IV

Es war fast zwölf Uhr.

Ein Spieler nach dem andern erhob sich vom Roulettetisch, nur der

Rumäne und der einarmige Militär hielten noch stand. Der

weißbärtige Krieger spielte sehr vorsichtig, setzte einen kleinen

Schein, spielte brutal um kleine Münze und gewann. Er hatte

fortwährend Glück, aber sein Glück machte ihn nicht kühner.

Der Herr von Sinvara operierte auf ganz andere Weise, bei dem

geringsten Glücksfall wurde er dummdreist. Er hatte vielleicht

alles in allem noch gut tausend übrig, als Pavo ihn verließ. In

zwei Zügen hatte er darauf sechshundert gewonnen, die er sofort

einsetzte und verlor. Im Grunde schien der Herr beklagenswert und

er erregte auch die Sympathie der Umherstehenden. Der Prinz, der

als Zuschauer in den Saal zurückgekehrt war, holte eigenhändig

ein großes Glas Wein für den Herrn von Sinvara.

»Sie haben Unglück!« sagte der Prinz. »Halten Sie für heute abend

auf.«

Der Prinz setzte sich über die Regeln hinweg und erteilte diesen

Rat mit lauter Stimme. Der Herr von Sinvara antwortete nicht, er

sah nur auf, geistesabwesend, ganz vom Spiel in Anspruch

genommen, und trank den Wein schweigend aus.

Und plötzlich schien das Glück sich ihm zuwenden zu wollen, er

gewann dreimal, Schlag auf Schlag.

»So müssen Sie spielen,« sagt er munter und liebenswürdig zu dem

alten Militär. Dieser aber hörte nichts, er ist so in Anspruch

genommen von seinem Spiel um den herkömmlichen kleinen Schein.

Der Rumäne beobachtet aufmerksam die nervöse Erregung, in der

sich der Herr von Sinvara befindet, er wechselt einen Blick mit

dem Croupier und zieht seinen letzten Gewinn ein. Auch er

beschließt das Spiel.

Der Herr von Sinvara ist jetzt ganz blank. Sein Geld beläuft sich

auf ein paar hundert, die setzt er auf Schwarz und verliert. Er

sieht verwirrt um sich. Er ist sehr blaß geworden.

»Zum Teufel mit der schwarzen Farbe!« rast er.

Dann besinnt er sich einen Augenblick. Der Croupier läßt ihn

nicht aus den Augen; mechanisch bezahlt er dem alten Krieger

seinen Schein, mag er gewinnen oder nicht. Der Herr von Sinvara

sitzt noch immer regungslos da, er scheint zu überlegen. Warum

geht er denn nicht? Er zieht seine beiden Ringe vom Finger,

einen nach dem andern, und reicht sie über das Rad hinweg dem

Croupier hin. Dieser wirft einen Blick darauf, legt sie ruhig in

sein eisernes Schubfach zu anderen Ringen und reicht dem Herrn

von Sinvara dreitausend in Gold. Niemand spricht ein Wort. Er

hält die schweren Rollen eine ganze Minute in der Hand, er

zittert am ganzen Leibe. Plötzlich macht er eine heftige

Bewegung, er erhebt sich halb vom Stuhl und setzt die Rollen eine

nach der andern auf Schwarz. Die Goldstücke klirren dumpf in den

Papierhüllen.

Das Rad dreht sich herum, es saust so leicht und lautlos, zögert

bald bei dieser, bald bei jener Zahl, hält endlich an.

»Rot!«

Der Herr von Sinvara springt auf. Er greift sich mit beiden

Händen an den Kopf und schreit, stößt einen Ruf aus und verläßt

den Tisch.

