so schnell wie möglich ihre Wünsche erfüllt werden, damit sie ihre
Gedanken einem Bessern zukehren können; denn das dürfte doch der Zweck
des Lebens sein.«
»Das kannst du so ruhig sagen, du, der du dich schon durchgesetzt
hast?«
»Ja, sollen wir nicht dahin kommen? Wir wünschen uns ja gar nicht,
Glück zu haben; wir wünschen uns, so dasitzen und über unsere großen
Bestrebungen, unsere großen, hörst du, lächeln zu können!«
Die Uhr schlug jetzt acht, daß es durch den Saal schmetterte. Falander
erhob sich hastig vom Stuhl, als wolle er gehen, dann strich er sich
mit der Hand über die Stirn und setzte sich wieder.
»Ist Agnes heute abend bei Tante Beate?« fragte er in gleichgültigem
Ton.
»Woher weißt du das?«
»Nun, das kann ich mir doch denken, wenn du hier in aller Ruhe sitzt!
Sie will ihr wohl die Rolle vorlesen, denke ich mir, da ihr nicht mehr
viel Zeit habt.«
»Ja, hast du sie heute abend getroffen, da du auch das weißt?«
»Nein, auf Ehre nicht! Ich kann mir nur keinen andern Grund denken,
warum sie dich einen Abend, wo wir nicht spielen, allein läßt.«
»Da hast du ganz richtig gedacht. Übrigens hat sie mich gebeten,
auszugehen und mir Gesellschaft zu suchen, weil ich so lange zu Hause
gesessen habe. Sie ist so besorgt und zärtlich, das liebe Mädel!«
»Ja, sie ist sehr zärtlich!«
»Sie hat mich erst einen einzigen Abend allein gelassen, als sie bei
ihrer Tante aufgehalten wurde und nicht absagen lassen konnte. Ich
wäre beinahe verrückt geworden und habe die ganze Nacht nicht schlafen
können.«
»Das war am 6. Juli, nicht wahr?«
»Du erschreckst mich! Spionierst du?«
»Warum sollte ich das tun? Ich kenne euer Verhältnis doch und
begünstige es in jeder Weise. Und wenn ich weiß, daß das an einem
Dienstag, am 6. Juli, passiert ist, so kommt das daher, daß du so oft
davon gesprochen hast.«
»Ach, das ist wahr!«
Es wurde wieder lange still.
»Es ist seltsam,« unterbrach Rehnhjelm schließlich das Schweigen, »wie
melancholisch das Glück einen Menschen machen kann; ich bin heute abend
so unruhig und wäre lieber mit Agnes zusammengewesen. Wollen wir nicht
in die kleinen Zimmer gehen und sie holen lassen? Sie kann ja sagen, es
sei Besuch von auswärts gekommen.«
»Das würde sie nie sagen; sie bringt es nicht fertig, die Unwahrheit zu
sprechen!«
»Oh, das ist nicht gefährlich! Das können alle Frauen!«
Falander fixierte Rehnhjelm auf eine Art, die dieser nicht enträtseln
konnte; dann sagte er:
»Ich will erst nachsehen, ob die kleinen Zimmer frei sind, davon wollen
wir es abhängig machen!«
»Nun, gut!«
Falander hielt ihn zurück, als er Miene machte, mitzugehen, und
entfernte sich. Nach zwei Minuten war er wieder da. Er war ganz weiß im
Gesicht, aber ruhig, und sagte nur:
»Sie sind besetzt!«
»Wie ärgerlich!«
»Nun, wir müssen uns so gut wir können Gesellschaft leisten!«
Und sie leisteten sich Gesellschaft, und sie aßen und tranken, und sie
sprachen vom Leben, von der Liebe und von der Bosheit der Menschen; und
sie wurden satt und betrunken und gingen nach Hause und legten sich
schlafen.
