Ich habe sonst nur in schlechten Theaterstücken eine so rasche

Charakterentwicklung gesehen wie damals bei Falk. Mit der Verlobung

ging es nicht sehr rasch, das mußt Du nicht denken. Der Vater war ein

alter Witwer, Egoist, Pensionär, der seine Tochter als ein Kapital

betrachtete: durch eine reiche Heirat sollte sie ihm ein angenehmes

Alter schaffen (ein sehr häufiger Fall). Er sagte rundheraus nein! Da

hättest Du Falk sehen sollen. Er ging ein Mal übers andere zu ihm und

wurde hinausgeworfen, aber er kam wieder und sagte dem Alten gerade ins

Gesicht, sie würden ohne seine Einwilligung heiraten, wenn er nicht

nachgebe; ich weiß nicht, aber ich glaube, sie haben sich geprügelt.

Dann eines Abends begleitete Falk seine Braut von Verwandten, bei denen

er sich eingeführt hatte, nach Hause. Als sie in die Straße kamen,

sahen sie beim Laternenschein den Alten im Fenster liegen -- er hat ein

kleines Haus in der Hornzollstraße, das er allein bewohnt. Falk rüttelt

an der Gartentür; er rüttelt eine Viertelstunde lang, niemand öffnet!

Er klettert über den Zaun, wird von einem großen Hund angefallen, den

er überwältigt und in den Müllkasten sperrt (denke Dir den ängstlichen

Falk); darauf zwingt er den Hausmann, aufzustehen und zu öffnen;

jetzt standen sie auf dem Hof; blieb noch die Haustür; er schlägt

mit einem großen Stein gegen die Tür, aber von innen hört man keinen

Laut. Da holt er aus dem Garten eine Leiter und klettert zum Fenster

des Alten hinauf (genau wie ich es selbst auch gemacht haben würde)

und ruft: Aufmachen, sonst schlage ich das Fenster ein! Da ertönt von

innen die Stimme des Alten: »Schlag, du Lümmel, dann schieße ich dich

nieder!« Falk schlug das Fenster ein. Es blieb eine Weile totenstill.

Schließlich hörte er durch die zerschmetterte Scheibe: »Das war

stilvoll (der Alte war Soldat gewesen)! Du bist mein Mann!« -- »Ich

schlage nicht gern Fenster ein,« sagte Falk, »aber für Ihre Tochter tue

ich alles!« und damit war die Sache in Ordnung.

Er verlobte sich! Du mußt bedenken, daß vor kurzem der Reichstag die

große Reorganisation der Ämter vorgenommen hat, wobei Gehälter und

Stellen verdoppelt wurden, so daß ein junger Mann sich schon in der

untersten Gehaltsklasse verheiraten kann! Er will im Herbst heiraten.

Sie bleibt Lehrerin, das ist sie nämlich! Ich weiß sehr wenig von der

Frauenfrage, denn sie geht mich nichts an, aber ich glaube, nach dem,

was ich gesehen habe, daß unsere Generation das Asiatische abschaffen

wird, das der Ehe noch anhaftet. Beide Parteien schließen einen freien

Vertrag, keiner gibt seine Selbständigkeit auf, keiner versucht den

andern zu erziehen, jeder lernt die Schwächen des andern respektieren,

und man hat eine Kameradschaft fürs Leben, die nicht dadurch langweilig

wird, daß der eine Teil auf Zärtlichkeit pocht. Frau Nikolaus Falk,

Du weißt, diese wohltätige Teufelin, halte ich für nichts anderes als

eine +femme entretenue+, und so sieht sie sich selbst auch an;

die meisten Frauen verheiraten sich, um es gut zu haben und nicht

mehr arbeiten zu müssen, um selbständig zu werden; daß so wenig Ehen

geschlossen werden, das ist die Schuld der Frau, aber auch die des

Mannes.

Falk aber ist undurchdringlich; er hat sich auf die Numismatik

geworfen mit einem Eifer, der nicht ganz natürlich ist, ja ich habe

ihn sogar neulich davon reden hören, er sei mit der Ausarbeitung eines

Lehrbuchs der Numismatik beschäftigt und wolle versuchen, es in den

Schulen einzuführen, wo die Münzenkunde Lehrfach werden solle; nie

liest er eine Zeitung; nie weiß er, was in der Welt passiert; und die

Schriftstellerei scheint er sich ganz aus dem Sinn geschlagen zu haben.

Er lebt nur für seinen Dienst und seine Braut, die er vergöttert; aber

ich glaube nicht an dies alles. Falk ist ein politischer Fanatiker,

der weiß, daß er verbrennen würde, wenn er der Flamme Spielraum gäbe,

deshalb löscht er sie durch strenge, trockne Studien aus; ich glaube

jedoch nicht, daß es ihm gelingt, denn wenn er sich derartig Zwang

antut, befürchte ich einmal eine Explosion; übrigens -- unter uns --

glaube ich, daß er einer der heimlichen Gesellschaften angehört, die

Reaktion und Militarismus auf dem Kontinent hervorgerufen haben. Als

ich ihn neulich im Reichstag sah, als Herold bei der Thronrede, im

roten Purpurmantel, mit der Feder am Barett und dem Stab in der Hand,

zu Füßen des Thrones (zu Füßen des Thrones!) -- da dachte ich: ja, es

ist eine Sünde, das zu sagen; als aber der Minister Seiner Majestät

des Königs gnädige Propositionen über Zustand und Bedürfnisse des

Reiches vorbrachte, da sah ich einen Blick in Falks Augen, der ungefähr

sagte: »Was weiß Seine Majestät von der Lage und den Bedürfnissen des

Reiches?« Der Mann, der Mann!

Nun habe ich wohl meine Rundschau beendet, ohne jemanden vergessen zu

haben. Leb also für diesmal wohl! Du wirst bald wieder von mir hören!

H. B.

Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig

August Strindberg

Ausgewählte Romane in fünf Bänden

Das Rote Zimmer

Die Leute auf Hemsö

Am offenen Meer

Die Gotischen Zimmer

Schwarze Fahnen

*

Ferner erschienen:

August Strindberg

Inferno

Berechtigte Übertragung von Chr. Morgenstern

*

Heiraten (Ehegeschichten)

*

In Vorbereitung:

Ausgewählte Dramen in fünf Bänden

Die Kronbraut / Schwanenweiß / Ein Traumspiel

Nach Damaskus

Totentanz / Der Vater / Fräulein Julie / Kameraden

Kammerfestspiele / Jahresfestspiele

Geschichtliche Dramen

August Strindberg

Ausgewählte Romane

[Illustration]

[Illustration: Buchdeckel]

Das rote Zimmer · 第 25 / 25 段