Frau Blitzer. (tritt herein mit einer Portion Kaffee.)

Pätus.

In aller Welt, Mutter! wo bleibst Du denn? Das Wetter

soll Dich regieren. Ich warte hier schon über eine

Stunde--

Frau Blitzer.

Was? Du nichtsnutziger Kerl, was lärmst Du? Bist Du

schon wieder nichts nutz, abgeschabte Laus? Den

Augenblick trag ich meinen Kaffee wieder herunter--

Pätus. (gießt sich ein)

Nun, nun, nicht so böse Mutter! aber Zwieback--Wo

ist denn Zwieback?

Frau Blitzer.

Ja, kleine Steine Dir! Es ist kein Zwieback im Hause.

Denk doch, ob so ein kahler lausichter Kerl nun alle

Nachmittag Zwieback frißt oder nicht--

Pätus.

Was tausend alle Welt! (stampft mit dem Fuß) Sie

weiß, daß ich keinen Kaffee ohne Zwieback ins Maul

nehme--Wofür gebe ich denn mein Geld aus--

Frau Blitzer. (langt ihm Zwieback aus der Schürze,

wobey sie ihn an den Haaren zupft.)

Da siehst Du, da ist Zwieback, Posaunenkerl! Er hat

eine Stimme wie ein ganzes Regiment Soldaten. Nu, ist

der Kaffee gut? Ist er nicht? Gleich sag mirs, oder

ich reiß Ihm das letzte Haar aus Seinem kahlen Kopf

heraus.

Pätus. (trinkt)

Unvergleichlich--Aye!--Ich hab in meinem Leben

keinen bessern getrunken.

Frau Blitzer.

Siehst Du Hundejunge! Wenn Du die Mutter nicht hättest,

die sich Deiner annähme und Dir zu essen und zu trinken

gäbe, Du müstest an der Strasse verhungern. Sehen Sie

ihn einmal an, Herr von Berg, wie er daher geht, keinen

Rock auf dem Leibe und sein Schlafrock ist auch, als

ob er darin wär aufgehenkt worden und wieder vom Galgen

gefallen. Sie sind doch ein hübscher Herr, ich weiß

nicht wie Sie mit dem Menschen umgehen können, nun

freylich unter Landsleuten da ist immer so eine kleine

Blutsverwandschaft, drum sag ich immer, wenn doch der

Herr von Berg zu uns einlogiren thäte. Ich weiß, daß

Sie viel Gewalt über ihn haben: da könnte doch noch

was ordentliches aus ihm werden, aber sonst wahrhaftig--

(geht ab)

Pätus.

Siehst Du, ist das nicht ein gut fidel Weib. Ich seh'

ihr all etwas durch die Finger, aber potz, wenn ich

auch einmal ernsthaft werde, kusch ist sie wie die

Wand--Willst Du nicht eine Tasse mit trinken? (gießt

ihm ein) Siehst Du, ich bin hier wohl bedient; ich

zahle was rechts, das ist wahr, aber dafür hab' auch

ich was ...

Fritz. (trinkt.)

Der Kaffee schmeckt nach Gerste.

Pätus.

Was sagst Du?--(schmeckt gleichfalls) Ja wahrhaftig,

mit dem Zwieback hab' ichs nicht so--(sieht in die

Kanne) Nun so hol Dich! (wirft das Kaffeezeug zum

Fenster hinaus) Gerstenkaffee und fünfhundert Gulden

jährlich!--

Frau Blitzer. (stürzt herein)

Wie? Was zum Teufel, was ist das? Herr, ist Er rasend

oder plagt Ihn gar der Teufel?--

Pätus.

Still Mutter!

Frau Blitzer. (mit gräßlichem Geschrey)

Aber wo ist mein Kaffeezeug? Ey! zum Henker! aus dem

Fenster--Ich kratz' Ihm die Augen aus dem Kopf heraus.

Pätus.

Es war eine Spinne darin und ich warf's in der Angst--

Was kann ich dafür, daß das Fenster offen stand?

Frau Blitzer.

Daß Du verreckt wärst an der Spinne, wenn ich Dich mit

Haut und Haar verkaufe, so kannst Du mir mein

Kaffeezeug nicht bezahlen, nichtswürdiger Hund!

