Postskriptum. Lieber Arvid, wenn Du mir bis zum 15. mit dreißig Kronen

helfen könntest, wärst Du sehr lieb, Du bekommst sie am 15. bestimmt

zurück, denn dann bekomme ich selber Geld. Ich bin sehr krank gewesen

und bin manchmal so traurig, daß ich sterben möchte. Die Mamsell im

Café war ein Unmensch, sie war eifersüchtig auf mich wegen des dicken

Berglund, deshalb bin ich da ausgetreten. Alles, was sie über mich

reden, ist nur Verleumdung und Lüge. Laß es Dir immer gutgehen und

vergiß nicht

Deine

Dieselbe.

Du kannst das Geld an Hulda im Café schicken, dann bekomme ich es.

Brief von Kandidat Borg an Journalist Struve.

Nämdö, August 18..

Konservativer Schurke!

Hast Du das Geld unterschlagen? Erstens habe ich keins zu sehen

bekommen, zweitens habe ich einen Mahnbrief von der Schuhmacherbank

erhalten. Denkst Du, man darf stehlen, weil »man Weib und Kind hat«?

Schreibe sofort, oder ich komme in die Stadt und mache Skandal!

Die Notiz habe ich gelesen, aber natürlich mußten Druckfehler drin

sein: da stand zoologische statt zootomische und Crypeaster statt

Clypeaster. Ich hoffe, sie hat trotzdem gewirkt.

Falk ist total verrückt geworden, seit er dieser Tage einen Brief von

Damenhand bekommen hat. Bald klettert er die Bäume hinauf, bald taucht

er auf den Meeresgrund hinunter. Das ist wahrscheinlich die Krisis, --

nachher werde ich vernünftig mit ihm reden.

Isaak hat seine Jacht verkauft, ohne mich um meine Zustimmung zu

fragen, weshalb wir momentan verfeindet sind; er liest jetzt das zweite

Buch Livius und ist im Begriff, eine Fischerei-Aktiengesellschaft zu

gründen.

Außerdem hat er ein Strömlingsnetz gekauft, eine Seehundsflinte, 25

Pfeifenschäfte, eine Lachsleine, zwei Barschnetze, einen Netzschuppen

und -- eine Kirche. Dies letzte klingt unglaublich, ist aber wahr!

Sie ist freilich von den Russen etwas angesengt worden (1719), aber

die Mauern stehen noch (die Gemeinde hat eine neue Kirche, die auf

die gewöhnliche Art benutzt wird; die alte diente als Speicher). Er

gedenkt sie der Akademie der Wissenschaften zum Geschenk zu machen, um

den Wasa-Orden zu bekommen. Man hat ihn schon für weniger gekriegt!

Sein Onkel, der Gastwirt ist, bekam den Wasa-Orden dafür, daß er die

Taubstummen mit Bier und Butterbrot traktierte, wenn sie im Herbst in

der Reitbahn waren. Das hat er sechs Jahre lang getan, aber schließlich

ist es geglückt. Jetzt bekommen die Taubstummen kein Butterbrot mehr,

ein Beweis, wie schädlich der Wasa-Orden ist.

Wenn ich den Kerl nicht ersäufe, ruht er nicht eher, bis er ganz

Schweden aufgekauft hat.

Raffe Dich jetzt auf und sei redlich, sonst komme ich über Dich wie

Jehu, und dann bist Du verloren.

H. B.

+P. S.+ Wenn Du Notizen über Badegäste in Dalarö schreibst, so

nenne mich und Falk (Assessor), aber nicht Isaak; ich beginne mich von

seiner Gesellschaft etwas geniert zu fühlen -- und da ging er hin und

verkaufte die Jacht.

Schicke mir ein paar Wechselformulare (blaue, Sola-) mit, wenn das Geld

kommt.

Brief von Kandidat Borg an Journalist Struve.

Nämdö, September 18..

Ehrenmann! Moneten eingetroffen! Schienen gewechselt zu sein, denn die

Baumeisterbank pflegt immer in Schonenschen Fünfzigkronenscheinen zu

zahlen. Nun! Einerlei!