V

Am nächsten Morgen konnte die Klatschbase von Hoteldiener mir

erzählen, daß der Herr von Sinvara am vorhergehenden Abend

vierundfünfzigtausend beim Roulette verloren habe. Pavo

dahingegen war in sein Zelt zurückgekehrt, er, der Diener, habe

ihn bei der Pumpe getroffen, er sei barhäuptig dort gegangen und

habe laut mit sich selber geschwatzt oder gepredigt. Übrigens

könne kein Priester so predigen wie Pavo, wenn ihm das in den

Sinn kam. -- »Fliehe das Verderben!« hatte er einmal über das

andere ausgerufen. »Wende dem Versucher den Rücken! Gieb ihm

deinen Finger und er nimmt dein Herz. Bist du so tief gesunken,

daß ich -- dein verlorener Sohn -- dich warnen muß?«

Pavo hatte wirklich sehr eindringlich geredet, der Diener meinte,

er habe sich die Rede eingeübt, die er dem Vater heute morgen

halten wollte.

Der durchtriebene Diener steckte seine Nase in alles und wußte

überall Bescheid.

»Sie wollen heute abreisen?« sagte er zu mir.

Ich hatte kein Wort davon im Hotel gesagt und auch nicht um meine

Rechnung gebeten.

»Woher weißt du das?« fragte ich.

»Ich weiß es nicht,« antwortete er. »Sie haben aber die

Nachsendung ihrer Briefe im Posthaus bestellt, und Sie haben auch

einen Wagen um fünf Uhr nach dem Dampfer bestellt.«

Sogar dies hatte er herausgeschnüffelt! Ich hatte ein Gefühl, als

würde ich von diesem klugen Menschen ausspioniert und ich fühlte

mich sehr von ihm abgestoßen. Ein heftiger Zorn erfaßte mich, ich

konnte seinen unverschämten Blick nicht ertragen; er hatte ein

paar Augen, die mich durchschauerten wie ein eisiger Zugwind.

»Mach, daß du wegkommst, du Hund!« sagte ich.

Er stand ganz still. Der unverschämte Mensch rührte sich nicht

vom Fleck. Er hielt die beiden Hände hinter seinem Rücken. Woran

dachte er, und was machte er mit den beiden Händen auf dem

Rücken? Hatte er irgend etwas vor?

»Was Sie eben sagten, thut mir sehr leid,« sagte er endlich.

Weiter sagte er nichts, aber er starrte mich unverwandt an. Ich

trete hinter seinen Rücken, um ausfindig zu machen, was er

vorhatte. Er hatte nichts in den Händen, er hielt sie gefaltet

und rang sie heftig. Ich trete wieder vor ihn hin. Seine

Schultern beben und seine Augen haben sich mit Thränen gefüllt.

Ich bereue, ihn ausgescholten zu haben, und ich bin im Begriff,

es wieder gut zu machen, als er plötzlich eine Bewegung auf mich

zu macht, ein seltsamer Gegenstand blitzt in seiner Hand, ein

lächerlich aussehender Thürschlüssel mit zwei Bärten. Er hebt ihn

in die Höhe und trifft mein rechtes Handgelenk. Meine Hand sinkt

herab, der dumpfe Schlag hat sie lahm gemacht. Ich bin ganz starr

über seine Frechheit, ich kann kein Wort sagen und stehe

regungslos auf demselben Fleck. Er legt seine Hände wieder auf

den Rücken. Nach einer Weile gehe ich an ihm vorüber, auf die

Thür zu.

»Sie glauben, daß ich Sie noch einmal schlagen will,« sagt er.

»Aber das brauchen Sie nicht zu glauben. Gott bewahre!«

Ich öffne die Thür mit der linken Hand und erwidere kühl:

»Geh und hole meine Rechnung!«

Der Diener verneigt sich tief vor mir und geht. Ich höre ihn

laut schluchzen, als er zur Thür hinaus ist. -- --

Ich reiste an jenem Tage nicht; meine Hand schmerzte zu heftig,

und ich fühlte mich ziemlich krank. In meinem Handgelenk

befanden sich zwei tiefe Löcher. Löcher von blutunterlaufenem,

zerquetschtem Fleisch. Die Adern schwellen bis an die Schulter

hinauf an. Welche Roheit von einem Diener! Er schien indessen

seinen Überfall sofort zu bereuen, er brachte mir Spiritus für den

Arm und legte mir einen Verband um die Wunde; jetzt hinterher

konnte niemand behilflicher sein als er. Er sorgte auch dafür, daß

in den Nebenzimmern alles still war, nachdem ich mich am Abend zur

Ruhe begeben hatte, und dies that er ganz aus eigenem Antrieb.