Nichts als Schaden und Unglück kann Er machen. Ich

will Dich verklagen; ich will Dich in Karcer werfen

lassen. (läuft heraus)

Pätus. (lachend)

Was ist zu machen, Bruder! man muß sie schon ausrasen

lassen.

Fritz.

Aber für Dein Geld?

Pätus.

Ey was!--Wenn ich bis Weyhnachten warten muß, wer

wird mir sogleich bis dahin kreditiren? Und denn ists

ja nur ein Weib und ein närrisch Weib dazu, dem's

nicht immer so von Herzen geht- wenn mirs der Mann

gesagt hätte, das wär was anders, dem schlüg' ich das

Leder voll--Siehst Du wohl!

Fritz.

Hast Du Feder und Tinte?

Pätus.

Dort auf dem Fenster--

Fritz.

Ich weiß nicht, das Herz ist mir so schwer--Ich habe

nie was auf Ahndungen gehalten.

Pätus.

Ja mir auch--Die Döbblinsche Gesellschaft ist

angekommen. Ich möchte gern in die Komödie gehn und

habe keinen Rock anzuziehen. Der Schurke mein Wirth

leyht mir keinen und ich bin eine so große dicke

Bestie, daß mir keiner von all Euren Röcken passen

würde.

Fritz.

Ich muß gleich nach Hause schreiben. (setzt sich an

ein Fenster nieder und schreibt)

Pätus. (setzt sich einem Wolfspelz gegenüber, der an

der Wand hängt)

Hm! nichts als den Pelz gerettet, von allen meinen

Kleidern, die ich habe, und die ich mir noch wollte

machen lassen. Grade den Pelz, den ich im Sommer

nicht tragen kann, und den mir nicht einmal der Jude

zum Versatz annimmt, weil sich der Wurm leicht

hineinsetzt. Hanke, Hanke! das ist doch unverantwortlich,

daß Du mir keinen Rock auf Pump machen willst. (steht

auf und geht herum) Was hab' ich Dir gethan, Hanke,

daß Du just mir keinen Rock machen willst? Just mir,

der ich ihn am nöthigsten brauche, weil ich jetzo

keinen habe, just mir!--Der Teufel muß Dich besitzen,

er macht Hunz und Kunz auf Kredit und just mir nicht!

(faßt sich an den Kopf und stampft mit dem Fuß) Just

mir nicht, just mir nicht!--

Bollwerk. (der sich mittlerweile hineingeschlichen und

ihm zugehört, faßt ihn an: er kehrt sich um und bleibt

stumm vor Bollwerk stehen) Ha ha ha ... Nun du armer

Pätus--ha ha ha! Nicht wahr, es ist doch ein gottloser

Hanke, daß er just Dir nicht--Aber, wo ist das rothe

Kleid mit Gold, das Du bey ihm bestellt hast, und das

blauseidne mit der silberstücknen Weste, und das

rothsammetne mit schwarz Sammet gefüttert, das wär

vortreflich bey dieser Jahrszeit. Sage mir! antworte

mir! Der verfluchte Hanke! Wollen wir gehn und ihm die

Haut vollschlagen? Wo bleibt er so lang mit Deiner

Arbeit? Wollen wir?

Pätus. (wirft sich auf einen Stuhl)

Laß mich zufrieden.

Bollwerk.

Aber hör Pätus, Pätus, Pä Pä Pä Pätus (setzt sich zu

ihm) Döbblin ist angekommen. Hör Pä Pä Pä Pä Pätus,

wie wollen wir das machen? Ich denke, Du ziehst Deinen

Wolfspelz an und gehst heut Abend in die Komödie. Was

schadt's, Du bist doch fremd hier--und die ganze Welt

weiß, daß Du vier Paar Kleider bey Hanke bestellt hast.

Ob er sie Dir machen wird, ist gleich viel!--Der

verfluchte Kerl! Wollen ihm die Fenster einschlagen,

wenn er sie Dir nicht macht!

Pätus. (heftig)

Laß mich zufrieden, sag ich Dir.

Bollwerk.

