»Auf der Kirchenratsversammlung?«

»Er ist im Kirchenrat! Ja, das ist ein Mann mit einer Zukunft! Der

Pastor Primarius hat ihm zugenickt! Er wird nächstens Stadtverordneter

werden, wie alle Hausbesitzer.«

»Wie steht es augenblicklich mit dem Triton?«

»Ach, die sind jetzt bei den Obligationen; dabei hat dein Bruder

nichts verloren, wenn er auch nichts verdient hat, nein, er hat andere

Geschäfte.«

»Wir wollen nicht von dem Mann reden.«

»Aber er ist doch dein Bruder!«

»Ist das ein Verdienst von ihm, daß er mein Bruder ist? Aber nun haben

wir so viel hin und hergeredet; sage mir jetzt, was du willst!«

»Ach, ich habe morgen Begräbnis, und ich habe keinen Frack.«

»Nun, den kannst du bekommen ...«

»Danke, lieber Freund, du hilfst mir aus einer großen Verlegenheit. Das

war die eine Sache; aber es ist noch eine andere, von etwas heiklerer

Art ...«

»Warum wählst du mich, deinen Feind, zum Vertrauten in so heiklen

Fällen? Das wundert mich!«

»Weil du ein Mensch von Herz bist ...«

»Darauf verlaß dich jetzt nicht mehr! Nun, sag ...«

»Du bist so nervös geworden, und so ganz anders, du warst doch früher

so sanft!«

»Das sage ich ja! Nun, heraus mit der Sprache!«

»Ich wollte fragen, ob du mit zum Kirchhof gehen würdest?«

»Hm! Ich? Warum bittest du keinen von deinen Kollegen vom

›Graumützchen‹?«

»Weil es besondere Umstände sind! Dir kann ich es sagen! Ich bin nicht

verheiratet!«

»Nicht verheiratet? Du, der Wächter des Altars und der Sitten, lockerst

du die heiligen Bande?«

»Die Armut, die Verhältnisse! Aber ich bin doch glücklich! Meine

Frau hat mich lieb und ich sie, und das ist alles! Es ist auch noch

eine andere Ursache! Das Kind ist aus gewissen Gründen nicht getauft

worden; es war drei Wochen alt, als es starb, und da bekommt es am

Grabe keinen Pastor, aber das darf meine Frau nicht wissen, denn dann

würde sie verzweifeln; deshalb habe ich ihr gesagt, der Geistliche

komme direkt auf den Kirchhof; damit du Bescheid weißt. Sie selbst

bleibt natürlich zu Hause. Du wirst nur zwei Personen treffen; der

eine heißt Levi, ein jüngerer Bruder des Direktors vom Triton, der im

Kontor der Gesellschaft angestellt ist; das ist ein liebenswürdiger

junger Mann mit einem ungewöhnlich guten Kopf und einem noch besseren

Herzen. Du mußt nicht lachen, ich sehe schon, du denkst, ich habe Geld

von ihm gepumpt; das habe ich natürlich auch getan; aber es ist ein

Mann, der dir gefallen wird! Und dann mein alter Freund Doktor Borg,

der das Kind behandelt hat. Das ist ein vorurteilsloser Mann von sehr

fortschrittlicher Denkart -- mit dem wirst du dich gut verständigen.

