Ein seltsames Vorkommnis. Am Sonntag, den 28. Februar, mittags gegen

12 Uhr, ging ich an meinem Waldrande entlang. Etwa 150 bis 200 Gänge

vor mir stand auf dem Roggenschlage eine Ricke mit zwei Schmalrehen;

die Rehe ließen sich, da hier sehr vertraut, gar nicht durch meine

Anwesenheit stören. Ich blieb stehen, um sie zu beobachten. In diesem

Augenblicke strich vom Walde her eine Krähe über mir fort. Schleunigst

das Gewehr von der Schulter gerissen und Dampf auf die Graue gemacht!

Es war sehr hoch. Entschieden hatte die Krähe aber etwas abbekommen;

sie strich in der Richtung auf die Rehe weiter. Ich beobachtete sie,

gleichzeitig sah ich aber auch, daß die drei Rehe nach mir hinäugten.

Plötzlich verendete die Krähe hoch oben in der Luft und fiel gerade

zwischen die Rehe, und zwar unmittelbar neben dem einen Schmalreh kam

sie zur Erde. Nun geschah etwas ganz Unerwartetes. Das eine Schmalreh

war zur Erde gestürzt und lag regungslos. Die Ricke aber und das andere

Schmalreh machten einen riesigen »Schlußsprung auf der Stelle«, blieben

dann mit vorgestreckten Köpfen stehen und äugten entweder die Krähe

oder das liegende Schmalreh an. Nach etwa einer Minute -- solange

dauerte die Erstarrung, wie ich es nennen möchte, -- kam das Schmalreh

auf die Läufe, und alle drei Rehe nahmen den Waldsaum an, und zwar mit

langen Fluchten. Auf etwa zwei Schritte vor mir wechselten sie in den

Wald. Was mag nun wohl die Ursache gewesen sein, daß das eine Schmalreh

zur Erde stürzte? Was war ferner wohl die Ursache, daß mich die Rehe,

nachdem sie mich doch kurz vorher angeäugt hatten, gewissermaßen

annahmen? Vielleicht hat einer der Weidgenossen schon etwas Ähnliches

erlebt und erzählt es uns.

Nach unsern Ausführungen dürfte die Erklärung nicht schwer sein.

Auch das Reh ist ein fliehender Pflanzenfresser, und seine Vorfahren

sind bei uns jahrtausendelang in steter Angst gewesen, daß sie ein

Luchs oder ein Wolf plötzlich überfällt. Selbst Reineke soll sich an

lagernde Rehe wagen. So begreift man denn, daß jeder ungeahnte Fall

eines Körpers ein Reh aufs äußerste erschrecken kann. Diese große Angst

hat sie auch veranlaßt, auf den Beobachter zuzulaufen. Aus demselben

Grunde sind auch unsere Stubenvögel bei jeder plötzlichen Bewegung der

Hand sehr erschrocken. Auch sie wissen zu gut aus Erfahrung, daß in

der Freiheit die kleinen Schleichraubtiere, wie Katzen, Marder, Iltis,

Wiesel usw., beständig einen Überfall gegen sie planen.

Wie anders benimmt sich ein wehrhafter Pflanzenfresser, z. B. ein

Stier, gegen seine Feinde. ~v. Wißmann~ schildert z. B. folgenden

Vorfall, den er mit seinem Reitstier in Afrika erlebte: Er war ein

mutiges Tier, das die Witterung keines großen Wildes aus der Fassung

brachte. Hatte er sich doch einmal losgerissen und, bei Nacht aus dem

Lager ins Freie stürmend und in einen dicken Busch einbrechend, nach

der Fährte zu rechnen, einen sehr starken Leoparden oder eine Löwin

unter wütendem Gebrüll in die Flucht geschlagen.

Unser Ergebnis ist also folgendes: Keines von unsern Haustieren ist

nervös, soweit es sich nicht um kranke, verzärtelte oder überzüchtete

Exemplare handelt, Rind und Schwein nicht einmal furchtsam. Pferd

und Zebra bekunden jedoch die ihnen durch Jahrtausende eingeprägte,

durchaus berechtigte Furcht vor einem Überfall durch Schleichraubtiere.

Gibt es Tiere, die sich spiegeln?

