Graf. (nach einigen stummen Komplimenten setzt sich zur
Majorin aufs Kanapee. Läuffer bleibt verlegen stehen)
Haben Euer Gnaden den neuen Tanzmeister schon gesehn,
der aus Dresden angekommen? Er ist ein Marchese aus
Florenz, und heißt ... Aufrichtig: ich habe nur zwey
auf meinen Reisen angetroffen, die ihm vorzuziehen waren.
Majorin.
Das gesteh' ich, nur zwey! In der That, Sie machen mich
neugierig; ich weiß, welchen verzärtelten Geschmack der
Graf Wermuth hat.
Läuffer.
Pintinello ... nicht wahr? ich hab' ihn in Leipzig auf
dem Theater tanzen sehen; er tanzt nicht sonderlich ...
Graf.
Er tanzt--on ne peut pas mieux.--Wie ich Ihnen sage,
gnädige Frau, in Petersburg hab' ich einen Beluzzi
gesehn, der ihm vorzuziehen war: aber dieser hat eine
Leichtigkeit in seinen Füssen, so etwas freyes,
göttlichnachläßiges in seiner Stellung, in seinen Armen,
in seinen Wendungen--
Läuffer.
Auf dem Kochischen Theater ward er ausgepfiffen, als er
sich das letztemal sehen ließ.
Majorin.
Merk Er sich, mein Freund! daß Domestiken in
Gesellschaften von Standespersonen nicht mitreden. Geh
Er auf Sein Zimmer. Wer hat Ihn gefragt? (Läuffer tritt
einige Schritte zurück)
Graf.
Vermuthlich der Hofmeister, den Sie dem jungen Herrn
bestimmt? ...
Majorin.
Er kommt ganz frisch von der hohen Schule.--Geh' Er
nur! Er hört ja, daß man von Ihm spricht; desto weniger
schickt es sich, stehen zu bleiben. (Läuffer geht mit
einem steifen Kompliment ab) Es ist was unerträgliches,
daß man für sein Geld keinen rechtschaffenen Menschen
mehr antreffen kann. Mein Mann hat wohl dreymahl an einen
dasigen Professor geschrieben und dies soll doch noch
der galanteste Mensch auf der ganzen Akademie gewesen
seyn. Sie sehens auch wohl an seinem links bordirten
Kleide. Stellen Sie sich vor, von Leipzig bis Insterburg
zweihundert Dukaten Reisegeld und jährliches Gehalt
fünfhundert Dukaten, ist das nicht erschröcklich?
Graf.
Ich glaube, sein Vater ist der Prediger hier aus dem Ort ...
Majorin.
Ich weiß nicht--es kann seyn--ich habe nicht darnach
gefragt, ja doch, ich glaub' es fast: er heißt ja auch
Läuffer; nun denn ist er freylich noch artig genug. Denn
das ist ein rechter Bär, wenigstens hat er mich ein für
allemal aus der Kirche gebrüllt.
Graf.
Ists ein Katholik?
Majorin.
Nein doch, Sie wissen ja, daß in Insterburg keine
katholische Kirche ist: er ist Lutherisch, oder
Protestantisch wollt' ich sagen; er ist protestantisch.
Graf.
Pintinello tanzt ... Es ist wahr, ich habe mir mein
Tanzen einige dreißig tausend Gulden kosten lassen, aber
noch einmal so viel gäb' ich drum, wenn ...
Vierte Scene.
Läuffers Zimmer.
Läuffer. Leopold. Der Major.
(Erstere sitzen an einem Tisch, ein Buch in der Hand,
indem sie der letztere überfällt.)
Major.
So recht; so lieb' ichs; hübsch fleißig--und wenn die
Kanaille nicht behalten will, Herr Läuffer, so schlagen
Sie ihm das Buch an den Kopf, daß ers Aufstehen vergißt,
oder wollt' ich sagen, so dürfen Sie mirs nur klagen.
Ich will Dir den Kopf zurecht setzen, Heyduk Du! Seht
da zieht er das Maul schon wieder. Bist empfindlich,
wenn Dir Dein Vater was sagt? Wer soll Dirs denn sagen?
Du sollst mir anders werden, oder ich will Dich peitschen,
daß Dir die Eingeweide krachen sollen, Tuckmäuser! Und
Sie, Herr, seyn Sie fleißig mit ihm, das bitt' ich mir
aus, und kein Feriiren und Pausiren und Rekreiren, das
leid ich nicht. Zum Plunder, vom Arbeiten wird kein
Mensch das Malum hydropisiacum kriegen. Das sind nur
Ausreden von euch Herren Gelehrten.--Wie stehts, kann
er seinen Cornelio? Lippel! ich bitt Dich um tausend
Gottes willen, den Kopf grad. Den Kopf in die Höhe,
Junge! (richtet ihn) Tausend Sakkerment den Kopf aus den
Schultern! oder ich zerbrech Dir Dein Rückenbein in
tausendmillionen Stücken.
Läuffer.
Der Herr Major verzeihen: er kann kaum lateinisch lesen.
Major.
Was? So hat der Rakker vergessen.--Der vorige Hofmeister
hat mir doch gesagt, er sey perfekt im Lateinischen,
perfekt. ... Hat ers ausgeschwitzt--aber ich will Dir--
Ich will es nicht einmal vor Gottes Gericht zu
verantworten haben, daß ich Dir keinen Daumen aufs Auge
gesetzt habe, und daß ein Galgendieb aus Dir geworden
ist, wie der junge Hufeise oder wie Deines Onkels
Friedrich, eh Du mir so ein Gassenläufferischer
Taugenichts--Ich will dich zu Tode hauen--(giebt ihm
eine Ohrfeige) Schon wieder wie ein Fragzeichen? Er
läßt sich nicht sagen.--Fort mir aus den Augen.--Fort!
