Weibchen vor die Füße, stellt sich krank und lahm, läuft oder fliegt
etwas weiter, fällt nieder, als hätte es einen Flügel oder ein Bein
gebrochen, läuft wieder weiter, der Mensch hinterher; aber er hofft
vergeblich, denn das Rebhuhn verstellt sich nur, und hat die Absicht,
ihn vom Nest wegzulocken.«
Hiermit steht ganz im Einklange, was ~Naumann~ darüber schreibt:
»Rührend ist es, die unbegrenzte Sorgfalt der Eltern um ihre lieben
Kleinen zu beobachten. Ängstlich spähend, von welcher Seite Unglück
drohe, oder ob es abzuwenden sei, läuft der Vater hin und her, während
ein kurzer Warnungslaut der Mutter die Jungen um sich versammelt,
ihnen befiehlt, sich in ein Versteck zu begeben, schnell einem
jeden ein solches im Getreide, Grase, Gebüsche, hinter Furchen, in
Fahrgeleisen und dergleichen anweist, und, sobald sie alle geborgen
glaubt, mit dem Vater alles aufbietet, um den Angriff zu vereiteln oder
abzuwenden. Mutig stellen sich beide Eltern nun dem Feinde entgegen,
greifen ihn im Gefühl ihrer Schwäche jedoch nicht an, sondern suchen
seine Aufmerksamkeit von den Jungen abzuziehen, bis sie glauben,
ihn weit genug entfernt zu haben. Dann fliegt zuerst die Mutter zu
den Jungen, welche ihr angewiesenes Versteck indessen um keinen Fuß
breit verlassen haben, zurück und versucht, diese eiligst ein Stück
weiter fortzuschaffen. Sieht endlich der Vater alle seine Lieben in
Sicherheit, so enttäuscht er auch seine Verfolger und fliegt davon.
Sobald nun ringsumher alles wieder ruhig und die feindliche Störung
verschwunden ist, läßt er seinen Ruf hören, welchen die Mutter sogleich
beantwortet, worauf er sofort zu seiner Familie eilt.«
Der ausgezeichnete Zoologe ~Lenz~ bestätigt ebenfalls, daß es die
List mancher Vögel ist, sich beim Neste oder bei kleinen Jungen lahm zu
stellen, um den Feind von der Brut weg und irre zu führen. Dieser Zug
schlauer Berechnung täuscht Tiere jedesmal, auch den Menschen immer,
solange er noch nicht durch längere Erfahrung oder durch Belehrung zur
Einsicht gekommen ist.
Von einem Müllerchen erzählt er folgende Geschichte:
»Ein recht auffallendes Beispiel solcher Verstellungskunst hat mir der
Ober-Medizinalrat ~Buddeus~ zu Gotha mitgeteilt: Er bemerkte auf
einem pyramidenförmig zugeschnittenen, dichten Baum seines Gartens
ein Müllerchen und begann, es aufmerksam zu betrachten. Da schien das
Tierchen plötzlich krank zu werden, begann zu schwanken und fiel dann
wie tot vom Baum gerade ins Gras herab. Der Ober-Medizinalrat sprang
zu, es zu ergreifen; es raffte sich aber scheinbar mühsam auf und
flüchtete langsam flatternd vor ihm her ins Gebüsch. Von der Verfolgung
zurückgekehrt, untersuchte er den Baum genauer und fand da drei kleine,
kaum ausgeflogene junge Müllerchen ruhig auf einem Ästchen sitzend. Die
Mutter hatte nur die Rolle des Sterbens gespielt, um den vermeintlichen
Feind abzulocken. Am folgenden Tage suchte der Ober-Medizinalrat die
Müllerchen wieder auf: das Tierchen stürzte wieder genau wie am vorigen
Tage zu Boden und flatterte dann vor ihm her. An den nächstfolgenden
Tagen berief er einzelne Freunde, das Wunder mit anzusehen, und es
wiederholte sich regelmäßig, bis die Jungen etwas selbständiger waren.
Dieselbe Kunst trieb das nette Tierchen auch noch in den zwei folgenden
Jahren, wo es wieder in dem Garten nistete.«
Noch merkwürdiger ist vielleicht das Benehmen einer Sumpfohreule,
worüber ~Tancré~ in den »Ornithologischen Briefen von ~E. F. v.