Mancher Leser wird staunen, daß die Frage, ob es Tiere gibt, die sich

spiegeln, überhaupt aufgeworfen werden kann. Er wird darauf hinweisen,

daß z. B. in unzähligen Schaufenstern Bilder zu erblicken sind, auf

denen ein Dachshund sich wohlgefällig in dem Spiegel beschaut, als

wollte er sagen: Bin ich nicht ein schöner Kerl? Wie könnten unsere

Künstler etwas durch Pinsel oder Stift wiedergeben, wenn es nicht in

Wirklichkeit vorkäme? Sind doch gerade Maler als vorzügliche Beobachter

bekannt!

Diese Anschauung, daß Tiere sich spiegeln, wird so allgemein als

Tatsache aufgefaßt, daß man selbst in Fachblättern diesen Vorgang als

etwas Selbstverständliches betrachtet.

Gerade der Umstand, daß kürzlich in einer naturwissenschaftlichen

Zeitschrift ein Bericht über ein Sichspiegeln der Tiere enthalten war,

veranlaßt mich, diesen allgemein verbreiteten Irrtum etwas näher zu

beleuchten.

In der betreffenden Zeitschrift schilderte nämlich eine Tierfreundin

das allerliebste Verhalten der Vögel, namentlich der Meisen, denen sie

Futter streute. Es heißt dort:

»Von der eitlen Kohlmeise.«

»Wenn ich in meinem Schlafzimmer die Balkontür öffne, so dauert

es nicht lange, und auf der Türschwelle erscheint eine prächtig

gezeichnete Kohlmeise. Ich gehe dann in das Nebenzimmer und beobachte

von dort den kleinen Eindringling. Der hüpft von der Schwelle auf

einen Stuhl und von da -- auf den Toilettentisch. ~Vor einen

kleinen Stehspiegel setzt sich die Kohlmeise zuerst und betrachtet

sich darin mit sichtbarem Wohlgefallen.~ Ich kann es ihr auch

gar nicht verdenken; sie kann wohl zufrieden mit dem Bilde sein,

das ihr der Spiegel zeigt. Dunkelbraune Augen, schneeweiße Wangen,

glänzend tiefschwarzes Haar und eine schön schwefelgelbe Brust, darauf

ein breiter schwarzer Streifen -- wer vermag ähnliche Schönheiten

aufzuweisen? -- Hat sie sich in dem kleinen Spiegel sattgesehen, so

fliegt sie auf den größeren, am Toilettentisch angebrachten Spiegel,

turnt auf dem geschnitzten Holzrahmen herum, spiegelt sich, singt,

flattert gegen das Glas und pickt nach ihrem Spiegelbilde. Verspürt

die Meise Appetit, so knabbert sie an den Stearinkerzen herum, die

zu beiden Seiten des Spiegels stehen. Zur Abwechslung werden dann

auch all die kleinen Gegenstände, die auf einem Putztisch ihren Platz

zu haben pflegen, wie: Nadelkissen, Schmuckschale u. a. betrachtet

und untersucht. Darauf spiegelt sie sich wieder und ich -- hab'

dann meistens keine Zeit mehr, länger zuzugucken und verlasse meinen

Lauscherposten.«

»Sehe ich nach einem halben Stündchen wieder nach, was das kleine

gefiederte Äffchen treibt, so sehe ich es immer noch vergnügt vor den

Spiegeln umherhüpfen, bis es durch mein Näherkommen erschreckt zur Türe

hinausfliegt. Lange dauert es aber nicht, so lugt mein Meischen wieder

vorsichtig von draußen herein, und sieht es niemand im Zimmer, so

beginnt das lustige Treiben von neuem.«

Hat die Dame etwa die Unwahrheit berichtet? Keineswegs. Ich glaube

ohne weiteres, daß die Meise -- wie es ja jeder Kanarienvogel tut

-- im Spiegel ihr Bild erblickt hat. ~Nur daß die Vögel sich

gespiegelt d. h. ihr Bild als solches erkannt haben, bestreite ich mit

Entschiedenheit.~

Beruht bei den Vögeln der Irrtum lediglich darin, daß ein wirklicher

Vorgang falsch gedeutet ist, so ist die Spiegelung des Dachshundes

durchaus ein Produkt der Phantasie. Ich möchte den Leser sehen, der

einen sich spiegelnden Dachshund jemals in seinem Leben erblickt hat.

Woher das kommt, habe ich an anderer Stelle ausführlich dargetan. Hier

seien ganz kurz die Gründe angegeben.

