können, wie ein Toter, auch den Atem anhalten können und dergleichen,
daß wir uns aber niemals die Ausdünstung eines Toten anschaffen können.
Und das wäre doch bei Bär und Wolf die unerläßliche Voraussetzung.
Wer hiernach noch nicht überzeugt ist, daß das Mittel durchaus verfehlt
erscheint, dem möchte ich noch mit einem schlagenderen Beweise kommen.
Für den Nutzen des Sichtotstellens wäre doch die erste Voraussetzung,
daß das in Frage kommende Raubtier keine Leichen frißt. Hieran kann
doch nicht der geringste Zweifel bestehen.
Daß der Bär Leichen frißt, ist wohl unbestritten, heißt er oder
wenigstens eine Art von ihm doch mit Recht Aasbär. Brehm führt dafür
verschiedene Beweise an. So erlegte man in dem sibirischen Dorfe Makaro
einen Bären auf dem Friedhofe, als er gerade beschäftigt war, einen
kurz vorher beerdigten Leichnam auszugraben.
Was den Wolf betrifft, so braucht man nur daran zu erinnern, daß
selbst die verwöhntesten Hunde vielfach eine Vorliebe für verweste
Fleischstücke haben. Es ist daher kein Wunder, daß Isegrimm -- ebenso
wie der Fuchs -- »eine leidenschaftliche Vorliebe«, wie Brehm sagt, für
Aas hat.
Nur nebenbei sei bemerkt, daß die Annahme, die großen Katzenarten
seien keine Aasfresser, sich als gänzlich irrig erwiesen hat. Vom
Luchse schreibt neuerdings Baron ~v. Staël-Holstein~ in »Wild und
Hund«, daß er tote Rehe selbst dann fresse, wenn sie schon wochenlang
gelegen hätten. Selbst der Löwe geht nach v. Wißmann und anderen
Afrikareisenden gern an Aas, und ~Selous~ erklärt ausdrücklich,
der südafrikanische Löwe sei oft ein sehr schmutziger Fresser.
Das Ergebnis ist also folgendes: Das Sichtotstellen als Rettungsmittel
kann schwerlich empfohlen werden, da alle Raubtiere mehr oder minder,
gewiß aber Bär und Wolf, Leichenfresser sind. Die letztgenannten
würden als Nasentiere beim Beschnüffeln eines anscheinend Toten sofort
erkennen, daß es sich hier um eine Täuschung handelt.
So weit ich mich entsinnen kann, haben weder die alten Schriftsteller
dieses Mittel empfohlen, noch habe ich jemals von einem zuverlässigen
Jäger gelesen, daß er das Verfahren mit Erfolg probiert habe. Daß in
der erwähnten Fabel der eine Jäger das tut, will nichts besagen, denn
der andere klettert zu seiner Rettung auf einen Baum, was bekanntlich
wohl bei einem Wolfe oder Löwen einen Zweck hätte, aber nicht bei
Meister Petz, der selbst ein vorzüglicher Kletterer ist.
Trotzdem will ich die Möglichkeit durchaus nicht bestreiten, daß sich
Menschen durch Sichtotstellen gerettet haben, und erkläre mir das
folgendermaßen: Bei allen Raubtieren ist bekanntlich die Angriffslust
sehr vom Hunger abhängig. Angenommen nun, ein satter Bär oder Wolf
findet einen anscheinend toten Menschen, beriecht ihn und läßt ihn
ruhig liegen, ~so wäre der Grund für sein Verhalten nicht der, weil
er ihn für tot hält, sondern im Gegenteil, weil er merkt, daß er noch
lebendig ist~. Denn gesättigt scheuen selbst die gefährlichsten
Raubtiere den Menschen -- und mit vollem Rechte. Denn jedes Raubtier
kennt wohl die Waffen aller anderen Tiere, aber nie die des Menschen
(vgl. S. 19).
