Struve, der das Talent besaß, seine Umgebung zu adeln, stellte den

Kandidaten Borg als Doktor Borg vor. Dieser gab kein Zeichen von

Befriedigung oder Mißvergnügen, sondern hielt den Ärmel seines

Überziehers seinem Begleiter hin, der sofort den Rock auszog und

ihn an die Angel der Stubentür hängte, wobei Frau Struve bemerkte:

dies alte Haus sei so schlecht; nicht einmal ein Kleiderständer sei

da. Der Rockauszieher wurde als Herr Levi vorgestellt. Es war ein

langaufgeschossener Jüngling; sein Schädel schien sich durch eine

Entwicklung des Nasenbeins nach hinten gebildet zu haben; und der

Rumpf, der bis zu den Kniekehlen reichte, sah aus, als sei er auf die

Weise entstanden, daß der Schädel durch ein Zieheisen gegangen war,

wie man Stahldraht zieht. Die Schultern fielen wie Dachrinnen ab,

von Hüften war keine Spur zu sehen, die Schienbeine gingen bis an

die Schenkel, die Füße waren abgelaufen wie alte Schuhe, die Höhlung

niedergetreten, die Beine standen nach auswärts wie bei einem Arbeiter,

der schwere Lasten getragen oder den größten Teil seines Lebens

gestanden hat: es war ein richtiger Sklaventyp.

Der Kandidat war, nachdem er von dem Überzieher befreit worden war, an

der Tür stehen geblieben; er hatte die Handschuhe ausgezogen, den Stock

weggestellt, sich geschneuzt, das Taschentuch eingesteckt, ohne Struves

wiederholte Versuche, ihn vorzustellen, zu beachten; er glaubte noch

auf dem Korridor zu sein; jetzt aber nahm er seinen Hut, kratzte mit

dem Fuß und trat einen Schritt ins Zimmer hinein.

»Guten Tag, Jenny, wie geht es?« sagte er und faßte die Hand der Frau

mit einer Wichtigkeit, als gelte es ihr Leben. Darauf verbeugte er sich

unmerklich vor Falk mit einer Grimasse wie ein Hund, wenn er einen

fremden Köter auf seinem Hof sieht.

Der junge Herr Levi folgte dem Kandidaten auf den Fersen, fing sein

Lächeln auf, zollte seinen Sarkasmen Beifall und ließ sich von seiner

Überlegenheit ducken.

Die Frau zog eine Flasche Rheinwein auf und reichte ihn herum. Struve

ergriff sein Glas und hieß die Gäste willkommen. Der Kandidat öffnete

den Rachen, legte den Inhalt des Glases auf seine zu einem Rinnstein

gewordene Zunge, schnitt eine Grimasse, als solle er einnehmen, und

schluckte es hinunter.

»Er ist schrecklich sauer und schlecht,« sagte die Frau; »vielleicht

trinken Sie lieber ein Glas Punsch, Henrik?«

»Ja, er ist recht schlecht,« gab der Kandidat zu und erntete Herrn

Levis ungeteilten Beifall.

Der Punsch wurde gebracht. Borgs Gesicht klärte sich auf; er sah sich

nach einem Stuhl um; sofort brachte Herr Levi ihm einen.

Die Gesellschaft ließ sich am Eßtisch nieder. Die Levkoien dufteten

stark, und ihr Geruch mischte sich mit dem des Weins, das Licht

spiegelte sich in den Gläsern, die Unterhaltung kam in Fluß, und bald

stieg vom Platz des Kandidaten eine Rauchsäule auf. Die Frau warf einen

unruhigen Blick nach dem Fenster, wo der Kleine schlummerte, aber

diesen Blick sah niemand.

Da hörte man draußen einen Wagen vorfahren. Alle außer dem Doktor

standen auf. Struve hustete und fragte mit leiser Stimme, als sage er

etwas Unangenehmes: »Wollen wir uns fertigmachen?«

Die Frau trat an den Sarg, beugte sich nieder und weinte heftig; als

sie sich wieder aufrichtete, sah sie ihren Mann mit dem Sargdeckel

bereitstehen und brach in lautes Schluchzen aus.

»Nun, nun! beruhige dich,« sagte Struve und beeilte sich, den Deckel

aufzulegen, als wolle er etwas verbergen. Borg goß ein Glas Punsch in

seinen Rinnstein und sah hinterher aus wie ein Pferd, wenn es gähnt.

