daher sofort danach. Es dauerte eine Zeit lang, bis endlich ein Chimbo
-- Polizist -- der nach Shanghaier Art uniformiert war, die Führung nach
dem ihm bekannten Hause übernahm. Wir passierten die stark belebte
Hauptstraße und ich entdeckte mit einem Male links ein Holzschild mit
der Aufschrift "Schmelzers Hotel" und einer nach einer Nebenstraße
weisenden Hand. Unser führender Chimbo steuerte auch schon, einige nicht
schnell genug Platz machende Chinesen rücksichtslos prügelnd, in die
bezeichnete Nebenstraße, und nach einiger Zeit standen wir vor einem
Torbogen, der oben die angenehm berührende Inschrift "Deutsches Hotel"
trug. Der Führer wurde belohnt und entlassen, wir ritten in den
viereckigen, von sauberen chinesischen Häusern umgebenen Hof, um sofort
von einigen kläffenden deutschen Hühnerhunden begrüßt zu werden. An den
ersten Hof reihte sich ein zweiter, an dem der Stall lag. Wir packten
und sattelten ab, brachten die Tiere unter, man wies mir ein tadellos
eingerichtetes Zimmer mit europäischem Bette an, kurzum, es war mir
alles so unerwartet, daß ich wirklich starr war. Es wäre sogar ideal zu
nennen gewesen, wenn nicht im Hintergrunde eine Preisliste mit geradezu
horrenden Preisen gewinkt hätte. Ich wurde in nicht ganz 24 Stunden,
ohne besondere Sprünge zu machen, 30 Dollar (ungefähr 60 Mark) los, was
ich für etwas viel halte, trotzdem man selbstredend die Schwierigkeiten
der Einrichtung eines solchen Etablissements auch in Rücksicht ziehen
muß. Der deutsche Besitzer war übrigens nicht anwesend, das Geschäft
führte ein früherer Tientsiner Boy, der Pidgin-Englisch sprach und sonst
ein ganz freundlicher Mensch war.
Ich bekam schnell ein Tiffin serviert und versuchte dann, meine
abscheulichen Kopfschmerzen im europäischen Bette zu vergessen, was mir
leider nicht gelang. Daher stand ich wieder auf und entdeckte hinten in
einem weiten Hofe mit anschließenden Ställen einen chinesischen alten
Pferdehändler, der bereits mit meinem Mafu Freundschaft geschlossen
hatte. Letzterer hatte dem höchst gerissenen Kunden von meinen Erfolgen
im Sattel auf der Rennbahn erzählt, so daß mich der Chinese wie einen
alten Bekannten begrüßte. Ich hatte nun Gelegenheit, seine Griffins --
siehe Kap. II -- zu bewundern. Nach seinen Erzählungen schien er den
Haupthandel in Rennponies, für die Kalgan eine Art Zentralverkaufsstelle
bildet, in Händen zu haben. Er kannte nicht nur alle größeren Rennleute
in Shanghai und Tientsin, sondern war auch genau über die Leistungen
einzelner an den dortigen Plätzen berühmten Ponies orientiert, so z. B.
über den von mir im vergangenen Frühjahr mehrfach zum Siege gesteuerten
"Totila". Als ich ihm dann erzählte, daß ich der Reiter von Totila
gewesen wäre, war er ganz Feuer und Flamme und zog mir sofort seine
besten Ponies zur Begutachtung aus dem Stalle, Tiere, die er mir vorher
gar nicht gezeigt hatte; ich muß allerdings gestehen, daß ich soviel
gutes Material auf einem Platze zu gleicher Zeit noch nicht zusammen
gesehen hatte. Die Preise schwankten zwischen 60 und 500 Taels; letztere
Summe forderte er für einen bildschönen Schimmel mit schwarzen Äpfeln,
der in der Tat die Points eines Flachrenntieres in der Vollendung
aufwies. Ob er den Preis dafür erzielen wird, ist eine andere Sache;
denn im allgemeinen muß er als übertrieben hoch bezeichnet werden. Diese
zum Verkauf stehenden Ponies waren übrigens alle in regelrechter Pflege
und wurden sogar, wie ich beobachtete, mit Kardätsche und Striegel, die
der Chinese sonst nicht kennt, geputzt. Die Tiere sahen auch sämtlich
gut aus. Wenn man aber nicht gerade für diesen Sport sehr viel Geld
übrig hat, soll man lieber die Finger davon lassen; denn wie jeder
Rennsport, ist auch der Ponyrennsport nicht gerade eine gewinnbringende
Beschäftigung. Schlägt z. B. der für 500 Taels gekaufte Pony nicht ein,
so kann man ihn beruhigt für 50 bis 60 Taels veräußern; denn mehr gibt
dann kein Mensch dafür.