Einen Haufen betrunkener Bauern, die gegen ein Uhr des Nachts vor

meinen Fenstern stehen blieben und sangen, jagte er wütend weg.

Ich hörte, wie er ihnen Vorwürfe machte, weil sie die nächtliche

Ruhe eines kranken, vornehmen Herrn störten, eines Fürsten, der

sein Handgelenk verletzt habe.

Am nächsten Tage schellte ich zweimal, ohne daß er kam. Ich war

in gereizter Stimmung und sehr krank, ich zog heftig an der

Glocke und schellte noch einmal. Endlich sah ich ihn die Straße

heraufkommen. Er war ausgewesen. Als er in mein Zimmer kam,

konnte ich mich nicht enthalten zu sagen:

»Ich habe eine Viertelstunde geschellt. Ich will gern das

Doppelte bezahlen, wenn Sie glauben, daß Sie es verdienen.

Bringen Sie mir Thee.«

Ich sah, wie wehe meine Worte ihm thaten. Er erwiderte nichts,

sondern eilte hinaus, um den Thee zu holen. Ich wurde plötzlich

ganz gerührt durch seine Geduld und Demut; er hatte vielleicht

nie im Leben ein freundliches Wort erhalten, jetzt war ich auch

unbillig gewesen. Ich wollte mein Unrecht gleich wieder gut

machen. Deswegen sagte ich, als er zurückkam:

»Verzeih mir! Ich werde nie so etwas wieder sagen. Ich bin heute

auch krank.«

Er schien sehr erfreut über meine Freundlichkeit zu sein und

entgegnete:

»Ich mußte vorhin fortgehen. Ich versichere Sie, daß es eine

ganz notwendige Besorgung war.«

Aber durch meine Freundlichkeit ermuntert, kam sofort die alte

Geschwätzigkeit wieder zum Vorschein. Er steckte voller

Geschichten und war bereit, mir allerlei aufgespürte Geschichten

über Dinge und Leute im Hotel zu erzählen.

»Wenn ich es Ihnen erzählen darf,« sagte er, »so hat der Herr von

Sinvara in diesem Augenblick einen Mann nach Hause geschickt, um

Geld zu holen, viel Geld. Pavo meint, er werde sich am Roulette

ruinieren. Seine Ringe hat er noch nicht wieder eingelöst.«

»Es ist gut!« sagte ich.

»Und das kleine Mädchen, das Sie gestern sahen, ist übernacht bei

ihm gewesen. Sie ist aus den Bergen, sie hat sich eine solche

Erhöhung sicher nicht träumen lassen. Selbst ihr Vater wollte es

nicht glauben.«

Gegen Abend saß ich wieder draußen auf dem Balkon und beobachtete

den Verkehr unten auf dem Marktplatz. Ich trug die Hand in der

Binde. Der Russe lag auf einer Bank neben mir und las in einem

Buch. Plötzlich sah er zu mir auf und fragte, ob ich wisse, daß

der Herr von Sinvara einen Kurier abgesandt habe, um mehr Geld

holen zu lassen. Er habe am Vormittag auch eine Zusammenkunft mit

Pavo gehabt. Pavo habe ihm eine Standrede gehalten und der Vater

habe ihm recht geben müssen. Aber er wolle sich nichts sagen

lassen, er behaupte, er wolle wenigstens sein Geld wieder haben.

Ob man sich einbilde, daß er diesem Komplott von Räubern alles in

allem dreiundsechzigtausend in blankem Golde überlassen wolle?

