Das war jedoch nicht der Fall, denn als sie in die Kneipe gegangen

waren und Essen vorgesetzt bekamen, wurde Ygberg immer elender, und

Falk mußte ihn unter den Arm nehmen und ihn nach Hause bringen in seine

Wohnung hinten auf dem Weißen Berge.

Es war ein altes einstöckiges Holzhaus, das auf einen Berg geklettert

war und jetzt aussah, als habe es ein Hüftleiden; es war scheckig, als

habe es den Aussatz gehabt, denn es hatte früher einmal angestrichen

werden sollen, aber es war beim Spateln geblieben; es sah in jeder

Beziehung erbärmlich aus, und man traute dem Feuerversicherungsschild

nicht recht, das an der Wand rostete, als eine Verheißung, daß ein

Phönix aus der Flamme emporsteigen werde. Zu Füßen des Hauses wuchsen

Butterblumen, Brennesseln und Wegerich, diese treuen Begleiter des

Menschen in der Not; Spatzen badeten in dem glühend heißen Sand, daß er

nur so spritzte, und Kinder mit dicken Bäuchen und blassen Gesichtern,

die aussahen, als würden sie mit neunzig Prozent Wasser ernährt,

machten sich Halsketten und Armbänder aus Butterblumenstengeln und

suchten sich im übrigen ihr trauriges Dasein zu verbittern, indem sie

sich zankten und beschimpften.

Falk und Ygberg stiegen eine knarrende, wackelige Holztreppe hinauf

und kamen in ein großes Zimmer, in dem drei Parteien wohnten, die das

Zimmer mit Kreidestrichen in drei Kreise eingeteilt hatten. In zweien

von diesen Kreisen wurde ein Handwerk betrieben, von einem Tischler

und einem Schuhmacher; der dritte Kreis war ausschließlich für das

Familienleben bestimmt. Wenn die Kinder zu schreien anfingen, was

alle Viertelstunde geschah, geriet der Tischler in Raserei und begann

zu schimpfen und zu fluchen, was wieder von seiten des Schuhmachers

Bibelsprüche und Ermahnungen zur Folge hatte. Die Nerven des Tischlers

waren von diesem ewigen Jammergeschrei, den Züchtigungen und dem Zank

so aufgerieben, daß er, obwohl er sich vorgenommen hatte, Geduld zu

üben, kaum fünf Minuten, nachdem der Schuhmacher die Versöhnungsprise

angeboten hatte, von neuem in Wut geriet; er war meistens den ganzen

Tag in Wut, am schlimmsten aber war es, wenn er die Frau fragte, »warum

die Teufel von Weibern so viele Kinder in die Welt setzen müßten«, denn

dann kam die Frauenfrage aufs Tapet, und dann blieb man ihm die Antwort

nicht schuldig.

Durch dies Zimmer gingen Falk und Ygberg, um in Ygbergs Kammer zu

gelangen; aber obwohl sie ganz leise gingen, weckten sie doch zwei von

den Kindern auf, weshalb die Mutter ein Wiegenlied zu singen begann,

mitten in einem Wortwechsel zwischen Schuhmacher und Tischler, so daß

der Tischler sofort wieder einen Anfall bekam.

»Sei still, Weib!«

»Sei doch selber still! Kann Er die Kinder nicht schlafen lassen?«

»Geh zur Hölle mit den Gören! Sind es meine Kinder? Soll ich darunter

leiden, daß andere liederlich gewesen sind? Was? Bin ich selber

liederlich? He? Habe ich selber Kinder? Halt den Mund, oder du kriegst

den Hobel an den Kopf!«

»Aber Meister! Meister!« nahm der Schuhmacher das Wort; »Er darf nicht

so von den Kindern reden! Gott schickt die Kinder auf die Welt!«

»Das ist eine Lüge, Schuster! Nein, der Böse schickt sie! Und dann

schieben die liederlichen Eltern es auf Gott! Oh, ihr solltet Euch

schämen!«

»Meister! Meister! Er soll doch nicht fluchen! Die Bibel sagt, den

Kindern gehört das Himmelreich.«

»Ach so, solche sind im Himmelreich!«

»Gott, wie Er redet,« rief die erzürnte Mutter. »Wenn Er selbst einmal

Kinder bekommt, so will ich beten, daß sie verkrüppelt und lahm werden;

ich will beten, daß sie stumm und taub und blind sind; ich will beten,

daß sie in die Besserungsanstalt und an den Galgen kommen; das will ich

tun.«

»Ja, tu das, du liederliches Weibsstück; ich habe nicht die Absicht,

Kinder in die Welt zu setzen, damit sie wie Hunde schuften; Ihr müßtet

ins Arbeitshaus, weil Ihr solche armen Dinger ins Elend hineinsetzt.