Homeyer~« berichtet. Hier wird folgendes geschildert:
Ȇber ein interessantes Benehmen dieser Art beim Nest, das ich mit
keinem andern Namen als ›Überlegung‹ bezeichnen kann, will ich Ihnen
eine Mitteilung machen. Ich fand nämlich im vorigen Sommer auf einem
mit Weiden- und Erlengebüsch bestandenen und mit hohem Rohr und Gras
bewachsenen Terrain der Peenewiesen ein Nest dieser Eule, geleitet
durch das Männchen -- vermutlich --, welches mich mit dem bekannten,
dem Hundegekläffe ähnlichen Angstruf umflog. Das Nest, von dem das
Weibchen abflog, stand versteckt unter einem Weidenbusche und enthielt
fünf bis zum Ausschlüpfen bebrütete Eier. Da mir die Dunenjungen
hiervon in der Sammlung fehlten, so beschloß ich, diese später zu
holen, und machte mir ein Zeichen, indem ich ein Stück weißes Papier
auf der Spitze des nächsten Busches befestigte.«
»Als ich nach acht Tagen die Eulen abholen wollte, war das Papier fort.
Vielleicht war es vom Winde allmählich losgelöst, möglicherweise aber
auch durch die Alten entfernt. Ich mußte mich also aufs neue auf die
Suche nach dem Neste begeben. Da kommt eine der Eulen, wahrscheinlich
wieder das Männchen, angeflogen und fährt etwa zwanzig Schritte neben
mir zur Erde in einen Busch. Deutlich höre ich jetzt das Piepen der
Jungen, welches sie ausstoßen, wenn sie geätzt werden. Ich gehe
dorthin, die Eule fliegt auf der anderen Seite des Busches heraus,
aber das Nest kann ich nicht entdecken. Kaum habe ich mich in anderer
Richtung entfernt, als die Eule abermals in den Busch fliegt und ich
wiederum die Jungen höre. Nochmals durchsuche ich den Strauch in der
Meinung, daß vielleicht die Brut aus dem Neste entfernt und jetzt hier
untergebracht sein möchte. Dies währt einige Minuten, während deren das
Männchen umherfliegt. Da machte es dasselbe Manöver zum dritten male,
aber auf der ~entgegengesetzten~ Seite von mir. Jetzt erst wird
mir klar, daß ich getäuscht bin, eile möglichst leise nach dem Busch
hin und sehe die Eule hinter ihm im Grase sitzen und selbst dies dem
der Jungen so gleiche Gepiepe ausstoßen.«
»Nach genauer Orientierung und Suche fand ich dann das Nest wieder,
wovon die Alte wiederum abflog und worin sich jetzt fünf sehr ungleich
große Junge befanden.«
»Warum machte der Vogel es nicht, wie das erstemal und umflog mich
nur mit Geschrei? Er hatte doch das Verständnis, daß er jetzt,
nachdem im Neste die Veränderung vor sich gegangen, auch ein anderes,
dementsprechendes Mittel anwenden müsse, um mich irre zu leiten, und
ahmte deshalb den Jungen nach.«
In seinem bekannten Buche: »Bingo und andere Tiergeschichten« berichtet
~Thompson~ von den Leiden und Freuden einer Fasanenmutter, die
ihre kleinen Jungen vor den zahlreichen Feinden schützen will. Es heißt
dort:
»Drüben auf der Wiese erschien ein großer Fuchs; er kam ihren Pfad
entlang, und sicherlich würde er sie in wenigen Augenblicken mit seiner
feinen Nase wittern. Da gab es keine Zeit zu verlieren.«
»Krr! Krr! (Versteckt euch! Versteckt euch!) rief die Mutter leise,
aber in bestimmtem Tone, und die armen Dinger, kaum größer als Eicheln
und nur einen Tag alt, zerstreuten sich, um sich zu verbergen. Das
eine verschwand unter einem Blatt, ein anderes zwischen zwei Wurzeln,
ein drittes kroch unter ein Stück abgefallene Birkenrinde, ein viertes
in ein Erdloch usw., bis alle geborgen waren. Nur eins konnte keinen