Aber hör...aber...aber...hör hör hör' Pätus; nimm

Dich in Acht Pätus! daß Du mir des Nachts nicht mehr

im Schlafrock auf der Gasse läufst. Ich weiß, daß Du

bange bist vor Hunden; es ist eben ausgetrummelt

worden, daß zehn wütige Hunde in der Stadt herumlaufen

sollen; sie haben schon einige Kinder gebissen: zwey

sind noch davon kommen, aber vier sind auf der Stelle

gestorben. Das machen die Hundstage? Nicht wahr Pätus?

Es ist gut, daß Du jetzt nicht ausgehen kannst. Nicht

wahr? Du gehst itzt mit allem Fleiß nicht aus? Nicht

wahr Pä Pä Pätus?

Pätus.

Laß mich zufrieden ... oder wir verzürnen uns.

Bollwerk.

Du wirst doch kein Kind seyn--Berg, kommen Sie mit

in die Komödie?

Fritz. (zerstreut)

Was?--Was für Komödie?

Bollwerk.

Es ist eine Gesellschaft angekommen--Legen Sie die

Schmieralien weg. Sie können ja auf den Abend schreiben.

Man giebt heut Minna von Barnhelm.

Fritz.

O die muß ich sehen.--(steckt seine Briefe zu sich)

Armer Pätus, daß Du keinen Rock hast.--

Bollwerk.

Ich lieh' ihm gern einen, aber es ist hol mich der

Teufel mein einziger, den ich auf dem Leibe habe--

(gehn ab)

Pätus. (allein)

Geht zum Teufel mit Eurem Mitleiden! Das ärgert mich

mehr als wenn man mir ins Gesicht schlüge--Ey was

mach ich mir draus. (zieht seinen Schlafrock aus) Laß

die Leute mich für wahnwitzig halten! Minna von

Barnhelm muß ich sehen und wenn ich nackend hingehen

sollte! (zieht den Wolfspelz an) Hanke, Hanke! es

soll Dir zu Hause kommen! (stampft mit dem Fuß) Es

soll dir zu Hause kommen! (geht)

Vierte Scene.

Frau Hamster. Jungfer Hamster. Jungfer Knicks.

Jungfer Knicks.

Ich kanns Ihnen vor Lachen nicht erzehlen, Frau

Räthin, ich muß krank vor Lachen werden. Stellen

Sie Sich vor: wir gehen mit Jungfer Hamster im

Gäßchen hier nah bey, so läuft uns ein Mensch im

Wolfspelz vorbey, als ob er durch Spießruthen gejagt

würde; drey große Hunde hinter ihm drein. Jungfer

Hamster bekam einen Schubb, daß sie mit dem Kopf an

die Mauer schlug und überlaut schreyen muste.

Frau Hamster.

Wer war es denn?

Jungfer Knicks.

Stellen Sie Sich vor, als wir ihm nachsahen, war's

Herr Pätus--Er muß rasend worden seyn.

Frau Hamster.

Mit einem Wolfspelz in dieser Hitze!

Jungfer Hamster. (hält sich den Kopf)

Ich glaube noch immer, er ist aus dem hitzigen Fieber

aufgesprungen. Er ließ uns heut Morgen sagen, er sey

krank.

Jungfer Knicks.

Und die drey Hunde hinter ihm drein, das war das

lustigste. Ich hatte mir vorgenommen heut in die

Komödie zu gehen, aber nun mag ich nicht, ich würde

doch da nicht soviel zu lachen kriegen. Das vergeß

ich mein Lebtage nicht. Seine Haare flogen ihm nach

wie der Schweif an einem Kometen, und je eyfriger er

lief, desto eyfriger schlugen die Hunde an und er

hatte das Herz nicht, sich einmal umzusehen... Das

war unvergleichlich!

Frau Hamster.

Schrie er nicht? Er wird gemeynt haben, die Hunde seyn

wütig.

Jungfer Knicks.

Ich glaub, er hatte keine Zeit zum Schreyen, aber roth

war er wie ein Krebs und hielt das Maul offen, wie die

Hunde hinter ihm drein--O das war nicht mit Geld zu

bezahlen! ich gäbe nicht meine Schnur ächter Perlen

darum, daß ich das nicht gesehen.

Fünfte Scene.

In Heidelbrunn.

Augustchens Zimmer.

