»Die Domestikation der Tiere kommt nicht allein durch die Macht des

Menschen zustande, wie man früher und auch noch ~Buffon~ geglaubt

hat, und namentlich ~Friedrich Cuvier~ hat erkannt, daß hierzu

Geselligkeit der Tiere kommen müsse, nur gesellig lebende Tiere kann

der Mensch domestizieren. Der Geselligkeitstrieb, den auch der Mensch

in ausgezeichnetem Grade besitzt, und der auch seinen wildesten

Stämmen nicht fehlt, hängt nicht von der Intelligenz ab, sondern kommt

bei dummen und sehr gescheiten Tieren vor. Auch führt ihn nicht die

Gewohnheit des Zusammenlebens der Familienmitglieder herbei; der Bär

lebt einsam, obwohl er seine Jungen so lange und zärtlich pflegt wie

der Hund. Die Aïnos, das sonderbare Volk von Yesso und den Kurilen,

fast so behaart als der Bär selbst, haben, weil er kein geselliges Tier

ist, vergeblich versucht, ihn zum Haustier zu erziehen und zum Reiten

zu benützen, haben vergeblich junge Bären von ihren Weibern säugen

lassen; es gelang nicht, und sie müssen ihn fortwährend an der Kette

halten, wie ~Witson~ berichtet. ~Fr. Cuvier~ unterschied drei

Zustände: erstens den der einsam lebenden Tiere: Katzen, Marder, Bären,

Hyänen; dann den Zustand der in Familien lebenden Tiere: Wölfe, Rehe

usw.; endlich die wahren Gesellschaften, wie sie bei Bibern, Affen,

Hunden, Robben, Pferden, Elefanten, Wiederkäuern und beim Menschen

selbst vorkommen; nur aus der letzten Kategorie hat der Mensch seine

wahren Haustiere erhalten. Der Mensch, meint ~Cuvier~, gelte

den Haustieren für ein Mitglied ihrer Gesellschaft, und seine ganze

Kunst bestehe darin, sich als Gesellschaftsmitglied einzureihen. Ist

er einmal ein solches geworden, so kann er dann leicht das Tier durch

seine höhere Intelligenz beherrschen. Das Schaf folgt dem Hirten, weil

es in ihm das Oberhaupt der Herde sieht. ~Buffon~ hatte behauptet,

der Mensch verändere bei der Zähmung das Naturell der Haustiere, was

~Cuvier~ bestritt, nach welchem der Mensch nur den natürlichen

Trieb benützt; er fand nämlich gesellige Tiere vor und knüpfte diese

an seine Familie. Demnach wäre die Domestikation nur eine Abänderung,

eine andere Form der Geselligkeit und eine bestimmte Folge des Triebes

zu letzterer. Die katzenartigen Tiere können deshalb nicht vollkommen

domestiziert, eigentlich familiarisiert werden, weil sie nicht gesellig

lebende Tiere sind. Die Fügsamkeit der Haustiere beruht nach ~F.

Cuviers~ und ~Dureau de la Malles~ Nachweisung auf der langen

Reihe von Generationen, seit welchen ihre Domestikation währt. Noch zur

Zeit des ~Plinius~ waren Pferde, Rindvieh, Geflügel halb wild.« --

Nur nebenbei sei bemerkt, daß diese letzte Behauptung ~Pertys~

etwas kühn erscheint. Kein Mensch kann aus den Schilderungen Homers

den Eindruck erhalten, daß die Rosse der Griechen und Trojaner halb

wild waren, und doch kämpften beide Völker ein Jahrtausend vor

~Plinius~. Die Erörterung anderer Irrtümer in nebensächlichen

Dingen -- z. B. daß Hyänen einzeln leben -- würde zu weit führen, da

uns hier nur das Prinzip interessiert.

Die Katze soll kein wahres Haustier sein. Diese Behauptung ist wohl nur

deshalb aufgestellt, weil fast alle Katzenarten allein leben, und die

ganze Theorie mit der alleinigen Domestikation der Herdentiere über den

Haufen stürzen würde, wenn man zugäbe, daß Hinz zu unsern Haustieren

gehöre. Ich habe ein andermal ausführlich dargetan, weshalb die

Katze uns ferner steht als der Hund. Hier seien kurz die Hauptgründe

angegeben.

