Er betrachtete es immer aufmerksam, aber zweifelnd, und äußerte dabei
ein gedämpftes Knurren, runzelte die Stirn und machte ein saures
Gesicht, als ob er den neuen Affen für einen Eindringling halte. Selten
redete er das Bild mit leisen, murmelnden Tönen an, machte niemals
den Versuch, es hinter dem Spiegel mit seiner Hand zu ergreifen und
ließ sich überhaupt auf keine weiteren Untersuchungen ein. Mickie war
freilich sehr verzogen und daher sehr selbstsüchtig, wie Kinder unter
solchen Umständen auch zu werden pflegen.«
»Der kleine Nemo betrachtete sein Ebenbild im Spiegel stets mit sehr
forschender Miene und mit einem gewissen achtungsvollen Ausdruck, ohne
auch nur mit einer Wimper zu zucken und ohne das geringste Zeichen
von Aufregung, nur streichelte er das Bild im Glase und preßte im
tiefsten Stillschweigen seine Lippen daran. Man hätte wirklich vermuten
können, daß er das Bild für das eines teueren Entschlafenen hielt, das
zärtliche Erinnerungen an vergangene Tage in ihm erweckte und sein Herz
zu sehr erfüllte, als daß er Worte hätte finden können. Sein gesetztes
Benehmen bei dieser Gelegenheit war wirklich sehr anständig.«
»Dodo schien sich immer vor dem Bilde zu fürchten, sie warf kaum einen
Blick darauf und zog sich dann zurück. Manchmal gab sie einen Laut
von sich, preßte selten ihre Lippen an das Glas und suchte nie nach
dem Affen dahinter. Das kam vielleicht daher, daß sie vor einigen
ihrer Mitgefangenen Angst hatte und eine Zunahme der Gesellschaft ihr
vielleicht nicht gerade wünschenswert zu sein schien.«
»Nigger verriet großes Interesse für den Spiegel, wenn er mit ihm
allein war; wenn aber die anderen Affen sich um ihn herumdrängten, um
auch in das Glas zu sehen, zog er sich zurück, um möglichen Händeln aus
dem Wege zu gehen.«
»Onkel Remus, der weißwangige Kapuziner, schnitt immer eine Reihe
von Gesichtern mit der Feierlichkeit eines wenig beschäftigten
Friedensrichters, der um so mehr von seiner Würde und Bedeutung
durchdrungen ist, weil er nichts zu tun hat. Er sah erst in den Spiegel
und dann auf mich, als ob er fragen wollte: ›Wo, zum Teufel, haben Sie
denn diesen Affen aufgetrieben?‹«
»Das kleine im Zentralpark geborene Makakenkindchen versuchte das
Spiegelbild in ein kleines Spielchen zu verflechten, beguckte es sich,
gluckste, sprang lustig auf seine Stange und sah sich danach um, ob
ihm sein Ebenbild dann nicht folge, kehrte darauf zum Glase zurück und
versuchte das kleine Phantom wieder zu veranlassen, sich an seinen
Spielen zu beteiligen. Dann sprang es auf seine Stange zurück, sah sich
wieder um und konnte in aller Welt nicht begreifen, warum das kleine
neue Äffchen nicht mitmache. Währenddem sah Papa Makak, ein alter
gesetzter Herr, mißtrauisch und griesgrämig zu, zog auch einmal sein
Kind vom Spiegel weg, als ob er wüßte, daß da irgend etwas Schlimmes
dahinter stecke, und drückte seine Ansicht durch ein leises, ominöses
Knurren aus. Er erinnerte mich dabei an manche Leute, wie ich sie wohl
angetroffen habe, die ein sehr weises Gesicht machen und durch ihr
Benehmen zu verraten suchen, daß sie allerlei wüßten und wohl vieles
sagen könnten, wenn sie nur wollten.«
»Ein anderer kleiner Makak schnitt die unglaublichsten Gesichter und
verzog seine Lippen in der sonderbaren, früher schon beschriebenen Art,
gab aber keinen Ton von sich. Er betrachtete sich die Sache schweigend
und fahndete nie auf einen etwa hinter dem Glase versteckten Affen.«
»Der Spinnenaffe war aber wirklich des Studiums großer Geister wert.