Bekannt ist es ja, daß der Wolf im Sommer entsetzlich feig ist, und
nur im Winter, wenn der Hunger ihn tollkühn gemacht hat, den Menschen
angreift. Nicht viel anders liegt die Sache bei dem Bären. So mag es
denn hin und wieder vorgekommen sein, daß sie einen Menschen, der
sich tot stellte, beschnüffelt und liegen gelassen haben, weil sie
fürchteten, er könnte aufspringen und ihnen eins versetzen. Die Furcht
vor dem lebendigen Erbfeind, nicht die Abneigung gegen den toten, war
also für ihr Verhalten bestimmend.
Das Wiedererkennungsvermögen bei Menschen und bei Tieren.
Die Verfolgung von Verbrechern ist eine Hauptaufgabe der
Kriminalpolizei, kaum jemals aber wurde so eifrig nach Mördern
recherchiert, wie in der letzten Zeit. Da es sich um besonders
gefährliche Patrone handelte, so nahm das Publikum an dieser Suche
regen Anteil. Es verging wohl kaum ein Tag, an dem man nicht in seiner
Zeitung lesen konnte:
Diese oder jene Person erkannte den Festgenommenen mit Bestimmtheit als
den Mann wieder, der sich an dem betreffenden Tage durch sein Benehmen
verdächtig gemacht hatte.
Wir wissen aus Erfahrung, wie häufig Irrtümer in der Rekognoszierung
von Personen vorgekommen sind, selbst wenn die Zeugen ihre Aussagen
beschworen und mit der größten Bestimmtheit gemacht haben. Deshalb wird
auch kein erfahrener Polizeibeamter oder Richter ohne weiteres einer
solchen Angabe Glauben schenken.
Nicht selten ist es vorgekommen, daß Tiere, die bei der Verübung eines
Mordes zugegen waren, namentlich Hunde, später die Entdeckung des
Mörders durch ihr Gebaren herbeiführten, indem sie ihn wütend anfielen.
Der Hund des Aubry, der unsern Goethe zur Niederlegung der Leitung
des Hoftheaters veranlaßte, ist ja allgemein bekannt. Aber schon im
Altertum finden wir Berichte ähnlicher Art. So erzählt ~Plutarch~
beispielsweise folgendes: Als König Pyrrhus mit seinem Heere
marschierte, fand er einen Hund, welcher den Leichnam eines Gemordeten
bewachte. Er erkundigte sich näher und erfuhr, daß der Hund schon
drei Tage bei seinem erschlagenen Herrn verweilte, ohne einen Bissen
zu fressen. Der König befahl, den Toten zu begraben, den Hund aber
mitzunehmen und zu verpflegen. Wenige Tage darauf ward das Heer
gemustert und defilierte vor dem König. Nicht weit von diesem saß der
Hund und verhielt sich ganz ruhig. Unter den Soldaten befanden sich
aber die Mörder seines Herrn, und als er diese bemerkte, schlug er laut
an und stürzte sich wütend auf sie los, wobei er sich oftmals nach dem
Könige umsah. Jetzt entstand Verdacht gegen die Mörder; es ward Befehl
erteilt, sie zu ergreifen; und da noch andere Beweise ihrer Schuld
hinzukamen, gestanden sie den Mord und wurden bestraft. --
Vom Standpunkte des Kulturmenschen aus wird man über eine solche
Rekognoszierung von Verbrechern durch Tiere lächeln und folgendermaßen
philosophieren: Schon der Naturmensch steht unendlich höher, als
das unvernünftige Tier, noch höher der Kulturmensch, am höchsten
diejenigen Menschen, die in den Brennpunkten der Kultur wohnen, also
die Großstädter. Wenn sich nun schon der letztgenannte erfahrungsgemäß
beim Wiedererkennen häufig irrt, so ist es direkt lächerlich, auf
das Gebaren der Tiere das geringste Gewicht zu legen. -- Ist diese
Deduktion zutreffend?
