waren. Die Berge sind nicht mehr so schroff, und
man sieht öfter bewaldete Kuppen; an einigen Hängen war merkwürdig hoch
hinauf Hafer angebaut, der jetzt noch nicht reif war. Nach zwei Stunden
begann der Aufstieg zum Paß, nach einer ferneren Stunde kam es aus
Norden wie eine dicke weiße Wand, und binnen fünf Minuten waren wir im
undurchdringlichsten Nebel; wir konnten nicht mehr fünf Schritte weit
sehen. Ich ging, die beiden Reittiere führend, voran, immer dicht vor
mich hin auf den Weg sehend. Ein paar Mal waren wir doch von den sich
von fünf zu fünf Metern folgenden Serpentinen abgekommen, fanden uns
aber immer wieder zurecht; ein Absturz wäre wenig angenehm gewesen.
Allmählich löste sich der Nebel in Regen auf, und als wir noch höher
kamen, wurde Hagel und Schnee daraus. Gegen 11¼ Uhr hatten wir die
Paßhöhe erreicht. Wir merkten es schon vorher, denn der Wind sprang nach
Süden um, also mußten wir oben sein. Es herrschte eisige Kälte, aber von
Zeit zu Zeit hatten wir kurze Durchblicke.
Ich machte kurze Rast und nahm mein karges Frühstück, aus einigen harten
Eiern und Äpfeln bestehend, zu mir, dann gings an den Abstieg. Gegen 12
Uhr verzog sich der Nebel, und nach ganz kurzer Zeit schien die schönste
Sonne. Vor uns lag das Wu tai schan-Tal. Von weitem sah man rote
Tempelmauern und zwischen hohen Bäumen gelegene weiße Pagoden;
näherkommend unterschieden wir viele auf Hügeln verstreute
Tempelgruppen, die sich um einen Kessel, in dem die Stadt liegt,
gruppierten. Auf einem vorspringenden Rücken lag eine lange Gruppe von
Gebäuden mit gelben und blauen Porzellandächern und goldenen Knäufen, es
war die Wohnung des Ta-lamas. An den Berghängen lagen unzählige große
und kleine flaschenförmige Pagoden; es waren die Gräber der hier
verstorbenen Mönche oder Pilger. Überall und überall entdeckten wir
weitere Tempelgruppen, und schließlich sahen wir, daß alle das Tal
umgebenden Höhen von Tempeln gekrönt waren, was ein ganz reizendes Bild
bot.
Ein freundlicher Chinese führte uns zu dem Gasthaus, in dem die Leute
sehr entgegenkommend waren; auch hier hielt man mich für einen
Amerikaner. Wir bekamen alles, was wir wünschten; ein Schuster flickte
meine infolge des vielen Watens durch die Bäche in Brüche gehenden
Stiefel. Nach dem Essen ging ich in die Stadt. Über den das Tal
durchströmenden Bach geht eine breite Brücke, links liegt ein ummauerter
Hain mit Lamagräbern, weiterhin die Ställe der Priester, jedoch ohne
Tiere. Es folgen rechts wiederum Tempel, die Anlage ist unregelmäßig;
wahrscheinlich ist sie zu verschiedenen Zeiten entstanden. Die Wohnungen
der Priester sind höchst schmutzig und verkommen, auch sieht man sehr
viele Kranke, besonders scheint eine Augenkrankheit verbreitet zu sein.
Sämtliche Straßen sind mit Steinen gepflastert. Ich trat in einen der
Tempelhöfe, um mir die Anlage anzusehen. An sich ist sie regelmäßig, die
Tempel im Innern wundervoll reich ausgestattet, auf der letzten Terrasse
liegt ein über und über vergoldetes Tempelchen, ganz aus Metall erbaut.