Nun, jetzt kann ich wohl auf dich rechnen; wir sitzen nur zu vieren im

Wagen, und dann natürlich der Sarg mit dem Kinde.«

»Ja, ich werde kommen!«

»Aber ich muß dich noch um eins bitten. Siehst du, meine Frau hat

religiöse Bedenken, daß das Kind nicht selig wird, weil es ungetauft

gestorben ist, und sie fragt alle Menschen nach ihrer Meinung, um ihr

Gemüt zu beruhigen.«

»Nun, du kennst doch die Augsburger Konfession?«

»Es ist hier nicht die Rede von einer Konfession!«

»Aber wenn du für die Zeitung schreibst, ist immer die Rede von dem

offiziellen Glauben.«

»Die Zeitung, ja, das ist ja die Sache der Firma -- wenn die Firma das

Christentum aufrechterhalten will, so mag sie das tun; wenn ich für

die Firma arbeite, so ... das ist eine Sache für sich ... Sei nett und

stimme ihr zu, wenn sie sagt, sie glaube, daß das Kind selig wird.«

»Nun ja, um einen Menschen glücklich zu machen, kann ich wohl den

Glauben verleugnen, besonders da es nicht meiner ist. Aber du mußt mir

auch sagen, wo du wohnst!«

»Weißt du, wo der Weiße Berg liegt?«

»Ja, das weiß ich! Wohnst du etwa in diesem scheckigen Holzhaus oben

auf dem Berge?«

»Woher kennst du das?«

»Ich bin einmal dort gewesen.«

»Du bist wohl mit dem Sozialisten Ygberg bekannt, der mir die Leute

aufsässig macht? Ich bin Vizewirt dort für Smith und habe freie Wohnung

dafür, daß ich die Mieten eintreibe; aber wenn sie nicht bezahlen

können, so reden sie allerhand Quatsch, den er sie gelehrt hat, von

Arbeit und Kapital und so allerhand, was in den Skandalzeitungen

gestanden hat.«

Falk wurde still.

»Kennst du den Ygberg?«

»Ja, das tue ich! Willst du jetzt den Frack anprobieren?«

Nachdem Struve in den Frack geschlüpft war, zog er den nassen Gehrock

darüber, knöpfte ihn bis zum Kinn zu, steckte sich einen zerkauten

Zigarrenstummel an, der auf ein Streichholz gesteckt war, -- und ging.

Falk leuchtete ihm die Treppe hinunter.

»Du hast weit zu gehen,« sagte Falk, um den Abschied etwas abzurunden.

»Ja, das soll Gott wissen! Und einen Regenschirm habe ich nicht.«

»Und keinen Überzieher! Willst du nicht meinen Winterüberzieher

anziehen?«

»O danke vielmals, aber das ist zu freundlich von dir!«

»Du kannst ihn mir ja gelegentlich wiedergeben!«

Falk kehrte in sein Zimmer zurück, holte den Überzieher und trug ihn

Struve hinunter, der unten auf dem Flur stand, und nach einem kurzen

Gute Nacht ging er wieder hinauf. Aber die Luft kam ihm so stickig vor,

daß er das Fenster öffnete. Draußen strömte der Herbstregen nieder,

prasselte auf die Dachpfannen und stürzte auf die schmutzige Straße.

Von der Kaserne gegenüber hörte man den Zapfenstreich, während im

Logement die Abendandacht gehalten wurde, daß abgerissene Choralverse

durch die geöffneten Fenster drangen.

Falk fühlte sich leer und müde. Er hatte gehofft, einem Repräsentanten

alles dessen, was er für feindlich hielt, eine Schlacht liefern zu

dürfen, aber der Feind war geflüchtet und hatte ihn zugleich teilweise

besiegt. Wenn er sich klarzumachen suchte, worum der Kampf eigentlich

ging, gelang ihm das nicht, und wer recht hatte, konnte er auch nicht

ergründen. Und er begann sich zu fragen, ob nicht die ganze Sache, die

er zu der seinen gemacht hatte, die Sache der Unterdrückten nämlich,

bloß eine Unwirklichkeit sei. Im nächsten Augenblick machte er sich

diese Feigheit zum Vorwurf, und der permanente Fanatismus, der in

ihm glühte, flammte wieder auf; er verurteilte seine Schwäche, die

ihn ständig zum Nachgeben verleitete; eben hatte er den Feind in

den Händen gehabt, und er hatte ihn nicht nur seinen tiefen Abscheu

nicht fühlen lassen, sondern hatte ihn sogar mit Wohlwollen behandelt

und ihm Sympathie erzeigt. Was würde der nun von ihm denken? Diese

Gutmütigkeit war kein Verdienst, da sie ihn hinderte, kraftvolle

Entschlüsse zu fassen, sie war nur eine moralische Schlappheit,

die ihn unfähig machte für einen Kampf, dem er sich immer weniger

gewachsen fühlte. Er verspürte das lebhafte Bedürfnis, das Feuer unter

dem Kessel auszulöschen, der einem so hohen Druck nicht mehr lange

widerstehen konnte, da kein Dampf verbraucht wurde, und er dachte an

Struves Rat; er dachte so lange, daß er sich schließlich in einem

chaotischen Zustand befand, in dem Wahrheit und Lüge, Recht und Unrecht

in behaglicher Eintracht umhertanzten, so daß sein Gehirn, in dem die

Begriffe durch die akademische Erziehung schön sortiert gewesen waren,

bald wie ein gutgemischtes Kartenspiel aussah.

