Den vielbesprochenen Künstlertrieb kann ich analysieren, da ich ihn

selber besessen habe. Er beruht zunächst auf einer breiten Basis von

Sehnsucht nach Freiheit, nach Befreiung von nützlicher Arbeit; deshalb

hat auch ein deutscher Philosoph das Schöne als das Unnützliche

definiert; denn wenn ein Kunstwerk nützlich sein will, eine Absicht

oder eine Tendenz verrät, so ist es schlecht; ferner beruht dieser

Trieb auf Hochmut; der Mensch will in der Kunst Gott spielen, nicht

als ob er etwas Neues schaffen könnte (das kann er nicht!), sondern er

will umgestalten, verbessern, zusammenstellen. Er fängt nicht damit an,

die Vorbilder, das heißt die Natur, zu bewundern, sondern er fängt mit

Kritik an. Man findet alles so mangelhaft und will es besser machen.

Dieser Hochmut, der einen treibt, und diese Befreiung vom Fluch des

Sündenfalls, der Arbeit, bewirkt, daß der Künstler über andern Menschen

zu stehen glaubt, was er in gewisser Weise auch tut; aber er muß sich

beständig hieran erinnern, sonst kommt er leicht hinter seine eigenen

Schliche -- das heißt er erkennt, wie nichtig seine Tätigkeit und

wie unberechtigt seine Flucht vor dem Nützlichen ist. Dies ständige

Bedürfnis, seine unnütze Arbeit anerkannt zu sehen, macht ihn eitel,

unruhig und oft tief unglücklich; wird er sich über sich selbst klar,

so hört häufig sein Produktionsvermögen auf, und er geht unter, denn

zurückkehren ins Joch, wenn er einmal die Freiheit gekostet hat, das

kann nur der Religiöse.

Einen Unterschied zwischen Genie und Talent zu machen, das Genie als

eine neue Eigenschaft hinzustellen, ist dumm, denn dann müßte man auch

an die besondere Offenbarung glauben. Der größte Künstler hat gewisse

Anlagen zu einer technischen Fertigkeit bekommen; ohne Übung sterben

diese; deshalb hat jemand gesagt: Genie sei Fleiß; das kann man sagen;

ebensogut wie so vieles andere, was zu einem Viertel wahr ist: kommt

Bildung hinzu (was nicht häufig ist, weil Wissen bald zur Erkenntnis

des Irrtums führt, so daß der Gebildete sich selten der Kunst zuwendet)

und ein guter Verstand, so entsteht das Genie als Produkt einer ganzen

Reihe von günstigen Umständen.

Ich verlor bald den Glauben an das Höhere in meinen Neigungen (meinem

Beruf, Gott behüte mich), denn meine Kunst konnte keine einzige

Idee ausdrücken, sie konnte allenfalls den Körper darstellen in

der Situation, die eine den Gedanken begleitende Gemütsbewegung zu

bezeichnen scheint, -- konnte also aus dritter Hand einen Ausdruck

geben. Das ist wie der Feldtelegraph -- sinnlos für alle, die nicht die

Bedeutung der Signale kennen. Ich sehe nur eine rote Flagge, der Soldat

aber sieht den Befehl: Vorgehen! Übrigens hat bereits Plato, der doch

ein so feiner Kopf und dazu ein Idealist war, das Nichtige der Kunst

erkannt, als einen Schein vom Schein (der Wirklichkeit), weshalb er aus

seinem Idealstaat auch den Künstler vertrieb. Es war ihm Ernst.

Da versuchte ich in die Sklaverei zurückzukehren, aber das war

unmöglich. Ich versuchte in ihr meine höchste Pflicht zu finden, ich

versuchte zu resignieren, aber das ist mir nicht gelungen. Meine Seele

nahm Schaden, und ich war auf dem Wege, ein Vieh zu werden; ich fand

bisweilen, die viele Arbeit sei geradezu Sünde, weil sie dem höheren

Ziel, der Entwicklung der Seele, entgegenwirkte; da schwänzte ich und

floh für einen Tag hinaus in die Natur, wo ich in Meditationen lebte,

die mich unaussprechlich glücklich machten -- doch dies Glück erschien

mir als ein selbstsüchtiger Genuß, ebenso groß, ja größer als das

Glück, das ich bei der künstlerischen Arbeit empfunden hatte, und da

kam das Gewissen, das Pflichtgefühl wie eine Furie über mich, und ich

floh zurück in mein Joch, das nun wieder lieblich war -- für einen Tag!