Gustchen. (liegt auf dem Bette)

Läuffer. (sitzt am Bette)

Läuffer.

Stell Dir vor Gustchen, der geheime Rath will nicht.

Du siehst, daß Dein Vater mir das Leben immer saurer

macht: nun will er mir gar aufs folgende Jahr nur

vierzig Dukaten geben. Wie kann ich das aushalten?

Ich muß quittiren.

Gustchen.

Grausamer, und was werd ich denn anfangen? (nachdem

beyde eine zeitlang sich schweigend angesehen) Du

siehst: ich bin schwach, und krank; hier in der

Einsamkeit unter einer barbarischen Mutter--Niemand

fragt nach mir, niemand bekümmert sich um mich:

meine ganze Familie kann mich nicht mehr leiden;

mein Vater selber nicht mehr: ich weiß nicht warum.

Läuffer.

Mach, daß Du zu meinem Vater in die Lehre kommst;

nach Insterburg.

Gustchen.

Da kriegen wir uns nie zu sehen. Mein Onkel leidt es

nimmer, daß mein Vater mich zu Deinem Vater ins Haus

giebt.

Läuffer.

Mit dem verfluchten Adelstolz!

Gustchen. (nimmt seine Hand)

Wenn Du auch böse wirst, Herrmannchen! (küßt sie) O

od! Tod! warum erbarmst Du Dich nicht!

Läuffer.

Rathe mir selber--Dein Bruder ist der ungezogenste

Junge den ich kenne: neulich hat er mir eine Ohrfeige

gegeben und ich durft ihm nichts dafür thun, durft

nicht einmal drüber klagen. Dein Vater hätt ihm gleich

Arm und Bein gebrochen und die gnädige Mama alle Schuld

zuletzt auf mich geschoben.

Gustchen.

Aber um meinetwillen--Ich dachte, Du liebtest mich.

Läuffer. (stützt sich mit der andern Hand auf ihrem

Bett, indem sie fortfährt seine eine Hand von Zeit zu

Zeit an die Lippen zu bringen.)

Laß mich denken...(bleibt nachsinnend sitzen)

Gustchen. (in der beschriebenen Pantomime)

O Romeo! Wenn dies Deine Hand wäre.--Aber so verlässest

Du mich, unedler Romeo! Siehst nicht, daß Deine Julie

für Dich stirbt--von der ganzen Welt, von ihrer

ganzen Familie gehaßt, verachtet, ausgespyen. (drückt

seine Hand an ihre Augen) O unmenschlicher Romeo!

Läuffer. (sieht auf)

Was schwärmst Du wieder?

Gustchen.

Es ist ein Monolog aus einem Trauerspiel, den ich

gern recitire, wenn ich Sorgen habe. (Läuffer fällt

wieder in Gedanken, nach einer Pause fängt sie wieder

an) Vielleicht bist Du nicht ganz strafbar. Deines

Vaters Verbot, Briefe mit mir zu wechseln, aber die

Liebe setzt über Meere und Ströme, über Verbot und

Todesgefahr selbst--Du hast mich vergessen...

Vielleicht besorgtest Du für mich--ja,--ja, Dein

zärtliches Herz sah, was mir drohte, für schröcklicher

an, als das was ich leide. (küßt Läuffers Hand inbrünstig)

O göttlicher Romeo!

Läuffer. (küßt ihre Hand lange wieder und sieht sie

eine Weile stumm an)

Es könnte mir gehen wie Abälard--

Gustchen. (richtet sich auf)

Du irrst Dich--Meine Krankheit liegt im Gemüth--

Niemand wird Dich muthmaßen--(fällt wieder hin) Hast

Du die neue Heloise gelesen?

Läuffer.

Ich höre was auf dem Gang nach der Schulstube.--

Gustchen.

Meines Vaters--Um Gotteswillen!--Du bist drey

Viertelstund zu lang hiergeblieben.

(Läuffer läuft fort)

Sechste Scene.

Die Majorin. Graf Wermuth.

Graf.

Aber gnädige Frau! kriegt man denn Fräulein Gustchen

gar nicht mehr zu sehen? Wie befindt sie sich auf die

vorgestrige Jagd?

Majorin.

Zu Ihrem Befehl; sie hat die Nacht Zahnschmerzen

gehabt, darum darf sie sich heut nicht sehen lassen.