Es gelang ihm merkwürdig gut, sich in einen Zustand des

Indifferentismus hineinzuarbeiten; er übte sich darin, gute Motive für

die Handlungen des Feindes zu suchen und gab sich mit der Zeit selbst

unrecht, fühlte sich versöhnlich gestimmt gegenüber der Weltordnung,

nahm schließlich den erhöhten Standpunkt ein und fand es in der Tat

völlig bedeutungslos, ob das Ganze nun schwarz oder weiß sei; war es

schwarz, so gab es keine Sicherheit dafür, daß es nicht so sein sollte,

und in diesem Falle stand es ihm nicht zu, es anders zu wünschen. Er

fand diesen Seelenzustand angenehm, denn er brachte ein Gefühl von Ruhe

mit sich, wie er es in den vielen Jahren, in denen er in Unruhe um die

Menschheit gewesen war, nicht empfunden hatte. Er genoß diese Ruhe, im

Verein mit einer Pfeife starken Tabaks, bis die Aufwärterin hereinkam,

um sein Bett zurechtzumachen und ihm zugleich einen Brief zu bringen,

den der Postbote eben abgegeben hatte. Der Brief war Olle Montanus

unterzeichnet, war sehr lang und schien zum Teil einen lebhaften

Eindruck auf Falk zu machen. Er hatte folgenden Wortlaut:

Lieber Freund!

Obwohl Lundell und ich jetzt unsere Arbeiten abgeschlossen haben und

bald in Stockholm eintreffen werden, habe ich doch das Verlangen,

meine Eindrücke aus den vergangenen Tagen hier aufzuzeichnen, weil sie

von großer Bedeutung für mich und meine geistige Entwicklung gewesen

sind; denn ich bin zu einem Resultat gekommen und stehe nun verwundert

da wie ein eben ausgebrütetes Küchlein, das mit neugeöffneten Augen

in die Welt blickt und der Eierschale, die ihm so lange das Licht

ferngehalten hat, einen Tritt gibt. Dies Resultat ist allerdings

nicht neu; Plato hat es bereits ausgesprochen, bevor das Christentum

kam: die Wirklichkeit, die sichtbare Welt ist nur ein Schein, ein

Schattenspiel der Gedanken; das heißt: die Wirklichkeit ist etwas

Niederes, Bedeutungsloses, Sekundäres, Zufälliges. Jawohl! Aber ich

will synthetisch verfahren und mit dem Einzelnen anfangen, um von da

zum Allgemeinen zu kommen.

Zunächst will ich von meiner Arbeit sprechen, für die sich Reichstag

und Regierung gemeinsam interessiert haben. Neben dem Altar in

der Kirche von Träskaala standen zwei Holzfiguren; die eine war

zertrümmert, die andere war heil. Die unbeschädigte hielt ein Kreuz

in der Hand und war eine weibliche Gestalt; von der zertrümmerten

Figur waren zwei Säcke mit Stücken in der Sakristei aufbewahrt.