Als er sein Spiegelbild erblickte, setzte er sich platt auf den Boden,
kreuzte seine langen dürren Beine und nahm eine Stellung an, als
gedenke er da mindestens 24 geschlagene Stunden sitzen zu bleiben. Er
guckte in das Glas, ließ einen leisen Ton hören und streckte seinen
langen Arm aus, ~um nach dem anderen Affen hinter dem Spiegel zu
suchen~. Es war interessant zu beobachten, wie er seinen Arm mehr
oder weniger ausstreckte in dem Maße, wie man den Spiegel weiter von
ihm entfernte oder ihm mehr näherte. Für ihn ist das Bild ohne Zweifel
ein wirkliches, greifbares Ding. Mehr als alle anderen Affen scheint
sich der Spinnenaffe im Spiegel zu bewundern, und obwohl er der
häßlichste aller Affen ist, kann er ton- und regungslos dasitzen und
sein Bild anstarren.«
Hieraus geht also unzweifelhaft folgendes hervor:
Weder Affen wie Kinder und Wilde erkennen sich im Spiegel wieder,
sondern halten die Erscheinung für einen Artgenossen -- spiegeln sich
also nicht. Deshalb hat sich auch die Meise nicht gespiegelt.
Nasengeschöpfe wie Dachshunde beachten einen Spiegel nur von weitem; in
der Nähe wenden sie sich von ihm ab, weil er ihrer Nase nichts sagt.
Der Künstler, der also einen sich spiegelnden Dachshund darstellt,
begeht zwei Fehler. Einmal spiegelt sich kein Tier, sodann aber ganz
besonders kein Nasentier.
Aus demselben Grunde erklärt es sich auch, weshalb nur Sehgeschöpfe,
aber kein Hund oder Pferd sich um Bilder kümmern.
Nachtrag.
Mit diesen übereinstimmenden Beobachtungen von Fachleuten steht
allerdings die Ansicht des bekannten Zoologen Professor ~Marshall~
in Widerspruch. Er schreibt nämlich im Anhange zu dem Garnerschen
Buche, das er übersetzt hat:
»Affen mit dem Spiegel habe ich vor Jahren im zoologischen Garten
hier in Leipzig beobachtet. Als ich einen jener kleinen, runden,
billigen Taschenspiegel einer gemischten Affengesellschaft in den
Käfig reichte, hat sich bald ein gewöhnlicher Makak in dessen Besitz
gesetzt und machte nun mit ihm allerhand Experimente, allerdings dabei
fortwährend von seinen Mitgefangenen gestört. Er legte ihn auf den
Boden, stemmte seine beiden Arme daneben, sah von oben hinein und
schlug mit den Beinen vor lauter Vergnügen hinten aus. Dann versuchte
er ihn, natürlich vergeblich, immer wieder an die Wand zu befestigen.
Am Unterlid des rechten Auges hatte er ein kleines Geschwür, eine Art
Gerstenkorn, das er sich im Spiegel genau besah. Er hielt ihn dabei in
beiden Händen und stierte hinein, hob ihn langsam höher und höher und
bog in gleichem Maße seinen Kopf immer weiter rückwärts, bis er beinahe
hinten überschlug. Dann nahm er ihn in die eine Hand und untersuchte,
fortwährend in ihn hineinblickend, mit den Fingern der andern sein
Gerstenkorn, stülpte das Lid um, schnitt Gesichter, es fehlte nur noch,
daß er mit dem Kopfe geschüttelt hätte. Dieser Makak machte mir den
Eindruck, als ob er ganz genau wisse, wie die Sache mit dem Spiegel
zusammenhinge, und als ob er keinen Augenblick im Zweifel sei, in dem
Bild im Glase sein Bild zu sehen. Der große Orang-Utan Anton, der im
hiesigen zoologischen Garten war, nahm, als wir ihm einen ziemlich
ansehnlichen Spiegel vorhielten, gar keine Notiz davon, wahrscheinlich
war ihm das Ding schon bekannt geworden während seiner Seereise, denn
es liegt ja für uns Menschen nahe, Affen in einen Spiegel blicken zu
lassen, um zu sehen, wie sie sich dabei benehmen.«
Hierzu möchte ich folgendes bemerken:
Die Möglichkeit kann man nicht bestreiten, daß ein Tier ~mit
der Zeit~ infolge besonderer Umstände, wie hier durch das
Gerstenkorn, merkt, das Bild im Spiegel sei sein Ebenbild. Die auch von
~Marshall~ erwähnte Gleichgültigkeit eines Affen gegen den Spiegel
trifft man bei vielen Artgenossen im Zoologischen Garten an, weil sie
~allmählich~ gemerkt haben, daß es sich um einen Trug handelt.
