Zum Abmarsch am 9. Oktober war wiederum die ganze Stadt versammelt, die

Leute benahmen sich aber anständig. Es ging weiter in die Berge hinein.

Gleich am Nordtor mußten wir absitzen und führen, da der Weg gänzlich

aufhörte. Gott sei Dank trafen wir einige Maultiertreiber, die uns

zurechtwiesen, wir waren gerade auf einen falschen Weg am Eingange der

Schlucht geraten. Die Straße führte zuerst in dem in der Talsohle

fließenden Bach entlang; der Eingang der Schlucht wird durch Warttürme

gesichert. Man konnte von hier aus sehen, wie gut die kleine Festung den

Taldurchgang sperrt. Der Weg ist auch fernerhin sehr steinig, es

herrschte so gut wie gar kein Verkehr; rechts und links sind fast

senkrecht aufsteigende, gänzlich vegetationslose Wände. Nach ungefähr

einer Stunde Marsch gelangten wir zu einer kleinen Ansiedlung, hinter

der sich das Tal teilte. Wir marschierten links ab, jetzt am Hang der

steilen Talwände entlang auf einem ganz schmalen Maultierpfade. Mehrfach

mußten wir das Packpferd abpacken, da wir sonst Gefahr liefen, daß das

Tier abstürzte. Einmal trafen wir einen Mönch aus Wutaischan, an den

mein Mafu sofort die neugierige Frage richtete, ob es dort sehr kalt

sei. Zu seiner Beruhigung meinte der Mönch, es sei dort auch nicht

anders als hier. Weiterhin trafen wir einige Maultiertreiber, die uns

wie übermenschliche Wesen anstaunten; sie hatten noch nie einen Europäer

gesehen. Der letzte Aufstieg war ganz besonders steil, und als wir um

11½ Uhr die Paßhöhe erreicht und einen Einblick in das jenseitige Tal

hatten, war ich sehr froh.

Der Abstieg auf der Südseite war leichter, da es auf lehmigen Wänden

hinabging, und nach einer Stunde waren wir im Tal und einen letzten

einsamen Kegel umgehend, an einem Gehöft vorbei, im Dorf Paimatschwang.

Die Leute waren auch hier wieder frech und zudringlich, es war keine

Unterkunft zu erlangen, bis sich schließlich ein alter Mann unserer

erbarmte und uns natürlich zu dem Gehöft führte, das wir gerade passiert

hatten, so daß wir den letzten Teil des Weges umsonst gemacht hatten. Es

gab kein Pferdefutter, die Tiere bekamen noch nicht reife, als Häcksel

geschnittene Gerste. Hier wohnt ein hübscher Menschenschlag, der

auffallend große dunkle Augen und dunkle Haare hat und gegenüber den

Chinesen der Ebene sehr viel kräftiger aussieht. Beim Weitermarsch ging

es in der Talsohle entlang, zusammen mit freundlichen Maultiertreibern,

die uns führten, dann weiter über die südlichen Berge. Um 3½ Uhr

passierten wir noch eine Paßhöhe und gewannen den Einblick in das

wirklich imponierende etwa 1500 m hohe Wutai-Gebirge. Ein eisiger Wind

pfiff uns entgegen, die Sonne war hinter Wolken verschwunden, und vor

uns lag noch ein endloser Abstieg auf Serpentinen. Ich wollte eigentlich

nach Schachoa, an der großen Straße nach Pautingfu, und bekam es

allmählich mit der Angst zu tun, als immer noch kein Haus in Sicht kam.

Gegen 4¾ Uhr passierten wir rechts einen Tempel, der genau wie ein

Schweizerhäuschen aussah, eine halbe Stunde später fanden wir endlich im

Tale eine Ansiedlung mit einem Gasthause, Cho-cho. Es war zwar alles

etwas teuer, und außerdem war das Unterhandeln mit Schwierigkeiten

verknüpft, da die Leute dieser abgelegenen Gebirgsgegend einen ganz

merkwürdigen Dialekt sprechen; ich war aber froh, daß ich untergekommen

war und bezahlte daher gern etwas mehr. Am Abend nahm ich zum Entsetzen

der versammelten Dorfjugend ein Bad in dem eiskalten, an dem Gasthaus

vorüberfließenden Bach.