Einundzwanzigstes Kapitel
Eine Seele über Bord
Rehnhjelm erwachte um vier Uhr am folgenden Morgen, weil ihm war,
als rufe jemand seinen Namen. Er richtete sich im Bett auf und
lauschte -- es war still. Er zog das Rouleau hoch und sah einen grauen
Herbstmorgen, regnerisch und stürmisch. Er legte sich wieder hin,
versuchte aber vergebens zu schlafen. Es waren so viele wunderliche
Stimmen im Winde; sie klagten und warnten und weinten und ächzten. Er
versuchte an etwas Angenehmes zu denken: an sein Glück; er nahm seine
Rolle und begann zu lesen; aber es war nur: »Ja, mein Prinz,« und er
dachte an Falanders Worte und fand, daß dieser zum Teil recht habe. Er
versuchte daran zu denken, wie er auf der Bühne als Horatio aussehen
werde; er versuchte sich Agnes als Ophelia vorzustellen, und er sah in
ihr eine heuchlerische Intrigantin, die auf Polonius' Einflüsterung
ihm eine Falle stellte; er wollte dies Bild verscheuchen und sah an
Stelle von Agnes die galante Mamsell Jaquette, die er im Stadttheater
zuletzt die Ophelia hatte spielen sehen. Vergebens versuchte er diese
unangenehmen Gedanken und Bilder zu verjagen, aber sie verfolgten ihn
wie Mücken. Als er sich müde gekämpft hatte, schlief er ein und machte
im Traum dieselben Qualen durch; er riß sich los und ermunterte sich,
schlief aber wieder ein, und die gleichen Bilder wiederholten sich.
Gegen neun Uhr erwachte er davon, daß er laut aufschrie; da sprang er
aus dem Bett, als wolle er vor bösen Geistern, die ihn verfolgten,
fliehen. Als er vor den Spiegel trat, sah er, daß er geweint hatte. Er
kleidete sich in aller Eile an, und als er die Stiefel anziehen wollte,
lief eine Spinne über den Fußboden. Er freute sich, denn er glaubte an
Spinnen, sie sollen Glück bedeuten; ja, er kam in ganz vortreffliche
Stimmung und sagte sich selber, man dürfe abends keine Krebse essen,
wenn man gut schlafen wolle. Er trank seinen Kaffee und rauchte eine
Pfeife und lächelte über die Regenschauer und den Sturm draußen, als
es an die Tür klopfte. Er fuhr zusammen, denn er fürchtete heute alle
Nachrichten, er wußte nicht warum; dann dachte er an die Spinne und
ging ruhig hin und öffnete.
Es war Herrn Falanders Dienstmädchen, das ihn bat, unbedingt pünktlich
um zehn Uhr in einer höchst wichtigen Angelegenheit zu Herrn Falander
zu kommen.
Von neuem wurde er von der unbeschreiblichen Angst überfallen, die ihn
im Morgenschlummer geplagt hatte. Er versuchte sich die noch bleibende
Stunde zu vertreiben. Aber es war unmöglich. Da zog er sich an, und
eilte mit hochklopfendem Herzen zu Falander.
Bei diesem war schon aufgeräumt und alles empfangsbereit. Er begrüßte
Rehnhjelm mit freundlicher, wenn auch ungewöhnlich ernster Miene.
Dieser bestürmte ihn mit Fragen, Falander aber erwiderte, er könne vor
zehn Uhr nichts sagen. Rehnhjelm wurde unruhig und wollte wissen, ob es
etwas Unangenehmes sei; Falander sagte, nichts sei unangenehm, wenn man
es nur richtig zu sehen verstehe. Und er erklärte, daß viele Dinge, die
uns unerträglich erschienen, sehr leicht zu ertragen seien, wenn man
sie nur nicht überschätze. So verging die Zeit bis zehn Uhr.
Da wurde zweimal leise an die Tür geklopft, die sich unmittelbar
darauf öffnete, und herein trat Agnes. Ohne auf die Anwesenden zu
achten, holte sie den Schlüssel herein, verschloß die Tür und stand
im Zimmer. Aber der Ausdruck der Verlegenheit, als sie statt einer
Person deren zwei sah, dauerte nur eine Sekunde und löste sich in eine
angenehme Überraschung auf, Rehnhjelm auch hier zu treffen. Sie warf
den Regenmantel ab und lief auf ihn zu; er umarmte sie und drückte sie
heftig an die Brust, als habe er sie ein Jahr lang nicht gesehen.
»Du bist lange fort gewesen, Agnes!«
»Lange? Was meinst du damit?«
»Ich habe dich seit einer Ewigkeit nicht gesehen, finde ich. Du siehst
heute so frisch aus; hast du gut geschlafen?«
»Findest du, ich sehe frischer aus als gewöhnlich?«
»Ja, das finde ich; du bist so rosig und hast so runde Wangen! Willst
du Falander nicht begrüßen?«
Dieser stand ruhig da und hörte dem Gespräch zu, aber sein Gesicht war
weiß wie Gips, und er schien zu überlegen.