Jedenfalls ist der von +Dr.+ Schmidt geschilderte Orang-Utan,
trotzdem ebenfalls besondere Umstände vorlagen, die ihm den Gedanken
nahe legten, er sähe sein Ebenbild, hierauf nicht verfallen. Zu dem
gleichen Ergebnisse bin ich bisher gelangt, wenn ich ähnliche Versuche
mit Affen angestellt habe. Der von ~Marshall~ beobachtete Makak
muß also entweder ein ungewöhnlich kluges Tier gewesen sein, oder
es ist nur ein Zufall gewesen, daß er das -- vielleicht juckende --
Geschwür betastet hat. Er hätte sich dann gewundert, daß er einen
Artgenossen mit krankem Auge erblickte, wäre jedoch weit entfernt davon
gewesen, in dem Spiegelbild sein Ebenbild zu erkennen.
Tiere als Heuchler.
Dichter und Gelehrte haben vielfach die Behauptung aufgestellt, daß
das Tier sich dadurch vorteilhaft vom Menschen unterscheide, daß es
der Verstellung unfähig sei. Selbst bei Tierpsychologen trifft man
die Meinung an, der Tierarzt habe eine leichtere Aufgabe als der
Menschenarzt, ~denn die Tiere verstellten sich nicht~. Diese
Ansicht ist jedoch irrig, wie sich aus nachstehendem ergeben wird.
Im Altertum huldigte man der entgegengesetzten Meinung und zwar
vielfach mit Recht. So schildert uns schon ~Xenophon~ die
Verstellungskünste der Wölfe, die sie anwenden, um trotz der Hirten und
Hunde Beute zu machen, genau so wie der alte ~Geßner~.
Was die Alten ferner von den Verstellungsmitteln Reinekes erzählen, ist
gewiß stark übertrieben, aber ein gewisser Kern von Wahrheit steckt
darin. So schreibt z. B. ~Oppian~: Fühlt der schlaue Fuchs ein
Gelüste nach Vogelfleisch, so weiß er sich recht artig zu helfen:
Er legt sich auf den Rücken, streckt alle Viere von sich, schließt
Augen und Maul und stellt sich tot. Nun kommen die Vögel in Menge und
beginnen an dem vermeintlichen Aase zu rupfen und zu zupfen. Kommt ihm
aber ein Vogel ans Maul, schnapp, da hat ihn der Schalk zwischen den
Zähnen, und läßt ihn sich ganz herrlich schmecken.