Ich setze den Inhalt meines Buches: »Ist das Tier unvernünftig?« als

bekannt voraus, namentlich den Unterschied zwischen Sehgeschöpfen und

Nasentieren. Hier möchte ich folgende allgemeine Bemerkungen über

diesen Punkt machen.

Der Mensch hat seinen Grundsinn in den Augen, er hütet etwas wie einen

Augapfel ist eine durchaus treffende Bezeichnung. Das ist jedoch nicht

bei allen Geschöpfen der Fall. Zahllose Tiere z. B. Hunde, Füchse,

Pferde, Rinder usw. haben ihren Grundsinn in der Nase. Deshalb sind

Pferde und Hunde noch gebrauchsfähig, wenn sie erblindet sind, denn die

Augen spielen bei ihnen nur eine untergeordnete Rolle. Sehgeschöpfe wie

der Mensch sind noch Affen, Vögel, Katzen usw.

Es ist nun ganz einleuchtend, daß der Spiegel nur einem ~Augen~tier

etwas sagen kann. Für ein Tier, das sich nach der Nase richtet, ist

er ein ganz unverständlicher Gegenstand. Gerade bei Hunden kann man

das deutlich betrachten. Eine Dogge wurde kürzlich in einen Salon

geführt, in dem ein großer Spiegel stand. Von fern erblickte sie ihr

Spiegelbild, fletschte die Zähne, sträubte die Haare und ging auf den

Spiegel zu. In der Nähe roch sie, merkte nichts von einem andern Hunde

und kümmerte sich nun nicht weiter um den Spiegel.

Affen dagegen, die sich wie der Mensch nach den Augen richten, sind

rein verliebt in Spiegel. Ich habe manchmal im Zoologischen Garten nur

mit Not und Mühe einen Taschenspiegel von ihnen wiedererhalten können.

Vögel sind auch Sehgeschöpfe, und deshalb ist es ganz naturgemäß, daß

der Spiegel auf sie großen Eindruck macht.

Die Hunde richten sich fast ausnahmslos nach der Nase, namentlich ist

der Dachshund ein ausgezeichnetes Nasentier. Ein sich spiegelnder

Dachshund ist also ein Unding. Die einzigen Hunderassen, die bessere

Augen, dafür auch eine schlechtere Nase besitzen, sind Windhunde und

Schäferhunde. Bei ihnen ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß

sie der Spiegel ebenso interessiert wie Affen und Vögel.

Nur die Tiere, die Sehgeschöpfe sind, können also einem Spiegel in der

Nähe Beachtung schenken. Wenn sie das tun, wie vorhin die Meise, so

schließen wir Kulturmenschen sofort, daß das Tier sich spiegele. Das

Tier sieht im Spiegel ein anderes Geschöpf seiner Art -- woher soll es

nun wissen, daß es selbst so aussieht?

Daß hier ein folgenschwerer Irrtum vorliegt, wenn man ein Sichspiegeln

annimmt, kann in der einfachsten Weise bewiesen werden.

Zunächst berichten unzählige Reisende von wilden Völkern, daß, wenn man

einem Naturmenschen einen Spiegel vorhält, er stets glaubt, die von ihm

geschaute Person sei ein anderer Wilder. Woher soll er auch wissen, daß

er es selbst ist?

Sodann kann man die Wahrheit dieser Berichte in überzeugender Weise

an unsern Kindern erproben. Das zweijährige, sonst recht intelligente

Töchterchen meines Freundes behauptete immer wieder, wenn es in den

Spiegel sah, das wäre seine Freundin Anna, die ihm allerdings recht

ähnlich sah.

Bei den Tieren ist die Annahme, es sei ein ~fremdes~ gleichartiges

Geschöpf, deshalb unverkennbar, weil diejenigen, die ihresgleichen

wütend bekämpfen, genau dieselben Bewegungen machen, als wollten sie

sich auf den Feind stürzen. Doggen kämpfen gern miteinander, und

deshalb fletschte die vorhin erwähnte Dogge ihre Zähne und sträubte ihr

Haar.

Raubvögel bekämpfen Artgenossen wütend, deshalb nehmen sie vor dem

Spiegel eine kampfbereite Stellung ein.

Lerchen sind so eifersüchtig auf ihresgleichen, daß man mit Hilfe von

Lerchenspiegeln unzählige schießt.

