12 Uhr, ging ich an meinem Waldrande entlang. Etwa 150 bis 200 Gänge
vor mir stand auf dem Roggenschlage eine Ricke mit zwei Schmalrehen;
die Rehe ließen sich, da hier sehr vertraut, gar nicht durch meine
Anwesenheit stören. Ich blieb stehen, um sie zu beobachten. In diesem
Augenblicke strich vom Walde her eine Krähe über mir fort. Schleunigst
das Gewehr von der Schulter gerissen und Dampf auf die Graue gemacht!
Es war sehr hoch. Entschieden hatte die Krähe aber etwas abbekommen;
sie strich in der Richtung auf die Rehe weiter. Ich beobachtete sie,
gleichzeitig sah ich aber auch, daß die drei Rehe nach mir hinäugten.
Plötzlich verendete die Krähe hoch oben in der Luft und fiel gerade
zwischen die Rehe, und zwar unmittelbar neben dem einen Schmalreh kam
sie zur Erde. Nun geschah etwas ganz Unerwartetes. Das eine Schmalreh
war zur Erde gestürzt und lag regungslos. Die Ricke aber und das andere
Schmalreh machten einen riesigen »Schlußsprung auf der Stelle«, blieben
dann mit vorgestreckten Köpfen stehen und äugten entweder die Krähe
oder das liegende Schmalreh an. Nach etwa einer Minute -- solange
dauerte die Erstarrung, wie ich es nennen möchte, -- kam das Schmalreh
auf die Läufe, und alle drei Rehe nahmen den Waldsaum an, und zwar mit
langen Fluchten. Auf etwa zwei Schritte vor mir wechselten sie in den
Wald. Was mag nun wohl die Ursache gewesen sein, daß das eine Schmalreh
zur Erde stürzte? Was war ferner wohl die Ursache, daß mich die Rehe,
nachdem sie mich doch kurz vorher angeäugt hatten, gewissermaßen
annahmen? Vielleicht hat einer der Weidgenossen schon etwas Ähnliches
erlebt und erzählt es uns.
Nach unsern Ausführungen dürfte die Erklärung nicht schwer sein.
Auch das Reh ist ein fliehender Pflanzenfresser, und seine Vorfahren
sind bei uns jahrtausendelang in steter Angst gewesen, daß sie ein
Luchs oder ein Wolf plötzlich überfällt. Selbst Reineke soll sich an
lagernde Rehe wagen. So begreift man denn, daß jeder ungeahnte Fall
eines Körpers ein Reh aufs äußerste erschrecken kann. Diese große Angst
hat sie auch veranlaßt, auf den Beobachter zuzulaufen. Aus demselben
Grunde sind auch unsere Stubenvögel bei jeder plötzlichen Bewegung der
Hand sehr erschrocken. Auch sie wissen zu gut aus Erfahrung, daß in
der Freiheit die kleinen Schleichraubtiere, wie Katzen, Marder, Iltis,
Wiesel usw., beständig einen Überfall gegen sie planen.
Wie anders benimmt sich ein wehrhafter Pflanzenfresser, z. B. ein
Stier, gegen seine Feinde. ~v. Wißmann~ schildert z. B. folgenden
Vorfall, den er mit seinem Reitstier in Afrika erlebte: Er war ein
mutiges Tier, das die Witterung keines großen Wildes aus der Fassung
brachte. Hatte er sich doch einmal losgerissen und, bei Nacht aus dem
Lager ins Freie stürmend und in einen dicken Busch einbrechend, nach
der Fährte zu rechnen, einen sehr starken Leoparden oder eine Löwin
unter wütendem Gebrüll in die Flucht geschlagen.
Unser Ergebnis ist also folgendes: Keines von unsern Haustieren ist
nervös, soweit es sich nicht um kranke, verzärtelte oder überzüchtete
Exemplare handelt, Rind und Schwein nicht einmal furchtsam. Pferd
und Zebra bekunden jedoch die ihnen durch Jahrtausende eingeprägte,
durchaus berechtigte Furcht vor einem Überfall durch Schleichraubtiere.
Gibt es Tiere, die sich spiegeln?
