»Ja, sie hat mir sehr gefallen!«
»Und sie ist in dich verliebt! Das paßt gut! Nimm sie.«
»Ach, wie du redest! Wir können doch noch nicht heiraten!«
»Wer hat gesagt, daß ihr das tun sollt?«
»Was meinst du denn?«
»Du bist achtzehn, sie ist sechzehn! Ihr liebt euch! Also gut! Wenn ihr
einig seid, ist es doch die privateste Angelegenheit, die es gibt!«
»Ich verstehe dich nicht! Forderst du mich zu einer schlechten Handlung
auf? Oder wie?«
»Ich fordere dich auf, ein wenig der großen Stimme der Natur zu
gehorchen, nicht der dummen der Menschen. Wenn die Menschen euer
Benehmen verwerfen, so geschieht es aus Neid, und die Moral, die
sie predigen, ist ihre Bosheit, die eine passende, präsentable Form
angenommen hat. Hat nicht die Natur euch schon jahrelang zu ihrem
großen Fest geladen, das die Freude der Götter, aber das Entsetzen der
Gesellschaft ist, die fürchtet, Alimente zahlen zu müssen?«
»Warum rätst du uns nicht zur Heirat?«
»Weil das etwas anderes ist! Man bindet sich nicht fürs Leben nach
einem gemeinsam verbrachten Abend, und es ist nicht gesagt, daß jemand,
der die Lust mitmacht, auch das Leid mit auf sich nehmen will! Die Ehe
ist eine seelische Angelegenheit; das ist diese Sache vorläufig gerade
noch nicht! Übrigens brauche ich euch nicht zu dem aufzufordern, was
ohnehin geschehen wird. Liebt euch in der Jugend, ehe es zu spät ist,
liebt euch wie die Vögel, ohne einen Gedanken an den Nestbau oder wie
die Blumen aus der Klasse der Diözien.«
»Du sollst nicht so unehrerbietig von dem Mädchen sprechen! Sie ist
gut, unschuldig und bedauernswert, und wer etwas anderes zu sagen wagt,
der lügt! Hast du je unschuldigere Augen gesehen als ihre, liegt nicht
sogar im Klang ihrer Stimme Wahrheit? Sie ist einer großen Liebe und
einer reinen Liebe würdig, nicht so einer wie die, von der du sprichst,
und ich hoffe, es ist das letztemal, daß du etwas in dieser Richtung
vorbringst! Das eine kannst du ihr sagen: ich werde es als das größte
Glück und die größte Ehre ansehen, ihr einmal, wenn ich ihrer würdig
bin, meine Hand anzubieten!«
Falander schüttelte den Kopf, daß die Schlangen sich ringelten.
»Ihrer würdig? Deine Hand? Was sagst du?«
»Dabei bleibe ich!«
»Das ist entsetzlich! Wenn ich dir sage, daß dies Mädchen nicht nur
aller Eigenschaften ermangelt, die du ihr zuerkennst, sondern sogar die
entgegengesetzten besitzt, so glaubst du mir nicht, sondern wirst mein
Feind!«
»Ja, das werde ich!«
»Wie kann die Welt nur so voller Lüge sein, daß ein Mensch keinen
Glauben findet, wenn er die Wahrheit spricht.«
»Wie soll man dir glauben können, da du keine Moral hast?«
»Sieh, da haben wir das Wort wieder! Das ist ein merkwürdiges Wort; es
beantwortet alle Fragen, schneidet alle Diskussionen ab, verteidigt
alle Fehler, die eigenen, aber nicht die fremden, schlägt alle Gegner
zu Boden, plädiert für und gegen, ganz wie ein Rechtsanwalt. Jetzt
hast du mich damit geschlagen, das nächste Mal schlage ich dich damit.
Lebwohl, ich muß nach Hause, denn ich gebe um drei Uhr Stunde! Lebwohl!
Viel Glück!«
Und Rehnhjelm blieb allein mit seinem Mittagessen und seinen
Betrachtungen.