Ein uralter Priester öffnete es und zeigte uns stolz, wie tadellos
sauber es überall darin war. Vor dem Tempelchen steht eine ganz
vergoldete Pagode aus übereinander stehenden Kegeln. Ich hatte kein Geld
bei mir, es wurde auch kein Trinkgeld gefordert, aber als ich nichts
gab, laut hinter mir hergeschimpft. Es regnete wieder sehr viel. Am
Abend nach der Rückkehr besuchten mich viele der Priester, beständig
Gebete murmelnd und den in den Händen befindlichen Rosenkranz drehend.
Wutaischan ist einer der Hauptwallfahrtsorte der Mongolen; es wird zu
jeder Jahreszeit von diesen besucht. Sie beklagen sich meist sehr
darüber, daß sie von den Chinesen, deren Land sie zu passieren gezwungen
sind, rücksichtslos ausgebeutet werden. Natürlich müssen sie in allen
Herbergen Pferdefutter und womöglich noch fürs Tränken zahlen, was
draußen in ihrer freien Steppe nichts kostet. Viele alte Leute nehmen
ihre letzten Kräfte zusammen, um noch nach Wutaischan zu wandern, hier
zu sterben und dann in der geheiligten Erde begraben zu werden. Andere
vermachen ihr ganzes Vermögen den Tempeln, um dort leben zu können und
so nach dem Tode einen höheren Grad von Glückseligkeit zu erlangen.
Am 13. Oktober morgens regnete es zur Abwechslung wieder einmal. Ich
schickte meinen Mafu mit Visitenkarte und Paß zur Polizei, um bei dem
Ta-lama einen Besuch machen zu können, mußte mich jedoch gedulden, da es
den ganzen Vormittag regnete und schneite und außerdem der
Polizeipräfekt ein Langschläfer zu sein schien, der mich ziemlich lange
auf seine Karte warten ließ. Gegen drei Uhr nachmittags hörte es auf zu
schneien; der Schnee war jedoch liegen geblieben und die Berge ringsum
ganz weiß. Die Wolken fingen an zu treiben, und bisweilen hatte man
schon Durchblicke. Ich machte mich sofort auf den Weg zu der vorher
erwähnten, hochgelegenen Haupttempelgruppe, an deren Eingang ich gleich
von einer ganzen Schar Lamas in Empfang genommen wurde. Bereitwilligst
wurde mir alles geöffnet und gezeigt. Um alle Tempel herum standen
Schiefertafeln mit dankender Erwähnung von Geld spendenden Gläubigen,
meistens von Mongolen. Auch hier ist das Tempelinnere außerordentlich
prunkvoll, und man sieht wundervolle alte Bronzen und Cloisonnées. Die
Priesterwohnungen sind teils recht üppig, teils gleichen sie geradezu
Schweineställen.
Schließlich wurde ich noch vom Ta-lama in seiner recht schönen Wohnung
empfangen, jedoch Seine Herrlichkeit schien schlechter Laune zu sein,
denn trotz meiner vorherigen Anmeldung durch Karte wurde mir nicht
einmal Tee angeboten. Der Ta-lama war ein fetter kleiner Mann, in einem
dick wattierten, gelben, gesteppten Anzug. Ich beschränkte meine
Aufwartung auf nur wenige Minuten und ging dann weiter durch endlose,
unendlich schmutzige Gänge, an denen die Lamas in jedem Alter wohnen.
Auch Tempelschüler sah ich, die alle, im Gegensatz zu den Priestern, ein
frisches und gesundes Aussehen hatten. In einer ziemlich hoch gelegenen
Bergspalte wurde mir noch das nie schmelzende Eis gezeigt, das Wunder
bewirken und jede Krankheit heilen soll.
Am 14. Oktober morgens hatten wir eine ganz infame Kälte, die Berge
ringsum waren mit Schnee bedeckt und unten alles fest gefroren. Ich
bezahlte meine recht hohe Rechnung und marschierte durch die Stadt ab.
Auch weiterhin liegen an den Hängen überall Tempel und Grabsteinpagoden.