Schlupfwinkel finden, es legte sich flach auf ein breites, gelbes
Blatt, machte die Augen fest zu und glaubte nun sicher, von niemand
gesehen zu werden. Die Kleinen stellten ihr furchtsames Piepsen ein,
und alles war still.«
»Mutter Fasan flog dem gefürchteten Räuber gerade entgegen, ließ
sich dann ein paar Schritte seitwärts von ihm nieder, begann mit den
Flügeln zu schlagen, als ob sie lahm, ganz flügellahm wäre und jammerte
wie ein von der Mutter verlassenes Kind. Bat sie um Gnade -- Gnade
von einem blutdürstigen, grausamen Fuchs? O nein! so töricht war
sie nicht! Oft hört man von der Arglist des Fuchses, er ist jedoch
ein richtiger Gimpel gegen eine kluge Fasanenmutter. Hocherfreut
bei der Aussicht auf einen leckeren Braten gerade vor seiner Nase,
drehte sich der Fuchs plötzlich um und erwischte -- doch nein, ganz
erwischte er den armen Vogel nicht, er entschlüpfte seinen gierigen
Zähnen um Fußeslänge. Mit einem Satze war er hinterdrein und würde ihn
diesmal sicherlich gefangen haben, wenn nicht gerade eine tückische
Schlingpflanze dazwischen geraten wäre. Die Fasanenmutter hinkte davon,
kroch unter einen Baumstamm, und Reineke sprang darüber, während seine
sichere Beute, die jetzt etwas weniger lahm zu sein schien, einen
ungeschickten Sprung vorwärts machte und einen Abhang hinunterrollte.
Der Fuchs, immer hinterdrein, packte sie beinahe beim Schwanz, aber
sonderbar genug, so schnell er auch lief und sprang, sie schien doch
noch schneller zu sein. So etwas war dem alten Straßenräuber noch nicht
begegnet. Ein flügellahmer Fasan und er, Reineke, der Schnellfüßige,
konnte sie in einem Rennen von fünf Minuten nicht einholen. Es war eine
Schande! Der Fuchs verdoppelte seine Anstrengungen, jedoch der Fasan
schien in demselben Maße an Kraft zuzunehmen, und nach einem Wettlauf
von einer Viertelmeile war der Vogel auf unerklärliche Weise wieder
ganz gesund, er erhob sich mit einem beinahe verächtlich klingenden
Schwirren und flog durch die Wälder davon, den Verfolger vollkommen
sprachlos hinter sich zurücklassend, mit der niederdrückenden
Erkenntnis, daß man ihn zum Narren gehabt.«
»Mittlerweile schwebte die Fasanenmutter in einem weiten Bogen nach der
Stelle zurück, wo die Kleinen im Unterholz versteckt waren.« --
Selbst der als besonders dumm verschrieene Strauß benimmt sich
gar nicht töricht, wenn es gilt, die junge Brut zu retten, wie
folgender Bericht ~Andersons~ über ein Zusammentreffen mit einer
Straußenfamilie, auf die Jagd gemacht wurde, beweist: »Sobald die
älteren Vögel unsere Absicht bemerkten, begannen sie eine eilige
Flucht, das Weibchen voran, hinter ihm die Jungen und zuletzt das
Männchen, welches in einiger Entfernung von den übrigen die Flucht
schloß. Es lag etwas wahrhaft Rührendes in der Sorge, welche die Eltern
für ihre Jungen an den Tag legten. Als sie sahen, daß wir ihnen immer
näher kamen, ließ das Männchen plötzlich in seinem Laufe nach und
änderte seine Richtung; da wir aber doch von unserem Vorhaben nicht
abstanden, beschleunigte es wieder seinen Lauf, ließ die Flügel hängen,
so daß sie fast den Boden berührten, und sprang um uns herum, erst in
weiteren und dann in engeren Kreisen, bis es uns auf Pistolenschußweite
nahe kam. Jetzt warf es sich plötzlich auf den Boden, ahmte die
Bewegung eines schwer verwundeten Vogels nach und stellte sich, als
müsse es mit aller Kraft arbeiten, um wieder auf die Beine zu kommen.