Ihr seid verheiratet? Ja! Müßt Ihr liederlich sein, weil Ihr

verheiratet seid? He?«

»Meister! Meister! Gott schickt doch die Kinder!«

»Das ist eine Lüge, Schuster! Ich habe in einer Zeitung gelesen,

die verdammte Kartoffel sei schuld, daß die Armen so viele Kinder

kriegen, denn seht, die Kartoffel enthält zwei Materien oder Stoffe,

die man Sauerstoff und Stickstoff nennt; wenn sie in einer gewissen

Zusammensetzung und in einer bestimmten Menge vorkommen, werden die

Frauen fruchtbar!«

»Aber wie soll man es denn ändern?« fragte die erzürnte Mutter, deren

Gefühle sich beim Anhören des interessanten Vortrags besänftigt hatten.

»Man soll das Kartoffelessen lassen, das kannst du doch wohl

begreifen!«

»Was soll man denn essen, wenn man keine Kartoffeln essen darf?«

»Beefsteak, Weib, mußt du essen! Beefsteak mit Zwiebeln! He! Ist das

gut? Oder Chatto-briang! Weißt du, was das ist? He? Im ›Vaterland‹

stand neulich von einer Frau, die Mutterkorn genommen hat, so daß

beinahe sie und das Kind draufgegangen wären.«

»Was sagst du da?« fragte die Frau und spitzte die Ohren.

»Bist du neugierig, he?«

»Ist das mit dem Mutterkorn wirklich wahr?« fragte der Schuhmacher

blinzelnd.

»Ja, das treibt Leber und Lunge aus einem heraus, und übrigens steht

schwere Strafe darauf, und das ist recht!«

»Ist das recht?« fragte der Schuhmacher mit dumpfer Stimme.

»Gewiß ist das recht! Wer liederlich ist, muß Strafe haben; und man

darf doch seine Kinder nicht morden!«

»Kinder! Das ist doch wohl noch ein Unterschied,« sagte die erzürnte

Mutter ergeben. »Aber wo kommt der Stoff her, Meister, von dem du

sprachst?«

»Ach so, du willst noch mehr Kinder machen, du Weibsstück, obwohl du

Witwe mit Fünfen bist! Nimm dich vor dem Schuster in acht; der ist sehr

streng gegen die Weiber, obwohl er gottesfürchtig ist! Gib eine Prise

her, Schuster!«

»Also es gibt wirklich ein Kraut ...«

»Wer hat gesagt, daß es ein Kraut ist? Habe ich gesagt, daß es ein

Kraut ist? Nein! Es ist ein zoologischer Stoff. Seht einmal, alle

Stoffe -- es gibt etwa sechzig Stoffe in der Natur -- alle Stoffe

lassen sich in chemische und zoologische einteilen; dieser Stoff heißt

auf lateinisch +Cornutibus secalias+ und kommt im Auslande vor;

zum Beispiel auf der Kalabrischen Halbinsel.«

»Ist es wohl sehr teuer, Meister?« fragte der Schuhmacher.

»Teuer!« wiederholte der Tischler und hielt den Hobel, als ziele er mit

einem Karabiner. »Es ist verteufelt teuer!«

Falk, der mit großem Interesse diese ganze Unterhaltung angehört hatte,

fuhr zusammen, als er durch das offene Fenster hörte, wie ein Wagen auf

der Straße anhielt und zwei Frauenstimmen, die er zu kennen glaubte,

ein Gespräch anfingen:

»Dies Haus sieht gut aus!«

»Es sieht gut aus?« fragte die ältere Dame. »Ich finde, es sieht

schrecklich aus.«

»Ich finde, es sieht gut aus für unsern Zweck. Wissen Sie, ob hier im

Hause Arme wohnen, Kutscher?«

»Ich weiß es nicht, aber der Teufel soll mich holen, wenn keine drin

wohnen.«

»Fluchen ist Sünde, also lassen Sie das! Warten Sie hier auf uns,

während wir hinaufgehen und unseres Amtes walten.«

»Höre, Eugenie, wollen wir nicht hier unten bleiben und erst mit den

Kindern sprechen?« sagte Frau Revisor Homan zu Frau Falk.