Um mich von diesem unerträglichen Zustand zu befreien und Klarheit und

Frieden zu finden, gehe ich dem Unbekannten entgegen! Ihr, die ihr

meine Leiche sehen werdet -- sehe ich unglücklich aus im Tode?«

Gelegentliche Aufzeichnungen bei Wanderungen im Freien

Der Plan der Welt ist die Befreiung der Idee von der Sinnlichkeit, die

Kunst aber versucht die Idee in eine sinnliche Hülle zu kleiden, damit

sie sichtbar wird. Also ...

Alles korrigiert sich selbst. Als die Künstlerwirtschaft in Florenz zu

bunt wurde, kam Savonarola -- o dieser tiefe Mann! -- und sprach sein:

Das ist nichts! Und die Künstler -- und was für Künstler! -- machten

einen Scheiterhaufen aus ihren Kunstwerken. O dieser Savonarola!

* * * * *

Was mögen die Bilderstürmer in Konstantinopel gewollt haben? Was

wollten die Anabaptisten und Bilderstürmer in den Niederlanden? Das

wage ich nicht zu sagen, denn dann erscheinen am Samstag Karikaturen

von mir -- vielleicht auch schon am Freitag!

* * * * *

Die große Idee unserer Zeit: die Arbeitsverteilung führt zum

Fortschritt der Gattung und zum Tod der Individuen! Was ist denn

die Gattung? Das ist der Totalitätsbegriff, die Idee, sagen die

Philosophen, und die Individuen glauben es und sterben für die Idee!

* * * * *

Es ist merkwürdig, daß die Fürsten immer wollen, was das Volk nicht

will. Sollte einem solchen Mißverhältnis nicht auf sehr einfache und

leichtverständliche Art abzuhelfen sein?

* * * * *

Als ich in reiferen Jahren meine Schulbücher wieder las, wunderte ich

mich nicht, daß wir Menschen solche Dummköpfe sind! Ich habe neulich

Luthers Katechismus gelesen und machte dabei

Einige Bemerkungen und Entwurf zu einem Katechismus.

(Nicht der Kommission einzureichen; das hier Mitgeteilte ist alles, was

ich geschrieben habe.)

Das erste Gebot. Vernichtet den Glauben an einen Gott, denn es setzt

voraus, daß es noch andere Götter gibt, etwas, was das Christentum auch

anerkennt.

Anm. Der so gefeierte Monotheismus hat einen schlechten Einfluß auf die

Menschen gehabt, denn er hat sie der Achtung und Liebe für den Einzigen

und Wahren beraubt dadurch, daß die Erklärung des Bösen ausgeblieben

ist.

Das zweite und dritte Gebot enthalten wirkliche Lästerungen, weil der

Verfasser unserm Herrgott so kleinliche und dumme Vorschriften in den

Mund legt, die eine Beleidigung seiner Allweisheit sind, und die dem

Verfasser einen Prozeß zugezogen haben würden, wenn er in unsern Tagen

gelebt hätte.

Das vierte Gebot müßte folgenden Wortlaut haben: Du sollst dich von

deiner angeborenen Ehrfurcht vor deinen Eltern nicht verleiten lassen,

auch ihre Fehler zu bewundern, und du brauchst sie nicht mehr zu

ehren, als sie verdienen. Du bist unter keinen Umständen den Eltern

irgendwelche Dankbarkeit schuldig, denn sie haben dir keinen Gefallen

damit getan, daß sie dich in die Welt gesetzt haben; daß sie dich

ernähren und dich kleiden, das gebietet ihnen sowohl ihr Egoismus

als auch das bürgerliche Gesetz. Die Eltern, die von ihren Kindern

Dankbarkeit erwarten (es gibt sogar Eltern, die Dank verlangen), sind

wie Wucherer: sie setzen gern das Kapital aufs Spiel, wenn sie nur

Zinsen bekommen.

Anm. 1. Wenn die Eltern (besonders die Väter) ihre Kinder häufiger

hassen als lieben, so liegt das daran, daß die Kinder ihren Wohlstand

einschränken. Es gibt Eltern, die ihre Kinder wie Aktien behandeln, von

denen sie unaufhörlich Dividenden verlangen.

