Ein Hammerschlag ertönte, und ein Mann in mittleren Jahren setzte sich

auf den Präsidentenstuhl. Das war Stellmacher Löfgren, Stadtverordneter

und Inhaber der Medaille +Litteris et Artibus+. Durch Übung in der

Wahrnehmung kommunaler Ämter hatte er sich eine große Routine erworben,

und sein Äußeres hatte ein Gepräge von Würde angenommen, das Stürme

beschwichtigen und Aufruhr eindämmen konnte. Eine große Richterperücke

beschattete ein breites Gesicht, das mit Backenbart und Brille geziert

war.

Neben ihm saß der Sekretär, in dem Falk einen Diätar aus dem großen

Amt wiedererkannte. Dieser trug einen Kneifer und drückte durch ein

bäurisches Grinsen seine Mißbilligung über das meiste aus, was geäußert

wurde. Auf der ersten Bank unterhalb der Tribüne saßen die vornehmsten

Mitglieder, Offiziere, Beamte, Großhändler, die alle loyalen Anträge

kräftig unterstützten und mit überlegenem parlamentarischen Geschick

alle Reformprojekte niederstimmten.

Das Protokoll wurde vom Sekretär verlesen und von der ersten Bank

genehmigt. Darauf wurde der erste Punkt der Tagesordnung vorgetragen.

»Der vorbereitende Ausschuß stellt dem Arbeiterverein Nordstern anheim,

der Mißbilligung Ausdruck zu geben, die jeder rechtdenkende Bürger

hinsichtlich der ungesetzlichen Bewegungen empfinden muß, die unter dem

Namen Streik durch fast ganz Europa gehen.

Will der Verein ...«

»Jawohl,« schrie die erste Bank.

»Herr Vorsitzender!« rief der Tischler vom Weißen Berge.

»Wer lärmt da hinten?« fragte der Vorsitzende und blickte mit einer

Miene unter der Brille durch, als wolle er den Rohrstock holen.

»Hier lärmt keiner; ich wollte nur ums Wort bitten,« sagte der

Tischler.

»Wer ist ich?«

»Tischlermeister Eriksson!«

»Sind Sie Meister? Wann sind Sie das geworden?«

»Ich bin ausgelernter Geselle und habe nie die Mittel gehabt, meine

Meisterprüfung zu machen, aber ich bin ebenso geschickt wie irgendein

anderer, und ich arbeite selbständig! Das kann ich sagen!«

»Tischlergeselle Eriksson, wollen Sie sich bitte setzen und uns nicht

weiter stören. -- Hält der Verein die Frage für bejaht?«

»Herr Vorsitzender!«

»Um was handelt es sich?«

»Ich bitte ums Wort! Können Sie nicht hören, Herr?« brüllte Eriksson.

»Eriksson hat das Wort,« wurde im Hintergrunde gemurmelt.

»Geselle Eriksson -- schreiben Sie sich mit x oder mit z?« fragte der

Vorsitzende, dem der Sekretär soufflierte.

Lautes Lachen ertönte auf der vordersten Bank.

»Ich schreibe mich überhaupt nicht, meine Herren, ich diskutiere!«

sagte der Tischler mit funkelnden Augen; »das tue ich! Wenn ich das

Wort in der Gewalt hätte, würde ich sagen: die Streikenden haben recht,

denn wenn die Meister und Prinzipale fett werden, die nichts weiter

tun als herumlaufen und scherwenzeln bei Audienzen und solchem Scheiß,

so hat das den Schweiß der Arbeiter gekostet! Aber wir wissen recht

gut, warum ihr unsere Arbeit nicht bezahlen wollt: weil wir dann das

Wahlrecht zum Reichstag bekommen würden, und davor hat man Angst ...«

»Herr Vorsitzender!«

»Herr Rittmeister von Sporn!«

»Und wir wissen recht gut, daß die Steuereinschätzungskommission die

Steuer herabsetzt, sobald sie eine bestimmte Höhe erreicht. Wenn ich

das Wort in der Gewalt hätte, würde ich noch viel mehr sagen, aber es

hat so wenig Zweck ...«

»Herr Rittmeister von Sporn!«

»Herr Vorsitzender, meine Herren! Es ist höchst unerwartet, daß in

einer Versammlung wie dieser, die sich durch ihr würdiges Verhalten

(noch kürzlich bei dem königlichen Beilager) einen so guten Namen

gemacht hat, Personen ohne allen parlamentarischen Takt einen

achtenswerten Verein durch schamlose und rücksichtslose Verachtung

aller Formen kompromittieren dürfen. Glauben Sie mir, meine Herren,

so etwas könnte nicht geschahen in einem Lande, wo man von Jugend auf

militärische Zucht lernt ...«

(»Allgemeine Wehrpflicht!« sagte Eriksson zu Olle.)