Zunächst wird die Katze bei uns sehr schlecht behandelt, vielen

Menschen bereitet es ein Vergnügen, das »falsche« Geschöpf

totzuschlagen, wobei sie noch ein gutes Werk zu verrichten meinen,

weil sich Hexen nach dem Volksglauben in Katzen verwandeln sollen.

Sodann ist die Jagdmethode von Hinz und uns grundverschieden. Vermöge

seiner Kletterfähigkeit bevorzugt jener das Reich der höheren Regionen,

wohin wir ihm nicht zu folgen vermögen. Schließlich aber haben wir

selbst auf dem Erdboden grundverschiedene Methoden. Die Katze ist

ein Schleichraubtier, eine Terrainkünstlerin, die das Wild auf sich

zukommen läßt und dann plötzlich packt. Wir suchen unsere Beute auf.

Da der Hund es genau so macht wie wir, außerdem nicht klettern kann

und schließlich vermöge seiner ausgezeichneten Nase, die weder der

Mensch noch die Katze besitzt, Spuren findet, die uns völlig entgehen,

so ist er für uns als Jagdgehilfe wie geschaffen. Deshalb haben wir

uns die größte Mühe mit seiner Domestikation gegeben, während wir

die Katze links haben liegen lassen. Haben wir uns denn schon mit

der Zähmung anderer Katzenarten befaßt? Das ist kaum jemals einem

Menschen eingefallen. Dem scheuen Luchs hätte gewiß jeder die Fähigkeit

abgesprochen, daß er sich dem Menschen anschließe. Nun höre man, was

~Loewis~ von seinem zahmen Luchs Lucy erzählt: »Gewöhnlich spricht

man den Katzen die Fähigkeit und Eigentümlichkeit ab, sich an bestimmte

Personen zu gewöhnen, von denselben Befehle anzunehmen, ihnen Gehorsam

zu zollen. Mit welchem Rechte solches von der Hauskatze gilt, kommt

hier nicht in Betracht; daß aber der Luchs dem Menschen gegenüber sich

anders verhält, hat der von mir jung aufgezogene genügend dargetan. Er

hörte nur auf meines Bruders oder meine Stimme und bewies Zurückhaltung

und Achtung auch nur uns gegenüber. Fuhren wir beide auf einen Tag in

die Nachbarschaft, so konnte niemand Lucy bändigen; dann wehe jedem

unbedachten Huhn, jeder sorglosen Ente oder Gans! Beim Dunkelwerden

kletterte er auf das Dach des Wohnhauses, wo er, an einen Schornstein

gelehnt, seine Ruhe hielt. Rollte spät abends oder in der Nacht der

Wagen vor die Haustreppe, so war das Tier in einigen Sätzen vom

Hausdache hinab auf das der Treppe gesprungen; rief ich nun seinen

Namen, so schwang sich das anhängliche Geschöpf eilig an den Säulen

hinab und flog in weiten Bogensätzen mir an die Brust, seine starken

Vorderbeine um meinen Hals schlagend, laut schnurrend, mit dem Kopfe

nach Art der Katzen an mich sich stoßend und reibend, und folgte uns

sodann in die Stube, um auf dem Sofa, dem Bette oder am Ofen sein

Nachtlager aufzuschlagen. Mehrere Male teilte er mit uns das Lager,

und verursachte einmal seinem Herrn, quer über dessen Hals liegend,

beunruhigende Träume und Alpdrücken.«

Wie der Luchs, so lebt auch der Gepard oder Jagdleopard (Tschita)

allein, man sollte also meinen, daß die Grundlage der Domestikation,

die Zähmung, bei ihm sehr schwer fallen sollte. Das Gegenteil ist

aber der Fall. Durch einfache Abrichtung wird der Jagdleopard zu

einem trefflichen Jagdtier, welches in seiner Art dem Edelfalken kaum

nachsteht. In ganz Ostindien betrachtet man ihn allgemein als einen

geachteten Jagdgehilfen.

