Und sie legten sich in den Kleidern auf die Bodenfüllung, nachdem sie

mit Stücken Malerleinwand und alten Skizzen ein Lager hergerichtet

hatten, und schoben sich beide ihre Brieftasche unter den Kopf. Olle

machte Feuer, holte einen Stearinkerzenstummel aus der Hosentasche und

stellte ihn neben sich auf den Fußboden; ein schwacher Lichtschein

irrte in dem großen leeren Atelier umher und schien den Massen von

Finsternis, die sich durch die kolossalen Fenster hereinstürzen

wollten, heftigen Widerstand entgegenzusetzen.

»Es ist kalt heute abend,« sagte Olle und holte ein schmieriges Buch

heraus.

»Kalt! Aber nein! Es sind zwanzig Grad draußen, da sind hier im Zimmer

mindestens dreißig, wo wir so hoch wohnen. Wie spät mag es wohl sein?«

»Mir war, als hätte es vorhin von Johannis eins geschlagen.«

»Johannis? Die haben gar keine Uhr! Die sind so arm, daß sie sie

versetzt haben.«

Eine lange Pause entstand, die erst von Sellén unterbrochen wurde.

»Was liest du, Olle?«

»Das ist egal!«

»Ist das egal? Mußt du nicht höflich sein, wenn du zu Besuch bist?«

»Es ist ein altes Kochbuch, das Ygberg mir geliehen hat.«

»Nein, Teufel auch, das ist es? Oh, dann wollen wir etwas lesen; ich

habe heute nichts gegessen als eine Tasse Kaffee und drei Glas Wasser!«

»Was willst du denn haben?« sagte Olle und blätterte in dem Buch.

»Willst du ein Fischgericht haben? Weißt du, was Mayonnaise ist?«

»Mayonnaise? Nein! Lies das! Das klingt gut!«

»Also hör zu. Nummer 139, Mayonnaise. Butter, Mehl und etwas englischer

Senf werden geschwitzt und mit guter Bouillon verquirlt. Wenn es kocht,

werden einige Eigelb hineingequirlt, worauf die Soße erkalten muß ...«

»Nein, zum Teufel, davon wird man nicht satt ...«

»Oh, es ist noch nicht zu Ende. Feines Speiseöl, Weinessig, etwas Sahne

und weißen Pfeffer -- ja, jetzt sehe ich, daß es nichts taugt. Willst

du etwas Kräftigeres haben?«

»Schlage Kohlrollen auf; das ist mein Leibgericht!«

»Nein, ich kann nicht mehr laut lesen, laß mich!«

»Ach, lies doch!«

»Nein, laß mich jetzt in Ruh!«

Es wurde wieder still. Dann erlosch das Licht, und es wurde ganz

dunkel.

»Gute Nacht, Olle! Deck dich gut zu, damit du nicht frierst!«

»Womit soll ich mich zudecken?«

»Ja, das weiß ich nicht! Findest du dies Dasein nicht herrlich?«

»Ich möchte wissen, warum man sich nicht das Leben nimmt, wenn es so

kalt ist.«

»Das darf man nicht. Ich finde es interessant, zu sehen, wie es

schließlich kommt.«

»Hast du Eltern, Sellén?«

»Nein, ich bin unehelich; und du?«

»Ja! Aber das ist egal!«

»Du mußt der Vorsehung dankbar sein, Olle! Man muß der Vorsehung immer

dankbar sein -- obwohl ich nicht weiß, was es eigentlich für einen

Zweck hat! Es muß wohl so sein!«

Es wurde wieder still; diesmal war Olle der Störenfried.

»Schläfst du?«

»Nein, ich liege und denke an die Gustav-Adolf-Statue; willst du

glauben, daß ...«

»Frierst du nicht?«

»Frieren? Hier ist es doch so warm!«

»Mein rechter Fuß ist ganz abgestorben!«

»Zieh dir den Farbenkasten über und stopfe die Pinsel neben dich, dann

wird es besser.«

»Glaubst du, daß je ein Mensch es so schwer gehabt hat wie wir?«

»Schwer? Haben wir es schwer? Wir haben doch ein Dach überm Kopf!