»Himmel, wie siehst du angegriffen aus,« sagte Agnes und machte einen
Entrechat durch das Zimmer mit den weichen Bewegungen eines Kätzchens,
nachdem sie sich Rehnhjelms Armen entwunden hatte.
Falander antwortete nicht. Agnes betrachtete ihn genauer und schien in
einem Augenblick seine Gedanken zu erraten; ihr Gesicht verwandelte
sich wie eine Wasserfläche, wenn der Windstoß sich nähert, aber nur für
eine Sekunde. In der nächsten war sie wieder ruhig und entschlossen,
allem zu begegnen, nachdem sie mit einem Blick Rehnhjelm gemustert und
die Situation erfaßt hatte.
»Darf man wissen, was für wichtige Angelegenheiten uns so früh
hierhergeführt haben?« sagte sie heiter und schlug Falander auf die
Schulter.
»Ja,« begann er, fest und entschlossen, so daß Agnes erblaßte; aber im
selben Augenblick warf er den Kopf herum, als wolle er den Gedanken
eine andere Richtung geben: »heute ist mein Geburtstag, und ich möchte
euch zum Frühstück einladen.«
Agnes, der zumut war wie einem Menschen, der einen Zug auf sich
zubrausen sah, ihm aber im letzten Augenblick entronnen ist, brach in
ein klingendes Lachen aus und umarmte Falander.
»Aber da ich es erst zu elf Uhr bestellt habe, müssen wir hier solange
warten. Bitte, nehmt Platz!«
Es wurde still, unheimlich still.
»Jetzt geht ein Engel durchs Zimmer,« sagte Agnes.
»Das warst du,« sagte Rehnhjelm und küßte ehrerbierig und innig ihre
Hand.
Falander sah aus wie einer, der aus dem Sattel geworfen, aber wieder
hinaufzuklettern bemüht ist.
»Ich habe heute früh eine Spinne gesehen,« sagte Rehnhjelm, »das
bedeutet Glück!«
»+Araignée matin: chagrin+,« sagte Falander; »das kennst du wohl
nicht!«
»Was bedeutet das?« fragte Agnes.
»Spinne am Morgen, Unglück und Sorgen.«
»Hm!«
Es wurde wieder still, und das ruckweise Peitschen des Regens an den
Fenstern ersetzte die Unterhaltung.
»Ich habe über Nacht ein so aufregendes Buch gelesen,« begann Falander,
»daß ich gar nicht habe schlafen können.«
»Was war das für ein Buch?« fragte Rehnhjelm, ohne sonderliches
Interesse an der Sache, denn er fühlte sich noch immer beunruhigt.
»Es hieß Pierre Clément und behandelte die übliche Weibergeschichte;
aber sie war so lebendig dargestellt, daß sie einen sehr starken
Eindruck machte.«
»Welches ist denn die übliche Weibergeschichte, wenn ich fragen darf?«
sagte Agnes.
»Untreue und Falschheit, natürlich!«
»Nun, und Pierre Clément?« fragte Agnes.
»Er wurde natürlich betrogen. Er war ein junger Maler, der die Geliebte
eines andern liebte ...«
»Jetzt erinnere ich mich, den Roman gelesen zu haben,« sagte Agnes,
»und er hat mir sehr gefallen. Verlobte sie sich dann nicht mit einem,
den sie wirklich liebte? Ja, so war es, und unterdes erhielt sie die
alte Beziehung aufrecht. Damit wollte der Verfasser beweisen, daß die
Frau auf zwei Arten lieben kann, der Mann aber nur auf eine. Das ist
sehr richtig. Nicht wahr?«
»Gewiß! Doch dann kam der Tag, als ihr Verlobter sich mit einem Bilde
an einer Konkurrenz beteiligen wollte -- kurz und gut, sie gab sich dem
Akademiedirektor hin, und Pierre Clément wurde glücklich -- und konnte
sich verheiraten.«
»Und damit wollte der Verfasser sagen, daß die Frau für den Mann, den
sie liebt, alles opfern kann, während der Mann ...«
»Das ist das Schändlichste, was mir je vorgekommen ist!« rief Falander.
Er stand auf und trat an seinen Schreibsekretär. Er öffnete heftig die
Klappe und holte ein schwarzes Kästchen heraus.
»Hier,« sagte er und gab Agnes das Kästchen; »geh nach Hause und
befreie die Welt von einem Abschaum!«
»Was ist das?« sagte Agnes lachend, indem sie das Kästchen öffnete und
einen sechsläufigen Revolver herausholte. »Nein, ist das ein nettes
Ding! Hast du den nicht als Karl Moor gehabt? Ja, den hattest du! Ich
glaube, er ist geladen!«
Sie hob den Revolver, zielte nach der Schornsteinklappe und drückte ab.
»Leg ihn wieder weg!« sagte sie. »Das ist kein Spielzeug, meine
Freunde!«
Rehnhjelm hatte sprachlos dagesessen. Er begriff alles, aber er
konnte kein Wort herausbringen, und er stand so unter dem Zauber
des Mädchens, daß er nicht einmal unfreundliche Gefühle gegen sie
aufbringen konnte. Er wußte freilich, daß ihm ein Messer durchs Herz
gegangen war, aber der Schmerz hatte noch nicht Zeit gehabt, sich
einzufinden.
Falander war von so viel Frechheit aus der Fassung gebracht und
brauchte eine Weile, um sich zu sammeln, da seine ganze moralische
Hinrichtungsszene mißglückt und sein Theatercoup für ihn nicht sehr
günstig ausgefallen war.
»Wollen wir jetzt nicht gehen?« fragte Agnes und begann ihr Haar vor
dem Spiegel zu ordnen.
Falander öffnete die Tür.
»Geh!« sagte er, »und nimm meinen Fluch mit dir. Du hast den
Seelenfrieden eines ehrlichen Mannes zerstört.«
»Wovon sprichst du eigentlich? Mache doch die Tür zu, es ist nicht warm
hier drinnen.«
»Ach so, wir müssen deutlicher reden. Wo bist du gestern abend
gewesen?«
»Das weiß Hjalmar, und dich geht es nichts an!«
»Du warst nicht bei deiner Tante; du hast mit dem Direktor soupiert!«
»Das ist eine Lüge!«
»Ich habe dich um neun Uhr im Ratskeller gesehen!«
»Das lügst du! Um die Zeit bin ich zu Hause gewesen; du kannst Tantes
Mädchen fragen, die mich nach Hause begleitet hat!«
»Das hätte ich doch nicht gedacht!«
»Wollen wir diese Unterhaltung jetzt nicht beenden, so daß wir endlich
wegkommen? Du mußt nachts nicht solche dummen Bücher lesen, dann hast
du tags darauf den Koller! Zieht euch jetzt an!«
Rehnhjelm mußte sich an den Kopf fassen, um zu fühlen, ob der noch an
seinem richtigen Platz saß, denn ihm drehte sich alles vor den Augen.
Als er sich überzeugt hatte, daß alles in Ordnung war, suchte er nach
einem klaren Gedanken, der Licht in die Angelegenheit hätte bringen
können, aber er fand keinen.
»Wo bist du am 6. Juli gewesen?« fragte Falander mit der vernichtenden
Miene eines Richters.
»Was du für dumme Fragen stellst; wie soll ich mich erinnern, was vor
drei Monaten geschehen ist?«
»Nun, du warst bei mir, während du Hjalmar gesagt hast, du seist bei
deiner Tante.«
»Höre nicht auf ihn,« sagte Agnes und ging schmeichelnd auf Rehnhjelm
zu, »er schwatzt so viel dummes Zeug.«
Im nächsten Augenblick hatte Rehnhjelm sie am Halse gepackt und warf
sie nun rücklings in die Ofenecke, wo sie still und regungslos auf
einem Haufen Holz liegen blieb.
Dann setzte er den Hut auf, Falander aber mußte ihm den Überzieher
anhelfen, denn er zitterte an allen Gliedern.
»Komm, wir wollen gehen,« sagte er, spuckte auf die Steine vor dem Ofen
und ging hinaus.
Falander zögerte einen Augenblick, fühlte Agnes' Puls und ging dann
sofort hinter Rehnhjelm her, den er unten auf dem Flur einholte.
»Ich bewundere dich,« sagte Falander zu Rehnhjelm; »die Sache stand
wirklich außerhalb aller Erörterungen.«
»Ich bitte dich, sie auch weiter so zu behandeln; wir haben nicht mehr
viel Zeit, um gegenseitig unsere Gesellschaft zu genießen; ich fahre
mit dem nächsten Zuge nach Hause, um zu arbeiten und zu vergessen!
Jetzt wollen wir in den Ratskeller gehen und uns betäuben, wie du es
nennst!«
Sie kamen in den Keller und ließen sich ein separates Gemach geben,
verbaten sich aber die »kleinen Zimmer«.
Bald saßen sie an einem wohlgedeckten Tisch.
»Habe ich graues Haar bekommen?« fragte Rehnhjelm und befühlte sein
Haar, das ganz feucht war und dicht am Schädel klebte.
»Nein, mein Freund, das geht nicht so schnell; grauhaarig bin ich ja
noch nicht einmal geworden.«
»Hat sie sich verletzt?«
»Nein.«
»In diesem Zimmer war es -- das erste Mal!«
Er stand vom Tisch auf, machte einige Schritte, wankte und fiel neben
dem Sofa auf die Knie, auf das er seinen Kopf legte und in ein Weinen
ausbrach wie ein Kind, wenn es in seiner Mutter Schoß weint.
Falander setzte sich neben ihn und nahm seinen Kopf zwischen die Hände.
Rehnhjelm fühlte etwas Heißes wie einen Feuerfunken auf seinen Hals
fallen.
»Wo ist die Philosophie, Freund? Her damit! Ich ertrinke! Einen
Strohhalm! Hierher!«
»Armer, armer Junge!«
»Ich muß sie sehen! Ich muß sie um Verzeihung bitten! Ich liebe sie!
Dennoch! Dennoch! Hat sie sich wehgetan? Gott im Himmel, daß man leben,
daß man so unglücklich sein kann, wie ich bin!«
* * * * *
Um drei Uhr am Nachmittag reiste Rehnhjelm mit dem Zuge nach Stockholm
ab. Falander warf selbst die Kupeetür hinter ihm zu und verschloß sie.
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Schlimme Zeiten
Der Herbst hatte große Veränderungen auch für Sellén mit sich gebracht.
Sein hoher Protektor war gestorben, und jetzt sollten alle Erinnerungen
an diesen ausgelöscht werden; sogar das Andenken an seine guten Taten
sollte ihn nicht überleben. Daß das Stipendium eingezogen wurde,
verstand sich von selbst, besonders da Sellén nicht der Mann war,
etwas zu erbetteln; übrigens glaubte er jetzt keiner Unterstützung
mehr zu bedürfen, nachdem man ihm einmal so gut auf die Beine geholfen
hatte, und er sah viele Jüngere, die bedürftiger waren. Aber er sollte
erkennen, daß nicht nur die Sonne erloschen war, sondern daß auch alle
kleinen Planeten in ein Stadium totaler Verfinsterung eingetreten
waren. Obwohl er im Sommer durch strenge Studien sein Talent
vervollkommnet hatte, erklärte der Direktor der Akademie, er habe sich
verschlechtert, und sein Erfolg im Frühling sei ein Glückstreffer
gewesen; der Professor der Landschaftsmalerei sagte ihm als Freund,
aus ihm würde nie etwas werden, und der akademisch gebildete Rezensent
nahm die Gelegenheit wahr, sich zu rehabilitieren, und hielt an
seiner anfänglichen Meinung fest. Außerdem trat eine Veränderung
des Geschmacks bei den Bilderkaufenden ein, das heißt bei der den
Geschmack bestimmenden, unwissenden, reichen Masse; Landschaften
mußten ein Porträt der Sommerfrischen sein, wenn sie Käufer finden
wollten, und selbst dann war es noch schwer, denn eigentlich ging nur
das tränenselige Genrebild oder das halbnackte Kabinettstück. Es waren
also schwere Zeiten für Sellén, und es ging ihm sehr schlecht, denn er
konnte sich nicht dazu verstehen, wider sein besseres Gefühl zu malen.