Herdentiere wie Affen sehen ihresgleichen sehr gern. Affen haben

gewisse Bewegungen, die eine Begrüßung andeuten. Diese machen sie mit

Vorliebe vor einem Spiegel, woraus man sieht, daß sie einen fremden

Affen vor sich zu haben glauben.

Auch die Meisen leben sehr gern gesellig, und nun verstehen wir,

weshalb die vorhin geschilderte Meise so gern in den Spiegel sah.

Doch ich befürchte, daß der geneigte Leser meinen Darlegungen nicht

völligen Glauben schenken wird. Ich will mich deshalb auf den

ausführlichen Bericht eines Fachmannes berufen. Der Direktor des

zoologischen Gartens zu Frankfurt a. M., +Dr.+ ~Schmidt~,

hat eingehende Beobachtungen mit einem Orang-Utan und einem Spiegel

angestellt, von deren Schilderungen hier einige Stellen folgen mögen.

Um zunächst den Verdacht zu zerstreuen, daß der Affe vielleicht ein

ungewöhnlich stupides Exemplar gewesen sei, mögen hier von seinen

Spielereien folgende erwähnt werden:

»Ein Fangbecher, das bekannte Spielzeug, welchen jemand für den Orang

mitgebracht hatte, wurde unter sorgfältiger Überwachung dem Tiere

überlassen. Vermochte ihn dasselbe auch nicht seiner eigentlichen

Bestimmung gemäß zu verwenden, so bereitete er ihm doch großes

Vergnügen und mannigfaltige Unterhaltung. So war es dem Affen offenbar

sehr merkwürdig, daß der hölzerne Ball so schön in den Becher paßte,

und er legte ihn oftmals hinein, um ihn im nächsten Moment wieder

herauszuwerfen. Die Schnur, welche beide Stücke verband, war als

zu störend bald abgerissen worden, dagegen hatte der Orang die

Wahrnehmung gemacht, daß der Becher, wenn man ihn ans Ohr hält, ein

brausendes Geräusch hören läßt, wie dies bei derartigen hohlen Körpern

stets der Fall ist. Er machte sich seitdem öfter das Vergnügen, dieses

Rauschen zu hören, dem er mit sichtlichem Behagen lauschte. Eines

Tages hatte er aus einem halben Milchbrot die Krumen herausgebohrt und

entdeckte in der ausgehöhlten Kruste offenbar eine gewisse Ähnlichkeit

mit dem Fangbecher, denn er hielt sie plötzlich aufmerksam horchend ans

Ohr. Als der erwartete Ton ausblieb, beeilte er sich, den Brotrest zu

verspeisen.«

»In dem Stiel des Fangbechers, der am Ende etwas zugespitzt ist, damit

die Kugel auf denselben gesteckt werden kann, erkannte unser Tier

alsbald ein sehr brauchbares Werkzeug und war überrascht über die

Wirkung, welche sich mit demselben erzielen ließ, wenn man es als Hebel

benützte. Auf diese Weise wurde alsbald eine kleine Vertiefung in dem

Kalkbewurf des Zimmers in eine recht ansehnliche Grube umgewandelt und

der Stuhlsitz schwer beschädigt, indem der Orang die Spitze des Holzes

in die Öffnungen des Geflechtes schob und dann das entgegengesetzte

Ende niederdrückte, wodurch es ihm gelang, einige Rohrstreifen zu

sprengen. Das gemeinschädliche Werkzeug wurde nun weggenommen, aber der

Stuhl war durch die Beschädigung des Sitzes nur um so interessanter

geworden. Es gelang nämlich, zuweilen einen der Rohrstreifen

herauszulösen, und dann freute sich der Orang über dessen Länge und

dehnte ihn mit über den Kopf emporgehobenen Händen möglichst aus. Auf

diese Weise entstand nach kurzer Zeit ein Loch in dem Geflecht, welches

nun wieder zu manchen Studien Anlaß wurde. Bald wurde ein Arm, bald ein

Bein hindurchgeschoben, bald wurde es als Schießscharte benützt, aus

welcher die Kugeln und anderes Spielzeug herausgeschleudert wurden,

oder es diente als Guckfenster, aus welchem das altkluge Gesicht des

Orang äußerst possierlich hervorlugte.«

Dumm ist der Affe sicherlich nicht, wenn er an einem hohlen Gegenstande

zu horchen versucht, und einen Stiel als Hebel zu benutzen versteht --

im Gegenteil, man muß das für ein Zeichen außerordentlicher Intelligenz

halten. Hören wir nun, wie sich derselbe Orang-Utan einem Spiegel

gegenüber benahm:

»Um zu sehen, was der Orang wohl machen würde, wenn man ihm sein

Bild im Spiegel zeigte, ließ ich einen solchen in das Zimmer bringen

und denselben, nachdem man ihn verdeckt getragen hatte, plötzlich

in einiger Entfernung von dem Käfig aufstellen, so daß ihn das Tier

nicht mit den Händen erreichen konnte. Das Glas war groß genug, um den

Affen in ganzer Figur und außerdem einen Teil der Umgebung zu zeigen.