Soll ich Dir Beine machen? Fort, sag' ich. (stampft mit
dem Fuß. Leopold geht ab. Major setzt sich auf seinen
Stuhl. Zu Läuffern.) Bleiben Sie sitzen, Herr Läuffer;
ich wollte mit ihnen ein paar Worte allein sprechen,
darum schickt' ich den jungen Herrn fort. Sie können
immer sitzen bleiben; ganz, ganz. Zum Henker Sie
brechen mir ja den Stuhl entzwey, wenn Sie immer so
auf einer Ecke ... Dafür steht ja der Stuhl da, daß
man drauf sitzen soll. Sind Sie so weit gereist und
wissen das noch nicht?--Hören Sie nur: ich seh' Sie
für einen hübschen artigen Mann an, der Gott fürchtet
und folgsam ist, sonst würd' ich das nimmer thun, was
ich für Sie thue. Hundert und vierzig Dukaten jährlich
hab' ich Ihnen versprochen: das machen drey--Warte--
Dreymal hundert und vierzig: wieviel machen das?
Läuffer.
Vier hundert und zwanzig.
Major.
Ists gewiß? Macht das soviel? Nun damit wir gerade Zahl
haben, vierhundert Thaler preußisch Courant hab' ich zu
Ihrem Salarii bestimmt. Sehen Sie, das ist mehr als das
ganze Land giebt.
Läuffer.
Aber mit Eurer Gnaden gnädigen Erlaubniß, die Frau
Majorin haben mir von hundert funfzig Dukaten gesagt;
das machte gerade vierhundert funfzig Thaler und auf
diese Bedingungen hab' ich mich eingelassen.
Major.
Ey was wissen die Weiber!--Vierhundert Thaler,
Monsieur; mehr kann Er mit gutem Gewissen nicht fodern.
Der vorige hat zweihundert funfzig gehabt und ist
zufrieden gewesen wie ein Gott. Er war doch, mein Seel!
ein gelehrter Mann; auch und ein Hofmann zugleich: die
ganze Welt gab' ihm das Zeugniß, und Herr, Er muß noch
ganz anders werden, eh' Er so wird. Ich thu' es nur aus
Freundschaft für Seinen Herrn Vater, was ich an Ihm
thue und um Seinetwillen auch, wenn Er hübsch folgsam
ist, und werd' auch schon einmal für Sein Glück zu
sorgen wissen; das kann Er versichert seyn.--Hör Er
doch einmal: ich hab' eine Tochter, das mein Ebenbild
ist und die ganze Welt giebt ihr das Zeugniß, daß ihres
gleichen an Schönheit im ganzen Preussenlande nichts
anzutreffen. Das Mädchen hat ein ganz anders Gemüth als
mein Sohn, der Buschklepper. Mit dem muß ganz anders
umgegangen werden! Es weiß sein Christenthum aus dem
Grunde und in dem Grunde, aber es ist denn nun doch,
weil sie bald zum Nachtmahl gehen soll und ich weiß wie
die Pfaffen sind, so soll er auch alle Morgen etwas aus
dem Christenthum mit ihr nehmen. Alle Tage Morgens eine
Stunde und da geht Er auf ihr Zimmer; angezogen, das
versteht sich: denn Gott behüte, daß Er so ein Schweinigel
seyn sollte wie ich einen gehabt habe, der durchaus im
Schlafrock an Tisch kommen wollte.--Kann Er auch
zeichnen?
Läuffer.
Etwas, gnädiger Herr.--Ich kann Ihnen einige Proben weisen.
Major. (besieht sie)
Das ist ja scharmant!--Recht schön; gut das: Er soll
meine Tochter auch zeichnen lehren.--Aber hören Sie,
werther Herr Läuffer, um Gottes Willen ihr nicht scharf
begegnet; das Mädchen hat ein ganz ander Gemüth als der
Junge. Weiß Gott! es ist als ob sie nicht Bruder und
Schwester wären. Sie liegt Tag und Nacht über den
Büchern und über den Trauerspielen da, und sobald man
ihr nur ein Wort sagt, besonders ich, von mir kann sie
nichts vertragen, gleich stehn ihr die Backen in Feuer
und die Thränen lauffen ihr wie Perlen drüber herab. Ich
wills Ihm nur sagen: das Mädchen ist meines Herzens
einziger Trost. Meine Frau macht mir bittre Tage genug:
sie will alleweil herrschen und weil sie mehr List und
Verstand hat, als ich. Und der Sohn, das ist ihr
Liebling; den will sie nach ihrer Methode erziehen;
fein säuberlich mit dem Knaben Absalom, und da wird
denn einmal so ein Galgenstrick draus, der nicht Gott,
nicht Menschen was Nutz ist.--Das will ich nicht
haben.--Sobald er was thut, oder was versieht, oder
hat seinen Lex nicht gelernt, sag' Ers mir nur und der
lebendige Teuffel soll drein fahren.--Aber mit der
Tochter nehm' Er sich in Acht; die Frau wird Ihm schon
zureden, daß Er ihr scharf begegnen soll. Sie kann sie
nicht leiden, das weiß ich; aber wo ich das geringste
merke. Ich bin Herr vom Hause, muß Er wissen, und wer
meiner Tochter zu nahe kommt--Es ist mein einziges
Kleinod, und wenn der König mir sein Königreich für
sie geben wollt': ich schicke ihn fort. Alle Tage ist
sie in meinem Abendgebet und Morgengebet und in meinem
Tischgebet, und alles in allem, und wenn Gott mir die
Gnade thun wollte, daß ich sie noch vor meinem Ende
mit einem General oder Staatsminister vom ersten Range
versorgt sähe,--denn keinen andern soll sie sein
Lebtage bekommen,--so wollt' ich gern ein zehn Jahr
eher sterben.--Merk' Er sich das--und wer meiner
Tochter zu nahe kommt oder ihr worinn zu Leid lebt--
die erste beste Kugel durch den Kopf. Merk' Er Sich
das.--(geht ab.)
