Es war zehn Uhr. Ich saß auf dem Balkon des Hotels und rauchte in
Gesellschaft des Russen Iljitsch eine Papyrus nach der anderen.
Plötzlich ruft der Hoteldiener zu uns herauf, der Herr von
Sinvara habe eben nach seinem Sohn geschickt. Ich war gerade im
Begriff, ihm einen Verweis wegen seiner Zudringlichkeit zu
erteilen, der Russe aber hielt mich zurück. Er war neugierig
geworden.
»Geben Sie acht,« sagte er. »Wir wollen doch sehen, was jetzt
kommt. Er schickt zu nächtlicher Stunde nach Pavo!«
Wir saßen eine Weile und rauchten schweigend. Pavo kommt. Der
Vater geht ihm bis vor die Hoteltreppe entgegen.
»Hör' einmal,« sagt er. »Ich habe neuntausend bei dem verfluchten
Roulette verloren. Ich war schon zu Bett gegangen, aber ich
konnte nicht einschlafen. Dies Geld peinigt mich, es war genau
die Summe, die ich der Kirche gelobt hatte. Ich muß sie
zurückgewinnen. Ich finde keine Ruhe, bis ich dies Geld wieder in
Händen habe. Ich muß nach der Bank zurück.«
Pavo steht stumm da.
Selbst Pavo, der gewiegte Spieler ist starr vor Staunen. Er sagt
kein Wort.
»Was stehst du da!« ruft der Vater aus. »Das Spiel hört ja nicht
vor Mitternacht auf, wir haben noch zwei ganze Stunden. Laß uns
keine Zeit verlieren.«
Und von dannen ging es.
»Kommen Sie!« sagte der Russe zu mir. »Lassen Sie uns
hineingehen. Dort wird sich etwas ereignen.«
Das Spiel war aufgeregter denn je. Wie immer, wenn Mitternacht
naht, wurden größere Summen als zu Anfang des Abends gewagt. Der
Prinz sitzt noch immer finster und ruhig auf seinem Platz, setzt
Geld und gewinnt. Es lagen wohl sechzigtausend vor ihm auf dem
Tisch. Er operiert gleichzeitig mit drei Chancen, besorgt alles
mit der größten Ruhe, setzt Hände voll Geld, ohne es jedoch zu
zählen. Nichts stört ihn, nicht einmal der bleiche, rasende
Rumäne, der, nachdem er Dreiviertelstunden regelmäßig und
bescheiden gewonnen hat, wieder anfängt zu verlieren. Auch er
stapelt sein Geld auf und versucht in jedem freien Augenblick, es
zu zählen, es in Haufen zu je eintausend zusammen zu legen, um
einen Überblick über den Bestand zu behalten; aber er ist zu
unruhig, seine Hände zittern, er muß auch die ganze Zeit hindurch
das Rad beobachten, und er giebt es schließlich auf zu zählen.
Wie dumm er es macht! Er spielt im Quadrat, belegt vier Nummern,
hält ununterbrochen diese Zahlen wie ein trotziges Kind, das
nichts aufgeben will. Er würde vielleicht lieber ohne einen roten
Heller vom Tische gehen, als diese Chance aufgeben.
Der Prinz wirft einen Blick auf die Thür, als Vater und Sohn
wieder eintreten, er macht auch neben sich Platz. Dann setzt er
das Spiel kühl und finster fort, völlig kaltblütig. Er scheint
sich eines großen Respekts bei den Spielern zu erfreuen.
»Pavo!« sagt der Herr von Sinvara, -- »du spielst wie gewöhnlich,
was du selber willst. Hier ist Geld. Nicht wahr, du hast am
meisten Glück mit Rot, setze also auf Rot.«
Pavo erkundigt sich bei seinem Nachbar, einem alten Militär mit
einem Arm, und dieser teilt ihm mit, daß Rot sieben Mal
hintereinander herausgekommen ist. Deshalb setzt Pavo auf
Schwarz.
»Gerade -- vierundzwanzig -- siebzehn zu vierunddreißig -- Rot!«
meldet der Croupier und streicht das Geld ein.
»Du fängst schlecht an, Pavo, setze aber doch nach deinem Kopf,«
sagt der Herr von Sinvara enttäuscht. »Wie oft soll ich es sagen?
Glaubst du, daß ich das Geld in Scheffeln habe? Jetzt setzest du
auf Rot!«
Aber Rot verlor. Endlich nach acht Malen kam Rot an die Reihe,
traf das Kreuz des Rumänen und brachte ihn wieder auf die Beine.