Es gibt Professoren der Akademie, mit Dreimaster und Degen, die es

viel schlechter haben. Professor Lundström hat den halben April im

Hopfenparktheater geschlafen! Das finde ich stilvoll! Er hatte die

ganze linke Loge für sich, und er behauptet, es sei nach ein Uhr nachts

nicht ein Parkettplatz freigewesen, im Winter immer gut besucht, aber

im Sommer schlecht! Gute Nacht, du, jetzt schlafe ich!«

Und Sellén schnarchte. Olle jedoch stand auf und ging im Zimmer hin und

her, bis es im Osten hell wurde; da erbarmte der Tag sich seiner und

schenkte ihm die Ruhe, die die Nacht ihm nicht gegönnt hatte.

Fünfundzwanzigstes Kapitel

In letzter Stunde

Und der Winter verging, langsam für die Unglücklichen, schneller für

die weniger Unglücklichen. Und der Frühling kam mit seinen zunichte

gewordenen Hoffnungen auf Sonne und Grün, bis der Sommer da war als

eine kurze Vorbereitung auf den Herbst.

Eines Maimorgens ging der Schriftsteller Arvid Falk in glühender

Sonnenhitze über die Schiffsbrücke nach der Redaktion der

»Arbeiterfahne« und sah zu, wie am Hafen die Schiffe aus- und

eingeladen wurden. Sein Äußeres war nicht so gepflegt wie früher,

sein schwarzes Haar länger, als die Mode guthieß, und sein Bart a la

Henri +IV.+ gewachsen, was seinem abgemagerten Gesicht einen fast

wilden Ausdruck gab. Seine Augen brannten in einem unheilverkündenden

Feuer, das den Fanatiker oder den Trinker zu verraten pflegt. Er schien

unter den Schiffen zu wählen, konnte sich aber schwer entschließen.

Nach langem Zögern trat er auf einen Matrosen zu, der einen Karren mit

Warenballen auf eine Brigg rollte. Er lüftete höflich den Hut.

»Wollen Sie mir bitte sagen, wohin dies Schiff geht?« fragte er

schüchtern, obwohl er in einem sehr kühnen Ton zu sprechen glaubte.

»Schiff? Ich sehe kein Schiff!«

Und die Umstehenden lachten.

»Aber wenn Sie wissen wollen, wohin die Brigg geht, so lesen Sie da!«

Falk fühlte sich aus der Fassung gebracht, stachelte sich aber selber

auf und fuhr in heftigem Ton fort:

»Können Sie auf eine höfliche Frage nicht eine höfliche Antwort geben?«

»Sie? Scher dich zur Hölle und steh nicht herum und schimpfe! --

Aufgepaßt!«

Das Gespräch war zu Ende, und Falk faßte endlich einen Entschluß.

Er machte kehrt, ging durch eine Gasse über den Kaufmannsmarkt

und bog in die Kindstustraße ein. Hier blieb er vor der Tür eines

schmutzigen Hauses stehen. Wieder zögerte er, denn seine Hauptsünde,

die Unentschlossenheit, konnte er nicht überwinden. Da kam ein

kleiner, zerlumpter, schielender Bengel gelaufen, die Hand voll langer

Korrekturfahnen, und wollte an Falk vorbei, als dieser ihn anhielt.

»Ist der Redakteur oben?« fragte er.

»Ja, er ist schon seit sieben Uhr da,« antwortete der Junge außer Atem.

»Hat er nach mir gefragt?«

»Ja, schon mehrmals!«

»Ist er böse?«

»Ja, das ist er immer!«

Und der Junge schoß wie ein Pfeil die Treppen hinauf. Falk aber

folgte ihm unmittelbar und betrat das Redaktionszimmer. Es war ein

Loch mit zwei Fenstern nach der dunklen Straße; vor jedem stand ein

ungestrichener Holztisch mit Papier, Federhaltern, Zeitungen, Schere

und Leimflasche.

An dem einen Tisch saß unser alter Freund Ygberg, in einem zerlumpten

schwarzen Gehrock, und las Korrektur; an dem andern Tisch, der Falk

gehörte, saß ein Herr in Hemdärmeln, mit einer schwarzseidenen Mütze

auf dem Kopf, ähnlich wie die Kommunards sie tragen. Sein Gesicht war

mit einem roten Vollbart bewachsen, und seine untersetzte Gestalt mit

den groben Formen verriet den Arbeiter. Als Falk eintrat, machte der

Kommunard eine heftige Bewegung mit den Beinen unter dem Tisch und

krempelte die Hemdärmel auf, wobei eine blaue Tätowierung, bestehend

aus einem Anker und einem angelsächsischen +R+, sichtbar wurde.