Der Bericht ist deshalb nicht ganz unglaubwürdig, weil der bekannte
Naturforscher ~v. Homeyer~ etwas Ähnliches erzählt. Er schreibt:
»Daß unser Raubritter alte Vögel greift, ist unzweifelhaft; es
erscheint mir jedoch auch wahrscheinlich, daß die alten Schilderungen
der Art und Weise, wie er es anstellt, solche zu überlisten, teilweise
richtig sind. Wenn der Fuchs, um sich zu sonnen, auf einer Waldblöße
liegt, versammeln sich Krähen in immer wachsender Anzahl unter stetem
Lärm und rücken dem Fuchse, welcher regungslos daliegt, allmählich
näher, bis ein sicherer Sprung des Totgeglaubten einen der Schreier
zum Opfer fordert. Mein Vater hörte einmal im Mai, ehe es noch junge
Krähen gab, von fern anhaltendes Schreien der Krähen eines Waldes,
und vermutete, daß dasselbe einem Raubvogel gelte. Schon in die Nähe
gekommen, vernahm er einen furchtbaren Lärm, welcher sich auf ihn zu
bewegte, und bald sprang ein Fuchs mit einer Krähe im Maule vorüber,
gefolgt von einem ganzen Schwarm schreiender Genossen des Opfers. Es
ist daher sehr wahrscheinlich, daß das plötzliche Aufschreien aller
Krähen den Augenblick bezeichnete, an welchem der Fuchs eine derselben
ergriff.«
Daß übrigens Raubtiere sich verstellen, um ihre Opfer anzulocken, ist
etwas ganz Bekanntes. Beispielsweise schreibt ~Scammon~ von einer
so plumpen Robbe, wie dem Seelöwen, daß sie folgende List gebraucht, um
sich eines Seevogels zu bemächtigen. Nach seinen Beobachtungen tauchen
sie angesichts einer Möve tief in das Wasser, schwimmen auf ein gut
Stück unter den Wellen fort, erscheinen vorsichtig an einer anderen
Stelle wieder an der Oberfläche, strecken jedoch nur die Nasenspitze
aus dem Wasser heraus und bringen nun, wahrscheinlich mit Hilfe ihrer
Schnurrhaare, das Wasser hier in eine drehende Bewegung, in der
Absicht, die Aufmerksamkeit der fliegenden Möve auf sich zu lenken.
Diese glaubt, irgend ein Wassertier zu sehen, stürzt sich herunter, um
dasselbe zu fangen, und ist einen Augenblick später von dem Seelöwen
gepackt und unter das Wasser gezogen, bald darauf auch zerrissen und
verschlungen.
Ja selbst unser als biederer und gerader Charakter bekannter Bär soll
nach ~Krementz~ den Brunftschrei des Elches nachahmen, um diesen
zu berücken. Aber wie soll man sich darüber wundern, wenn selbst ein so
anscheinend stumpfsinniger Fisch wie der Wels seine Bartfäden benutzt,
um Fische heranzulocken.
Jeder Hundebesitzer wird übrigens ohne weiteres bestätigen, daß Tiere
sich vortrefflich verstellen können. Mit derartigen Geschichten von
schauspielernden Hunden ließen sich ganze Bände füllen. (vgl. S.
12). Jeder Hundekenner weiß, daß Hunde, die Appetit auf Braten und
dergleichen haben, jedoch nur trockenes Brot erhalten, es anscheinend
gierig erfassen, aber in der Stille nach einem entlegenen Orte
verschleppen. Eine andere Art der Schauspielerei habe ich unzähligemal
gesehen. In einer befreundeten Familie, die einen sehr lebhaften Hund
besaß, war der Hausherr ein überaus gutmütiger Herr, ein sogenannter
Gemütsathlet, wie man zu sagen pflegt. Die natürliche Folge war
die, daß die Herrin um so energischer auftreten mußte, damit seine
Gutmütigkeit nicht allzusehr ausgenutzt wurde. Auch dem Hund gegenüber
vertrat sie mit Recht den Standpunkt, daß er als wohlerzogenes Tier
bis nach Schluß des Essens auf sein Deputat warten sollte. Ich bin nun
sehr häufig am Sonntag Mittagsgast dort gewesen und habe regelmäßig
folgendes erlebt: So lange die Herrin des Hauses anwesend war, lag mein
Köter mäuschenstill an dem ihm bestimmten Orte und wagte nicht, sich
bemerkbar zu machen. Mußte jedoch die Hausfrau aus irgend einem Grunde
das Zimmer verlassen, beispielsweise um nach der Küche zu gehen und
nachzusehen, ob alles ihren Anordnungen entsprechend geschah, flugs
war mein Hund am Tische und bettelte in der unverschämtesten Weise bei
seinem Herrn und zwar gewöhnlich mit Erfolg. Kaum hörte er jedoch die
nahenden Schritte der zurückkehrenden Herrin, so legte er sich flink
auf die alte Stelle hin und tat heuchlerisch so, als wenn gar nichts
vorgefallen wäre.