»Ja, das wollen wir tun! Komm her, kleiner Junge, wie heißt du?«

»Albert!« antwortete ein kleiner blasser Sechsjähriger.

»Kennst du Jesus, mein liebes Kind?«

»Nee,« antwortete der Kleine lachend und steckte den Finger in den

Mund.

»Das ist ja entsetzlich,« sagte Frau Falk und holte ihr Notizbuch

heraus. »Ich schreibe also hier: Katharina-Gemeinde, auf dem Weißen

Berge. Tiefe geistige Finsternis bei den Minderjährigen. -- Kann man

Finsternis sagen? -- Nun, möchtest du ihn nicht kennenlernen?« fragte

sie weiter.

»Nee!«

»Willst du denn einen Groschen haben, mein Junge?«

»Ja!«

»Bitte, sagt man! -- Im höchsten Grade verwahrlost; es gelang jedoch

durch Milde, ihnen ein besseres Benehmen beizubringen.«

»Hier ist ein entsetzlicher Geruch; wir wollen weitergehen, Eugenie,«

bat Frau Homan.

Sie stiegen die Treppen hinauf und traten, ohne zu klopfen, in das

große Zimmer.

Der Tischler griff zum Hobel und nahm ein ästiges Brett in Angriff, so

daß die Damen schreien mußten, um sich Gehör zu verschaffen.

»Ist hier jemand, der nach Erlösung und Gnade dürstet?« schrie Frau

Homan, während Frau Falk mit Parfüm aus dem Zerstäuber die Kinder

besprengte, die zu schreien anfingen, weil es ihnen in den Augen

brannte.

»Haben Sie Erlösung auszubieten?« fragte der Tischler, der eine Pause

in der Arbeit machte. »Wo haben Sie die her? Vielleicht gibt es auch

Wohltätigkeit und Demütigung und Hoffart? He?«

»Sie sind ein roher Mensch, der der Verdammnis anheimfallen wird,«

erwiderte Frau Homan. Frau Falk schrieb in ihr Notizbuch und sagte.

»Der ist gut.«

»Sprechen Sie,« sagte die Frau Revisor.

»Das kennen wir! Vielleicht wollen die Damen über Religion mit mir

sprechen! Ich kann über alles sprechen! Wissen die Damen, daß in

Niceum im Jahre 829 ein Konzil stattfand, wo der Heilige Geist in die

Schmackhaldinschen Artikel aufgenommen wurde?«

»Nein, das wissen wir nicht, guter Mann!«

»Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut, als Gott allein, sagt

die Heilige Schrift! Also die Damen kennen das Konzil zu Niceum im

Jahre 829 nicht? Wie kann man da andere lehren wollen, wenn man

selber nichts weiß? Nun, wenn jetzt die Wohltätigkeit losgehen soll,

so passen Sie den Augenblick ab, wenn ich den Rücken wende, denn die

wahre Wohltätigkeit geschieht im geheimen. Aber üben Sie sie vor allen

Dingen an den Kindern, die können sich nicht wehren; doch kommen Sie

uns nicht zu nah! Geben Sie uns Arbeit, wenn Sie wollen, und lernen Sie

Arbeit bezahlen, dann brauchen Sie nicht so umherzulaufen! Eine Prise,

Schuster!«

»Kann man so schreiben, Evelyn?« fragte Frau Falk, »starker Unglaube,

Verstocktheit ...«

»Verhärtung ist besser, liebe Eugenie!«

»Was schreiben die Damen auf? Unsere Sünden? Dann ist das Buch viel zu

klein ...«

»Die Frucht der sogenannten Arbeitergewerkschaften ...«

»Sehr gut,« sagte die Frau Revisor.

»Nehmen Sie sich vor den Gewerkschaften in acht,« sagte der Tischler.

»Jetzt ist es seit ein paar Jahrhunderten über die Könige hergegangen,

aber nun haben wir entdeckt, daß es nicht ihre Schuld ist; das nächste

Mal kommen alle Faulenzer an die Reihe, die von der Arbeit anderer

existieren; dann sollt ihr was erleben!«

»Still, still!« sagte der Schuhmacher.

Die erzürnte Mutter, die während dieses Auftritts die Augen auf

Frau Falk gerichtet hatte, benutzte jetzt eine Pause, um zu fragen:

»Verzeihung, sind Sie nicht Frau Falk?«

»Nein, das bin ich nicht,« antwortete die fragliche Dame mit einer

Sicherheit, die sogar Frau Homan frappierte.

