»Nimm dir ein Brötchen mit Hering!« sagte der Lange. »Wir wollen

Rydinger Kümmelkäse essen. -- Pst! Kellner! Mischung Blomberg!«

»Könnt ihr mir jetzt einen guten Rat geben?« versuchte Falk wieder;

»ich halte es bei dem Roten nicht länger aus und muß suchen ...«

»Pst! Kellner! Bergmanns Hartbrot! -- Trink doch, Falk, und rede keinen

Unsinn!«

Falk war aus dem Sattel geworfen und machte keine weiteren Versuche,

auf diese Art Linderung seiner geistigen Not zu finden; er schlug einen

andern nicht ungewöhnlichen Weg ein.

»Sagtest du, wir wollten trinken? Für mein Leben gern!«

Es floß wie Gift durch seine Adern, denn er war nicht an Alkohol am

Vormittag gewöhnt; aber er empfand ein wunderliches Wohlbehagen

bei den Essensgerüchen und dem Fliegengesumme und dem Duft des

halbverfaulten Blumenstraußes, der neben dem schmutzigen Tafelaufsatz

stand. Sogar die schlechte Gesellschaft mit der unsauberen Wäsche, den

fleckigen Anzügen und den ungekämmten Galgenphysiognomien harmonierte

so sehr mit seiner eigenen Erniedrigung, daß er eine wilde Freude

empfand.

»Gestern sind wir im Tiergarten gewesen und haben gesoffen!« sagte

der Dicke, um in der Erinnerung die verflossenen Genüsse noch einmal

durchzukosten.

Dagegen hatte Falk nichts einzuwenden, und seine Gedanken schlugen

sofort eine andere Richtung ein.

»Ist es nicht schön, einmal vormittags frei zu sein?« sagte der Lange,

der die Rolle des Versuchers übernommen zu haben schien.

»Ja, das ist schön,« antwortete Falk und wollte mit einem Blick durch

das Fenster seine Freiheit gewissermaßen messen, aber er sah nur eine

Feuerleiter und einen Müllkasten auf dem Hof, auf den nur der schwache

Widerschein des Sommerhimmels hinunterdrang.

»Jetzt trinken wir einen Schnaps! So! -- Ah! -- Nun, und der Triton?

Hahahaha!«

»Du mußt nicht lachen,« sagte Falk; »es werden so viele arme Leute

darunter leiden!«

»Was für arme Leute? Arme Kapitalisten? Hast du Mitleid mit Leuten,

die nicht arbeiten, sondern von ihrem Gelde leben? Nein, mein Junge,

du hast immer noch deine Vorurteile! Aber in der ›Hornisse‹ stand

eine lustige Geschichte von einem Großhändler, der der Kinderkrippe

Bethlehem 20000 Kronen geschenkt und dafür den Wasa-Orden bekommen

hatte; nun stellt sich aber heraus, daß es Triton-Aktien mit

solidarischer Haftung waren, und jetzt muß die Krippe Konkurs machen!

Ist das nicht köstlich? Die Aktiva bestehen aus fünfundzwanzig

Kinderbetten und einem Ölbilde eines unbekannten Meisters. Das ist doch

herrlich! Das Porträt wird auf fünf Kronen geschätzt! Ist das nicht

köstlich? Hahahaha!«

Falk fühlte sich von dem Thema, das er besser kannte als die andern,

unangenehm berührt.

»Nun, hast du gesehen, daß das ›Rotkäppchen‹ den Schwindel mit

Skönström entlarvt hat, der Weihnachten diese elenden Gedichte

herausgegeben hat?« sagte der Dicke. »Es war direkt erfreulich, einmal

ein wahres Wort über diesen Kerl zu lesen. Ich habe ihm in der ›Natter‹

ein paar Hiebe versetzt, daß es nur so pfiff.«

»Ja, aber du bist etwas ungerecht gegen ihn gewesen, seine Verse waren

nicht schlecht,« sagte der Lange.

»Schlecht? Sie waren doch viel schlechter als meine, die das

›Graumützchen‹ so heruntergerissen hat -- du erinnerst dich wohl!«

»Apropos, Falk, bist du im Tiergartentheater gewesen?« fragte der

Lange.