Jetzt hatte er sich ein ehemaliges photographisches Atelier oben in der
Regierungsstraße gemietet. Die Wohnung bestand aus dem Atelier selbst,
mit vermodertem Fußboden und ausgetrocknetem Dach -- ein Übelstand, dem
freilich jetzt im Winter der Schnee, der darauf lag, abhalf --, sowie
der früheren Dunkelkammer, die nach Kollodium roch, so daß sie nur als
Kohlen- und Holzschuppen benutzt werden konnte, wenn die Verhältnisse
eine solche Art der Benutzung mit sich brachten. Das Meublement bestand
aus einer Gartenbank aus Haselholz, mit herausstehenden Nägeln, und so
kurz, daß sie, wenn sie als Bett benutzt wurde, was immer der Fall war,
wenn der Besitzer (der Entleiher) nachts zu Hause war, ihm nur bis zu
den Kniekehlen reichte. Das Bettzeug bestand aus einem halben Plaid --
die andere Hälfte war versetzt -- und einer Mappe voller Skizzen. Im
Kohlenverschlag befand sich eine Wasserleitung mit Ausguß, das war die
Toilette.
An einem kalten Nachmittag kurz vor Weihnachten stand Sellén und malte,
zum drittenmal, ein neues Bild auf einer alten Leinwand. Er war
gerade erst von seinem harten Bett aufgestanden; keine Aufwärterin war
gekommen und hatte eingeheizt, teils weil er keine Aufwärterin hatte,
teils weil er nichts zum Heizen besaß; aus den gleichen Gründen war
auch keine Aufwärterin gekommen, um ihm die Kleider zu bürsten und den
Kaffee hereinzubringen. Aber er stand doch ganz vergnügt da und pfiff
und legte seine Farben auf zu einem brillanten Sonnenuntergang auf
dem Gaustafelsen, als vier Doppelschläge an der Tür ertönten. Sellén
öffnete ohne Zögern, und herein trat Olle Montanus, einfach und leicht
gekleidet, ohne Überzieher.
»Guten Morgen, Olle! Wie geht's? Hast du gut geschlafen?«
»Danke für die Nachfrage!«
»Wie steht's mit der Metallkasse in der Stadt?«
»Ach, schlecht!«
»Und die Banknoten?«
»Es sind so wenig Banknoten im Umlauf.«
»Ja, sie wollen nicht mehr ausgeben! Nun, aber die Wertpapiere?«
»Keine vorhanden!«
»Glaubst du, daß es ein strenger Winter wird?«
»Ich habe heut früh viele Seidenschwänze bei Bälsta gesehen -- das
bedeutet einen kalten Winter!«
»Du hast einen Morgenspaziergang gemacht?«
»Ich bin die ganze Nacht umhergelaufen, seit ich um zwölf aus dem Roten
Zimmer gekommen bin!«
»Ach, du bist gestern abend dagewesen!«
»Ja, und ich habe zwei neue Bekanntschaften gemacht: Doktor Borg und
Sekretär Levin!«
»Ach, diese Kuckucke! Die kenne ich! Nun, warum hast du nicht bei ihnen
übernachtet?«
»Ach, sie waren etwas hochmütig, weil ich keinen Überzieher anhatte,
und ich schämte mich. Ach, ich bin so müde, ich lege mich ein bißchen
auf dein Sofa! Erst bin ich nach dem Katrinenberg vorm Kungsholmer
Tor gegangen, dann bin ich wieder umgekehrt und bin nach Bälsta
hinausgewandert. Heute gedenke ich bei einem Ornamentbildhauer Arbeit
zu suchen, sonst sterbe ich.«
»Ist es wahr, daß du in den Arbeiterverein Nordstern eingetreten bist?«
»Ja, das ist wahr! Ich soll dort Sonntag einen Vortrag halten über
Schweden!«
»Das ist ein feines Thema! Sehr fein!«
»Wenn ich hier auf dem Sofa einschlafe, so wecke mich nicht; ich bin so
schrecklich müde!«
»Geniere dich nicht, schlafe nur!«
Nach ein paar Minuten lag Olle in tiefem Schlaf und schnarchte. Sein
Kopf hing über die eine Seitenlehne, die seinen dicken Hals stützte,
und seine Beine über die andere.
»Armer Teufel!« sagte Sellén und warf den Plaid über ihn.
Jetzt klopfte es wieder, aber nicht reglementsmäßig, so daß Sellén es
nicht geraten fand, zu öffnen; doch da wurde das Klopfen so dröhnend,
daß alle Furcht vor etwas Ernstem verschwand und Sellén Doktor Borg
und Sekretär Levin die Tür öffnete. Borg führte das Wort:
»Ist Falk hier?«
»Nein!«
»Was liegt denn da für ein Holzsack?« fuhr Borg fort und deutete mit
seinem schneebedeckten Stiefel auf Olle.