Anm. 2. Dies Gebot hat die ungeheuerlichste aller Regierungsformen

geschaffen, die Familientyrannei, gegen die schwerlich eine Revolution

helfen kann. Die Menschheit würde mit Kinderschutzvereinen mehr Ehre

einlegen als mit Tierschutzvereinen.

(Fortsetzung folgt.)

* * * * *

Schweden ist eine Kolonie, die ihre Blütezeit, die Epoche der

Großmacht, gehabt hat, und nun gleich Griechenland, Italien und Spanien

in den ewigen Schlaf einzugehen scheint.

Die schreckliche Reaktion, die nach 1865, dem Todesjahr der Hoffnungen,

eingetreten ist, hat demoralisierend auf das neue Geschlecht gewirkt,

das herangewachsen ist. Eine größere Gleichgültigkeit gegen die

Allgemeinheit, einen größeren Egoismus, eine größere Irreligiosität hat

man seit langer Zeit in der Geschichte nicht gesehen. Es stürmt draußen

in der Welt, und die Völker brüten vor Wut gegen die Tyrannei, doch

hier im Lande feiert man nur Jubelfeste.

Der Pietismus ist die einzige Äußerung von Seelenleben bei dem

schlafenden Volk; das Mißvergnügen wirft sich der religiösen

Resignation in die Arme, um nicht in Verzweiflung oder ohnmächtige

Raserei zu verfallen.

Pietisten und Pessimisten gehen von dem gleichen Grundsatz aus: von der

Erbärmlichkeit des Daseins, und streben dem gleichen Ziele zu: der

Welt zu entsagen, mit Gott zu leben.

Aus Berechnung konservativ zu sein ist die größte Sünde, die ein

Mensch begehen kann. Das ist ein Attentat gegen die Weltidee, für drei

Silberlinge, denn der Konservative sucht die Entwicklung zu hindern;

er stemmt den Rücken gegen die rollende Erde und sagt: steh still! Es

gibt nur eine Entschuldigung: Dummheit; schlechte Geldverhältnisse sind

keine Entschuldigung, wohl aber ein Motiv.

* * * * *

Ich frage mich, ob Norwegen für uns nicht ein neuer Flicken auf einem

alten Kleide wird.

* * * * *

Stjernhelm, der ein dummer Kerl war, schrieb schon im siebzehnten

Jahrhundert folgendes über Schweden:

Entweder ist unser Land versetzt, vertauscht und verändert,

Oder die Schweden sind einstmals auch mit den Goten gewandert

fort von der Kälte; ausländisch Volk ist statt ihrer geblieben,

kärglich an Weisheit und Witz, aber in Torheit seltsam gerieben.

Wenn an bestimmtem Orte die Stämme sich ballten,

man fänd unter tausend kaum fünfzig, die noch glichen den Alten.

»Nun, was sagt ihr dazu?« fragte Borg, als er die Lektüre beendet und

einen Kognak getrunken hatte.

»Ach, gar nicht so übel; es hätte freilich etwas witziger sein können,«

sagte Sellén.

»Nun, was sagst du denn, Falk?«

»Es ist ja das übliche Gewinsel -- nichts weiter. Wollen wir jetzt

gehen?«

Borg sah ihn an, um festzustellen, ob es Ironie sei, aber er sah nichts

Beunruhigendes.

»Ja,« sagte Sellén, »Olle hat seligere Gefilde aufgesucht; nun, jetzt

hat er es ja gut; jetzt braucht er sich nicht mehr ums Mittagessen zu

sorgen. Ich möchte wissen, was der Wirt im ›Knopf‹ hierzu sagen wird.

Er hatte doch wohl einen kleinen Klaps, wie er es nannte. Ja ja!«

»Was für eine Herzlosigkeit! Was für eine Roheit! Pfui Teufel, diese

Jugend!« brach Falk los, warf Geld auf den Tisch und griff nach seinem

Mantel.

»Bist du sentimental?« höhnte Sellén.

»Ja, das bin ich! Adieu!«

Und er ging.

Neunundzwanzigstes Kapitel

Rundschau

Brief von Doktor Borg, Stockholm, an Landschaftsmaler Sellén, Paris.

Lieber Sellén!