Darauf ergriff er die Schere, stach sie mitten durch das erste Blatt

einer Morgenzeitung, machte einen Ausschnitt und sagte in rauhem Ton,

dem angeredeten Falk den Rücken kehrend:

»Wo sind Sie gewesen, Herr?«

»Ich war krank,« sagte Falk trotzig, wie er selbst meinte, aber

demütig, wie Ygberg hinterher versicherte.

»Das ist gelogen! Sie haben gesoffen, Herr! Sie sind gestern abend im

Naples gewesen; ich habe Sie gesehen!«

»Nun, das darf ich doch tun ...«

»Sie können sitzen, wo Sie wollen, Herr, aber hier haben Sie pünktlich

zu sein, auf den Glockenschlag, nach Vereinbarung! Jetzt ist es schon

ein Viertel nach acht! Ich weiß, solche Herren, die sich an der

Universität herumgetrieben haben, wo sie so schrecklich viel zu lernen

glauben, können sich nicht an Ordnung und Lebensart gewöhnen. Ist es

nicht ungeschliffen, zu spät zu kommen? Benehmen Sie sich nicht wie

ein Tölpel, Herr, wenn Sie Ihren Arbeitgeber Ihre Arbeit tun lassen?

Wie? Augenblicklich ist alles auf den Kopf gestellt, das sehe ich! Die

Arbeitnehmer kujonieren die Meister, das heißt die Arbeitgeber, und die

Kapitalisten sind die Unterdrückten! So ist es!«

»Seit wann haben Sie diese Ansicht, Herr Redakteur?«

»Seit wann? -- Seit eben, Herr! Seit eben! Aber ich hoffe, deswegen

ist die Ansicht doch gut! Ich habe jedoch auch noch etwas anderes

entdeckt! Sie sind ja ein ungebildeter Mensch, Herr! Sie können ja

nicht Schwedisch! Bitte, sehen Sie her! Was steht hier? Lesen Sie! ›Wir

hoffen, daß alle, die im nächsten Jahr zur Übung eingezogen werden‹ --

hat man so etwas schon gehört? ›alle, die ...‹«

»Ja, das ist richtig,« sagte Falk.

»Das ist richtig? Wie können Sie das behaupten, Herr! Es heißt: alle

die, welche; also muß man schreiben: ›alle die, welche‹.«

»Ja, wenn ...«

»Oh, keine gelehrten Redensarten; damit kommt man nicht weiter! Solchen

Unsinn müssen Sie mir nicht vorsetzen, Herr! -- Nun, und dann schreiben

Sie exserzieren nur mit x, obwohl es ex-serzieren heißt! Schweigen Sie!

Heißt es ex-erzieren oder ex-serzieren? Antworten Sie!«

»Man sagt allerdings ...«

»Man sagt, also heißt es ex-serzieren; denn es kann nicht anders

heißen, als man sagt! Vielleicht bin ich dumm, alles in allem,

vielleicht kann ich nicht einmal Schwedisch sprechen! Ich habe es

jedenfalls korrigiert! Sehen Sie her! Lesen Sie jetzt weiter und seien

Sie ein andermal pünktlicher!«

Er sprang mit einem Aufschrei vom Stuhl auf und gab dem Korrekturjungen

eine schallende Ohrfeige.

»So, du sitzt am hellen Tage da und schläfst, du Lümmel! Dich will ich

lehren, wachzubleiben! Du bist noch nicht zu alt, Prügel zu kriegen!«

Er nahm das Opfer beim Gürtel, warf es auf einen Haufen unverkaufter

Zeitungen und prügelte es mit seinem Leibriemen, den er abgeschnallt

hatte.

»Ich habe nicht geschlafen, ich habe nicht geschlafen, ich habe nur die

Augen zugemacht!« schrie der Junge unter Schmerzen.

»So, du leugnest auch noch! Du hast lügen gelernt; aber ich werde dich

lehren, die Wahrheit zu sagen! -- Hast du geschlafen, oder hast du

nicht geschlafen? Sage jetzt die Wahrheit, sonst gibt es ein Unglück!«

»Ich habe nicht geschlafen,« stotterte der Unglückliche, der noch zu

jung und zu unschuldig war, um sich mit einer Lüge aus dem Dilemma

retten zu können.