»O Herrgort, die Dame ist Ihnen so ähnlich; ich kannte ihren Vater, den

Flaggschiffer Raanock auf dem Holm, als er Matrose war!«

»Das ist ja sehr interessant, aber das gehört nicht hierher ... Wohnt

hier noch sonst jemand, der Erlösung braucht ...«

»Nein,« sagte der Tischler, »Erlösung brauchen sie nicht, aber Essen

und Kleider, oder am liebsten Arbeit, viel Arbeit und gutbezahlte

Arbeit. Aber es ist besser wenn die Damen nicht hineingehen, denn der

eine hat die Pocken ...«

»Die Pocken!« schrie Frau Homan; »und man hat uns kein Wort davon

gesagt! Komm, Eugenie, dann schicken wir die Polizei her. Pfui, was für

Menschen!«

»Aber die Kinder? Wem gehören diese Kinder? Antworten!« sagte Frau Falk

und drohte mit dem Bleistift.

»Mir, gute Frau!« sagte die Mutter.

»Aber der Mann? Wo ist der Mann?«

»Der läßt sich nicht mehr blicken,« sagte der Tischler.

»So! Dann werden wir ihm die Polizei auf den Hals schicken! Und wir

werden ihn ins Arbeitshaus stecken! Hier soll es anders werden! -- Dies

ist wirklich ein gutes Haus, wie ich sagte, Evelyn!«

»Wollen gnädige Frau nicht Platz nehmen?« fragte der Tischler. »Es

plaudert sich besser, wenn man sitzt, aber Stühle können wir Ihnen

nicht anbieten, denn wir haben keine, und das macht nichts; wir haben

auch keine Betten, die sind draufgegangen für die Beisteuer zur

Gasbeleuchtung, +pro primo+, damit Sie nicht nachts im Dunkeln aus

dem Theater nach Hause gehen müssen; wir haben kein Gas, wie Sie sehen;

und für die Wasserleitung, +pro secundo+, damit Ihre Dienstmädchen

keine Treppen zu steigen brauchen; wir haben keine Wasserleitung; und

für das Krankenhaus, +pro tertio+, damit Ihre Söhne nicht zu Hause

zu liegen brauchen ...«

»Komm, Eugenie, um Gottes willen, hier wird es unerträglich ...«

»Ich versichere Ihnen, meine Damen, es ist hier schon unerträglich,«

sagte der Tischler. »Und es wird ein Tag kommen, da es noch schlimmer

wird, aber dann, dann kommen wir vom Weißen Berge herunter, und vom

Schinderbuchtberge, und vom Tyskbagarberge, und wir kommen mit großem

Getöse wie ein Wasserfall und fordern unsere Betten zurück. Fordern?

Nein, nehmen! Und ihr könnt dann auf Hobelbänken liegen, wie ich es

muß, und ihr werdet Kartoffeln essen, daß eure Bäuche sich wie ein

Trommelfell spannen, ganz als hättet ihr die Wasserprobe durchgemacht

wie wir ...«

Die Damen waren verschwunden, unter Zurücklassung eines Stoßes

Broschüren.

»Pfui Teufel, wie das nach Eau de Cologne riecht! Ganz wie bei Dirnen!«

sagte der Tischler. »Eine Prise, Schuster!«

Er wischte sich mit der blauen Schürze über die Stirn und griff wieder

zum Hobel, während die Gesellschaft ihre Betrachtungen anstellte.

Ygberg, der die ganze Zeit über geschlafen hatte, erwachte jetzt und

machte sich zurecht, um mit Falk wieder fortzugehen. Durch das offne

Fenster hörte man noch einmal Frau Homans Stimme:

»Was meinte sie mit dem Flaggschiffer? Dein Vater ist doch Kapitän?«

»Man nennt ihn so! Übrigens ist Schiffer und Kapitän dasselbe! Das

weißt du doch! Findest du nicht, es war ein unverschämtes Pack? Hierher

komme ich nie wieder! Aber ein feiner Bericht wird es! Fahren Sie nach

Hasselbacken, Kutscher!«

Siebzehntes Kapitel

Natura ...

Falander saß eines Nachmittags zu Hause und lernte eine Rolle, als ein

leises Klopfen -- zwei Doppelschläge -- an der Tür ertönte. Er sprang

auf, zog einen Rock an und öffnete.