Du hast jetzt ein ganzes Jahr lang auf einen Brief von mir gewartet,

aber nun habe ich wenigstens etwas zu schreiben. Ich wollte meinen

Grundsätzen getreu zuerst von mir selber sprechen, aber ich habe

mich in Höflichkeit zu üben, denn ich muß mir jetzt bald mein Brot

verdienen; ich fange also mit Dir an! Ich gratuliere mir, daß Dein

Bild in der Ausstellung angenommen worden ist und dort solchen Effekt

gemacht hat. Isaak hat die Notiz ins »Graumützchen« gebracht, ohne

Wissen des Redakteurs, so daß dieser vor Wut schäumte, als er es las,

denn er hatte geschworen, aus Dir sollte nie etwas werden. Da Du nun

aber im Ausland anerkannt bist, hast Du natürlich auch hier daheim

einen Namen, und ich brauche mich Deiner nicht mehr zu schämen.

Um nichts zu vergessen und um mich kürzer fassen zu können, denn ich

bin faul und müde nach anstrengendem Dienst in der Entbindungsanstalt,

verfasse ich meinen Brief in Notizenform, ganz wie im »Graumützchen«,

so daß Du auch leichter das überspringen kannst, was dich nicht

interessiert.

Die ~politische Lage~ wird immer interessanter; alle Parteien

haben sich gegenseitig mit Geschenken und Gegengeschenken bestochen,

so daß sie nun alle miteinander grau sind. Diese Reaktion wird

wahrscheinlich mit Sozialismus enden. Es ist stark die Rede davon,

die Zahl der Kreise auf achtundvierzig zu erhöhen, denn in der

Ministerkarriere wird man jetzt am schnellsten befördert, besonders

da nicht einmal das Volksschullehrerexamen dazu erforderlich ist. Ich

sprach neulich mit einem meiner Schulkameraden, der schon Minister a.

D. ist, und er behauptete, es sei viel leichter, Minister zu sein als

Expeditionssekretär. Die Tätigkeit soll sehr an die Arbeit erinnern,

die man zu tun hat, wenn man eine Bürgschaft leistet: man braucht nur

zu unterschreiben! Mit der Bezahlung wird es nicht so genau genommen,

man hat ja den zweiten Bürgen.

Was die ~Presse~ betrifft -- ja, die kennst Du! Im allgemeinen hat

sie sich als Geschäft konstituiert, das heißt, sie folgt der Ansicht

der momentanen Majorität, und die Majorität, das heißt die meisten

Abonnenten, ist reaktionär. Ich habe eines Tages einen liberalen

Zeitungsmann gefragt, warum er so gut über Dich schreibe, ohne Dich zu

kennen. Er sagte, das liege daran, daß Du die öffentliche Meinung, das

heißt die meisten Abonnenten, für Dich hättest. »Nun, aber wenn die

öffentliche Meinung sich gegen ihn wendet?« -- »Dann stürze ich ihn

natürlich!«

Unter solchen Verhältnissen ist es Dir wohl verständlich, daß die ganze

nach 65 herangewachsene Generation, die nicht im Reichstag vertreten

ist, die Lage verzweifelt findet; deshalb sind sie auch Nihilisten, das

heißt sie ....... auf alles oder sehen ihren Vorteil darin, konservativ

zu werden, denn unter solchen Verhältnissen liberal bleiben, das ist

des Teufels!

Die ~wirtschaftliche Lage~ ist gedrückt; der Banknotenvorrat,

meiner wenigstens, reduziert; auch die feinsten Papiere, von zwei

Doktoren unterzeichnet, werden von keiner Bank angenommen.

Die ~Aktiengesellschaft Triton~ liquidierte, wie Du weißt, in

der Weise, daß Direktoren und Liquidatoren alle gedruckten Aktien

übernahmen, während Aktionäre und Depositäre von der bekannten

Norrköpinger Gesellschaft (der einzigen, die sich in diesen

Schwindelzeiten gut gehalten hat) allerlei lithographische Papiere

bekamen; ich habe eine Witwe gesehen, die die Hand voll Obligationen

für einen Marmorbruch hatte; es waren große, schöne Bogen, rot und blau

bedruckt, auf denen immer wieder 1000 Kronen graviert war, und darunter

standen, ganz als hätten sie Bürgschaft geleistet, die Namen von

Leuten, von denen mindestens drei das Ehrengeläut für die Inhaber des

Seraphimerordens bekommen, wenn sie aufhören, in dieser Welt Aktionäre

zu sein.