»Das ist Olle Montanus!«
»Ach, dies Original, das Falk gestern abend bei sich hatte. Schläft er
noch?«
»Ja, er schläft.«
»Hat er hier übernachtet?«
»Ja, das hat er!«
»Warum hast du kein Feuer gemacht? Hier ist es verteufelt kalt!«
»Weil ich kein Holz habe.«
»Nun, laß doch welches holen! Wo ist die Aufwärterin, der will ich
Beine machen!«
»Die Aufwärterin ist zur Beichte.«
»Wecke den Ochsen auf, der daliegt und schläft, dann schicke ich den!«
»Nein, laß ihn schlafen!« bat Sellén und zog den Plaid über Olle, der
die ganze Zeit geschnarcht hatte und noch immer weiter schnarchte.
»Nun, dann will ich dir eine andere Methode beibringen. Ist hier Erd-
oder Schuttfüllung unter den Dielen?«
»Darauf verstehe ich mich nicht,« antwortete Sellén und nahm vorsichtig
auf einigen auf dem Boden ausgebreiteten Pappscheiben Platz.
»Hast du noch mehr solche Pappe?«
»Ja, wieso?« fragte Sellén, und eine leichte Röte war an den
Haarwurzeln zu sehen.
»Ich brauche sie und eine Feuerzange.«
Borg bekam die verlangten Dinge von Sellén, der nicht wußte, worauf er
hinauswollte; er nahm jetzt seinen Malerstuhl und ließ sich auf den
ausgebreiteten Pappscheiben nieder, wo er sitzenblieb, als bewache er
einen Schatz.
Borg warf den Rock ab und begann mit der Feuerzange ein von Säuren und
Regentropfen morsch gewordenes Brett herauszubrechen.
»Nein, bist du des Teufels!« schrie Sellén.
»So habe ich es in Upsala gemacht,« sagte Borg.
»Ja, aber in Stockholm geht das nicht!«
»Das schert mich den Teufel! Ich friere, und hier soll eingeheizt
werden!«
»Aber brich doch nicht mitten im Zimmer meinen Fußboden auf! Man sieht
es ja sofort!«
»Ist mir ganz egal, ob man es sieht, das kann ich dir sagen! Ich wohne
ja nicht hier! Aber das ist zu hart.«
Er hatte sich Sellén genähert und stieß nun gegen den Stuhl, daß
Sellén umfiel und im Fallen seine Pappscheiben mitriß, daß die nackte
Bodenfüllung sichtbar wurde.
»So ein Schuft! Hier hat er eine regelrechte Holzgrube und sagt kein
Wort!«
»Ja, das hat der Regen getan!«
»Ist mir ganz egal, wer es getan hat, jetzt wollen wir aber Feuer
machen!«
Mit kräftigem Ruck hatte er ein paar Bohlenstücke losgerissen, und bald
brannte das Feuer im Ofen.
Levin verhielt sich unterdes ruhig, abwartend und höflich. Borg setzte
sich vor das Feuer und machte die Feuerzange glühend.
Wieder klopfte es, drei kurze Schläge und ein langer.
»Das ist Falk,« sagte Sellén und ging hin, um Falk zu öffnen, der mit
etwas hektischem Aussehen eintrat.
»Brauchst du Geld?« fragte Borg den Eintretenden und schlug sich auf
die Brusttasche.
»Sonderbare Frage!« antwortete Falk etwas zweideutig.
»Wieviel brauchst du? Ich kann es besorgen!«
»Ist das Ernst?« sagte Falk, und sein Gesicht erhellte sich.
»Ernst! Hm! Wieviel? Die Summe! Die Ziffer!«
»Nun, sechzig Kronen könnte ich schon brauchen!«
»Das ist ein bescheidener Mann,« sagte Borg und wandte sich zu Levin.
»Ja, das ist furchtbar wenig,« gab dieser zu. »Nimm doch, Falk, wenn es
dir angeboten wird!«
»Nein, das will ich nicht! Ich brauche nicht mehr und kann mich nicht
in größere Schulden stürzen. Übrigens weiß ich ja nicht, wann es
bezahlt werden muß!«