Jakob Michael Reinhold Lenz

Eine Komödie.

Namen.

Herr von Berg. Geheimer Rath.

Der Major. Sein Bruder.

Die Majorin.

Gustchen. Ihre Tochter.

Fritz von Berg.

Graf Wermuth.

Läuffer. Ein Hofmeister.

Pätus und Bollwerk. Studenten.

Herr von Seiffenblase.

Sein Hofmeister.

Frau Hamster. Räthin.

Jungfer Hamster.

Jungfer Knicks.

Frau Blitzer.

Wenzeslaus. Ein Schulmeister.

Marthe. Alte Frau.

Lise.

Der alte Pätus.

Der alte Läuffer. Stadtprediger.

Leopold. Junker des Majors. Ein Kind.

Herr Rehhaar. Lautenist.

Jungfer Rehhaar. Seine Tochter.

Erster Akt.

Erste Scene.

Zu Insterburg in Preussen.

Läuffer.

Mein Vater sagt: ich sey nicht tauglich zum Adjunkt. Ich

glaube, der Fehler liegt in seinem Beutel; er will keinen

bezahlen. Zum Pfaffen bin ich auch zu jung, zu gut

gewachsen, habe zu viel Welt gesehn und bey der

Stadtschule hat mich der geheime Rath nicht annehmen

wollen. Mag's! er ist ein Pedant und dem ist freylich

der Teufel selber nicht gelehrt genug. Im halben Jahr

hätt' ich doch wieder eingeholt, was ich von der Schule

mitgebracht, und dann wär' ich für einen Klassenpräceptor

noch immer viel zu gelehrt gewesen, aber der Herr geheime

Rath muß das Ding besser verstehen. Er nennt mich immer

nur Monsieur Läuffer, und wenn wir von Leipzig sprechen,

fragt er nach Händels Kuchengarten und Richters Kaffehaus,

ich weiß nicht: soll das Satyre seyn, oder--Ich hab'

ihn doch mit unserm Konrektor bisweilen tiefsinnig genug

diskuriren hören; er sieht mich vermuthlich nicht für

voll an.--Da kommt er eben mit dem Major; ich weiß nicht,

ich scheu ihn ärger als den Teufel. Der Kerl hat etwas

in seinem Gesicht, das mir unerträglich ist. (geht dem

geheimen Rath und dem Major mit viel freundlichen

Scharrfüssen vorbey.)

Zweyte Scene.

Geheimer Rath. Major.

Major.

Was willst du denn? Ist das nicht ein ganz artiges Männichen?

Geh. Rath.

Artig genug, nur zu artig. Aber was soll er Deinen Sohn

lehren?

Major.

Ich weiß nicht, Berg, Du thust immer solche wunderliche

Fragen.

Geh. Rath.

Nein aufrichtig! Du must doch eine Absicht haben, wenn Du

einen Hofmeister nimmst und den Beutel mit einemmahl so

weit aufthust, daß dreihundert Dukaten herausfallen. Sag

mir, was meinst Du mit dem Geld auszurichten; was foderst

Du dafür von Deinem Hofmeister?

Major.

Daß er--was ich--daß er meinen Sohn in allen

Wissenschaften und Artigkeiten und Weltmanieren--Ich weiß

auch nicht, was Du immer mit Deinen Fragen willst; das

wird sich schon finden; das werd ich ihm alles schon zu

seiner Zeit sagen.

Geh. Rath.

Das heißt: Du willst Hofmeister Deines Hofmeisters seyn;

bedenkst Du aber auch, was Du da auf Dich nimmst--Was

soll Dein Sohn werden, sag mir einmahl?

Major.

Was er... Soldat soll er werden; ein Kerl, wie ich gewesen

bin.

Geh. Rath.

Das letzte laß nur weg, lieber Bruder; unsere Kinder

sollen und müssen das nicht werden, was wir waren: die

Zeiten ändern sich, Sitten, Umstände, alles, und wenn Du

nichts mehr und nichts weniger geworden wärst, als das

leibhafte Kontrefey Deines Eltervaters--

Major.

Potz hundert! wenn er Major wird, und ein braver Kerl

wie ich, und dem König so redlich dient als ich!

Geh. Rath.