Ich wurde auf diese Frage wiederum hingewiesen, als ich kürzlich einem
Vortrag zuhörte, den Dr. ~Heinroth~, langjähriger Assistent
unseres Berliner Zoologischen Gartens, über seine Beobachtungen an
gefangenen Tieren gehalten hat. Hierbei kam er nämlich auch auf das
Wiedererkennungsvermögen der Tiere zu sprechen, und führte zum Beispiel
folgendes an: Junge Wildenten, die eben aus dem Ei gekrochen sind,
unterscheiden bereits nach ganz kurzer Zeit ihre Mutter unfehlbar
von anderen Entinnen. Versucht man ein Entenkücken, das seine Mutter
verloren hat oder in einer Maschine ausgebrütet ist, bei gleichaltrigen
Genossen unterzubringen, so wird es von allen Geschwistern überfallen
und eventuell getötet.
Dr. ~Heinroth~, der einer unserer vortrefflichsten Tierkenner
ist, erklärte, daß er hier vor einem Rätsel stände, für das ihm
jedes Verständnis fehlte. Kein Mensch sei imstande, unter zwanzig
Entenmüttern eine bestimmte herauszufinden. Wohl bemerkt, handelt es
sich hier um Wildenten, die im Gegensatz zu unseren zahmen Enten alle
ganz gleich aussehen. Noch viel weniger sei aber ein Mensch imstande,
gleichaltrige Kücken zu unterscheiden. Eine solche Leistung bringe
jedoch bereits eine Ente im Alter von zwei Tagen mit unfehlbarer
Sicherheit fertig.
Die Tatsachen an sich waren mir nicht neu. Ich kann auch das Erstaunen
des Vortragenden nicht teilen, und zwar aus folgenden Gründen:
Wir Kulturmenschen werden durch unser Denken viel zu sehr von dem
Betrachten äußerlicher Dinge abgezogen, während der einfache Mann sich
ihm ganz widmen kann.
Ferner kommt die Macht der Übung hinzu. Man vergleiche hierzu: Ist das
Tier unvernünftig? S. 78.
Daß reine Naturvölker auf diesem Gebiete dem Kulturmenschen unendlich
überlegen sind, kann nur der bestreiten, der sich nicht belehren
lassen will. Wenn diese Überhebung des Kulturmenschen nicht bestände,
so hätten wir sicherlich nicht so viele schmerzliche Verluste in
Südwestafrika erlitten.
Mag in Indianerbüchern manches übertrieben sein, das bleibt
unbestritten wahr, daß die Sinne der Naturvölker schärfer und ihre
Beobachtungsgabe größer ist. Ein Gelehrter, dessen Name mir entfallen
ist, schilderte, daß ihn auf seinen Reisen seine Frau in Männerkleidern
begleitete, ohne daß ihr Geschlecht bei Kulturvölkern jemals erkannt
wurde. Bei einem Naturvolke durchschaute man jedoch sofort die
Täuschung. Bei den Tieren ist das im gleichen Maße der Fall. Die
meisten Hunde erkennen zum Beispiel allein am Tritt, ob ein Fremder
oder ein Bekannter die Treppe hinaufkommt. Einen Kulturmenschen, der
das gleiche mit seinen Ohren leisten kann, wenn der Kommende ein
Durchschnittsmensch ist, also natürlich weder knarrende Stiefel trägt
noch humpelt u. dgl., habe ich noch nicht kennen gelernt.
Dabei entwickelt sich diese Unterscheidungsfähigkeit bei Tieren schon
wunderbar früh. Folgender Fall, der hierfür beweisend sein dürfte, ist
mir im Gedächtnis geblieben.
Die Wirtin, bei der ich als Student wohnte, hatte einen jungen Hund
geschenkt bekommen, der eben erst entwöhnt war. Er machte noch einen
recht stupiden Eindruck und lag in einer Sandkiste im Hinterzimmer.
Um dieselbe Zeit erhielt ich von einem auswärtigen Freunde die
Nachricht, daß er mich in den nächsten Tagen besuchen und bei mir, wie
bereits früher, übernachten wolle, was denn auch geschah.
Am anderen Tage brachte ich meinen Freund, der weiter fahren wollte,
zum Bahnhof. Bei meiner Rückkehr erzählte mir meine Wirtin, daß sie
in der Nacht durch das Winseln des Hundes aufgewacht sei und, da es
nicht aufhörte, vermutet habe, dem Tiere fehle etwas. Sie sei daher
aufgestanden, habe aber nichts finden können, was sein Benehmen
erklärte. Trotzdem sei der Hund nicht zu beruhigen gewesen, bis sie
schließlich auf den Gedanken gekommen sei, mein Freund sei angekommen.