~Brehm~ hat selbst einen zahmen Geparden besessen und schreibt

über dieses interessante Tier: »~Daß die Zähmung nicht schwierig

sein kann, wird jedem klar, welcher einen Gepard in der Gefangenschaft

gesehen hat. Ich glaube nicht zu viel zu sagen, wenn ich behaupte, daß

es in der ganzen Katzenfamilie kein so gemütliches Geschöpf gibt wie

unsern Jagdleoparden und bezweifle~, daß irgend eine Wildkatze so

zahm wird wie er. Gemütlichkeit ist der Grundzug des Wesens unseres

Tieres. Dem angebundenen Gepard fällt es gar nicht ein, den leichten

Strick zu zerbeißen, an welchen man ihn gefesselt hat. Er denkt nie

daran, dem etwas zuleide zu tun, welcher sich mit ihm beschäftigt, und

man darf ohne Bedenken dreist zu ihm hingehen und ihn streicheln und

liebkosen. Scheinbar gleichmütig nimmt er solche Liebkosungen an, und

das Höchste, was man erlangen kann, ist, daß er etwas beschleunigter

spinnt als gewöhnlich. Ich besaß einen Gepard, welcher so zahm war, daß

ich ihn am Stricke herumführen und es dreist wagen durfte, mit ihm in

den Straßen zu lustwandeln.«

Auch ~Ernst Friedel~ erzählt, daß in Potsdam im Parke eines

königlichen Schlosses zwei zahme Geparden völlig frei umherliefen und

keinem Menschen etwas zuleide taten. Erst als mehrere Damen, die sie

für entsprungene Tiger hielten, in Ohnmacht gefallen waren, wurde ihnen

ihre Freiheit genommen. Kein Mensch kann hiernach zweifeln, daß man den

Geparden völlig zum Haustier machen könnte.

Umgekehrt seien einige Herdentiere auf ihre Zähmbarkeit betrachtet. Das

Zebra galt bisher als unzähmbar, es werden jetzt die ersten Versuche

gemacht. Den nordamerikanischen Bison wie den Kafferbüffel hat bisher

wohl niemand zu zähmen versucht, ebensowenig den Moschusochsen.

Den Strauß hält man, um ihn seiner Federn zu berauben, aber als

zahmes Haustier kann man ihn schwerlich bezeichnen. Dagegen wird

die gewöhnlich nicht in Herden, sondern in Familien lebende Giraffe

meistens sehr zahm. Von den in Herden lebenden größeren Affen wird

allenfalls der Schimpanse und von den Pavianen der Babuin als Haustier

gehalten. Die Zähmung des Hyänenhundes ist der Neuzeit noch nicht

gelungen, obwohl er eine vorzügliche Nase besitzen soll, ebensowenig

die des afrikanischen Elefanten, wenngleich die Karthager es verstanden

haben sollen. Dagegen hat man von einzeln lebenden Tieren bereits im

Altertum Löwen und Tiger gezähmt. Der ägyptische König ~Ramses der

Große~ kämpfte in Begleitung seines zahmen Löwen, der ihm die Feinde

niederreißen half. Der römische Kaiser ~Heliogabal~ spannte Löwen

und Tiger vor seinen Wagen, indem er sich mit der Göttin ~Cybele~

und mit dem Gotte ~Bacchus~ verglich.

In der Berliner Raubtierschule legt sich der Inspektor ~Havemann~

eine Leopardin wie einen Mantelkragen um den Hals. Auch wohl alle

bei uns allein lebenden Tiere, wie Fuchs, Dachs, Marder, Wiesel,

Eichhörnchen, sind schon gezähmt worden. Besonders leicht zahm wird der

einzeln lebende Fischotter, der wiederholt zum Fischfangen abgerichtet

worden ist.

Bei den Vögeln machen wir dieselbe Beobachtung. Kein Mensch wird die in

Scharen lebenden Sperlinge, Schwalben, Meisen, Goldhähnchen usw. für

leicht zähmbar halten. Umgekehrt sind der Buchfink, der Kolkrabe, die

Alpenkrähe usw., obwohl sie einzeln leben, wegen ihrer Zutraulichkeit

zu ihrem Pfleger bekannt. Ausgesprochene Einsiedler sind die Raubvögel.