Ein gelehrter Altertumsforscher hatte den Inhalt der beiden Säcke

untersucht, um das Aussehen der zertrümmerten Figur zu bestimmen, war

aber über Mutmaßungen nicht hinausgekommen. Er ging jedoch gründlich

zu Werk; er nahm eine Probe von der weißen Farbe, mit der die Figur

überstrichen war, schickte sie an das Pharmazeutische Institut und

erlangte auf diese Weise die Bestätigung, daß sie Blei enthalte und

nicht Zink; folglich war die Figur älter als 1844, weil Zinkweiß

erst in diesem Jahre in Gebrauch kam. (Was soll man zu einer solchen

Schlußfolgerung sagen, die Figur konnte doch übermalt sein!) Darauf

schickte er eine Probe des Holzes an das Tischleramt in Stockholm

und bekam die Antwort, es sei Birke. Die Figur war also aus Birke,

vor 1844 entstanden. Aber nicht das wollte er feststellen, sondern er

hatte Anlaß(!) zu der Annahme (das heißt, er wünschte es um seiner

Ehre willen), daß die Bildwerke aus dem sechzehnten Jahrhundert

stammten, und er hätte am liebsten gesehen, wenn sie von dem großen

(natürlich großen, da sein Name so gut in Eiche eingeschnitten war, daß

er sich bis in unsere Tage erhalten hat) Burchard von Schiedenhanne

verfertigt wären, der die Chorstühle in der Domkirche von Västeraas

geschnitzt hat. Die gelehrten Untersuchungen wurden fortgesetzt. Er

hatte etwas Gips von den Figuren in Västeraas gestohlen und schickte

den nun mit der Gipsprobe aus der Sakristei von Träskaala an die

Ekole pollyteknik (ich kann es nicht richtig schreiben) in Paris. Das

Urteil war vernichtend für die Zweifler: die Analysen ergaben, daß die

Gipsproben die gleiche Zusammensetzung hatten, 77 Äquivalente Kalk und

23 Schwefelsäure, folglich (!) stammten die Figuren aus der gleichen

Epoche. Das Alter der Figuren war mithin festgestellt; die Teile wurden

abgezeichnet und an die Akademie für Altertümer eingeschickt (die

Gelehrten haben eine entsetzliche Passion, alles einzuschicken); jetzt

mußte nur noch die zertrümmerte bestimmt und rekonstruiert werden.

Zwei Jahre lang wurden die beiden Säcke zwischen Upsala und Lund hin

und her geschickt; die beiden Professoren waren diesmal glücklich

verschiedener Meinung, so daß ein Streit entstand; der Professor in

Lund, der soeben Rektor geworden war, schrieb eine Abhandlung über

die Figur für seine Rektoratsrede und schlug den Professor in Upsala

zu Boden; dieser antwortete mit einer Broschüre. Glücklicherweise trat

im selben Moment ein Professor von der Stockholmer Kunstakademie mit

einer ganz neuen Ansicht auf; die Folge war wie immer, daß Herodes und

Pilatus sich einigten und nun gemeinsam über den Stockholmer herfielen

und ihn mit der ganzen Galle des Kleinstädters zerrissen. Ihre Meinung

aber war, und daran hielt man fest: die zertrümmerte Figur habe den

Unglauben dargestellt, weil doch die heile Figur -- mit dem Symbol des

Kreuzes -- den Glauben darstellen mußte. Die Mutmaßung (des Professors

in Lund), die zertrümmerte Figur habe die Hoffnung dargestellt, da man

in dem einen Sack einen Ankerhaken gefunden habe, wurde verworfen,

weil man dann das Vorhandensein einer dritten Figur, der Liebe, hätte

voraussetzen müssen (!), von der sich keine Spur fand, und für die auch

kein Platz da war; außerdem wurde (durch Beispiele aus der reichen

Sammlung von Pfeilspitzen im Historischen Museum) bewiesen, daß es kein

Ankerhaken sei, sondern eine Pfeilspitze, eine von den Waffen, durch

die der Unglaube symbolisiert wird; vergleiche Brief an die Hebräer, wo

von den blinden Schüssen des Unglaubens gesprochen wird, und Jesaias,

wo mehrfach die Pfeile des Unglaubens erwähnt werden! Die Form der

Pfeilspitze, die denen aus der Zeit des Reichsverwesers Sture genau

glich, entfernte den letzten Zweifel betreffs des Alters der Figur.

Meine Aufgabe war nun, nach der Idee der Professoren eine Statue des

Unglaubens als Pendant zum Glauben herzustellen. Das Programm war

gegeben, und ich zögerte nicht. Ich suchte mir ein männliches Modell,

denn ein Mann mußte es sein; ich habe lange suchen müssen, aber ich

habe ihn gefunden, ja, ich glaube, ich fand den Unglauben in eigener

Person -- und es ist mir brillant gelungen. Nun steht der Schauspieler

Falander links vom Altar, mit einem mexikanischen Bogen aus dem

Schauspiel Ferdinand Cortez und einem Räubermantel aus Fra Diavolo;