Der 10. Oktober brachte uns morgens nach dem ungefähr 15 Kilometer

entfernten Schachoa. Wir marschierten zwischen senkrechten, bis 150

Meter hohen Lehmwänden, in denen große Höhlen sind, die von den Bauern

als Scheunen, zum Teil auch als Wohnungen benutzt werden. Das Wu

tai-Gebirge war heute ganz in Wolken. Gegen 9½ Uhr waren wir in

Schachoa, das inmitten von Bäumen hübsch gelegen ist. In einem der

großen Gasthäuser bekamen wir alles, was wir haben wollten, und Sattler

wie Schneider wurden in Nahrung gesetzt. Entsetzlich war die Neugierde

der Menschen; sie bohrten sich mit nassen Fingern stets kleine Löcher in

die Papierfenster, bis ich, rücksichtslos das Fenster durchstoßend,

einen mit dem Stock mitten auf die Nase traf. Daraufhin erfolgte

allgemeiner Rückzug auf zwanzig Schritte. Meine Ponies waren recht

pflastermüde, aber da uns gerade ein von Wu tai kommender Lama erzählte,

daß in einer Entfernung von ungefähr 20 Kilometer eine gute Herberge

läge, beschloß ich trotzdem, weiter zu marschieren. Die ganze Stadt

begleitete uns bis hinaus. Im schönsten Sonnenschein ging es durch die

vielleicht sieben Kilometer breite, leicht gewellte Ebene, aus der dann

das Gebirge schroff und ganz plötzlich aufsteigt. Alle Steine, die die

Leute von den Feldern aufsammeln, werden auf die Wege geworfen, so daß

sich diese in einem für die Pferdebeine wenig angenehmen Zustande

befinden.

Ich konnte mich hier mit den Leuten überhaupt nicht verständigen, meinem

Mafu gelang es auch nur mit großen Schwierigkeiten; er mußte alles erst

ein- bis zweimal wiederholen. Ein lustiger Chinese, der scheinbar einen

zu viel getrunken hatte, bot uns Schnaps an. Es scheint hier jeder sein

Schnäpschen täglich zu nehmen, wenigstens versicherte es der Chinese.

Wir trafen merkwürdig viele Leute mit weißen Trauerabzeichen; die

Cholera soll hier im Volke ziemlich gehaust haben.

Gegen 4 Uhr waren wir in Tung-hsi-nien, einem einzelnen Gehöft, das

einen recht verlodderten Eindruck machte. Neben dem Gehöft liegt ein

schöner Besitz eines reichen Chinesen. Wir sollten im Kulischlafzimmer

unterkommen, ich nahm aber lieber in der Kartoffelkammer Platz; jedoch

auch hier erwischte mich das Ungeziefer. In der Gegend wird ein ganz

leidlicher Hafer gebaut; das ganze Plätzchen ist wirklich idyllisch in

dieser Felswüste gelegen.

Am nächsten Morgen, den 11. Oktober, gings ohne Frühstück weiter. Im

Steingeröll liegen zuweilen kleine Felder, die unter unendlicher Mühe

dem felsigen Boden abgerungen sein müssen; rings herum haben sie hohe

Steinwälle. Zu beiden Seiten des Tales steigen fast senkrechte Wände

Hunderte von Metern empor, im Grunde fließt ein Bach, den wir oft

kreuzten. Ganz vereinzelt tauchten von weitem dürftig bewaldete Kuppen

auf. Der Himmel bezog sich mehr und mehr, und da es anfing leicht zu

regnen, zog ich es um 10½ Uhr vor, in der hübsch gelegenen Herberge

von Sze-ping einzukehren. Wir hatten gerade den zehn Kilometer langen,

hohen, beschwerlichen Paß vor uns. Bis auf unreif geschnittenen,

unausgedroschenen Hafer gab es für die Pferde nichts zu fressen. Nach

langem Parlamentieren bekam ich für uns etwas Mehl und sieben Eier, so

daß der Mafu wenigstens Brot backen konnte. Den Pferden gab ich als

Zusatz noch gestampfte Kartoffeln, die sie zwar nicht gern fraßen, aber

schließlich doch nahmen. Der Erfolg war denn auch, daß sie am Abend

unglaublich dicke Bäuche hatten.