Ähnliches berichtet Rektor ~Gräßner~ von seiner deutschen Dogge
Tom: »Am ergötzlichsten war sein Benehmen, wenn sich ihm Gelegenheit
darbot, meinen Töchtern einen Gegenstand, mit welchem sie sich gerade
beschäftigten, etwa ein Paar zusammengefaltete Strümpfe, einen großen
Wollenknäuel usw. heimlich, wie er sich einbildete, wegzustibitzen
und in seinen großen Rachen verschwinden zu lassen. Suchten dieselben
dann den geraubten Gegenstand absichtlich mit auffallender Emsigkeit,
so hatte er seinen Zweck erreicht, er nahm unter besonders gemessener
Haltung eine möglichst einfältige Miene an, um zu zeigen, daß er keine
Ahnung von dem Grunde der stattfindenden Aufregung habe, und gab das
Vermißte unter schlauem Blinzeln nicht früher heraus, als bis man
sich direkt an ihn mit der Frage gewandt hatte: ›Tom, weißt du denn
nicht, wo .... hingekommen ist?‹ War ich zufällig bei diesem Spiele
zugegen, so kam er, ehe jene Frage an ihn gestellt und er sich mit
einem Blicke auf die Mädchen überzeugt, daß er nicht beobachtet wurde,
unaufgefordert zu mir, sperrte sein Maul so weit auf, daß ich den
gesuchten Gegenstand erblicken mußte, warf mir einen verständnisinnigen
schelmischen Seitenblick zu, um dann im Umdrehen das vorher gezeigte
dumme Gesicht wieder anzunehmen und auf seinen Platz zurückzukehren.«
Aber nicht nur Raubtiere besitzen die Kunst des Verstellens. So
erzählt ~J. Franklin~ von einem Schweine folgendes: Auf einem
Schiff lebten ein Hund und ein Schwein in guter Freundschaft, gingen
und sonnten sich miteinander, fraßen aus einer Schüssel, nur um das
Hundehaus stritten sie, welches manchmal das Schwein zum Verdruß des
Hundes in Beschlag nahm. An einem stürmischen Abend wollte es dieses
wieder tun, aber der Hund lag schon darin. Da nahm das Schwein eine
Zinnschüssel in das Maul und tat in einiger Entfernung, als ob es
daraus fräße, worauf der Hund herbeilief, das Schwein aber eiligst in
dessen Stall.
Auch die fliehenden Pflanzenfresser retten sich nicht nur durch die
Schnelligkeit ihrer Füße, sondern wenden mancherlei Listen an. Schon
~Älian~ schreibt: Der Hase begibt sich nie in sein Lager, ohne
vorher seine Spur zu verwirren, und dadurch den nachfolgenden Jäger zu
täuschen. So betrügt das listige Tier die Klugheit des Menschen. Die
Bemerkung ist durchaus zutreffend. Der Hase geht, wenn er ins Lager
will, erst über dessen Stelle hinaus, dann eine Strecke seiner eigenen
Spur zurück, macht mehrere Kreuz- und Quersprünge, wovon ihn der letzte
zum Lager bringt.
Übrigens macht Freund Lampe solche Wiederläufe nicht nur, wenn er
sich nach seinem Lager begibt, sondern auch, wenn er sich auf der
Flucht befindet. Hunde, die seiner Spur folgen, haben natürlich die
allergrößte Mühe, aus diesem Wirrsal sich zurechtzufinden.
Ähnliche Heuchelei können wir bei gezähmten Affen und anderen
intelligenten Geschöpfen wahrnehmen. So schmeicheln Papageien und Affen
oft denen, die sie beißen wollen. ~Rengger~ berichtet von seinem
Kapuzineraffen, daß er, wenn er von jemand beleidigt war, sich ganz
freundlich gegen ihn stellte. Er wollte ihn dadurch sicher machen,
nahm aber, sobald sein Zweck erreicht war, furchtbar Rache. Ähnliches,
was ~Homeyer~ vom Fuchse erzählt, wird vom Affen berichtet. Ein
zahmer Affe in Indien, dessen Futter die Krähen oft plünderten, stellte
sich einst tot, fing aber die erste Krähe, die er erwischen konnte,
rupfte sie und warf sie dann in die Luft, wo sie von ihren Genossen
totgehackt wurde, die dann des Affen Futter weiter nicht mehr angingen.
