III

Es war zehn Uhr. Ich saß auf dem Balkon des Hotels und rauchte in

Gesellschaft des Russen Iljitsch eine Papyrus nach der anderen.

Plötzlich ruft der Hoteldiener zu uns herauf, der Herr von

Sinvara habe eben nach seinem Sohn geschickt. Ich war gerade im

Begriff, ihm einen Verweis wegen seiner Zudringlichkeit zu

erteilen, der Russe aber hielt mich zurück. Er war neugierig

geworden.

»Geben Sie acht,« sagte er. »Wir wollen doch sehen, was jetzt

kommt. Er schickt zu nächtlicher Stunde nach Pavo!«

Wir saßen eine Weile und rauchten schweigend. Pavo kommt. Der

Vater geht ihm bis vor die Hoteltreppe entgegen.

»Hör' einmal,« sagt er. »Ich habe neuntausend bei dem verfluchten

Roulette verloren. Ich war schon zu Bett gegangen, aber ich

konnte nicht einschlafen. Dies Geld peinigt mich, es war genau

die Summe, die ich der Kirche gelobt hatte. Ich muß sie

zurückgewinnen. Ich finde keine Ruhe, bis ich dies Geld wieder in

Händen habe. Ich muß nach der Bank zurück.«

Pavo steht stumm da.

Selbst Pavo, der gewiegte Spieler ist starr vor Staunen. Er sagt

kein Wort.

»Was stehst du da!« ruft der Vater aus. »Das Spiel hört ja nicht

vor Mitternacht auf, wir haben noch zwei ganze Stunden. Laß uns

keine Zeit verlieren.«

Und von dannen ging es.

»Kommen Sie!« sagte der Russe zu mir. »Lassen Sie uns

hineingehen. Dort wird sich etwas ereignen.«

Das Spiel war aufgeregter denn je. Wie immer, wenn Mitternacht

naht, wurden größere Summen als zu Anfang des Abends gewagt. Der

Prinz sitzt noch immer finster und ruhig auf seinem Platz, setzt

Geld und gewinnt. Es lagen wohl sechzigtausend vor ihm auf dem

Tisch. Er operiert gleichzeitig mit drei Chancen, besorgt alles

mit der größten Ruhe, setzt Hände voll Geld, ohne es jedoch zu

zählen. Nichts stört ihn, nicht einmal der bleiche, rasende

Rumäne, der, nachdem er Dreiviertelstunden regelmäßig und

bescheiden gewonnen hat, wieder anfängt zu verlieren. Auch er

stapelt sein Geld auf und versucht in jedem freien Augenblick, es

zu zählen, es in Haufen zu je eintausend zusammen zu legen, um

einen Überblick über den Bestand zu behalten; aber er ist zu

unruhig, seine Hände zittern, er muß auch die ganze Zeit hindurch

das Rad beobachten, und er giebt es schließlich auf zu zählen.

Wie dumm er es macht! Er spielt im Quadrat, belegt vier Nummern,

hält ununterbrochen diese Zahlen wie ein trotziges Kind, das

nichts aufgeben will. Er würde vielleicht lieber ohne einen roten

Heller vom Tische gehen, als diese Chance aufgeben.

Der Prinz wirft einen Blick auf die Thür, als Vater und Sohn

wieder eintreten, er macht auch neben sich Platz. Dann setzt er

das Spiel kühl und finster fort, völlig kaltblütig. Er scheint

sich eines großen Respekts bei den Spielern zu erfreuen.

»Pavo!« sagt der Herr von Sinvara, -- »du spielst wie gewöhnlich,

was du selber willst. Hier ist Geld. Nicht wahr, du hast am

meisten Glück mit Rot, setze also auf Rot.«

Pavo erkundigt sich bei seinem Nachbar, einem alten Militär mit

einem Arm, und dieser teilt ihm mit, daß Rot sieben Mal

hintereinander herausgekommen ist. Deshalb setzt Pavo auf

Schwarz.

»Gerade -- vierundzwanzig -- siebzehn zu vierunddreißig -- Rot!«

meldet der Croupier und streicht das Geld ein.

»Du fängst schlecht an, Pavo, setze aber doch nach deinem Kopf,«

sagt der Herr von Sinvara enttäuscht. »Wie oft soll ich es sagen?

Glaubst du, daß ich das Geld in Scheffeln habe? Jetzt setzest du

auf Rot!«

Aber Rot verlor. Endlich nach acht Malen kam Rot an die Reihe,

traf das Kreuz des Rumänen und brachte ihn wieder auf die Beine.