»... wo man sich daran gewöhnt, sich selbst und andere zu beherrschen!

Ich spreche die gemeinsame Hoffnung aus, daß ein so störender

Zwischenfall nicht wieder vorkommt unter uns ... ich sage uns ...

denn ich bin auch Arbeiter ... wir sind alle Arbeiter vor dem ewigen

Gott ... ich sage das in meiner Eigenschaft als Mitglied dieses

Vereins, und der Tag würde ein Tag der Trauer sein, an dem ich die

Worte zurücknehmen müßte, die ich kürzlich in einer andern Versammlung

-- jawohl, es war in dem Nationalverein der Freunde der allgemeinen

Wehrpflicht -- geäußert habe: Ich denke hoch von dem schwedischen

Arbeiter!«

»Bravo! Bravo! Bravo!«

»Hält der Verein den Antrag des vorbereitenden Ausschusses für

angenommen?«

»Ja! Ja!«

»Zweiter Punkt: Auf den Antrag eines Mitgliedes des Arbeitsausschusses

wird dem Verein anheimgestellt, zu der bevorstehenden Konfirmation

Seiner Königlichen Hoheit des Herzogs von Dalsland in Anerkennung der

Dankesschuld, die der schwedische Arbeiter dem Königshaus gegenüber

hat, und besonders als Ausdruck der Mißbilligung jener Arbeiterunruhen,

die unter dem Namen Kommune die Hauptstadt Frankreichs verheeren, eine

Sammlung für eine Ehrengabe zu veranstalten, deren Wert allerdings

dreitausend Kronen nicht übersteigen dürfte.«

»Herr Vorsitzender!«

»Herr Doktor Haberfeld!«

»Nein, ich war es, Eriksson, ich bitte ums Wort!«

»Ach so! Nun! Eriksson hat das Wort!«

»Ich möchte darauf hinweisen, daß nicht der Arbeiter die Kommune in

Paris gemacht hat; sie ist gemacht von Beamten, Advokaten, Offizieren,

gerade von den Wehrpflichtigen -- und von Zeitungsschreibern. Wenn ich

das Wort in der Gewalt hätte, so würde ich die Herren bitten, ihre

Gefühle in einem Album zur Konfirmation auszudrücken!«

»Hält der Verband den Antrag des Arbeitsausschusses für angenommen?«

»Ja! Ja!«

Und nun begann ein Schreiben der Schreiber und ein Kollationieren und

ein Schwatzen wie im Reichstag selbst.

»Geht das hier immer so zu?« fragte Falk.

»Finden Sie das lustig, Herr?« antwortete Eriksson. »Man möchte sich

die Haare ausreißen! Ich nenne dies Korruption und Verrat. Lauter

Eigennutz und Schändlichkeit; keiner, der ein Herz hätte, der sich der

Sache annimmt; deshalb kommt es auch, wie es kommt!«

»Was kommt denn?«

»Wir werden ja sehen!« sagte der Tischler und ergriff Olles Hand.

»Bist du bereit?« fuhr er fort. »Sieh dich nur vor, denn hier wirst du

kritisiert!«

Olle nickte schlau.

»Ornamentbildhauergeselle Olof Montanus will einen Vortrag über

Schweden halten,« begann der Vorsitzende. »Das Thema ist sehr

umfangreich, finde ich, und etwas allgemein gehalten, aber wenn er

verspricht, es in einer halben Stunde zu erledigen, so wollen wir

zuhören; oder was meinen die Herren?«

»Jawohl!«

»Herr Montanus, bitte, treten Sie vor!«

Olle schüttelte sich wie ein Hund, ehe er zum Sprung ansetzt, und ging

durch die Menge hindurch, die ihn mit den Blicken musterte.