Falk ist gesund und hat die Krise wie ein Mann überstanden; er hat

wieder Selbstgefühl bekommen, ein sehr wichtiges Organ für unser

Vorwärtskommen im Leben, das aber, wie die Statistik beweist, in hohem

Grade geschwächt ist bei Kindern, die ihre Mutter früh verlieren.

Ich habe ihm jetzt ein Rezept gegeben, das er akzeptiert hat, um so

mehr, als er selbst auf den Gedanken gekommen ist. Er kehrt zu der

Beamtenlaufbahn zurück -- ohne Geld von dem Bruder anzunehmen (das ist

seine letzte Dummheit, und ich kann sie nicht respektieren); kehrt

zurück in die Gesellschaft, registriert sich in die Herde ein, wird

respektabel, erlangt eine gesellschaftliche Stellung und hält den Mund

-- so lange, bis sein Wort Autorität hat. Dies letzte ist unbedingt

notwendig, wenn er weiterleben soll, denn er hat Anlage zum Wahnsinn

und würde verdunsten, wenn er sich nicht alle seine Ideen aus dem Kopf

schlüge, -- die ich im Grunde nicht verstehe; ich glaube auch nicht,

daß er selber sagen kann, was er eigentlich will.

Er hat die Kur schon angefangen, und ich staune über die Fortschritte,

die er macht. Er endet bestimmt in irgendeiner Hofcharge. So dachte

ich; jawohl! Aber da ist ihm jetzt ein Zeitungsblatt in die Hände

gefallen, und darin hat er von der Pariser Kommune gelesen. Sofort

bekam er einen Rückfall und fing wieder an, auf die Bäume zu klettern

-- doch es gab sich, und jetzt wagt er keine Zeitung mehr anzusehen. Er

hat jedoch kein Wort gesagt. Ihr könnt euch alle vor dem Mann in acht

nehmen, wenn er einmal fertig ist!

Isaak hat jetzt mit dem Griechischen angefangen! Er findet die

Lehrbücher sehr dumm und sehr lang, deshalb nimmt er sie auseinander

und schneidet das Wichtigste heraus; das klebt er in ein Kontobuch, das

er sich als Kompendium für das Abiturium eingerichtet hat.

Die zunehmenden Kenntnisse in den klassischen Sprachen machen ihn aber

frech und unangenehm. Er hat neulich beim Schach mit dem Pastor über

Religion zu disputieren gewagt und dabei behauptet, das Christentum sei

von den Juden erfunden, und alle Christen seien Juden. Das Lateinische

und Griechische ist ein Verderb! Ich fürchte, ich habe einen Lindwurm

an meinem bärtigen Busen genährt; wenn es so ist, so muß des Weibes

Same der Schlange den Kopf zertreten.

Adieu.

H. B.

+P. S.+ Falk hat sich seinen amerikanischen Bart abrasiert und

nimmt vor den Fischern nicht mehr den Hut ab.

Jetzt wirst Du aus Nämdö nichts mehr von uns hören; wir kehren am

Montag in die Stadt zurück.

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Genesung

Und es ist wieder Herbst; es ist ein klarer Novembermorgen, als

Arvid Falk sich von seiner jetzigen eleganten Wohnung in der Großen

Straße nach dem ....manschen Mädchenpensionat am Karlsmarkt begibt,

wo er als Lehrer für Schwedisch und Geschichte eintreten soll. Er

hat die Herbstmonate gut genutzt, um sich wieder in die zivilisierte

Gesellschaft hineinzufinden, und hat dabei erfahren, was für ein

Barbar er auf seinen Streifzügen geworden war; er hat seinen Räuberhut

abgelegt und sich einen neuen hohen angeschafft, der anfangs gar nicht

sitzen wollte; er hat sich Handschuhe gekauft, war aber so verwildert,

daß er, als das Fräulein im Laden nach seiner Nummer fragte, fünfzehn

antwortete, was einiges Lächeln bei den vielen Verkäuferinnen

hervorrief; die Mode hatte große Veränderungen durchgemacht, seit er

sich zuletzt einen Anzug gekauft hattet; er kommt sich vor wie ein

Stutzer, wenn er durch die Straßen geht, und spiegelt sich dann und

wann in den Schaufenstern, um zu sehen, ob alles ordentlich sitzt.

Jetzt geht er auf dem Trottoir vor dem Dramatischen Theater auf und ab

und wartet, daß die Uhr von Sankt Jakob neun schlagen soll; er fühlt

sich unruhig und erregt, ganz als solle er selber in die Schule gehen;

das Trottoir ist zu kurz, und er meint wie ein Hund an einer Kette

zu laufen, wenn er wieder und immer wieder in seinen Spuren umkehrt;

einen Augenblick denkt er ernstlich daran, die Promenade etwas weiter

auszudehnen, denn er weiß, daß man nach Lill-Jans kommt, wenn man die

Straße verfolgt, und er erinnert sich des Morgens, als das gleiche

Trottoir ihn aus der Gesellschaft, die er floh, zur Freiheit, zur Natur

und -- zur Sklaverei hinausführte.

Es wird neun Uhr! Er steht auf dem Flur; die Türen zur Aula sind

geschlossen; im Zwielicht sieht er so viele kleine Kleidungsstücke an

den Wänden umherhängen; Hüte, Boas, Häubchen, Kapuzen, Handschuhe,

Muffe liegen auf dem Tisch und in den Fensternischen, und auf dem

Fußboden stehen ganze Regimenter von Überschuhen. Aber es riecht nicht

nach feuchten Kleidern und nassem Leder wie im Vestibül des Reichstags

oder im Arbeiterverein Phönix, oder -- oh, da strich ein Duft wie von

frischgemähtem Heu vorbei -- der kam bestimmt von dem kleinen Muff, der

weiß ist wie ein Kätzchen mit schwarzen Flecken; blauseidenes Futter

hat er und hängende Quasten; er kann nicht umhin, ihn in die Hand zu

nehmen und das Parfüm +New-mown hay+ zu riechen -- aber da öffnet

sich die Flurtür, und herein kommt eine kleine Zehnjährige, von ihrem

Fräulein begleitet; sie sieht den Lehrer mit großen, unerschrockenen

Augen an und macht einen kleinen koketten Knix, den der Lehrer fast

verlegen mit einer Verbeugung erwidert, über die die kleine Schönheit

lächelt, und das Fräulein auch! Sie kommt zu spät, aber das scheint

sie nicht anzufechten, denn sie läßt sich von dem Fräulein Mantel und

Überschuhe mit so ruhiger Miene ausziehen, als komme sie zu einem Ball.

Da -- was dringen da für Töne aus dem Zimmer -- ihm klopft das Herz --,

was war das? -- Ah! Das war ja die Orgel! Hm! Die alte Orgel! Jawohl!

Und ein ganzes Heer von Kinderstimmen singt: »Jesus, laß mich stets

beginnen.« Ihm ist nicht ganz wohl, und er muß an Borg und Isaak

denken, um die Fassung wiederzugewinnen. Aber nun wird es noch

schlimmer. »Vater unser, der du bist im Himmel!« -- Herrgott, ja!

Das alte Vaterunser! Das ist lange her ... Es wird still, so still,

daß man das ganze Heer kleiner Köpfe sich aufrichten und Kragen und

Schürzen knistern hört, und dann öffnen sich die Türen, und ein ganzes

Blumenbeet junger Mädchen von acht bis vierzehn Jahren wogt hin und

her. Er wird verlegen und kommt sich fast wie ein ertappter Dieb vor,

als die alte Vorsteherin ihm die Hand reicht und ihn willkommen heißt;

da entsteht eine Bewegung im Blumenbeet, und es wird geflüstert, und

Blicke werden gewechselt, und es wird getuschelt und gezischelt.

