II

Die Turmuhr schlug, ich hörte den singenden Schlag, der sich in

den übrigen Lärm vom Marktplatz her mischte. Plötzlich klopfte

der Hoteldiener an mein Zimmer. Der junge Mann war sehr erregt.

»Denken Sie nur,« sagte er, -- »der Herr von Sinvara will auch

kommen!«

Ich hatte nicht um diese Mitteilung gebeten, und ich sagte zu dem

Diener, daß besagter Herr mich nichts angehe. Wer war es? Woher

kam er? Der Diener zuckte die Achseln und erklärte, der Herr aus

Sinvara sei kein anderer als der vornehmste Herr der ganzen

Gegend, der reichste Herr, Fürst Yariws Freund und Pavos

leiblicher Vater. Und _der_ würde kommen. Im übrigen sei der

Zweck seines Kommens wohl nichts weiter, als daß er sich danach

umsehen wollte, wie es mit seinem Sohn stünde; er wollte selber

dies verfluchte Roulette sehen, das sein Kind ruinierte und

dessen Mutter so viel Kummer bereitete.

»Alle diese Nachrichten interessieren mich nicht,« antwortete

ich dem Diener. »Dagegen habe ich um Thee gebeten. Adieu!«

Und dann ging der Diener.

Als die Uhr sechs war, entstand große Bewegung im Hotel, der Herr

war gekommen. Er ging an der Seite seines Sohnes, Pavo in heller

Kleidung, er selber in dunkler. Er war ernsthaft und bestimmt. Die

Kirchenglocke läutete, denn schon beim Betreten des Dorfes hatte

der Herr der Kirche eine große Summe versprochen, die deren

Zukunft völlig sicherte. Er hatte außerdem die Flaggenstange des

Posthauses mit einer neuen Flagge bedacht. Aus diesem Grunde

war das ganze Dorf in gehobener Stimmung. Die Diener erhielten

einen freien Tag, alle Leute waren auf den Straßen, und der

Bürgermeister ging in einer funkelnagelneuen Uniform umher.

Der Herr von Sinvara war ein würdiger Mann von einigen sechzig

Jahren, ein wenig korpulent, ein wenig blaß und aufgeschwemmt von

dem stillen Leben, das er führte, aber mit gewichstem Schnurrbart

und jungen Augen; er hatte außerdem eine lustige, aufwärts

gebogene Nase. Es war allgemein bekannt, daß er Fürst Yariws

Freund war, er hatte zwei hohe Orden, trug sie aber selten, weil

sein Auftreten auch ohne diese Dekoration höchst respekteinflößend

war. Redete er jemand an, so nahm der Angeredete den Hut ab und

antwortete.

Als er ein Glas Wein getrunken hatte, sah er alle die neugierigen

Menschen an, die ihn bis an das Hotel begleitet hatten, und er

gab ihnen allen etwas. Ein kleines Mädchen rief er sogar aus dem

Haufen heraus und schenkte ihr mit eigener Hand ein Goldstück.

Aber das Mädchen war nun freilich nicht so übertrieben klein,

auch war sie nicht mehr unter sechzehn, siebzehn Jahre alt.

Plötzlich sagt er:

»Wo ist die Bank? Ich will dahin.«

Pavo, der ganz entzückt über den Einfall des Vaters ist, geht vor

ihm her die Treppe hinauf. Alle folgen ihnen.

Er wurde dadrinnen mit der größten Aufmerksamkeit empfangen. Das

Rad ist in vollem Gange, das Spiel ist sehr lebhaft; ein

brünetter Herr, den der Diener Prinz nennt, macht liebenswürdig

vor seinem Freund, dem großen Herrn von Sinvara Platz.

Im selben Augenblick ruft der Croupier:

»Dreizehn!«

Er heimst alles Geld ein.

Da lagen Haufen von Silber, viele große goldene Münzen und ganze

Packen von Papiergeld auf dem Tisch, alles verschwindet in dem

eisernen Schubfach der Bank unter dem Tisch. Und es wird von

neuem Geld gesetzt, so stillschweigend und ruhig, als sei nichts

geschehen. Und doch bedeutete in Wirklichkeit diese Dreizehn

einen großen Coup. Aber niemand spricht, das Spiel geht seinen

Gang, das Rad saust herum, wird langsamer, steht still: Wieder

dreizehn!