Da sie sehr zeitig schlafen gegangen sei, hatte sie von unserem Kommen
nichts gehört. Ihre Annahme, der Fremde veranlasse das Winseln des
Hundes, erwies sich auch als zutreffend, denn sowie er fort war, hörte
es plötzlich auf.
Mit der Familie der Wirtin waren wir Mieter zusammen sechs Personen in
der Wohnung. Der Hund war noch nicht eine Woche in der neuen Behausung,
und schon unterschied er am Schritt, ob eine Person, die nicht dort
wohnte, angekommen war.
Wenn ein Hund, der eben erst entwöhnt ist, eine solche Leistung
vollbringt, so kann ich mich nicht wundern, daß eine junge Ente mit
ihren Augen ähnliches leistet.
Täglich kann man ja derartiges beobachten. Wie schwer ist es nicht
für uns zu unterscheiden, ob ein Kanarienvogel, ein Stieglitz usw.
ein Männchen oder ein Weibchen ist. Den Vögeln selbst muß aber diese
Unterscheidung keine Schwierigkeit bereiten, denn sie irren sich
niemals. Man denke an die zahllosen Vogelberge, wo es uns unerklärlich
ist, woran sich die Ehegatten wieder erkennen.
Wer da weiß, wie schwer die einzelnen Raubvogelarten zu unterscheiden
sind, der hat sich gewiß schon oftmals gewundert, daß Hühner oder
Schwalben und andere Vögel bei den ihnen ungefährlichen Raubvögeln
sich ganz ruhig verhalten, dagegen sofort in Aufregung geraten, falls
ein gefürchteter Feind auf der Bildfläche erscheint. Der Uhu vor der
Krähenhütte erkennt selbst am Tage bereits einen drohenden Gegner -- er
wirft sich dann auf den Rücken --, wenn das schärfste Menschenauge noch
nichts wahrzunehmen vermag.
Es scheint sogar, als wenn junge Enten, die nicht imstande sind,
ihre Geschwister und ihre Mutter von anderen zu unterscheiden, wie
verkrüppelte getötet werden. Wenigstens spricht für diese Annahme
folgender Fall, der sich vor einigen Jahren im Berliner Tiergarten
abspielte, wo viele Wildenten brüten.
Bei dem knappen Raum ereignete es sich, daß zwei Schofe sich
begegneten, und die Kleinen der beiden Mütter durcheinander gerieten.
Trotzdem fand jedes Entchen sofort seine richtige Mutter. Nur eine
kleine Ente irrte sich einen Augenblick und schwamm einige Schritte
weit mit der fremden Mutter mit. Sobald sie ihren Irrtum bemerkt hatte,
kehrte sie schleunigst zu den ihrigen zurück. Und was geschah nun? die
eigene Mutter war so erbost, daß sie das Kleine packte und ertränkte.
Zum Erstaunen über das Wiedererkennungsvermögen junger Enten
dürfte also nach den obigen Ausführungen kein Anlaß vorliegen. Der
Kulturmensch steht leider auf dem unglückseligen Standpunkt, den
schon die alten Griechen eingenommen haben, daß nämlich eine Malerei,
die Menschen täusche, vollkommener sei, als eine solche, die Tiere
irritiere. Daß das nicht unbedingt richtig ist, haben wir soeben
gesehen.
Anhang
Kurze Bemerkungen zu einigen Kritiken meiner Bücher.
