»Zwölf Kronen jeden sechsten Monat, vierundzwanzig Kronen jährlich, in

zwei Raten,« erwiderte Levin sicher und entschieden.

»Das sind ja loyale Bedingungen,« sagte Falk. »Wo bekommt ihr dafür

Geld?«

»In der Stellmacherbank! -- Gib Papier und Feder her, Levin!«

Dieser hatte schon einen Schuldschein, einen Federhalter und ein

Taschentintenfaß in der Hand. Der Schuldschein war bereits ausgefüllt.

Als Falk die Zahl achthundert sah, zögerte er einen Augenblick.

»Achthundert Kronen?« sagte er fragend.

»Nimm doch mehr, wenn du nicht zufrieden bist.«

»Nein, ich will nicht; und es ist ja gleichgültig, wer das Geld nimmt,

wenn es nur richtig bezahlt wird. Übrigens bekommt ihr Geld auf so ein

Papier, ohne Sicherheit?«

»Ohne Sicherheit? Du hast doch unsere Bürgschaft!« antwortete Levin

verächtlich und vertrauensvoll.

»Ich will ja nichts dagegen sagen,« meinte Falk; »ich bin dankbar, daß

ihr für mich bürgen wollt, aber ich glaube nicht, daß es durchgeht!«

»Hahaha! Es ist schon bewilligt,« sagte Borg und holte einen

Bewilligungsschein heraus, wie er es nannte. »Nun, unterschreibe!«

Falk schrieb seinen Namen. Borg und Levin standen wie Polizisten neben

ihm.

»Assessor,« diktierte Borg.

»Nein, ich bin Schriftsteller,« erwiderte Falk.

»Nützt nichts, du bist als Assessor angemeldet, und übrigens stehst du

so noch im Adreßbuch.«

»Habt ihr nachgesehen?«

»Man muß in Formsachen streng sein,« sagte Borg ernst.

Falk unterschrieb.

»Komm her, Sellén, und bezeuge!« befahl Borg.

»Ja, ich weiß nicht, ob ich es riskiere,« antwortete dieser. »Ich habe

daheim auf dem Lande so viel Elend aus solchen Unterschriften entstehen

sehen ...«

»Du bist jetzt nicht auf dem Lande und hast nicht mit Bauern zu tun!

Schreibe und bestätige, daß Falk seinen Namen selbst geschrieben hat,

das kannst du doch tun!«

Sellén unterschrieb, schüttelte aber den Kopf.

»Wecke jetzt den Zugochsen da auf, dann muß er auch unterschreiben.«

Als alles Rütteln vergebens war, um Olle zum Leben zu erwecken, nahm

Borg die Feuerzange, die jetzt rot geworden war, und hielt sie dem

Schlafenden unter die Nase.

»Wach auf, du Hund, dann kriegst du was zu essen!« schrie er.

Und Olle sprang auf und rieb sich die Augen.

»Du sollst Falks Unterschrift bestätigen, verstehst du!«

Olle nahm die Feder und schrieb nach dem Diktat der beiden Bürgen,

worauf er sich wieder zum Schlafen legen wollte, aber von Borg

gehindert wurde.

»Nein, warte einmal! Falk muß erst noch eine Ersatzbürgschaft

schreiben.«

»Leiste keine Bürgschaft, Falk,« sagte Olle; »das geht nie gut; das ist

ein Leiden!«

»Schweig, du Hund!« brüllte Borg. »Komm her, Falk. Wir haben für

dich gebürgt, Kaution gestellt, verstehst du! Jetzt sollst du eine

Ersatzbürgschaft leisten an Struves Stelle, der gerichtlich belangt

worden ist.«

»Was heißt Ersatzbürgschaft?« fragte Falk.

»Das ist nur eine Form. Das Darlehn lautete auf achthundert Kronen

in der Malerbank; die erste Anzahlung ist geleistet, nun aber wird

Struve gerichtlich belangt, und da müssen wir uns nach einem Ersatzmann

umsehen. Es ist ja ein altes gutes Darlehn, also ein Risiko ist nicht

dabei; das Geld ist vor einem Jahr verfallen.«

Falk unterschrieb, und die beiden Zeugen setzten ihre Namen ebenfalls

darunter.

Borg kniffte sorgfältig und mit Kennermiene die Schuldscheine zusammen

und überreichte sie Levin, der sich sofort der Tür zuwandte.