Am Abend gegen 7 bekam ich mein Diner und zwar in der in den
ostasiatischen Hotels üblichen englischen Form ganz gut angerichtet, ich
konnte ihm aber leider keine große Ehre antun, da mir jeder Appetit
fehlte. Mein neuer chinesischer Pferdefreund hatte sich auch
eingefunden, so daß sich die Unterhaltung nur um Ponies etc. drehte;
geführt wurde sie in einem merkwürdigen Kauderwelsch von Englisch und
Chinesisch, und wenn es manchmal durchaus nicht gehen wollte, mußte der
Pidgin-Englisch sprechende chinesische Manager, der übrigens zu gleicher
Zeit Koch und Boy war, aushelfen. Gegen acht kam ein Bote vom Präfekten,
um sich nach meinen ferneren Absichten zu erkundigen. Er forderte sich
zugleich meinen Paß, der, vom Taotai von Tientsin ausgestellt, ihm nicht
zu genügen schien; er hätte gern einen solchen vom Wei-wu-pu in Peking
gesehen, den ich leider nicht hatte. Der Bote, übrigens selbst mit Knopf
und Pfauenfeder, also im Mandarinenanzug, brachte mir, als Zeichen der
Höflichkeit, eine Visitenkarte des Präfekten, die ich mit der meinigen,
der chinesischen natürlich, erwiderte. Zugleich gab ich ihm Aufschluß
über meine weiteren Reisepläne, und zwar der Wahrheit gemäß. Nach
einiger Zeit kam er noch einmal, um mir Kavalleriebegleitung anzubieten,
die ich jedoch dankend ablehnte, es hat sich auch am nächsten Tage kein
Kavallerist blicken lassen. Ich versuchte es dann noch mit einem
kräftigen Punsch als Schlafmittel und zog mich bald zurück, um, Dank
letzterem, ganz vorzüglich zu schlafen.
[Illustration: Meine chinesische Visitenkarte]
1. Oktober 1902. Den Vormittag benutzte ich, um mir Kalgan selbst etwas
näher anzusehen. Kalgan, eine verhältnismäßig große Stadt, deren
Einwohnerzahl sich wie die aller bedeutenderen chinesischen Städte
außerordentlich schwer schätzen läßt, ist die Zentrale für Pelzhandel
und für Pelztransithandel nach Rußland. In seinem Äußern weicht der Ort
wohl kaum irgendwie von dem Aussehen anderer chinesischer Städte ab. Wie
alles in China konservativ streng durchgeführt ist, so auch der Baustil.
Und sähe man nicht hier in den Straßen die vielen in Felle gekleideten
Mongolen, so könnte man sich ebenso gut im Süden Chilis oder Schansis zu
befinden glauben. Kalgan hat eine innere, von hohen Mauern umgebene
Stadt, und um diese herum eine äußere Stadt. Man muß nun nicht glauben,
daß der Haupthandel und Verkehr sich im Stadtinnern abspielt; hier ist
es gerade die äußere, und zwar hauptsächlich die südliche und westliche
Vorstadt, in der die Hauptverkehrsstraßen mit ihrem höchst lebhaften
Treiben liegen. Mir kam es vor, als ob im Innern des Mauervierecks der
wohlhabende Patrizier säße; hier herrschte Ruhe und man sah nur große,
schöne, ganz massiv aufgeführte Bauten. In dem Teil, wo der Deutsche
Schmelzer sich Grund und Boden erworben und seine Hotelbauten aufgeführt
hat, wird in einigen Jahren die Bahn Peking-Kalgan ihren wohl auch nur
vorläufigen Endpunkt finden, denn wenn sie erst einmal gebaut sein wird,
wird es auch nicht mehr allzulange dauern, bis ihre Fortsetzung durch
die Wüste Gobi Anschluß an die transsibirische Bahn findet.