Ich hatte bereits nach ihm geschossen und glaubte wirklich, daß es
verwundet sei, eilte deshalb zu ihm hin, mußte aber bald erfahren,
daß sein Betragen nur eine Kriegslist von ihm war; denn sobald ich
ihm näher kam, stand es langsam auf und rannte in entgegengesetzter
Richtung dem Weibchen zu, welches mit den Jungen schon einen
bedeutenden Vorsprung erlangt hatte.«
Der Strauß denkt also gar nicht daran, bei Gefahr seinen Kopf im
Gebüsch zu verbergen, wie gewöhnlich seit alter Zeit angenommen wird.
Mit dieser Fabel werden wir uns sogleich näher beschäftigen.
Das Ergebnis der beiden Kapitel ist also folgendes: Zahlreichen Tieren
ist die Heuchelei etwas ganz Geläufiges, Vogeleltern sind sogar häufig
geborene Verstellungskünstler.
Straußenpolitik.
In politischen Reden kommt es nicht selten vor, daß der gegnerischen
Partei vorgeworfen wird, sie treibe »Straußenpolitik«. Was darunter zu
verstehen ist, weiß man allgemein. Seit alter Zeit herrscht nämlich
der Glaube, daß der vom Jäger verfolgte Strauß in seiner Todesangst
seinen Kopf in ein Gebüsch stecke und nun glaube, der Jäger sehe ihn
nicht, weil er ihn auch nicht sehe. Man wirft also mit dem Ausdruck
»Straußenpolitik« dem Gegner eine unglaublich törichte Handlung vor,
indem er unangenehmen Situationen dadurch ausweiche, daß er sich
verstecke oder sie einfach ignoriere, und nun glaube, sie existierten
nicht mehr.
Es ist nun gewiß von allgemeinem Interesse zu erfahren, ob der Strauß
denn in der Tat bei seiner Verfolgung sich so unglaublich dumm
benimmt, oder ob hier, wie es so häufig geschieht, einem Tiere von dem
Menschen Übles nachgeredet wird, das auf Unwahrheit beruht. Man denke
z. B. an die Raben, die vortreffliche Eltern sind. Das hindert aber
den Menschen nicht, besonders grausame Eltern als »Rabeneltern« zu
bezeichnen (vgl. Tierfabeln S. 84).
Der leider so früh verstorbene Gouverneur von Wißmann hat in Afrika
persönlich Strauße gejagt und nichts von der »Straußenpolitik«
entdecken können. Da mich die Sache außerordentlich interessierte, so
bat ich Herrn von Wißmann um nähere Auskunft über diesen Punkt. Mit
größter Liebenswürdigkeit hat er mir eine ganze Reihe von Anfragen
beantwortet und speziell bestätigt, daß die angebliche Versteckmethode
des verfolgten Straußes weiter nichts als eine Fabel sei. Wie erklärt
sich nun die Entstehung einer solchen Fabel?
Der erste, der die Erzählung von der merkwürdigen Methode des Straußes
aufbrachte, ist wohl Diodorus Siculus gewesen, der zur Zeit des Cäsar
und Augustus lebte. Wir lesen nämlich bei ihm folgendes: In Arabien
gibt es Strauße (+struthocameloi+, wörtlich Straußkamele) die wie
ihr Name andeutet, ein Mittelding von Strauß und Kamel sind. Das Tier
geht auf zwei Beinen, die Füße sind zweizehig. Seiner Schwere wegen
kann es nicht fliegen, dagegen läuft es schnell auf der Erde hin und
berührt sie nur mit den Spitzen der Füße. Wird es von Reitern gejagt,
so schleudert es mit seinen Füßen mit solcher Gewalt Steine gegen seine
Verfolger, daß sie öfters schwer getroffen werden. Wird es von seinen
Feinden eingeholt, so verbirgt es seinen Kopf in einem Busch oder
sonstwo.
Plinius hat diesen Bericht übernommen und noch mit einigen Zusätzen
versehen.