Mancher Leser wird staunen, daß die Frage, ob es Tiere gibt, die sich
spiegeln, überhaupt aufgeworfen werden kann. Er wird darauf hinweisen,
daß z. B. in unzähligen Schaufenstern Bilder zu erblicken sind, auf
denen ein Dachshund sich wohlgefällig in dem Spiegel beschaut, als
wollte er sagen: Bin ich nicht ein schöner Kerl? Wie könnten unsere
Künstler etwas durch Pinsel oder Stift wiedergeben, wenn es nicht in
Wirklichkeit vorkäme? Sind doch gerade Maler als vorzügliche Beobachter
bekannt!
Diese Anschauung, daß Tiere sich spiegeln, wird so allgemein als
Tatsache aufgefaßt, daß man selbst in Fachblättern diesen Vorgang als
etwas Selbstverständliches betrachtet.
Gerade der Umstand, daß kürzlich in einer naturwissenschaftlichen
Zeitschrift ein Bericht über ein Sichspiegeln der Tiere enthalten war,
veranlaßt mich, diesen allgemein verbreiteten Irrtum etwas näher zu
beleuchten.
In der betreffenden Zeitschrift schilderte nämlich eine Tierfreundin
das allerliebste Verhalten der Vögel, namentlich der Meisen, denen sie
Futter streute. Es heißt dort:
»Von der eitlen Kohlmeise.«
»Wenn ich in meinem Schlafzimmer die Balkontür öffne, so dauert
es nicht lange, und auf der Türschwelle erscheint eine prächtig
gezeichnete Kohlmeise. Ich gehe dann in das Nebenzimmer und beobachte
von dort den kleinen Eindringling. Der hüpft von der Schwelle auf
einen Stuhl und von da -- auf den Toilettentisch. ~Vor einen
kleinen Stehspiegel setzt sich die Kohlmeise zuerst und betrachtet
sich darin mit sichtbarem Wohlgefallen.~ Ich kann es ihr auch
gar nicht verdenken; sie kann wohl zufrieden mit dem Bilde sein,
das ihr der Spiegel zeigt. Dunkelbraune Augen, schneeweiße Wangen,
glänzend tiefschwarzes Haar und eine schön schwefelgelbe Brust, darauf
ein breiter schwarzer Streifen -- wer vermag ähnliche Schönheiten
aufzuweisen? -- Hat sie sich in dem kleinen Spiegel sattgesehen, so
fliegt sie auf den größeren, am Toilettentisch angebrachten Spiegel,
turnt auf dem geschnitzten Holzrahmen herum, spiegelt sich, singt,
flattert gegen das Glas und pickt nach ihrem Spiegelbilde. Verspürt
die Meise Appetit, so knabbert sie an den Stearinkerzen herum, die
zu beiden Seiten des Spiegels stehen. Zur Abwechslung werden dann
auch all die kleinen Gegenstände, die auf einem Putztisch ihren Platz
zu haben pflegen, wie: Nadelkissen, Schmuckschale u. a. betrachtet
und untersucht. Darauf spiegelt sie sich wieder und ich -- hab'
dann meistens keine Zeit mehr, länger zuzugucken und verlasse meinen
Lauscherposten.«
»Sehe ich nach einem halben Stündchen wieder nach, was das kleine
gefiederte Äffchen treibt, so sehe ich es immer noch vergnügt vor den
Spiegeln umherhüpfen, bis es durch mein Näherkommen erschreckt zur Türe
hinausfliegt. Lange dauert es aber nicht, so lugt mein Meischen wieder
vorsichtig von draußen herein, und sieht es niemand im Zimmer, so
beginnt das lustige Treiben von neuem.«
Hat die Dame etwa die Unwahrheit berichtet? Keineswegs. Ich glaube
ohne weiteres, daß die Meise -- wie es ja jeder Kanarienvogel tut
-- im Spiegel ihr Bild erblickt hat. ~Nur daß die Vögel sich
gespiegelt d. h. ihr Bild als solches erkannt haben, bestreite ich mit
Entschiedenheit.~
Beruht bei den Vögeln der Irrtum lediglich darin, daß ein wirklicher
Vorgang falsch gedeutet ist, so ist die Spiegelung des Dachshundes
durchaus ein Produkt der Phantasie. Ich möchte den Leser sehen, der
einen sich spiegelnden Dachshund jemals in seinem Leben erblickt hat.
Woher das kommt, habe ich an anderer Stelle ausführlich dargetan. Hier
seien ganz kurz die Gründe angegeben.