»Agnes! Das ist ein seltener Besuch!«

»Ja, ich mußte dir einmal Guten Tag sagen; es ist so verdammt

langweilig!«

»Wie du fluchst!«

»Laß mich fluchen; das ist so schön!«

»Hm! Hm!«

»Gib mir eine Zigarre; ich habe seit sechs Wochen nicht geraucht! Diese

Erziehung macht mich verrückt!«

»Ist er denn so streng?«

»Verdammt!«

»O pfui, Agnes, wie kannst du so etwas sagen!«

»Ich darf nicht rauchen, nicht fluchen, keinen Punsch trinken, nicht

abends ausgehen! Aber laß mich nur erst verheiratet sein! Dann!!!«

»Ist es sein voller Ernst?«

»Sein voller! Sieh dir dies Taschentuch an!«

»A. R. mit Krone; neun Zacken?«

»Wir haben die gleichen Initialen, und er hat mir seine Schablone

geliehen! Ist das nicht fein?«

»Ja, das ist fein. Also soweit seid ihr schon!«

Der Engel im blauen Gewande warf sich selbstherrlich auf das Sofa und

qualmte die Zigarre. Falander betrachtete ihren Körper mit Blicken, als

mache er einen Kostenüberschlag, darauf sagte er:

»Trinkst du ein Glas Punsch?«

»Ja, gern!«

»Nun, du liebst deinen Verlobten?«

»Er gehört nicht zu der Sorte von Männern, die man richtig lieben kann!

Doch das weiß ich übrigens nicht. Lieben! Hm! Was ist das eigentlich?«

»Ja, was ist das?«

»O, du weißt es schon! -- Er ist sehr achtenswert, schrecklich sogar,

aber, aber, aber!«

»Nun?«

»Er ist so ordentlich!«

Sie sah Falander mit einem Lächeln an, daß der abwesende Bräutigam

gerettet gewesen wäre, wenn er es gesehen hätte.

»Er ist nicht nett zu dir?« fragte Falander in neugierigem und

unruhigem Ton.

Sie trank ihr Glas Punsch aus, machte eine Kunstpause, schüttelte den

Kopf und sagte mit einem Theaterseufzer:

»Neihein!«

Falander schien mit der Antwort zufrieden zu sein und fühlte sich

sichtlich erleichtert. Darauf setzte er seine Inquisition fort.

»Es mag lange dauern, bis du heiraten kannst! Er hat noch immer keine

Rolle bekommen.«

»Nein, das weiß ich.«

»Das wird langweilig für dich werden?«

»Man muß Geduld haben!«

»Hier muß man die Folter anwenden,« dachte Falander.

»Du weißt doch, daß Jenny augenblicklich meine Geliebte ist.«

»Die alte häßliche Person!«

Es zog eine ganze Schar weißer Nordlichtflammen über ihr Gesicht, und

alle Muskeln gerieten in Bewegung, als ständen sie unter der Einwirkung

einer galvanischen Säule.

»Sie ist gar nicht so alt,« sagte Falander kaltblütig. »Hast du gehört,

daß der Kellner aus dem Ratskeller in dem neuen Stück als Don Diego

debütieren soll, und daß Rehnhjelm seinen Diener spielen wird? Der

Kellner wird wohl Erfolg haben, denn die Rolle spielt sich von selber,

aber der arme Rehnhjelm wird vor Scham sterben.«

»Gott im Himmel, was sagst du!«

»Es ist Tatsache!«

»Das darf nicht geschehen!«

»Wer kann es hindern?«

Sie sprang vom Sofa auf, leerte ein Glas, brach in heftiges Weinen aus

und rief:

»O wie bitter die Welt ist, wie bitter! Es ist, als wenn eine böse

Macht dasitzt und all unsere Wünsche ausspioniert, um sie durchkreuzen

zu können, unsere Hoffnungen belauert, um sie zu zerschmettern, unsere

Gedanken errät, um sie zu ersticken. Wenn man sich selbst alles Böse

wünschen könnte, müßte man es tun, um diese Macht zum Narren zu

halten!«

»Sehr richtig, mein Kind! Deshalb muß man immer davon ausgehen, daß es

schlimm endet! Aber das ist nicht das Traurigste! Hör zu, dann will

ich dir einen Trost geben! Du weißt, jedes Glück, das dir zuteil wird,

geschieht immer auf Kosten eines andern; wenn du eine Rolle bekommst,

so hat ein anderer keine; dann windet er sich wie ein getretener Wurm,

und du hast unfreiwillig Böses getan; deshalb ist auch das Glück

vergiftet! Dein Trost im Unglück muß sein, daß du mit jedem Pech, das

du erleidest, eine -- sagen wir unfreiwillige -- gute Tat tust, und

unsere guten Taten sind die einzigen reinen Genüsse, die wir haben.«

»Ich will keine guten Taten tun, ich will keine reinen Genüsse haben,

ich bin ebenso berechtigt wie andere, Glück zu haben, und ich -- werde

-- Glück haben!«

»Um jeden Preis?«

»Um jeden Preis muß ich aufhören, die Kammerjungfer deiner Geliebten zu

spielen!«

»Oh, du bist eifersüchtig! -- Lerne mit Geschmack Unglück zu haben,

mein Kind, das ist größer -- und viel interessanter.«

»Sag mir eins -- liebt sie dich?«

»Ich fürchte, sie hat sich allzu ernstlich an mich attachiert!«

»Und du?«

»Ich? Ich werde nie eine andere lieben können als dich, Agnes.«

Er faßte ihre Hand.

Sie sprang vom Sofa auf, daß die Strümpfe zu sehen waren.

»Glaubst du, es gibt etwas, was Liebe heißt?« fragte sie und richtete

ihre großen Pupillen auf ihn.

»Ich glaube, daß es mehrere Arten von Liebe gibt.«

Sie ging durchs Zimmer und blieb an der Tür stehen.

»Liebst du mich ganz, ungeteilt?« fragte sie mit der Hand am Schlüssel.

Er dachte zwei Sekunden nach und antwortete:

»Deine Seele ist böse, und ich liebe das Böse nicht!«

»Ich kümmere mich nicht um die Seele! Liebst du mich? Mich?«

»Ja! So sehr ...«

»Warum hast du mir Rehnhjelm auf den Hals geschickt?«

»Weil ich fühlen wollte, wie es ist, dich nicht zu besitzen!«

»Du hast also gelogen, als du sagtest, du seist meiner überdrüssig!«

»Ja, das habe ich getan!«

»O du Teufel!«

Sie hatte den Schlüssel hereingeholt und er die Jalousien

heruntergelassen!

Achtzehntes Kapitel

Nihilismus

Als Falk an einem sehr regnerischen Abend im September nach Hause

wanderte und in die Grafmagnistraße einbog, sah er zu seinem Erstaunen

hinter seinem Fenster Licht. Als er näher kam, gewahrte er oben an der

Decke einen Schatten, der an einen Menschen erinnerte, den er schon

gesehen hatte, aber er konnte sich nicht erinnern, wer es war. Es war

eine traurige Gestalt, die in der Nähe noch betrüblicher wirkte. Als

Falk das Zimmer betrat, saß Struve am Schreibtisch, den Kopf in die

Hände gestützt. Seine Kleider waren naß vom Regen und hingen auf den

Fußboden nieder, wo sich Wasserläufe gebildet hatten, die ihren Abfluß

durch die Dielenritzen suchten; sein Haar stand ihm in Strähnen um

den Kopf, und sein sonst so steifer englischer Backenbart hing wie

Tropfstein auf seinen nassen Rock. Neben ihm auf dem Boden stand sein

schwarzer Hut, der unter der eigenen Schwere das Knie gebeugt hatte

und um seine verlorene Jugend zu trauern schien, denn er trug einen

schmalen Trauerflor.

»Guten Abend,« sagte Falk; »das ist ja vornehmer Besuch!«

»Verspotte mich nicht,« bat Struve.