Er saß auf seinem Baume und blickte ruhig den fremden Gegenstand

an, der nun aufrecht an die Wand gelehnt wurde. Ruhig begann er

herabzusteigen, um sich die Sache näher zu betrachten, und als er nun

den Käfig sich spiegeln sah, ohne noch seine eigene Gestalt bemerken

zu können, hielt er im Klettern inne, als dächte er darüber nach,

wie seine gewohnte Umgebung sich so plötzlich habe verändern können.

Aber die Neugierde überwog und er stieg auf den Boden herab. Ich

fühlte mich fast versucht, anstatt des Ausdrucks ›Neugierde‹ das Wort

›Wißbegierde‹ zu setzen, besonders wenn ich das Benehmen des Orangs

in diesem Falle mit dem anderer Affen unter ähnlichen Verhältnissen

vergleiche. Da fand sich nicht diese Hast und Unruhe, die sich durch

Hin- und Herfahren, durch Töne und Grimassen der verschiedensten Art

bei Pavianen, Meerkatzen usw. auszudrücken pflegt, sondern ruhig und

gemessen, mit ernstem, sinnendem Gesichtsausdrucke, den Spiegel fest im

Auge behaltend, stieg der Orang auf die dem Glase gegenüber befindliche

Stelle seines Käfigs zu.«

»Aber -- welches Entsetzen -- dort blickte ihm ja eine fremde Gestalt

entgegen, die ihm einen sehr unheimlichen Eindruck machen mußte, denn

rasch drehte er um, sträubte das Haar, schob die Unterlippe etwas

vor, wodurch sein Gesicht einen ungemein verdrossenen Ausdruck bekam

und beeilte sich, an das entgegengesetzte Ende seines Behälters zu

gelangen. Es gereichte ihm offenbar zu großer Beruhigung, daß ihm der

vermeintliche Eindringling nicht folgte, und nachdem er überlegend

eine Zeitlang nach dem Spiegel geblickt hatte, faßte er sich ein Herz

und marschierte nochmals dorthin, um sich die Sache näher anzusehen.

Noch einige Male hielt sein Mut nicht stand, und furchtsam trat er den

Rückweg an, bald aber hatte er sich überzeugt, daß eine Gefahr nicht

vorhanden sei, und er setzte sich nun vor den Spiegel hin, um sein

Gegenüber zu betrachten. Daß dieses sich ebenfalls ruhig verhielt,

machte ihn dreist, und bald wagte er, den vermeintlichen Feind, den er

noch vor wenigen Minuten sehr gefürchtet hatte, herauszufordern. Dies

geschah aber keineswegs in der tierischen Weise, wie bei anderen Affen,

welche in diesem Falle rückende Bewegungen machen, schreien u. dgl.,

sondern er bediente sich eines weit menschlicheren Verfahrens, um jenem

seine Nichtachtung auszudrücken, indem er nach ihm spuckte.«

»Natürlich blieben die Geschosse wirkungslos, der andere schritt nicht

zum Angriff, und es mußte ihm mit einem kräftigeren Mittel zu Leibe

gerückt werden. Der harmlose hölzerne Hammer wurde zum Streithammer

und flog alsbald wuchtig nach dem Gegner. Da aber der Orang dieses

Schleudern nicht mit den Armgelenken, sondern mittels einer rotierenden

Bewegung des Handgelenkes ausführte, wahrscheinlich, weil er dabei den

Arm zwischen den Gitterstäben herausstrecken mußte, so verfehlte das

Werkzeug jedesmal sein Ziel und fiel seitlich nieder. Einigemale gelang

es dem Tiere, den Hammer senkrecht emporzuwerfen, was ihm offenbar

große Freude machte, die man deutlich aus seinem, trotz der kritischen

Situation, vergnüglich schmunzelnden Gesichtsausdrucke erkannte.