Der Vorsitzende eröffnete eine kleine Unterhaltung mit der ersten Bank,

und der Sekretär gähnte, ehe er eine Zeitung zur Hand nahm, um zu

zeigen, wie wenig er auf den Vortrag zu hören gedenke.

Olle aber stieg auf die Tribüne, senkte seine großen Augenlider, kaute

ein paarmal, um die Zuhörer glauben zu machen, er wolle anfangen, und

als es wirklich stillgeworden war, so still, daß man hören konnte, was

der Vorsitzende zu dem Rittmeister sagte, begann er.

»Über Schweden. -- Einige Gesichtspunkte.«

Eine Pause entstand.

»Meine Herren! Es dürfte wohl mehr als eine unverbürgte Annahme sein,

daß die fruchtbarste Idee, die kraftvollste Bestrebung unserer Zeit die

ist, das kurzsichtige Nationalgefühl aufzuheben, das die Völker trennt

und sie als Feinde einander gegenüberstellt; wir haben die Mittel

gesehen, die hierbei angewendet werden -- Weltausstellungen und ihre

Wirkungen -- die Ehrendiplome!«

(Man sah sich fragend an. »Was war das für eine Stichelei?« sagte

Eriksson. »Das kam etwas unerwartet, sonst war es gut!«)

»Die schwedische Nation marschiert, wie immer, so auch hier, an der

Spitze der Zivilisation; sie hat in höherem Grade als irgendein anderes

Kulturvolk die kosmopolitische Idee fruchtbar zu machen gewußt und

hat, wenn man nach der Statistik urteilen darf, schon sehr vieles

erreicht. Hierzu haben ungewöhnlich günstige Umstände beigetragen,

über die ich jetzt einen kurzen Überblick geben will, um dann zu etwas

Leichterverständlichem wie der Regierungsform, der Grundsteuer und

ähnlichem überzugehen.«

(»Das wird lang,« sagte Eriksson und puffte Falk in die Seite; »aber er

ist amüsant!«)

»Schweden ist, wie man weiß, ursprünglich eine deutsche Kolonie,

und die Sprache, die sich bis in unsere Tage ziemlich rein

erhalten hat, ist Plattdeutsch in zwölf Dialekten. Dieser Umstand,

nämlich die Schwierigkeit für die Provinzen, sich untereinander zu

verständigen, hat als mächtiger Faktor der Entwicklung des ungesunden

Nationalitätsbegriffs entgegengearbeitet. Andere glückliche Umstände

wieder haben einem einseitigen deutschen Einfluß entgegengewirkt, der

früher einmal so weit gegangen ist, daß Schweden eine Deutschland

einverleibte deutsche Provinz war, nämlich unter Albrecht von

Mecklenburg. Hierzu rechne ich zunächst die Eroberung der dänischen

Provinzen, Schonen, Halland, Blekinge, Bohuslän und Dalsland. Schwedens

reichste Provinzen sind von Dänen bewohnt, die noch heute die Sprache

ihres Landes sprechen und sich weigern, die schwedische Herrschaft

anzuerkennen.«

(»Worauf in Jesu Namen will er hinaus? Ist er verrückt?«)

»Der Schone zum Beispiel sieht noch heutigentags Kopenhagen als

Hauptstadt an, und die Vertreter Schonens bilden im Reichstag die

regierungsfeindliche Partei. Ähnlich ist auch die Situation in dem

dänischen Göteborg, das Stockholm nicht als Reichshauptstadt anerkennt.

Da haben aber jetzt die Engländer die Initiative ergriffen und eine

Kolonie angelegt. Diese Nation, die englische, fischt längs der Küste

und hat während des Winters in der Stadt fast den gesamten Großhandel

in den Händen; im Sommer fahren sie wieder nach Hause und genießen

die gesammelten Schätze in ihren Landhäusern im schottischen Hochland.

Übrigens ein prächtiges Volk! Die Engländer halten sich auch eine

große Zeitung, in der sie ihre eigenen Taten rühmen, ohne die fremden

geradezu zu schmähen.

Dann haben wir die zahlreichen Einwanderungen in Betracht zu ziehen,

die dann und wann stattgefunden haben. Wir haben Finnen in den

finnischen Wäldern, haben sie aber auch in der Hauptstadt, wohin

sie unter den schwierigen politischen Verhältnissen in ihrer Heimat

ausgewandert sind.