Ich ging vom Hotel, das an der Westfront liegt, durch die
Hauptverkehrsstraße an der Südfront. Hier herrschte ein sehr
interessantes Treiben. Auf offenem, tagaus, tagein fortbestehendem
Markte, der sich auf beiden Seiten der Fahrstraße hinzieht, wurden alle
möglichen und unmöglichen Dinge feilgeboten. Da sah man Felle aller Art,
Gemüse, Obst, Fleisch, alte Kleider, ebensolche neue und hauptsächlich
Schundwaren europäischen Ursprungs jeder erdenklichen Gattung. Letztere
scheinen einen ganz erheblichen Absatz zu finden, ich sah meist solche
deutscher Fertigung, aber auch sehr viele amerikanische, weniger
englische. Hauptsächlich waren Garne, Nähnadeln, bedruckte Kattune,
Bänder vertreten, dann kleinere Blechwaren etc., auch Löffel, Lampen und
anderes mehr. Dazwischen arbeiteten auf offener Straße Beschlag- und
Kesselschmiede, Handwerker jeder Art, Garküchen verbreiteten ihre
angenehmen Gerüche, die mich nicht mehr störten; man gewöhnt sich eben
an alles hier in China.
Plötzlich kam noch mehr Leben in das allgemeine Treiben. Der Präfekt
selbst kam im Karren angefahren, mit einem großen Haufen von Beamten und
Dienern zu Pferd und zu Fuß um ihn herum. Vor der Gruppe einige
schreiende und die Menge mit Hieben traktierende Polizisten. Alles
flüchtete schleunigst; chinesische Brötchen und Äpfel kollerten im
Staube, Gassenjungen stahlen sie eilends, die Verwirrung benutzend --
kurzum, es war für mich ein recht spaßiger Anblick. Neben der Karre ritt
mein Beamter von gestern abend, der den Präfekten sofort auf mich
aufmerksam machte. Ich bekam nur einen etwas erstaunten Seitenblick,
dann war der ganze, sich schnell vorwärts bewegende Zug schon vorüber,
und das Leben auf der Straße hatte sein altes Bild wiedergewonnen; nur
der schimpfende Obstverkäufer erinnerte noch daran, daß irgend etwas
Besonderes vorgefallen war.
Ich ging weiter, vorbei am schönen, halb europäisch erbauten
Yamen -- einer Mission --, nach Norden durch ein an mittelalterliche
deutsche Bauten erinnerndes doppeltes Tor in die innere Stadt. Hier
interessierte mich besonders ein hochgelegener Tempel, von dessen oberer
Plattform aus man einen herrlichen Rundblick über die ganze Ebene und
die zu Füßen liegende Stadt hat. Der schmierige, uns öffnende Priester
bekam sein Trinkgeld, mit dem er nicht zufrieden zu sein schien; es war
nur Kupfergeld. Vom Europäer erwartet er Silber, denn hier gilt eben
jeder Europäer von vornherein als reicher Mann. Es war recht heiß
geworden, so daß ich an den Rückweg dachte. Vorbei am offiziellen,
übrigens total verkommenen Yamen, kam ich durch ein anderes hohes Tor,
in dem die Wahrzeichen chinesischer Justiz, die Verbrecherköpfe in
Kästchen, diesmal gleich fünf an der Zahl und ganz frisch abgeschlagen,
hingen. Eine ganze andere Anzahl solcher Kästen barg nur noch die Schuhe
der hingerichteten Verbrecher, die Köpfe sind wohl begraben worden oder
haben vielleicht einen sonstigen Liebhaber gefunden. Chinesische Schädel
sind sehr gesucht und verhältnismäßig schwer zu haben. Noch einmal
passierte ich einen kurzen Teil der Hauptstraße; mir fiel dabei auf, daß
trotz der glühenden Hitze die Mongolen, kenntlich an der
Gesichtsbildung, sämtlich in enge Pelze, richtiger wohl Felle, gehüllt
waren. Sie machten meist einen überaus stumpfen, schmierigen Eindruck.