Wer neue Ansichten in unserm lieben Vaterlande aufstellt, muß sich
stets zweierlei gefallen lassen. Einmal wird ihm von einem Teile der
Kritiker entgegengerufen: »Das ist ja alles längst bekannt!« -- Sodann
aber treten Gegner auf, die ihm zu beweisen suchen, daß alles, was er
sage, vollkommen falsch sei. Beides ist bei mir natürlich ebenfalls
eingetroffen. Um Irreführungen vorzubeugen, möchte ich hierzu folgendes
bemerken:
Wenn die Theorie mit dem Verhältnis zwischen Auge und Nase längst
bekannt gewesen wäre, so müßte es doch ein leichtes sein, nur eine
einzige Stelle anzuführen, wo sie vor mir aufgestellt worden ist. In
den gangbarsten zoologischen Werken, so in dem Tierleben von Brehm
findet sich keine Spur davon, und zwar weder in der von Brehm selbst
noch in der von seinem Nachfolger bearbeiteten Auflage, ebensowenig
bei Haacke-Kuhnert und den Werken des Professor Marshall, ferner von
Professor Heck und Matschie usw. Selbst nach dem Erscheinen meines
Buches: »Ist das Tier unvernünftig?« hat z. B. +Dr.+ Schäff,
Direktor des Zoologischen Gartens von Hannover, in seinem neuerdings
veröffentlichten Werke »Jagdtierkunde« zu dieser Ansicht nicht einmal
Stellung genommen -- sie muß ihm also selbst heute noch ganz unbekannt
sein. Ebenso hat Dr. Heinroth, langjähriger Assistent im Berliner
Zoologischen Garten, der als einer der besten Tierkenner bekannt ist,
im vorigen Jahre in einem Vortrage, dem ich beiwohnte, zwar zugegeben,
daß Vögel nicht wittern können, aber z. B. von den Hirschen behauptet,
daß sie sowohl wittern wie gut sehen können. Die hervorragendsten
Vertreter der zoologischen Wissenschaft haben also noch heute keine
Ahnung von einer Theorie, die angeblich schon längst bekannt war --
oder bekämpfen sie vereinzelt sogar!
Andererseits soll das angeblich längst Bekannte grundfalsch sein. Ich
habe bereits erwähnt, daß so anerkannte Autoritäten wie v. Wißmann,
Schillings und Oberländer, die in mehreren Erdteilen gejagt haben, mir
im Prinzipe durchaus recht gegeben haben und könnte damit die Sache als
erledigt betrachten, zumal ich noch mehr als ein Dutzend andere Namen
anführen könnte, deren Träger ebenfalls im Auslande gejagt haben und
von der Richtigkeit meiner Ansicht durchdrungen sind.
Damit ist natürlich keineswegs gesagt, daß alles, was in meinem Buche
steht, unbedingt richtig sei. Im Gegenteil -- ich gebe ohne weiteres
zu, daß einige Kleinigkeiten geändert bezw. umgearbeitet werden müssen.
Das soll auch später geschehen. Ferner habe ich nur des leichteren
Verständnisses wegen die Formel aufgestellt: Je besser die Augen
usw. Genau ausgedrückt muß es heißen: ~Bei den höher organisierten
Tieren ist die Summe aller Sinne gleich.~ Bei den Fledermäusen
wird beispielsweise das schwache Sehvermögen nicht bloß durch die
Nase, sondern auch durch das Tastvermögen ersetzt. Wenn aber bei der
leichteren Fassung schon Mißverständnisse entstanden sind, dann kann
man sich vorstellen, wie wenige die genauere Formulierung begriffen
hätten.
Merkwürdigerweise hat kein einziger Gegner diesen Hauptmangel meiner
Theorie bemerkt, was wohl der beste Beweis ist, wie wenig sie von der
ganzen Sache verstehen. Übrigens wird mir jede sachliche Kritik stets
erwünscht sein. So wurde ich brieflich darauf aufmerksam gemacht,
daß der Ausdruck Dachs für Dachshund (vgl. Streifzüge S. 92) doch
hin und wieder vorkomme. Auch gebe ich gern zu, daß der Zusammenhang
von Maulaffen und Affen nicht wahrscheinlich ist. Hierauf wurde ich
in zahlreichen Zuschriften aufmerksam gemacht. Ferner wurden gegen
die Erklärung der Hufbewegungen edler Pferde (vgl. ebenda S. 76)
von einigen Kavallerie-Offizieren Bedenken geltend gemacht. Diese
Zuschriften sind eingehend geprüft worden und werden bei späteren
Auflagen berücksichtigt werden. Bereits jetzt aber spreche ich allen
den betr. Herren für das große Interesse, das sie meinen Arbeiten
entgegenbringen, meinen aufrichtigen Dank aus.