Dann irre man sich sehr. Er wolle übrigens nicht allein spielen,

um nur seinen Verlust wieder zu ersetzen. Die guten Leute, die

ihn so bedauert hatten, als er seine Ringe verloren habe, sollten

nur wissen, daß er dem ersten besten Bettler einen solchen Ring

an jeden Finger schenken könne, ohne dadurch arm zu werden.

»Und das ist wahr,« sagte der Russe, -- »er ist schon ein so

eingefleischter Spieler, daß es ihm nicht in erster Linie um

seinen Verlust zu thun ist. Was ihn jetzt anzieht, ist der Reiz,

die Spannung, die Qual, diese wilden Erregungen des Blutes.«

»Und Pavo? Was hat denn Pavo dazu gesagt?«

»Fliehe das Verderben!« hatte Pavo gesagt. »Richte dich wieder

auf, Mensch! Nimm dir ein Beispiel an mir!«

Pavo hatte eindringlich geredet, seine Stimme war traurig gewesen,

und von Zeit zu Zeit hatte er sogar zum Himmel emporgezeigt. Es

war ein köstlicher Anblick gewesen, diesen abgefeimten jungen

Sünder eine Tugend heucheln zu sehen, deren er längst verlustig

war. Er war frech genug, dem Vater die ernsteste Ermahnungsrede zu

halten. Der Vater hatte behauptet, er spiele nur um des Sohnes

willen, er wollte diesen von dem Laster erretten, und zu dem Zweck

würde er nicht sparen. Da war Pavo heftig geworden: er habe sein

ganzes Leben lang seine Selbstachtung bewahrt, der Vater

dahingegen habe seine Ringe verspielt, seine Kleinodien in aller

Beisein verpfändet. Er, Pavo, habe seine Würde aufrecht erhalten,

er habe nie eine Anleihe auf sein Zelt gemacht, das stehe

unberührt da, er besorge immer sein Geschäft. Schließlich habe

Pavo dem Alten mit Fürst Yariw gedroht.

»Schweig!« sagte der Vater. »Ich habe mir selber gelobt, dir die

Folgen deiner Ausschweifungen zu zeigen, und das werde ich thun.

Leb wohl, Pavo!«

Und Pavo hatte gehen müssen. Aber er war direkt von dem Vater in

die Spielhölle gegangen.

»Glauben Sie denn nicht, daß es wirklich die Absicht des Vaters

ist, Pavo auf diese Weise wieder auf den rechten Weg zu bringen?«

fragte ich den Russen.

Er schüttelte den Kopf.

»Vielleicht. Aber das wird ihm nicht gelingen. Außerdem ist der

Alte ebenso darauf versessen wie der Junge.«

Jetzt sprachen alle von dem Herrn von Sinvara und seinem Spiel.

Das sei ihm ganz einerlei, meinte er, und er trug den Kopf noch

höher als bisher und machte ein fröhliches Gesicht. Hin und

wieder ließ er sich zu einem Scherz mit seiner Umgebung herab.

»Sie sehen meine Hände an,« sagte er. »Ach ja, ich bin sehr arm

geworden, sogar meine Ringe habe ich verspielt! Hahaha!«

Er ging nicht mehr in die Bank, jetzt wo er kein Geld mehr hatte,

aber er ließ sich von den Dienern über den Gang des Spieles

berichten, wer verlor und wer gewann, wieviel gewagt wurde, wer

am kühnsten spielte. Der Russe kam am nächsten Tage und erzählte

mir, der Herr von Sinvara habe drei Stunden lang zu Gott um Glück

gefleht; er wolle nur das verlorene Geld wieder haben, dann wolle

er auch aufhalten. Er habe Gott das mit lauter Stimme gelobt und

sogar dabei geweint. Der Russe hatte das von dem Hoteldiener

gehört, der durch das Schlüsselloch geguckt hatte.

Sklaven der Liebe, und andere Novellen · 第 34 / 48 题