»Nein.«

»Schade!«

»Da grassiert jetzt die Lundholmsche Räuberbande! Das ist ein frecher

Lümmel, kann ich dir sagen. Er hatte der ›Natter‹ keine Billette

geschickt, und als wir gestern hingingen, schmeißt er uns raus! Das

soll er büßen! Willst du dir den Hund nicht vornehmen? Hier hast du

Papier und Bleistift. Erst schreibe ich! ›Theater und Musik. Das

Tiergartentheater.‹ Nun schreibst du.«

»Aber ich habe seine Truppe ja nicht gesehen!«

»Was tut das, zum Teufel? Hast du noch nie über etwas geschrieben, was

du nicht gesehen hast?«

»Nein, das habe ich nicht; ich habe Schwindel entlarvt, aber ich habe

nie Unschuldige angegriffen, und seine Truppe kenne ich nicht.«

»Oh, die ist elend! Lauter Pack!« bestätigte der Dicke. »Spitze deinen

Bleistift und stich ihn in die Ferse, was du so gut kannst!«

»Warum stecht ihr nicht selbst?« fragte Falk.

»Weil die Setzer unseren Stil kennen, und die pflegen abends da draußen

eine Rolle zu spielen. Übrigens ist Lundholm ein so jähzorniger Kerl,

der kommt sicher ins Büro gerast, und dann muß man es ihm unter die

Nase reiben können, daß es eine Meinungsäußerung eines Unparteiischen

ist! Ja, wenn Falk über Theater schreibt, so nehme ich mir die Musik

vor. Es ist doch in dieser Woche in der Kirche in Ladugaardsland ein

Konzert gewesen. -- Hieß er nicht Daubry mit y?«

»Nein, mit i,« antwortete der Dicke. »Vergiß nur nicht, daß er Tenor

war und das +Stabat mater+ gesungen hat!«

»Wie schreibt sich das?«

»Das können wir gleich nachsehen,« sagte der dicke Redakteur der

›Natter‹ und nahm einen Stoß schmieriger Zeitungen vom

Gasmesserschrank.

»Hier hast du das ganze Programm, und ich glaube, es steht auch eine

Rezension in der Zeitung.«

Falk konnte sich eines Lachens nicht erwehren.

»Es kann doch nicht eine Rezension drinstehen am selben Tag, wo die

Annonce erscheint?«

»Das kann es schon! Aber es ist nicht nötig, denn ich werde dies

französische Pack schon noch rezensieren. -- Nimm du dir nur die

Literatur vor, Dickus!«

»Schicken die Verleger der ›Natter‹ Bücher?« fragte Falk.

»Bist du verrückt?«

»Kauft ihr sie selbst, nur um das Vergnügen zu haben, sie zu

rezensieren?«

»Kaufen? -- Grünschnabel! Nimm dir noch ein Glas und mache ein heiteres

Gesicht, dann kriegst du ein Kotelett!«

»Ihr lest wohl die Bücher gar nicht, die ihr rezensiert?«

»Wer sollte denn Zeit haben, Bücher zu lesen, he? Genügt es nicht, daß

man darüber schreibt? Man liest die Zeitungen, das ist hinreichend!

Übrigens ist es unser Prinzip, alle runterzumachen!«

»Aber das ist doch ein dummes Prinzip!«

»Unsinn! Dadurch zieht man alle Gegner und Neider der Dichter auf seine

Seite -- und da hat man doch die Majorität. Die Neutralen lesen lieber

Grobheiten über andere als Lobesworte! Es liegt für den Unbeachteten

etwas Erbauliches und Tröstliches darin, zu sehen, wie dornenvoll der

Weg des Ruhms ist. Nicht wahr?«

»Ja, aber wie kann man so mit den Schicksalen der Menschen umgehen!«

»Oh, das tut Alten und Jungen sehr gut, das weiß ich, denn ich habe in

meiner Jugend nie etwas anderes als Grobheiten zu hören bekommen!«

»Aber ihr führt das Urteil des Publikums irre.«

»Das Publikum will gar kein Urteil haben, das Publikum will seine

Passionen befriedigt sehen. Wenn ich deinen Gegner lobe, windest du

dich wie ein Wurm und sagst, ich hätte kein Urteil; wenn ich deinen

Freund lobe, sagst du, ich habe Urteil! Nimm dir das letzte Stück des

Dramatischen Theaters vor, Dickus, das soeben veröffentlicht ist!«

»Bist du sicher, daß es schon erschienen ist?«

»Aber gewiß! Du kannst jedenfalls betonen, daß es keine Handlung hat;