Natürlich hatte er alsbald die Unzweckmäßigkeit seines Verfahrens

begriffen und fand nun in einigen Brotresten, die von seinem, durch

Aufstellen des Spiegels unterbrochenen Frühmahle noch übrig waren, ein

leichter zu handhabendes Wurfgeschoß, welches dann auch sofort dem

Gegenüber an den Kopf flog.«

»Bewegte man während dieser Vorgänge den Spiegel langsam gegen den

Käfig, so daß das Spiegelbild sich zu nähern schien, so verwandelte

sich die Stimmung unseres Tieres sofort, und mit dem Ausdruck größter

Besorgnis begab er sich schleunigst auf die Flucht, sowie aber der

Spiegel wieder zur Ruhe gekommen war, beeilte sich der Affe, mit seinem

Gegenüber aufs neue anzubinden. In dem Maße, als er sich überzeugte,

daß ihm von jenem keine Gefahr drohe, trat seine Gutmütigkeit mehr und

mehr hervor, und er versuchte nun, ihn zum Spielen zu veranlassen. Zu

diesem Zwecke brachte er seine Kugel herbei, hob sie hoch empor, wie

um sie zu zeigen, rollte sie dann umher und blickte immer dazwischen

triumphierend nach dem Spiegel. Dann holte er ein Blatt Papier,

streckte es, soweit er konnte, jenem entgegen und bewegte es hin und

her, wie wir zu tun pflegen, um in ähnlichen Fällen die Aufmerksamkeit

eines Kindes zu erregen. ~Daß er in dem Spiegelbilde sich selbst

erkannt habe, war nicht nachweisbar, denn er machte keinerlei

Bewegungen und Grimassen, die doch wohl nicht ausgeblieben sein würden,

wenn ihm die Bedeutung jener Erscheinung klar geworden wäre. Es ist

dies um so erstaunlicher, als er die anwesenden Personen im Spiegel

sah und erkannte, denn er fixierte sie zeitweise im Bilde und blickte

sich dann nach ihnen um, als wolle er sich versichern, daß sie auch in

Wirklichkeit da seien.~«

»Da ich fürchtete, daß er sich zu sehr in das Spiel mit dem

vermeintlichen Kameraden vertiefen und diesen später schmerzlich

vermissen würde, ließ ich den Spiegel wegnehmen. Hatte ihm dessen

plötzliches Erscheinen zu denken gegeben, so war dies mit dem

Verschwinden des Glases nicht minder der Fall. Überrascht betrachtete

er die Stelle der Wand, an welcher ihm soeben eine neue Welt erschienen

war, und näherte sich derselben so weit als tunlich, als wolle er

sich ganz genau überzeugen, ob denn wirklich nichts mehr von alledem

vorhanden sei. Er stieg auf den Baum, kletterte an den Wänden des

Käfigs empor und suchte so von den verschiedensten Standpunkten

die merkwürdige Stelle zu prüfen. Noch eine Zeitlang hielt er sich

schwebend zwischen Sprungseil und Strickleiter, stets die Wand

betrachtend, als ob er immer noch über die gemachte Wahrnehmung

grübelte, bis er endlich sich in der Gegenwart wieder zurechtfand und

sein gewöhnliches Treiben begann.« --

Diesen durchaus sachlichen Berichten eines Fachmanns wird der geneigte

Leser doch unbedingt Glauben schenken.