Der Freund und Bruder ~Nikolaus Falk~, der seiner privaten

Darlehnswirtschaft überdrüssig geworden ist, weil sie ihm kein

volles bürgerliches Ansehen schenkte, was doch die öffentliche

tut, beschloß, sich mit einigen sachverständigen (!) Personen

zu vereinigen und eine Bank zu gründen. Das Neue an dem Programm

wurde folgendermaßen angekündigt: »Da die Erfahrung gelehrt hat --

wahrlich eine betrübende Erfahrung! -- (Levin ist der Verfasser,

das merkst Du!), daß Depositenscheine nicht hinlängliche Sicherheit

bieten, um anvertraute Wertsachen, das heißt deponiertes Geld, auch

wirklich zurückzubekommen, so haben die Unterzeichneten, erfüllt von

uneigennützigem Eifer für die vaterländische Industrie, und um dem

wohlhabenden Publikum eine größere Sicherheit zu bieten, sich als Bank

konstituiert, unter dem Namen Depositen-Garantie-Aktiengesellschaft.

Das Neue und Sichere, denn nicht alles Neue ist sicher, in unserer

Idee ist, daß die Depositäre statt der wertlosen Depositenscheine

Wertpapiere im vollen Betrag der hinterlegten Summe bekommen usw. Das

Geschäft ist noch im Gange, und Du kannst Dir denken, was für Papiere

statt des Depositenscheins ausgehändigt werden. Mit seinem scharfen

Blick erkannte Falk, wie großen Vorteil er aus einem Menschen mit

so weitgehender ökonomischer Erfahrung ziehen kann, wie Levin sie

besitzt, der außerdem, durch seine Pumpgeschäfte, ungeheuer viele

Menschen kennt; um ihn aber richtig vorzubereiten und ihn mit allen

Irrwegen eines Geschäfts und besonders der juristischen Seite voll

vertraut zu machen, schlug Falk ihn mit seinem Schuldschein zu Boden

und zwang ihn zum Konkurs. Dann trat er als Retter auf und machte ihn

zu einer Art finanziellem Beirat mit dem Titel Direktionssekretär,

und nun sitzt Levin da in einem kleinen Privatzimmer, darf sich

aber in der Bank nicht sehen lassen. Kassierer ist Isaak. Er hat das

Abiturium gemacht (mit Lateinisch, Griechisch und Hebräisch, ebenso

den juristischen und philosophischen Doktor mit den höchsten Nummern

in allen Fächern -- sein Examen wurde natürlich im »Graumützchen«

erwähnt). Er arbeitet jetzt zum juristischen Staatsexamen und schachert

einstweilen auf eigene Faust. Er ist wie der Aal, er hat neun Leben

und lebt von nichts! Er trinkt keinen Alkohol, genießt kein Nikotin

in irgendeiner Form; ob er sonst irgendwelche Laster hat, weiß ich

nicht, aber er ist furchtbar! Er hat eine Eisenhandlung in Härnösand,

ein Zigarrengeschäft in Helsingfors und ein Galanteriewarengeschäft

in Södertelge; außerdem hat er im Süden von Stockholm ein paar kleine

Häuser! Er ist ein Mann der Zukunft, sagen die Leute, er ist ein Mann

der Gegenwart, finde ich. Der Bruder Levi hat sich nach Abwicklung der

Geschäfte des Triton mit einem recht hübschen Vermögen, wie man sagt,

zu Privatgeschäften zurückgezogen. Er soll das Waldkloster haben kaufen

wollen, um es in einem neuen Stil zu restaurieren, den sein Onkel von

der Kunstakademie erfunden hat. Das Angebot ist aber abgelehnt worden.