Der Anstieg zum Tse-ko-ling-Paß ist sehr steil, und da das Packtier
infolge des Glatteises mehrfach versagte, wurde ein mehrmaliger Halt
notwendig. Bald waren wir im Schnee und erreichten gegen 11½ Uhr die
Paßhöhe, auf der eine hohe Pagode erbaut ist. Auch der Abstieg war sehr
steil, und recht allmählich erreichten wir ein steiniges Flußtal, in
dessen Grunde ein infolge des Regens ziemlich wasserreicher Bach floß.
Wir passierten wenige kleine Dörfer. Bewunderungswürdig ist es, mit
welcher Geduld jedes Fleckchen Erde bis hoch hinauf ausgenutzt ist. Die
Felsen traten immer näher zusammen und der Weg wurde immer schlechter.
Schließlich marschierten wir eigentlich ununterbrochen im Bache. Bei
einer besonders schlechten Passage sprang mir mein Pony aufs rechte Bein
und trat mir den Absatz herunter. Ich mußte ihn abschneiden, was für das
Fortkommen recht störend war. Die Sonne war hinter den hohen Bergen
längst verschwunden und vergoldete nur noch die schneebedeckten hohen
Kuppen, und noch immer war das ersehnte Yie-tou nicht in Sicht. Wir
marschierten so schnell wir konnten, ohne Rücksicht auf Bach und Steine,
so daß wir bald bis über die Knie durchnäßt waren; bald trat die
Dämmerung ein, und der Vollmond leuchtete uns auf unserm ferneren Wege.
Endlich gegen 6 Uhr waren wir an einer Talverbreiterung angelangt und
hatten vor uns Yie-tou, das im Mondschein ein entzückendes Bild bot. Die
ganze Nacht über war ein ewiges Kommen und Gehen von Maultieren und
Eseltreibern mit ihren schellenbehangenen Schutzbefohlenen.
Am 15. Oktober gings weiter nach Nankau, das das breite Quertal
abschließt. Ich mußte dorthin, um meine Stiefel reparieren zu lassen,
und, o Schreck, wir konstatierten bei dieser Gelegenheit, daß wir uns
stark vermarschiert hatten und statt am Westrande am Nordrande des Wu
tai schan, östlich von Taitschau, angelangt waren. Wir waren also hinter
Wutaischan über den falschen Paß gegangen. Zu ändern war das natürlich
nicht mehr, ich konnte nur feststellen, daß die Karte wieder einmal
falsch gezeichnet war.
Am 16. Oktober marschierten wir auf dem alten Wege nach Yie-tou zurück
und bogen von dort in ein anderes Quertal ab. Wir passierten einen Paß,
dessen letzter Anstieg sehr steil mit Felssteinen gepflastert ist; die
Krönung des Passes ist ein Tempel, durch den man mitten hindurchreitet.
Der Abstieg ist ebenso wie der Aufstieg. Ein Pony verlor sein Eisen, so
daß wir ihn nur noch führen konnten, da er stark lahmte. Wieder zogen
wir von Dorf zu Dorf, ohne ein Gasthaus finden zu können; endlich kamen
wir gegen Abend in Jin-tsia-pu, einem kleinen Neste, bei einem alten
Mann unter. Die Leute sind hier ganz unglaublich neugierig; trotz
mehrfachen Hinausbringens der ganzen Gesellschaft war binnen kürzester
Zeit das ganze Zimmer wieder voll. Es schleicht sich immer einer nach
dem andern herein und baut sich auf, um mich mit möglichstem Stumpfsinn
anzustarren; jede Bewegung wird beobachtet und bekrittelt und alles
befühlt. Vorgestern sollen übrigens drei deutsche Offiziere auf dem Wegs
nach Wutaischan hier durchgekommen sein. Am 17., als ich mich gerade
erheben wollte, fand ich schon wieder den ganzen Hof voller Neugieriger.