Fünfte Scene.
Fritz von Berg. Augustchen.
Fritz.
Sie werden nicht Wort halten Gustchen: Sie werden mir
nicht schreiben, wenn Sie in Heidelbrun sind, und dann
werd' ich mich zu Tode grämen.
Gustchen.
Glaubst Du denn, daß Deine Juliette so unbeständig seyn
kann? O nein; ich bin ein Frauenzimmer; die Mannspersonen
allein sind unbeständig.
Fritz.
Nein, Gustchen, die Frauenzimmer allein sinds. Ja wenn
alle Julietten wären!--Wissen Sie was? Wenn Sie an mich
schreiben, nennen Sie mich Ihren Romeo; thun Sie mir
den Gefallen: ich versichere Sie, ich werd' in allen
Stücken Romeo seyn, und wenn ich erst einen Degen trage.
O ich kann mich auch erstechen, wenn's dazu kommt.
Gustchen.
Gehn Sie doch! Ja Sie werden's machen, wie im Gellert
steht: er besah die Spitz' und Schneide und steckt' ihn
langsam wieder ein.
Fritz.
Sie sollen schon sehen. (faßt sie an die Hand.) Gustchen--
Gustchen! wenn ich Sie verlieren sollte oder der Onkel
wollte Sie einem andern geben.--Der gottlose Graf
Wermuth! Ich kann Ihnen den Gedanken nicht sagen
Gustchen, aber Sie könnten ihn schon in meinen Augen
lesen--Er wird ein Graf Paris für uns seyn.
Gustchen.
Fritzchen--so mach' ichs wie Juliette.
Fritz.
Was denn?--Wie denn?--Das ist ja nur eine Erdichtung;
es giebt keine solche Art Schlaftrunk.
Gustchen.
Ja, aber es giebt Schlaftrünke zum ewigen Schlaf.
Fritz. (fällt ihr um den Hals)
Grausame!
Gustchen.
Ich hör' meinen Vater auf dem Gange.--Laß uns in den
Garten lauffen.--Nein; er ist fort.--Gleich nach dem
Caffee Fritzchen reisen wir und so wie der Wagen Dir
aus den Augen verschwindt, werd' ich Dir auch schon aus
dem Gedächtniß seyn.
Fritz.
So mag Gott sich meiner nie mehr erinnern, wenn ich
Dich vergesse. Aber nimm Dich für den Grafen in Acht,
er gilt soviel bey deiner Mutter und Du weißt, sie
möchte Dich gern aus den Augen haben, und eh' ich meine
Schulen gemacht habe und drey Jahr auf der Universität,
das ist gar lange.
Gustchen.
Wie denn Fritzchen! Ich bin ja noch ein Kind: ich bin
noch nicht zum Abendmahl gewesen, aber sag mir.--O wer
weiß, ob ich Dich sobald wieder spreche!--Wart, komm in
den Garten.
Fritz.
Nein, nein, der Papa ist vorbey gegangen.--Siehst Du,
der Henker! er ist im Garten.--Was wolltest Du mir sagen?
Gustchen.
Nichts...
Fritz.
Liebes Gustchen...
Gustchen.
Du solltest mir--Nein, ich darf das nicht von Dir
verlangen.
Fritz.
Verlange mein Leben, meinen letzten Tropfen Bluts.
Gustchen.
Wir wollten uns beyde einen Eid schwören.
Fritz.
O komm! Vortreflich! Hier laß uns niederknien; am
Canapee, und heb' Du so Deinen Finger in die Höh'
und ich so meinen.--Nun sag, was soll ich schwören?
Gustchen.
Daß Du in drey Jahren von der Universität zurückkommen
willst und Dein Gustchen zu Deiner Frau machen; Dein
Vater mag dazu sagen, was er will.
Fritz.
Und was willst Du mir dafür wieder schwören, mein
englisches... (küßt sie)
Gustchen.
Ich will schwören, daß ich in meinem Leben keines
andern Menschen Frau werden will, als Deine und wenn
der Kaiser von Rußland selber käme.
Fritz.
Ich schwör Dir hunderttausend Eide--(Der geheime Rath
tritt herein: beyde springen mit lautem Geschrey auf.)
Sechste Scene.
Geh. Rath.
Was habt Ihr närrische Kinder? Was zittert Ihr?--Gleich,
gesteht mir alles. Was habt Ihr hier gemacht? Ihr seyd
beyde auf den Knien gelegen.--Junker Fritz, ich bitte
mir eine Antwort aus; unverzüglich:--Was habt Ihr
vorgehabt?
Fritz.