Und doch richten die Kirgisen Adler und Habicht zur Jagd ab, ebenso

stand bei uns die Reiherbeize mit dem Jagdfalken in hoher Blüte.

Umgekehrt gelten die Wasserratten als unzähmbar, obwohl sie in Herden

leben.

Es ist hiernach einleuchtend, daß die Theorie, nur Herdentiere eignen

sich zu Haustieren, durchaus irrig ist. Die ausschlaggebenden Momente

sind vielmehr folgende:

1. Die Gefährlichkeit des Tieres. Es ist eine schlimme Sache, ein

Geschöpf als Haustier zu halten, das bei übler Laune den Menschen töten

kann. Aus diesem Grunde wird man die großen Bestien, ausgewachsene

Paviane oder menschenähnliche Affen und ähnliche gefährliche Tiere

ungern zu Haustieren machen wollen. Deshalb werden häufig ältere Doggen

getötet, weil sie ihren eigenen Herrn in Gefahr bringen.

2. Das Naturell des Tieres und des Menschen. Es ist merkwürdig, daß

manche Tiere wie Affen, Bären, Füchse usw., von Hause aus wenig Neigung

haben, dem Menschen Hilfe zu leisten, während umgekehrt Pferde, Hunde,

Geparden usw. es gern tun. Natürlich sind Tiere mit sanftem Naturell,

wie Giraffen, Schimpansen, Babuine usw., leichter zu zähmen, als solche

mit störrischem, wie Nashörner, Flußpferde, Kafferbüffel, Elche usw.

Ein Kulturvolk ist ganz ungeeignet zur Abrichtung von Tieren, da ihm

die Ruhe und Geduld fehlt; dagegen leisten stumpfsinnige Naturvölker

auf diesem Gebiete Hervorragendes.

3. Ausschlaggebend ist aber stets der Nutzen für den Menschen. Wir

hätten viel mehr Haustiere, wenn wir uns von anderen Tieren mehr

Nutzen versprächen. Was sollen wir mit einem zahmen Hirsch oder Reh

anfangen? Zum Ziehen oder zum Reiten des erstgenannten sind sie doch

nur bedingungsweise verwendbar, können jedenfalls nicht das Pferd

ersetzen. Weil es uns Nutzen brachte, haben wir früher den Jagdfalken

gezähmt, wie heute noch zur Wolfs- und Fuchsjagd von den Kirgisen Adler

abgerichtet werden.

Nur aus dem Grunde, weil fast alle Teile verwendet werden können,

haben wir das seinem Naturell nach ganz ungeeignete Rind als Haustier.

Ist wohl ein alter Bulle ein gezähmtes Tier? Gibt es in Deutschland

einen Kreis, wo nicht in den letzten 100 Jahren ein Mensch durch einen

wütenden Bullen getötet ist? Würden sie nicht den Nutzen gewähren, so

würde es längst polizeilich verboten sein, diese Haustiere, obwohl sie

Herdentiere sind, zu halten. Auch mit der Domestikation des Schweines

dürfte es eine eigene Sache sein. Kronprinz Rudolf berichtet von den

südungarischen Schweinehirten: »Alle sind mit Pistolen bewaffnet,

teils um die abends umherschweifenden Wölfe zu verscheuchen, teils

aber auch, um sich gegen die starken, wildschweinartigen Eber, ~die

sogenannten zahmen Hausschweine~, zu verteidigen. Wie ich von den

Leuten an Ort und Stelle erfuhr, sollen jedes Jahr einige Hirten von

ihren eigenen Schweinen auf der Weide, besonders während des Schlafes,

überfallen und elendiglich zugrunde gerichtet werden.« Ferner wurde

kürzlich folgender Fall berichtet: In Söllerup (auf Seeland) wollten

ein Dienstknecht und ein zwölfjähriger Hütejunge einen Eber vom Walde

nach Hause treiben. Als sich der voraufgehende Knecht infolge eines

Angstrufes des Jungen umblickte, gewahrte er, wie der Eber den Knaben

mit den Hauern bearbeitete. Dem Unglücklichen war die Lende zerfleischt

und die Schlagader aufgerissen, so daß er in kurzer Zeit verblutete.