Wer, wie ich, selbst viel kritisiert, darf selbstverständlich gegen
Kritiken anderer nicht empfindlich sein. Von einem solchen Übelnehmen
weiß ich mich auch vollkommen frei. Aber ich wünsche, von meinem
Gegner Gründe, nicht Redensarten zu hören. Ich glaube mit Bestimmtheit
behaupten zu können, daß ich niemals eine gegnerische Ansicht getadelt
habe, ohne meine abweichende Meinung eingehend zu begründen. Es ist
möglich, daß ich mich in meiner Kritik irre, aber den guten Glauben
wird mir niemand absprechen können.
Leider kann ich das gleiche nicht von einzelnen Gegnern sagen. Da nennt
einer mein Buch eine Sensationsschrift, von der jeder käfersammelnde
Knabe Teile widerlegen kann. Also ein Buch, das hauptsächlich aus
Arbeiten besteht, die Jahre vorher veröffentlicht sind, ist eine
Sensationsschrift! Und warum werden nun nicht die Teile genannt, die
bereits ein dummer Junge widerlegen kann? -- Weil sie der Herr Kritiker
selbst nicht angeben kann!
Andere Kritiker müssen aus Konkurrenzgründen durchaus etwas Falsches
feststellen. Ich schreibe in den Streifzügen S. 16, daß der Affenfang
durch Maiskorn, das sich in einem Gefäß befindet, mir nach den eigenen
Beobachtungen an Affen und nach der Versicherung anderer Naturforscher
wahrscheinlich vorkomme. Sofort wird mir der Blödsinn unterstellt,
daß ich Ammenmärchen erzähle und diesen Bericht aus der Raffschen
Naturgeschichte, die vor 100 Jahren erschienen ist, entnommen habe.
Den Raff kannte ich damals gar nicht, finde jedoch nachträglich, daß
bei ihm die Geschichte ganz anders und zwar mit Kokosnüssen erzählt
wird. Schon hieraus konnte jeder entnehmen, daß Raff nicht meine Quelle
sei. In Wirklichkeit stammt sie aus -- Brehm, der ausdrücklich an zwei
Stellen diesen Affenfang bestätigt (2. Aufl. Bd. 1 S. 45 u. 204).
Man sieht, es laufen heute »Kritiker« herum, die zoologische Bücher
besprechen, ohne von Brehm eine Ahnung zu haben.
Den Vogel auf diesem Gebiete schießt aber der Forstmeister Rothe aus
Görlitz ab, der vor einem halben Jahre eine Gegenschrift gegen mich
veröffentlicht hat. Dieses Machwerk möchte ich doch etwas niedriger
hängen. Zum besseren Verständnis muß ich folgendes vorausschicken.
Bereits vor dem Erscheinen meines Buches polemisierte Rothe gegen
einzelne naturwissenschaftliche Ansichten von mir und betonte, daß
für den Praktiker nur Brehm maßgebend sei. Aus diesem Grunde habe
ich mich auf diesen von mir hochverehrten Naturforscher mit Vorliebe
berufen, ferner ihn absichtlich wörtlich zitiert, wie auch die andern
anerkannten Autoritäten, beispielsweise v. Wißmann, den »Zoologischen
Garten« usw. Nun, sollte man meinen, könnte selbst der schärfste Gegner
nichts auszusetzen haben. Denn hatte Brehm falsche Beobachtungen
gemacht, so war es ja Pflicht seiner Anhänger gewesen, in den 30 Jahren
seit dem Erscheinen der zweiten Auflage, seine Irrtümer zu berichtigen.
Statt dessen hagelt es von Ausdrücken wie Ignorant, Zoologische
Brunnenvergiftung, Stubengelehrter usw. Auf diese Tonart einzugehen,
verbietet mir meine Erziehung.
Für die Leser von Jagd-Zeitungen ist diese Methode R.'s nichts Neues.
Anrempeleien anderer Autoren kann man in den letzten Jahrgängen zur
Genüge finden. Kürzlich hatte er über Goethe als Jäger geschrieben,
und als ihm das Irrige seiner Ansicht überzeugend nachgewiesen war,
verkroch er sich hinter der Ausrede, er hätte es nicht wörtlich
gemeint. Obwohl er seit vielen Jahren für die Deutsche Jägerzeitung
und »Wild und Hund« schreibt, hat weder der Neudammsche noch Pareysche
Verlag seine Broschüre übernommen, ja sie ist bis heute -- mehr als
sechs Monate seit ihrem Erscheinen -- mit keiner Silbe besprochen.
Das läßt tief blicken -- würde Sabor sagen. Dagegen hat die Deutsche
Jägerzeitung mein Buch in acht ausführlichen Artikeln wohlwollend
beurteilt. Dabei ist es doch selbstverständlich, daß eine Jagd-Zeitung
eher für einen Forstmeister als für einen Gelehrten eintritt.
Nun zur Sache selbst. Abgesehen von einigen unbedeutenden Kleinigkeiten
hat R. nicht das geringste von meinen Grundsätzen widerlegt. Um aber
den Anschein einer Widerlegung hervorzurufen, bedient er sich folgender
Mittel:
1. Im Gefühle, sachlich nichts von Bedeutung einwenden zu können, wird
er persönlich. Obwohl ich als Sohn eines Gutsbesitzers in einem kleinen
Dorfe geboren bin und in frühester Kindheit schon von Hunden umgeben
war, bin ich natürlich kaum aus der Stube gekommen usw. Es wundert mich
nur, daß R. nicht auch behauptet, ich hätte noch niemals einen Hund
gesehen.
2. Er wirft mit Phrasen-Kritiken um sich, ohne sie zu begründen. So
wimmelt es in seiner Broschüre von Ausdrücken wie: es berührt peinlich
(S. 15 u. 24), ist sehr bedenklich (S. 17), ist zu burlesk (S. 18) usw.
3. Er unterstellt dem Gegner die blödsinnigsten Ansichten und
Aussprüche, die dieser niemals geäußert hat. Erkläre ich z. B., daß
ich mäßig kurzsichtig bin und mit Nr. 16 volle Sehschärfe besitze, so
kann man bei der Lektüre seiner Schrift den Eindruck erhalten, als
hätte ich alle Beobachtungen ohne Glas gemacht. Daß z. B. Schillings
und Präsident Roosevelt, gegen die R. doch der reine Waisenknabe ist,
ebenfalls kurzsichtig -- und zwar, wie ich höre, in noch höherem Grade
-- und trotzdem vortreffliche Tierbeobachter sind, wird natürlich
wohlweislich verschwiegen. Habe ich ~eine~ Beobachtung vom
Fenster aus gemacht, so habe ich sie ~öfter~ von dort aus
gemacht. Schreibe ich, daß nur Nase oder Auge hervorragend sind, indem
ich auf S. 75 ausdrücklich hervorhebe, daß das Gehör aller Tiere
mindestens ebensogut wie das der Menschen sei, so wird mir der Blödsinn
unterstellt, ein Nasentier, z. B. ein Hund, habe außer seiner Nase
keinen Sinn usw. (S. 42), könnte z. B. nicht hören.
4. Er stellt die unsinnigsten und unwahrsten Behauptungen auf, die er
auf späteren Seiten wieder vergessen hat. So heißt es gleich im Anfang,
daß es keine Schöpfungskrüppel gibt, daß die Natur den Kreaturen
überreichlich Mittel und Waffen gegeben hat, um den Existenzkampf
zu führen (S. 11 u. 30). Jeder, der eine Spur Logik besitzt, wird
hiergegen einwenden, wie es unter diesen Umständen möglich sei, daß ein
Pflanzenfresser von einem Raubtiere erbeutet werden könnte. Auf S. 60
heißt es aber im vollsten Widerspruch damit, daß Rinder und Fische nur
2 Sinne, ja die Eule nur einen hervorragenden Sinn besitzen, ferner auf
S. 49, daß die Katzen schlecht wittern können.