»In einer Stunde bist du mit dem Geld wieder hier,« sagte Borg, »sonst

gehe ich sofort zur Polizei und lasse dich suchen!«

Damit stand er auf und legte sich, zufrieden mit seinem Werk, auf das

Sofa, auf dem Olle gelegen hatte.

Dieser wankte ans Feuer, ließ sich auf dem Fußboden nieder und rollte

sich zusammen wie ein Hund.

Es blieb eine Weile still.

»Hör einmal, Olle,« sagte Sellén, »wenn wir auch so ein Papier

unterschrieben!«

»Dann kommt ihr nach Rindö,« sagte Borg.

»Was ist Rindö?« fragte Sellén.

»Das ist eine Insel in den Schären; aber wenn ihr den Mälarsee

vorzieht, so gibt es einen Ort, der Zuchthaus Langholm heißt!«

»Aber im Ernst, was geschieht,« fragte Falk, »wenn man am Verfalltage

nicht bezahlen kann?«

»Dann nimmt man ein neues Darlehn auf in der Schneiderbank,« antwortete

Borg.

»Warum leiht ihr nicht von der Reichsbank?« fing Falk wieder an.

»Die ist faul,« antwortete Borg.

»Verstehst du das?« sagte Olle zu Sellén.

»Kein Wort!« erwiderte dieser.

»Ihr werdet es einmal lernen, wenn ihr Mitglieder der Akademie seid und

im Adreßbuch steht.«

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Audienzen

Nikolaus Falk saß in seinem Kontor am Morgen des Tages vor dem

Weihnachtsabend; er war nicht mehr ganz der alte; die Zeit hatte das

blonde Haar auf seinem Schädel gelichtet, und im Gesicht hatten die

Leidenschaften kleine Abflüsse gegraben für all die Säure, die aus dem

sumpfigen Boden hervorquoll. Er saß über ein kleines schmales Buch vom

Format des Katechismus gebeugt und arbeitete mit der Feder darin, als

steche er Muster aus.

Es klopfte, und sofort verschwand das Buch unter der Pultklappe, und

eine Morgenzeitung nahm seine Stelle ein. Falk war tief in die Lektüre

versunken, als seine Frau eintrat.

»Setz dich!« sagte Falk.

»Nein, dazu habe ich keine Zeit! Hast du die Morgenzeitung schon

gelesen?«

»Nein!«

»Ach so, ich dachte, du seiest gerade dabei!«

»Ja, ich habe eben angefangen!«

»Dann hast du wohl die Kritik über Arvids Gedichte gelesen?«

»Ja ja, die habe ich gelesen!«

»Nun, er hat ja großes Lob bekommen!«

»Das hat er selbst geschrieben!«

»Das hast du gestern abend auch gesagt, als du das ›Graumützchen‹

last!«

»Nun, was willst du?«

»Ich habe vorhin die Admiralin getroffen; sie dankte für die Einladung

und sprach ihre Freude aus, den jungen Dichter zu treffen!«

»Hat sie das gesagt?«

»Ja, das hat sie!«

»Hm! Nun, man kann sich ja getäuscht haben! Ich sage damit nicht, daß

man es getan hat! Du willst wohl wieder Geld haben?«

»Wieder? Wann habe ich denn zuletzt welches bekommen?«

»Hier! -- Geh nun! Aber verlange jetzt vor Weihnachten nicht noch

einmal etwas; du weißt, es ist ein schweres Jahr gewesen!«

»Nein, das weiß ich allerdings nicht! Alle Menschen sagen, es sei ein

gutes Jahr gewesen!«

»Für den Landwirt, ja! Aber nicht für die Versicherungsgesellschaft.

Adieu!«

Die Frau ging, und herein trat Fritz Levin, vorsichtig, als fürchte er

einen Hinterhalt.

»Was willst du?« begrüßte Falk ihn.

»Ach, ich wollte nur im Vorbeigehen einmal Guten Tag sagen!«

»Das ist gescheit! Ich wollte gerade mit dir sprechen!«

»Ach nein!«

»Du kennst den jungen Levi?«

»Ja, gewiß!«

»Lies dies Schriftstück; laut!«

Levin las laut: »Großartige Schenkung! Mit einer bei unsern Kaufleuten

heute nicht ungewöhnlichen Freigebigkeit hat der Großhändler Karl

Nikolaus Falk, um den Jahrestag einer glücklichen Ehe zu feiern, der

Direktion der Kinderkrippe Bethlehem eine Schenkungsurkunde über 20000

Kronen eingehändigt, wovon die eine Hälfte sofort, die andere Hälfte

nach dem Tode des edlen Spenders ausgezahlt wird. Das Geschenk ist von

um so größerem Wert dadurch, daß Frau Falk eine der Gründerinnen der

menschenfreundlichen Institution ist.«

»Ist das gut?« fragte Falk.