Auch ~Garner~, der Verfasser des bekannten Buches: »Die Sprache

der Affen« kommt zu demselben Ergebnis. Er berichtet nämlich über

seine Beobachtungen auf diesem Gebiete folgendes (in der deutschen

Übersetzung von Professor ~Marshall~): »Ich habe schon verschiedentlich

des Gebrauches, den ich bei meinen Experimenten von dem Spiegel zu

machen pflegte, gedacht, aber ich habe noch nicht beschrieben,

welchen Einfluß er auf verschiedene Affen ausübt. Zunächst ist dieser

Einfluß auf ein und dasselbe Affenindividuum nicht zu jeder Zeit der

gleiche, noch wirkt er auf alle Affenindividuen derselben Art genau

auf die nämliche Weise, und daher ist es mir nicht möglich, aus meinen

Versuchen ein Bild davon zu entwerfen, wie jede Spezies sich im

allgemeinen vor dem Spiegel benimmt.«

»Als Puck -- ein Kapuzineraffe, wie die meisten andern Affen,

die Garner anführt -- sich im Spiegel erblickte, hielt er sein

Bild unzweifelhaft für einen anderen Affen, mit dem er sich

viel ungezwungener unterhielt als mit den aus dem Phonographen

herausschallenden Tönen. Oft fing er an, das Bild zu hätscheln und

ihm Beweise von Freundschaft zu geben, dabei war er aber doch recht

schüchtern und zurückhaltend.«

»Nellie schnatterte gegen ihr Konterfei im Spiegel und konnte es

offenbar gar nicht satt bekommen, das schöne Äffchen, das sie da sah,

zu betrachten, und ich glaube nicht, daß ihre Zuneigung in diesem

Falle auf weibliche Eitelkeit zurückgeführt werden kann. Ich glaube

auch nicht, daß sie jemals dahinter kam, wo dieser Affe eigentlich zu

suchen sei, sie drehte aber den Spiegel den Tag über so oft um, daß man

deutlich sah, sie gäbe die Hoffnung nicht auf, ihn endlich doch noch zu

finden.«

»Ich zerbrach einmal zufällig einen kleinen Spiegel neben dem Käfige

eines Grünaffen. Das Glas war in viele kleine Stückchen zerschmettert.

Im Nu hatte der Affe einen Arm durch das Gitter hindurchgezwängt, das

größte Stück ergriffen und es sich angeeignet, bevor ich nur seine

Absicht noch recht bemerkt hatte. Das Stück war etwa 2,5 +cm+

breit und 4 +cm+ lang. Er warf einen Blick auf sein Abbild in

demselben, und sein Benehmen war dabei toller, als ich es bei irgend

einer Gelegenheit von irgend einem Affen sonst gesehen habe. Er

guckte in das Stückchen Spiegelglas, das er für ein Loch in einer

Art Scheidewand zu halten schien, die ihn von einem anderen Affen

trennte. Dann hielt er es in Armslänge von sich, legte es auf den

Boden, drückte es an die Wand und drehte und wendete sich in alle

möglichen Lagen und Richtungen, um den geheimnisvollen Affen an der

andern Seite von einer ihm unbegreiflichen Sache betrachten zu können.

Wenn er das Glasstückchen umdrehte, schien er noch verblüffter zu

sein und sprang manchmal hoch in die Höhe und drehte sich um und um,

als ob er dadurch des Rätsels Lösung zu finden hoffte. Dann wendete er

sich die spiegelnde Seite wieder zu und schnitt wieder seine Gesichter

wie vorher. Manchmal, wenn er das Glas an die Wand drückte, brachte

er sein Auge so nahe daran, als ob er durch ein Loch in der Mauer

gucken wollte. Ich gab mir eine Zeitlang vergebliche Mühe, ihm das

Spiegelstückchen wieder abzunehmen, weil ich fürchtete, er könne sich

daran verletzen, bis es mir endlich nach vielen Mühen und nicht ohne

Hilfe des Wärters gelang.«

»Mc Ginty versuchte stets das Original des Bildes hinter dem Spiegel zu

finden. Er streckte seine kleine schwarze Hand so weit dahinter, wie

er nur konnte, guckte über und unter dasselbe, klopfte an das Glas mit

dem Finger, küßte und streichelte es und grinste hinein mit unendlichem

Vergnügen. Oft drehte er es um, um die Rückseite zu betrachten, und

wenn er da immer noch keinen Affen fand, riß er die Augen mit dem

größten Erstaunen weit auf und stieß einen Ton aus, der mich stets an

den eines kleineren Kindes erinnerte, das unter ähnlichen Umständen,

z. B. wenn man vielleicht etwas im Scherz vor ihm versteckt hat, und

es glaubt, es sei verloren gegangen, ausruft: ›fott, is fott!‹ Dann

kehrte er den Spiegel wieder rasch um, als ob ihm auf einmal ein

Gedanke gekommen sei, und wenn er nun das Bild wieder fand, lachte und

schnatterte er, guckte und klopfte an das Glas, als ob er sagen wollte:

›Hei, da ist es, da ist es.‹ Aber niemals lernte er es, so wenig wie

irgend ein anderer seiner Sippe, begreifen, wo nun eigentlich der Affe

stecke, nach dem er hinter dem Spiegel vergeblich Ausschau hielt.«

Straußenpolitik · 第 3 / 9 段