Herr Levi half Struve den Deckel festschrauben, was er mit großer

Gewandtheit tat, als mache er eine Packkiste zu.

Man verabschiedete sich von der Frau, zog die Überzieher an und ging;

die Frau bat die Herren, auf der Treppe vorsichtig zu sein; »sie sei so

alt und schlecht«.

Struve ging voran und trug den Sarg; als er auf die Straße kam und

eine kleine Volksversammlung sah, die ihm zu Ehren zusammengeströmt

war, wurde er so vom Hochmutsteufel gepackt, daß er den Kutscher

anfuhr, weil er die Wagentür nicht geöffnet und das Trittbrett nicht

heruntergelassen hatte; um die Wirkung zu steigern, duzte er den großen

livrierten Mann, der mit dem Hut in der Hand schleunig seinen Befehlen

nachkam; das hatte in dem Haufen einen kurzen, boshaften Hustenanfall

eines Jungen zur Folge, der auf den Namen Janne hörte; als er sich

durch sein Husten die Aufmerksamkeit der Umstehenden zuzog, begann er

mit emporgewandten Augen die Schornsteine zu mustern, als erwarte er

den Kaminkehrer.

Die Wagentür schlug hinter den vier Herren zu, und unter den jüngeren

Mitgliedern der Volksversammlung, die sich jetzt sicherer fühlten,

entspann sich das folgende Gespräch:

»He du! So ein protziger Sarg! Hast du ihn gesehen?«

»Ja, natürlich! Aber hast du gemerkt, daß auf dem Schild kein Name

stand?«

»Wirklich nicht?«

»Nein, das konnte man doch sehen; es war ganz blank.«

»Was bedeutet das denn?«

»Weißt du das nicht? Das war ein Hurenkind!«

Glücklicherweise knallte die Peitsche, und der Wagen rollte davon. Falk

warf einen Blick nach dem Fenster hinauf; da stand die Frau, die schon

ein paar Laken abgenommen hatte, und blies die Stearinkerzen aus, und

neben ihr standen die jungen Füchse, jeder mit einem Glas Wein in der

Hand.

Der Wagen rasselte dahin, straßauf, straßab; keiner machte einen

Versuch zu sprechen; Struve sah geniert aus, wie er mit dem Sarg auf

den Knien dasaß; und es war noch so hell, daß er sich am liebsten

unsichtbar gemacht hätte.

Es war ein langer Weg nach dem Neuen Friedhof, aber er nahm doch auch

ein Ende, und schließlich war man angelangt. Vor dem Zaun hielt eine

lange Wagenreihe. Man kaufte Kränze, und der Totengräber nahm den

Sarg in Empfang. Nach einem längeren Spaziergang machte die kleine

Prozession auf einem neuzugekauften Sandfelde ganz hinten am nördlichen

Ende des Kirchhofs halt. Der Totengräber legte die Bretter zurecht; der

Doktor kommandierte: Anfassen! Hochheben! Loslassen! und nun wurde der

kleine Namenlose drei Ellen rief in die Erde gesenkt; es entstand eine

Pause; alle neigten die Köpfe und blickten in das Grab hinunter, als

warteten sie auf etwas; schwer und grau lag der Himmel über dem weiten,

öden Sandfelde, auf dem die weißen Pfähle wie die Gespenster kleiner

Kinder standen, die sich hier draußen verirrt hatten; der Waldsaum

zeichnete sich schwarz wie der Hintergrund eines Schattenspiels ab,

kein Windhauch regte sich. Da hörte man eine Stimme, zuerst zitternd,

bald aber klar und bestimmt, wie von einer Überzeugung getragen; Levi

war auf die Bahre gestiegen und sprach mit entblößtem Haupt:

»Von dem Höchsten sicher beschirmt, im Schatten seiner Allmacht ruhend.

Zu dem Ewigen spreche ich: Du meine Zuflucht bist der Getreue, du meine

Burg, die ewig sichere, du Gott, dem ich vertraue! -- Kaddisch! --

Herr, du allmächtiger Gott, gib, daß dein heiliger Name in der ganzen

Welt angebetet und geheiligt werde; denn du wirst dereinst die Welt

erneuen, du, der du die Toten auferweckst und sie zu neuem Leben rufst.