Im ~Brökmannschen~ Affentheater, wo ich dem Ankleiden der Affen
zusah, war es spaßhaft zu sehen, wenn einer der vierhändigen Künstler
den ihm vorgehaltenen Ärmel anscheinend nicht sah, sondern mit der
ernstesten Miene von der Welt mit dem ausgestreckten Arme daneben
fuhr. Er »markierte den Dusseligen«, wie der Berliner sagen würde. Das
gleiche wird vom Elefanten berichtet.
Eine bekannte Heuchelei bei Tieren ist das Sichtotstellen, um das
gefährdete Leben zu retten. Nicht nur Insekten machen hiervon
Gebrauch, sondern auch Raubtiere wie das Opossum und unser Wiesel. Von
dem letztgenannten berichtet Freiherr ~v. Droste-Hülshoff~ im
»Zoologischen Garten« folgenden Fall:
»Auf einem Spaziergange Ende Mai 1872 wurde meine Aufmerksamkeit durch
auffallende, augenscheinlich von einem Tiere herrührende Töne in meiner
Nähe erregt. Ich begab mich an die Stelle, wo ich die Töne vernommen
hatte, und bemerkte ein altes und zwei junge Wiesel, welche letztere
bereits mindestens die Größe eines alten erreicht hatten. Bei meinem
Erscheinen entfernte sich das alte Wiesel schleunigst, die beiden
jungen drückten sich an den Boden und machten es mir dadurch möglich,
das eine derselben durch einen raschen Griff im Genick zu erfassen;
das andere entfloh darauf eiligst. Auf das klägliche Zetergeschrei des
von mir in der Hand gehaltenen erschien nun augenblicklich das alte
und rannte unausgesetzt und mit unglaublicher Schnelligkeit in einer
Entfernung von 1 bis 2 Fuß um mich herum; den wiederholten Streichen
meines mit der linken Hand geführten Regenschirmes wich das Wiesel
geschickt aus und erreichte ich damit nur, daß ich meinen Regenschirm
zerschlug. Nachdem dieses nun etwa 5 Minuten gedauert hatte, setzte ich
meinen Weg fort unter Begleitung des alten Wiesels, welches mich aber,
nachdem ich 30-40 Schritte zurückgelegt hatte, verließ. Sofort änderte
das junge seine Taktik. Nachdem es nämlich unter fortwährendem Geschrei
versucht hatte, sich zu befreien, hörte dieses nunmehr gänzlich auf; es
hing ganz schlaff in meiner Hand, schloß die Augen, sperrte schließlich
auch noch das Maul ganz weit auf und war augenscheinlich tot. Da ich
das Wiesel lebend behalten wollte, so war mir diese Entdeckung nicht
angenehm und um so auffallender, als ich dasselbe, um es nicht zu
ersticken, nur mit zwei Fingern an den starken Halswirbeln gefaßt
hatte. Es war und blieb aber tot und alle Bemühungen, ein Lebenszeichen
von demselben zu erhalten, blieben fruchtlos. Ich trug es daher noch
eine Strecke und warf es dann mitten in einen kleinen Teich, an dem
mein Weg vorüberführte. Kaum hatte es die Wasserfläche berührt, als es
auch schon zu meiner nicht geringen Überraschung zu schwimmen begann
und ganz munter an das Ufer schwamm, um im Grase und Gestrüpp zu
verschwinden.«
»Das Wiesel hatte mich augenscheinlich absichtlich getäuscht und
lieferte dadurch wieder einen Beweis für die Behauptung, daß die Tiere
doch mitunter eine bedeutende Überlegung an den Tag legen, die mir
übrigens mit dem Begriff von Instinkt wohl vereinbar zu sein scheint.«
Auch der frei lebende Affe liebt die Verstellung. Von den Pavianen
z. B. wird berichtet, daß, wenn sie von Hunden verfolgt werden, die
starken Männchen absichtlich bei der Flucht zurückbleiben. Stürzt sich
nun ein einzelner Hund auf einen solchen Recken, so ist er verloren,
denn der Pavian packt und zerfleischt ihn. Erfahrene Hunde bleiben
daher stets zu mehreren, denn dieser Übermacht ist der Affe nicht
gewachsen.