Was macht Ihr Magen, Graf! auf die Austern?

Graf.

O das bin ich gewohnt. Ich habe neulich mit meinem

Bruder ganz allein auf unsre Hand sechshundert Stück

aufgegessen und zwanzig Bouteillen Champagner dabey

ausgetrunken.

Majorin.

Rheinwein wollten Sie sagen.

Graf.

Champagner--Es war eine Idee, und ist uns beyden

recht gut bekommen. Denselben Abend war Ball in

Königsberg, mein Bruder hat bis an den andern Mittag

getanzt und ich Geld verloren.

Majorin.

Wollen wir ein Piquet machen?

Graf.

Wenn Fräulein Gustchen käme, macht' ich ein Paar

Touren im Garten mit ihr. Ihnen, gnädige Frau, darf

ichs nicht zumuthen; mit Ihrer Fontenelle am Fuß.

Majorin.

Ich weiß auch nicht, wo der Major immer steckt. Er

ist in seinem Leben so rasend nicht auf die Oekonomie

gewesen; den ganzen ausgeschlagenen Tag auf dem Felde

und wenn er nach Hause kommt, sitzt er stumm wie ein

Stock. Glauben Sie, daß ich anfange mir Gedanken drüber

zu machen.

Graf.

Er scheint melancholisch.

Majorin.

Weiß es der Himmel--Neulich hatt' er wieder einmal

den Einfall bey mir zu schlafen, und da ist er mitten

in der Nacht aus dem Bett' aufgesprungen und hat sich--

He he, ich soll es Ihnen nicht erzehlen, aber Sie

kennen ja die lächerliche Seite von meinem Mann schon.

Graf.

Und hat sich ...

Majorin.

Auf die Knie niedergeworfen und an die Brust geschlagen

und geschluchzt und geheult, daß mir zu grauen anfieng.

Ich hab ihn aber nicht fragen mögen, was gehen mich

seine Narrheiten an? Mag er Pietist oder Quacker

werden. Meinethalben! Er wird dadurch weder häßlicher

noch liebenswürdiger in meinen Augen werden, als er

ist. (sieht den Grafen schalkhaft an)

Graf. (faßt sie ans Kinn)

Boßhafte Frau!--Aber wo ist Gustchen? Ich möchte gar

zu gern mit ihr spatzieren gehn.

Majorin.

Still da kommt ja der Major ... Sie können mit ihm

gehen, Graf.

Graf.

Denk doch--Ich will nun aber mit Ihrer Tochter gehn.

Majorin.

Sie wird noch nicht angezogen seyn: es ist was

unausstehliches, wie faul das Mädchen ist--

(Major von Berg kommt im Nachtwämmschen, einen

Strohhut auf.)

Majorin.

Nun wie stehts, Mann? Wo treiben Sie Sich denn wieder

herum? Man kriegt Sie ja den ganzen Tag nicht zu sehen.

Sehn Sie ihn nur an Herr Graf; sieht er doch wie der

Heavtontimorumenos in meiner großen Madame Dacier

abgemahlt--Ich glaube, Du hast gepflügt, Herr Major?

Wir sind itzt in den Hundstagen.

Graf.

In der That, Herr Major, Sie haben noch nie so übel

ausgesehen, blaß, hager, Sie müssen etwas haben, das

Ihnen auf dem Gemüth liegt, was bedeuten die Thränen

in Ihren Augen, sobald man Sie aufmerksam ansieht?

Ich kenne Sie doch zehn Jahr schon und habe Sie nie

so gesehen, selbst da nicht, als Ihr Bruder starb.

Majorin.

Geitz, nichts als der leidige Geitz, er meynt, wir

werden verhungern, wenn er nicht täglich wie ein

Maulwurf auf dem Felde wühlt. Bald gräbt er, bald

pflügt er, bald eggt er. Du willst doch nicht Bauer

werden? Du mußt mir vorher einen andern Mann geben,

der die Aufsicht über Dich führt.

Major.

Ich muß wohl schaffen und scharren, meiner Tochter

einen Platz im Hospital auszumachen.

Majorin.

Was sind das nun wieder für Phantasien!--Ich muß

wahrhaftig den Doktor Würz noch aus Königsberg holen

lassen.