»Ausgezeichnet! Das bedeutet zu Neujahr den Wasa-Orden.«

»Nun, dann geh jetzt zu der Direktion, das heißt zu meiner Frau, mit

der Schenkungsurkunde und dem Geld, und dann suche den jungen Levi auf!

Verstehst du?«

»Gewiß!«

Falk gab ihm die Schenkungsurkunde, die auf Pergament geschrieben war,

und die Summe.

»Zähle nach, ob es stimmt,« sagte er.

Levin riß einen Stoß Papiere auf und machte große Augen. Es waren

fünfzig bedruckte Bogen für viele Kronen in allen möglichen Farben.

»Ist das Geld?« fragte er.

»Das sind Wertpapiere,« antwortete Falk, »fünfzig Aktien zu je

zweihundert Kronen vom Triton, die der Kinderkrippe Bethlehem

überwiesen werden.«

»Aha, der wird jetzt sinken, da die Ratten das Schiff verlassen!«

»Das hat niemand gesagt,« antwortete Falk mit einem boshaften Lachen.

»Ja, wenn es aber der Fall ist, dann wird die Kinderkrippe Konkurs

machen müssen!«

»Was geht das mich an, und dich noch weniger! Jetzt etwas anderes! --

Du mußt -- du weißt, was ich meine, wenn ich sage, du mußt --«

»Ich weiß, ich weiß; Gerichtsvollzieher, Scherereien, Schuldscheine --

sprich nur, sprich nur!«

»Du mußt zu meinem Diner am dritten Weihnachtstag Arvid herschaffen!«

»Ebensogut könnte ich drei Barthaare von dem Riesen holen! Siehst du

jetzt, wie gut es war, daß ich deinen Auftrag damals im Frühjahr nicht

ausgeführt habe? Habe ich nicht gleich geäußert, es würde so kommen?«

»Hast du? Was willst du geäußert haben? Halt jetzt den Mund und tu,

was ich sage: das war die Sache! -- Nun noch eins! -- Ich habe gewisse

Symptome von Reue bei meiner Frau bemerkt. Sie muß die Mutter oder eine

von den Schwestern getroffen haben. Weihnachten ist eine sentimentale

Jahreszeit. -- Geh nach dem Holm und heize etwas ein!«

»Das ist kein angenehmer Auftrag ...«

»Marsch! -- Der Nächste!«

Levin ging und wurde von Magister Nyström abgelöst, der durch eine

Tapetentür im Hintergrunde des Zimmers hereinkam, worauf die Tür

verschlossen wurde. Jetzt verschwand die Morgenzeitung, und das lange

schmale Buch kam zum Vorschein.

Nyström sah bedauerlich herabgekommen aus; sein Körper war auf ein

Drittel seines Volumens reduziert und sein Anzug äußerst dürftig. Er

blieb demütig an der Tür stehen, holte ein sehr verbrauchtes Notizbuch

aus der Tasche und wartete.

»Fertig?« fragte Falk und legte den Zeigefinger in das Buch.

»Fertig,« antwortete Nyström und öffnete das Notizbuch.

»Nummer 26. Leutnant Kling; 1500 Kronen. Bezahlt?«

»Nicht bezahlt!«

»Wird prolongiert mit Strafzinsen und Provision. Wird zu Hause

aufgesucht!«

»Empfängt zu Hause nie!«

»Dann muß man ihm brieflich androhen, ihn in der Kaserne aufzusuchen!