In unseren größeren Eisenwerken gibt es eine Unmenge von Wallonen,

die im siebzehnten Jahrhundert ins Land kamen und noch heute ihr

gebrochenes Französisch sprechen. Bekanntlich hat ein Wallone in

Schweden die neue Staatsverfassung eingeführt, die Wallonien entlehnt

ist. Tüchtige Leute, und sehr ehrlich!«

(»Nein, was in ... soll das heißen!«)

»Zu Gustaf Adolfs Zeiten strömte eine Menge schottischen Gesindels ins

Land und verdingte sich als Soldaten, wodurch viele von ihnen auch ins

Ritterhaus kamen!

An der Ostküste gibt es viele Familien, deren Traditionen von der

Einwanderung aus Livland und den andern slawischen Provinzen sprechen,

weshalb man hier oft rein tatarische Typen trifft.

Ich stelle die Behauptung auf, daß das schwedische Volk auf dem besten

Wege ist, sich zu entnationalisieren! Schlagen Sie das Wappenbuch des

schwedischen Adels auf, und zählen Sie die schwedischen Namen, die Sie

treffen. Wenn das mehr als fünfundzwanzig Prozent sind, so können Sie

mir die Nase abschneiden, meine Herren!

Schlagen Sie aufs Geratewohl das Adreßbuch auf; ich habe selbst den

Buchstaben G nachgezählt: von vierhundert Namen waren zweihundert

ausländische. Welches sind die Ursachen? Es gibt ihrer viele,

die vornehmsten aber sind: die ausländischen Dynastien und die

Eroberungskriege. Wenn man sich überlegt, wieviel Gesindel auf dem

schwedischen Thron gesessen hat, so wundert man sich, daß die Nation

noch heute so monarchisch ist. Hätte unsere Verfassung eine Bestimmung

aufzuweisen, wonach der schwedische König stets ein Ausländer sein

müßte, so würde dadurch unbedingt unser Ziel, die Entnationalisierung,

geradeswegs erreicht werden, und das ist auch geschehen! Daß das Land

durch Anschluß an fremde Nationen gewinnen kann, ist meine Überzeugung,

denn verlieren kann es nichts, weil man nichts verlieren kann, was man

nicht hat. Der Nation fehlt ganz einfach die Nationalität; das hat

Tegnér im Jahre 1811 entdeckt und kurzsichtigerweise beklagt; da war

es jedoch bereits zu spät, denn die Rasse war durch die Aushebungen

während der dummen Eroberungskriege schon verdorben. Von der einen

Million Einwohner, die es zu Gustaf Adolfs Zeiten im Lande gab, wurden

siebzigtausend zeugungsfähige Männer ausgehoben und ruiniert. Wie viele

Karl +X.+, +XI.+ und +XII.+ ruiniert haben, ist mir

nicht bekannt, aber man kann sich vorstellen, was für eine Rasse die

Zuhausebleibenden erzeugen konnten, da sie ja doch Ausschuß waren.

Ich kehre zu meinem Auspruch zurück, daß uns die Nationalität fehlt.

Kann jemand mir etwas Schwedisches in Schweden nennen, außer unsern

Fichten, Tannen und Eisenbergwerken, die für den Weltmarkt bald

überflüssig sein werden? Was sind unsere Volkslieder? Französische,

englische und deutsche Romanzen, in schlechten Übersetzungen! Was sind

die Volkstrachten, deren Verschwinden wir bedauern? Alte Überbleibsel

von den Trachten der Edelleute des Mittelalters. Schon zu Gustafs

+I.+ Zeit verlangten die Talmänner, man solle alle die bestrafen,

die ausgeschnittene und bunte Kleider trügen. Wahrscheinlich waren

die bunten Hofgewänder, die burgundische Tracht, noch nicht zu den

Talfrauen hinuntergekommen! Und sicher haben sie seitdem viele

Modeveränderungen durchgemacht.

Nennen Sie mir eine schwedische Dichtung, ein Kunstwerk, eine

Musikschöpfung, die so spezifisch schwedisch ist, daß sie sich von

allem Nichtschwedischen unterscheidet! Zeigen Sie mir ein schwedisches

Gebäude! Es gibt keins, und wenn es eins gibt, so ist es entweder

schlecht oder es ist nach ausländischem Muster gemacht.