Im Hotel erwartete mich bereits das fertige Frühstück und zum Dessert
die schon erwähnte Rechnung. Man wundert sich nicht mehr so leicht in
China über irgend etwas ungewohntes Neues, über diese Rechnung aber war
ich denn doch etwas sehr erstaunt. Doch was halfs; im europäischen
Gasthause wird nicht gehandelt. Ich berappte, ließ satteln und packen
und zog ab gen Süden nach der großen Straße auf Tatung-fu zu.
Zuerst gings durch Vorstädte, dann entlang einer Hügelkette, an der
Dörfer lagen. Dem Reisenden fällt hier recht unangenehm auf, daß die
Chinesen einfach den Weg als Leitung ihrer Bewässerung benutzen. Das mag
ja für den Bauern sehr praktisch sein, für den Reisenden ist es alles
andere als angenehm. Weiter fiel mir auf, daß in dieser Gegend auch die
Männer silbernen Schmuck trugen, meist übrigens nur in einem Armbande
bestehend. Auch hier war alles bei der Ernte, so daß man nicht in
Verlegenheit kam, wenn man bei einer der vielfachen Wegkreuzungen nach
der Route fragte. Nur einmal wurde ich, scheinbar absichtlich, falsch
gewiesen; die Leute schienen das als einen recht guten Witz zu
betrachten, denn nachdem ich die angegebene Richtung eingeschlagen
hatte, wollten sie sich vor Lachen ausschütten. Ich hatte gleich die
richtige Ahnung, daß ich falsch ritt und machte sofort kehrt, worauf
alles mit echt chinesischer Feigheit so schnell wie möglich ausriß, ohne
daß ich auch nur ein Wort gesagt hatte.
Gegen 5 Uhr kam ich nach Tapingtschwang, dem in Aussicht genommenen
Nachtquartier. Ob es das richtige auf meiner Karte angegebene war, ließ
sich nicht feststellen, da derselbe Name hier in der Gegend sehr häufig
ist. Das Hauptgasthaus war stark überfüllt, so daß ich in ein anderes,
weniger volles einzog. Wie man mir später erzählte, erfreute es sich
keines besonders guten Rufes in der Gegend, doch war mir das
gleichgültig, denn ich hatte wenigstens ein Zimmer für mich und meinen
Mafu allein. Spät abends kam noch eine chinesische Partei an und hätte
gern in meinem Zimmer mit genächtigt, ich winkte aber ab, so daß sie
wieder abzogen. Zu essen bekam man nichts, so daß ich zum ersten Male zu
den wenigen mitgenommenen Konserven griff. Die ganze Nacht war
Katzenmusik und Hundegebell, dazu fehlte alles Papier an den Fenstern,
und als ich gegen Morgen gerade anfing einzuschlafen, wurden meine
Ponies, die den neuen Schimmel nicht leiden konnten, lebendig und fingen
an, sich unter fürchterlichem Gequietsche zu keilen und zu beißen, so
daß ich heraus mußte, um sie auseinander zu binden. Natürlich hatte
gerade der beste Pony, Dr. H., einige gottlob nur leichte Hautwunden bei
dem Gefecht davongetragen. Es war jedenfalls eine recht geruhsame Nacht.