Was das Schleudern von Steinen gegen die Verfolger betrifft, so
liegt hier unzweifelhaft ein Mißverständnis vor, wenn es als ein
absichtliches Werfen aufgefaßt wird. Es kann natürlich leicht
vorkommen, daß der flüchtende Vogel Sandballen oder Steine hinter sich
schleudert und dann aus Zufall, nicht aus Absicht trifft. Übrigens
besteht noch heute unter den Gemsenjägern dieselbe Verschiedenheit der
Ansichten über den gleichen Punkt. Wird nämlich ein Jäger von einem
Steine oder Felsstücke getroffen, das durch eine flüchtende Gemse in
Bewegung gesetzt wird, so schwören die einen darauf, daß die Gemse
absichtlich das Wurfgeschoß geschleudert habe, während andere in dem
Getroffenwerden nur einen Zufall erblicken. Wenn also heute noch manche
Menschen glauben, das verfolgte Tier schleudere gegen die Jäger Steine,
so kann man sich absolut nicht wundern, daß im Altertum derselbe Glaube
vom Strauße herrschte.
Die Versteckmethode hat man dem Strauß wohl deshalb angedichtet, weil
bereits in der Bibel dieser Vogel als ein besonders dummes Geschöpf
gilt. So heißt es bei Hiob, daß ihm Gott keinen Verstand mitgeteilt
habe. Während andere die Vorsicht und Scheu des Riesenvogels rühmen,
erklärt Brehm, daß er der Bibel beipflichten müsse.
Meiner Ansicht nach, berichtet er, gehört der Strauß zu den dümmsten,
geistlosesten Vögeln, welche es gibt. Daß er sehr scheu ist, unterliegt
keinem Zweifel: er flieht jede ihm ungewohnte Erscheinung mit eiligen
Schritten, würdigt aber schwerlich die Gefahr nach ihrem eigentlichen
Werte, weil er sich auch durch ihm unschädliche Tiere aus der Fassung
bringen läßt. Daß er unter den klugen Zebraherden lebt und sich deren
Vorsicht zunutze zu machen scheint, spricht keineswegs für seinen
Verstand; denn die Zebras schließen sich ihm an, nicht er ihnen, und
ziehen aus dem schon durch seine Höhe zum Wächteramte berufenen Vogel,
welcher davonstürmt, sobald er etwas Ungewohntes sieht, bestmöglichen
Vorteil. Das Betragen gefangener Strauße läßt auf einen beschränkten
Geist schließen. Sie gewöhnen sich allerdings an den Pfleger und
noch mehr an eine gewisse Örtlichkeit, lassen sich aber zu nichts
abrichten und folgen augenblicklichen Eingebungen ihres schwachen
Gehirns blindlings nach. Empfangene Züchtigungen schrecken sie zwar
für den Augenblick, bessern sie aber nicht: sie tun dasselbe, wegen
dessen sie bestraft wurden, wenige Minuten später zum zweiten Male;
sie fürchten die Peitsche, solange sie dieselbe fühlen. Andere Tiere
lassen sie gewöhnlich gleichgültig; während der Paarungszeit aber, oder
wenn sie sonst in Erregung geraten, versuchen sie, an denselben ihr
Mütchen zu kühlen und mißhandeln sie ohne Grund und Ursache, oft auf
das abscheulichste. Ein männlicher zahmer Strauß, welchen wir besaßen,
verwundete ein Weibchen, ehe er sich an dasselbe gewöhnt hatte, mit
den scharfen Nägeln seiner Zehen gefährlich. Er schlug dabei immer
nach vorn aus und zwar mit solcher Kraft und Sicherheit, daß er
jedesmal die Brust der bedrängten Straußin entsetzlich zerfleischte.
Uns fürchtete er ebensowenig wie die Tiere, und wenn er sich gerade
in Aufregung befand, durften wir uns ohne die Nilpferdpeitsche in
der Hand nicht auf den ihn beherbergenden Hof wagen. Niemals haben
wir bemerkt, daß er zwischen uns oder Fremden unterschieden hätte;
doch will ich damit nicht behaupten, daß er nicht nach und nach sich
an eine bestimmte Persönlichkeit gewöhnen könne. Gern stimme ich mit
Heuglin überein, wenn er sagt, daß sein ganzes Wesen das Gepräge
von Hast und Eile trage, obschon er zuweilen auch längere Zeit wie
träumend und gedankenlos ins Weite starre; entschieden aber muß ich
meinem verstorbenen Freunde widersprechen, wenn er das Wesen auch als
friedlich bezeichnet.