Ich setze den Inhalt meines Buches: »Ist das Tier unvernünftig?« als
bekannt voraus, namentlich den Unterschied zwischen Sehgeschöpfen und
Nasentieren. Hier möchte ich folgende allgemeine Bemerkungen über
diesen Punkt machen.
Der Mensch hat seinen Grundsinn in den Augen, er hütet etwas wie einen
Augapfel ist eine durchaus treffende Bezeichnung. Das ist jedoch nicht
bei allen Geschöpfen der Fall. Zahllose Tiere z. B. Hunde, Füchse,
Pferde, Rinder usw. haben ihren Grundsinn in der Nase. Deshalb sind
Pferde und Hunde noch gebrauchsfähig, wenn sie erblindet sind, denn die
Augen spielen bei ihnen nur eine untergeordnete Rolle. Sehgeschöpfe wie
der Mensch sind noch Affen, Vögel, Katzen usw.
Es ist nun ganz einleuchtend, daß der Spiegel nur einem ~Augen~tier
etwas sagen kann. Für ein Tier, das sich nach der Nase richtet, ist
er ein ganz unverständlicher Gegenstand. Gerade bei Hunden kann man
das deutlich betrachten. Eine Dogge wurde kürzlich in einen Salon
geführt, in dem ein großer Spiegel stand. Von fern erblickte sie ihr
Spiegelbild, fletschte die Zähne, sträubte die Haare und ging auf den
Spiegel zu. In der Nähe roch sie, merkte nichts von einem andern Hunde
und kümmerte sich nun nicht weiter um den Spiegel.
Affen dagegen, die sich wie der Mensch nach den Augen richten, sind
rein verliebt in Spiegel. Ich habe manchmal im Zoologischen Garten nur
mit Not und Mühe einen Taschenspiegel von ihnen wiedererhalten können.
Vögel sind auch Sehgeschöpfe, und deshalb ist es ganz naturgemäß, daß
der Spiegel auf sie großen Eindruck macht.
Die Hunde richten sich fast ausnahmslos nach der Nase, namentlich ist
der Dachshund ein ausgezeichnetes Nasentier. Ein sich spiegelnder
Dachshund ist also ein Unding. Die einzigen Hunderassen, die bessere
Augen, dafür auch eine schlechtere Nase besitzen, sind Windhunde und
Schäferhunde. Bei ihnen ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß
sie der Spiegel ebenso interessiert wie Affen und Vögel.
Nur die Tiere, die Sehgeschöpfe sind, können also einem Spiegel in der
Nähe Beachtung schenken. Wenn sie das tun, wie vorhin die Meise, so
schließen wir Kulturmenschen sofort, daß das Tier sich spiegele. Das
Tier sieht im Spiegel ein anderes Geschöpf seiner Art -- woher soll es
nun wissen, daß es selbst so aussieht?
Daß hier ein folgenschwerer Irrtum vorliegt, wenn man ein Sichspiegeln
annimmt, kann in der einfachsten Weise bewiesen werden.
Zunächst berichten unzählige Reisende von wilden Völkern, daß, wenn man
einem Naturmenschen einen Spiegel vorhält, er stets glaubt, die von ihm
geschaute Person sei ein anderer Wilder. Woher soll er auch wissen, daß
er es selbst ist?
Sodann kann man die Wahrheit dieser Berichte in überzeugender Weise
an unsern Kindern erproben. Das zweijährige, sonst recht intelligente
Töchterchen meines Freundes behauptete immer wieder, wenn es in den
Spiegel sah, das wäre seine Freundin Anna, die ihm allerdings recht
ähnlich sah.
Bei den Tieren ist die Annahme, es sei ein ~fremdes~ gleichartiges
Geschöpf, deshalb unverkennbar, weil diejenigen, die ihresgleichen
wütend bekämpfen, genau dieselben Bewegungen machen, als wollten sie
sich auf den Feind stürzen. Doggen kämpfen gern miteinander, und
deshalb fletschte die vorhin erwähnte Dogge ihre Zähne und sträubte ihr
Haar.
Raubvögel bekämpfen Artgenossen wütend, deshalb nehmen sie vor dem
Spiegel eine kampfbereite Stellung ein.
Lerchen sind so eifersüchtig auf ihresgleichen, daß man mit Hilfe von
Lerchenspiegeln unzählige schießt.