Ich glaube nicht zuviel zu sagen, wenn ich behaupte, daß die

schwedische Nation eine unbegabte, hochmütige, sklavische, neidische,

kleinliche und rohe Nation ist! Und deshalb geht sie ihrem Untergang

entgegen, und zwar mit Riesenschritten!«

(Jetzt erhob sich Lärm im Saal! Vereinzelte Hochrufe auf Karl

+XII.+ übertönten jedoch den Spektakel.)

»Meine Herren, Karl +XII.+ ist tot, lassen wir ihn bis zum

nächsten Jubelfeste ruhen! Ihm in der Hauptsache haben wir unsere

Entnationalisierung zu danken, und deshalb bitte ich die Herren,

mit mir in ein vierfaches Hurra einzustimmen: Meine Herren! Karl

+XII.+ lebe hoch!«

»Ich muß die Versammlung zur Ordnung rufen!« schrie der Vorsitzende.

»Kann man sich wohl etwas Dümmeres denken, als daß ein Volk vom

Ausland lernen muß, Dichter zu werden? Was sind das für Ochsen,

die sechzehnhundert Jahre hinter dem Pfluge hergehen und nicht auf

den Gedanken kommen, Lieder zu dichten! Da aber kam ein lustiger

Bruder von Karls +XI.+ Hof und zerstörte das ganze Werk der

Entnationalisierung! Früher schrieb man deutsch, jetzt sollte

schwedisch geschrieben werden! Ich muß deshalb die Herren bitten,

mit mir in den Ruf einzustimmen: Nieder mit dem dummen Hund Georg

Stjernhelm!«

(»Wie hieß er? Edvard Stjernström!« Der Vorsitzende schlägt mit dem

Hammer auf den Tisch. Unruhe. »Es ist genug! Nieder mit dem Verräter!

Er macht sich über uns lustig!«)

»Die schwedische Nation kann nur schreien und schlagen, das höre ich!

Und da ich nicht weitersprechen darf und nicht zur Regierung und auf

die Krongüter komme, so will ich nur sagen, daß solche servilen Lümmel,

wie ich heute abend hier gehört habe, reif für den Absolutismus sind.

Und ihr werdet ihn bekommen! Verlaßt euch drauf! Ihr bekommt den

Absolutismus!«

(Ein Puff von hinten stieß dem Redner, der sich jetzt an das Pult

klammerte, um sich festzuhalten, das Wort aus dem Halse.)

»Und ein undankbares Geschlecht, das die Wahrheit nicht hören will ...«

(»Schmeißt ihn raus! Haut ihn kaputt!« Olle wurde von der Tribüne

hinuntergeworfen, aber noch im letzten Augenblick schrie er wie ein

Wahnsinniger, während er Püffe und Schläge hinnahm: »Es lebe Karl

+XII.+! Nieder mit Georg Stjernhelm!«)

Olle und Falk waren auf der Straße.

»Was war dir nur?« fragte Falk; »warst du von Sinnen?«

»Ja, das war ich, glaube ich! Ich hatte fast sechs Wochen lang meine

Rede gelernt, ich wußte aufs Haar, was ich sagen wollte, aber als

ich dann dastand und all diese Augen sah, da zerbrach es; meine

ganze kunstvolle Beweisführung stürzte zusammen wie ein Gerüst, ich

fühlte den Boden unter den Füßen schwinden und alle Gedanken kamen

durcheinander. War es sehr falsch?«

»Ja, es war schlimm, und die Zeitungen werden über dich herfallen.«

»Ja, es ist zu traurig! Und ich dachte, es sei alles so klar! Aber es

war doch schön, ihnen eins zu versetzen!«

»Auf diese Weise schadest du deiner Sache und kannst nie mehr

öffentlich sprechen!«

Olle seufzte.

»Was um Gottes willen hattest du mit Karl +XII.+ zu schaffen? Das

war das Schlimmste von allem!«

»Frage mich nicht, ich weiß nichts!«

»Liebst du den Arbeiter noch?« fuhr Falk fort.