Hält Brehm demnach die Dummheit des Straußes nach seinen persönlichen
Beobachtungen erwiesen, so sind unzweifelhaft noch eine Reihe von
Umständen hinzugekommen, die den Riesenvogel für törichter erscheinen
lassen, als er in Wirklichkeit ist. Dem gemeinen Mann muß doch ein Tier
gewiß nicht als Ausbund der Weisheit erscheinen, das Flügel hat, aber
trotzdem nicht fliegen kann. Hat doch deshalb Eucherius den Strauß mit
einem Ketzer verglichen, der gewissermaßen die Flügel der Weisheit
besitzt, aber von ihnen keinen Gebrauch macht.
Sodann liegen in der Nähe des Straußennestes häufig zertretene Eier,
was sich nach Brehm folgendermaßen erklärt. Ein Hahn und mehrere Hennen
pflegen gemeinsam ein Nest zu benutzen und zwar brütet das Männchen in
der Hauptsache. Sitzt dieses nun bereits auf den Eiern und werden noch
solche von einer Henne gelegt, so bleiben sie in der Nähe des Nestes
liegen. In dieser Handlungsweise erblickte man im Altertum eine große
Torheit. So heißt es bei Hiob vom Strauß: Der seine Eier auf der Erde
lässet und läßt sie die heiße Erde ausbrüten. Er vergisset, daß sie
möchten zertreten werden, und ein wild Tier sie zerbreche. Arabische
Naturforscher behaupten sogar, daß der Strauß, wenn er ausgehe, um sich
Nahrung zu suchen, und die Eier eines anderen Straußes finde, sich
auf diese setze, sie ausbrüte, und darüber seine eigenen vergesse,
weshalb der Strauß bei den Arabern Symbol der Dummheit sei, und sie das
Sprichwort »dümmer als ein Strauß« hätten.
Schließlich mußte der Umstand sehr gegen die geistige Begabung des
Straußes sprechen, daß er in der Gefangenschaft alles ihm Erreichbare
hinabwürgt. Er scheint, sagt Brehm, einen unwiderstehlichen Hang zu
besitzen, nach allem, was nicht niet- und nagelfest ist, zu hacken
und es womöglich aufzunehmen und in den Magen zu befördern. Ein ihm
vorgeworfener Ziegelbrocken, eine bunte Scherbe, ein Stein oder ein
anderer ungenießbarer Gegenstand erregt seine Aufmerksamkeit und wird
ebensogut verschlungen, als ob es ein Stück Brot wäre. Daß Strauße
zu Selbstmördern werden können, indem sie ungelöschten Kalk fressen,
steht mit meinen Beobachtungen im Einklange. Wenn wir in Chartum etwas
verloren hatten, was für eine Straußenkehle nicht zu umfangreich und
für den kräftigen Magen nicht zu schwach war, suchten wir regelmäßig
zuerst im Straußenkote nach dem vermißten Gegenstande und sehr oft mit
Glück. Mein ziemlich umfangreicher Schlüsselbund hat den angegebenen
Weg, wenn ich nicht irre, mehr als einmal gemacht. Berchon fand bei
Zergliederung eines Straußes in dem Magen Gegenstände im Gewichte
von 4,228 Kilogramm vor: Sand, Werg und Lumpen im Gewichte von 3,5
Kilogramm und drei Eisenstücke, neun englische Kupfermünzen, eine
kupferne Türangel, zwei eiserne Schlüssel, siebzehn kupferne, zwanzig
eiserne Nägel, Bleikugeln, Knöpfe, Schellen, Kiesel usw.
Es liegt auf der Hand, daß man ein Geschöpf nicht als klug ansehen
kann, das so wahllos alles hinunterschluckt. Hierbei hat man ganz
übersehen, daß alle Hühner zu ihrer Verdauung harte Körper brauchen,
und daß die Handlungsweise des Straußes wohl seltsam ist, aber
eigentlich nicht so töricht, wie es zunächst den Anschein hat.