* * * * *
Als Falander nach Hause kam, zog er sich Schlafrock und Pantoffel
an, als erwarte er durchaus keinen Besuch. Aber eine heftige Unruhe
schien ihn zu beherrschen, denn er ging im Zimmer auf und ab und blieb
dann und wann hinter der Gardine stehen, um ungesehen auf die Straße
blicken zu können. Dann trat er vor den Spiegel, knöpfte seinen Kragen
ab und legte ihn auf den Sofatisch. Nachdem er eine Weile so hin und
her gewandert war, nahm er die Photographie einer Dame aus einer
Visitenkartenschale, legte sie unter ein riesiges Vergrößerungsglas
und betrachtete sie, wie man ein mikroskopisches Präparat betrachtet.
Er saß recht lange bei dieser Arbeit. Als er Schritte auf der Treppe
hörte, versteckte er hastig die Photographie da, wo er sie hergenommen
hatte, sprang auf und setzte sich an den Schreibtisch, so daß er der
Tür den Rücken kehrte. Er war in voller Beschäftigung, als ein Klopfen
an der Tür -- zwei kurze, leise Doppelschläge -- ertönte.
»Herein!« rief Falander mit einer Stimme, die nicht einladend klang,
sondern eher für eine Ausweisung paßte.
Herein trat ein junges Mädchen, klein von Wuchs, aber mit angenehmen
Linien in der Figur; ein feines, ovales Gesicht, von Haar umgeben,
das seine blonde Farbe durch Bleichen in der Sonne bekommen zu haben
schien, denn es hatte nicht dieses ausgesprochene Blond, das angeboren
ist. Die kleine Nase und der fein geschnittene Mund brachten ein
munteres Spiel kleiner, schelmischer Kurven zustande, die unaufhörlich
die Formen änderten wie Figuren in einem Kaleidoskop; wenn sie zum
Beispiel die Nasenflügel bewegte, und der hellrote Knorpel sich wie
ein Anemonenblatt abzeichnete, teilten sich die Lippen und zeigten
die Spitzen sehr kleiner, gleichmäßiger Zähne, die, obwohl sie echt
waren, zu gleichmäßig und zu weiß waren, um Vertrauen einzuflößen. Die
Augenwinkel gingen nach der Nasenwurzel zu in die Höhe und senkten
sich an den Schläfen, wodurch ein beständig bittender, elegischer
Ausdruck erzielt wurde, der eine zauberhafte Disharmonie mit den
unteren, spielenden Partien des Gesichts bildete; aber die Pupille war
unruhig, sie konnte in einem Augenblick fein werden wie die Spitze
einer Nähnadel, um sich im nächsten aufzutun und zu starren wie das
Objekt eines Nachtfernrohrs.
Sie betrat also das Zimmer und verriegelte die Tür, nachdem sie den
Schlüssel hereingeholt hatte.
Falander saß noch immer und schrieb.
»Du kommst spät heute, Agnes,« sagte er.
»Ja, das tue ich,« antwortete sie trotzig, während sie den Hut abnahm
und sich häuslich einrichtete.
»Ja, wir sind über Nacht spät ins Bett gekommen!«
»Warum stehst du nicht auf und begrüßt mich? So müde kann man doch
nicht sein!«
»Ach, verzeih, das habe ich vergessen!«
»Vergessen! Ich habe bemerkt, daß du seit einiger Zeit manches
vergißt.«
»So? Seit wann hast du das bemerkt?«
»Seit wann? Was meinst du? Bitte, zieh den Schlafrock und die Pantoffel
aus!«
»Liebes Kind, das ist mir heute zum erstenmal passiert, und du findest
das eine lange Zeit! Ist das nicht seltsam? Sag!«
»Du verspottest mich! Was ist mit dir? Du bist seit einiger Zeit so
sonderbar!«
»Seit einiger Zeit! Da haben wir es wieder! Warum sagst du seit
einiger Zeit? Weil gelogen werden muß? Warum muß gelogen werden?«
»So, du wirfst mir vor, ich lüge?«
»O nein, ich scherzte nur!«
»Denkst du, ich sehe nicht, daß du meiner überdrüssig bist? Denkst
du, ich habe das gestern abend nicht gesehen, als du gegen die simple
Jenny so aufmerksam warst, daß du für mich den ganzen Abend kein Wort
hattest?«
»Du bist also eifersüchtig?«
»Ich? Nein, weißt du, nicht im geringsten! Wenn du sie mir vorziehst,
bitte schön! Das rührt mich keine Spur!«
»So! Du bist nicht eifersüchtig? Das ist unter gewöhnlichen
Verhältnissen eine bedauerliche Tatsache.«
»Unter gewöhnlichen Verhältnissen? Was meinst du damit?«
»Ich meine -- ganz einfach --, daß ich deiner überdrüssig bin, wie du
vorhin selbst gesagt hast!«
»Das lügst du! das bist du nicht!«
Sie bewegte die Nasenflügel, zeigte die Zahnspitzen und stach mit den
Nähnadeln.