Es regnete den ganzen Tag weiter, und dem Regen hatte ich es wohl zu

verdanken, daß ich nicht weiter belästigt wurde. Das Dorf hatte sowieso

nicht viele Einwohner, und diese mußten mich schließlich alle gesehen

haben. Am Abend kam der Wirt und machte mich darauf aufmerksam, daß die

Sze-pinger recht gerne stehlen und schon einmal in demselben Zimmer

einen Reisenden, jedenfalls wohl keinen Europäer, ausgeplündert hätten.

Ich sagte ihm, er möchte den lieben Mitbewohnern mitteilen, daß ich

sofort schießen würde, sowie einer es wage, nachts durch Tür oder

Fenster hereinzuklettern. Natürlich legte ich vorsichtshalber meine

Mauserpistole neben mein Lager, hatte aber nicht nötig, irgendwie davon

Gebrauch zu machen.

Am nächsten Morgen hatte der Regen aufgehört, mir fiel jedoch auf, daß

die gesamte Maultiertreibergesellschaft, die, Stangenholz nach der Ebene

bringend, mit uns in derselben Herberge übernachtet hatten, wohl die

Packsättel aufgelegt, hatten, jedoch die Lasten noch im Hause unter Dach

und Fach stehen ließen und gar keine Anstalt machten, aufzubrechen,

obwohl sie sonst um diese Zeit längst unterwegs zu sein pflegten. Auf

mein Befragen zeigten sie nordwärts auf den Himmel. Der Mafu erklärte

mir bald, daß sie aus Furcht vor dem im Paß zu erwartenden Nebel nicht

abzogen. Ich riskierte es, zu marschieren und geriet natürlich gerade

mitten im Paß in den Nebel. Gott sei Dank ohne den Weg zu verfehlen. Wir

mußten die Pferde führen, zumal die Straße sehr schlecht und kaum zu

erkennen war, da der gestrige Regen alle Spuren fortgewischt hatte. Bei

dem oftmaligen Kreuzen des heute ziemlich viel Wasser führenden Baches

wurde man unten herum bald ganz naß, da die Steine, auf denen man sonst

übergeht, unter Wasser waren. Die Berge sind nicht mehr so schroff, und

man sieht öfter bewaldete Kuppen; an einigen Hängen war merkwürdig hoch

hinauf Hafer angebaut, der jetzt noch nicht reif war. Nach zwei Stunden

begann der Aufstieg zum Paß, nach einer ferneren Stunde kam es aus

Norden wie eine dicke weiße Wand, und binnen fünf Minuten waren wir im

undurchdringlichsten Nebel; wir konnten nicht mehr fünf Schritte weit

sehen. Ich ging, die beiden Reittiere führend, voran, immer dicht vor

mich hin auf den Weg sehend. Ein paar Mal waren wir doch von den sich

von fünf zu fünf Metern folgenden Serpentinen abgekommen, fanden uns

aber immer wieder zurecht; ein Absturz wäre wenig angenehm gewesen.

Allmählich löste sich der Nebel in Regen auf, und als wir noch höher

kamen, wurde Hagel und Schnee daraus. Gegen 11¼ Uhr hatten wir die

Paßhöhe erreicht. Wir merkten es schon vorher, denn der Wind sprang nach

Süden um, also mußten wir oben sein. Es herrschte eisige Kälte, aber von

Zeit zu Zeit hatten wir kurze Durchblicke.

Ich machte kurze Rast und nahm mein karges Frühstück, aus einigen harten

Eiern und Äpfeln bestehend, zu mir, dann gings an den Abstieg. Gegen 12

Uhr verzog sich der Nebel, und nach ganz kurzer Zeit schien die schönste

Sonne. Vor uns lag das Wu tai schan-Tal. Von weitem sah man rote

Tempelmauern und zwischen hohen Bäumen gelegene weiße Pagoden;

näherkommend unterschieden wir viele auf Hügeln verstreute

Tempelgruppen, die sich um einen Kessel, in dem die Stadt liegt,

gruppierten. Auf einem vorspringenden Rücken lag eine lange Gruppe von

Gebäuden mit gelben und blauen Porzellandächern und goldenen Knäufen, es

war die Wohnung des Ta-lamas. An den Berghängen lagen unzählige große

und kleine flaschenförmige Pagoden; es waren die Gräber der hier

verstorbenen Mönche oder Pilger. Überall und überall entdeckten wir

weitere Tempelgruppen, und schließlich sahen wir, daß alle das Tal

umgebenden Höhen von Tempeln gekrönt waren, was ein ganz reizendes Bild

bot.