Du, der du ewigen Frieden in deinem Himmel herrschen läßt, schenke du

auch dem ganzen Israel deinen Frieden, Amen!

Schlaf in Frieden, du Kind, das keinen Namen bekommen hat! Er, der die

Seinen kennt, wird dich schon beim Namen rufen! Schlafe gut in der

Herbstnacht, keine bösen Geister werden dich stören, wenngleich du das

geheiligte Wasser nicht empfangen hast; freue dich, daß du den Kämpfen

des Lebens entgehst, seine Freuden sind zu entbehren. Glücklich du,

der du von hinnen gehen durftest, ehe du die Welt kennen lerntest;

rein und fleckenlos ließ deine Seele ihre zarte Hülle zurück, deshalb

wollen wir nicht Erde auf dich werfen -- Erde ist Vergänglichkeit --,

sondern wir wollen dich mit Blumen zudecken; denn wie die Blume aus der

Erde aufsteigt, so wird sich auch deine Seele aus dem dunklen Grabe

zum Licht erheben, denn von Geist bist du gekommen, zu Geist sollst du

wieder werden!«

Er ließ den Kranz fallen und bedeckte den Kopf.

Struve trat heran, faßte seine Hand und drückte sie mit Wärme,

wobei ihm die Tränen in die Augen kamen, so daß er sich von Levi

das Taschentuch leihen mußte. Der Doktor, der seinen Kranz ins Grab

geworfen hatte, war schon im Gehen, und die andern folgten ihm langsam.

Falk aber stand gedankenvoll über das Grab gebeugt und starrte in die

Tiefe hinunter; anfangs sah er nur eine viereckige Finsternis, aber

allmählich tauchte ein heller Fleck auf, der wuchs und eine bestimmte

Form annahm, er wurde rund und warf einen weißen Schein wie ein Spiegel

-- das war das unbeschriebene Lebensschild des Kindes, das durch

die Dunkelheit leuchtete und nur das ungebrochene Licht des Himmels

widerstrahlte. Er ließ seinen Kranz hinuntergleiten; ein schwacher,

dumpfer Ton, und das Licht erlosch. Da wandte er sich um und folgte den

andern.

Am Wagen erhoben sich einige Diskussionen, wohin man fahren solle; Borg

machte kurzen Prozeß und kommandierte. »Nach Norrbacka!«

Nach einigen Minuten befand sich die Gesellschaft in dem großen Saal im

ersten Stock, wo sie von einem Mädchen empfangen wurde, das Borg mit

einem Kuß und einer Umarmung begrüßte, worauf er seinen Hut unter ein

Sofa warf, Levi befahl, ihm den Überzieher auszuziehen und eine Kanne

Punsch, fünfundzwanzig Zigarren, eine halbe Flasche Kognak und einen

Hut Zucker bestellte. Darauf zog er sich auch den Rock aus und belegte

das einzige Sofa des Saals mit Beschlag.

Struves Gesicht begann zu strahlen, als er die Vorbereitungen zu

einer Kneiperei sah, und er verlangte Musik. Levi setzte sich ans

Klavier und haspelte einen Walzer herunter, während Struve Falk um die

Taille faßte und mit ihm im Saal umherwanderte unter leichtfaßlichen

Gesprächen über das Leben im allgemeinen, über Schmerz und Freude, über

die unbeständige Natur des Menschen usw., woraus sich das Resultat

ergab, daß es sündhaft sei, über das zu trauern, was die Götter --

er gebrauchte das Wort Götter, weil er schon von sündhaft gesprochen

hatte, damit Falk nicht glauben solle, er sei Pietist -- gegeben und

genommen hätten. Diese Erwägung schien die Introduktion zu dem Walzer

zu bilden, den er gleich darauf mit der Kellnerin tanzte, die die Bowle

hereinbrachte. Borg füllte die Gläser, rief Levi, hob ein Glas und

sagte:

»Jetzt wollen wir Brüderschaft trinken, dann können wir nachher grob

gegeneinander sein!«

Levi drückte seine große Freude über diese Ehre aus.

»Prost, Isaak,« sagte Borg.

»Ich heiße nicht Isaak ...«

»Denkst du, ich kümmere mich darum, wie du heißt? Ich nenne dich Isaak,

und du bist mein!«

»Du bist mir ein netter Teufel ...«

»Teufel! Schämst du dich nicht, du Judenjunge ...«

»Wir wollten doch grob sein ...«

»Wir? Ich wollte grob gegen dich sein, ja!«

Struve glaubte vermitteln zu müssen:

»Hab Dank, Bruder Levi,« sagte er, »für deine schönen Worte. Was war

das für ein Gebet, das du gesprochen hast?«

»Das war unser Begräbnisgebet.«

»Es war sehr schön.«

»Ich finde, es waren nur Phrasen,« fiel Borg ein. »Der ungläubige Hund

hat nur für Israel gebetet, es konnte also gar nicht dem Verstorbenen

gelten!«

»Alle Ungetauften rechnen zu Israel,« erwiderte Levi.

»Und dann hast du die Taufe angegriffen,« fuhr Borg fort. »Ich dulde

nicht, daß jemand die Taufe angreift -- das wollen wir selber tun.

Ferner hast du die Rechtfertigungslehre angetastet! Laß das bleiben;

ich dulde nicht, daß ein anderer unsere Religion antastet!«

»Da hat Borg recht,« sagte Struve, »sofern wir es nämlich dahin

ausdehnen, die Taufe oder irgendeine andere der heiligen Wahrheiten

überhaupt anzugreifen, und ich möchte mir ausbitten, daß jedes Gespräch

dieser leichtsinnigen Art heute abend aus unserer Gesellschaft verbannt

bleibt.«

»Möchtest du dir ausbitten?« schrie Borg. »Was möchtest du dir

ausbitten? -- Nun, ich verzeihe dir, wenn du den Mund hältst. Spiel

auf, Isaak! Musik! Warum ist die Musik so stumm bei Cäsars Fest! Musik!

Aber komme nicht mit etwas Altem. Neu muß es sein!«

Levi setzte sich ans Klavier und spielte die Ouvertüre zur Stummen.

»Schön, jetzt wollen wir plaudern,« sagte Borg. »Sie sehen ja so

traurig aus, Assessor; kommen Sie, wir wollen trinken.«

Falk, der in Borgs Gegenwart eine gewisse Beklemmung empfand, nahm

die Einladung mit einiger Zurückhaltung an. Aber es kam zu keiner

Unterhaltung, man fürchtete gewissermaßen einen Zusammenstoß. Struve

irrte umher wie eine Motte auf der Suche nach Vergnügen, ohne es zu

finden, und kehrte doch immer wieder an den Punschtisch zurück; dann

und wann machte er einige Tanzschritte und bildete sich ein, es sei

lustig, es sei festlich, aber das war es nicht. Levi ging zwischen

Klavier und Punsch hin und her; er machte sogar den Versuch, ein

lustiges Lied zu singen, aber es war zu alt, als daß einer danach

hingehört hätte. Borg brüllte, um »Stimmung« zu machen, wie er es

nannte, aber es wurde immer stiller und fast beängstigend. Falk ging ab

und zu durchs Zimmer, schweigend und unheilverkündend wie eine geladene

Gewitterwolke.

Auf Borgs Befehl wurde nun ein gewaltiges Abendbrot aufgetischt.

Man setzte sich unter bedrohlichem Schweigen zu Tisch. Struve und

Borg sprachen dem Schnaps unmäßig zu. Borgs Gesicht sah aus wie

eine bespuckte Ofenklappe; hier und da zeigten sich rote Flecke,

und die Augen wurden gelb; Struve dagegen glich einem gefirnißten

Edamer Käse, gleichmäßig rot und fettig. Wenn man Falk und Levi in

dieser Gesellschaft sah, wirkten sie wie ein paar Kinder, die bei den

Menschenfressern ihr letztes Abendbrot aßen.

»Gib dem Skandalschreiber den Lachs,« befahl Borg Levi, um das

einförmige Schweigen zu unterbrechen.

Levi reichte Struve die Schüssel. Dieser schob die Brille in die Höhe

und spie Galle.

»Schämst du dich nicht, du Jude?« fauchte er und warf Levi die

Serviette ins Gesicht.

Borg legte ihm seine schwere Hand auf den kahlen Schädel und sagte:

»Schweig, du Lump!«

»In was für eine Gesellschaft ist man hier geraten! Ich will Ihnen

sagen, meine Herren, daß ich so etwas nicht gewöhnt bin, und ich bin

wirklich zu alt, mich wie einen dummen Jungen behandeln zu lassen,«

sagte Struve mit zitternder Stimme und vergaß seine angenommene

Gutmütigkeit.

Borg, der jetzt gesättigt war, stand vom Tisch auf und sagte:

»Pfui Teufel, ist das eine Gesellschaft! Bezahle, Isaak, ich gebe es

dir später wieder; ich gehe voraus!«

Er zog sich den Überzieher an und setzte den Hut auf, füllte ein

Wasserglas mit Punsch, goß es bis an den Rand mit Kognak voll,

leerte es in einem Zuge, pustete im Vorbeigehen ein paar Kerzen aus,

zerschlug einige Gläser, steckte sich eine Handvoll Zigarren und eine

Streichholzschachtel in die Tasche und taumelte hinaus.

»Es ist ein Jammer, daß so ein Genie so trinkt!« sagte Levi andächtig.

Nach einer Minute war Borg wieder im Zimmer, trat an den Eßtisch, nahm

den Leuchter, zündete sich eine Zigarre an, blies Struve den Rauch ins

Gesicht, streckte die Zunge heraus und zeigte die Backenzähne, löschte

das Licht aus und ging. Levi lag bäuchlings auf dem Tisch und schrie

vor Entzücken.

»Was ist das für ein Abschaum, mit dem du mich zusammenbringst?« fragte

Falk ernst.

»Ach, mein Bester, jetzt ist er betrunken, aber er ist der Sohn von dem

Stabsarzt und Professor ...«

»Ich habe nicht gefragt, wer sein Vater ist, sondern wer er selber ist;

aber jetzt hast du mir gesagt, warum du dich von so einem Hund treten

läßt! Kannst du mir nun auch die Frage beantworten, warum er mit dir

verkehrt?«

»Ich behalte mir alle Sottisen vor,« sagte Struve vornehm.

»Ja, behalte dir alle Dummheiten der Welt vor, aber behalte sie für

dich!«

»Was ist mit dir, Bruder Levi?« sagte Struve einschmeichelnd; »du

siehst so ernst aus!«

»Es ist ein wahrer Jammer, daß so ein Genie wie Borg so schrecklich

trinkt!« sagte Levi.

»Wie und wann äußert sich sein Genie?« fragte Falk.

»Man kann ein Genie sein, ohne Verse zu schreiben,« bemerkte Struve

anzüglich.

»Das glaube ich, denn Verse schreiben setzt kein Genie voraus, -- aber

sich wie ein Vieh betragen, auch nicht,« sagte Falk.

»Wollen wir jetzt bezahlen?« fragte Struve und verließ das Zimmer unter

einem Vorwand.

Falk und Levi bezahlten. Als sie hinauskamen, regnete es, und der

Himmel war schwarz, nur das Gaslicht aus der Stadt stand wie eine rote

Wolke im Süden. Die Droschke war nach Hause gefahren; es blieb ihnen

also nur übrig, die Rockkragen hochzuschlagen und zu gehen. Sie waren

erst bis an die Kegelbahn gekommen, als sie hoch in der Luft einen

furchtbaren Schrei hörten.

»Fluch!« schrie es über ihren Köpfen, und nun sahen sie Borg auf einem

der höchsten Äste einer Linde schaukeln. Der Ast senkte sich fast bis

auf die Erde, hob sich aber im nächsten Augenblick wieder und beschrieb

eine unerhörte Kurve.

»Oh, das ist kolossal!« schrie Levi. »Das ist kolossal!«

»So ein Tollkopf,« lächelte Struve, stolz auf seinen Schützling, und

zog den Rockkragen hoch.

»Komm her, Isaak,« brüllte Borg oben in der Luft, »komm her,

Judenjunge, wir wollen uns gegenseitig anpumpen!«

»Wieviel willst du haben?« fragte Levi und schwenkte die Brieftasche.

»Ich pumpe nie weniger als einen Fünfziger!«

Im nächsten Augenblick war Borg vom Baum herunter und steckte die

Banknote in die Tasche.

Dann zog er den Überzieher aus.

»Zieh ihn an!« sagte Struve befehlend.

»Ich soll ihn anziehen? Was sagst du? Willst du mir befehlen? He? Sagst

du, ich soll? Sagst du das? Vielleicht willst du dich mit mir prügeln?«

Dabei schlug er seinen Hut gegen den Baumstamm, daß er einknickte,

worauf er Rock und Weste auszog und den Regen auf das bloße Hemd

peitschen ließ.

»Komm nur her, du Lump, wir wollen uns schlagen!«

Damit faßte er Struve um den Leib und rang mit ihm, daß beide in den

Graben fielen.

Falk machte sich auf den Weg nach der Stadt, so schnell er konnte,

aber noch lange hörte er hinter sich Levis Lachsalven und Bravorufe:

»Das ist göttlich, das ist kolossal -- das ist kolossal!« und Borgs:

»Verräter, Verräter!«

Zwanzigstes Kapitel

Auf dem Altar

Die Standuhr im Ratskeller zu X-köping donnerte an einem Oktoberabend

sieben, als der künstlerische Direktor des Stadttheaters sich zur Tür

hereinwälzte. Er hatte eine strahlende Miene aufgesetzt, wie eine

Kröte strahlen mag, wenn sie eine gute Mahlzeit gehalten hat; er sah

froh aus, aber die Muskeln seines Gesichts waren es nicht gewöhnt, so

etwas mitzumachen, sondern sie legten die Haut in unruhige Falten und

entstellten sein schreckliches Aussehen nur noch mehr. Er grüßte gnädig

den kleinen, dürren Wirt, der hinterm Büfett stand und die Gäste

zählte.

»+How are you?+« schrie der Direktor -- er hatte nämlich längst

aufgehört zu sprechen, wie wir uns erinnern.

»+Thank you+,« antwortete der Wirt.

Da es nun mit dem Englisch der Herren zu Ende war, so gingen sie

unmittelbar zu ihrer Muttersprache über.

»Nun, was sagen Sie zu dem Jungen, dem Gustav? War er nicht glänzend

als Don Diego? Was? Ich kann Schauspieler machen, das will ich meinen!«

»Ja, das sage ich auch! Dieser Bengel! Aber es ist, wie Herr Direktor

selbst gesagt haben: es ist leichter, ein Talent aus einem Menschen zu

machen, der sich nicht mit den dummen Büchern verpfuscht hat ...«

»Die Bücher sind ein Verderb, das weiß ich am besten! Übrigens,

wissen Sie, Herr Wirt, was in den Büchern steht? He? Ich weiß es! Sie

sollen sehen, wenn jetzt der junge Rehnhjelm als Horatio auftritt,

wie der sich benimmt. Das wird nett werden! Ich habe ihm die Rolle

versprochen, weil er so sehr gebettelt hat; aber ich habe ihm gleich

gesagt, daß ich ihm nicht helfen werde, denn ich will für sein Fiasko

nicht verantwortlich sein. Ich habe ihm auch gesagt, er solle die Rolle

bekommen, weil ich ihm beweisen möchte, wie schwer es sei zu spielen,

wenn die Natur einem nicht die Gabe verliehen hat. -- Oh, ich will ihn

ducken, daß er noch manchen lieben Tag hinterher nicht nach Rollen

ausschaut. Das will ich tun! Aber darüber wollten wir nicht reden!

Hören Sie, Herr Wirt, haben Sie ein paar Zimmer frei?«

»Die beiden kleinen?«

»Ganz recht!«

»Immer zu Ihrer Disposition, Herr Direktor!«

»Ein Souper für zwei, aber fein! Um acht! Sie servieren selbst, Herr

Wirt!«

Er schrie nicht, als er dies letzte sagte, und der Wirt verbeugte sich

zum Zeichen, daß er verstanden habe.

Im selben Augenblick trat Falander ein. Ohne den Direktor zu grüßen,

setzte er sich auf seinen alten Platz. Der Direktor stand sofort auf

und sagte, als er am Büfett vorbeiging, geheimnisvoll: »Um acht Uhr«,

worauf er sich entfernte.

Der Wirt stellte jetzt Falander eine Absinthflasche mit Zubehör hin. Da

dieser keine Miene machte, die Unterhaltung zu eröffnen, nahm der Wirt

seine Serviette und begann den Tisch abzuwischen; als das nichts half,

füllte er den Streichholzständer und sagte:

»Souper heute abend; in den kleinen Zimmern! Hm!«

»Von wem und wovon sprechen Sie?«

»Hm! Von ihm, der eben wegging!«

»Ach, von dem! Nun, das ist ja etwas Merkwürdiges, wo er so geizig ist!

Das ist wohl für eine Person?«

»Nein, für zwei,« sagte der Wirt und blinzelte mit den Augen. -- »In

den kleinen Zimmern! Hm!«

Falander spitzte die Ohren, schämte sich aber zugleich, daß er den

Klatsch anhörte, und ließ das Thema fallen; aber das lag nicht in der

Absicht des Wirtes.

»Ich möchte wissen,« sagte er, »wer das sein kann! Seine Frau ist

krank, und ...«

»Was geht es uns an, mit wem das Ungeheuer zu soupieren geruht. Haben

Sie eine Abendzeitung, Herr Wirt?«

Dieser brauchte auf den Verweis nicht zu antworten, denn jetzt kam

Rehnhjelm herein, strahlend wie ein Jüngling, der einen Lichtschimmer

auf seinem Wege sieht.

»Stelle den Absinth heute abend weg,« sagte er, »und sei mein Gast. Ich

bin so froh, daß ich weinen möchte!«

»Was ist geschehen?« fragte Falander ängstlich. »Du hast doch nicht

etwa eine Rolle bekommen?«

»Doch, du Pessimist, ich habe den Horatio bekommen ...«

Falander wurde finster:

»Und sie die Ophelia,« warf er hin.

»Woher weißt du das?«

»Ich vermute es.«

»Deine Ahnungen! Das war aber nicht schwer zu ahnen! Findest du nicht,

daß sie es verdient? Haben wir eine Bessere hier am Theater?«

»Nein, das gebe ich zu! Nun, gefällt dir Horatio?«

»Oh, er ist herrlich!«

»Ja, es ist merkwürdig, wie verschieden der Geschmack ist!«

»Was findest du denn?«

»Ich finde, er ist der größte Schuft von allen Hofleuten, er sagt

zu allem ja. ›Ja, mein Prinz, ja, mein guter Prinz!‹ Wenn er sein

Freund ist, so muß er doch auch einmal nein sagen und ihm nicht immer

zustimmen wie jeder beliebige Schmeichler.«

»Mußt du mir auch das wieder verderben?«

»Ja, ich will dir alles verderben! Wie kannst du, solange du alles, was

jämmerliche Menschen gemacht haben, groß und herrlich findest, etwas

Unzeitliches erstreben? Wenn du in allem Irdischen Vollkommenheit und

Vortrefflichkeit siehst, wie kannst du da Sehnsucht nach dem wirklich

Vollkommenen haben? Glaube mir, der Pessimismus ist der wahrste

Idealismus, und der Pessimismus ist eine christliche Lehre, wenn es

dein Gewissen beruhigen kann, denn das Christentum lehrt die Eitelkeit

der Welt, der wir entsagen sollen.«

»Soll ich denn wirklich nicht finden, daß die Welt schön ist? Darf ich

ihr nicht dankbar sein, weil sie alles Gute schenkt, und mich freuen

über das, was das Leben zu bieten hat?«

»Doch, doch, freue dich, mein Junge, freue dich und glaube und hoffe.

Da alle Menschen auf Erden der gleichen Sache nachjagen -- dem Glück

--, so ist die Wahrscheinlichkeit, daß du es erringen wirst, gleich

1439145300stel, weil es nämlich so viele Menschen gibt, wie der Nenner

des Bruchs besagt. Ist das Glück, das du heute erobert hast, diese

monatelangen Qualen und Demütigungen wert? Und übrigens: worin besteht

dein Glück? Daß du eine schlechte Rolle bekommen hast, in der du nicht

reussieren kannst, wie man das nennt, -- ich will damit nicht sagen,

daß du Fiasko machst. Bist du denn sicher, daß ...«

Er mußte Luft holen ...

»Daß Agnes als Ophelia Erfolg hat? Vielleicht macht sie in ihrem Eifer,

die seltene Gelegenheit auszunutzen, zuviel aus der Rolle, das ist

das übliche! Aber es tut mir leid, daß ich dich traurig gemacht habe,

und ich bitte dich wie immer: glaube nicht, was ich sage; man weiß ja

nicht, ob es wahr ist!«

»Wenn ich dich nicht kennte, würde ich glauben, du beneidetest mich!«

Das rote Zimmer · 第 17 / 25 段