»Wir wollen von etwas anderm sprechen,« sagte er. »Wie hat dir
Rehnhjelm gefallen?«
»Sehr nett! Das ist ein lieber Junge! Und ein feiner Junge!«
»Er hat sich bis über beide Ohren in dich verliebt!«
»Wie du redest!«
»Doch das Schlimmste ist, daß er sich mit dir verheiraten will!«
»Ach, bitte, verschone mich mit solchen Dummheiten!«
»Da er aber erst zwanzig Jahre alt ist, will er warten, bis er deiner
würdig ist, wie er sich ausdrückt!«
»So ein Narr!«
»Mit würdig meint er, ein anerkannter Schauspieler sein. Und das kann
er nicht eher werden, ehe er Rollen bekommt. Kannst du ihm nicht dazu
verhelfen?«
Agnes errötete, warf sich in die Sofaecke und zeigte ein paar elegante
Stiefeletten mit goldenen Troddeln.
»Ich? Ich kriege ja selber keine! Du machst dich über mich lustig!«
»Ja, das tue ich!«
»Du bist ein Teufel, Gustav! Willst du das glauben?«
»Vielleicht, vielleicht nicht! Es ist so schwer, so etwas zu
entscheiden! Aber wenn du ein verständiges Mädchen bist ...«
»Schweig!«
Sie nahm ein scharfes Papiermesser vom Tisch und hob es drohend im
Scherz, der wie Ernst aussah.
»Du bist so schön heute, Agnes,« sagte Falander.
»Heute? Was meinst du? Heute? Hast du das früher nicht gesehen?«
»O doch, das habe ich schon!«
»Warum seufzt du?«
»Das tut man immer, wenn man gebummelt hat.«
»Darf ich dich ansehn? Tun dir die Augen weh?«
»Die durchwachte Nacht, meine Liebe!«
»Ich will gehen, dann kannst du Mittagsschlaf halten!«
»Geh nicht fort! Ich kann doch nicht schlafen!«
»Ich glaube, ich muß ohnehin gehen! Ich bin eigentlich nur hergekommen,
um dir das zu sagen!«
Ihre Stimme wurde weich, und ihre Augenlider senkten sich sacht wie der
Vorhang nach einer Todesszene. Falander erwiderte:
»Das ist lieb, daß du doch gekommen bist, um abzusagen.«
Sie stand auf und setzte vor dem Spiegel ihren Hut auf.
»Hast du Parfüm hier?« fragte sie.
»Nein, das habe ich im Theater.«
»Du mußt dir das Pfeifenrauchen abgewöhnen; das setzt sich so
scheußlich in den Kleidern fest.«
»Das will ich tun.«
Sie bückte sich und machte ihr Strumpfband zu.
»Verzeih!« sagte sie und warf einen bittenden Blick auf Falander.
»Was denn?« antwortete er mit abwesender Miene, als habe er nichts
gesehen.