Ein freundlicher Chinese führte uns zu dem Gasthaus, in dem die Leute

sehr entgegenkommend waren; auch hier hielt man mich für einen

Amerikaner. Wir bekamen alles, was wir wünschten; ein Schuster flickte

meine infolge des vielen Watens durch die Bäche in Brüche gehenden

Stiefel. Nach dem Essen ging ich in die Stadt. Über den das Tal

durchströmenden Bach geht eine breite Brücke, links liegt ein ummauerter

Hain mit Lamagräbern, weiterhin die Ställe der Priester, jedoch ohne

Tiere. Es folgen rechts wiederum Tempel, die Anlage ist unregelmäßig;

wahrscheinlich ist sie zu verschiedenen Zeiten entstanden. Die Wohnungen

der Priester sind höchst schmutzig und verkommen, auch sieht man sehr

viele Kranke, besonders scheint eine Augenkrankheit verbreitet zu sein.

Sämtliche Straßen sind mit Steinen gepflastert. Ich trat in einen der

Tempelhöfe, um mir die Anlage anzusehen. An sich ist sie regelmäßig, die

Tempel im Innern wundervoll reich ausgestattet, auf der letzten Terrasse

liegt ein über und über vergoldetes Tempelchen, ganz aus Metall erbaut.

Ein uralter Priester öffnete es und zeigte uns stolz, wie tadellos

sauber es überall darin war. Vor dem Tempelchen steht eine ganz

vergoldete Pagode aus übereinander stehenden Kegeln. Ich hatte kein Geld

bei mir, es wurde auch kein Trinkgeld gefordert, aber als ich nichts

gab, laut hinter mir hergeschimpft. Es regnete wieder sehr viel. Am

Abend nach der Rückkehr besuchten mich viele der Priester, beständig

Gebete murmelnd und den in den Händen befindlichen Rosenkranz drehend.

Wutaischan ist einer der Hauptwallfahrtsorte der Mongolen; es wird zu

jeder Jahreszeit von diesen besucht. Sie beklagen sich meist sehr

darüber, daß sie von den Chinesen, deren Land sie zu passieren gezwungen

sind, rücksichtslos ausgebeutet werden. Natürlich müssen sie in allen

Herbergen Pferdefutter und womöglich noch fürs Tränken zahlen, was

draußen in ihrer freien Steppe nichts kostet. Viele alte Leute nehmen

ihre letzten Kräfte zusammen, um noch nach Wutaischan zu wandern, hier

zu sterben und dann in der geheiligten Erde begraben zu werden. Andere

vermachen ihr ganzes Vermögen den Tempeln, um dort leben zu können und

so nach dem Tode einen höheren Grad von Glückseligkeit zu erlangen.

Am 13. Oktober morgens regnete es zur Abwechslung wieder einmal. Ich

schickte meinen Mafu mit Visitenkarte und Paß zur Polizei, um bei dem

Ta-lama einen Besuch machen zu können, mußte mich jedoch gedulden, da es

den ganzen Vormittag regnete und schneite und außerdem der

Polizeipräfekt ein Langschläfer zu sein schien, der mich ziemlich lange

auf seine Karte warten ließ. Gegen drei Uhr nachmittags hörte es auf zu

schneien; der Schnee war jedoch liegen geblieben und die Berge ringsum

ganz weiß. Die Wolken fingen an zu treiben, und bisweilen hatte man

schon Durchblicke. Ich machte mich sofort auf den Weg zu der vorher

erwähnten, hochgelegenen Haupttempelgruppe, an deren Eingang ich gleich

von einer ganzen Schar Lamas in Empfang genommen wurde. Bereitwilligst

wurde mir alles geöffnet und gezeigt. Um alle Tempel herum standen

Schiefertafeln mit dankender Erwähnung von Geld spendenden Gläubigen,

meistens von Mongolen. Auch hier ist das Tempelinnere außerordentlich

prunkvoll, und man sieht wundervolle alte Bronzen und Cloisonnées. Die

Priesterwohnungen sind teils recht üppig, teils gleichen sie geradezu

Schweineställen.