»So, du leugnest noch! Du bist mir ein verstockter Lümmel! So frech zu

lügen!«

Er wollte gerade daran gehen, den jungen Wahrheitsfanatiker noch weiter

zu bestrafen, als Falk aufstand, auf den Redakteur zuging und mit

fester Stimme sagte:

»Schlagen Sie den Jungen nicht; ich habe gesehen, daß er nicht

schlief!«

»Nein, höre einer an! Sie sind mir ein netter Knabe! ›Schlagen Sie den

Jungen nicht!‹ Wer hat das gesagt? Mir war, als hätte ich eine Mücke

vorm Ohr summen hören! Ich habe mich wohl verhört! Das hoffe ich! Das

hoffe ich zu Gott! -- Herr Ygberg! Sie sind ein anständiger Mann! Sie

haben nicht studiert! Hören Sie, haben Sie vielleicht zufällig gesehen,

ob der Junge, den ich hier wie einen Fisch an den Hosenträgern halte,

haben Sie gesehen, ob er geschlafen hat, Herr?«

»Wenn er nicht geschlafen hat,« erwiderte Ygberg sanftmütig und

einschmeichelnd, »so war er wohl gerade im Begriff, einzuschlafen.«

»Das ist die rechte Antwort! Herr Ygberg, wollen Sie mir bitte den

Hosenbund festhalten, während ich mit meinem Stock einen Jüngling die

Wahrheit sprechen lehre!«

»Sie haben kein Recht, ihn zu schlagen,« sagte Falk. »Wenn Sie ihn

anrühren, öffne ich das Fenster und rufe einen Polizisten herauf.«

»Ich bin der Prinzipal, und ich schlage meine Lehrlinge! Er ist ein

Lehrling, denn er soll später in die Redaktion! Das soll er, obwohl

manche akademisch gebildeten Leute glauben, daß man eine Zeitung nicht

ohne ihre Hilfe redigieren kann. Sag einmal, Gustav, lernst du nicht

das Zeitungswesen? Was? Antworte jetzt, aber sprich die Wahrheit, sonst

...«

Die Tür öffnete sich, und ein Kopf sah herein -- es war ein sehr

ungewöhnlicher Kopf, der an diesem Ort recht ungewohnt wirkte, aber es

war ein sehr bekannter Kopf, denn er war fünfmal abgebildet worden.

Jedenfalls hatte dieser bedeutungslose Kopf die Wirkung, daß der

Redakteur in einen Rock schlüpfte und den Leibriemen umschnallte, sowie

eine Verbeugung machte und ein Grinsen aufsteckte, das von großer Übung

zeugte.

Der Staatsmann fragte, ob der Herr Redakteur zu sprechen sei, worauf

eine befriedigende Antwort erfolgte, während der letzte Rest des

Arbeiters verschwand, indem die Barrikadenmütze vom Kopf genommen

wurde.

Die beiden Herren traten in das Privatgemach des Redakteurs, und die

Tür wurde gut hinter ihnen verschlossen.

»Mich soll wundern, was der Graf jetzt für Pläne hat,« sagte Ygberg und

setzte sich selbstherrlich auf seinen Stuhl, wie ein Schuljunge, wenn

der Lehrer fortgeht.

»Das soll mich gar nicht wundern,« sagte Falk, »denn jetzt glaube

ich zu wissen, was für ein Schelm er ist, und was für ein Schelm der

Redakteur ist; aber mich wundert das eine, wie du aus einem Rindvieh

ein ehrloser Hund hast werden können, der sich zu Schändlichkeiten

hergibt.«

»Du mußt nicht so heftig sein, lieber Freund! -- Aber du warst ja über

Nacht nicht im Plenum!«

»Nein! Nach meiner Ansicht ist der Reichstag für andere als private

Interessen bedeutungslos. Wie ist es mit der schlechten Geschäftslage

des Triton abgelaufen?«

»In allgemeiner Abstimmung wurde beschlossen, der Staat solle, in

Anbetracht der großen nationalen Idee des patriotischen Unternehmens,

die Obligationen übernehmen, während die Gesellschaft liquidiert ...