daß man das sagt, ist das Publikum gewohnt; ferner kannst du dich über

die ›schöne Sprache‹ mokieren; das ist ein altes, gutes, abschätziges

Lob, und dann falle über die Direktion des Theaters her, die das Stück

angenommen hat; sprich auch davon, daß der sittliche Gehalt des Stückes

zweifelhaft ist, das kann man immer sagen; sage aber nichts über die

Aufführung, das ›verschieben wir auf ein andermal, aus Mangel an Raum‹,

kannst du hinzufügen, dann verhaust du dich nicht, weil du doch das

Zeug nicht gesehen hast.«

»Wer ist der Unglückliche, der dies Stück geschrieben hat?« fragte

Falk.

»Das weiß man noch nicht!«

»Denkt doch an seine Eltern und Geschwister; vielleicht lesen sie diese

Dinge, die ja höchst ungerecht sein können.«

»Nun, was haben sie mit der ›Natter‹ zu tun? Sie wollten doch sicher

etwas Abfälliges über ihre Gegner lesen; sei überzeugt: sie wissen

genau, was die ›Natter‹ zu enthalten pflegt.«

»Ihr habt also kein Gewissen?«

»Hat das Publikum, das geehrte Publikum, das uns unterhält, Gewissen?

Meinst du, wir würden leben, wenn sie uns nicht hielten? Willst du

einen Erguß über den augenblicklichen Stand der Literatur hören, den

ich geschrieben habe? Er ist nicht dumm, das kann ich dir sagen! Ich

habe einen Abzug bei mir! Aber wir wollen erst ein Glas Porter trinken!

Kellner! Pst! -- Paß jetzt auf, dann sollst du was hören! Du kannst es

auch auf dich beziehen, wenn du willst!«

»Seit langer Zeit hat man nicht solchen Jammer in der schwedischen

Versfabrik gehabt; es ist ein Gewimmer, das zum Verzweifeln ist;

große, ausgewachsene Männer winseln wie Katzen im März! Und diese

Leute wollen, wenn sie auf andere Art nicht imstande dazu sind,

das Interesse der Welt durch Bleichsucht und Polypen erregen; mit

Schwindsucht wagen sie nicht zu kommen, das ist zu alt. Dabei haben

sie einen Rücken so breit wie Bierwagenpferde und ein Gesicht so rot

wie ein Weinzapfer. Da jammert einer über die Untreue des Weibes, der

nie etwas anderes kennen gelernt hat als die bezahlte Treue der Hure;

und jener andere, der da schreibt, er habe kein Gold, er habe nur

seine Leier -- so ein Lügner --, der hat fünftausend Kronen Zinsen

jährlich und Anwartschaft auf einen Sitz in der Schwedischen Akademie.

Und dieser treulose, zynische Spötter, der seinen Mund nicht auftun

kann, ohne unreinen Atem auszustoßen, der predigt Gottseligkeit. Ihre

Poesien sind nicht um ein Haar besser, als sie vor dreißig Jahren für

Pastorentöchter in Gitarrenmusik gesetzt wurden; sie sollten für den

Zuckerbäcker schreiben, für zwölf Pfennig den Zoll, nicht aber von

Verlegern, Druckern und Rezensenten verlangen, sie zu Dichtern zu

machen! Worüber schreiben sie? Über nichts, das heißt über sich selbst!

Es ist unpassend, von sich selbst zu sprechen, aber schreiben darf man!

Worüber jammern sie? Über ihre Unfähigkeit, Erfolg zu haben. Erfolg!

Das ist das Wort! Hätten Sie einem einzigen Gedanken Ausdruck gegeben,

der in irgendeinem andern, in der Epoche, in der Gesellschaft Wurzel

schlüge; hätten sie ein einziges Mal sich zum Sprecher der Elenden

gemacht, so sollten ihre Sünden ihnen verziehen sein, aber das haben

sie nicht getan; deshalb sind sie ein tönendes Erz -- nein, wie ein

gellendes Eisen und eine zersprungene Narrenschelle -- denn sie haben

Liebe nur für die nächste Auflage von Bjurstens Literaturgeschichte,

für die Schwedische Akademie und sich selbst! -- Das ist scharf! Was?«

»Das ist ungerecht, finde ich,« sagte Falk.