Der Eber wurde erschossen. Schließlich denke man daran, wieviel kleine

Kinder schon durch zahme Schweine angefressen und getötet worden sind

-- und doch lebt auch das Schwein in Herden. Die herrschende Meinung

muß demnach als durchaus irrig bezeichnet werden.

Die angebliche Nervosität der Tiere.

Bei dem Hasten und Jagen, das der heutige Kampf ums Dasein mit sich

bringt, ist es kein Wunder, daß ein großer Teil der Bevölkerung

nervös ist. Weil die geistige Arbeit naturgemäß das Gehirn am meisten

anstrengt, und in der Großstadt der Wettbewerb sich am fühlbarsten

geltend macht, so ist die Nervosität des großstädtischen Kopfarbeiters

beinahe typisch geworden. Da der Mensch sehr geneigt ist, nach

verwandten Erscheinungen in der Tierwelt zu spähen, so scheint es

dem Großstädter gar nicht auffallend zu sein, daß auch Tiere nervös

werden. So durchlief vor einiger Zeit die Zeitungen folgende Nachricht:

Zebras als Reit- und Zugtiere. Aus London wird berichtet: Im Londoner

zoologischen Garten macht man jetzt Versuche, zwei Zebras zu zähmen,

damit die Kinder darauf reiten können. Eine große Erfahrung im Zähmen

von Zebras hat der Hon. ~Walter Rothschild~, der bereits in

den Straßen Londons mit einem Gespann von vier Zebras gefahren ist.

Er zweifelt nicht daran, daß man zum Ziel gelangen wird, und er

erzählte einem Berichterstatter: Vor drei oder vier Jahren zähmte

ich vier Zebras, aber das waren die wilden, kleinen südafrikanischen

Tiere, die viel unbändiger wie die Grevy oder abessinischen Zebras

im Zoologischen Garten sind. Sicherlich stoßen und beißen die Zebras

zunächst sehr wütend, aber ich fand, daß sie das alles aus Furcht

taten. Alle Pferdearten sind von Natur nervös, und das Zebra ist von

allen am furchtsamsten. Erst muß man die Tiere überzeugen, daß sie

nichts zu fürchten haben; dann lassen sie einen näher kommen und sich

anfassen. Wissen sie erst, daß es gefahrlos ist, so haben sie es sogar

gern, aber sie kommen nie ganz über ihre natürliche Nervosität hinweg!

Auch der Afrikareisende Oberst ~Fred Baillie~ schließt sich

dieser Meinung ~Rothschilds~ an. Da er schon seit längerem davon

überzeugt war, daß sich das Zebra als Last- und Zugtier eigne, erwarb

er eine Konzession auf 60000 Acres Land mitten in Britisch-Ostafrika.

Dort hat er die britische »Ostafrikanische Zebra-Ranch« errichtet,

deren Hauptquartier in Nairobi und deren Zweiggeschäft in London ist.

Wer jetzt also einen Auftrag gibt, kann nach einem halben Jahre gut

dressierte gelehrige Zebras bekommen, die einspännig oder zweispännig

gehen. ~Baillie~ glaubt, daß das Zebra besonders als Lasttier

eine große Zukunft haben wird. Auch die indische Regierung stellt

jetzt Versuche mit Zebras an, um sie zu militärischen Transporten

zu gebrauchen. Der schlimmste Fehler der Zebras ist, daß sie ihren

Reiter in die Beine beißen. Dagegen schützt man sich am besten durch

ein stählernes Schutzblech, und wenn das Zebra erst einmal danach

geschnappt hat, wiederholt es den Versuch nie wieder. -- Baron

~Rothschild~ ist sicherlich ein ausgezeichneter Kenner der Zebras,

aber ist seine Behauptung richtig, daß diese von Natur nervös sind?