Ich, gnädigster Papa?
Geh. Rath.
Ich? und das mit einem so verwundrungsvollen Ton? Siehst
Du: ich merk' alles. Du möchtest mir itzt gern eine Lüge
sagen, aber entweder bist Du zu dumm dazu, oder zu feig,
und willst Dich mit Deinem Ich? heraushelfen. ... Und
Sie Mühmchen?--Ich weiß. Gustchen verheelt mir nichts.
Gustchen. (fällt ihm um die Füße)
Ach, mein Vater--
Geh. Rath. (hebt sie auf und küßt sie.)
Wünschst Du mich zu Deinem Vater? Zu früh, mein Kind, zu
früh Gustchen, mein Kind. Du hast noch nicht communicirt.
--Denn warum soll ich euch verheelen, daß ich euch
zugehört habe.--Das war ein sehr einfältig Stückchen
von Euch beyden; besonders von Dir, großer vernünftiger
Junker Fritz, der bald einen Bart haben wird wie ich,
und eine Perücke aufsetzen und einen Degen anstecken.
Pfuy, ich glaubt' einen vernünftigern Sohn zu haben.
Das macht Dich gleich ein Jahr jünger, und macht, daß
Du länger auf der Schule bleiben mußt. Und Sie, Gustchen,
auch Ihnen muß ich sagen, daß es sich für Ihr Alter gar
nicht mehr schickt, so kindisch zu thun. Was sind das
für Romane, die Sie da spielen? Was für Eide, die Sie
sich da schwören, und die Ihr doch alle beyde so gewiß
brechen werdet als ich itzt mit Euch rede. Meynt Ihr,
Ihr seyd in den Jahren, Eide zu thun, oder meynt Ihr,
ein Eid sey ein Kinderspiel, wie es das Versteckspiel
oder die blinde Kuh ist? Lernt erst einsehen, was ein
Eid ist: lernt erst zittern dafür und alsdenn wagt's,
ihn zu schwören. Wißt, daß ein Meineidiger die
schändlichste und unglücklichste Creatur ist, die von
der Sonne angeschienen wird. Ein solcher darf weder den
Himmel ansehen, den er verleugnet hat, noch andere
Menschen, die sich unaufhörlich vor ihm scheuen, und
seiner Gesellschaft mit mehr Sorgfalt ausweichen, als
einer Schlange oder einem tückischen Hunde.
Fritz.
Aber ich denke meinen Eid zu halten.
Geh. Rath.
In der That Romeo? Ha! Du kannst Dich auch erstechen,
wenn's dazu kommt. Du hast geschworen, daß mir die Haare
zu Berg standen. Also gedenkst Du Deinen Eid zu halten?
Fritz.
Ja Papa, bey Gott! ich denk' ihn zu halten.
Geh. Rath.
Schwur mit Schwur bekräftigt!--Ich werd' es Deinem
Rektor beibringen. Er soll Euch auf vierzehn Tage nach
Sekunda herunter transportiren, Junker: inskünftige
lernt behutsamer schwören. Und worauf? Steht das in
Deiner Gewalt, was Du da versicherst? Du willst Gustchen
heyrathen! Denk doch! weißt Du auch schon, was für ein
Ding das ist, Heyrathen? Geh doch, heyrathe sie: nimm
sie mit auf die Akademie. Nicht? Ich habe nichts dawider,
daß ihr Euch gern seht, daß Ihr Euch lieb habt, daß Ihrs
Euch sagt, wie lieb Ihr Euch habt; aber Narrheiten müßt
Ihr nicht machen; keine Affen von uns Alten seyn, eh'
Ihr so reif seyd als wir; keine Romane spielen wollen,
die nur in der ausschweifenden Einbildungskraft eines
hungrigen Poeten ausgeheckt sind und von denen Ihr in
der heutigen Welt keinen Schatten der Wirklichkeit
antrefft. Geht! ich werde keinem Menschen was davon
sagen, damit ihr nicht nöthig habt roth zu werden, wenn
Ihr mich seht.--Aber von nun an sollt ihr einander nie
mehr ohne Zeugen sehen. Versteht Ihr mich? Und Euch nie
andere Briefe schreiben als offene und das auch alle
Monathe, oder höchstens alle drey Wochen einmal, und
sobald ein heimliches Briefchen an Junker Fritz oder
Fräulein Gustchen entdeckt wird--so steckt man den
Junker unter die Soldaten und das Fräulein ins Kloster,
bis sie vernünftiger werden. Versteht ihr mich?--Jetzt--
nehmt Abschied, hier in meiner Gegenwart.--Die Kutsche
ist angespannt, der Major treibt fort; die Schwägerin
hat schon Caffee getrunken.--Nehmt Abschied: Ihr
braucht Euch vor mir nicht zu scheuen. Geschwind,
umarmt Euch. (Fritz und Gustchen umarmen sich zitternd)
Und nun mein Tochter Gustchen, weil Du doch das Wort so
gern hörst, (hebt sie auf und küßt sie) Leb tausendmal
wohl, und begegne Deiner Mutter mit Ehrfurcht; sie mag
Dir sagen was sie will.--Jetzt geh, mach!--(Gustchen
geht einige Schritte, sieht sich um; Fritz fliegt ihr
weinend an den Hals.) Die beyden Narren brechen mir das
Herz! Wenn doch der Major vernünftiger werden wollte,
oder seine Frau weniger herrschsüchtig!--
Zweyter Akt.
Erste Scene.