Und jetzt sitzt er an dem einen Ende eines langen Tisches, umgeben

von zwanzig frischen Gesichtern mit frohen Blicken, zwanzig Kindern,

die das bitterste Leid des Erdenlebens, die Demütigungen der Armut,

nie kennen gelernt haben; und sie begegnen seinen Blicken keck und

neugierig, er aber ist verlegen, bis er sich zusammennimmt; bald

aber ist er sehr intim mit Anne-Charlotte und Georgine und Lisen und

Henny, und der Unterricht ist ein Vergnügen; fünf muß gerade sein,

und Ludwig +XIV.+ und Alexander sind wieder große Männer, wie

alle, die Erfolg gehabt haben, und die Französische Revolution war

ein entsetzliches Ereignis, das für den edlen Ludwig +XVI.+

und die tugendsame Marie Antoinette ein schlimmes Ende nahm, und

so ähnlich. Und als er dann nachher ins Amt für Heubelieferung der

Kavallerieregimenter ging, fühlte er sich ganz warm und verjüngt.

In dem besagten Kollegium, wo er den »Konservativen« las, saß er bis

elf Uhr, dann ging er in die Kanzlei für Branntweinfabrikation. Dort aß

er Frühstück und schrieb zwei Briefe -- an Borg und Struve.

Punkt eins ist er im Departement für Erbschaftssteuern. Dort

kollationiert er eine Vermögensaufnahme, an der er hundert Kronen

verdient, worauf er bis zum Mittagessen noch so viel Zeit hat,

Korrektur einer neu durchgesehenen Auflage des Forstgesetzes zu

lesen, die er herausgibt. Und so wird die Uhr drei. Wer dann über den

Ritterhausmarkt geht, wird auf der Brücke einem jungen Herrn begegnen,

der eine wichtige Miene aufsetzt und, mit Dokumentenrollen in den

Taschen, die Hände auf dem Rücken verkreuzt, gemächlich dahinwandert

neben einem alten, mageren, graugesprenkelten Herrn in den Fünfzigern.

Das ist der Aktuar aus dem Erbschaftsamt. Alle, die im Bereich der

Stadt sterben, müssen diesem Manne angeben, was sie besitzen; davon

erhebt er seine Prozente; einige sagen, das sei sein Amt, andere

meinen, er repräsentiere die Erde und müsse aufpassen, daß die

Gestorbenen nichts mit wegnehmen von hier, wo alles ein Darlehn ist --

ein zinsloses Darlehn! Jedenfalls ist er ein Mann, der sich mehr für

die Toten als für die Lebenden interessiert; deshalb fühlt Falk sich

in seiner Gesellschaft so wohl; daß er sich an Falk anschließt, hat

seinen Grund darin, daß dieser gleich ihm selber Münzen und Autographen

sammelt, und daß er so frei von Opposition ist, etwas so Ungewöhnliches

bei jungen Leuten. Nun gehen die beiden alten Freunde zu Rosengren,

wo sie ziemlich sicher davor sind, junge Leute zu treffen, und wo sie

über Numismatik und Autographie sprechen. Darauf trinken sie Kaffee auf

einem Sofa bei Rydberg und sehen Münzkataloge durch bis sechs Uhr; dann

kommt die Postzeitung, und sie lesen die Ernennungen. Sie fühlen sich

gegenseitig in ihrer Gesellschaft so glücklich, denn sie geraten nie

in Streit; Falk ist so frei von Ansichten, daß er der liebenswürdigste

Mensch geworden ist; daher ist er bei Vorgesetzten und Kollegen gleich

beliebt und geschätzt. Manchmal bleiben sie noch zusammen, essen

dann in der »Hamburger Börse« und trinken nachher einen Bittern,

vielleicht auch zwei, im Opernkeller. Wenn man sie dann um elf Uhr nach

Ladugaardsland hinaufpilgern sieht, Arm in Arm, so ist das wirklich ein

erfreuliches Bild. Er ist sehr oft zu Diners und Soupers in Familien

geladen, bei denen Borgs Vater ihn eingeführt hat; die Damen finden ihn

interessant, aber sie wissen nie, wie sie mit ihm dran sind, denn er

lächelt immer und sagt ihnen bisweilen reizende Bosheiten.