aber die Leute sagen: es ist der Unglaube, der vor dem Glauben die

Waffen streckt, und der Propst, der die Einweihungspredigt hielt,

sprach von den herrlichen Gaben, die Gott bisweilen den Menschen gebe

und besonders mir; und der Graf, bei dem wir zum Einweihungsdiner

waren, erklärte, ich hätte ein Meisterwerk geschaffen, das gut mit

den Werken der Antike zu vergleichen sei (die er in Italien gesehen

habe); und ein Student, der bei dem Grafen konditionierte, nahm die

Gelegenheit wahr, Verse drucken zu lassen und zu verteilen, in denen

er den Begriff des Erhaben-Schönen entwickelte und eine historische

Übersicht über die Teufelsmythe gab.

Bisher habe ich als echter Egoist nur von mir selber gesprochen! Was

soll ich von Lundells Altarbild sagen? Es sieht folgendermaßen aus:

Christus (Rehnhjelm) am Kreuz im Hintergrunde; links der unbußfertige

Schächer (ich; der Schuft hat mich noch häßlicher gemacht als ich bin);

rechts der bußfertige Schächer (Lundell selbst, die scheinheiligen

Augen auf Rehnhjelm gerichtet); zu Füßen des Kreuzes Maria Magdalena

(Maria, du weißt doch, tief dekolletiert); ein römischer Zenturio

(Falander) zu Pferd (der Beschäler von dem Schöffen Olsson).

Ich kann nicht beschreiben, was für einen entsetzlichen Eindruck es

auf mich machte, als nach der Predigt die Hüllen fielen und all diese

bekannten Gesichter von dem erhöhten Platz am Altar über die Gemeinde

hinstarrten, die mit Andacht den großen Worten des Geistlichen von

der hohen Bedeutung der Kunst lauschte, zumal wenn sie im Dienst der

Religion stehe. Vor meinen Augen zerriß in diesem Augenblick ein

Schleier, der vieles, vieles verhüllt hatte, und was ich später über

Glauben und Unglauben gedacht habe, sollst du einmal zu hören bekommen;

was ich jedoch über die Kunst und ihre hohen Aufgaben denke, werde ich

in einem Vortrag zum Ausdruck bringen, den ich in einem öffentlichen

Lokal zu halten gedenke, sobald ich in die Stadt komme.

Daß Lundells religiöse Gefühle in diesen »teuren« Tagen überhandnahmen,

kannst Du Dir vorstellen; er ist verhältnismäßig glücklich in seinem

kolossalen Selbstbetrug, und er weiß nicht, daß er ein Schelm ist.

Nun habe ich, glaube ich, das meiste gesagt; das weitere mündlich, wenn

wir uns sehen.

Bis dahin lebwohl und laß es dir gutgehen!

Dein wahrer Freund

Olle Montanus.

+PS.+ Ich habe ganz vergessen, von der Auflösung der

Altertumsforschungsgeschichte zu erzählen. Sie endete so, daß der

Armenhäusler Jan, der sich aus seiner Kindheit erinnert, wie die

Figuren ausgesehen haben, die Erklärung abgab, es seien drei gewesen:

Glaube, Liebe und Hoffnung; da die Liebe die größte sei (1. Korinther),

so habe sie über dem Altar gestanden. Der Blitz habe sie und den

Glauben um das Jahr 1810 niedergerissen. Die Figuren habe sein Vater,

der Galjonschnitzer in Karlskrona war, verfertigt.

D.O.

Nach der Lektüre dieses Briefes ließ Falk sich an seinem Schreibtisch

nieder, sah nach, ob die Lampe gut gefüllt war, steckte sich eine

Pfeife an, holte ein Manuskript aus der Schublade und begann zu

schreiben.