Ganz gut, aber nach funfzig Jahren haben wir vielleicht

einen andern König und eine andre Art ihm zu dienen. Aber

ich seh schon, ich kann mich mit Dir in die Sachen nicht

einlassen, ich müste zu weit ausholen und würde doch

nichts ausrichten. Du siehst immer nur der graden Linie

nach, die Deine Frau Dir mit Kreide über den Schnabel

zieht.

Major.

Was willst Du damit sagen, Berg? Ich bitt Dich, misch

Dich nicht in meine Hausangelegenheiten, so wie ich mich

nicht in die Deinigen.--Aber sieh doch! da läuft ja

eben Dein gnädiger Junker mit zwey Hollunken aus der

Schule heraus.--Vortrefliche Erziehung, Herr Philosophus!

Das wird einmal was rechts geben! Wer sollt' es in aller

Welt glauben, daß der Gassenbengel der einzige Sohn Sr.

Excellenz des königlichen geheimen Raths--

Geh. Rath.

Laß ihn nur.--Seine lustigen Spielgesellen werden ihn

minder verderben als ein galonirter Müßiggänger,

unterstützt von einer eiteln Patronin.

Major.

Du nimmst Dir Freyheiten heraus.--Adieu.

Geh. Rath.

Ich bedaure Dich.

Dritte Scene.

Der Majorin Zimmer.

Frau Majorin. (auf einem Kanapee)

Läuffer. (in sehr demüthiger Stellung neben ihr sitzend)

Leopold. (steht)

Majorin.

Ich habe mit Ihrem Herrn Vater gesprochen und von den

dreihundert Dukaten stehenden Gehalts sind wir bis auf

hundert und funfzig einig worden. Dafür verlang' ich

aber auch Herr--Wie heissen Sie?--Herr Läuffer, daß

Sie Sich in Kleidern sauber halten, und unserm Hause

keine Schande machen. Ich weiß, daß Sie Geschmack haben;

ich habe schon von Ihnen gehört, als Sie noch in Leipzig

waren. Sie wissen, daß man heut zu Tage auf nichts in

der Welt so sehr sieht, als ob ein Mensch sich zu führen

wisse.

Läuffer.

Ich hoff', Euer Gnaden werden mit mir zufrieden seyn.

Wenigstens hab' ich in Leipzig keinen Ball ausgelassen,

und wohl über die funfzehn Tanzmeister in meinem Leben

gehabt.

Majorin.

So? lassen Sie doch sehen. (Läuffer steht auf) Nicht

furchtsam, Herr...Läuffer! nicht furchtsam! Mein Sohn

ist buschscheu genug; wenn der einen blöden Hofmeister

bekommt, so ists aus mit ihm. Versuchen Sie doch einmal,

mir ein Kompliment aus der Menuet zu machen; zur Probe

nur, damit ich doch sehe.--Nun, nun, das geht schon an!

Mein Sohn braucht vor der Hand keinen Tanzmeister! Auch

einen Pas, wenn's Ihnen beliebt.--Es wird schon gehen;

das wird sich alles geben, wenn Sie einmal einer unsrer

Assembleen werden beigewohnt haben. Sind Sie musikalisch?

Läuffer.

Ich spiele die Geige, und das Klavier zur Noth.

Majorin.

Desto besser: wenn wir aufs Land gehn und Fräulein

Milchzahn besuchen uns einmal; ich habe bisher ihnen

immer was vorsingen müssen, wenn die guten Kinder Lust

bekamen zu tanzen: aber besser ist besser.

Läuffer.

Euer Gnaden setzen mich ausser mich: wo wär ein Virtuos

auf der Welt, der auf seinem Instrument Euer Gnaden

Stimme zu erreichen hoffen dürfte.

Majorin.

Ha ha ha! Sie haben mich ja noch nicht gehört. ... Warten

Sie; ist Ihnen die Menuet bekannt? (singt)

Läuffer.

O... o... verzeihen Sie dem Entzücken, dem Enthusiasmus,

der mich hinreißt. (küßt ihr die Hand.)

Majorin.

Und ich bin doch enrhumirt dazu; ich muß heut krähen wie

ein Rabe. Vous parlez françois, sans doute?

Läuffer.

Un peu, Madame

Majorin.

Avez Vous deja fait Vôtre tour de France?

Läuffer.

Non Madame. ... Oui Madame.

Majorin.

Vous devez donc savoir, qu'en France, on ne baise pas

les mains, mon cher. ...

Bedienter. (tritt herein)

Der Graf Wermuth ...

Der Hofmeister · 第 2 / 6 题