Major.

Du siehst nimmer nichts, vornehme Frau! daß Dein Kind

von Tag zu Tag abfällt, daß sie Schönheit, Gesundheit

und den ganzen Plunder verliert und dahergeht, als ob

sie, hol mich der Teufel--Gott verzeyh mir meine

schwere Sünde,--als ob der arme Lazarus sie gemacht

hätte--Es frißt mir die Leber ab--

Majorin.

Hören Sie ihn nur! Wie er mich anfährt! Bin ich schuld

daran? Bist du denn wahnwitzig?

Major.

Ja freylich bist Du schuld daran, oder was ist sonst

schuld daran? Ich kann's, zerschlag mich der Donner!

nicht begreifen. Ich dacht immer, ihr eine der ersten

Parthien im Reich auszumachen; denn sie hat auf der

ganzen Welt an Schönheit nicht ihres gleichen gehabt

und nun sieht sie aus wie eine Kühmagd--Ja freilich

bist Du schuld daran mit Deiner Strenge und Deinen

Grausamkeiten und Deinem Neid, das hat sie sich zu

Gemüth gezogen und das ist ihr nun zum Gesicht

herausgeschlagen, aber das ist Deine Freude, gnädige

Frau, denn Du bist lang schalu über sie gewesen. Das

kannst Du doch nicht leugnen? Solltst Dich in Dein

Herz schämen, wahrhaftig! (geht ab)

Majorin.

Aber ... aber was sagen Sie dazu, Herr Graf! Haben

Sie in Ihrem Leben eine ärgere Kollektion von Sottisen

gesehen?

Graf.

Kommen Sie; wir wollen Piquet spielen, bis Fräulein

Gustchen angezogen ist..

Siebente Scene.

In Halle.

Fritz von Berg. (im Gefängniß) Bollwerk.

von Seiffenblase und sein Hofmeister. (stehn um ihn)

Bollwerk.

Wenn ich doch den Jungen hier hätte, daß Fell zög'

ich ihm über die Ohren. Es ist mit alledem doch

infam gehandelt, einen ehrlichen Jungen, wie Berg,

ins Karcer zu bringen; da sich keiner sein hat

annehmen wollen. Denn das ist ja wahr, kein einziger

Landsmann hat den Fuß vor die Thür seinethalben

gesetzt. Wenn Berg nicht gut für ihn gesagt hätte,

wär' er im Gefängniß verfault. Und in vierzehn Tagen

soll das Geld hier seyn und wo er den Berg in

Verlegenheit läßt, soll man ihn für einen ausgemachten

Schurken halten. O du verdammter Pä Pä Pä Pä Pätus!

Wart Du verhenkerter Pätus, wart einmal!--

Hofmeister.

Ich kann Ihnen nicht genug beschreiben, lieber Herr

von Berg, wie leyd es mir besonders um Ihres Herrn

Vaters und der Familie willen thut, Sie in einem

solchen Zustande zu sehen und noch dazu ohne Ihre

Schuld, aus blosser jugendlicher Unbesonnenheit.

Es hat schon einer von den sieben Weisen

Griechenlandes gesagt, für Bürgschaften sollst du

dich in Acht nehmen und in der That es ist nichts

unverschämter, als daß ein junger Durchbringer, der

sich durch seine lüderliche Wirthschaft ins Elend

gestürzt hat, auch andere mit hineinziehen will,

denn vermuthlich hat er das gleich anfangs im Sinne

gehabt, als er auf der Akademie Ihre Freundschaft

suchte.

Herr von Seiffenblase.

Jaja, lieber Bruder Berg! nimm mir nicht übel, da

hast Du einen großen Bock gemacht. Du bist selbst

schuld daran; dem Kerl hättst Du's doch gleich

ansehen können, daß er Dich betrügen würde. Er ist

bey mir auch gewesen und hat mich angesprochen: er

wär' aufs äusserste getrieben, seine Kreditores

wollten ihn wegstecken lassen, wo ihn nicht Sonn

noch Mond beschiene. Laß sie dich, dachte ich, es

schadt dir nichts. Das ist dafür, daß Du uns sonst

kaum über die Achsel ansahst, aber wenn ihr in Noth

seyd, da sind die Adelichen zu Kaventen gut genug.