das heißt die laufenden Geschäfte abwickelt!«

»Das heißt -- der Staat stützt das Haus, während das Fundament

einstürzt, so daß die Direktoren Zeit haben, sich in Sicherheit zu

bringen.«

»Du hättest lieber gesehen, daß all die kleinen ...«

»Weiß schon! Weiß schon! All die kleinen Rentiers -- jawohl, ich würde

lieber sehen, daß sie mit ihrem kleinen Kapital arbeiten, als daß sie

faulenzen und damit wuchern, aber am liebsten würde ich sehen, daß die

Betrüger ins Zuchthaus kämen, dann würden betrügerische Unternehmungen

nicht ermutigt. Das nennt man politische Ökonomie! Pfui Teufel! --

Übrigens: Du trachtest nach meinem Posten! Du sollst ihn haben! Du

sollst nicht da in deiner Ecke sitzen und bittere Gedanken gegen mich

hegen, weil du in der Korrektur hinter mir auskehren und aufräumen

mußt. Ich habe da drinnen bei diesem Freiheitshund, den ich verachte,

zu viele Artikel ungedruckt liegen, als daß ich hier noch länger sitzen

und Räubergeschichten für ihn aufschneiden möchte. Das ›Rotkäppchen‹

war mir zu konservativ, die ›Arbeiterfahne‹ aber ist mir zu schmutzig!«

»Gut, daß du deine Hirngespinste aufgibst und vernünftig wirst! Geh du

zum ›Graumützchen‹, da hast du eine Zukunft!«

»Ich gebe das Hirngespinst auf, daß die Sache der Unterdrückten

in guten Händen liegt, und ich glaube, es wäre eine große Aufgabe,

die Allgemeinheit darüber aufzuklären, was die öffentliche Meinung,

besonders die gedruckte, in Wirklichkeit ist, und wie sie entsteht,

aber die Sache selbst gebe ich nie auf!«

Die Tür zum Zimmer des Redakteurs öffnete sich wieder, und herein kam

der Redakteur selbst. Er blieb mitten im Zimmer stehen und sagte mit

unnatürlich geschmeidiger, fast höflicher Stimme:

»Herr Assessor, wollen Sie bitte die Redaktionsgeschäfte führen in

meiner Abwesenheit -- ich muß auf einen Tag in einer höchst wichtigen

Angelegenheit verreisen. Der Assistent kann Ihnen bei den laufenden

Arbeiten helfen. Der Herr Graf bleibt eine Weile in meinem Zimmer --

ich hoffe, die Herren werden dem Herrn Grafen behilflich sein, wenn er

etwas wünscht.«

»Bitte sehr, das ist nicht nötig!« rief der Graf aus dem Zimmer, wo er

über ein Manuskript gebeugt saß, das im Entstehen war.

Der Redakteur ging, und merkwürdigerweise entfernte sich der Graf

ungefähr zwei Minuten später, das heißt nach genau so langer Zeit,

wie nötig war, um sich nicht in Begleitung des Redakteurs der

»Arbeiterfahne« zeigen zu müssen.

»Bist du sicher, daß er gleich abreist?« fragte Ygberg.

»Ich hoffe es!« sagte Falk.