Von unsern Pferden wird ja allgemein gesagt, sie seien nervös, und da

wäre der Gedankengang vielleicht der, daß sie, wie manche Kulturtiere,

im Laufe der Zeit degeneriert seien. Aber das frisch eingefangene

Zebra, das bisher als freies Tier in den afrikanischen Ebenen hauste,

kann doch unmöglich an einer Kulturkrankheit leiden! Arbeiten denn

unsere Pferde mit dem Kopf! Gewiß nicht, am allerwenigsten das

Zebra in der Freiheit. Sind unsere Kühe und Schweine nervös? Das

Gegenteil scheint eher der Fall zu sein, auch habe ich noch niemals

von einer derartigen Behauptung etwas gehört. Wie finden wir den

Schlüssel zu einer Erklärung für die angebliche Nervosität des

Pferdes und seiner wilden Stammesgenossen? Es ist merkwürdig, daß

wir geschichtliche Forschungen vielfach da treiben, wo sie herzlich

gleichgültig sind, umgekehrt sie aber da unterlassen, wo sie unbedingt

erforderlich sind, nämlich zum Verständnis der Tierwelt. Wir werden

das Verhalten eines Tieres niemals begreifen, wenn wir uns nicht in

seine frühere Lage als freies Tier hineinversetzen. Auch in der

Tierwelt ist selbstverständlich der Kampf ums Dasein überaus heftig.

Die Raubtiere haben Hunger und wollen von den Pflanzenfressern

leben, letztere verspüren aber wenig Neigung, sich ohne weiteres

verspeisen zu lassen; was tun sie also? -- entweder fliehen sie oder

sie verteidigen sich. Die Pflanzenfresser zerfallen also in wehrhafte

(vgl. mein Buch: »Ist das Tier unvernünftig?« S. 39) wie Nashorn,

Rind, Wildschwein, Elch, Gorilla, Pavian usw. und in fliehende

wie Pferd, die meisten Antilopen, Hirsch, Reh, Schaf usw. Fliehende

habe ich die letztgedachten Pflanzenfresser genannt, weil sie im

allgemeinen fliehen. Das schließt natürlich nicht aus, daß sie nicht

bloß untereinander, sondern auch gegen kleine Feinde kämpfen. So geht

der Hengst mutig auf den einzelnen Wolf los, die Ricke vertrommelt

Reineke mit den Läufen, falls er Appetit auf ihr Kitz bekundet usw.

Auch die Raubtiere zerfallen in zwei Klassen, nämlich Laufraubtiere,

die durch ausdauerndes Laufen ihre Beute einholen, z. B. gewisse

Wolfsarten, wilde Hunde, Hyänenhunde usw., oder Schleichraubtiere,

wohin alle Katzenarten gehören, also Löwe, Tiger, Leopard, Luchs usw.

Da das anhaltende Laufen eine langweilige Sache ist, so ist es auch

einem Laufraubtier, wie z. B. dem Wolf, sehr lieb, wenn er einen

Pflanzenfresser beschleichen kann.

Es liegt nun auf der Hand, daß die Gedanken eines fliehenden und

eines wehrhaften Pflanzenfressers grundverschieden sein müssen. Wird

der erstgenannte von einem Raubtier überfallen, so ist er gewöhnlich

rettungslos verloren, der zweite dagegen nur dann, wenn er seine Waffen

nicht gebrauchen kann. In unzähligen Fällen hat z. B. der riesenstarke

Kafferbüffel einen Löwen, der ihm auf den Rücken gesprungen war, wieder

abgeschüttelt -- möglicherweise ihn sogar totgetrampelt. Der Tiger

muß seinen Angriff auf einen Wildeber oft mit dem Leben bezahlen.

