Es vergingen drei Tage. Meine Hand schmerzte nicht mehr, ich
hatte beschlossen, am Abend abzureisen. Ich ging in die Stadt, um
einige Angelegenheiten zu ordnen, unter anderem war ich auf der
Polizei, um meinen Paß unterschreiben zu lassen. Auf dem Rückwege
kam ich an Pavos Zelt vorüber. Ich fing schließlich gegen meinen
Willen an, Interesse für diesen Mann und seinen Vater zu fassen.
Alle Leute sprachen von ihnen, das ganze Hotel war voll von
Geschichten über diese beiden Menschen, ich konnte schließlich
nicht mehr umhin, ebensoviel wie die anderen an sie zu denken und
jeden Tag nach dem Herrn zu fragen.
Ich ging in Pavos Zelt. Am vorhergehenden Abend hatte ich gehört,
daß er eine große Summe im Pharao gewonnen habe. Er hatte einen
fremden Reisenden seiner ganzen Barschaft beraubt, und ihm dann
hinterher ein paar Hundert geschenkt, dann hatte er sich dem
Roulette zugewandt, stets vom Glück begleitet, und die Bank um
ein ganzes Vermögen geschädigt.
»Denken Sie nur,« sagte Pavo zu mir, sobald ich sein Zelt betrat,
-- »denken Sie nur, der Herr von Sinvara, mein Vater, ist eben
hier gewesen, um sich Geld zu leihen! Er wollte seine Ringe
einlösen. Es fällt mir natürlich nicht im Traum ein, eine solche
Dummheit zu begehen. Mein Vater ist sehr gut und es that mir
leid, ihm diesen Liebesdienst abschlagen zu müssen. Aber ich habe
es um seiner selbst willen gethan. Ein Sohn muß für die Ehre der
Familie sorgen. Es muß meinem Vater klar werden, wohin es führt,
wenn man sich in Thorheiten stürzt. Ich finde, daß ich ganz
richtig gehandelt habe. Wie denken Sie darüber?«
Sein Äußeres stieß mich diesen Augenblick zurück. Er war
selbstbewußt und sicher geworden durch das ungeheure Glück des
vorhergehenden Abends, das seine Taschen wieder mit Geld gefüllt
hatte. Während er sprach, senkte er die Stirn, verbarg sie,
tauchte sie unter, als sei sie gebrandmarkt, und seine Augen
logen so sonderbar, sobald er sie aufschlug. Aber er hatte den
schönsten Hals, den man sich denken konnte, und einen feinen,
roten Mund.
»Wie denken Sie darüber?« wiederholte er.
»Ich habe kein Urteil darüber,« entgegnete ich.
»Das heißt,« murmelte er wütend, »Sie verstehen die Rede eines
vernünftigen Mannes nicht.«
Er zuckte heftig die Achseln und lief vor seinem Ladentisch auf
und nieder. Dann stand er still und fragte:
»Womit kann ich Ihnen übrigens dienen, da Sie sich die Mühe
gemacht haben, mich aufzusuchen?«
Ich nannte allerlei, was mir gerade einfiel, wofür ich aber im
Grunde keine Verwendung hatte. Als ich das Gewünschte erhalten
hatte, entfernte ich mich wieder.
Kaum war ich ins Hotel zurückgekehrt, als der Diener auf mich
zustürzte und mir erzählte, der Kurier des Herrn von Sinvara sei
mit Geld angelangt. Jetzt säße er da, bereit, das Spiel von neuem
zu beginnen, sobald die Bank geöffnet werde. Pavo wisse nichts
davon. Pavo solle nichts wissen, er, der Diener, habe ausdrücklich
eine Bezahlung dafür erhalten, daß er nicht hinlief und es Pavo
erzählte.
Die Uhr wurde fünf.
Sobald der Spielsaal geöffnet wurde, begab sich der Herr von
Sinvara dorthin. Er war in erregter Stimmung, er machte die
eigentümlichsten Handbewegungen, als versichere er etwas, als
gelobe er etwas.
Der Prinz und der alte Militär waren auch zugegen, der Rumäne
hingegen nicht, ein paar Fremde fingen auch an zu spielen.
Zuerst löste der Herr von Sinvara seine Ringe aus.
»Ich werde heute abend mit den höchst zulässigen Summen
operieren,« sagte er zu dem Croupier, ohne ihn aber anzusehen.
Seine Miene war von jetzt an kühl und vornehm.
»Möchte Ihr guter Stern Ihnen Glück schenken,« sagte der
Croupier, indem er sich verneigte.
Das Spiel begann.
Der Herr von Sinvara sah entschlossen aus. Er setzte dreimal
hintereinander auf Rot und gewann. Dann steckte er sein eigenes
Geld in die Tasche und spielte von nun an nur mit dem Gewinn. Er
macht ein paar Mal den Versuch mit dreizehn, verliert aber, der
Wechsel des Glückes reizt ihn, er setzt noch ein paar Mal auf Rot
und gewinnt. Jetzt hat er eine beträchtliche Summe vor sich auf
dem Tisch liegen, er spielt ohne Berechnung, ohne Überlegung, er
wagt kühn, und um keine Zeit zu verlieren, bereitet er sich
schon, ehe das Rad still steht, auf den nächsten Einsatz vor. Er
zählt auch nicht, er spielt in Ekstase. Seine Augen fallen auf
ein schwarzes Quadrat auf dem Tisch, und er setzt eine große
Summe auf dies Quadrat.