Rasend über sein Unglück, zur Verwegenheit getrieben, hatte er

diesmal eine kolossale Summe auf seine vier Zahlen geworfen, und

von Trotz verfärbt, war es ihm im Augenblick gleichgültig, ob er

gewann oder verlor. Als das Rad stillstand und der Zeiger auf

einer von seinen vier Zahlen liegen blieb, rief er instinktmäßig

den Diener, der hinter dem Stuhl des Prinzen stand und gab ihm,

ohne ein Wort zu sagen, einen Schein. Dann setzte er von neuem

mit zitternden Händen.

»Pavo!« sagt der Vater wieder, »du hast nun abermals verloren. Du

hast gar kein Glück. Ich lasse dich mein Geld durchbringen, und

ich thue es um deiner selbst willen. Diese Nacht will ich dich

bessern. Pavo, hast du mich verstanden?«

Und der durchtriebene Pavo versteht ihn sehr wohl. Er weiß, daß

sein guter Vater schon von dem Rausch des Spiels erfaßt ist, und

selbst wenn er verliert, ist es ihm doch eine Lust, teilzunehmen.

Er durchlebt so heftig wie nur irgend jemand die Qualen des

Spiels, bei den großen Chancen stockt sein Blut, er hört seinen

eigenen Atem. Ach, das alles versteht Pavo nur zu gut!

Plötzlich wird er nachdenklich, er wird aufmerksam,

geistesabwesend. Der Croupier macht ihn darauf aufmerksam, daß er

-- der hochverehrte Spieler -- gegen sich selber spielt, und er

wundert sich in seinem stillen Sinn über Pavo. Ich selber werde

darauf aufmerksam, daß Pavo einmal über das andere Geld

zurücknimmt, das er bereits gesetzt hat, gleichsam um es zu

retten, ehe das Rad stillsteht. Ist er vernünftig geworden?

Fürchtet er das Unglück?

Der Russe aber führt mich an ein Sofa am Ende des Saales und

fängt an über Pavo zu reden. Ob ich nicht bemerkt habe, daß er

plötzlich sein Spiel veränderte? Ach, Pavo war im Grunde klug wie

ein Teufel, er verstand sich auf so viel. Der Russe zeigte zu

Vater und Sohn hinüber und sagte:

»Von den beiden ist der Sohn am geringsten besessen. Pavo hat

schon gemerkt, daß die Spielsucht seinen Vater gepackt hat, er

will ihn zurückhalten. Es ist sehr komisch, aber er will wirklich

versuchen, den Alten zurückzuhalten. Nicht wahr, das ist

brillant? Es kann Pavo nicht gleichgültig sein, ob sich der Vater

ruiniert.«

Wir sitzen dort im Sofa. Am Roulette geht etwas Ungewöhnliches

vor sich, alle haben den Herrn von Sinvara und seinen Sohn

umringt. Das Pharaospiel hat aufgehört, selbst die drei

Bergbauern in den großen, grauen Mänteln mit den Metallgürteln

und die alten Zeltkrämer, die unten an der Thür gesessen und

unter sich um Weinkannen gespielt haben, stehen auf und mischen

sich unter die Menge am Roulettetisch. Wir gehen auch dahin.

»Geben Sie jetzt acht!« sagt der Russe. Er ist sehr erregt.

Der Herr von Sinvara hatte wieder angefangen mit Nummer dreizehn

zu operieren. Er hatte in seinem Eifer selbst das Geld übernommen

und den Einsatz persönlich besorgt. Seine fetten Hände wühlten in

den Scheinen, zitternd, suchend, das schmutzige Papier umkrallend,

eifrig bemüht, es zu zählen und in Haufen zu ordnen. Er spricht

nicht und Pavo sitzt schweigend an seiner Seite. Seine Miene ist

sehr finster.

»Dreizehn!« meldet der Croupier.

Der Herr von Sinvara zuckt zusammen, und selbst Pavo sieht ganz

blödsinnig aus. Welch Glück heftete sich doch an dies sinnlose

Spiel! Der letzte Coup bricht eine große Lücke in die Bank. Der

Croupier zahlt die Summe mit ruhigen Bewegungen aus. Diesen Mann

setzt nichts mehr in Erstaunen, er hat alle Launen des Hazards

gesehen, hat die verzweifeltsten Dinge erlebt. Der Prinz bleibt

einen Augenblick fassungslos stehen, gleich darauf packt er all

sein Geld zusammen, scheidet das Geld von dem Papier und stopft

alles in seine Taschen. Er verlangt ein Glas Wein, das er in

einem Zuge austrinkt, dann steht er auf und schließt mit dem

Spiel ab. Beim Hinausgehen verteilt er Scheine nach rechts und

links, an alle Diener, die ihm in den Weg kommen.