-- Nummer 27. Assessor Dahlberg: 800 Kronen. Wart einmal! Sohn des

Großhändlers, der auf 35000 geschätzt wird; kann vorläufig gestundet

werden, wenn er nur die Zinsen bezahlt! Behalte ihn im Auge!«

»Er bezahlt die Zinsen nie!«

»Muß auf Postkarte gemahnt werden, die ins Amt geschickt wird! --

Nummer 28. Hauptmann Stjernborst: 4000. Da haben wir den Jungen. Nicht

bezahlt?«

»Nicht bezahlt!«

»Schön! Verhaltungsmaßregeln: Wird um zwölf Uhr auf der Wache

aufgesucht. Anzug -- deiner, nämlich -- kompromittierend. Der rote

Überzieher, der an den Nähten gelb ist -- du weißt ja!«

»Das nützt nichts! Ich habe ihn im Winter im Gehrock im Wachlokal

aufgesucht!«

»Dann gehst du zu den Bürgen!«

»Da bin ich gewesen, und die haben mich zum Teufel geschickt! Die

Bürgschaft sei nur eine Formalität gewesen, sagten sie.«

»Dann suchst du ihn selbst einmal am Mittwochnachmittag um eins auf,

wenn er in der Direktion des Triton sitzt; nimm Andersson mit, damit

ihr zu zweien seid.«

»Das ist schon geschehen!«

»Nun, was machte die Direktion denn für ein Gesicht?« fragte Falk und

blinzelte mit den Augen.

»Sie sahen geniert aus!«

»Oh, taten sie das? Sahen sie wirklich geniert aus?«

»Ja, das taten sie!«

»Aber er selbst?«

»Er begleitete uns hinaus auf den Flur und sagte, er werde bezahlen,

wenn wir nur versprächen, ihn nie wieder dort aufzusuchen!«

»Ach so! Oho! Sitzt da zwei Stunden in der Woche für sechstausend

Kronen, weil er Stjernborst heißt! -- Warte einmal! Heute ist

Sonnabend! -- Du bist pünktlich halb eins im Triton; wenn du mich da

siehst, was sicher ist, so bitte -- keine Miene! -- Verstanden? Gut! --

Neue Gesuche?«

»Fünfunddreißig!«

»Ja ja! Morgen ist Weihnachten!«

Falk blätterte einen Stoß Schuldscheine durch; dann und wann glitt ein

Lächeln über seine Lippen, und ein vereinzeltes Wort entfuhr ihm.

»Herrgott! Ist es so weit mit ihm gekommen! Und der -- und der -- der

für so solide gilt! Ja ja, ja ja, ja ja! Das sind Zeiten! -- Ach, der

braucht Geld? Dann werde ich sein Haus kaufen ...«

Es klopfte an die Tür. Die Klappe wurde zugemacht, Papiere und

Katechismus waren wie fortgeblasen und Nyström ging durch die

Tapetentür hinaus.

»Um halb eins,« flüsterte Falk ihm nach. »Noch ein Wort! Hast du das

Gedicht fertig?«

»Ja,« ertönte es aus der Unterwelt.

»Gut! Halte Levins Schuldschein bereit, daß wir ihn der Kanzlei

vorlegen können. Ich werde ihm eines Tages den Garaus machen! Der

Teufel ist falsch!«

Darauf rückte er das Halstuch zurecht, zog die Manschetten vor und

öffnete die Tür zum Korridor.

»Ah, guten Tag, Herr Lundell! Ergebenster Diener! Bitte sehr, treten

Sie näher! Wie geht es? Ich hatte mich einen Augenblick

eingeschlossen!«

Es war wirklich Lundell, wie ein Kommis gekleidet, nach der letzten

Mode, mit Uhrkette, Ring, Handschuhen und Galoschen.

»Ich störe wohl, Herr Großhändler?«

»Nein, durchaus nicht! Glauben Sie, Herr Lundell, daß wir es bis morgen

fertig bekommen?«

»Muß es unbedingt morgen fertig sein?«

»Unbedingt! Die Krippe hat ein Fest, das ich gebe, und meine Frau soll

dies Porträt überreichen, damit es im Eßsaal aufgehängt wird!«

»Nun, dann darf es keine Hindernisse geben,« erwiderte Lundell und

holte ein fast fertiges Bild und eine Staffelei aus einem Kämmerchen.

»Wollen Herr Großhändler bitte einen Augenblick stillsitzen, dann kann

ich hier und da etwas korrigieren!«

»Bitte sehr! Bitte sehr! Ganz wie Sie wünschen!«

Falk warf sich auf einen Stuhl, schlug die Beine übereinander, nahm die

Haltung eines Staatsmanns an und setzte eine vornehme Miene auf.

»Bitte, sprechen Sie,« sagte Lundell. »Das Gesicht ist allerdings schon

an sich interessant, aber je mehr Nuancen des Charakters es ausdrücken

kann, desto besser!«

Falk lächelte, und ein Schein von Wohlgefallen und Zufriedenheit mit

sich selbst erhellte seine rohen Gesichtszüge.