Pastor Läuffer. Der geheime Rath.
Geh. Rath.
Ich bedaure ihn--und Sie noch Vielmehr, Herr Pastor,
daß Sie solchen Sohn haben.
Pastor.
Verzeihen Euer Gnaden, ich kann mich über meinen Sohn
nicht beschweren; er ist ein sittsamer und geschickter
Mensch, die ganze Welt und Dero Herr Bruder und Frau
Schwägerin selbst werden ihm das eingestehen müssen.
Geh. Rath.
Ich sprech' ihm das all nicht ab, aber er ist ein Thor,
und hat alle sein Mißvergnügen sich selber zu danken.
Er sollte den Sternen danken, daß meinem Bruder das Geld,
das er für den Hofmeister zahlt, einmal anfängt zu lieb
zu werden.
Pastor.
Aber bedenken Sie doch: nichts mehr als hundert Dukaten;
hundert arme Dukätchen; und dreihundert hatt' er ihm doch
im ersten Jahr versprochen: aber beym Schluß desselben
nur hundert und vierzig ausgezahlt, jetzt beym Beschluß
des zweyten, da doch die Arbeit meines Sohnes immer
zunimmt, zahlt' er ihm hundert, und nun beym Anfang des
dritten wird ihm auch das zu viel.--Das ist wider alle
Billigkeit! Verzeihn Sie mir.
Geh. Rath.
Laß es doch.--Das hätt' ich Euch Leuten voraussagen
wollen, und doch solle Ihr Sohn Gott danken, wenn ihn
nur der Major beym Kopf nähm' und aus dem Hause würfe.
Was soll er da, sagen Sie mir Herr? Wollen Sie ein Vater
für ihr Kind seyn und schliessen so Augen, Mund und
Ohren für seine ganze Glückseligkeit zu? Tagdieben, und
sich Geld dafür bezahlen lassen? Die edelsten Stunden
des Tages bey einem jungen Herrn versitzen, der nichts
lernen mag und mit dem er's doch nicht verderben darf,
und die übrigen Stunden, die der Erhaltung seines Lebens,
den Speisen und dem Schlaf geheiligt sind, an einer
Sklavenkette verseufzen; an den Winken der gnädigen
Frau hängen, und sich in die Falten des gnädigen Herrn
hineinstudiren; essen wenn er satt ist und fasten,
wenn er hungrig ist, Punsch trinken, wenn er pssn
möchte, und Karten spielen, wenn er das Lauffen hat.
Ohne Freyheit geht das Leben bergab rückwärts, Freyheit
ist das Element des Menschen wie das Wasser des Fisches,
und ein Mensch der sich der Freyheit begiebt, vergiftet
die edelsten Geister seines Bluts, erstickt seine
süssesten Freuden des Lebens in der Blüthe und ermordet
sich selbst.
Pastor.
Aber--Oh! erlauben Sie mir; das muß sich ja jeder
Hofmeister gefallen lassen; man kann nicht immer
seinen Willen haben, und das läßt sich mein Sohn auch
gern gefallen, nur--
Geh. Rath.
Desto schlimmer, wenn er sichs gefallen läßt, desto
schlimmer; er hat den Vorrechten eines Menschen entsagt,
der nach seinen Grundsätzen muß leben können, sonst
bleibt er kein Mensch. Mögen die Elenden, die ihre
Ideen nicht zu höherer Glückseligkeit zu erheben
wissen, als zu essen und zu trinken, mögen die sich
im Keficht zu Tode füttern lassen, aber ein Gelehrter,
ein Mensch, der den Adel seiner Seele fühlt, der den
Tod nicht so scheuen sollt' als eine Handlung, die
wider seine Grundsätze läuft...
Pastor.
Aber was ist zu machen in der Welt? Was wollte mein
Sohn anfangen, wenn Dero Herr Bruder ihm die Condition
aufsagten?
Geh. Rath.
Laßt den Burschen was lernen, daß er dem Staat nützen
kann. Potz hundert Herr Pastor, Sie haben ihn doch
nicht zum Bedienten aufgezogen, und was ist er anders
als Bedienter, wenn er seine Freyheit einer Privatperson
für einige Handvoll Dukaten verkauft? Sklav' ist er,
über den die Herrschaft unumschränkte Gewalt hat, nur
daß er so viel auf der Akademie gelernt haben muß,
ihren unbesonnenen Anmuthungen von weitem zuvorzukommen
und so einen Firniß über seine Dienstbarkeit zu
streichen: daß heißt denn ein feiner artiger Mensch,
ein unvergleichlicher Mensch; ein unvergleichlicher
Schurke, der, statt seine Kräfte und seinen Verstand
dem allgemeinen Besten aufzuopfern, damit die Rasereyen
einer dampfigten Dame und eines abgedämpften Officiers
unterstützt, die denn täglich weiter um sich fressen
wie ein Krebsschaden und zuletzt unheilbar werden. Und
was ist der ganze Gewinnst am Ende? Alle Mittag Braten
und alle Abend Punsch, und eine grosse Portion Galle,
die ihm Tags über ins Maul gestiegen, Abends, wenn er
zu Bett liegt, hinabgeschluckt, wie Pillen; das macht
gesundes Blut, auf meine Ehr'! und muß auch ein
vortrefliches Herz auf die Länge geben. Ihr beklagt
Euch so viel übern Adel und über seinen Stolz, die
Leute sähn Hofmeister wie Domestiken an, Narren! was
sind sie denn anders? Stehn sie nicht in Lohn und Brod
bey ihnen wie jene? Aber wer heißt Euch ihren Stolz
nähren? Wer heißt euch Domestiken werden, wenn Ihr was
gelernt habt, und einem starrköpfischen Edelmann zinsbar
werden, der sein Tage von seinen Hausgenossen nichts
anders gewohnt war als sklavische Unterwürfigkeit?