Levi war sehr beleidigt darüber und schrieb im »Graumützchen« eine

Notiz mit der Überschrift: Judenverfolgung im neunzehnten Jahrhundert,

wodurch er sich die lebhaften Sympathien der gebildeten Kreise zuzog;

er kann durch diesen Coup Reichstagsabgeordneter werden, wenn er Lust

hat. Er bekam sogar eine Dankadresse von seinen Glaubensgenossen

(als wenn Levi einen Glauben hätte!), in der sie ihm dafür dankten

(sie war im »Graumützchen« abgedruckt), daß er die »Rechte« der Juden

verteidige (nämlich das Waldkloster zu kaufen!). Die Adresse wurde

bei einem Fest im Grünen Jäger überreicht, zu dem auch eine ganze

Menge Schweden (ich führe die Judenfrage immer auf das richtige Gebiet

-- das ethnographische -- zurück) eingeladen waren, zu verdorbenem

Lachs und offnem Wein. Bei dieser Gelegenheit wurde dem Helden des

Tags unter großer Rührung (siehe »Graumützchen«) eine Ehrengabe von

zwanzigtausend Kronen (in Kroppaktien) überreicht, für das »Heim für

verwahrloste Kinder evangelischen Glaubens« (immer muß der Glaube

herhalten). Ich bin auch auf dem Fest gewesen und habe -- was ich

noch nie erlebt -- Isaak betrunken gesehen! Er erklärte, er hasse

mich und Dich und Falk und alle Weißen -- er nannte uns abwechselnd

Weiße und Eingeborene und »Roche«; das letzte Wort kenne ich nicht,

aber als er es aussprach, scharten sich sofort zahllose »Schwarze«

um uns und machten so unheimliche Gesichter, daß Isaak mich in ein

Nebenzimmer schleppte. Dort brach er los: sprach von seinen Leiden

als Kind in der Klara-Schule, wie Lehrer und Kameraden ihn mißhandelt

und zurückgesetzt, wie die Straßenjungen ihn auf der Straße geprügelt

hätten; das Rührendste war eine Erzählung aus seiner Soldatenzeit: er

war bei der Andacht vor die Front gerufen worden, um das Vaterunser

zu beten, und als er das nicht konnte, wurde er verhöhnt. Seine

Schilderung hat mich veranlaßt, meine Ansichten über ihn und seine

Rasse zu ändern.

Der ~Religionssnobismus und die Wohltätigkeitscholera~ grassieren

in hohem Maße und machen den Aufenthalt im Vaterlande sehr angenehm.

Du kennst zwei von diesen Haaren des Teufels: Frau Falk und Frau

Revisor Homan; die beiden kleinlichsten, eitelsten und boshaftesten

Geschöpfe, die nur je müßig herumgelaufen sind; Du erinnerst Dich an

ihre Kinderkrippe und deren Ende; jetzt haben sie ein Magdalenenheim

gegründet, und die erste, die aufgenommen wurde, war -- auf meine

Empfehlung -- die Marie aus der Neuen Gasse! Die Arme hatte ihre ganzen

Ersparnisse einem Handwerksburschen geliehen, der damit durchgebrannt

ist. Jetzt ist sie froh, alles umsonst zu haben und die bürgerliche

Achtung wiederzugewinnen. Das viele Gotteswort, das mit all solcher

Wirksamkeit verbunden ist, erklärt sie aushalten zu können, wenn sie

nur morgens ihren Kaffee habe.