»Sie speisen doch am dritten Weihnachtstag bei mir, Herr Lundell?«

»Danke sehr ...«

»Da werden Sie die Gesichter hochverdienter Männer studieren können,

die am Ende würdiger wären, auf der Leinwand festgehalten zu werden als

meins.«

»Ich werde vielleicht die Ehre haben, sie zu malen?«

»Sicher, wenn ich ein gutes Wort für Sie einlege!«

»Oh, glauben Sie wirklich?«

»Ganz sicher!«

»Jetzt habe ich eben einen neuen Zug gesehen. Bitte, behalten Sie

diese Miene bei. So! Vortrefflich! Ich fürchte, wir müssen heute den

ganzen Tag daranwenden, Herr Großhändler! Es bleiben noch eine Menge

Kleinigkeiten, die man nur so unter der Hand entdeckt. Ihr Gesicht ist

so reich an interessanten Zügen.«

»Nun, dann wollen wir zusammen im Restaurant essen! Und wir wollen uns

oft treffen, Herr Lundell, damit Sie Gelegenheit haben, mein Gesicht

besser zu studieren zu der zweiten Auflage -- die man doch immer gern

haben möchte! Ich muß wirklich sagen, Herr Lundell, es gibt wenige

Leute, die so angenehm auf mich wirken wie Sie ...«

»Oh, ich bitte ergebenst.«

»Und ich muß Ihnen sagen, mein Herr, daß ich sehr scharfsichtig bin und

Wahrheit von Schmeichelei wohl zu unterscheiden verstehe.«

»Das habe ich sofort gesehen,« erwiderte Lundell gewissenlos. »Mein

Beruf hat mir die Fähigkeit gegeben, Menschen zu beurteilen!«

»Sie haben Blick! Mich können in der Tat nicht viele Menschen richtig

beurteilen. Meine Frau zum Beispiel ...«

»Nun, das kann man von Frauen auch nicht verlangen.«

»Nein, habe ich das nicht immer gesagt? -- Hören Sie, darf ich Sie

nicht zu einem guten Glas Portwein einladen?«

»Danke sehr, Herr Großhändler, aber ich habe mir zum Prinzip gemacht

nie etwas zu trinken, wenn ich arbeite ...«

»Das ist sehr richtig! Dies Prinzip respektiere ich -- ich respektiere

Prinzipien immer -- um so mehr, wenn ich sie teile.«

»Aber wenn ich nicht arbeite, trinke ich gern ein Glas.«

»Ganz wie ich -- ganz wie ich!«

Es schlug halb eins. Falk sprang auf.

»Entschuldigen Sie mich, ich muß einen Augenblick in Geschäften fort,

aber ich werde sogleich wieder da sein!«

»Bitte sehr! Bitte sehr! Die Geschäfte gehen vor!«

Falk zog sich an und ging. Lundell blieb allein in dem Kontor.

Er steckte sich eine Zigarre an und betrachtete das Porträt. Wer sein

Gesicht jetzt beobachtet hätte, würde seine Gedanken nicht haben lesen

können, denn er hatte schon so viel Lebenskunst gelernt, daß er nicht

einmal der Einsamkeit seine Ansichten anvertraute, ja er hatte sogar

Angst, sie sich selber kundzutun.

Vierundzwanzigstes Kapitel

Über Schweden

Man war zum Dessert gekommen. Der Champagner funkelte in den Gläsern,

in denen sich die Lichtstrahlen des Kronleuchters in Nikolaus

Falks Eßsaal in der Wohnung an der Schiffsbrücke spiegelten. Arvid

nahm von allen Seiten freundliche Händedrücke mit Komplimenten und

Glückwünschen, Warnungen und Ratschlägen entgegen; alle wollten

sich einen Anteil an seinen Erfolgen sichern, denn jetzt war es ein

ausgesprochener Erfolg.

»Herr Assessor Falk! Ich habe die Ehre!« sagte der Präsident des

Kollegiums für Auszahlung der Beamtengehälter und nickte ihm über den

Tisch zu. »Das ist ein Genre, auf das ich mich verstehe!«

Falk nahm das verletzende Kompliment mit Ruhe entgegen.

»Warum schreiben Sie so melancholisch?« fragte eine junge Schönheit,

die rechts vom Dichter saß. »Man könnte glauben, Sie seien unglücklich

verliebt!«

»Herr Assessor Falk! Darf ich mir erlauben!« sagte der Chefredakteur

des ›Graumützchens‹ von links, indem er seinen langen blonden Bart

strich. »Warum schreiben Sie nicht für meine Zeitung, Herr Assessor?«

»Ich glaube, die Herren würden nicht drucken, was ~ich~ schreibe!«

antwortete Falk.

»Ich wüßte nicht, was uns hindern sollte!«

»Die Ansichten!«

»Oh! Das ist doch nicht so gefährlich damit! Das wird sich schon

ausgleichen! Wir haben ja gar keine Ansichten!«

»Prosit, Falk!« schrie der schon ganz ausgelassene Lundell über den

Tisch. »Heisa!«

Levi und Borg mußten ihn festhalten, damit er nicht aufstand und eine

Rede hielt.

Es war das erste Mal, daß er in so einer Gesellschaft war, und die

stattliche Versammlung und das glänzende Diner waren ihm zu Kopf

gestiegen; da aber alle Gäste sich in einem höheren Stadium befanden,

erregte er gleicherweise kein unliebsames Aufsehen.

Arvid Falk fühlte sich warm beim Anblick dieser Menschen, die ihn

wieder in ihrer Mitte aufgenommen hatten, ohne eine Erklärung zu

verlangen oder eine Abbitte zu fordern. Er hatte ein Gefühl von

Sicherheit, auf diesen alten Stühlen zu sitzen, die zu seinem

Elternhause gehört hatten; er erkannte mit Wehmut den großen

Tafelaufsatz wieder, der früher nur einmal im Jahre herausgeholt wurde;

aber die vielen neuen Menschen machten ihn zerstreut. Er ließ sich von

ihren freundlichen Mienen nicht täuschen; sie wollten ihm allerdings

nichts Böses tun, aber ihr Wohlwollen hing von einer Konjunktur ab.

Außerdem kam ihm die ganze Veranstaltung wie eine Maskerade vor. Was

für gemeinsame Interessen hatte Professor Borg, der Mann mit dem

großen wissenschaftlichen Ruf, mit seinem ungebildeten Bruder? Sie

waren in der gleichen Aktiengesellschaft! Was tat der hochmütige

Hauptmann Gyllenborst hier? Kam er her, um zu essen? Unmöglich, obwohl

die Menschen recht weit gehen, um zu essen. Und der Präsident? Und

der Admiral? Hier gab es unsichtbare Bande, starke, unlösliche Bande

vielleicht!

Die Freude ging hoch, doch das Lachen war zu schrill, der Witz

sprudelte, war aber säuerlich; Falk fühlte sich beklommen, und er hatte

das Gefühl, als blicke von dem Porträt, das über dem Klavier hing, das

Gesicht des Vaters zornig auf die Gesellschaft nieder.

Nikolaus Falk strahlte vor Zufriedenheit; er sah und hörte nichts

Unangenehmes, wich aber den Blicken des Bruders soviel er konnte aus.

Sie hatten noch kein Wort miteinander gewechselt, denn Arvid hatte sich

nach Levins Anweisung erst eingefunden, als alle Gäste versammelt

waren.

Das Diner näherte sich seinem Ende. Nikolaus hielt eine Rede auf »die

eigne Kraft und den festen Willen«, die den Menschen zum Ziel führen:

»zur wirtschaftlichen Unabhängigkeit« und einer »Position«. »Dies

alles zusammen«, sagte der Redner, »verleih Selbstgefühl und gibt dem

Charakter die Festigkeit ohne die wir nichts ausrichten können; nichts

ausrichten im Dienst der Allgemeinheit, dem Höchsten, was wir erreichen

können; und dahin, meine Herren, streben wir doch alle, wenn wir wahr

sein wollen! Ich trinke auf das Wohl meiner geehrten Gäste, die heute

meinem Hause die Ehre geben, und hoffe, daß ich noch oft die gleiche

Ehre genießen werde!«

Darauf antwortete Hauptmann Gyllenborst, der schon etwas angeheitert

war, in einer längeren, scherzhaften Rede, die in einer andern Stimmung

und in einem andern Hause als skandalös bezeichnet worden wäre.