Die Jagd auf Strauße ist wegen der großen Schnelligkeit der Tiere nicht
leicht. v. Wißmann schildert, wie er es nur besonderen Umständen zu
verdanken hatte, einen von den verfolgten Straußen einzuholen. Auch
Brehm bestätigt, daß das Wort der Bibel: Zu der Zeit, wann er hoch
fähret, erhöhet er sich und verlachet beide, Roß und Mann, vollständig
der Wahrheit entspricht.
Hat der Strauß, der im Gegensatz zu den meisten Hühnervögeln ein
vortrefflicher Vater ist, Junge bei sich, so weiß er trotzdem Rat, wie
wir aus dem vorhergehenden Kapitel wissen. Der bekannte Afrikareisende
Schillings erzählt in seinem Werke: »Mit Blitzlicht und Büchse« einen
ähnlichen Fall. Er schreibt nämlich: »Eine ganz besonders interessante
Beobachtung zu machen, war mir im Jahre 1900 vergönnt. Ich folgte viele
Stunden lang der Fährte einiger Löwen und geriet dabei plötzlich auf
ein Straußennest, mit teils schon ausgekrochenen jungen Straußen, teils
im Ausfallen begriffenen Eiern. Zu meinem Erstaunen hatten die Löwen
anscheinend die jungen Strauße verschmäht. Nach genauester Inspektion
der Fährten aber wurde ich eines besseren belehrt. Die alten Strauße
hatten in der klaren Mondnacht offenbar die großen Katzen rechtzeitig
wahrgenommen und sie, wie es untrüglich aus den Fährten hervorging,
durch geschickt bewerkstelligte Flucht von dem bedrohten Neste
hinweggelockt. Etwa hundert Schritte vor dem Neste waren die Löwen,
plötzlich in weiten Sprüngen den Straußen folgend, flüchtig geworden,
um, nach kurzer Zeit das Vergebliche der Verfolgung einsehend, in ihren
gewöhnlichen Schritt zu verfallen. So war es den Straußen gelungen,
ihre bedrohte Brut zu retten! Es war mir von höchstem Interesse, diese
Beobachtung machen zu können, die mir einen Beweis lieferte, wie
geschickt sich diese großen Erdbrüter vor ihren gefährlichsten Feinden
zu schützen wissen.«
Schillings bestätigt also die gewiß nicht dumme Methode des Straußes,
wenn Gefahr für die Jungen droht, die auch in diesem Falle wiederum
Erfolg gehabt hat. Da ein Löwe außerstande ist, ein Pferd einzuholen,
der Strauß aber noch schneller als ein Pferd ist, so konnten die
Löwen selbstverständlich nur auf den Gedanken kommen, die Strauße zu
verfolgen, wenn diese sich krank oder verwundet stellten. Nur dann
hatte ihre Verfolgung Aussicht auf Erfolg.
Fassen wir das Ergebnis zusammen, so erklärt sich die Fabel von der
»Straußenpolitik« dadurch, daß der Strauß in der Tat nicht sehr klug
ist und infolge einer Reihe von seltsamen Handlungen noch dümmer
erscheint, als er in Wirklichkeit ist. Bei Verfolgungen handelt er
nicht unkluger als anderes Wild, und zur Rettung seiner Jungen wendet
er eine, auch bei andern Hühnervögeln übliche, staunenswerte List an.
Wittern die Geier Tierleichen?
Der Glaube, daß die Geier ihre Nahrung, die fast ausschließlich in
Tierleichen besteht, durch den Geruchssinn wahrnehmen, ist sehr alt.
Bereits ~Plutarch~ schreibt: »Die Geier fliegen dem Geruche des
Aases nach.« ~Plinius~ fügt noch etwas hinzu: nach ihm fliegen
sie schon drei Tage zuvor an Plätze, wo es Leichen geben wird. Ebenso
berichtet ~Älian~: »Der Geier frißt das Fleisch toter Menschen und
Tiere, hält auch bei dem Wache, der dem Tode nahe ist. Er folgt den
Heereszügen und weiß mit prophetischem Geiste, daß es im Kriege Tote
gibt.«