Du erinnerst Dich auch ~Pastor Skaares~; er hat die Stelle des

Pastor primarius nicht bekommen; aus Ärger darüber ist er jetzt

dabei, eine neue Kirche zusammenzubetteln; gedruckte Bettellisten,

unterzeichnet von den reichsten Magnaten Schwedens, rufen die

allgemeine Barmherzigkeit an. Die Kirche, die dreimal so groß wie

die Blasieholmskirche werden und einen wolkenhohen Turm haben soll,

wird da stehen, wo jetzt die Sankt-Katarinenkirche steht; diese soll

nämlich angekauft und niedergerissen werden, weil sie sich als zu

klein erwiesen hat für das große geistige Bedürfnis, das jetzt das

schwedische Volk reitet. Die zusammengebettelten Mittel sind schon

so groß, daß man zu ihrer Verwaltung bereits einen Rendanten (mit

freier Wohnung und Heizung) hat ernennen müssen. Kannst Du raten, wer

dieser Rendant ist? -- Hör zu! Struve! -- Er ist in letzter Zeit etwas

religiös geworden -- ich sage etwas, weil es nicht viel ist, aber doch

hinreichend für seine kleinen Verhältnisse, denn nun wird er von den

Gläubigen protegiert. Das hindert ihn nicht, seine Zeitungsschreiberei

und sein Trinken fortzusetzen; aber sein Herz ist nicht weich; er ist

im Gegenteil erbittert auf alle, die dem Verfall entgangen sind, denn,

unter uns, er ist entsetzlich verkommen; deshalb haßt er Falk und Dich

und hat sich vorgenommen, Euch niederzuschlagen, sobald Ihr wieder

von Euch hören laßt. Um aber die Rendantenwohnung beziehen und die

Heizung verbrennen zu können, hat er sich trauen lassen müssen, was in

aller Stille oben auf dem Weißen Berge vor sich gegangen ist. Ich war

Trauzeuge (betrunken natürlich) und habe mir die Szene angesehen. Die

Frau hat sich ebenfalls auf das Gottesgnadentum geworfen, nachdem sie

erfahren hat, daß es vornehm ist. -- ~Lundell~ hat das religiöse

Gefühl völlig +ad acta+ gelegt und malt nur noch Bilder von

geschäftsführenden Direktoren, wodurch er Lehrer an der Kunstakademie

geworden ist. Er ist jetzt auch unsterblich, weil ein Bild von ihm sich

im Nationalmuseum befindet. Die Methode war sehr einfach und ist zur

Nachahmung zu empfehlen: Smith hat dem Museum ein von Lundell gemaltes

Genrebild geschenkt, dafür hat Lundell ihm gratis sein Porträt malen

müssen! -- Das ist fein? Was?

~Schluß eines Romans.~ Ich sitze eines Sonntags vormittags, in

der kurzen Stunde, wenn der Sabbatfriede nicht von den schrecklichen

Glocken gestört wird, in meinem Zimmer und rauche. Da klopft es an die

Tür, und herein kommt ein großer, hübscher Kerl, den ich zu kennen

glaube -- es ist Rehnhjelm. Gegenseitiges Examen. Er ist Verwalter

eines großen Betriebes und recht zufrieden mit seiner Welt. Es klopft

noch einmal. Herein kommt Falk (mehr von ihm weiter unten). Alte

Erinnerungen und gemeinsame Bekannte werden erörtert. Dann kommt der

bekannte Augenblick nach einem eifrigen Gespräch, wo es still wird und

eine sonderbare Pause entsteht! Rehnhjelm griff nach einem Buch, das

ihm gerade zur Hand lag, blätterte darin und begann laut zu lesen:

»›Ein Kaiserschnitt. Akademische Abhandlung, die mit Genehmigung der

hohen medizinischen Fakultät im kleinen Hörsaal des Gustavianums

öffentlich verteidigt wird.‹ Das sind ja schreckliche Figuren; wer ist

denn so unglücklich, daß er nach seinem Tode auf diese Weise umgehen

muß?«

»Sieh nach!« sagte ich, »das steht auf Seite zwei.«

Er las weiter:

»Das Becken, das unter Nr. 38 in der pathologischen Sammlung der

Akademie -- Nein, das war es nicht. Unverehelichte Agnes Rundgren.«

Der Mann wurde weiß wie Kalk und mußte aufstehen und Wasser trinken.

»Hast du sie gekannt?« fragte ich, um ihn etwas abzulenken.

»Ob ich sie gekannt habe! Sie war in X-köping am Theater und ist später

nach Stockholm gegangen in ein Restaurant, wo sie sich Beda Pettersson

nannte.«

Jetzt hättest Du Falk sehen müssen. Es gab eine Szene, die damit

endete, daß Rehnhjelm die Frauen im allgemeinen verfluchte, worauf Falk

sehr erregt erwiderte, es gebe zwei Arten von Frauen, darauf bitte er

aufmerksam machen zu dürfen, und zwischen Frauen und Frauen sei ein so

großer Unterschied wie zwischen Engeln und Teufeln. Und er sprach mit

solcher Rührung, daß Rehnhjelm die Tränen in die Augen traten.

Ja, Falk! Den habe ich mir bis zuletzt aufgehoben. Er hat sich verlobt!

Wie das zugegangen ist? Er selbst hat das folgendermaßen erzählt: »Wir

sahen uns!« Wie Du weißt, habe ich niemals fertige Ansichten, sondern

warte immer noch auf neue Erfahrungen, aber was ich bisher gesehen

habe, scheint unstreitig zu beweisen, daß die Liebe etwas ist, worüber

wir Junggesellen nicht urteilen können -- was wir mit diesem Namen

bezeichnen, ist nur Liederlichkeit! Lache nur, Du alter Spötter!

Das rote Zimmer · 第 24 / 25 段