»Dann gehe ich nach der Mönchsbrücke und sehe zu, wie die Frauen

einkaufen. Übrigens, hast du Beda seitdem getroffen?«

»Seit wann?«

»Ach, seit sie das Café Naples verlassen und sich eine Wohnung gemietet

hat!«

»Woher weißt du das?«

»Du mußt versuchen, ruhig zu sein, Falk! Sonst nimmt es ein schlimmes

Ende mit dir!«

»Ja, ich muß es wohl versuchen, sonst verliere ich den Verstand! Dies

Mädchen, das ich so geliebt habe, so sehr! Sie hat mich so schändlich

betrogen! Was sie mir verweigerte, das hat sie diesem dicken Krämer

gegeben! Und weißt du, was sie mir geantwortet hat? Sie sagte: das

beweise die Reinheit ihrer Liebe zu mir!«

»Das ist eine feine Dialektik! Und sie hat recht, denn die Prämisse ist

ganz richtig: sie liebt dich noch immer?«

»Sie verfolgt mich wenigstens!«

»Und du?«

»Ich hasse sie, so tief man hassen kann; aber ich fürchte ihre Nähe!«

»Das heißt, du liebst sie noch!«

»Laß uns von etwas anderm reden!«

»Du mußt dich beruhigen, Falk! Sieh mich an! Jetzt gehe ich aber weg

und sonne mich; man muß doch sein Dasein in seiner zeitlichen Existenz

genießen. Gustav, du kannst auf eine Stunde an den deutschen Brunnen

hinuntergehen und Knopf spielen, wenn du magst.«

Falk war allein. Die Sonne schien mit aller Macht auf das schräge

Dach gegenüber und durchglühte jetzt das Zimmer; er öffnete das

Fenster und blickte hinaus, um frische Luft zu schöpfen, aber ihm

schlug der betäubende Geruch aus der Gosse entgegen; er ließ den

Blick nach rechts hinüberschweifen durch die engen Gassen, und sah

ganz hinten in der Ferne ein Stück von einem Dampfer, ein paar

Wellen des Mälar, die im Sonnenschein glänzten, und eine Partie des

Schinderbuchtberges, der jetzt erst hier und da in den Schluchten

etwas Grün aufwies. Er dachte an die Leute, die auf diesem Dampfer

in die Sommerfrische fahren würden, die in den Wellen baden und ihr

Auge an dem Grün erlaben konnten. Nun aber begann der Klempner unten

zu hämmern, daß Haus und Fensterscheiben zitterten. Ein paar Arbeiter

fuhren einen rasselnden, stinkenden Karren vorbei, und aus der Kneipe

gegenüber strömte ein Geruch von Branntwein, Dünnbier, Sägespänen und

Tannenreisern. Er zog den Kopf zurück und setzte sich an seinen Tisch;

vor ihm lagen wohl hundert Provinzzeitungen zum Ausschneiden bereit.

Er zog die Manschetten aus und begann die Durchsicht. Sie rochen nach

Kienruß und Öl und färbten ab -- das war der Haupteindruck; was er

des Ausschneidens wert fand, durfte er nicht nehmen, denn er mußte an

das Programm seiner Zeitung denken. Wenn die Arbeiter einer Fabrik

dem Werkmeister eine silberne Schnupftabaksdose geschenkt hatten, so

war das sofort auszuschneiden; wenn aber ein Prinzipal der Kasse der

Arbeiter fünfhundert Kronen stiftete, so mußte er daran vorbeigehen.

Wenn der Herzog von Halland einen Rammblock eingeweiht und Direktor

Trälund ein Gedicht darauf gemacht hatte, so mußte er das mit Gedicht

und allem ausschneiden, »denn so etwas lesen die Leute gern«;

konnte er etwas Geringschätziges hinzufügen, so war es um so besser,

sie kriegten es dann wenigstens zu hören. Im übrigen galt für das

Ausschneiden die folgende Regel: alles Rühmliche über Journalisten und

Arbeiter, alles Schmähliche über Geistliche, Militärs, große Kaufleute

(nicht kleine), Akademiker, berühmte Schriftsteller und Juristen.

Außerdem mußte er mindestens einmal wöchentlich die Direktion des

königlichen Theaters angreifen, sowie die leichtsinnigen Singspiele

der kleinen Theater im »Namen der Moral und der Sittlichkeit«

herunterreißen, denn der Redakteur hatte bemerkt, daß die Arbeiter

diese Theater nicht liebten. Einmal monatlich mußten Stadtverordnete

der Verschwendung bezichtigt (und verurteilt) werden, wobei, so oft

sich die Gelegenheit bot, die Regierungsform angegriffen werden sollte,

aber nicht die Regierung. Strenge Zensur hatte der Redakteur sich bei

Attentaten auf gewisse Reichstagsabgeordnete und gewisse Minister

vorbehalten. Auf welche? Das war ein Geheimnis, das nicht einmal der

Redakteur kannte, denn das hing von den Konjunkturen ab, und die

vermochte nur der geheime Verleger der Zeitung zu beurteilen.