Wenn er aber das Familienleben und die gesellschaftliche Lüge satt

hat, dann geht er hinunter ins Rote Zimmer; dort trifft er den

schrecklichen Borg, seinen Bewunderer Isaak, seinen heimlichen

Feind und Neider Struve, der nie Geld hat, und den sarkastischen

Sellén, der nun allmählich beginnt, zum zweitenmal Glück zu haben,

nachdem all seine Nachahmer das Publikum an die neue Manier gewöhnt

haben. Lundell, der mit dem religiösen Gefühl Schluß gemacht hat,

als sein Altarbild vollendet war, lebt jetzt vom Porträtmalen, eine

Beschäftigung, die unendlich viele Einladungen zu Diners und Soupers

mit sich bringt, die er für das Studium der Charaktere für unerläßlich

erklärt; er ist ein fetter Epikuräer geworden, der nur immer dann ins

Rote Zimmer kommt, wenn er nassauern möchte. Olle, der noch immer

bei dem Ornamentbildhauer arbeitet und düster und menschenfeindlich

ist nach seiner großen Niederlage als Politiker und Redner, will die

Gesellschaft nicht »genieren«, sondern bleibt für sich. Falk ist feurig

und wild, wenn er ins Rote Zimmer kommt, und Borg meint, viel Ehre mit

ihm einzulegen; ja, er ist ein wirklicher Sappeur, dem nichts heilig

ist -- außer der Politik; an die rührt er nie. Aber sieht er dann,

wenn er zur Belustigung der andern seine Raketen abbrennt, auf der

andern Seite des Saales durch die Rauchwolken den düsteren Olle, so

wird er finster wie eine Nacht auf dem Meer und nimmt große Quantitäten

starker Getränke zu sich, als wolle er ein Feuer auslöschen oder

verbrennen. Jetzt aber hat Olle sich schon lange nicht mehr blicken

lassen.

Achtundzwanzigstes Kapitel

Von jenseits des Grabes

Der Schnee fällt so leicht, so leise, so weiß auf die neue

Königsholmbrücke, als Falk und Sellén abends an der Feuermühle und dem

Seraphimlazarett vorbeiwandern, um Borg ins Rote Zimmer abzuholen.

»Merkwürdig, was der erste Schnee für einen, ich will nicht gerade

sagen feierlichen Eindruck macht,« sagte Sellén. »Die schmutzige Erde

wird ...«

»Bist du sentimental?« unterbrach Falk höhnisch.

»Nein, ich äußerte mich nur als Landschaftsmaler.«

Sie gingen schweigend weiter durch den Schnee, der ihnen um die Füße

wirbelte.

»Der Königsholm mit seinen Lazaretten ist mir immer etwas unheimlich

vorgekommen,« bemerkte Falk.

»Bist du sentimental?« sagte Sellén höhnisch.

»Nein, das bin ich nicht, aber dieser Stadtteil macht immer einen

gewissen Eindruck auf mich.«

»Ach, Unsinn! Er macht gar keinen Eindruck; das ist ein Irrtum von dir!

Sieh, jetzt sind wir da, und bei Borg ist Licht. Mich soll wundern, ob

er heute abend ein paar nette Leichen hat.«

Sie standen jetzt vor der Pforte des Instituts; das riesige Gebäude

blickte mit seinen großen, dunklen Fenstern auf sie nieder, als wolle

es fragen, wen sie zu dieser späten Stunde suchten; sie wateten durch

den Gang an dem Rondell vorbei und betraten das kleine Gebäude rechts.

Ganz hinten im Saal saß Borg allein bei seiner Lampe und arbeitete an

dem Körper eines abgeschnittenen Gehängten, den er auf die furchtbarste

Art entstellt hatte.

»Guten Abend, Kinder,« sagte Borg und legte das Messer hin. »Wollt ihr

einen Bekannten sehen?«

Er wartete nicht auf die Antwort, die ausblieb, sondern steckte eine

Laterne an, griff nach seinem Überzieher und nahm ein Schlüsselbund in

die Hand.

»Ich hätte nicht gedacht, daß wir hier Bekannte haben,« sagte Sellén,

der den Humor nicht verlieren wollte.