2. Oktober. Nachdem ich mich mit dem Wirt auseinandergesetzt hatte,
marschierten wir gegen 7½ Uhr ab. Zuerst ging es durch hügeliges
Gelände mit reicher Bebauung und vielen Ansiedelungen. Nach und nach
vereinigten sich alle Wege in einer von den üblichen baumlosen, steil
ansteigenden Bergen eingefaßten Schlucht, in der der Tai-schui, ein
rasch fließender Gebirgsbach, hinströmt, den man unzählige Mal
durchschreitet und der sich oft in mehrere Arme teilt. Viele
Maultierkarawanen gingen mit Waren beladen nach dem Innern; man sah
keine Kamele mehr. Uns entgegen kamen Maultiere mit Kohlen, sie trugen
rechts und links am Packsattel je ein großes Stück. An den steilen
Wänden waren kleine Tempel wie Schwalbennester angeklebt, nur noch
vereinzelt tauchten Dörfer auf, die Bebauung nahm mehr und mehr ab. Vor
Taipingtschwang machten wir in einem Gasthause Mittagsrast, dann gings
weiter, und bei dem Orte selbst hatten wir die Paßhöhe erreicht. Der Weg
senkte sich schnell und wir gelangten in ein breites, reich angebautes
Tal. Die Wege sind nun im Löß bis zehn Meter tief eingeschnitten, die
Ränder haben oft verdächtige Neigungen.
Vor Hwai-an kam uns ein Mann entgegen, angeblich aus Yang-liu-tsing. Er
hatte an der rechten Hand und am Arm schrecklich eiternde Wunden und bat
mich in herzzerreißenden Worten um Hilfe. Wir waren bald an der ganz
nett gelegenen Stadt und kamen in einem Gasthause leidlich unter. Der
kranke Chinese quälte mich solange, bis ich ihm mit meinen
Desinfektionsmitteln seine Wunden auswusch und verband. Um uns herum
hatte sich bald eine größere Volksmenge versammelt, die jede Handhabung
mit hohem Interesse verfolgte. In der Stadt hatte sich bald das Gerücht
von der Ankunft eines europäischen Arztes verbreitet, und noch spät am
Abend, als ich schon meine müden Glieder auf dem harten Kang
ausgestreckt hatte, wurde ich herausgeklopft, um einer Frau beizustehen,
die einer schweren Entbindung entgegensah. Leider war ich aber am Ende
meiner Kenntnisse angelangt und mußte dankend ablehnen.
Die Nacht war recht kalt, so daß ich mehrfach aufwachte. Der nächste Tag
führte uns zuerst auf recht guten Wegen bis Lin-tsui-tun. Von da ab bis
zu dem auf den Karten vermerkten Passe, der sich wenig als solcher
markiert, war es recht steinig. Die Hohlwege wurden immer schärfer
eingeschnitten. Dicht vor der Wasserscheide liegt ein höchst
romantisches Dorf Dju-hsia-örr, hinter der Wasserscheide ein weiterer
Flecken Tsiörrling, in dem wir Mittagsrast machten. Wiederum ging es
durch tiefe Lehmschluchten, deren Ränder in Absätzen bebaut waren, es
gab sogar einige Baumschulen. Aus den Schluchten heraus bekam man
zuweilen Einblick in eine sich weithin erstreckende Ebene, in der man
den Yang-ho fließen und die Stadt Tientschönn liegen sah.
Gegen 4 Uhr erreichten wir den Ort, der sich durch nichts von andern,
ebenso großen Städten unterscheidet. Der Wirt im Gasthause war höchst
frech; zuerst wollte er uns in ein kleines Zimmer zusammen mit allem
möglichen Gesindel stecken, ich wurde ihm recht deutlich und nahm mir
einfach ein besseres Zimmer. Wiederum griff ich meine Konserven an; die
mit Recht so beliebte Erbswurst schmeckte vorzüglich und dementsprechend
schlief ich auch endlich einmal gut ein. Gegen Morgen wachte ich infolge
der Kälte auf. Die Rechnung war recht milde, wofür dem sonst
unliebenswürdigen Wirt, den ich um 7 Uhr von seinem Kang holen mußte,
viel verziehen wurde. Heute, am 4. Oktober, ging es weiter durch ein
mehrfach von kleinen Bächen durchschnittenes Gelände; rechts fließt der
Yang-ho, der wenig Wasser hat, noch weiter zur Rechten sieht man auf den
hohen Bergen die große Mauer entlang laufen. Die Leute bauen hier
Kartoffeln, ab und zu sieht man auch Birkenkulturen.