»Ich finde es forsch,« sagte der Dicke. »Du mußt jedenfalls zugeben,

daß es gut geschrieben ist. Nicht wahr? Der Lange hat eine Feder, die

durch Sohlleder geht!«

»Haltet jetzt den Mund, Jungens, und schreibt, dann kriegt ihr nachher

Kaffee und Kognak!«

Und sie schrieben über Wert und Unwert der Menschen und knickten

Herzen, wie man Eier zerschlägt.

Falk hatte ein unbeschreibliches Verlangen nach frischer Luft; er

öffnete das Fenster nach dem Hof, aber es war ein so hoher, schmaler,

dunkler Hof, in dem man sich wie in einem Grabe fühlte, und wo man nur

ein Viereck vom Himmel sehen konnte, wenn man den Kopf nach hinten bog.

Und er hatte auch das Gefühl, tief unten in seinem Grabe zu sitzen,

mitten in Branntweindunst und Speisengerüchen, im Begriff, seine

Jugend, seine guten Vorsätze und seine Ehre zu Grabe zu trinken; er

versuchte an dem Flieder zu riechen, der auf dem Tisch stand, aber der

verbreitete nur einen Duft von Fäulnis; er versuchte noch einmal durch

das Fenster irgendeinen Gegenstand zu erspähen, der ihm keinen Ekel

einflößte; doch er sah nur den frischgeteerten Müllkasten, der dastand

wie ein Sarg mit seinem Inhalt von weggeworfenen Zieraten, ausgedienten

Gebrauchsgegenständen; er ließ seine Gedanken die Feuerleiter

hinaufklettern, die aus Schmutz und Gestank und Schande direkt in den

blauen Himmel zu führen schien, aber da stiegen keine Engel auf und

nieder, und hoch oben war kein freundliches Gesicht zu sehen, nur das

leere blaue Nichts.

Falk faßte die Feder und begann die Buchstaben in der Überschrift

»Theater« zu schraffieren, als eine kräftige Hand ihn beim Arm faßte

und eine energische Stimme sagte:

»Komm mit, ich muß mit dir sprechen!«

Falk blickte auf, betroffen und beschämt. Borg stand neben ihm und

schien ihn nicht loslassen zu wollen.

»Darf ich vorstellen ...«, begann Falk.

»Nein, das darfst du nicht,« unterbrach Borg; »mit Branntweinliteraten

möchte ich nicht bekannt werden. Komm nur mit!«

Und er zog Falk mit nach der Tür, unwiderstehlich.

»Wo ist dein Hut? So! Komm jetzt nur!«

Sie waren draußen auf der Straße; Borg faßte ihn unter und führte ihn

nach dem Eisenmarkt; dort zog er ihn in einen Laden für Schiffsartikel

und kaufte ein Paar Segelschuhe, darauf schleppte er ihn über die

Schleuse nach dem Hafen hinunter; da lag ein Kutter vertäut, fertig zur

Abfahrt; auf dem Kutter saß der junge Levi, studierte eine lateinische

Grammatik und aß ein Butterbrot.

»Hier«, sagte Borg, »siehst du den Kutter Uria; das ist ein häßlicher

Name, aber er fährt gut und ist beim Triton versichert; da sitzt der

Reeder des Schiffes, der Judenjunge Isaak, und lernt Rabes Grammatik

-- der Idiot möchte studieren --, und nun bist du sein Lehrer für den

Sommer; und jetzt fahren wir nach unserer Sommerfrische auf Nämdö. Alle

Mann an Bord! Keine Widerrede! -- Fertig? -- Abfahrt!«

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Briefwechsel

Brief von Kandidat Borg an Journalist Struve

Nämdö, Juni 18..

Alter Skandalschreiber!

Da ich ganz sicher bin, daß weder Du noch Levin Eure Abschlagszahlungen

auf unser Darlehn in der Schuhmacherbank geleistet habt, so schicke ich

hiermit einen Schuldschein für ein neues Darlehn in der Baumeisterbank.