Pastor.
Aber Herr Geheimer Rath--Gütiger Gott! es ist in der
Welt nicht anders: man muß eine Warte haben, von der
man sich nach einem öffentlichen Amt umsehen kann, wenn
man von Universitäten kommt; wir müssen den göttlichen
Ruf erst abwarten und ein Patron ist sehr oft das Mittel
zu unserer Beförderung: wenigstens ist es mir so gegangen.
Geh. Rath.
Schweigen Sie, Herr Pastor, ich bitt Sie, schweigen Sie.
Das gereicht Ihnen nicht zur Ehr. Man weiß ja doch, daß
Ihre seelige Frau Ihr göttlicher Ruf war, sonst säßen
Sie noch itzt beym Herrn von Tiesen und düngten ihm
seinen Acker. Jemine! daß Ihr Herrn uns doch immer
einen so ehrwürdigen schwarzen Dunst vor Augen machen
wollt. Noch nie hat ein Edelmann einen Hofmeister
angenommen, wo er ihm nicht hinter eine Allee von acht
neun Sklavenjahren ein schön Gemählde von Beförderung
gestellt hat und wenn Ihr acht Jahr gegangen waret, so
macht' ers wie Laban und rückte das Bild um noch einmal
so weit vorwärts. Possen! lernt etwas und seyd brave
Leut. Der Staat wird Euch nicht lang am Markt stehen
lassen. Brave Leut sind allenthalben zu brauchen, aber
Schurken, die den Namen vom Gelehrten nur auf den Zettel
tragen und im Kopf ist leer Papier ...
Pastor.
Das ist sehr allgemein gesprochen, Herr Rath!--Es
müssen doch, bey Gott! auch Hauslehrer in der Welt
seyn; nicht jedermann kann gleich geheimer Rath werden
und wenn er gleich ein Hugo Grotius wär. Es gehören
heutiges Tags andere Sachen dazu als Gelehrsamkeit.--
Geh. Rath.
Sie werden warm, Herr Pastor!--Lieber, werther Herr
Pastor, lassen Sie uns den Faden unsers Streits nicht
verlieren. Ich behaupte: es müssen keine Hauslehrer
in der Welt seyn! das Geschmeis taucht den Teufel zu
nichts.
Pastor.
Ich bin nicht hergekommen mir Grobheiten sagen zu
lassen: ich bin auch Hauslehrer gewesen. Ich habe die
Ehre--
Geh. Rath.
Warten Sie; bleiben Sie, lieber Herr Pastor! Behüte
mich der Himmel! Ich habe Sie nicht beleidigen wollen
und wenn's wider meinen Willen geschehen ist, so bitt'
ich Sie tausendmahl um Verzeihung. Es ist einmal meine
üble Gewohnheit, daß ich gleich in Feuer gerathe, wenn
mir ein Gespräch interessant wird: alles übrige
verschwinde mir denn aus dem Gesicht und ich sehe nur
den Gegenstand, von dem ich spreche.
Pastor.
Sie schütten,--Verzeihen Sie mir, ich bin auch ein
Cholerikus, und rede gern von der Lunge ab.--Sie
schütten das Kind mit dem Bade aus. Hauslehrer taugen
zu nichts.--Wie können Sie mir das beweisen? Wer soll
Euch jungen Herrn denn Verstand und gute Sitten
beibringen Was wär aus Ihnen geworden, mein werther
Herr geheimer Rath, wenn Sie keinen Hauslehrer gehabt
hätten?
Geh. Rath.
Ich bin von meinem Vater zur öffentlichen Schul
gehalten worden, und seegne seine Asche dafür, und
so hoff' ich, wird mein Sohn Fritz auch dereinst thun.
Pastor.
Ja,--da ist aber noch viel drüber zu sagen Herr!
Ich meiner Seits bin Ihrer Meynung nicht; ja wenn die
öffentlichen Schulen das wären, was sie seyn sollten.--
Aber die nüchternen Subjecta, so oft den Classen
vorstehen; die pedantischen Methoden, die sie brauchen,
die unter der Jugend eingerissenen verderbten Sitten--
Geh. Rath.
Wes ist die Schuld? Wer ist schuld dran, als ihr
Schurken von Hauslehrern? Würde der Edelmann nicht
von Euch in der Grille gestärkt, einen kleinen Hof
anzulegen, wo er als Monarch oben auf dem Thron sitzt,
und ihm Hofmeister und Mamsell und ein ganzer Wisch von
Tagdieben huldigen, so würd' er seine Jungen in die
öffentliche Schule thun müssen; er würde das Geld,
von dem er jetzt seinen Sohn zum hochadlichen Dummkopf
aufzieht, zum Fond der Schule schlagen: davon könnten
denn gescheidte Leute salarirt werden und alles würde
seinen guten Gang gehn; das Studentchen müste was
lernen, um bey einer solchen Anstalt brauchbar zu
werden, und das junge Herrchen, anstatt seine
Faullenzerey vor den Augen des Papas und der Tanten,
die alle keine Argusse sind, künstlich und manierlich
zu verstecken, würde seinen Kopf anstrengen müssen,
um es den bürgerlichen Jungen zuvorzuthun, wenn es
sich doch von ihnen unterscheiden will.--Was die
Sitten anbetrift, das findt sich wahrhaftig.--Wenn
er gleich nicht, wie seine hochadliche Vettern, die
Nase von Kindesbeinen an höher tragen lernt als andere,
und in einem nachläßigen Ton, von oben herab, Unsinn
sagen, und Leuten ins Gesicht sehen, wenn sie den Hut
vor ihm abziehen, um ihnen dadurch anzudeuten, daß
sie auf kein Gegencompliment warten sollen. Die feinen
Sitten hol der Teufel! Man kann dem Jungen Tanzmeister
auf der Stube halten, und ihn in artige Gesellschaften
führen, aber er muß durchaus nicht aus der Sphäre
seiner Schulkamraden herausgehoben, und in der Meinung
gestärkt werden, er sey eine bessere Kreatur als andere.