Herdentiere wie Affen sehen ihresgleichen sehr gern. Affen haben
gewisse Bewegungen, die eine Begrüßung andeuten. Diese machen sie mit
Vorliebe vor einem Spiegel, woraus man sieht, daß sie einen fremden
Affen vor sich zu haben glauben.
Auch die Meisen leben sehr gern gesellig, und nun verstehen wir,
weshalb die vorhin geschilderte Meise so gern in den Spiegel sah.
Doch ich befürchte, daß der geneigte Leser meinen Darlegungen nicht
völligen Glauben schenken wird. Ich will mich deshalb auf den
ausführlichen Bericht eines Fachmannes berufen. Der Direktor des
zoologischen Gartens zu Frankfurt a. M., +Dr.+ ~Schmidt~,
hat eingehende Beobachtungen mit einem Orang-Utan und einem Spiegel
angestellt, von deren Schilderungen hier einige Stellen folgen mögen.
Um zunächst den Verdacht zu zerstreuen, daß der Affe vielleicht ein
ungewöhnlich stupides Exemplar gewesen sei, mögen hier von seinen
Spielereien folgende erwähnt werden:
»Ein Fangbecher, das bekannte Spielzeug, welchen jemand für den Orang
mitgebracht hatte, wurde unter sorgfältiger Überwachung dem Tiere
überlassen. Vermochte ihn dasselbe auch nicht seiner eigentlichen
Bestimmung gemäß zu verwenden, so bereitete er ihm doch großes
Vergnügen und mannigfaltige Unterhaltung. So war es dem Affen offenbar
sehr merkwürdig, daß der hölzerne Ball so schön in den Becher paßte,
und er legte ihn oftmals hinein, um ihn im nächsten Moment wieder
herauszuwerfen. Die Schnur, welche beide Stücke verband, war als
zu störend bald abgerissen worden, dagegen hatte der Orang die
Wahrnehmung gemacht, daß der Becher, wenn man ihn ans Ohr hält, ein
brausendes Geräusch hören läßt, wie dies bei derartigen hohlen Körpern
stets der Fall ist. Er machte sich seitdem öfter das Vergnügen, dieses
Rauschen zu hören, dem er mit sichtlichem Behagen lauschte. Eines
Tages hatte er aus einem halben Milchbrot die Krumen herausgebohrt und
entdeckte in der ausgehöhlten Kruste offenbar eine gewisse Ähnlichkeit
mit dem Fangbecher, denn er hielt sie plötzlich aufmerksam horchend ans
Ohr. Als der erwartete Ton ausblieb, beeilte er sich, den Brotrest zu
verspeisen.«
»In dem Stiel des Fangbechers, der am Ende etwas zugespitzt ist, damit
die Kugel auf denselben gesteckt werden kann, erkannte unser Tier
alsbald ein sehr brauchbares Werkzeug und war überrascht über die
Wirkung, welche sich mit demselben erzielen ließ, wenn man es als Hebel
benützte. Auf diese Weise wurde alsbald eine kleine Vertiefung in dem
Kalkbewurf des Zimmers in eine recht ansehnliche Grube umgewandelt und
der Stuhlsitz schwer beschädigt, indem der Orang die Spitze des Holzes
in die Öffnungen des Geflechtes schob und dann das entgegengesetzte
Ende niederdrückte, wodurch es ihm gelang, einige Rohrstreifen zu
sprengen. Das gemeinschädliche Werkzeug wurde nun weggenommen, aber der
Stuhl war durch die Beschädigung des Sitzes nur um so interessanter
geworden. Es gelang nämlich, zuweilen einen der Rohrstreifen
herauszulösen, und dann freute sich der Orang über dessen Länge und
dehnte ihn mit über den Kopf emporgehobenen Händen möglichst aus. Auf
diese Weise entstand nach kurzer Zeit ein Loch in dem Geflecht, welches
nun wieder zu manchen Studien Anlaß wurde. Bald wurde ein Arm, bald ein
Bein hindurchgeschoben, bald wurde es als Schießscharte benützt, aus
welcher die Kugeln und anderes Spielzeug herausgeschleudert wurden,
oder es diente als Guckfenster, aus welchem das altkluge Gesicht des
Orang äußerst possierlich hervorlugte.«
Dumm ist der Affe sicherlich nicht, wenn er an einem hohlen Gegenstande
zu horchen versucht, und einen Stiel als Hebel zu benutzen versteht --
im Gegenteil, man muß das für ein Zeichen außerordentlicher Intelligenz
halten. Hören wir nun, wie sich derselbe Orang-Utan einem Spiegel
gegenüber benahm:
»Um zu sehen, was der Orang wohl machen würde, wenn man ihm sein
Bild im Spiegel zeigte, ließ ich einen solchen in das Zimmer bringen
und denselben, nachdem man ihn verdeckt getragen hatte, plötzlich
in einiger Entfernung von dem Käfig aufstellen, so daß ihn das Tier
nicht mit den Händen erreichen konnte. Das Glas war groß genug, um den
Affen in ganzer Figur und außerdem einen Teil der Umgebung zu zeigen.
Er saß auf seinem Baume und blickte ruhig den fremden Gegenstand
an, der nun aufrecht an die Wand gelehnt wurde. Ruhig begann er
herabzusteigen, um sich die Sache näher zu betrachten, und als er nun
den Käfig sich spiegeln sah, ohne noch seine eigene Gestalt bemerken
zu können, hielt er im Klettern inne, als dächte er darüber nach,
wie seine gewohnte Umgebung sich so plötzlich habe verändern können.
Aber die Neugierde überwog und er stieg auf den Boden herab. Ich
fühlte mich fast versucht, anstatt des Ausdrucks ›Neugierde‹ das Wort
›Wißbegierde‹ zu setzen, besonders wenn ich das Benehmen des Orangs
in diesem Falle mit dem anderer Affen unter ähnlichen Verhältnissen
vergleiche. Da fand sich nicht diese Hast und Unruhe, die sich durch
Hin- und Herfahren, durch Töne und Grimassen der verschiedensten Art
bei Pavianen, Meerkatzen usw. auszudrücken pflegt, sondern ruhig und
gemessen, mit ernstem, sinnendem Gesichtsausdrucke, den Spiegel fest im
Auge behaltend, stieg der Orang auf die dem Glase gegenüber befindliche
Stelle seines Käfigs zu.«
»Aber -- welches Entsetzen -- dort blickte ihm ja eine fremde Gestalt
entgegen, die ihm einen sehr unheimlichen Eindruck machen mußte, denn
rasch drehte er um, sträubte das Haar, schob die Unterlippe etwas
vor, wodurch sein Gesicht einen ungemein verdrossenen Ausdruck bekam
und beeilte sich, an das entgegengesetzte Ende seines Behälters zu
gelangen. Es gereichte ihm offenbar zu großer Beruhigung, daß ihm der
vermeintliche Eindringling nicht folgte, und nachdem er überlegend
eine Zeitlang nach dem Spiegel geblickt hatte, faßte er sich ein Herz
und marschierte nochmals dorthin, um sich die Sache näher anzusehen.
Noch einige Male hielt sein Mut nicht stand, und furchtsam trat er den
Rückweg an, bald aber hatte er sich überzeugt, daß eine Gefahr nicht
vorhanden sei, und er setzte sich nun vor den Spiegel hin, um sein
Gegenüber zu betrachten. Daß dieses sich ebenfalls ruhig verhielt,
machte ihn dreist, und bald wagte er, den vermeintlichen Feind, den er
noch vor wenigen Minuten sehr gefürchtet hatte, herauszufordern. Dies
geschah aber keineswegs in der tierischen Weise, wie bei anderen Affen,
welche in diesem Falle rückende Bewegungen machen, schreien u. dgl.,
sondern er bediente sich eines weit menschlicheren Verfahrens, um jenem
seine Nichtachtung auszudrücken, indem er nach ihm spuckte.«
»Natürlich blieben die Geschosse wirkungslos, der andere schritt nicht
zum Angriff, und es mußte ihm mit einem kräftigeren Mittel zu Leibe
gerückt werden. Der harmlose hölzerne Hammer wurde zum Streithammer
und flog alsbald wuchtig nach dem Gegner. Da aber der Orang dieses
Schleudern nicht mit den Armgelenken, sondern mittels einer rotierenden
Bewegung des Handgelenkes ausführte, wahrscheinlich, weil er dabei den
Arm zwischen den Gitterstäben herausstrecken mußte, so verfehlte das
Werkzeug jedesmal sein Ziel und fiel seitlich nieder. Einigemale gelang
es dem Tiere, den Hammer senkrecht emporzuwerfen, was ihm offenbar
große Freude machte, die man deutlich aus seinem, trotz der kritischen
Situation, vergnüglich schmunzelnden Gesichtsausdrucke erkannte.
Natürlich hatte er alsbald die Unzweckmäßigkeit seines Verfahrens
begriffen und fand nun in einigen Brotresten, die von seinem, durch
Aufstellen des Spiegels unterbrochenen Frühmahle noch übrig waren, ein
leichter zu handhabendes Wurfgeschoß, welches dann auch sofort dem
Gegenüber an den Kopf flog.«
»Bewegte man während dieser Vorgänge den Spiegel langsam gegen den
Käfig, so daß das Spiegelbild sich zu nähern schien, so verwandelte
sich die Stimmung unseres Tieres sofort, und mit dem Ausdruck größter
Besorgnis begab er sich schleunigst auf die Flucht, sowie aber der
Spiegel wieder zur Ruhe gekommen war, beeilte sich der Affe, mit seinem
Gegenüber aufs neue anzubinden. In dem Maße, als er sich überzeugte,
daß ihm von jenem keine Gefahr drohe, trat seine Gutmütigkeit mehr und
mehr hervor, und er versuchte nun, ihn zum Spielen zu veranlassen. Zu
diesem Zwecke brachte er seine Kugel herbei, hob sie hoch empor, wie
um sie zu zeigen, rollte sie dann umher und blickte immer dazwischen
triumphierend nach dem Spiegel. Dann holte er ein Blatt Papier,
streckte es, soweit er konnte, jenem entgegen und bewegte es hin und
her, wie wir zu tun pflegen, um in ähnlichen Fällen die Aufmerksamkeit
eines Kindes zu erregen. ~Daß er in dem Spiegelbilde sich selbst
erkannt habe, war nicht nachweisbar, denn er machte keinerlei
Bewegungen und Grimassen, die doch wohl nicht ausgeblieben sein würden,
wenn ihm die Bedeutung jener Erscheinung klar geworden wäre. Es ist
dies um so erstaunlicher, als er die anwesenden Personen im Spiegel
sah und erkannte, denn er fixierte sie zeitweise im Bilde und blickte
sich dann nach ihnen um, als wolle er sich versichern, daß sie auch in
Wirklichkeit da seien.~«
»Da ich fürchtete, daß er sich zu sehr in das Spiel mit dem
vermeintlichen Kameraden vertiefen und diesen später schmerzlich
vermissen würde, ließ ich den Spiegel wegnehmen. Hatte ihm dessen
plötzliches Erscheinen zu denken gegeben, so war dies mit dem
Verschwinden des Glases nicht minder der Fall. Überrascht betrachtete
er die Stelle der Wand, an welcher ihm soeben eine neue Welt erschienen
war, und näherte sich derselben so weit als tunlich, als wolle er
sich ganz genau überzeugen, ob denn wirklich nichts mehr von alledem
vorhanden sei. Er stieg auf den Baum, kletterte an den Wänden des
Käfigs empor und suchte so von den verschiedensten Standpunkten
die merkwürdige Stelle zu prüfen. Noch eine Zeitlang hielt er sich
schwebend zwischen Sprungseil und Strickleiter, stets die Wand
betrachtend, als ob er immer noch über die gemachte Wahrnehmung
grübelte, bis er endlich sich in der Gegenwart wieder zurechtfand und
sein gewöhnliches Treiben begann.« --
Diesen durchaus sachlichen Berichten eines Fachmanns wird der geneigte
Leser doch unbedingt Glauben schenken.
Auch ~Garner~, der Verfasser des bekannten Buches: »Die Sprache
der Affen« kommt zu demselben Ergebnis. Er berichtet nämlich über
seine Beobachtungen auf diesem Gebiete folgendes (in der deutschen
Übersetzung von Professor ~Marshall~): »Ich habe schon verschiedentlich
des Gebrauches, den ich bei meinen Experimenten von dem Spiegel zu
machen pflegte, gedacht, aber ich habe noch nicht beschrieben,
welchen Einfluß er auf verschiedene Affen ausübt. Zunächst ist dieser
Einfluß auf ein und dasselbe Affenindividuum nicht zu jeder Zeit der
gleiche, noch wirkt er auf alle Affenindividuen derselben Art genau
auf die nämliche Weise, und daher ist es mir nicht möglich, aus meinen
Versuchen ein Bild davon zu entwerfen, wie jede Spezies sich im
allgemeinen vor dem Spiegel benimmt.«
»Als Puck -- ein Kapuzineraffe, wie die meisten andern Affen,
die Garner anführt -- sich im Spiegel erblickte, hielt er sein
Bild unzweifelhaft für einen anderen Affen, mit dem er sich
viel ungezwungener unterhielt als mit den aus dem Phonographen
herausschallenden Tönen. Oft fing er an, das Bild zu hätscheln und
ihm Beweise von Freundschaft zu geben, dabei war er aber doch recht
schüchtern und zurückhaltend.«
»Nellie schnatterte gegen ihr Konterfei im Spiegel und konnte es
offenbar gar nicht satt bekommen, das schöne Äffchen, das sie da sah,
zu betrachten, und ich glaube nicht, daß ihre Zuneigung in diesem
Falle auf weibliche Eitelkeit zurückgeführt werden kann. Ich glaube
auch nicht, daß sie jemals dahinter kam, wo dieser Affe eigentlich zu
suchen sei, sie drehte aber den Spiegel den Tag über so oft um, daß man
deutlich sah, sie gäbe die Hoffnung nicht auf, ihn endlich doch noch zu
finden.«
»Ich zerbrach einmal zufällig einen kleinen Spiegel neben dem Käfige
eines Grünaffen. Das Glas war in viele kleine Stückchen zerschmettert.
Im Nu hatte der Affe einen Arm durch das Gitter hindurchgezwängt, das
größte Stück ergriffen und es sich angeeignet, bevor ich nur seine
Absicht noch recht bemerkt hatte. Das Stück war etwa 2,5 +cm+
breit und 4 +cm+ lang. Er warf einen Blick auf sein Abbild in
demselben, und sein Benehmen war dabei toller, als ich es bei irgend
einer Gelegenheit von irgend einem Affen sonst gesehen habe. Er
guckte in das Stückchen Spiegelglas, das er für ein Loch in einer
Art Scheidewand zu halten schien, die ihn von einem anderen Affen
trennte. Dann hielt er es in Armslänge von sich, legte es auf den
Boden, drückte es an die Wand und drehte und wendete sich in alle
möglichen Lagen und Richtungen, um den geheimnisvollen Affen an der
andern Seite von einer ihm unbegreiflichen Sache betrachten zu können.
Wenn er das Glasstückchen umdrehte, schien er noch verblüffter zu
sein und sprang manchmal hoch in die Höhe und drehte sich um und um,
als ob er dadurch des Rätsels Lösung zu finden hoffte. Dann wendete er
sich die spiegelnde Seite wieder zu und schnitt wieder seine Gesichter
wie vorher. Manchmal, wenn er das Glas an die Wand drückte, brachte
er sein Auge so nahe daran, als ob er durch ein Loch in der Mauer
gucken wollte. Ich gab mir eine Zeitlang vergebliche Mühe, ihm das
Spiegelstückchen wieder abzunehmen, weil ich fürchtete, er könne sich
daran verletzen, bis es mir endlich nach vielen Mühen und nicht ohne
Hilfe des Wärters gelang.«
»Mc Ginty versuchte stets das Original des Bildes hinter dem Spiegel zu
finden. Er streckte seine kleine schwarze Hand so weit dahinter, wie
er nur konnte, guckte über und unter dasselbe, klopfte an das Glas mit
dem Finger, küßte und streichelte es und grinste hinein mit unendlichem
Vergnügen. Oft drehte er es um, um die Rückseite zu betrachten, und
wenn er da immer noch keinen Affen fand, riß er die Augen mit dem
größten Erstaunen weit auf und stieß einen Ton aus, der mich stets an
den eines kleineren Kindes erinnerte, das unter ähnlichen Umständen,
z. B. wenn man vielleicht etwas im Scherz vor ihm versteckt hat, und
es glaubt, es sei verloren gegangen, ausruft: ›fott, is fott!‹ Dann
kehrte er den Spiegel wieder rasch um, als ob ihm auf einmal ein
Gedanke gekommen sei, und wenn er nun das Bild wieder fand, lachte und
schnatterte er, guckte und klopfte an das Glas, als ob er sagen wollte:
›Hei, da ist es, da ist es.‹ Aber niemals lernte er es, so wenig wie
irgend ein anderer seiner Sippe, begreifen, wo nun eigentlich der Affe
stecke, nach dem er hinter dem Spiegel vergeblich Ausschau hielt.«