Gegen 11½ Uhr waren wir in Yangkau, in dessen Gasthäusern man nur
unter den denkbarsten Schwierigkeiten Tee bekommen konnte. Mein Essen
beschränkte sich auf einige gekochte Eier; nicht einmal Früchte waren
aufzutreiben. In der Stadt war eine große Begräbnisfeier mit obligater
Musik, Klagegeschrei und Verbrennung von Papiergegenständen. Unser Wirt
empfahl uns Wangkwantun als Nachtquartier, wohin wir denn auch
aufbrachen. In der Stadt ist nur noch die knappe Hälfte mit Häusern
bebaut. Die alten Ehrenbogen, der Yamen, der Mittelbau, alles verfällt.
In letzterem hängen die üblichen Kästen für Verbrecherköpfe;
augenblicklich scheint gute Zeit hier zu sein, denn man sieht keine
Köpfe, sondern nur die zum Andenken an abziehende Mandarinen
aufbewahrten Schuhe. Weiter nach Süden begegneten wir unserer
Begräbnisgesellschaft, die in ihrer lustigen Stimmung einen merkwürdigen
Eindruck machte.
Die Landschaft wurde mehr und mehr herbstlich. Die Leute waren bei der
Kartoffelernte, jedoch schien diese schon fast zu Ende zu sein. Überall
sah man zufriedene und ruhige Gesichter. In den meisten Dörfern spielte
sogar eine Theatertruppe; die Leute müssen eine gute Ernte gehabt haben.
Gegen fünf Uhr kamen wir in Wangkwantun an, in dessen recht ansehnlichem
Gasthaus Mann und Pferd gute Unterkunft fanden. Wir versuchten unsere
Kochkunst und bekamen nach ziemlicher Anstrengung ein deutsches
Beefsteak und Bratkartoffeln recht gut fertig. Bei bedecktem Himmel
gings am 5. Oktober durch sandige Schluchten und weiches Gelände weiter.
Gegen Mittag fing es an zu regnen; da jedoch die Nester, die wir
passierten, zu trostlos aussahen, marschierte ich, trotzdem der Regen
allmählich in einen regelrechten Landregen überging, weiter, und als die
hohen Mauern von Tatung-fu in Sicht kamen, war ich trotz des
Regenmantels vollkommen durchgeweicht.
Tatung-fu liegt tief im Tale, man steigt von einer Hügelreihe herunter.
Die etwa einen halben Kilometer breite Ebene vor Tatung-fu wird vom
Yü-ho durchflossen, zur Zeit war die Ebene ein großer See. Zuerst kommt
man durch eine Art gemauerter Vorstadt, in der auch große Gasthäuser
liegen, die sämtlich überfüllt waren. Das Tor, durch das wir in die
eigentliche Stadt einritten, zeigt mächtige, an unsere mittelalterlichen
Städtebefestigungen erinnernde Bauformen. Nirgends war ein Quartier zu
bekommen; augenscheinlich wollte man den fremden Teufel nicht aufnehmen.
Schließlich fand ich in einer außerhalb der Mauer gelegenen kleinen
Herberge ein schlechtes Zimmer, ich war aber trotzdem froh, daß die sehr
müden Pferde endlich unter Dach und Fach kamen.
Um meine recht durchweichten Sachen in Ordnung zu bringen, machte ich am
6. Oktober einen Ruhetag, der Mann und Pferd auch sehr not tat. Den
Nachmittag benutzte ich, um die Stadt etwas anzusehen. Es war das
gewöhnliche Bild, alles Zerfall und Schmutz; die Straßen laufen überall
rechtwinklig zu einander. Im Südwesten ist ein großer Tempelkomplex, und
nur in der Hauptstraße fällt eine sehr schöne Mauer auf, die in blauen,
braunen und gelben Porzellanziegeln kämpfende Drachen darstellt. Das
Volk benahm sich im allgemeinen anständig gegen mich. Aus den
gegenseitigen Zurufen zu schließen, hielt man mich für einen Amerikaner,
wohl infolge des Hutes, der dem der amerikanischen Truppen sehr ähnlich
sieht.