»Ich bedaure ihn, weil er sich von Glücksrittern verführen läßt, und

ich werde seine Sache nie im Stich lassen, denn seine Sache ist das

Problem der nächsten Epoche, und eure ganze Politik ist dagegen nicht

einen roten Heller wert!«

Olle und Falk wanderten durch die Straßen, kamen dann wieder in die

Stadt hinunter und schritten die Neue Straße entlang, wo sie ins Café

Naples gingen.

Es war jetzt zwischen neun und zehn Uhr, und das Café war sozusagen

leer. Nur ein einziger Gast saß an einem Tisch in der Nähe des Büfetts.

Er las aus einem Buch der Kellnerin vor, die neben ihm saß und nähte.

Es sah sehr nett und gemütlich aus, mußte aber Falk stark irritieren,

denn er machte eine heftige Bewegung, und sein Gesichtsausdruck

veränderte sich.

»Sellén! Bist du hier! Guten Abend, Beda!« sagte Falk mit einer

erkünstelten Herzlichkeit, die ihm sehr fremd war, indem er die Hand

des jungen Mädchens ergriff.

»Ach, Bruder Falk!« sagte Sellén. »Verkehrst du hier auch? Ich habe

mir schon gedacht, daß so etwas los sei, da wir uns so selten im Roten

Zimmer sehen!«

Falk und Beda wechselten einen Blick. Das junge Mädchen hatte für

seine Stellung ein distinguiertes Aussehen; ein feines, intelligentes

Gesicht, das einen leidvollen Ausdruck trug; eine schlanke Gestalt,

mit einem eigenwilligen, aber keuschen Linienspiel; die Augen gingen

an den Winkeln etwas nach oben, als wollten sie ein Unglück vom

Himmel erspähen, konnten aber im übrigen alle Spiele spielen, die eine

momentane Laune zu ersinnen vermochte.

»Wie ernst du bist,« sagte sie zu Falk und blickte auf ihre Näherei

nieder.

»Ich bin in einer ernsten Versammlung gewesen,« sagte Falk und errötete

wie ein Mädchen. »Was lest ihr denn da?«

»Ich habe die Zueignung zum Faust gelesen,« sagte Sellén und streckte

seine Hand aus, um mit Bedas Nähzeug zu spielen.

Eine dunkle Wolke zog über Falks Gesicht. Das Gespräch wurde gezwungen

und unerträglich. Olle saß in Betrachtungen versunken da, die sich um

Selbstmord zu drehen schienen.

Falk ließ sich eine Zeitung geben und bekam den »Unbestechlichen«.

Plötzlich fiel ihm ein, daß er nachzusehen vergessen habe, was der

über seine Gedichte schrieb. Er schlug die Zeitung auf und richtete

die Augen auf die dritte Seite; da fand er, was er suchte. Es waren

keine Schmeicheleien, aber auch keine Grobheiten, denn der Artikel

war von wirklichem und tiefem Interesse diktiert. Der Rezensent fand

Falks Poesie nicht schlechter und nicht besser als die der sonstigen

Zeitgenossen, aber ebenso egoistisch und bedeutungslos; sie handele

nur von den Privatangelegenheiten des Verfassers, von unerlaubten

Beziehungen, erdichteten oder wirklichen, kokettiere mit kleinen

Sünden, trauere aber nicht über die großen; sie sei keine Spur besser

als die englische Boudoirpoesie, und der Verfasser hätte ruhig sein

Porträt vor den Text setzen sollen, dann wäre das Buch wenigstens

illustriert gewesen usw. Diese einfachen Wahrheiten machten einen

tiefen Eindruck auf Falk, der nur die Reklame im »Graumützchen«, die

Struve geschrieben hatte, und die von persönlichem Wohlwollen diktierte

Rezension im »Rotkäppchen« gelesen hatte. Er verabschiedete sich kurz

und stand auf, um zu gehen.

»Willst du schon fort?« fragte Beda.

»Ja. Treffen wir uns morgen?«

»Ja, wie gewöhnlich. Gute Nacht!«

Sellén und Olle gingen mit ihm.

»Das ist ein nettes Kind!« sagte Sellén, nachdem sie eine Weile stumm

dahingegangen waren.