Das wenige, was nicht für die Abschlagszahlungen draufgeht, ist

christlich zu teilen; meinen Anteil bitte ich mir mit dem Dampfer nach

Dalarö zu schicken, wo ich ihn mir abhole.

Bruder Falk habe ich jetzt einen Monat lang in meiner Behandlung

gehabt, und ich glaube, er ist auf dem Wege der Besserung. Du erinnerst

dich, daß er uns unmittelbar nach dem Olaischen Vortrag verließ und,

statt sich seinen Bruder und seine Beziehungen zunutze zu machen,

in die »Arbeiterfahne« eintrat, wo er für fünfzig Kronen monatlich

mißhandelt wurde. Die freiheitliche Luft in der Kindstustraße muß

aber demoralisierend auf ihn gewirkt haben, denn er begann bessere

Leute zu meiden und sich schlecht zu kleiden. Ich hatte jedoch die

ganze Zeit ein Auge auf ihn mit Hilfe der bewußten Dirne Beda, und

als ich ihn für reif hielt, diese Kommunardbeziehungen abzubrechen,

habe ich ihn geholt. Ich traf ihn in der Kneipe Stern, wo er mit zwei

Skandalschreibern saß und Schnaps trank -- ich glaube, sie schrieben

auch! Sein Zustand bei dieser Abholung war, was ihr traurig nennen

würdet! Wie du weißt, betrachte ich die Menschen mit dem Blick

absoluter Gleichgültigkeit; ich nehme sie als geologisches Präparat,

als Mineralien; einige kristallisieren in dem einen System, andere

in einem andern; warum sie das tun, ja, das hängt von Gesetzen

oder Umständen ab, denen gegenüber wir uns gleichgültig verhalten

müssen; ich weine nicht über den Kalkspat, weil er nicht hart ist wie

Bergkristall; deshalb kann ich Falks Lage auch nicht traurig nennen;

sie ist ganz einfach das Produkt seines Temperaments (seines Herzens,

wie ihr sagt), plus der Umstände, die sein Temperament hervorgerufen

hat. Immerhin war er in diesem Falle etwas »+down+«. Ich brachte

ihn an Bord, und er verhielt sich passiv. Aber gerade als wir

losgemacht hatten und Fahrt bekamen, drehte er sich um, und da, ich

weiß nicht, wie sie dahingekommen ist, stand die bewußte Beda am Ufer

und winkte. Da wurde der Mann toll; er wolle an Land, schrie er, und

drohte, ins Wasser zu springen. Ich nahm ihn beim Arm und steckte ihn

in die Kajüte, worauf die Tür verschlossen wurde. Als wir an Vaxholm

vorbeifuhren, gab ich zwei Briefe zur Post, einen an den Redakteur

der »Arbeiterfahne« mit der Bitte, Falks dauerndes Ausbleiben zu

entschuldigen, den andern an seine Wirtin, mit dem Ersuchen, seine

Kleider hierher zu schicken.

Inzwischen beruhigte er sich, und als er das große Wasser und die

Schären erblickte, wurde er sentimental und redete eine ganze Masse

Unsinn, wie: er habe nicht geglaubt, Gottes (!) grüne Erde noch

einmal wiederzusehen und so weiter. Dann aber überkam ihn eine Art

Gewissensbisse. Er glaubte nicht das Recht zu haben, so glücklich

zu sein und so in Muße genießen zu dürfen, wo so viele Menschen

unglücklich seien; er meinte, seine Pflicht gegen den Lumpen von der

»Arbeiterfahne« versäumt zu haben, und wollte umkehren; er erklärte auf

meine schreckliche Beschreibung seiner letzten Zeit, es sei die Pflicht

der Menschen, füreinander zu leiden und zu arbeiten. Diese Ansicht

hat bei ihm einen religiösen Charakter angenommen. (Ich habe sie aber

jetzt mit Selterwasser und Seebädern beseitigt.) Der Mann schien ganz

kaputt zu sein, und ich habe viel Mühe gehabt, ihn zu kurieren, denn

psychisch und physisch war hier schwer zu unterscheiden. Ich muß sagen:

in gewisser Beziehung erregt er meine Verwunderung -- bewundern tue ich

nie. -- Es muß eine besondere Manie sein, die ihn treibt, genau gegen

seine Interessen zu handeln. Denke doch, wie gut er es gehabt hätte,

wenn er in seiner ruhigen Beamtenkarriere geblieben wäre, besonders da

der Bruder versprochen hatte, ihm in diesem Falle mit einer größeren

Summe zu helfen. Statt dessen geht er hin und vertut sein Ansehen und

wird der Sklave eines rohen Arbeiters -- alles um der Ideen willen!