Am nächsten Morgen hatten wir dichten Nebel und verfehlten zuerst
mehrfach den Hauptweg, bis wir schließlich an den chinesischen großen
Meilensteinen erkannten, daß wir auf der rechten Straße waren; so gings
weiter bis Hweijönn, wo wir vom großen Wege nach Südosten auf Ying
tschau zu abbogen. Gegen Abend versuchte ich in verschiedenen Dörfern
Quartier zu erhalten; es war nicht möglich, die Leute weigerten sich
überall, uns aufzunehmen. Jeder wies uns nach dem nächsten Dorf, bis mir
dies schließlich zu bunt wurde und ich mit der Mauserpistole in der Hand
einen Mann aufgriff und mit dem strengen Befehl festhielt, uns zu einem
Gasthause zu bringen. In Anbetracht der drohenden Waffe versprach er
denn auch, sofort sein möglichstes zu tun. Es ging noch ein Dorf weiter.
Ich sah schon von weitem das Gasthaustor offen; die Leute wollten es
gerade schließen und ich ritt schnell im Galopp hinein, um mich nicht
wieder hinausweisen zu lassen. Der Gasthausbesitzer fing sofort mit
unserm Führer einen großen Zank an; für kein Geld war etwas zu bekommen,
weder Pferdefutter, noch irgend etwas für uns zu essen, nicht einmal
Geld zu wechseln war möglich. Da es schon dunkelte, beschloss ich
trotzdem zu bleiben und schickte meinen Mafu mit Paß und Visitenkarte
zum Ortsvorsteher, um dessen Unterstützung zu erbitten. Natürlich ließ
sich dieser verleugnen, und als ich selbst hinging, war er verduftet.
Der Besitzer des Gasthofes fand sich allmählich in die Situation und
wurde schließlich ganz freundlich. Wir schliefen alle in einem großen
Zimmer mit der Familie zusammen, die von den ältesten bis zu den
jüngsten Mitgliedern einen unglaublich schlechten Tabak rauchte. Die
armen Pferde bekamen nur Stroh zu fressen. Gegen 6 Uhr marschierten wir
am 8. Oktober ab; der Wirt bekam die Cash, die wir in unserem Gepäck
auftreiben konnten. Vor der Tür hatte sich eine große Volksmenge
angesammelt, die uns laut höhnte; da sie nicht Platz machen wollten, zog
ich die Mauserpistole heraus, worauf alles mit lächerlicher
Schnelligkeit verschwand.
Wir marschierten weiter durch Wiesengelände nach dem 20 Kilometer
entfernten Yingtschau. Die Dörfer sind auch hier alle gleich; jedes hat
einen zweistöckigen Tempel und eine Art Ringwall, in den sich die
Bewohner in unruhigen Zeiten zurückzuziehen pflegen. Alle Leute, klein
und groß, rauchen die Pfeife mit langem Rohr und kleinem Kopf. Wir
passierten den vom Regen stark angeschwollenen San-Kan Ho und wurden bis
an die Knie naß.
Schon von weitem fällt die hohe Pagode von Yingtschau auf. Im Gasthause
waren die Leute sehr freundlich, wenn auch entsetzlich neugierig. Die
Pferde bekamen Futter und wir Essen; ich flickte zur allgemeinen Freude
meine zerrissenen Reithosen. Mein Mafu wurde zu seiner großen Genugtuung
vielfach, infolge seines Anzuges, für einen Europäer gehalten. Gegen
Mittag ritten wir nach Südwesten durch Wiesengelände weiter und
erreichten gegen Abend den Mantau Schan. Unser heutiges Ziel
Hsiautschikau liegt ganz versteckt in einer Talschlucht und ist in
seiner Art mit einer dreifachen Mauer stark befestigt. Wir kamen ganz
gut unter, hatten jedoch den ganzen Abend eine Menge neugieriger Leute
im Zimmer, während draußen auf der Straße eine größere Ansammlung
fortwährend laut nach dem Europäer rief, bis mein Mafu hinausging und
sie beschimpfte, worauf sie abzogen. Am Abend wimmelte dann mein Mafu
mit lächerlicher Geschicklichkeit alle die hinaus, die noch mit uns auf
demselben Kang schlafen wollten, so daß wir schließlich allein waren.
Die ganze Nacht über tobte ein starker Sturm.