Schwarz gewinnt. Er gewinnt jetzt unaufhaltsam. Dieses schwarze
Quadrat wird eine Goldgrube, aus der er Schätze schöpft, und er
nutzt sie aus. Plötzlich besinnt er sich, er hält einen
Augenblick inne, er atmet tief auf. Das Rad dreht sich herum,
aber der Herr von Sinvara vergißt, seinen Einsatz zu machen, er
atmet noch immer tief auf. Sein kleines Mädchen kommt herein.
Lächelnd und rosig nähert sie sich ihm. Er bemerkt sie und winkt
ihr ab.
»Siehst du, du kommst, und ich vergaß zu setzen!« sagt er. Im
nächsten Augenblick winkt er sie wieder heran. Das Rad ist stehen
geblieben, der Zeiger steht auf Rot, und es war das Glück des
Herrn von Sinvara, daß er es diesmal unterlassen hat, auf das
schwarze Viereck zu setzen. Er legt einen seiner kostbaren Ringe
in die Hand des kleinen Mädchens und flüstert ihr etwas zu. Und
das kleine Mädchen wird dunkelrot, schlingt die Arme um ihren
eigenen Hals und läuft aus dem Saal hinaus.
Aber der Herr von Sinvara setzt das Spiel fort, dummdreist,
völlig mechanisch. Er nimmt mehrere Hände voll Geld, viele
schwere Rollen und setzt sie auf Rot. Gleich darauf erfaßt ihn
eine schreckliche Unsicherheit, er macht eine ängstliche Bewegung
mit der Hand, als wolle er die Summe wieder zurückziehen,
beherrscht sich aber und läßt sie stehen.
Das Rad hält an.
»Rot!«
»Rot!« wiederholt der Herr von Sinvara. Und er lächelt den
Umstehenden wieder triumphierend zu und spricht laut: »Wieder
Rot! Ja, ich hatte eine Ahnung davon!«
Von diesem Augenblick an verliert er die Besinnung. Die Uhr wird
zehn, mehrere Fremde kommen herein, die eigentlichen Spieler,
deren Stunde erst jetzt mit diesem Glockenschlag beginnt. Unter
ihnen befindet sich der Rumäne. Ich vergaß meine Reise und rührte
mich nicht vom Fleck, ich folgte den Operationen des Herrn von
Sinvara mit der größten Spannung. Er selber merkte nichts von
allen den neuen Menschen, die ihn umgaben, er ahnte kaum, daß er
Mitspieler am Tische hatte. Sein Glück halluciniert ihn, und er
arbeitet mit großen Summen auf mehreren Nummern zu gleicher Zeit.
Eine Laune, eine plötzliche Eingebung, veranlaßt ihn, eine Hand
voll Geld zu nehmen und den höchsten Einsatz auf fünfundzwanzig
zu setzen. Drei von den Spielern folgen seinem Beispiel, alle um
ihn her flüstern und warten.
»Dreizehn!«
Verloren. Der Rumäne knirscht die Zähne vor Verzweiflung. Der
Herr von Sinvara hat einen neuen Einfall. Er richtet sich halb
auf seinem Stuhl auf und setzt die höchste Summe auf Null.
Niemand folgt ihm mehr, dies verzweifelte Spiel schreckt alle
zurück.
»Null!«
In dem Getöse, das jetzt entstand, hörte ich den Rumänen
fürchterlich fluchen. Gleich darauf kam Pavo zur Thür herein, von
dem Hoteldiener gefolgt, der ihn doch benachrichtigt hatte. Pavo
ging gleich auf den Stuhl des Vaters zu; ohne etwas zu sagen,
packte er ihn bei der Schulter und schüttelte ihn.
Er sah auf, erkannte den Sohn und ergab sich sofort. Er begriff,
daß ihm kein Widerstand half, er war auch zu angegriffen.
»Wie zornig du bist, Pavo,« sagte er nur. Mechanisch zieht er
seinen letzten Gewinn ein, sammelt sein Geld und fängt an, seine
Taschen zu füllen. Er stopft Gold und Papier zusammen in wilder
Unordnung, nimmt dann den letzten Haufen Scheine in die Hand,
steht auf und geht mit Pavo.
Der Croupier sieht den Davonziehenden mit wütenden Blicken nach;
das Spiel gerät ins Stocken -- --
Später erzählt man im Hotel, der Herr von Sinvara habe nicht nur
seinen ganzen Verlust am Roulette vom vorhergehenden Abend wieder
eingeholt, sondern außerdem noch eine kleine Summe gewonnen. Man
nannte siebenhundert als Reingewinn. Ich freute mich im Stillen
darüber, ich gönnte ihm den Sieg. Niemand spielte aus ehrlicherem
Herzen als er, und nun würde er dem Roulette sicher für ewige
Zeiten den Rücken wenden.
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