Schließlich wurde ich noch vom Ta-lama in seiner recht schönen Wohnung

empfangen, jedoch Seine Herrlichkeit schien schlechter Laune zu sein,

denn trotz meiner vorherigen Anmeldung durch Karte wurde mir nicht

einmal Tee angeboten. Der Ta-lama war ein fetter kleiner Mann, in einem

dick wattierten, gelben, gesteppten Anzug. Ich beschränkte meine

Aufwartung auf nur wenige Minuten und ging dann weiter durch endlose,

unendlich schmutzige Gänge, an denen die Lamas in jedem Alter wohnen.

Auch Tempelschüler sah ich, die alle, im Gegensatz zu den Priestern, ein

frisches und gesundes Aussehen hatten. In einer ziemlich hoch gelegenen

Bergspalte wurde mir noch das nie schmelzende Eis gezeigt, das Wunder

bewirken und jede Krankheit heilen soll.

Am 14. Oktober morgens hatten wir eine ganz infame Kälte, die Berge

ringsum waren mit Schnee bedeckt und unten alles fest gefroren. Ich

bezahlte meine recht hohe Rechnung und marschierte durch die Stadt ab.

Auch weiterhin liegen an den Hängen überall Tempel und Grabsteinpagoden.

Der Anstieg zum Tse-ko-ling-Paß ist sehr steil, und da das Packtier

infolge des Glatteises mehrfach versagte, wurde ein mehrmaliger Halt

notwendig. Bald waren wir im Schnee und erreichten gegen 11½ Uhr die

Paßhöhe, auf der eine hohe Pagode erbaut ist. Auch der Abstieg war sehr

steil, und recht allmählich erreichten wir ein steiniges Flußtal, in

dessen Grunde ein infolge des Regens ziemlich wasserreicher Bach floß.

Wir passierten wenige kleine Dörfer. Bewunderungswürdig ist es, mit

welcher Geduld jedes Fleckchen Erde bis hoch hinauf ausgenutzt ist. Die

Felsen traten immer näher zusammen und der Weg wurde immer schlechter.

Schließlich marschierten wir eigentlich ununterbrochen im Bache. Bei

einer besonders schlechten Passage sprang mir mein Pony aufs rechte Bein

und trat mir den Absatz herunter. Ich mußte ihn abschneiden, was für das

Fortkommen recht störend war. Die Sonne war hinter den hohen Bergen

längst verschwunden und vergoldete nur noch die schneebedeckten hohen

Kuppen, und noch immer war das ersehnte Yie-tou nicht in Sicht. Wir

marschierten so schnell wir konnten, ohne Rücksicht auf Bach und Steine,

so daß wir bald bis über die Knie durchnäßt waren; bald trat die

Dämmerung ein, und der Vollmond leuchtete uns auf unserm ferneren Wege.

Endlich gegen 6 Uhr waren wir an einer Talverbreiterung angelangt und

hatten vor uns Yie-tou, das im Mondschein ein entzückendes Bild bot. Die

ganze Nacht über war ein ewiges Kommen und Gehen von Maultieren und

Eseltreibern mit ihren schellenbehangenen Schutzbefohlenen.

Am 15. Oktober gings weiter nach Nankau, das das breite Quertal

abschließt. Ich mußte dorthin, um meine Stiefel reparieren zu lassen,

und, o Schreck, wir konstatierten bei dieser Gelegenheit, daß wir uns

stark vermarschiert hatten und statt am Westrande am Nordrande des Wu

tai schan, östlich von Taitschau, angelangt waren. Wir waren also hinter

Wutaischan über den falschen Paß gegangen. Zu ändern war das natürlich

nicht mehr, ich konnte nur feststellen, daß die Karte wieder einmal

falsch gezeichnet war.

Am 16. Oktober marschierten wir auf dem alten Wege nach Yie-tou zurück

und bogen von dort in ein anderes Quertal ab. Wir passierten einen Paß,

dessen letzter Anstieg sehr steil mit Felssteinen gepflastert ist; die

Krönung des Passes ist ein Tempel, durch den man mitten hindurchreitet.