In Ermanglung von etwas anderm goß ich mit meinem Waschwasser um mich,
was unbedingt zur Abkühlung der Neugierigen beitrug, denn wenigstens für
die Zeit des Anziehens hatte ich die Gesellschaft in respektvoller
Entfernung. Nachher gab es ein großes Theater, als der Gasthausbesitzer
kein Silber wechseln wollte; er spekulierte jedenfalls auf das gezeigte
Zweitaelstück. Als ich dieses jedoch ruhig einsteckte und Miene machte,
ohne Bezahlung abzuziehen, war sofort kleines Geld da.
Nach Passieren weiterer drei Dörfer fanden wir endlich einen Schmied,
der den lahmen Pony, der bisher stets deutsche Eisen getragen hatte, nun
auf chinesische Art beschlug. Nach chinesischer Sitte schlug er ihm vorn
die Zehe ab, außerdem schien er ihn vernagelt zu haben, denn das Tier
ging schließlich noch lahmer als es schon vorher gewesen war. Der alte
Meister beschlug es nun noch einmal selbst und behauptete, die Lahmheit
würde sich nach kurzer Zeit verlieren. Er behielt Recht, denn nach
weiteren drei Kilometern war tatsächlich die Lahmheit weg.
Nach 2½ stündigem Marsch über mehrere Gebirgsketten kamen wir in
Wutai Hsien an, das einen merkwürdig sauberen Eindruck machte. Hier
wollte uns wieder mal kein Gasthaus aufnehmen, bis schließlich ein Mann
uns half, der die vor zwei Tagen hier weilenden deutschen Offiziere
gesehen hatte und dem Gastwirt versicherte, daß die Deutschen anständige
Menschen wären. Am Abend würdigte mich ein Pekinger Kaufmann der Ehre,
mich anpumpen zu wollen, jedoch mit krassem Mißerfolg.
Am 18. Oktober ging es weiter durch fruchtbare Täler über mehrere Pässe
nach Tung-ye-tschönn. Wir kreuzten den ungefähr hundert Meter breiten,
ganz flachen Hu-to-ho, der zur Bewässerung in unzählige kleine Rinnen
abgeleitet wird. Es ging noch über einen letzten Paß, und die ersten
Karren zeigten uns an, daß die Ebene vor uns lag. Die Tragetiere mit
ihren buntbeputzten Trensen und Halftern verschwanden, ebenso die
Steinhäuser, und bald hatten wir den Anblick der üblichen schmierigen
Nester mit ihren Lehmbuden. Auch hier war überall die Menge sehr
neugierig und nur durch energisches Gießen mit Wasser vom Leibe zu
halten. In den Feldern standen merkwürdig viele Peifangs (Grabsteine);
sie haben alle dieselbe Form: ein hohes Rechteck mit am Kopf
gegeneinander gewandten Drachen mit offenen Rachen. Ich schoß auf 110
Schritte einen großen Bussard. Gegen 5 Uhr waren wir in Tinghsiang, wo
die auf der Karte verzeichnete christliche Mission nicht vorhanden ist.
Am nächsten Morgen hatten wir beim Aufstehen ganz dicken Nebel, aber
trotzdem marschierte ich gegen 8 Uhr ab, die Richtung nach dem Kompaß
nehmend. Wir sahen in den Feldern sehr viele Wildgänse, an die man im
Nebel auf ganz kurze Distanz herankam, wobei ich einmal eine schoß.
Gegen 11 Uhr verschwand der Nebel, und wir stellten fest, daß wir auf
dem richtigen Wege waren. Bald lag Hsintschau vor uns. Wir mußten durch
die ganze Stadt hindurch, in deren Hauptstraße eine ganze Menge
Verbrecher im Holzkragen, mit Halsring und mit vier Meter langer,
schwerer, eiserner Kette auffiel. Es war Markttag und die Straßen sehr
belebt; das Volk nahm jedoch kaum Notiz von mir, und nur einige
Straßenjungen liefen hinter uns her. Ich ritt zur Mission, in der ich
jedoch nur einen chinesischen Pater antraf. Nach zweistündiger Ruhepause
gings auf dem breiten, sehr zerfahrenen Hauptwege nach Taiyuanfu weiter.