Der Herr von Sinvara aber stößt seinen Sohn gegen den Arm und

sieht ihn mit fieberglühenden Augen an.

»Siehst du. Siehst du wohl! Willst du mich spielen lehren? Ich

spiele euch doch alle unter den Tisch!«

Und er lacht kurz und laut auf, zu den erstaunten Zuschauern

gewendet. Entzückt über sein Glück wirft er noch eine Summe auf

die dreizehn.

»Laß das da stehen,« sagt er, -- »laß das Geld nur da liegen,

sage ich. Dreizehn ist ja doch eine sonderbare Zahl.«

Der Croupier aber holt sein Geld mit der Harke weg. Er thut es

zögernd, er hätte gewiß gern gesehen, daß die dreizehn noch

einmal herausgekommen wäre, um den reichen Spieler zu ermuntern,

der ja doch früher oder später seine Beute werden muß.

Nach vier vergeblichen Versuchen mit der dreizehn geht dem Herrn

von Sinvara die Geduld aus. Er redet heftig auf den Sohn ein.

»Ich sage dir, Pavo, ich setze nicht mehr auf dreizehn. Ich habe

auf dieser dummen Zahl genug verloren.«

Er wird immer gereizter, ein Diener mit knarrenden Schuhen wird

gebeten, seiner Wege zu gehen, der Rumäne erhält einen bitterbösen

Blick, als er einmal versäumt, seinen Gewinn einzuziehen und

dadurch das Spiel verzögert. Der Herr von Sinvara fängt auch an,

sich über alle die Zuschauer zu beklagen, die ihn fortwährend

umstehen. Haben die denn gar nichts weiter zu thun? Er winkt das

junge Mädchen aus der Menge heran und sagte:

»Habe ich _dir_ nicht vorhin das Goldstück gegeben?«

Das Mädchen errötet und macht einen tiefen Knix.

»Ja, Herr!« antwortet sie.

»Aber warum gehst du denn nicht weg, mein Kind?«

Ihr kleiner roter Mund bewegte sich, aber sie schwieg und schlug

die Augen nieder. Der Herr von Sinvara sah sie genauer an und

reichte ihr noch ein Goldstück.

»Hier, nimm das! Komm nach dem Spiel, nach Mitternacht zu mir!«

Das kleine Mädchen erglühte über das ganze Gesicht und knixte

voller Ehrfurcht. Dann zog sie sich aus der Menge zurück,

lächelte allen zu und ging.

Der Herr von Sinvara wandte sich wieder dem Spiel zu.

»Jetzt sind hier Fliegen an den Fenstern,« sagte er. »Hier ist so

viel, was stört. Jagt die Fliegen hinaus!«

Sein Geld schwand stark hin. Der Rumäne hatte Glück. Der Herr von

Sinvara beobachtete das Glück mit großem Unwillen.

»Siehst du denn nicht, daß ich nur noch ein paar elende Scheine

habe?« sagte er zu Pavo. »Aber ich gebe es nicht auf, ich

verliere alles. So, jetzt setze ich tausend auf Rot, vielleicht

ist das meine Farbe.«

Rot gewann.

»Vielleicht hat Rot wirklich Glück. Ich setze noch einmal. Es ist

ein Versuch.«

Rot verlor.

Da war die Geduld des Herrn von Sinvara erschöpft.

»Geh!« schrie er dem Sohn an seiner Seite zu. »Du bringst mir

Unglück! Kannst du denn nicht sehen, daß du mich ruinierst? Ich

muß Revanche haben, ich will mein Geld wieder haben!« Im selben

Augenblick fiel ihm aber ein, welche Rolle er spielen wollte, und

er fügte hinzu: »Da siehst du, was ich dir zuliebe thue. -- Ich

will dich bessern.«

»Ich bin belehrt!« murmelte Pavo.

»Schweig! du bist nicht belehrt. Du fällst wieder zurück. Ich tue

das alles um deinetwillen. Jetzt mach, daß du fortkommst.«

Und Pavo erhob sich und ging.

Sklaven der Liebe, und andere Novellen · 第 33 / 48 题