Falk arbeitete mit seiner Schere, bis seine eine Hand schwarz war, und

er klebte; aber die Leimflasche gab einen so ekelhaften Geruch von

sich, und die Sonne brannte so heiß; die arme Aloe, die wie ein Kamel

dursten und alle Stiche einer gereizten Stahlfeder ertragen konnte,

sah sehr betrübt aus und machte den wüstenartigen Eindruck grauenhaft

lebendig; sie hatte lauter schwarze Punkte von Stichen, und ihre

Blätter schossen wie ein Bündel Eselsohren aus der wie Schnupftabak

trocknen Erde auf. Etwas Ähnliches mochte Falk vorschweben, denn er

saß in Gedanken versunken, und ehe er es bereuen konnte, hatte er alle

Ohrzipfel abgeschnitten. Dann, vielleicht um das Gewissen zu betäuben,

vielleicht um etwas zu tun zu haben, strich er Leim auf die Wunden und

sah zu, wie die Sonne es trocknete; darauf überlegte er eine Weile, wo

er Mittagessen herbekommen werde, denn er war auf den Weg geraten, der

zur Verdammnis führt, das heißt auf den Weg der sogenannten »schlechten

Verhältnisse«; schließlich steckte er sich eine Pfeife Knaster an und

ließ den betäubenden Rauch aufsteigen und sich in dem kurzlebigen

Sonnenschein baden. Das stimmte ihn milder gegen das arme Schweden,

wie es sich nach der Meinung der Leute in den Tages-, Wochen- und

Halbwochenbulletins, die man Zeitungen nennt, darstellte. Er legte

die Schere beiseite, warf die Zeitungen in eine Ecke und teilte mit

der Aloe brüderlich den Inhalt der Tonkaraffe; dabei fand er, daß die

Ärmste aussah, als seien ihr die Flügel beschnitten -- wie eine Ente

zum Beispiel, die auf dem Kopf im Schlamm steht und nach irgend etwas

gräbt -- vielleicht nach Perlen, oder doch wenigstens nach Muscheln

ohne Perlen. Dann packte ihn wieder die Verzweiflung, wie der Gerber

mit seinen langen Haken, und stieß ihn zu Boden, hinunter in den

Schmutz, wo er präpariert werden sollte, bevor das Messer kam und ihm

die Haut abschabte, damit er würde wie andere Menschen. Und er fühlte

keine Gewissensbisse, keine Reue über ein verfehltes Leben, sondern

ganz einfach Verzweiflung darüber, in seiner Jugend sterben zu müssen,

den geistigen Tod, bevor er hatte wirken können, Verzweiflung darüber,

wie ein unnützes Rohr, wie dürres Holz ins Feuer geworfen zu werden!

Von der Deutschen Kirche schlug es elf, und nun setzte das Glockenspiel

ein: »Wie groß ist des Allmächtigen Güte« und »Mein Leben ist ein

Wellenspiel«; gewissermaßen von derselben Idee erfaßt begann ein

italienischer Leierkasten mit der obligaten Flötenstimme »An der

schönen blauen Donau« aufzuspielen; soviel Musik auf einmal brachte

neues Leben in den Klempner, der mit verdoppeltem Eifer sein Blech

vornahm; all dieser Lärm war schuld, daß Falk nicht hörte, wie die

Tür sich öffnete und zwei Personen eintraten. Die eine war eine

lange, magere, finstere Gestalt mit Habichtsnase und Polkahaar, die

andere ein dicker, blonder, untersetzter Mann, dessen Gesicht blank

vom Schweiß war und große Ähnlichkeit mit dem Tier hatte, das bei den

Hebräern für das unreinste von allen galt. Ihr Äußeres deutete auf eine

Beschäftigung hin, die weder die Seelen- noch die Körperkräfte zu sehr

in Anspruch nahm; es war jenes unbestimmte Etwas, das Unregelmäßigkeit

in Arbeit und Lebensweise verrät.

»Pst!« flüsterte der Lange; »bist du allein?«

Falk schien von dem Besuch halb angenehm, halb unangenehm überrascht zu

sein.

»Ich bin sogar ganz allein; der Rote ist verreist.«

»Oh, dann komm mit und iß mit uns!«

Dagegen hatte Falk nichts einzuwenden; er schloß das Büro zu und ging

mit den beiden in die Kneipe »Stern« in der Österlangstraße, wo sie

sich in der dunkelsten Ecke niederließen.

»Ach, sieh da, Branntwein!« sagte der Dicke, und seine erloschenen

Augen leuchteten beim Anblick der Branntweinflasche.

Aber Falk, der hauptsächlich deshalb mitgegangen war, um Teilnahme und

Trost zu finden, schenkte den aufgetischten Herrlichkeiten nicht die

gebührende Aufmerksamkeit.

»Ich habe mich schon lange nicht so unglücklich gefühlt,« sagte er.

Das rote Zimmer · 第 21 / 25 段