»Ich möchte dich bitten, dich etwas zurückhaltender über sie zu

äußern!«

»Ach, du bist in sie verliebt, scheint mir?«

»Ja, das bin ich, und ich hoffe, du verzeihst es mir!«

»Bitte sehr, ich will dir nicht hinderlich sein!«

»Und ich bitte dich, nichts Schlechtes von ihr zu denken ...«

»Nein, das tue ich auch nicht! Sie ist beim Theater gewesen ...«

»Woher weißt du das? Das hat sie mir nie erzählt!«

»Nein, aber mir! Man darf diesen kleinen Teufeln nie glauben!«

»Nun, dabei ist ja nichts Schlimmes! -- Ich gedenke sie sobald ich kann

aus dieser Stellung wegzunehmen; unser Verkehr beschränkt sich darauf,

daß wir morgens um acht nach dem Hagapark gehen und Wasser aus der

Quelle trinken.«

»Wie unschuldig! Soupiert ihr nie abends zusammen?«

»Ich bin noch nie auf den Gedanken gekommen, ihr einen so unpassenden

Vorschlag zu machen, den sie mit Verachtung zurückweisen würde. Du

lachst! Tu es nur! Ich glaube noch an ein Weib, das liebt, welcher

Klasse es auch angehören, ja, was für Abenteuer es auch früher gehabt

haben mag. Sie hat mir gesagt, ihr Weg sei nicht rein gewesen, aber ich

habe versprochen, sie nie nach dem Vergangenen zu fragen!«

»Es ist also ernst?«

»Ja, es ist ernst!«

»Das ist etwas anderes! Gute Nacht, Bruder Falk! Olle, du kommst wohl

mit mir!«

»Gute Nacht!«

»Armer Falk,« sagte Sellén zu Olle; »jetzt muß er auch das

Spießrutenlaufen durchmachen; aber es muß so sein! Das ist wie

Zahnwechsel; es wird kein Mann aus einem, ehe man nicht seine

Geschichte gehabt hat!«

»Wie ist das Mädel denn?« fragte Olle aus reiner Höflichkeit, denn

seine Gedanken waren weit weg.

»Sie ist in ihrer Art recht nett; aber Falk nimmt die Sache ernst; das

tut sie scheinbar auch, solange sie glaubt, ihn erobern zu können;

zieht es sich aber in die Länge, so wird sie der Sache überdrüssig,

und es ist nicht sicher, daß sie sich nicht doch unterdes anderweitig

Zerstreuung sucht. Nein, ihr könnt solche Affären nicht richtig

behandeln; man muß nicht so lange trödeln, sondern gleich zupacken,

sonst kommt einem ein anderer in den Weg. Hast du nie so etwas erlebt,

Olle?«

»Ich hatte ein Kind mit unserer Magd daheim auf dem Lande; deshalb hat

Vater mich aus dem Hause geworfen. Seitdem hab ich die Weiber nicht

mehr anspucken mögen!«

»Das war ja nicht sehr verwickelt! Aber betrogen zu werden, wie man

es nennt, das spürt man, das kannst du mir glauben. Oh! Oh! Oh! Man

muß Nerven haben wie Geigensaiten, wenn man dies Spiel spielen will.

Wir werden sehen, wie Falk die Feuerprobe besteht; manche nehmen so

etwas sehr tief, und das ist dumm! -- Ach so, die Tür ist auf! Tritt

ein, Olle! Ich hoffe, das Bett ist gemacht, damit du recht gut liegst!

Aber du mußt meine alte Aufwärterin entschuldigen, daß sie die Betten

nicht ordentlich aufschüttelt; sie hat so schwache Hände, daher wird es

vielleicht ein bißchen knollig und hart sein.«

Sie waren die Treppen hinaufgeklettert und langten nun oben an.

»Tritt ein, tritt ein!« sagte Sellén. »Es scheint, daß Stafva hier

gelüftet hat oder auch gescheuert; ich finde, es riecht so feucht.«

»Du machst Witze! Hier kann doch niemand scheuern, es ist ja kein

Fußboden da!«

»Ist kein Fußboden da? Das ist etwas anderes. Wo ist er denn geblieben?

Vielleicht ist er verbrannt worden? Nun, einerlei! Dann werden wir auf

unserer Mutter Erde schlafen, oder auf dem Schutt, was es nun auch

ist.«

Das rote Zimmer · 第 20 / 25 段