»Warum sollte ich das nicht? Ich wüßte keinen Grund, warum nicht.«

»Ach so, du bist auch am Ende!«

»Ja, darauf kannst du dich verlassen, ich werde nächstens auch

konservativ! Du hast Trauer, sehe ich, hoffentlich kann ich

gratulieren.«

»Mir ist ein Kind gestorben.«

»Nun, dann kann ich dem gratulieren! -- Aber sag, was willst du

eigentlich von mir? Du weißt, daß ich dich verachte; das tust du selbst

wohl auch, vermute ich. Nicht wahr?«

»Freilich, aber höre einmal, mein Freund, findest du nicht, daß das

Leben bitter genug ist, ohne daß man es sich gegenseitig unnötig zu

verbittern braucht? Wenn Gott oder das Schicksal Vergnügen daran

findet, so braucht sich doch nicht auch der Mensch so weit zu

erniedrigen!«

»Das ist ein vernünftiger Gedanke; er macht dir Ehre! Willst du nicht

meinen Schlafrock anziehen, während dein Gehrock trocknet; du frierst

doch darin?«

»Ich danke dir, aber ich muß bald gehen.«

»O bleib doch eine Weile hier, dann können wir uns wenigstens einmal

aussprechen.«

»Ich spreche so ungern von meinem Mißgeschick.«

»Dann sprich von deinen Verbrechen!«

»Ich habe keine begangen!«

»Oh, große! Du hast deine schwere Hand auf die Unterdrückten gelegt, du

hast die Verwundeten mit Füßen getreten, du hast die Elenden verhöhnt!

Erinnerst du dich des letzten Streiks, als du dich auf die Seite der

Gewalt stelltest?«

»Auf die Seite des Gesetzes, lieber Freund!«

»Ha, das Gesetz! Wer hat das Gesetz für die Armen geschrieben, du Narr?

Der Reiche! Das heißt der Herr für den Sklaven!«

»Das Gesetz hat das ganze Volk und das allgemeine Rechtsbewußtsein

geschrieben -- das hat Gott geschrieben!«

»Spare deine großen Worte, wenn du mit mir sprichst. Wer hat das Gesetz

des Jahres 1734 geschrieben? Herr Cronhjelm! Wer hat das letzte Gesetz

über die Prügelstrafe aufgestellt? Das war Oberst Sabelmann -- sein

Antrag war es --, und es wurde von seinen Bekannten durchgedrückt, die

damals die Majorität ausmachten. Oberst Sabelmann ist nicht das Volk,

und seine Bekannten sind nicht das allgemeine Rechtsbewußtsein. Wer

hat das Gesetz über die Rechte der Aktiengesellschaften geschrieben?

Richter Svindelgren! Wer hat die neue Reichstagsverfassung aufgesetzt?

Assessor Vallonius! Wer hat das Gesetz über den ›gesetzlichen Schutz‹

gemacht, das heißt den Schutz des Reichen gegen die rechtmäßigen

Ansprüche des Armen? Großhändler Kryddgren! Halt den Mund! Ich kenne

deine Phrasen! Wer hat das neue Erbrecht entworfen? Verbrecher! Wer

hat das Forstgesetz gemacht? Diebe! Wer hat das Gesetz über das

Notenemissionsrecht der Privatbanken geschrieben? Schwindler! Und du

behauptest, Gott habe das getan? Armer Gott!«

»Darf ich dir einen Rat geben, einen Rat fürs Leben, den mir die

Erfahrung erteilt hat! Wenn du der Selbstverbrennung zuvorkommen

willst, der du als Fanatiker entgegengehst, so eigne dir schleunigst

eine neue Anschauung von Sachen und Dingen an; übe dich, die Welt

in Vogelperspektive zu sehen, und du wirst erkennen, wie klein

und bedeutungslos alles erscheint; geh davon aus, daß das Ganze

ein Kehrichthaufen ist, daß die Menschen Abfall, Eierschalen,

Mohrrübenkraut, Kohlblätter, Zeuglappen sind, so wirst du nie mehr

überrumpelt werden, kannst nie mehr eine Illusion verlieren; dafür

aber wirst du eine ganze Menge Freude erleben, so oft du einen schönen

Zug, eine gute Tat siehst; lege mit einem Wort eine ruhige und stille

Weltverachtung an -- du brauchst deshalb nicht zu fürchten, herzlos zu

werden.«

»Diesen Standpunkt nehme ich noch nicht ein, das ist richtig, aber die

Weltverachtung habe ich schon zum Teil. Das ist aber auch mein Unglück,

denn wenn ich einen einzigen Beweis von Güte oder Edelmut sehe, liebe

ich die Menschen wieder, überschätze sie und werde von neuem betrogen!«

»Werde Egoist! Pfeife auf die Menschen!«

»Ich fürchte, das kann ich nicht!«

»Suche dir eine andere Beschäftigung. Tu dich mit deinem Bruder

zusammen; er scheint hier in der Welt zu gedeihen. Ich habe ihn gestern

auf der Kirchenratsversammlung von Nicolai gesehen.«

Das rote Zimmer · 第 15 / 25 段