Rasend über sein Unglück, zur Verwegenheit getrieben, hatte er
diesmal eine kolossale Summe auf seine vier Zahlen geworfen, und
von Trotz verfärbt, war es ihm im Augenblick gleichgültig, ob er
gewann oder verlor. Als das Rad stillstand und der Zeiger auf
einer von seinen vier Zahlen liegen blieb, rief er instinktmäßig
den Diener, der hinter dem Stuhl des Prinzen stand und gab ihm,
ohne ein Wort zu sagen, einen Schein. Dann setzte er von neuem
mit zitternden Händen.
»Pavo!« sagt der Vater wieder, »du hast nun abermals verloren. Du
hast gar kein Glück. Ich lasse dich mein Geld durchbringen, und
ich thue es um deiner selbst willen. Diese Nacht will ich dich
bessern. Pavo, hast du mich verstanden?«
Und der durchtriebene Pavo versteht ihn sehr wohl. Er weiß, daß
sein guter Vater schon von dem Rausch des Spiels erfaßt ist, und
selbst wenn er verliert, ist es ihm doch eine Lust, teilzunehmen.
Er durchlebt so heftig wie nur irgend jemand die Qualen des
Spiels, bei den großen Chancen stockt sein Blut, er hört seinen
eigenen Atem. Ach, das alles versteht Pavo nur zu gut!
Plötzlich wird er nachdenklich, er wird aufmerksam,
geistesabwesend. Der Croupier macht ihn darauf aufmerksam, daß er
-- der hochverehrte Spieler -- gegen sich selber spielt, und er
wundert sich in seinem stillen Sinn über Pavo. Ich selber werde
darauf aufmerksam, daß Pavo einmal über das andere Geld
zurücknimmt, das er bereits gesetzt hat, gleichsam um es zu
retten, ehe das Rad stillsteht. Ist er vernünftig geworden?
Fürchtet er das Unglück?
Der Russe aber führt mich an ein Sofa am Ende des Saales und
fängt an über Pavo zu reden. Ob ich nicht bemerkt habe, daß er
plötzlich sein Spiel veränderte? Ach, Pavo war im Grunde klug wie
ein Teufel, er verstand sich auf so viel. Der Russe zeigte zu
Vater und Sohn hinüber und sagte:
»Von den beiden ist der Sohn am geringsten besessen. Pavo hat
schon gemerkt, daß die Spielsucht seinen Vater gepackt hat, er
will ihn zurückhalten. Es ist sehr komisch, aber er will wirklich
versuchen, den Alten zurückzuhalten. Nicht wahr, das ist
brillant? Es kann Pavo nicht gleichgültig sein, ob sich der Vater
ruiniert.«
Wir sitzen dort im Sofa. Am Roulette geht etwas Ungewöhnliches
vor sich, alle haben den Herrn von Sinvara und seinen Sohn
umringt. Das Pharaospiel hat aufgehört, selbst die drei
Bergbauern in den großen, grauen Mänteln mit den Metallgürteln
und die alten Zeltkrämer, die unten an der Thür gesessen und
unter sich um Weinkannen gespielt haben, stehen auf und mischen
sich unter die Menge am Roulettetisch. Wir gehen auch dahin.
»Geben Sie jetzt acht!« sagt der Russe. Er ist sehr erregt.
Der Herr von Sinvara hatte wieder angefangen mit Nummer dreizehn
zu operieren. Er hatte in seinem Eifer selbst das Geld übernommen
und den Einsatz persönlich besorgt. Seine fetten Hände wühlten in
den Scheinen, zitternd, suchend, das schmutzige Papier umkrallend,
eifrig bemüht, es zu zählen und in Haufen zu ordnen. Er spricht
nicht und Pavo sitzt schweigend an seiner Seite. Seine Miene ist
sehr finster.
»Dreizehn!« meldet der Croupier.
Der Herr von Sinvara zuckt zusammen, und selbst Pavo sieht ganz
blödsinnig aus. Welch Glück heftete sich doch an dies sinnlose
Spiel! Der letzte Coup bricht eine große Lücke in die Bank. Der
Croupier zahlt die Summe mit ruhigen Bewegungen aus. Diesen Mann
setzt nichts mehr in Erstaunen, er hat alle Launen des Hazards
gesehen, hat die verzweifeltsten Dinge erlebt. Der Prinz bleibt
einen Augenblick fassungslos stehen, gleich darauf packt er all
sein Geld zusammen, scheidet das Geld von dem Papier und stopft
alles in seine Taschen. Er verlangt ein Glas Wein, das er in
einem Zuge austrinkt, dann steht er auf und schließt mit dem
Spiel ab. Beim Hinausgehen verteilt er Scheine nach rechts und
links, an alle Diener, die ihm in den Weg kommen.