Pastor.
Ich habe nicht Zeit, (zieht die Uhr heraus) mich in
den Disput weiter mit Ihnen einzulassen, gnädiger Herr;
aber so viel weiß ich, daß der Adel überall nicht ihrer
Meinung seyn wird.
Geh. Rath.
So sollten die Bürger meiner Meynung seyn.--Die Noth
würde den Adel schon auf andere Gedanken bringen, und
wir könnten uns bessere Zeiten versprechen. Sapperment,
was kann aus unserm Adel werden, wenn ein einziger
Mensch das Faktotum bey dem Kinde seyn soll, ich setz'
auch den unmöglichen Fall, daß er ein Polyhistor wäre,
wo will der eine Mann Feuer und Muth und Thätigkeit
hernehmen, wenn er alle seine Kräfte auf einen
Schaafskopf concentriren soll, besonders wenn Vater
und Mutter sich kreutz und die quer immer mit in die
Erziehung mengen, und dem Faß, in welches er füllt,
den Boden immer wieder ausschlagen?
Pastor.
Ich bin um zehn Uhr zu einem Kranken bestellt. Sie
werden mir verzeihen.--(Im Abgehen wendt er sich um)
Aber wär's nicht möglich, gnädiger Herr, daß Sie
Ihren zweyten Sohn nur auf ein halb Jährchen zum
Herrn Major in die Kost thäten? Mein Sohn will gern
mit achtzig Dukaten zufrieden seyn, aber mit sechzigen,
die ihm der Herr Bruder geben wollen, da kann er nicht
von subsistiren.
Geh. Rath.
Laß ihn quittiren.--Ich thu es nicht, Herr Pastor!
Davon bin ich nicht abzubringen. Ich will Ihrem Herrn
Sohn die dreyßig Dukaten lieber schenken; aber meinem
Sohn geb ich zu keinem Hofmeister. (Der Pastor hält
ihm einen Brief hin) Was soll ich damit? Es ist alles
umsonst, sag ich Ihnen.
Pastor.
Lesen Sie--Lesen Sie nur.--
Geh. Rath.
Je nun, ihm ist nicht--(liest)--wenden Sie doch
alles an, den Herrn geheimen Rath dahin zu vermögen,
--Sie können Sich nicht vorstellen, wie elend es
mir hier geht; nichts wird mir gehalten, was mir ist
versprochen worden. Ich speise nur mit der Herrschaft,
wenn keine Fremde da sind,--das ärgste ist, daß ich
gar nicht von hier komme und in einem ganzen Jahr
meinen Fuß nicht aus Heidelbrunn habe setzen--man
hatte mir ein Pferd versprochen, alle Vierteljahr
einmal nach Königsberg zu reisen, als ich es foderte,
fragte mich die gnädige Frau, ob ich nicht lieber zum
Carneval nach Venedig wollte.--(wirft den Brief an
die Erde.) Je nun, laß ihn quittiren; warum ist er
ein Narr und bleibt da?
Pastor.
Ja das ist eben die Sache. (hebt den Brief auf)
Belieben Sie doch nur auszulesen.
Geh. Rath.
Was ist da zu lesen?--(liest) Dem ohngeachtet kann
ich dies Haus nicht verlassen, und sollt' es mich
Leben und Gesundheit kosten. So viel darf ich Ihnen
sagen, daß die Aussichten in eine selige Zukunft mir
alle die Mühseligkeiten meines gegenwärtigen Standes--
Ja, das sind vielleicht Aussichten in die selige
Ewigkeit, sonst weiß ich keine Aussichten, die mein
Bruder ihm eröfnen könnte. Er betrügt sich, glauben
Sie mirs; schreiben Sie ihm zurück, daß er ein Thor
ist. Dreyßig Dukaten will ich ihm dies Jahr aus meinem
Beutel Zulage geben, aber ihn auch zugleich gebeten
haben, mich mit allen fernern Anwerbungen um meinen
Karl zu verschonen: denn ihm zu Gefallen werd' ich mein
Kind nicht verwahrlosen.
Zweyte Scene.
In Heidelbrunn.
Gustchen. Läuffer.
Gustchen.
Was fehlt ihnen dann?
Läuffer.
Wie stehts mit meinem Porträt? Nicht wahr, Sie haben
nicht dran gedacht? Wenn ich auch so saumselig gewesen
wäre--Häte ich das gewußt: ich hätt Ihren Brief so
lang zurückgehalten, aber ich war ein Narr.
Gustchen.