Er erzehlte mir Langes und Breites; er hätte seine

Pistolen schon geladen, im Fall die Kreditores ihn

angriffen--Und nun läßt der lüderliche Hund Dich an

seiner Stelle prostituiren. Das ist wahr, wenn mir

das geschehen wäre: ich könnte so ruhig nicht dabey

seyn: zwischen vier Mauren der Herr von Berg und das

um eines lüderlichen Studenten willen.

Fritz.

Er war mein Schulkamerad--Laßt ihn zufrieden. Wenn

ich mich nicht über ihn beklage, was geht's Euch an?

Ich kenn' ihn länger als Ihr; ich weiß, daß er mich

nicht mit seinem guten Willen hier sitzen läßt.

Hofmeister.

Aber, Herr von Berg, wir müssen in der Welt mit

Vernunft handeln. Sein Schade ist es gewiß nicht,

daß Sie hier für ihn sitzen und seinethalben können

Sie noch ein Sekulum so sitzen bleiben--

Fritz.

Ich hab' ihn von Jugend auf gekannt: wir haben uns

noch niemals was abgeschlagen. Er hat mich wie seinen

Bruder geliebt, ich ihn wie meinen. Als er nach Halle

reißte, weint' er zum erstenmal in seinem Leben, weil

er nicht mit mir reisen konnte. Ein ganzes Jahr früher

hätt' er schon auf die Akademie gehn können, aber um

mit mir zusammen zu reisen, stellt' er sich gegen

die Präceptores dummer als er war, und doch wollt es

das Schicksal und unsre Väter so, daß wir nicht

zusammen reißten und das war sein Unglück. Er hat nie

gewußt mit Geld umzugehen und gab jedem was er

verlangte. Hätt' ihm ein Bettler das letzte Hemd vom

Leibe gezogen und dabey gesagt: mit Ihrer Erlaubnis,

lieber Herr Pätus, er hätt's ihm gelassen. Seine

Kreditores giengen mit ihm um wie Strasenräuber und

sein Vater verdiente nie, einen verlornen Sohn zu

haben, der bey all seinem Elend ein so gutes Herz

nach Hause brachte.

Hofmeister.

O verzeyhn Sie mir, Sie sind jung und sehen alles noch

aus dem vortheilhaftesten Gesichtspunkt an: man muß

erst eine Weile unter den Menschen gelebt haben um

Charaktere beurtheilen zu können. Der Herr Pätus, oder

wie er da heißt, hat sich Ihnen bisher immer nur unter

der Maske gezeigt; jetzt kommt sein wahres Gesicht

erst ans Tageslicht: er muß einer der feinsten und

abgefeimtesten Betrüger gewesen seyn, denn die

treuherzigen Spitzbuben...

Pätus. (in Reisekleidern fällt Berg um den Hals)

Bruder Berg--

Fritz v. Berg.

Bruder Pätus--

Pätus.

Nein--laß--zu Deinen Füßen muß ich liegen--Dich

hier--um meinetwillen. (rauft sich das Haar mit

beyden Händen und stampft mit den Füßen) O Schicksal!

Schicksal! Schicksal!

Fritz.

Nun wie ists? Hast Du Geld mitgebracht? Ist Dein

Vater versöhnt? Was bedeutet Dein Zurückkommen?

Pätus.

Nichts, nichts--Er hat mich nicht vor sich gelassen--

Hundert Meilen umsonst gereißt!--Ihr Diener, Ihr

Herren. Bollwerk wein' nicht, Du erniedrigst mich zu

tief, wenn Du gut für mich denkst--O Himmel, Himmel!

Fritz.

So bist Du der ärgste Narr, der auf dem Erdboden

wandelt. Warum kommst Du zurück? Bist Du wahnwitzig?

Haben alle Deine Sinne Dich verlassen? Willst Du, daß

die Kreditores Dich gewahr werden--Fort! Bollwerk,

führ ihn fort; sieh daß Du ihn sicher aus der Stadt

bringst--Ich höre den Pedell--Pätus, ewig mein Feind,

wo Du nicht im Augenblick--

Der Hofmeister · 第 4 / 6 题