Der Herr von Sinvara aber stößt seinen Sohn gegen den Arm und
sieht ihn mit fieberglühenden Augen an.
»Siehst du. Siehst du wohl! Willst du mich spielen lehren? Ich
spiele euch doch alle unter den Tisch!«
Und er lacht kurz und laut auf, zu den erstaunten Zuschauern
gewendet. Entzückt über sein Glück wirft er noch eine Summe auf
die dreizehn.
»Laß das da stehen,« sagt er, -- »laß das Geld nur da liegen,
sage ich. Dreizehn ist ja doch eine sonderbare Zahl.«
Der Croupier aber holt sein Geld mit der Harke weg. Er thut es
zögernd, er hätte gewiß gern gesehen, daß die dreizehn noch
einmal herausgekommen wäre, um den reichen Spieler zu ermuntern,
der ja doch früher oder später seine Beute werden muß.
Nach vier vergeblichen Versuchen mit der dreizehn geht dem Herrn
von Sinvara die Geduld aus. Er redet heftig auf den Sohn ein.
»Ich sage dir, Pavo, ich setze nicht mehr auf dreizehn. Ich habe
auf dieser dummen Zahl genug verloren.«
Er wird immer gereizter, ein Diener mit knarrenden Schuhen wird
gebeten, seiner Wege zu gehen, der Rumäne erhält einen bitterbösen
Blick, als er einmal versäumt, seinen Gewinn einzuziehen und
dadurch das Spiel verzögert. Der Herr von Sinvara fängt auch an,
sich über alle die Zuschauer zu beklagen, die ihn fortwährend
umstehen. Haben die denn gar nichts weiter zu thun? Er winkt das
junge Mädchen aus der Menge heran und sagte:
»Habe ich _dir_ nicht vorhin das Goldstück gegeben?«
Das Mädchen errötet und macht einen tiefen Knix.
»Ja, Herr!« antwortet sie.
»Aber warum gehst du denn nicht weg, mein Kind?«
Ihr kleiner roter Mund bewegte sich, aber sie schwieg und schlug
die Augen nieder. Der Herr von Sinvara sah sie genauer an und
reichte ihr noch ein Goldstück.
»Hier, nimm das! Komm nach dem Spiel, nach Mitternacht zu mir!«
Das kleine Mädchen erglühte über das ganze Gesicht und knixte
voller Ehrfurcht. Dann zog sie sich aus der Menge zurück,
lächelte allen zu und ging.
Der Herr von Sinvara wandte sich wieder dem Spiel zu.
»Jetzt sind hier Fliegen an den Fenstern,« sagte er. »Hier ist so
viel, was stört. Jagt die Fliegen hinaus!«
Sein Geld schwand stark hin. Der Rumäne hatte Glück. Der Herr von
Sinvara beobachtete das Glück mit großem Unwillen.
»Siehst du denn nicht, daß ich nur noch ein paar elende Scheine
habe?« sagte er zu Pavo. »Aber ich gebe es nicht auf, ich
verliere alles. So, jetzt setze ich tausend auf Rot, vielleicht
ist das meine Farbe.«
Rot gewann.
»Vielleicht hat Rot wirklich Glück. Ich setze noch einmal. Es ist
ein Versuch.«
Rot verlor.
Da war die Geduld des Herrn von Sinvara erschöpft.
»Geh!« schrie er dem Sohn an seiner Seite zu. »Du bringst mir
Unglück! Kannst du denn nicht sehen, daß du mich ruinierst? Ich
muß Revanche haben, ich will mein Geld wieder haben!« Im selben
Augenblick fiel ihm aber ein, welche Rolle er spielen wollte, und
er fügte hinzu: »Da siehst du, was ich dir zuliebe thue. -- Ich
will dich bessern.«
»Ich bin belehrt!« murmelte Pavo.
»Schweig! du bist nicht belehrt. Du fällst wieder zurück. Ich tue
das alles um deinetwillen. Jetzt mach, daß du fortkommst.«
Und Pavo erhob sich und ging.