Da die Antwort ausblieb, faßte er sich ein Herz, holte rief Luft und
fragte:
»Wo willst du hin?«
»Ich muß ein Kleid anprobieren, du brauchst dich also nicht zu
beunruhigen!« antwortete sie, sehr ungezwungen, wie sie glaubte. Er
aber hörte an dem falschen Akzent, daß es einstudiert war, und sagte
nur:
»Also dann adieu!«
Sie ging auf ihn zu, um sich küssen zu lassen. Er nahm sie in die Arme
und drückte sie an die Brust, als wolle er sie ersticken, darauf küßte
er sie auf die Stirn, führte sie zur Tür, schob sie hinaus und sagte
ganz kurz: »Adieu!«
Sechzehntes Kapitel
Auf dem Weißen Berge
Eines Nachmittags im August sitzt Falk wieder im Park auf Mosebacke,
einsam, wie er den ganzen Sommer über gewesen ist, und summiert
seine Erfahrungen in diesem Vierteljahr, das vergangen ist, seit er
zuletzt hier war, so voller Hoffnungen, so mutig und so stark. Er
fühlt sich alt, müde, gleichgültig; er hat in all diese Häusermassen
hineingesehen, die dort unten stehen, und es sah immer anders aus,
als er gedacht hatte. Er hat sich in der Welt umgeschaut und hat die
Menschen unter mancherlei Verhältnissen beobachtet, wie es nur einem
Armenarzt oder einem Zeitungsschreiber vergönnt ist, allerdings mit
dem Unterschiede, daß der Journalist sie zu sehen bekommt, wie sie
sich zeigen, während der Arzt sie gewöhnlich sieht, wie sie sind.
Er hatte Gelegenheit gehabt, die Menschen als Gesellschaftstiere in
allen möglichen Formen zu sehen. Er war im Reichstag gewesen, hatte an
Kirchenratssitzungen, Generalversammlungen von Aktiengesellschaften,
Wohltätigkeitsveranstaltungen, polizeilichen Untersuchungen, Festen,
Beerdigungen, Volksversammlungen teilgenommen; überall große Worte
und viele Worte, Worte, die in der täglichen Rede nie gebraucht
wurden, eine besondere Art von Worten, die nicht ein Ausdruck für
irgendeinen Gedanken sind, wenigstens nicht für den, der ausgesprochen
werden müßte. Er hatte dadurch eine einseitige Auffassung vom Menschen
bekommen und konnte in ihm nur noch das verlogene Gesellschaftstier
sehen, das er sein muß, da die Zivilisation offenen Krieg verbietet;
infolge seines Mangels an Verkehr vergaß er, daß es ein anderes
Tier gab, das zwischen Glas und Wand recht liebenswürdig ist, wenn
es nicht gereizt wird, und das sich gern mit all seinen Fehlern
und Schwächen zeigt, wenn keine Zeugen anwesend sind. Das hatte er
vergessen, und deshalb war er sehr bitter. Aber ein anderer Umstand
war noch trauriger: er hatte die Achtung vor sich selbst verloren!
Und zwar ohne eine einzige Handlung begangen zu haben, deren er sich
hätte schämen müssen! Andere aber hatten sie ihm geraubt, und das
geht sehr leicht vonstatten. Überall, wo er auch aufgetreten war,
hatte man ihm Mißachtung gezeigt, und wie hätte er, der von Kindheit
an des Selbstgefühls beraubt worden war, den achten können, den alle
andern mißachteten! Eins aber machte ihn wirklich unglücklich, nämlich
zu sehen, wie die Referenten der konservativen Zeitungen, das heißt
alle, die alles Verkehrte verteidigten oder zum mindesten unangetastet
ließen, mit sehr großer Höflichkeit behandelt wurden. Er zog sich
also nicht so sehr in seiner Eigenschaft als Zeitungsschreiber die
allgemeine Verachtung zu, sondern als Anwalt der Elenden! Bisweilen
war er ein Raub grausamer Zweifel gewesen. Er hatte zum Beispiel
in dem Bericht über die Generalversammlung des Triton das Wort
Schwindel gebraucht. Hierauf hatte das Graumützchen mit einem langen
Artikel erwidert und so klar bewiesen, daß die Gesellschaft ein
national-patriotisches, philanthropisches Unternehmen sei, daß er
selbst fast glaubte, unrecht gehabt zu haben, und sich lange mit
Gewissensbissen plagte, weil er so leichtsinnig mit dem Ruf der
Menschen umgegangen war. Er befand sich eben jetzt in einem Zustand
zwischen Fanatismus und absolutem Indifferentismus, und es hing nur von
dem nächsten Impuls ab, welche Richtung er einschlagen würde.