Er griff den kaufmännischen Geist an, der jetzt um sich gegriffen habe,

und erklärte scherzend, es fehle ihm gewiß nicht an Selbstgefühl,

obwohl er im höchsten Grade der wirtschaftlichen Unabhängigkeit

entbehre; er habe gerade heute vormittag eine Affäre recht unangenehmer

Art gehabt, -- trotzdem jedoch habe er Charakterstärke genug besessen,

zu diesem Diner zu gehen; und was seine gesellschaftliche Position

betreffe, so halte er sie für ebenso gut wie die irgendeines andern

Menschen -- und dieser Meinung seien auch andere, da er ja doch die

Ehre habe, an dieser Tafel, bei diesen scharmanten Gastgebern zu

sitzen!

Als er geendet hatte, atmete die Gesellschaft erleichtert auf, denn

»man habe das Gefühl gehabt, als zöge eine Gewitterwolke vorüber«,

bemerkte die Schöne zu Arvid Falk, der dieser Äußerung lebhaft

zustimmte.

Es war so viel Lüge, so viel Falschheit in der Luft, daß Falk sich

beklommen fühlte und sich hinaussehnte. Er sah, wie diese Menschen,

die ganz sicher ehrenhaft und achtenswert waren, gleichsam an einer

unsichtbaren Kette gingen, an der sie dann und wann mit erstickter

Wut zerrten -- ja, Hauptmann Gyllenborst behandelte den Wirt wirklich

mit offener, wenn auch scherzhafter Verachtung. Er steckte sich im

Salon eine Zigarre an, nahm unpassende Stellungen ein und beachtete

die Damen nicht. Er spuckte auf die Steine vor dem Ofen, kritisierte

unbarmherzig die Öldrucke an den Wänden und sprach seine Verachtung für

Mahagonimöbel aus. Die übrigen Herren beobachteten ein indifferentes,

ihrer selbst würdiges Benehmen und schienen Dienst zu tun.

Erregt und unzufrieden verließ Arvid Falk unbemerkt die Gesellschaft

und ging fort. Auf der Straße stand Olle Montanus und wartete auf ihn.

»Ich habe wirklich nicht geglaubt, daß du kommen würdest,« sagte Olle.

»Es ist so schön hell da oben!«

»Ach deshalb! Ich wollte, du wärst dabei gewesen!«

»Nun, wie macht Lundell sich unter feinen Leuten?«

»Beneide ihn nicht! Er wird auch noch bittere Tage haben, wenn er

Porträtmaler werden will! -- Laß uns jetzt von etwas anderm sprechen!

Ich habe mich wirklich so nach diesem Abend gesehnt, wo ich die

Arbeiter aus der Nähe sehen soll! Oh, ich glaube, nach diesem Qualm

wird es wie frische Luft sein! Mir ist, als dürfte ich in den Wald

gehen, nachdem ich in einem Krankenhaus darniedergelegen habe! Ich

werde doch nicht auch dieser Illusion beraubt werden?«

»Der Arbeiter ist mißtrauisch, du mußt also vorsichtig sein!«

»Ist er edel? Ist er frei von Kleinlichkeit? Oder hat der Druck ihn

verdorben?«

»Du wirst ja sehen! Es ist vieles in der Welt anders, als man sich

vorstellt!«

»Ja, leider Gottes, das ist es!«

Nach einer halben Stunde befanden sie sich in dem großen Saal des

Arbeitervereins Nordstern, der schon vollbesetzt war. Falks schwarzer

Frack machte keinen guten Eindruck, und er mußte manchen unfreundlichen

Blick aus finsteren Gesichtern entgegennehmen.

Olle stellte Falk einem langen, hageren, hustenden Manne von

fanatischem Aussehen vor:

»Tischler Eriksson!«

»Ach,« sagte der, »ist das auch ein Herr, der Reichstagsabgeordneter

werden will? Dazu sieht er mir doch zu schmächtig aus!«

»Nein, nein,« sagte Olle, »er kommt für die Zeitung!«

»Was für eine Zeitung? Es gibt so viele Sorten von Zeitungen!

Vielleicht ist er hier, um sich über uns lustig zu machen!«

»Nein, durchaus nicht,« sagte Olle, »er ist ein Arbeiterfreund und will

alles für euch tun!«

»So so, das ist etwas anderes! Aber ich habe Angst vor solchen Herren;

wir hatten einen, der bei uns wohnte, das heißt in demselben Haus oben

auf dem Weißen Berge; er war der Vizewirt -- Struve hieß die Kanaille!«

Das rote Zimmer · 第 19 / 25 段