»Kommt!« sagte Borg.

Sie gingen über den Hof nach dem großen Gebäude; die Tür kreischte

und schloß sich hinter ihnen, und der Stearinlichtstumpf, der bei dem

letzten Kartenspiel übriggeblieben war, warf seinen roten, machtlosen

Schein über die weißen Wände. Die beiden Fremden versuchten in Borgs

Gesicht zu lesen, ob es sich um einen Scherz handle, aber da stand

nichts geschrieben.

Jetzt bogen sie links in einen Korridor ein, in dem der Laut ihrer

Schritte widerhallte, als gehe jemand hinter ihnen her. Falk hielt sich

dicht hinter Borg, um Sellén im Rücken zu wissen.

»Hier!« sagte Borg und blieb mitten im Gang stehen.

Keiner sah etwas anderes als Wände. Aber man hörte ein Geräusch wie

einen sachten Regen, und ein sonderbarer Duft wie von einem feuchten

Gartenbeet oder einem Nadelwald im Oktober schlug ihnen entgegen.

»Rechts!« sagte Borg.

Die rechte Wand war aus Glas, und hinter ihr sah man drei weiße Körper

auf dem Rücken liegen.

Borg holte einen Schlüssel heraus, öffnete die Glastür und ging hinein.

»Hier!« sagte er und blieb vor dem zweiten von den dreien stehen.

Es war Olle! Er hatte die Arme über der Brust verkreuzt, als halte er

Mittagsschlaf; die Lippen hatten sich nach oben gezogen, so daß er zu

lächeln schien; im übrigen war er gut erhalten.

»Ertrunken?« fragte Sellén, der sich zuerst faßte.

»Ertrunken. -- Kennt einer von euch seine Kleider?«

An der Wand hingen drei traurige Hüllen, unter denen Sellén sofort die

richtige herausfand, eine blaue Joppe mit Matrosenknöpfen und eine

schwarze Hose mit weißen Knien.

»Bist du ganz sicher?«

»Ich muß doch meinen eigenen Rock kennen, -- den ich von Falk gepumpt

habe.«

Aus der Brusttasche der Joppe holte Sellén ein großes, sehr dickes

Notizbuch heraus, das von Wasser klebrig und mit grünen Algen behängt

war, die Borg enteromorph nannte. Er öffnete es beim Lichtschein und

sah den Inhalt durch -- ein paar verfallene Pfandscheine und ein Stoß

beschriebener Zettel, auf denen geschrieben stand: »An den, der es

lesen will!«

»Habt ihr jetzt genug gegafft?« sagte Borg. -- »Dann gehen wir nach der

Piperschen Mauer!«

Die drei Trauernden (Freunde war ein Wort, das nur von Lundell und

Levin angewendet wurde, wenn sie Geld haben wollten) konstituierten

sich in der nächsten Kneipe als Ausschuß des Roten Zimmers. Bei einem

flammenden Feuer im Ofen und einer Batterie starker Getränke begann

Borg die Verlesung der nachgelassenen Papiere, mußte aber dann und wann

Falks Fertigkeit als Autograph in Anspruch nehmen, denn das Wasser

hatte die Tinte verwischt, so daß es aussah, als habe der Schreiber

geweint, wie Sellén scherzhaft bemerkte.

»Still jetzt!« sagte Borg und trank seinen Grog mit einer Grimasse, daß

die Backenzähne zu sehen waren. »Jetzt fange ich an, und bitte mich

nicht zu unterbrechen!«

»An den, der es lesen will!

Daß ich mir jetzt das Leben nehme, ist mein Recht, um so mehr, als ich

damit in die Rechte keines andern Menschen eingreife, sondern vielmehr

einen glücklich mache, wie man es nennt; ein Arbeitsposten und 400

Kubikfuß Luft täglich werden frei.