Neunzehntes Kapitel

Vom neuen Kirchhof nach Norrbacka

Der Septembernachmittag lag grau und warm und still über der

Hauptstadt, als Falk die südlichen Höhen hinaufwanderte. Auf dem

Katarinenkirchhof setzte er sich nieder, um auszuruhen; er empfand

ein wirkliches Wohlbehagen, als er sah, daß die Ahorne in den

letzten Nächten rotgefroren waren, und er hieß den Herbst mit seiner

Dunkelheit, seinen grauen Wolken und seinem fallenden Laub herzlich

willkommen. Kein Windhauch regte sich; es war, als ruhe die Natur, müde

von der kurzen Sommerarbeit; alles ruhte, die Menschen lagen unter dem

Rasen so still und friedlich, wie sie nie im Leben gewesen waren, und

er wünschte, sie lägen alle dort unten und er auch. Oben auf dem Turm

schlug die Uhr; da stand er auf und ging weiter, ging die Parkstraße

entlang, bog in die Neue Straße ein, die vor hundert Jahren neu gewesen

sein mochte, ging über den Neumarkt und kam nach dem Weißen Berge.

Da blieb er vor dem scheckigen Hause stehen und hörte zu, was die

Kinder sagten, denn wie gewöhnlich waren Kinder auf dem Hügel; und sie

unterhielten sich laut und ungeniert, während sie kleine Ziegelsteine

schliffen, die sie zum Hupfspiel brauchten.

»Was hast du zu Mittag bekommen, Janne?«

»Geht das dich was an?«

»Angeht? Sagst du, ob mich das was angeht? Nimm dich in acht, du, sonst

hau ich dir eine runter!«

»Du! Ach, hör an! Du, mit den Augen!«

»Na, weißt du! Hab ich dich nicht neulich erst am Hammarbysee

verwichst? He?«

»Ach, halt's Maul!«

Janne wird »verwichst«, und die Unruhe legt sich.

»Hast du etwa nicht auch Kresse auf dem Katrinenkirchhof gestohlen,

Janne? He!«

»Hat der lahme Olle gepetzt?«

»Und kam da nicht die Polizei, he?«

»Denkst du, ich habe Angst vor der Polizei! Das sollst du mal sehen!«

»Wenn du keine Angst hast, so komm doch mit zu Zinkens Teich und hilf

Birnen mausen heut abend.«

»Ich steige nicht über den Zaun, da sind bissige Hunde!«

»Ach, der Schornsteinfeger-Pelle steigt über den Zaun wie ein Hui, und

den Hunden muß man einen Tritt geben.«

Das Schleifen wird von einer Magd unterbrochen, die herauskommt und

Tannenzweige auf die grasbewachsene Straße streut.

»Was für ein Teufel soll heut begraben werden?«

»Ach, von dem Vizewirt, der mit seiner Frau wieder ein Kind gekriegt

hat.«

»Der Vizewirt ist ein kitzlicher Satan, was?«

Statt der Antwort stimmte der andere eine unbekannte Melodie an, die

auf besondre Art gepfiffen wurde.

»Wir verhauen seine Füchse, wenn sie aus der Schule kommen. Und seine

Frau, weißt du, die ist aufgeblasen. Das Teufelsweib hat uns einmal

nachts im Schnee sitzen lassen, als wir die Miete nicht bezahlt hatten,

und da haben wir im Blechschuppen schlafen müssen.«

Das Gespräch versiegte, denn diese letzte Mitteilung schien auf den

Zuhörer nicht den geringsten Eindruck zu machen.

Nicht mit sehr heiteren Gefühlen betrat Falk das Haus nach der

Vorstellung, die die beiden Straßenjungen vermittelt hatten. Er wurde

in der Tür von Struve begrüßt, der eine betrübte Miene aufgesetzt

hatte und ihn jetzt beim Arm nahm, als wolle er ihm eine vertrauliche

Mitteilung machen oder in seinem Beisein eine Träne zerdrücken, irgend

etwas mußte er tun -- und er faßte ihn um.

Falk befand sich in einem großen Zimmer mit Eßtisch, Büfett, sechs

Stühlen und einem Sarg. Vor den Fenstern hingen weiße Laken, durch

die das Tageslicht hereinsickerte und sich an dem roten Schein zweier

Stearinkerzen brach; auf dem Eßtisch stand ein Tablett mit grünen

Weingläsern und ein Suppennapf mit Georginen, Levkoien und Astern.

Struve faßte seine Hand und führte ihn an den Sarg, in dem der kleine

Namenlose auf Hobelspänen in Tüll gebetet lag, mit wilden Weinblättern

bestreut.

»Hier,« sagte er. »Hier!«

Falk spürte keine andern Erregungen, als die einen immer in Gegenwart

einer Leiche überkommen, und konnte daher keine für die Situation

passenden Worte finden, sondern beschränkte sich darauf, dem Vater die

Hand zu drücken, worauf dieser sagte:

»Ich danke dir, ich danke dir!« und sich entfernte, um in ein

Nebenzimmer zu gehen.

Falk war allein; er hörte zunächst ein heftiges Flüstern hinter der

Tür, hinter der Struve verschwunden war; darauf wurde es eine Weile

still; dann aber drang am andern Ende des Zimmers ein Gemurmel durch

die dünne Bretterwand; er konnte die Worte nur teilweise unterscheiden,

glaubte aber die Stimmen wiederzuerkennen. Zunächst hörte man einen

schrillen Diskant, der sehr rasch lange Strophen sprach.

»Babebibobubybäbö. -- Babebibobubybäbö. -- Babebibobubybäbö --« ertönte

es.

Darauf antwortete eine zornige Männerstimme unter der Begleitung des

Hobels. »Witscho-witscho-witsch-witsch-hitsch-hitsch.«

Und dann ein langsam dahinrollendes »Mum-mum-mum-mum.

Mum-mum-mum-mum.« Worauf der Hobel wieder sein »Witsch-witsch«

zu spucken und zu niesen begann. Und darauf ein Sturm von

»Babili-bebili-bibili-bobili-bubili-bybili-bäbili-bö!«

Falk ahnte, um was die Diskussion sich drehte, und an einem gewissen

Tonfall glaubte er zu erkennen, daß der kleine Tote in die Sache

verwickelt sei.

Nun begann wieder ein heftiges Flüstern hinter Struves Tür,

durchschossen mit Schluchzen; dann öffnete sie sich, und heraus kam

Struve und führte eine Waschfrau an der Hand, die schwarzgekleidet war

und rote Augen hatte. Struve stellte mit der Würde eines Familienvaters

vor:

»Meine Frau. -- Assessor Falk, mein alter Freund!«

Falk wurde mit einer Hand so hart wie ein Waschholz und einem Lächeln

sauer wie Pickels begrüßt. Er versuchte in größter Hast eine Redensart

zu konstruieren, die die beiden Worte »Frau« und »Schmerz« enthielt,

und kam einigermaßen damit zustande, so daß Struve ihm eine Umarmung

zuteil werden ließ.

Die Frau, die auch eine Freundlichkeit beisteuern wollte, begann ihrem

Mann den Rücken abzubürsten und sagte:

»Schrecklich, wie Christian sich immer einschmiert; ewig ist er hinten

staubig. Finden Sie nicht auch, Herr Assessor, daß er wie ein Ferkel

aussieht?«

Dem armen Falk blieb es erspart, diese liebevolle Frage zu beantworten,

denn hinter dem Rücken der Mutter tauchten jetzt zwei rote Köpfe auf

und grinsten den Fremden an. Die Mutter nahm sie zärtlich beim Schopf

und sagte:

»Haben Sie schon einmal so häßliche Buben gesehen, Herr Assessor? Sehen

sie nicht aus wie junge Füchse?«

Das stimmte mit der wirklichen Sachlage in solchem Grade überein, daß

Falk sich veranlaßt fühlte, die Tatsache aufs lebhafteste in Abrede zu

stellen.

Die Korridortür öffnete sich, und herein traten zwei Herren. Der erste

war ein breitschulteriger Dreißiger mit einem viereckigen Kopf, dessen

Vorderseite das Gesicht vorstellen sollte; die Haut sah aus wie eine

halbvermoderte Brückenplanke, in die Würmer ihre Labyrinthe gegraben

hatten; der Mund war breit geschnitten und stets etwas geöffnet, so

daß man die vier gut geschliffenen Eckzähne sah; wenn er lachte, wurde

das Gesicht in zwei Teile gespalten, und man konnte bis an den vierten

Backenzahn sehen; kein Barthalm wagte sich auf dem unfruchtbaren Boden

hervor; die Nase war so schlecht angebracht, daß man von vorn ein gutes

Stück in den Kopf hineinsehen konnte; auf dem oberen Teil des Schädels

wuchs etwas, das wie eine Kokosmatte aussah.

Das rote Zimmer · 第 16 / 25 段