Rind und Schwein wissen sich also zu wehren, und deshalb sind sie

wenig furchtsam, geschweige denn nervös. Dagegen ist das Pferd als

fliehender Pflanzenfresser von Natur furchtsam, aber durchaus nicht

nervös. Ein Spion, z. B. ein Indianer, der sich im feindlichen Lande

befindet und überall Umschau hält, bei jedem Laute zusammenfährt,

ist mit Recht furchtsam, aber doch nicht nervös. Genau ebenso ist

es mit dem Verbrecher. Der nervöse Kulturmensch erschrickt grundlos

bei Geräuschen, kann überhaupt andauernden Lärm nicht vertragen; der

Spion, der Verbrecher, der fliehende Pflanzenfresser erschrecken aus

triftigen Gründen. Wissen sie sich in Sicherheit, so können sie die

ohrenbetäubendste Musik, die einen krankhaft nervösen Menschen rasend

machen würde, mit Wonne anhören. Pferde können sich fortwährend an dem

Rasseln ihrer Ketten erfreuen, Brüllaffen, die ebenfalls fliehende

Pflanzenfresser sind, berauschen sich an einer Musik, die selbst

einen normalen Menschen zur Flucht treibt. Zebra wie Pferd sind

also im medizinischen Sinne absolut nicht nervös, sie sind nur mit

Recht furchtsam, weil sie sich ihr ganzes Leben lang beständig vor

ihren Feinden in acht nehmen müssen. Der Hauptfeind des Zebras ist

der Löwe, der Leopard wagt sich im allgemeinen nur an junge. Beide

Schleichraubtiere sind ständig auf ihren Fersen und erspähen die

Gelegenheit, ein Tigerpferd zu überfallen. In den Tränken lauert das

Krokodil, schließlich muß noch des schlimmsten Feindes, des Menschen,

gedacht werden. ~R. Böhm~ und ~v. Wißmann~ heben besonders

hervor, daß der Löwe beständig die Zebras verfolgt. Letzterer schreibt:

Der grimmigste Feind des Zebras scheint der Löwe zu sein, und dieser

Umstand mag der Grund hierfür sein, daß sie beim Erscheinen des Feindes

so kopflos werden, daß das große Raubtier sich schon auf ein Stück

geworfen hat, bevor sich die Herde zur Flucht entschließt.

Bedenkt man, daß die Voreltern unseres Pferdes stets in dieser

ständigen Angst vor einem Überfall gelebt haben, so ist uns das

Verhalten unseres wertvollsten Haustieres um vieles verständlicher.

Sehr wichtig ist die alte Regel: man soll in keinen dunkeln Stall

treten, ohne das Pferd vorher angesprochen zu haben; es soll wissen,

ihm droht kein Feind, damit es nicht aus Angst losschlägt, denn seine

natürlichen Waffen gegen geringere Raubtiere, d. h. also Hufe und

Gebiß, wird es selbstverständlich zur Anwendung bringen. Unser Pferd

hat im allgemeinen verlernt, sich mit dem Gebiß zu verteidigen. Nur die

Maulkörbe bei einzelnen Pferden zeigen uns, daß hier der Ahnen Waffen

noch in Ehren gehalten werden. Einen interessanten Kampf zwischen einem

Hauspferde und einem Tarpan, d. h. einem wilden oder verwilderten

Pferde schildert ~Gmelin~. Ein Tarpan erblickte einmal einen

zahmen Hengst mit zahmen Stuten. Nur um die letztern war es ihm zu tun;

weil aber der erste nicht damit zufrieden sein wollte, so gerieten

beide in heftigen Streit. Der zahme Hengst wehrte sich mit den Füßen,

der wilde aber biß seinen Feind mit den Zähnen, brachte es auch, aller

Gegenverteidigung ungeachtet, so weit, daß er ihn tot biß und sodann

seine verlangten Stuten mit sich nehmen konnte. -- Daß das Zebra beißt,

ist also etwas ganz Naturgemäßes; es muß ihm das ebenso mit der Zeit

abgewöhnt werden, wie wir es bei unsern Pferden gemacht haben, indem

wir z. B. die bissigsten von der Zucht ausschlossen. Vergegenwärtigt

man sich die fortwährende Angst eines fliehenden Pflanzenfressers

vor einem plötzlichen Überfall, so wird uns folgender Vorfall, der

unlängst in der Deutschen Jägerzeitung veröffentlicht wurde, durchaus

verständlich.

Straußenpolitik · 第 2 / 9 段