Das ist zu wunderlich!

Jetzt scheint er jedoch in der Besserung zu sein, besonders nach der

letzten Lektion. Kannst du Dir denken, er hat den Fischer hier draußen

Herr genannt und hat den Hut vor ihm abgenommen. Außerdem hat er sich

in kleine kordiale Unterhaltungen mit der Bevölkerung eingelassen und

wollte sich informieren, wie sie lebten. Die Folge war, daß der Fischer

es mit der Angst bekam und eines schönen Tages mich fragte, ob »dieser

Falk« seine Miete selber bezahlen, oder ob der Herr Doktor (ich) das

tun werde! Ich erzählte es Falk, und er war traurig, wie immer, wenn

er seine gute Meinung von etwas verliert. Einige Zeit darauf sprach

er über das allgemeine Wahlrecht mit dem Fischer; die Folge war, daß

dieser zu mir kam und fragte, ob Falk in schlechten Verhältnissen sei.

In den ersten Tagen ist er hier am Strande umhergelaufen und hat sich

wie ein Irrsinniger benommen; manchmal hat er lange Schwimmtouren

gemacht, als wolle er überhaupt nicht wieder umkehren, und da ich den

Selbstmord stets für eins der heiligsten Rechte des Menschen gehalten

habe -- denn er hat diese Gabe von der Natur empfangen --, so habe ich

nicht in seine Gewohnheiten eingegriffen. Isaak erzählte, Falk habe

ihm sein Herz ausgeschüttet über diese Nymphe Beda, die ihn gründlich

hineingelegt zu haben scheint.

Übrigens Isaak, das ist ein feiner Kopf, kann ich Dir sagen. Er hat

sich in einem Monat den Rabe einverleibt und liest den Cäsar, wie wir

das »Graumützchen« lesen, und was mehr ist, er weiß, was drinsteht,

was wir nie gewußt haben. Aber sein Kopf ist im Grunde rezeptiv, das

heißt empfänglich, und dabei berechnend, und das ist eine Gabe, mit

der mancher ein Genie geworden ist, obwohl er ein Dummkopf war. Seine

praktische Veranlagung muß sich bisweilen Luft machen, und wir hatten

neulich ein glänzendes Beispiel seines kaufmännischen Talents. Ich

bin über seine pekuniäre Lage nicht orientiert, denn er ist in dieser

Beziehung sehr geheimnisvoll, aber eines Tages legte er eine gewisse

Unruhe an den Tag, denn er hatte ein paar hundert Kronen zu bezahlen.

Da er sich nicht an den Bruder im Triton wenden konnte, mit dem er

gebrochen hat, so kam er zu mir. Ich konnte ihm nicht helfen. Da nahm

er einen Briefbogen und schrieb einen Brief, den er durch Eilboten

befördern ließ; darauf war es einige Tage still.

Vor dem Hause, in dem wir wohnen, stand ein schönes Eichengehölz, das

angenehmen Schatten gab und zugleich Schutz vor den Seewinden bot.