Der Abstieg ist ebenso wie der Aufstieg. Ein Pony verlor sein Eisen, so

daß wir ihn nur noch führen konnten, da er stark lahmte. Wieder zogen

wir von Dorf zu Dorf, ohne ein Gasthaus finden zu können; endlich kamen

wir gegen Abend in Jin-tsia-pu, einem kleinen Neste, bei einem alten

Mann unter. Die Leute sind hier ganz unglaublich neugierig; trotz

mehrfachen Hinausbringens der ganzen Gesellschaft war binnen kürzester

Zeit das ganze Zimmer wieder voll. Es schleicht sich immer einer nach

dem andern herein und baut sich auf, um mich mit möglichstem Stumpfsinn

anzustarren; jede Bewegung wird beobachtet und bekrittelt und alles

befühlt. Vorgestern sollen übrigens drei deutsche Offiziere auf dem Wegs

nach Wutaischan hier durchgekommen sein. Am 17., als ich mich gerade

erheben wollte, fand ich schon wieder den ganzen Hof voller Neugieriger.

In Ermanglung von etwas anderm goß ich mit meinem Waschwasser um mich,

was unbedingt zur Abkühlung der Neugierigen beitrug, denn wenigstens für

die Zeit des Anziehens hatte ich die Gesellschaft in respektvoller

Entfernung. Nachher gab es ein großes Theater, als der Gasthausbesitzer

kein Silber wechseln wollte; er spekulierte jedenfalls auf das gezeigte

Zweitaelstück. Als ich dieses jedoch ruhig einsteckte und Miene machte,

ohne Bezahlung abzuziehen, war sofort kleines Geld da.

Nach Passieren weiterer drei Dörfer fanden wir endlich einen Schmied,

der den lahmen Pony, der bisher stets deutsche Eisen getragen hatte, nun

auf chinesische Art beschlug. Nach chinesischer Sitte schlug er ihm vorn

die Zehe ab, außerdem schien er ihn vernagelt zu haben, denn das Tier

ging schließlich noch lahmer als es schon vorher gewesen war. Der alte

Meister beschlug es nun noch einmal selbst und behauptete, die Lahmheit

würde sich nach kurzer Zeit verlieren. Er behielt Recht, denn nach

weiteren drei Kilometern war tatsächlich die Lahmheit weg.

Nach 2½ stündigem Marsch über mehrere Gebirgsketten kamen wir in

Wutai Hsien an, das einen merkwürdig sauberen Eindruck machte. Hier

wollte uns wieder mal kein Gasthaus aufnehmen, bis schließlich ein Mann

uns half, der die vor zwei Tagen hier weilenden deutschen Offiziere

gesehen hatte und dem Gastwirt versicherte, daß die Deutschen anständige

Menschen wären. Am Abend würdigte mich ein Pekinger Kaufmann der Ehre,

mich anpumpen zu wollen, jedoch mit krassem Mißerfolg.

Am 18. Oktober ging es weiter durch fruchtbare Täler über mehrere Pässe

nach Tung-ye-tschönn. Wir kreuzten den ungefähr hundert Meter breiten,

ganz flachen Hu-to-ho, der zur Bewässerung in unzählige kleine Rinnen

abgeleitet wird. Es ging noch über einen letzten Paß, und die ersten

Karren zeigten uns an, daß die Ebene vor uns lag. Die Tragetiere mit

ihren buntbeputzten Trensen und Halftern verschwanden, ebenso die

Steinhäuser, und bald hatten wir den Anblick der üblichen schmierigen

Nester mit ihren Lehmbuden. Auch hier war überall die Menge sehr

neugierig und nur durch energisches Gießen mit Wasser vom Leibe zu

halten. In den Feldern standen merkwürdig viele Peifangs (Grabsteine);

sie haben alle dieselbe Form: ein hohes Rechteck mit am Kopf

gegeneinander gewandten Drachen mit offenen Rachen. Ich schoß auf 110

Schritte einen großen Bussard. Gegen 5 Uhr waren wir in Tinghsiang, wo

die auf der Karte verzeichnete christliche Mission nicht vorhanden ist.

Am nächsten Morgen hatten wir beim Aufstehen ganz dicken Nebel, aber

trotzdem marschierte ich gegen 8 Uhr ab, die Richtung nach dem Kompaß

nehmend. Wir sahen in den Feldern sehr viele Wildgänse, an die man im

Nebel auf ganz kurze Distanz herankam, wobei ich einmal eine schoß.