»Dreizehn!« ruft der Croupier abermals und heimst das Geld ein.

Diese beiden Coups haben ihn um viele hundert Goldstücke reicher

gemacht, als er war. Und wieder wird gesetzt, der Prinz wirft

eine ganze Hand voll Scheine auf den Tisch, ohne sie zu zählen.

Niemand spricht, es ist sehr still rings umher, einer der Diener

stößt in seiner Erregung ein leeres Weinglas gegen den Tisch,

ein feines Klirren ertönt und mischt sich in den dumpfen Laut des

Rades, das sich dreht.

»Erkläre mir doch das Spiel,« sagte der Herr von Sinvara.

Und Pavo, der das Spiel aus dem Grunde kennt, teilt ihm alles

darüber mit. Der große Mann ist ganz von dem Prinzen in Anspruch

genommen. »Er wird sich ruinieren!« behauptet er. Und als sei es

sein eigenes Geld, das auf dem Spiel steht, rückt er unruhig auf

seinem Stuhl hin und her.

»Der Prinz ruiniert sich keineswegs,« entgegnet Pavo. »Er

arbeitet nur mit dem Gewinn des Tages. Der versteht zu spielen.«

Es verhielt sich wirklich so. Der Prinz hatte viel gewonnen; ein

Diener stand fortwährend neben seinem Stuhl, um ihm Wasser zu

reichen, sein Taschentuch aufzunehmen, wenn er es fallen ließ,

ihm alle möglichen Dienste zu leisten, alles in der Hoffnung auf

eine gute Belohnung, sobald das Spiel beendet war.

Ein großer, blasser Mann, ein dunkelhaariger Rumänier steht neben

ihm. Er spielt ums Leben. Infolge der beiden letzten Dreizehn

hat er eine ungeheure Summe verloren, da er eigensinnig auf seine

eigene, unglückliche Einzelzahl gehalten hat. Er steht halb

hinter dem Herrn von Sinvara und streckt die Hand über dessen

Schulter, wenn er seinen Einsatz macht. Sein Arm zittert.

»Der junge Mann ist verloren!« sagt der Herr.

Der Sohn, Pavo, nickt und sagt:

»Verloren!«

»Bitte ihn, aufzuhalten!« fährt der Vater fort. »Sage es ihm von

mir. Warte, ich will es selber thun.«

Hierauf entgegnete der Sohn, es sei nicht erlaubt, Ratschläge zu

erteilen, -- »ebenso wenig,« fügt er verschmitzt hinzu, »ebenso

wenig, wie es erlaubt ist, nur als Zuschauer hier zu sitzen.«

Der Vater sieht ihn verwundert an. Er begreift nicht, daß in

Pavos Herzen schon die Lust rast, sich am Spiel zu beteiligen.

»Hier stehen ja so viele andere, die auch nicht spielen!« wendet

er ein.

»Das sind Spieler, die nur darauf warten, daß die Reihe an sie

kommt,« lügt Pavo.

Da zieht der Herr von Sinvara mit großer Vorsicht sein

Taschenbuch hervor.

»So, spiele!« sagt er, -- »spiele ein wenig, zeige es mir. Aber

ganz niedrig, ungefährlich.«

Gleich darauf aber ergreift er den Arm des Sohnes und verlangt

Aufklärung über die sonderbare Zahl dreizehn:

»Warum gewinnt dreizehn jedesmal? Ist das nicht ein Betrug vom

Croupier? Sage ihm das doch!«

Er ist gerade im Begriff, sein Taschenbuch wieder einzustecken,

als ihm plötzlich ein Gedanke kommt. Er zieht einige Scheine

heraus, schiebt sie Pavo hinüber und sagt:

»Setze auf dreizehn!«

Pavo wendet ein:

»Die dreizehn ist zweimal hintereinander herausgekommen.«

Der Vater nickt und entgegnet bestimmt:

»Ja! Setze auf dreizehn!«

Pavo wechselt einen Schein, wirft ein Goldstück auf Nummer

dreizehn und lächelt nachsichtig über diese Thorheit.