Ich verstehe mich im allgemeinen nicht auf Bäume und Natur, aber ich

liebe Schatten, wenn es heiß ist. Eines Morgens, als ich das Rouleau

aufzog, fand ich mich nicht zurecht. Der Fjord lag frei vor den

Fenstern, und eine Kabellänge vom Lande war eine Jacht verankert. Das

ganze Eichengehölz war gefällt, und auf einem Baumstumpf saß Isaak,

studierte Euklid und zählte die Bäume, die auf die Jacht gebracht

wurden. Ich weckte Falk; er war verzweifelt und wütend und geriet in

einen Wortwechsel mit Isaak, der bei diesem Geschäft tausend Kronen

in die Tasche steckte. Der Fischer bekam zweihundert -- er hatte

nicht mehr verlangt. Ich war wütend -- nicht wegen der Bäume, sondern

weil ich nicht selber auf diese Idee gekommen war. Falk sagt, es sei

unpatriotisch, Isaak aber behauptet, die Aussicht sei viel besser, nun

da »dies Gestrüpp« entfernt sei, und er gedenkt in der nächsten Woche

sich ein Boot zu nehmen und die Nachbarinseln zu dem gleichen Zweck zu

besuchen. Die Frau des Fischers hat den ganzen Tag geweint, doch der

Alte fuhr nach Dalarö, um ihr ein hübsches Kleid zu kaufen; er blieb

zwei Tage lang weg, und als er wiederkam, war er besoffen, aber das

Boot war leer, und als seine Frau nach dem Stoff fragte, erklärte der

Alte, er habe ihn vergessen.

Adieu einstweilen! Schreibe bald und erzähle ein paar

Skandalgeschichten, und besorge das mit dem Darlehn gut!

Dein Todfeind und Bürge

H. B.

+P. S.+ Ich habe aus den Zeitungen ersehen, daß man im Begriff

ist, eine Beamtenbank zu gründen. Wer wird da Geld hineinstecken?

Behalte das jedenfalls im Auge, dann können wir später ein Papierchen

anbringen.

Bitte die folgende Notiz hinsichtlich meiner bevorstehenden Promotion

ins »Graumützchen« zu lancieren:

Wissenschaftliche Entdeckung. +Cand. med.+ Henrik Borg,

einer unserer jüngeren, bedeutenderen Ärzte, hat bei seinen

zootomischen Forschungen in den Stockholmer Schären eine neue Art

der Familie +Clypeaster+ entdeckt, der er den sehr treffenden

Namen +maritimus+ gegeben hat. Der Charakter läßt sich kurz

folgendermaßen bestimmen: Hautplatten in fünf mit Poren durchbohrten

Ambulacralfeldern und fünf Interambulacralfelder mit Knöpfen an

Stelle der Stacheln. Das Tier hat in der gelehrten Welt lebhafte

Aufmerksamkeit erregt.

Brief von Arvid Falk an Beda Petterson.

Nämdö, August 18..

Wenn ich am Meeresstrande wandere und sehe, wie der Weiderich aus

Schreibsand und Kieselsteinen emporsprießen kann, denke ich daran, wie

Du einen ganzen Winter lang in einem Krug in der Neuen Straße blühen

konntest.

* * * * *

Ich kenne nichts Lieblicheres, als lang ausgestreckt auf den

Strandklippen zu liegen und zu fühlen, wie die Gneisscherben meine

Rippen kitzeln, während ich aufs Meer hinausschaue; denn dann werde ich

hochmütig und fühle mich als Prometheus, aber der Geier -- das bist Du

-- muß in einem Federbett in der Sandbergstraße liegen und Quecksilber

schlucken.

* * * * *

Am Tang hat man keine Freude, wenn er auf dem Meeresgrunde wächst;

kommt er aber an Land und vermodert, dann riecht er nach Jod, das ist

gut für die Liebe, und nach Brom, und das ist gut für Verrücktheit.

Es gab keine Hölle auf Erden, bevor das Paradies ganz fertig war, das

heißt bevor das Weib kam! (Alt!)

* * * * *

Weit draußen im Meer wohnt ein Eiderpaar in einer ausgesetzten

Schnupftabakkiste. Wenn man weiß, daß die Eider zwei Fuß zwischen den

Flügelspitzen messen, so muß man an ein Wunder denken -- und die Liebe

ist ein Wunder! Ich habe jetzt in der ganzen Welt nicht mehr Platz!

Brief von Beda Pettersson an Assessor Falk.

Stockholm, August 18..

Geliebter Freund!

Ich erhielt Deinen Brief gerade eben, aber ich kann nicht sagen, daß

ich ihn verstanden habe; aber ich hörte, daß Du denkst, ich bin in der

Sandbergstraße, aber das ist eine ewige Lüge, und ich kann mir wohl

denken, daß dieser Lump sie verbreitet hat, es ist eine ewige Lüge,

und ich beteure, daß ich Dich noch ebensosehr liebe wie früher, ich

sehne mich oft danach, Dich zu sehen, aber das wird wohl so bald nicht

geschehen.

Deine getreue Beda.

Das rote Zimmer · 第 22 / 25 段