Ha ha ha. Lieber Herr Hofmeister! Ich habe wahrhaftig
noch nicht Zeit gehabt.
Läuffer.
Grausame!
Gustchen.
Aber was fehlt Ihnen denn? Sagen Sie mir doch! So
tiefsinnig sind Sie ja noch nie gewesen. Die Augen
stehn Ihnen ja immer voll Wasser: ich habe gemerkt,
Sie essen nichts.
Läuffer.
Haben Sie? In der That? Sie sind ein rechtes Muster
des Mitleidens.
Gustchen.
O Herr Hofmeister--
Läuffer.
Wollen Sie heut Nachmittag Zeichenstunde halten?
Gustchen. (faßt ihn an die Hand)
Liebster Herr Hofmeister! verzeihen Sie, daß ich sie
gestern aussetzte. Es war mir wahrhaftig unmöglich zu
zeichnen; ich hatte den Schnuppen auf eine erstaunende
Art.
Läuffer.
So werden Sie ihn wohl heute noch haben. Ich denke,
wir hören ganz auf zu zeichnen. Es macht Ihnen kein
Vergnügen länger.
Gustchen. (halbweinend)
Wie können Sie das sagen, Herr Läuffer? Es ist das
einzige, was ich mit Lust thue.
Läuffer.
Oder Sie versparen es bis auf den Winter in die Stadt
und nehmen einen Zeichenmeister. Ueberhaupt werd ich
Ihren Herrn Vater bitten, den Gegenstand Ihres
Abscheues, Ihres Hasses, Ihrer ganzen Grausamkeit von
Ihnen zu entfernen. Ich sehe doch, daß es Ihnen auf
die Länge unausstehlich wird, von mir Unterricht
anzunehmen.
Gustchen.
Herr Läuffer--
Läuffer.
Lassen Sie mich--Ich muß sehen, wie ich das elende
Leben zu Ende bringe, weil mir doch der Tod verboten
ist--
Gustchen.
Herr Läuffer--
Läuffer.
Sie foltern mich.--(reißt sich loß und geht ab.)
Gustchen.
Wie dauert er mich!
Dritte Scene.
Zu Halle in Sachsen.
Pätus Zimmer.
Fritz von Berg.
Pätus (im Schlafrock an einem Tisch sitzend.)
Pätus.
Ey was Berg! Du bist ja kein Kind mehr, daß du nach
Papa und Mama--Pfuy Teufel! ich hab Dich allezeit
für einen braven Kerl gehalten, wenn Du nicht mein
Schulkamerad wärst: ich würde mich schämen mit Dir
umzugehen.
Fritz.
Pätus, auf meine Ehr, es ist nicht Heimweh, Du machst
mich bis über die Ohren roth mit dem dummen Verdacht.
Ich möchte gern Nachricht von Hause haben, das gesteh'
ich, aber das hat seine Ursachen--
Pätus.
Gustchen--Nicht wahr? Denk doch, Du arme Seele!
Hundertachtzig Stunden von ihr entfernt--Was für
Wälder und Ströme liegen nicht zwischen Euch? Aber
warte, wir haben hier auch Mädchen; wenn ich nur
besser besponnen wäre, ich wollte Dich heut in eine
Gesellschaft führen--Ich weiß nicht, wie Du auch
bist; ein Jahr in Halle und noch mit keinem Mädchen
gesprochen: das muß melancholisch machen; es kann
nicht anders seyn. Warte, Du must mir hier einziehen,
daß Du lustig wirst. Was machst Du da bey dem Pfarrer?
Das ist keine Stube für Dich--
Fritz.
Was zahlst Du hier?
Pätus.
Ich zahle--Wahrhaftig, Bruder, ich weiß es nicht.
Es ist ein guter ehrlicher Philister, bey dem ich
wohne: seine Frau ist freylich bisweilen ein bischen
wunderlich, aber mags. Was gehts mich an? Wir zanken
uns einmal herum und denn laß ich sie laufen: und die
schreiben mir alles auf. Hausmiethe, Kaffee, Tabak;
alles was ich verlange, und denn zahl' ich die Rechnung
alle Jahre, wenn mein Wechsel kommt.
Fritz.
Bist du jetzt viel schuldig?
Pätus.
Ich habe die vorige Woche bezahlt. Das ist wahr,
diesmal haben Sie mirs arg gemacht: mein ganzer
Wechsel hat herhalten müssen bis auf den letzten
Pfennig, und mein Rock, den ich Tags vorher versetzt
hatte, weil ich in der äussersten Noth war, steht
noch zu Gevattern. Weiß der Himmel, wenn ich ihn
wieder einlösen kann.
Fritz.
Und wie machst Dus denn itzt?
Pätus.
Ich?--Ich bin krank. Heut morgen hat mich die Frau
Räthin Hamster invitiren lassen, gleich kroch ich ins
Bett ...
Fritz.
Aber bey dem schönen Wetter immer zu Hause zu sitzen.
Pätus.
Was macht das? des Abends geh ich im Schlafrock
spatzieren, es ist ohnedem in den Hundstagen am Tage
nicht auszuhalten--Aber Potz Mordio! Wo bleibt denn
mein Kaffee? (pocht mit dem Fuß) Frau Blitzer!--Nun
sollst Du sehn, wie ich meinen Leuten umspringe--Frau
Blitzer! in aller Welt Frau Blitzer. (klingelt und
pocht)--Ich habe sie kürzlich bezahlt: nun kann ich
schon breiter thun--Frau ...