Das Leben war ihm in diesem Sommer so sauer geworden, daß er mit
Schadenfreude jeden Regentag begrüßte, und er fühlte jetzt ein
relatives Behagen, als er sah, wie hier und da ein welkes Blatt über
die Kieswege raschelte. Er saß da und stellte zu seinem Trost teuflisch
heitere Betrachtungen über sein Dasein und dessen Zweck an, als er
fühlte, wie eine magere, knochige Hand sich auf seine Schulter legte
und eine andere seinen Arm umspannte, als wolle der Tod ihn beim
Wort nehmen und ihn zum Tanz führen. Er blickte auf und erschrak: da
stand Ygberg, bleich wie eine Leiche, mit abgezehrtem Gesicht und mit
Augen, die eine so verwässerte Farbe hatten, wie nur der Hunger sie
hervorbringen kann.
»Ah, guten Tag, Falk,« flüsterte er mit kaum hörbarer Stimme und
klapperte am ganzen Körper.
»Guten Tag, Ygberg,« antwortete Falk und kam in recht gute Laune. »Setz
dich und trinke eine Tasse Kaffee mit mir, zum Teufel! Wie gehts dir?
Du siehst aus, als hättest du unterm Eis gelegen!«
»Ach, ich bin so krank gewesen, so krank!«
»Du hast einen angenehmen Sommer gehabt, gerade wie ich!«
»Ist er für dich auch so schwer gewesen?« fragte Ygberg, während eine
schwache Hoffnung, es möchte so sein, sein gelbgrünes Gesicht erhellte.
»Ich will nur sagen: Gott sei Dank, daß der verfluchte Sommer vorbei
ist! Meinetwegen könnte das ganze Jahr Winter sein! Nicht genug, daß
man selber leiden muß, man soll auch noch mit ansehen, wie andere sich
freuen! Ich habe keinen Fuß vors Tor gesetzt! Und du?«
»Ich habe keine Tanne gesehen, seit Lundell im Juni von Lill-Jans
fortgezogen ist! Aber warum muß man auch gerade Tannen sehen! Das ist
nicht so nötig! Und etwas Merkwürdiges ist es auch nicht! Aber daß man
es nicht haben kann, das empfindet man so bitter!«
»Nun, das soll uns jetzt nicht kümmern; da hinten im Osten ist es trüb,
also morgen bekommen wir Regen, und wenn die Sonne wieder scheint, ist
es Herbst! Prost!«
Ygberg sah den Punsch an, als dächte er, es sei Gift, aber er trank
doch.