»Verloren!« sagt der Vater. »Versuche es noch einmal. Setze das

Doppelte!«

Pavo machte keine langen Einwendungen. Dies ist zu komisch. Man

wechselt die Plätze am Tisch, Pavo setzt einmal nach dem andern

die doppelte Summe, und alle wollen den sonderbaren Spieler, den

Herrn von Sinvara sehen. Er selber ist schon sehr interessiert,

seine lebhaften Augen folgen den Bewegungen des Rades, er rückt

auf dem Stuhle hin und her. Er ballt seine etwas fette Hand, an

dem einen Finger trägt er zwei kostbare Ringe.

Als der Croupier die Zahl dreiundzwanzig statt der erwünschten

dreizehn nennt, ruft er:

»Ei was, setze noch einmal auf dreizehn! Setze hundert!«

»Aber --«

»Setze hundert!«

Und Pavo setzt. Das Rad spinnt weiter, der Zeiger rast zwanzig,

dreißig Mal über jede Zahl hin, er sucht zwischen allen diesen

Chancen, Rot und Schwarz, Gleich und Ungleich, von eins bis

siebzehn, von siebzehn bis vierunddreißig, er durchsucht das

ganze System, beschnüffelt jede Zahl und bleibt stehen.

»Dreizehn!« ruft der Croupier.

»Nun, Pavo, hatte ich nicht recht?« sagt der Herr von Sinvara.

Und er brüstet sich und läßt alle Umherstehenden hören, was er

sagt: »Setze noch einmal, setze hundert auf dreizehn!«

»Das kann nicht dein Ernst sein, Vater. Dreizehn kommt

wahrscheinlich den ganzen Abend nicht mehr heraus.«

»Setze hundert auf dreizehn!«

»Warum willst du das Geld wegwerfen?«

Der Herr von Sinvara wurde ungeduldig, er machte eine Bewegung,

als wollte er dem Sohn das Geld wegnehmen, beherrschte sich aber

und sagte:

»Mein Sohn, wenn ich nun die Absicht hätte, die Bank zu sprengen

und das abscheuliche Roulette um einer gewissen Ursache willen zu

zerstören? Setze hundert auf dreizehn!«

Und Pavo setzte abermals. Er wechselte ein Lächeln mit dem

Croupier, und der Rumäne lachte laut auf. Das Pharaospiel am

Nebentisch hörte gänzlich auf, aller Aufmerksamkeit war auf das

Roulette gelenkt.

»Dreizehn!«

»Was hab' ich gesagt!« rief der Herr von Sinvara. »Da ist das

Geld. Wie viel soll hier sein? Zähle es nach!«

Pavo war ganz bestürzt.

»Dies sind drei und halbes tausend,« sagte er ganz geschlagen.

»Du hast im ganzen fünftausend gewonnen.«

»Gut, jetzt spiele du! Laß mich sehen, wie du es machst. Setze

auf Rot!«

Pavo setzte auf Rot und verlor.

Der Vater nickte und lächelte den Zuschauern zu.

»So also spielst du! Siehst du denn nicht, wohin das führt? Man

hat mir erzählt, du habest die Bank dreimal gesprengt, das war

gut gemacht. Aber warum hast du alles wieder verloren? Setze auf

Gerade!«

»Wieviel?«

»Soviel du willst. Setze sechshundert.«

»Sechshundert ist zu viel.«

»Ich überlege mir eben, ob du nicht noch mehr setzen sollst. Ja,

ich will es! Setze zwölfhundert auf Gerade.«

Gerade verlor.

Da erhob der Herr von Sinvara seinen fetten Finger drohend und

sagte heftig:

»Geh, Pavo! Hier haben wir um deinetwillen zwölfhundert verloren.

Jetzt entferne dich. Ich wünsche es.«

Und Pavo ging. Ich folgte ihm. Er lachte, lachte wie ein

Besessener. Ob ich jemals so ein Spiel gesehen hätte? »Er sitzt

da und gewinnt Tausende allein auf Grund seiner Dummheit. Gott

halte seine Hand gnädig über ihm. Welch ein Einfall von dem guten

Mann, Roulette spielen zu wollen!«

Pavo redete alle an, die er traf und erklärte ihnen unter lautem

Lachen, was für einen Einfall der Vater gehabt habe.

Späterhin am Abend hörte ich, der Herr von Sinvara habe

neuntausend verloren, ehe er die Bank verließ.

Sklaven der Liebe, und andere Novellen · 第 32 / 48 题