Selbst manche Raubtiere bekunden, um ihre Nachkommenschaft nicht zu
verraten, eine Scheinheiligkeit, die Staunen erwecken muß; sie rauben
in der Nähe ihres Lagers nicht. So heißt es bei ~Brehm~:
»In der Nähe seiner Traden (d. h. dicht mit Holz bestandener Stellen in
Morästen)«, schreibt mir ~Kade~, »raubt der Wolf nie, weshalb Rehe
und junge Wölfe harmlos in einem und demselben Treiben aufwachsen. Bei
den meisten Wolfsjagden habe ich in demselben Treiben junge Wölfe und
junge Rehe erlegt und erlegen sehen. Diesen niedlichen Tieren kann aber
die Nähe der Wölfe unmöglich unbekannt bleiben, da letztere schon Ende
Juli zu heulen beginnen.«
Wer denkt da nicht an den Grundsatz mancher Leute: Das eigene Haus muß
man rein halten! Verbrecher haben gewöhnlich das Prinzip, niemals in
dem Hause, in dem sie wohnen, etwas Ungehöriges zu begehen.
Auch die wilden Gänse stellen sich tot, wenn sie sich in der
Mauser befinden und deshalb schlecht fliegen können, und täuschen
dadurch häufig den Jäger. Überhaupt muß man wohl die Palme unter
den Verstellungskünstlern den Vögeln zuerkennen. Namentlich die
Vögelmütter, die Junge haben, verstehen es ausgezeichnet, etwaige
Feinde abzulenken. Das soll im folgenden Kapitel ausführlich
geschildert werden.
Selbst die so plumpe Eule ist Verstellungen nicht abgeneigt, wie
~Brehm~ betont. Sie blinzelt nur, um den Menschen zu täuschen.
Denn sie möchte ihren Platz aus Furcht vor dem Gezeter kleiner Vögel
nicht gleich aufgeben. Andere gebrauchen die List, daß sie ihre Gestalt
derartig verschieben, daß sie einem alten, mit Moos und Flechten
übersponnenen Astknorren auf das genaueste gleichen.
Zum Schlusse sei noch der allerliebsten Verstellungsgeschichte einer
Krähe gedacht, die ein Herr ~Keil~ kürzlich beobachtete. Er
erzählt den Vorgang folgendermaßen:
»Da hatte ich einmal einige vertrocknete Semmelecken, die sich als
liegengelassenes Frühstück im Schreibtisch vorfanden, in den Garten
geworfen. Es mochten vielleicht fünf Stücke sein, die verstreut
im letzteren auf dem Schnee umherlagen. Sehr bald kam eine Krähe
vorbeigestrichen, sah die Semmeln liegen und machte sich darüber her.
Sie hackte energisch auf das harte Zeug ein, wobei ich aber beobachten
konnte, daß sie nicht einen Augenblick ihre Umgebung außer acht ließ.
Sobald sich nun in der Ferne eine andere Krähe zeigte, unterbrach die
erste sofort ihr Frühstück, lief ein Stück weg auf den Mauerrand und
äugte stillvergnügt in die Welt hinein, als ob überhaupt nicht los sei.
Ich wäre beinahe geneigt zu behaupten, daß sie dazu eine möglichst
harmlose Grimasse geschnitten habe. Sobald dann die andere Krähe
vorbeigestrichen war, kehrte die erste sofort wieder zu ihrer Mahlzeit
zurück. Dieses Spiel wiederholte sich noch öfter, bis von den Semmeln
nichts mehr da war. Ich kann sagen, ich habe über den drolligen Vorgang
herzlich gelacht.«
Verstellungskünste bei Vogeleltern.
Uralter, in der Natur der Dinge liegender Erfahrungssatz ist es, daß
gerade die Frauen die krummen Wege lieben. Eine Penelope ist nicht nur
wegen ihrer rührenden Gatten- und Mutterliebe das Ideal einer Frau,
sondern sie zeigt sich auch als echtes Weib darin, daß sie die bösen
Freier viele Jahre hindurch an der Nase herumführt.
Auch bei den Tieren verstehen viele Weibchen, insbesondere die
Vögelmütter, das Verstellen vortrefflich.
Schon den alten Römern sind diese Verstellungskünste aufgefallen. So
schreibt z. B. ~Plinius~ vom Rebhuhn folgendes: