Wie dieser Glaube entstanden ist, liegt klar auf der Hand. Zunächst

wissen wir, daß zahlreiche Tiere ein äußerst feines Geruchsvermögen

besitzen, wie z. B. Hund, Fuchs, Igel usw. Warum sollte zu diesen

Geschöpfen nicht auch der Geier gehören? Das müßte man um so eher

annehmen, als alle Anzeichen dafür sprechen. Hier liegt ein totes Rind,

und obwohl nirgends ein Vogel im blauen Äther zu entdecken ist, haben

sich nach kurzer Zeit eine stattliche Anzahl von Geiern um den Kadaver

versammelt. Da nun der letztgenannte Gerüche ausströmen läßt, die

selbst unsern stumpfen Nasen schon aus weiter Entfernung höchst lästig

fallen, so scheint es ganz klar zu sein, daß witternde Geschöpfe diese

Leichen bereits in unglaublicher Entfernung wahrnehmen.

Weil dieser ganze Gedankengang einen höchst überzeugenden Eindruck

macht, so hat man an der Wahrheit der Annahme im allgemeinen kaum

gezweifelt. Auch heute ist die überwiegende Mehrzahl von ihrer

Richtigkeit durchdrungen. Und doch ist sie grundfalsch, wie sich aus

dem nachstehenden ergeben wird.

Schon vor 50 Jahren schrieb der ausgezeichnete Zoologe ~Lenz~:

»Genaue, in unserer Zeit angestellte Versuche haben gezeigt, daß die

Geier nicht dem Sinne des Geruchs, sondern dem des Gesichts folgen,

wenn sie Beute suchen.«

Aus welchem Grunde man überhaupt das feine Geruchsvermögen des Geiers

bezweifelt hat, geht aus dieser Bemerkung nicht hervor. Ich bin der

Überzeugung, daß Zweifel bis heute schwerlich aufgetaucht wären, wenn

der Geier nicht zu den Vögeln gehörte. Für zahlreiche Jäger und

Tierfreunde ist es nun längst eine ausgemachte Wahrheit, daß bei den

Vögeln das Vermögen zu wittern nur in der Phantasie der bisherigen

Beobachter existiert.

Ich habe in meinem Buche: »Ist das Tier unvernünftig?« ausführlich die

Gründe dargelegt, weshalb eine feine Nase bei Vögeln ausgeschlossen

ist. Dort führe ich auch an, daß bereits ~Brehm~ bestreitet, daß

die Geier ihre Nahrung wittern. Er hält vielmehr ihr Auge für ihren

wichtigsten und vorzüglichsten Sinn.

Zu demselben Resultate, daß sich die Geier lediglich durch das Gesicht

orientieren, kommt neuerdings A. E. ~Bayer~ in »Hundesport und

Jagd« auf Grund der sorgfältigen Beobachtungen, die von Fachleuten

angestellt wurden.

»Was ist die Ursache der Geierversammlungen?« fragt ~Georg Byam~,

der diese Vögel in Mittelamerika jahrelang sehr genau kennen gelernt

hat. »Liegt diese Ursache im Gesicht oder im Geruch? Viele achtbare

Urteile haben sich allerdings für den Geruch entschieden, aber ich

möchte dieser Meinung nicht ganz beistimmen und bin vielmehr der

festen Überzeugung, daß das Urteil zugunsten des Gesichts gefällt

werden muß. Ich will einige Beweise beifügen. Ein eben getötetes oder

vor Erschöpfung gefallenes Tier kann unmöglich einen Geruch um sich

verbreiten, und dennoch versammeln sich in wenigen Minuten häufig

unzählige Geier an einer Stelle, wo vorher kein einziger zu sehen

gewesen ist, und sie kommen nicht bloß aus der Richtung, nach welcher

der Wind weht, sondern aus allen übrigen Gegenden. Ohne Zweifel verhält

sich die Sache folgenderweise: Die Geier steigen gewöhnlich so hoch in

die Luft empor, daß wir sie nicht mehr sehen können, aber ihr scharfes

Auge erspäht sogleich das gefallene Tier, und derjenige von ihnen, der

es zuerst erblickt, beginnt augenblicklich einen geraden, schnellen

Flug nach der Stelle, wo es liegt. Sobald aber ein Geier schnell

und in gerader Richtung sich fortzubewegen beginnt, folgen ihm alle

anderen, die mit ihm in der Höhe schweben, und geben zugleich, indem

sie der Beute näher kommen, durch ihre kreisförmigen Bewegungen in der

Luft ein zweites Zeichen für diejenigen Geier, welche das erste nicht

bemerkt haben. Ich glaube, es ist ~Waterton~, der erzählt, daß er

einst ein totes Tier sorgfältig unter Bäumen und Büschen verborgen

hatte, daß aber trotzdem durch dessen Geruch die Geier aus ungeheurer

Entfernung herbeigelockt worden wären. Ich habe dasselbe versucht,

aber vielleicht war es Herrn ~Waterton~ unbekannt, daß die Geier

die Hunde und Raubtiere beobachten und ihnen folgen. Während meines

Aufenthaltes in Chile ertrank einst bei einem heftigen Regenguß ein

Esel in einem Bach, über den man am nächsten Tage hätte hinwegschreiten

können, ohne sich die Knöchel zu benetzen. Er wurde unter einen großen

Baum gezogen und blieb dort zwei volle Tage liegen, ohne von den Geiern

überfallen zu werden. Endlich entdeckten ihn einige Dorfhunde, und kaum

waren sie eine halbe Stunde mit ihm beschäftigt, so hatte sich auch

schon ein großer Schwarm von Greifgeiern versammelt, welche die Hunde

vertrieben und den Esel in kurzer Zeit verzehrten. Dieser Fall spricht

ganz und mehr wie jeder andere zugunsten des Gesichtes. Der hoch in

den Wolken schwebende Vogel hatte mit seinem scharfen Auge die Hunde

erspäht; er hatte augenblicklich seinen geraden Flug begonnen und war,

begleitet von denjenigen seinesgleichen, die ihn beobachtet hatten, in

kurzer Zeit zu der Stelle gelangt, wo die erwünschte Beute lag, die

der Geruchssinn zwei Tage unbeachtet gelassen hatte. Ich halte das

Gesicht für die eigentliche Ursache der Geierversammlungen, denn ich

habe während eines sechsjährigen Aufenthaltes in Ländern, wo der Geier

in Menge vorkommt, die Gewohnheiten dieser Tiere aufmerksam beobachtet

und diese Meinung vollkommen bestätigt gefunden. Die ungeheure Höhe, zu

welcher sie sich emporschwingen, gewährt ihnen einen weiten Überblick,

während ihr scharfes Auge sie in den Stand setzt, ein totes Tier in

unglaublicher Entfernung zu erspähen, und ihr Instinkt sie lehrt, die

Bewegungen der Hunde und anderer fleischfressender Tiere, sowie den

Flug ihres eigenen Geschlechts zu beobachten.«

Zu demselben Resultat kommt Sir ~Samuel Baker~ durch die reichen

Erfahrungen, die er in den Nilländern gemacht hat. Er schreibt: »Man

hat häufig die Frage aufgeworfen, ob der Geier durch den Geruchssinn

oder durch die Schärfe des Auges zu seiner Beute geführt werde. Ich

habe seinen Gewohnheiten viele Aufmerksamkeit geschenkt, und wenn es

auch keine Frage sein kann, daß sein Geruch ein scharfer ist, so bin

ich doch überzeugt, daß alle Raubvögel ihre Nahrung vermöge ihrer

großen Sehkraft finden. Würde ein Geier blind, so müßte er verhungern,

verstopfte man ihm aber nur die Nasenlöcher mit einem Stoff, der seinen

Geruchssinn störte, so würde dies seine gewöhnliche Jagdart nicht

wesentlich beeinträchtigen.«

»Wenn man die Gewohnheiten dieser Vögel beobachtet, so gibt es kein

interessanteres Experiment, als ein totes Tier unter einem dichten

Busch zu verstecken. Ich habe dies häufig getan, und immer bemerkt,

daß die Geier es nicht finden, wenn sie nicht Zeugen seines Todes

gewesen sind. War dies letztere der Fall, so fliegen sie bereits nach

unten, während man den Körper versteckt, und werden ihn, wenn sie

näher kommen, durch den Geruch entdecken. Tötet man ein Tier aber im

dichten Grase, das acht bis zehn Fuß hoch ist, so finden die Geier es

selten. Ich habe häufig die Erfahrung gemacht, daß die Körper großer

Tiere, zum Beispiel Elefanten oder Büffel, tagelang im Schatten dichter

Nabbukgebüsche lagen, ohne daß ein einziger Geier erschien. Wären sie

sichtbar gewesen, so würden diese Vögel sie zu Tausenden besucht haben.«

»Die Geier und Marabustörche fliegen in ungeheuren Höhen. Ich glaube,

daß jede Art ihre bestimmte Ferne hat, und daß die Luft regelmäßige

Schichten von Raubvögeln enthält, die, in ihrer ungeheuren Höhe dem

menschlichen Auge unsichtbar, beständig auf ihren ausgebreiteten

Flügeln ruhen und in Kreisen umherschwebend die Welt unten mit

Fernrohrkraft beobachten. Von ihren ungeheuren Höhen beherrschen die

Raubvögel ein außerordentlich weites Gesichtsfeld, und obgleich sie

von der Erde aus unsichtbar sind, so kann doch kein Zweifel bestehen,

daß sie bei ihrem beständigen Kreisen einander sehen. Bemerkt also ein

Vogel unten auf der Erde einen Gegenstand, so wird sein plötzliches

Hinabschießen von jedem folgenden Geier bemerkt und nachgeahmt. Sieht

ein Geier, welcher der Erde am nächsten ist, einen Körper, oder gewahrt

auch nur, daß die Mäusefalken sich an einem bestimmten Punkt sammeln,

so weiß er sogleich, daß es eine Beute gibt. Er schießt der Stelle zu

und gibt dadurch den andern ein telegraphisches Signal, welches jedem

Geier von einer Luftstation zur andern schleunigst mitgeteilt wird.«

»Wird ein Tier abgestreift, so lockt die nun rote Oberfläche des

Körpers die Geier augenblicklich an. Dies beweist, daß ihr Gesicht und

nicht ihr Geruch sie zu einem Gegenstand führt, der auf Blut schließen

läßt. Ich habe sie häufig beobachtet, wenn ich ein Tier geschossen

hatte und meine Leute den Prozeß des Häutens begannen. Hatte ich mich

auf den Rücken gelegt und blickte in die blaue Luft, in der nicht

ein Wölkchen schwamm, so war zuerst nicht ein Vogel zu sehen; aber

kaum war die Haut halb abgezogen, so erschienen am Himmel Punkte und

nahmen rasch an Größe zu. Von den benachbarten Büschen hat es mehrmals

gekrächzt, die Mäusefalken sind dicht an meine Beute herangeflogen

und haben einen Klumpen geronnenes Blut vom Boden weggeschnappt. Die

Punkte haben sich zu beflügelten Geschöpfen vergrößert, die in der

großen Höhe wie Fliegen aussehen, und jetzt höre ich hinter mir ein

Rauschen, wie von einem Wirbelwind, und es stößt ein rotköpfiger Geier

herunter, der mit eingelegten Flügeln vom Himmel hastig auf das blutige

Mahl herabgefallen ist und dem viele seiner Brüder schnell folgen. Die

Luft ist jetzt von schwarzen Punkten bis zu den fernsten blauen Tiefen

lebendig geworden und von allen Strichen der Windrose eilen Flügel

herbei. Zuletzt bildet sich ein Kranz von Geiern, die in weitem Kreise

über uns schweben, denn sie zaudern, sich herunterzulassen, drehen sich

aber beständig um den Gegenstand ihrer Begierde. Plötzlich erscheint

der große Geier mit kahlem Halse. Das Tier ist abgehäutet worden und

die Leute haben das beste Fleisch an sich genommen. Nun ziehen wir

uns hundert Schritte vom Schauplatz zurück. Ein allgemeines Flattern

und Herabfliegen findet statt, und Hunderte von hungrigen Schnäbeln

zerren an dem Abgang. Der große Geier mit nacktem Halse fordert von dem

Haufen Respekt, aber eine neue Form ist in der blauen Luft erschienen

und kommt rasch herunter. Zwei lange, häßliche Beine, die unter den

ungeheuren Flügeln herabhängen, berühren jetzt den Boden, und ›Abu

Sin‹ -- (›Vater des Schnabels‹, der arabische Name für den Marabu) ist

angekommen, und stelzt hochmütig durch den Haufen, bahnt sich mit dem

langen Schnabel einen Weg durch die kämpfenden Geier und nimmt den

Löwenanteil des Mahls. Abu Sin, der letzte, aber nicht der kleinste,

ist von den höchsten Regionen herbeigekommen, alle andern hatten vor

ihm einen Vorsprung.«

Nach diesen sorgfältigen und einwandfreien Untersuchungen kann es nicht

dem mindesten Zweifel unterliegen, daß die Geier und die Raubvögel

überhaupt sich lediglich nach dem Gesichte richten. Denn sie kreisen,

was nur bei einem Sehgeschöpf, nicht aber bei einem Nasentier einen

Zweck hat, und kommen zu dem Aas in den verschiedensten Windrichtungen.

Sodann fallen sie auf die Tierleichen, die noch nicht riechen,

umgekehrt finden sie stinkendes Aas nicht, wenn es verborgen liegt.

Hiermit vergleiche man, daß zum Beispiel der feinnasige Fuchs in

unzähligen Fällen verscharrte Leichen ausgegraben hat.

Weil Vögel nicht wittern können, so erklärt sich daraus, daß man selbst

den klügsten, zum Beispiel Kanarienvögeln, fremde, ja Elfenbeineier

unterlegen kann. Nun verstehen wir auch, weshalb ein Falke, den

Liebe besaß, Siegellack für rohes Fleisch hielt. Ähnliches berichtet

Baker vom Mäusefalken. Er schreibt nämlich: »Dieser Vogel, dessen

außerordentliche Kühnheit jedermann kennt, ist allgegenwärtig, und

verläßt sich im allgemeinen auf sein Gesicht. Er stößt auf ein Stück

rotes Tuch, das er für Fleisch hält, und beweist dadurch, daß er sich

auf sein Gesicht mehr verläßt, als auf seinen Geruch.«

Würde wohl jemals ein Hund Siegellack oder ein rotes Tuch für rohes

Fleisch halten?

Zum Schlusse möchte ich noch andeuten, wie sich die eingangs erwähnten

Fabeleien der Alten, daß die Geier bereits einige Tage vorher den

Tod eines Geschöpfes merken, ungezwungen erklären lassen. v. Wißmann

erzählt folgendes Erlebnis von seinen afrikanischen Jagden:

»Als ich bei meiner ersten Durchquerung Afrikas, von Westen kommend,

den Tanganika-See überschritten hatte, sah ich das erste Zebra in der

Wildnis und erlegte es auch nach langem mühsamen Anpirschen. Diese

Jagd ist mir wegen des Gebarens zweier Adler fest in der Erinnerung

haften geblieben; langsam kroch ich auf Knien und Händen heran, was

bei dem kurz abgebrannten Gras, von dem noch verkohlte, dicke, harte

Stoppeln am Boden standen, sehr beschwerlich war, und hatte meine ganze

Aufmerksamkeit auf die Zebras vor mir gerichtet, als ich plötzlich

dicht über mir ein Rauschen hörte. Ein Schatten fuhr über mich dahin,

und ich fühlte den Luftzug von den Flügelschlägen eines großen Adlers,

der dicht über mir dahinschoß, und dem gleich darauf ein zweiter

folgte. Die Räuber der Luft kreisten dann über mir und sausten dann

über mich dahin, so daß mir der Gedanke kam, ob ich nicht lieber das

Gewehr gegen die mächtigen Raubvögel wenden sollte. Offenbar hielten

sie mich für ein krankes Wesen, das mühselig über den Boden kroch und

für ihre Fänge eine willkommene Beute sei.«

»Erst als ich auf das Zebra schoß, das unterm Feuer zusammenbrach,

überschlugen sich die beiden Adler vor Schreck und strichen dann

eiligst davon.«

Hier sieht man wiederum ganz deutlich, wie sich die Raubvögel ganz

allein nach dem Gesicht richten, denn daß ein gesunder Mensch keinen

Kadavergeruch ausströmen kann, liegt auf der Hand. Aus solchen

Vorfällen, wenn sich wirklich schwerkranken Menschen Geier und Adler

näherten, haben aber sicherlich die Alten den Schluß gezogen, daß diese

Tiere den herannahenden Tod im voraus merken.

Die Schnepfe als angeblicher Mediziner.

Vor einiger Zeit ging durch die Presse folgende Nachricht: Wie eine

Jägerzeitung berichtete, hätte eine am Ständer (Beine) verwundete

Schnepfe sich um die Wunde einen regelrechten Verband aus Federn

angelegt. Hierzu wurden allerlei liebenswürdige Bemerkungen gemacht.

Die nächste Schnepfe würde wahrscheinlich ein englisches Heftpflaster

oder einen antiseptischen Verband anlegen usw. In Wirklichkeit kann

die Sache nicht so ohne weiteres als Jägerlatein angesehen werden.

Allerdings ist der Streit fast hundert Jahre alt, ob die Schnepfe ihre

Wunden zufällig oder absichtlich mit Federn beklebt. Ich will mich

hier auf zwei Fachleute berufen, die beide in einer wissenschaftlichen

Zeitschrift (im Zoologischen Garten) ihre Ansicht vertreten haben.

Dr. ~Quistorp~ schreibt nämlich folgendes:

»Letzthin wurden von den Herren Gebrüder ~Müller~ Zweifel geäußert

an der Richtigkeit der Behauptung, daß Waldschnepfen sich zerschossene

Ständer mit Federn kunstgerecht verbinden. Ich bedaure, daß ich

nicht im Besitze solcher Ständer von Schnepfen, welche ich selbst

erlegt habe, bin, da ich dieselben im 60er Jahrzehnt an den damaligen

Redakteur der Wiener Jagdzeitung, Herrn Albert ~Imgo~, sandte;

sonst würde ich die Herren ~Müller~ sicherlich von der Richtigkeit

obiger Ansicht überzeugt haben.«

»Das eine Paar Ständer stammte von einer Schnepfe, nach welcher ich

am zweiten Ostertage des Jahres 1863 gegen Abend schoß, und die mit

zerschossenem einem Ständer wegflog, und zwar in einer Richtung, welche

ich im Nachhausegehen einhalten mußte. Ich suchte deshalb der kranken

Schnepfe nicht nach, um vor Sonnenuntergang noch den fehlenden Teil

des Reviers abzusuchen. Kurz vor Sonnenuntergang schoß ich wiederum

nach einer Schnepfe, die mit zwei zerschossenen Ständern wegflog, und

zwar in eine Heide hinein. Dieser suchte ich nach, konnte dieselbe

jedoch nicht finden, und wandte mich nun auf dem Heimwege der zuerst

krankgeschossenen Schnepfe zu, die ich dann auch bald wiederfand und

totschoß. Obgleich kaum eineinhalb Stunden vergangen, nachdem ich

zuerst nach derselben geschossen, fand ich bei ihr den zerschossenen

Ständer schon ganz kunstgerecht mit langen, ausgerupften Federn

umwickelt, so daß der Ständer sich wie in einem Kleisterverbande

befand. Die zweite Schnepfe, welcher ich beide Ständer zerschossen,

fand ich zwei Tage darauf in der Heide; an ihren Ständern waren nur

kleine Bauchfedern lose, aber in Menge, angeklebt. Auch Herr ~v.

Homeyer-Wrangelsberg~ sandte mir den Ständer einer Waldschnepfe mit

vielen, lose angeklebten kleinen Federn.«

»Ich habe daraus geschlossen, daß Schnepfen sich allerdings einen

regelrechten Verband anlegen können mit langen Federn, daß dazu aber

nur einer der Ständer zerschossen sein darf, damit sie mit Hilfe des

Schwanzes und Schnabels den Verband anlegen können. Ich habe in meinem

Leben viele solcher Schnepfen geschossen.«

Die Ansicht der bekannten Naturforscher Gebrüder Adolf und Karl

~Müller~ ist dagegen folgende:

»Es ist die Behauptung aufgestellt worden, daß Schnepfen, welche an den

›Ständern‹ verletzt worden seien, sich die Wunden mit ihren eigenen

Federn mittels des Schnabels verbunden hätten. Zu diesem Schluß kam man

durch geschossene Exemplare, bei welchen um verwundete Stellen der

Füße Federn ihres Leibes wie eine ziemlich regelrecht angelegte Binde

geschlungen waren.«

»Es ist uns durch einen befreundeten Oberförster, der ein tüchtiger

Weidmann ist, ein derartiger Schnepfenständer zur Untersuchung

übergeben und zum Geschenk gemacht worden. Es ist wahr, daß die um

die Zehengelenke eng und fest angelegten Federn einem künstlichen

Verbande gleichen. Die nähere Untersuchung -- und sie mußte leider

auf Kosten der Vollständigkeit dieses dichten Verbandes geschehen --

zeigte jedoch, daß die Federn auf der schweißenden Wunde festklebten,

und durch die Verbreitung des Schweißes rings um das Gelenk und

die einzelnen Zehenwurzeln ebenfalls Halt erhielten. Ob hier der

bekanntlich außerordentlich feinfühlige Schnabel, dessen Oberkiefer

sich wie eine Greifzange zu biegen vermag, -- welche Eigenschaft

wir beim Wurmen des Vogels und auch bei eben verendenden Exemplaren

beobachteten -- tätig gewesen sein könnte, wollen wir nicht gerade in

unbedingte Abrede stellen; wir halten es aber nicht für wahrscheinlich.

Die Entstehung des Verbandes ist vielmehr nach unserer Überzeugung

eine sehr natürliche. Der verletzte Vogel hebt den kranken Fuß und

zieht ihn am Leibe unter die Bauchfedern ein oder legt sich ausruhend

nieder, wobei der Fuß unter die Federn kommt. Diese kleben fest, der

Schweiß gerinnt, und beim Aufstehen oder Zurückziehen des Fußes vom

Leibe gehen die anklebenden Federn los und legen sich allmählich rund

um die Umgebung der Wunde, welche, wie gesagt, den Schweiß verbreitet.

Bei den leicht vorkommenden Anstößen schweißt die Wunde nach, und neue

Bauchfedern gesellen sich zu den alten, und zwar in verschiedener

Lage, so daß eine Art Geflecht entsteht. Zur Bildung eines solchen

natürlichen Verbandes ist gar keine Schnabelhilfe nötig, es formt

sich alles gemäß der zufälligen Umstände, welche durch die Situation

und die Tätigkeit des Vogels beim Fortbewegen usw. bedingt sind. Eine

Baumlerche (+Alauda arborea+) hat uns dies in der Gefangenschaft

zur Genüge klar gemacht. Bei solchen kleineren Vögeln kommt es sogar

vor, daß bei heftiger Blutung der Fuß dermaßen festklebt, daß wegen der

größeren Anzahl der in Mitleidenschaft gezogenen Federn die Kraft des

Vogels nicht ausreicht, den Fuß wieder zu strecken.«

»Wenn wir auch da, wo die exakte Beobachtung den Beweis liefert, immer

gerne das Seelenvermögen des Tieres gebührend hervorzuheben bemüht

sind, zu einem geschickten Chirurgen wollen wir doch die Schnepfe

nicht avancieren lassen; das hieße wahrlich, ein Verdienst oder Talent

anerkennen, wo keines vorhanden ist.«

Dieselbe Ansicht, wie die Gebrüder ~Müller~, hat auch kürzlich

ein Herr ~Schlabitz~ verteidigt, indem er behauptet, auch an den

Ständern, Tritten, Fängen usw. lege sich ein Verband sozusagen von

selbst an, da die verwundeten Tiere das schmerzhafte Glied an den

Körper ziehen, somit Federn auf die verwundete Stelle kommen, dort

ankleben und beim Strecken des betreffenden Gliedes leicht ausgerissen

werden. Ein ähnliches Beispiel hat Herr ~Schlabitz~ an einem Uhu

beobachtet. Er erzählt: Ich schoß einen solchen leicht an, nur am

oberen Schnabel ganz vorne, wo die scharfe Krümmung nach unten geht.

Da ich keine andere Verwundung vorfand, beschloß ich, ihn lebend zu

behalten. Ich gab ihm Elstern und Krähen zum Kröpfen, doch wollte

er dieselben nicht annehmen, wogegen er Sperlinge und Mäuse gerne

verschluckte. An dem Schnabel sah ich Federn angeklebt, und konnte

feststellen, daß sich ein fester Verband angelegt hatte. Ich versuchte,

sie mit einem Federmesser zu entfernen, aber die Wunde fing sofort

an zu schweißen, so daß ich einen weiteren Versuch unterließ. Dann

fiel der Verband nach ganz kurzer Zeit von selbst ab. Von dieser Zeit

beobachtete ich auch, daß der Uhu ebenso gern wieder Elstern, Krähen

und sonstige Raubvögel kröpfte.

Sichtotstellen als Rettungsmittel.

In den Erzählungen unserer Lesebücher wird häufig das Sichtotstellen

als vorzügliches Rettungsmittel gegen Raubtiere empfohlen. Schon in

der bekannten Fabel von den beiden Freunden, die das Fell des Bären

früher verkauften, als sie ihn erlegt hatten, wird dieses Verfahren

als zweckentsprechend erwähnt. Ich möchte im folgenden die Gründe

auseinandersetzen, weshalb ich zu diesem Mittel kein Zutrauen haben

kann.

In meinem Buche: »Ist das Tier unvernünftig?« habe ich ausführlich

dargetan, daß ein Teil der Tiere seinen Grundsinn in den Augen, ein

anderer in der Nase hat. Im westlichen Europa kamen in früheren

Jahrhunderten als menschengefährdende Raubtiere nur Bär und Wolf in

Betracht, da weder Luchs noch Fuchs, ebensowenig auch die Wildkatze,

einen Menschen angreifen, um ihren Hunger zu stillen. Nun liegt es auf

der Hand, daß weder Bär noch Wolf als Nasentiere eine sich totstellende

Person ohne weiteres für tot halten werden. Ein Sehgeschöpf, ein

Raubvogel, ein Löwe, Luchs, wie ein Mensch, mag ja dadurch getäuscht

werden, ein Nasengeschöpf gewiß nicht.

Jeder Hundebesitzer wird gewiß bestätigen, daß er als Schlafender

niemals von seinem treuen Wächter für tot gehalten worden ist. Der

Grund ist ja auch sehr einleuchtend. Der Hund richtet sich nach der

Nase und beschnuppert den Schlafenden. Da dieser wie ein Gesunder

ausdünstet, so kann er ihn natürlich nicht für tot halten.

Umgekehrt bewirkt jede Krankheit, jede starke Verwundung eine

Veränderung der Ausdünstung, was allen Nasentieren wohl bekannt ist.

Übrigens ist manchem Arzt mit guter Nase aufgefallen, daß selbst das

stumpfe Geruchsvermögen des Menschen ausreicht, um beim Betreten eines

Zimmers sofort erklären zu können: die Bewohner leiden an gewissen

Krankheiten, zum Beispiel am Scharlachfieber. Der Bär, der die Spur

eines gesunden Hirsches findet, kümmert sich nicht um diese, da er

weiß, daß er ein normales, ausgewachsenes Rotwild nicht einholen kann.

Sobald er aber eine solche von einem angeschossenen Hirsch wittert,

folgt er ihr eiligst. Das sind für Jäger ganz bekannte Sachen. Bei

einem schwerkranken Angehörigen konnte ich mich selbst von der

Richtigkeit dieses Zusammenhanges überzeugen. Unser Hund beroch eines

Tages den Patienten, heulte und war ganz verstört. Der herbeigeholte

Arzt untersuchte ihn, und erklärte, daß für die nächsten Tage jede

Gefahr ausgeschlossen sei. Der Hund behielt aber recht, denn vor

Ablauf von vierundzwanzig Stunden war der Patient eine Leiche. Die

beginnende Zersetzung des Körpers hatte er wahrscheinlich durch sein

Geruchsvermögen wahrgenommen, wie ja auch die Hunde Friedrichs des

Großen sich von ihrem Herrn kurz vor seinem Tode mit allen Zeichen der

Trauer abgewendet haben sollen.

Straußenpolitik · 第 6 / 9 段