Ich begehe diese Tat nicht aus Verzweiflung, denn ein denkender Mensch

verzweifelt nie, sondern ziemlich ruhigen Herzens; daß ein solcher

Schritt Erregung hervorrufen muß, wird man wohl verstehen; diese

Handlung aus Furcht vor dem, was hinterher kommt, aufzuschieben, vermag

wohl nur der Erdensklave, der diesen Vorwand sucht, um hierbleiben zu

dürfen, wo er es sicherlich nicht so schlecht gehabt hat. Ich fühle

mich befreit bei dem Gedanken, dies Dasein verlassen zu dürfen, denn

schlechter kann ich es nicht bekommen, wohl aber besser. -- Bekomme

ich überhaupt nichts, -- so ist der Tod an sich schon eine Seligkeit,

so groß wie die, nach schwerer körperlicher Arbeit in einem guten

Bett schlafen zu dürfen; wer beobachtet hat, wie dann der Körper sich

gewissermaßen in allen Gliedern löst und die Seele sich allmählich

fortstiehlt, der wird den Tod nicht fürchten.

Wenn die Menschen so viel Aufhebens von dem Tode machen, so liegt das

daran, daß sie sich zu tief in die Erde eingegraben haben, als daß sie

das Herausreißen nicht schmerzlich empfinden müssen. Ich habe mich

längst losgemacht; keine Familienbande, keine wirtschaftlichen, keine

staatsrechtlichen oder juristischen Bande halten mich, und ich gehe

von hinnen, weil ich ganz einfach die Lust zum Leben verloren habe.

Keineswegs will ich damit andere, denen es gutgeht, auffordern, zu

tun, was ich tue; sie haben ja keinen Grund dazu und können deshalb

meine Tat nicht beurteilen; ob sie feig ist oder nicht, darüber habe

ich nicht nachgedacht, denn das ist gleichgültig; übrigens ist es

eine Angelegenheit ganz privater Natur. Ich habe nie darum gebeten,

hierherkommen zu dürfen; folglich habe ich das Recht, zu gehen, wann es

mir paßt.

Warum ich gehe? Das hat viele und tiefe Gründe, und ich habe weder

die Zeit noch die Fähigkeit, sie hier auseinanderzusetzen. Deshalb

halte ich mich an die nächsten, die für mich und meine Tat besondere

Bedeutung haben.

In meiner Kindheit und Jugend war ich Arbeiter; ihr, die ihr nicht

wißt, was es heißt, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang zu arbeiten,

um dann in einen tierischen Schlaf zu versinken, ihr habt euch dem

Fluch des Sündenfalls entzogen -- denn es ist ein Fluch, zu fühlen,

wie die Seele in ihrem Wachstum stillsteht, während der Körper sich in

die Erde hineinwühlt. Geh hinter dem Ochsen her, der den Pflug zieht,

und laß tagaus, tagein das Auge an der grauen Erdscholle haften, so

wirst du schließlich vergessen, zum Himmel aufzublicken; steh mit dem

Spaten da und hebe in brennender Sonnenhitze einen Graben aus, und du

wirst empfinden, wie du in den sumpfigen Boden einsinkst und deiner

Seele das Grab gräbst. Das wißt ihr nicht, die ihr euch's den ganzen

Tag über wohl sein laßt und in einer müßigen Stunde zwischen Frühstück

und Mittag arbeitet, um dann eure Seelen im Sommer auszuruhen, wenn die

Felder grün sind, -- wenn ihr die Natur genießt wie ein Schauspiel,

das veredelt und erhebt. Für den Erdarbeiter ist die Natur so nicht

vorhanden; der Acker ist Brot, der Wald Holz, das Meer ein Waschfaß,

die Wiese Käse und Milch -- alles ist Erde ohne Seele. Als ich sah, daß

die eine Hälfte der Menschheit mit ihren Seelen, die andere mit ihren

Körpern arbeitete, da dachte ich anfangs, die Welt habe zwei Arten von

Menschen vorgesehen; aber dann kam die Vernunft und stellte das in

Abrede. Da empörte sich meine Seele, und ich beschloß, mich ebenfalls

dem Fluch des Sündenfalls zu entziehen -- und ich wurde Künstler.

Das rote Zimmer · 第 23 / 25 段