Wir blieben in Ma Hweitschönn über Nacht, dessen Gasthäuser mit einer
Schwadron belegt waren, die auf die Ankunft der Frau des Hsintschauer
Taotais wartete, um sie in Empfang zu nehmen und weiter nach Hsintschau
zu eskortieren. Die hohe Dame hatte einen Ausflug nach Taiyuanfu
gemacht; am Abend brachte ein reitender Bote jedoch die Nachricht, daß
in Taiyuanfu schwerer Regen gefallen sei und die Taitai nicht komme.
Mein Pony war leider wieder sehr lahm und am nächsten Morgen, dem 20.
Oktober, immer noch nicht besser, so daß ich ihm die Eisen abnehmen
ließ, was wenigstens momentan Besserung schaffte. Die Leute im Gasthaus
hatten mir versichert, daß der Weg sandig wäre, natürlich fiel ich
herein, denn nach kurzer Zeit wurde er ganz steinig und schließlich
gings über Felsboden. Gegen Mittag passierten wir die Taitai des
Mandarins in Begleitung einiger weniger Soldaten; sie mußte nun ohne
ihre Ehreneskorte in Hsintschau einziehen. Wir mußten den ganzen Weg die
recht müden Ponies führen und noch mehrfach Pausen einlegen, da mein
"Franz" über und über schwitzte. Allmählich gings wieder in tief
eingeschnittene Lehmschluchten; das Gelände wurde sonst flacher, die
Berge traten mehr und mehr zurück. Am Abend kamen wir in Hwangtuschei
ganz gut unter.
[Illustration: Gedenkstein der 1900 ermordeten Missionare]
Am 21. Oktober ging es ganz früh weiter. "Franz" war etwas besser, er
lahmte zwar noch, aber nicht mehr so schlimm wie gestern. Die Straße
wurde immer ausgefahrener, der Verkehr stärker, man merkte, daß man sich
der Hauptstadt näherte. Dorf reihte sich in kurzen Zwischenräumen an
Dorf, sehr viele Wohnungen waren direkt in die hohen Lehmwände
hineingebaut. Viele dieser sogenannten Wohnungen waren infolge des
schweren Regens eingestürzt, andere verlassen, man sah recht viel Elend
und viele Bettler an der Straße. Gegen drei Uhr nachmittags kam eine
hohe Pagode und bald darauf die Stadtmauer von Taiyuanfu in Sicht. Man
hörte den langen Pfiff einer Dampfpfeife, die die Leute zur Arbeit rief,
es mußte also eine Fabrik hier sein. Wir ritten in die Stadt; gleich am
Tore fragte uns ein Polizist in bescheidener Weise nach Namen und
Nation. Die Einwohner schienen hier an die Fremden gewöhnt zu sein, denn
sie kümmerten sich eigentlich gar nicht um uns. In der Stadt war
verhältnismäßig wenig Leben, jedoch scheint starke Garnison darin zu
liegen, und ganz wie bei uns in Deutschland hörte man die Hornisten
Signale üben. Mitten in der Stadt am Futai-Yamen kamen wir an einer
steinernen Erinnerungstafel vorbei, auf der 26 Namen von den im Jahre
1900 hingemordeten Missionaren verzeichnet sind. Die Stadt ist durch
eine hohe Mauer mit Toren in eine nördliche und eine südliche Hälfte
geschieden. Wir kamen am mittleren Tor in einer großen Herberge unter
und hatten bald alles, was wir brauchten. Nebenan war der Yamen, und
sobald ein Mandarin kam oder ging, wurden am Tore drei Kanonenschläge
gelöst. Da das Geschieße den ganzen Nachmittag ging, müssen hier wohl
sehr viele Mandarinen sein.
[Illustration: Taiyuanfu. -- Beim Barbier]