Gegen 11 Uhr verschwand der Nebel, und wir stellten fest, daß wir auf

dem richtigen Wege waren. Bald lag Hsintschau vor uns. Wir mußten durch

die ganze Stadt hindurch, in deren Hauptstraße eine ganze Menge

Verbrecher im Holzkragen, mit Halsring und mit vier Meter langer,

schwerer, eiserner Kette auffiel. Es war Markttag und die Straßen sehr

belebt; das Volk nahm jedoch kaum Notiz von mir, und nur einige

Straßenjungen liefen hinter uns her. Ich ritt zur Mission, in der ich

jedoch nur einen chinesischen Pater antraf. Nach zweistündiger Ruhepause

gings auf dem breiten, sehr zerfahrenen Hauptwege nach Taiyuanfu weiter.

Wir blieben in Ma Hweitschönn über Nacht, dessen Gasthäuser mit einer

Schwadron belegt waren, die auf die Ankunft der Frau des Hsintschauer

Taotais wartete, um sie in Empfang zu nehmen und weiter nach Hsintschau

zu eskortieren. Die hohe Dame hatte einen Ausflug nach Taiyuanfu

gemacht; am Abend brachte ein reitender Bote jedoch die Nachricht, daß

in Taiyuanfu schwerer Regen gefallen sei und die Taitai nicht komme.

Mein Pony war leider wieder sehr lahm und am nächsten Morgen, dem 20.

Oktober, immer noch nicht besser, so daß ich ihm die Eisen abnehmen

ließ, was wenigstens momentan Besserung schaffte. Die Leute im Gasthaus

hatten mir versichert, daß der Weg sandig wäre, natürlich fiel ich

herein, denn nach kurzer Zeit wurde er ganz steinig und schließlich

gings über Felsboden. Gegen Mittag passierten wir die Taitai des

Mandarins in Begleitung einiger weniger Soldaten; sie mußte nun ohne

ihre Ehreneskorte in Hsintschau einziehen. Wir mußten den ganzen Weg die

recht müden Ponies führen und noch mehrfach Pausen einlegen, da mein

"Franz" über und über schwitzte. Allmählich gings wieder in tief

eingeschnittene Lehmschluchten; das Gelände wurde sonst flacher, die

Berge traten mehr und mehr zurück. Am Abend kamen wir in Hwangtuschei

ganz gut unter.

[Illustration: Gedenkstein der 1900 ermordeten Missionare]

Am 21. Oktober ging es ganz früh weiter. "Franz" war etwas besser, er

lahmte zwar noch, aber nicht mehr so schlimm wie gestern. Die Straße

wurde immer ausgefahrener, der Verkehr stärker, man merkte, daß man sich

der Hauptstadt näherte. Dorf reihte sich in kurzen Zwischenräumen an

Dorf, sehr viele Wohnungen waren direkt in die hohen Lehmwände

hineingebaut. Viele dieser sogenannten Wohnungen waren infolge des

schweren Regens eingestürzt, andere verlassen, man sah recht viel Elend

und viele Bettler an der Straße. Gegen drei Uhr nachmittags kam eine

hohe Pagode und bald darauf die Stadtmauer von Taiyuanfu in Sicht. Man

hörte den langen Pfiff einer Dampfpfeife, die die Leute zur Arbeit rief,

es mußte also eine Fabrik hier sein. Wir ritten in die Stadt; gleich am

Tore fragte uns ein Polizist in bescheidener Weise nach Namen und

Nation. Die Einwohner schienen hier an die Fremden gewöhnt zu sein, denn

sie kümmerten sich eigentlich gar nicht um uns. In der Stadt war

verhältnismäßig wenig Leben, jedoch scheint starke Garnison darin zu

liegen, und ganz wie bei uns in Deutschland hörte man die Hornisten

Signale üben. Mitten in der Stadt am Futai-Yamen kamen wir an einer

steinernen Erinnerungstafel vorbei, auf der 26 Namen von den im Jahre

1900 hingemordeten Missionaren verzeichnet sind. Die Stadt ist durch

eine hohe Mauer mit Toren in eine nördliche und eine südliche Hälfte

geschieden. Wir kamen am mittleren Tor in einer großen Herberge unter

und hatten bald alles, was wir brauchten. Nebenan war der Yamen, und

sobald ein Mandarin kam oder ging, wurden am Tore drei Kanonenschläge

gelöst. Da das Geschieße den ganzen Nachmittag ging, müssen hier wohl

sehr viele Mandarinen sein.

[Illustration: Taiyuanfu. -- Beim Barbier]

Im Sattel durch Zentralasien: 6000 Kilometer in 176 Tagen · 第 3 / 26 段