»Nun,« nahm Falk das Gespräch wieder auf, »du hast
doch die schöne Erzählung von dem Schutzengel oder der
Seeversicherungsaktiengesellschaft Triton für Smith geschrieben. War
das nicht gegen deine Überzeugung?«
»Überzeugung? Ich habe keine Überzeugung!«
»Hast du keine?«
»Nein, nur dumme Menschen haben eine!«
»Bist du unmoralisch, Ygberg?«
»Nein! Sieh, wenn ein dummer Mensch einen Gedanken hat, entweder aus
sich selbst oder aus andern, so erhebt er ihn zu seiner Überzeugung
und hält daran fest und prahlt damit, nicht weil es eine Überzeugung
ist, sondern weil es seine Überzeugung ist. Was die in Rede stehende
Gesellschaft betrifft, so glaube ich, daß es Schwindel ist. Sie schadet
recht vielen Menschen, nämlich den Aktionären, dafür aber macht sie
andern, der Direktion und den Beamten, um so mehr Freude, und auf diese
Weise tut sie doch viel Gutes!«
»Hast du denn alle Begriffe von Ehre verloren, Freund?«
»Man muß alles seiner Pflicht opfern!«
»Ja, das gebe ich zu.«
»Des Menschen erste und größte Pflicht ist es, zu leben -- zu leben, um
welchen Preis es auch sei! Das fordert das göttliche Gebot, das fordert
das menschliche Gesetz.«
»Aber die Ehre darf man nicht opfern.«
»Beide Gesetze fordern, wie gesagt, daß man alles opfert -- sie fordern
von dem Armen, die sogenannte Ehre zu opfern! Das ist grausam, aber der
Arme kann nicht dafür!«
»Du hast keine heiteren Ansichten vom Leben!«
»Wo sollte ich die herhaben?«
»Ja, das ist wahr!«
»Aber um auf etwas anderes zu kommen: ich habe einen Brief von
Rehnhjelm. Ich will dir etwas daraus vorlesen, wenn du magst.«
»Er ist ja zum Theater gegangen, hörte ich.«
»Ja, und da scheint er keine guten Tage zu haben.«
Ygberg holte einen Brief aus der Brusttasche, steckte ein Stück Zucker
in den Mund und las:
»Wenn es eine Hölle im künftigen Leben gibt, was recht zweifelhaft ist
...«
»Der Junge ist Freidenker geworden!«
... »so kann sie nicht schlimmer sein als meine jetzige. Ich bin seit
zwei Monaten engagiert, und mir kommt es vor, als seien es zwei Jahre.
Ein Teufel, ein ehemaliger Stellmachergeselle, jetzt Theaterdirektor,
hat mein Schicksal in die Hände genommen und geht so zu Werk, daß
ich dreimal täglich ans Ausreißen denke; aber vorsichtigerweise sind
die Strafbestimmungen des Kontrakts so schwer, daß ich den Namen
meiner Eltern entehren würde, im Falle eines Prozesses, so daß ich
es vorziehe, zu bleiben. Denke Dir, ich bin Abend für Abend als
Statist aufgetreten und habe noch kein Wort sagen dürfen. Zwanzig
Abende hintereinander habe ich mir Umbra ins Gesicht schmieren und in
einem Zigeunerkostüm auftreten müssen, von dem nicht ein Stück mir
paßt: das Trikot ist zu lang, die Schuhe zu groß, die Jacke zu kurz.
Ein Unterteufel, Kulissensouffleur genannt, paßt genau auf, daß ich
diese Kleidungsstücke nicht gegen passende vertausche, und immer,
wenn ich versuche, mich hinter dem Volkshaufen zu verkriechen, der
aus den Fabrikarbeitern des direktorialen Fabrikbesitzers besteht,
öffnen sie die Reihen und stoßen mich nach vorn, und sehe ich dann
nach den Kulissen hinüber, so steht dort der Unterteufel und lacht,
und blicke ich in den Zuschauerraum, so sehe ich den Bösen selber in
der Loge sitzen und lauten Halses lachen. Er scheint mich zu seinem
Privatvergnügen engagiert zu haben, nicht, damit ich dem Theater etwas
nütze. Einmal wagte ich seine Aufmerksamkeit darauf hinzulenken, daß
ich mich einmal in Sprechrollen üben müsse, wenn ich Schauspieler
werden solle. Da wurde er grob und erklärte, erst müsse man kriechen
lernen, ehe man gehen könne! Ich erwiderte ihm, ich könne gehen!
Das sei eine Lüge, sagte er und fragte mich, ob ich glaube, die
Schauspielkunst, die schönste und schwerste aller Künste, erfordere
keine Schule. Als ich ihm antwortete, das eben sei meine Ansicht, und
deshalb warte ich ungeduldig darauf, diese Schule beginnen zu dürfen,
sagte er, ich sei ein ungebildeter Hund und er werde mir einen Tritt
geben. Als ich hiergegen opponierte, fragte er weiter, ob ich glaube,
sein Theater sei eine Rettungsanstalt für unbemittelte Jünglinge; ich
antwortete mit einem offenen, unbedingten, freudigen Ja! Da erklärte
er, er werde mich morden, und dabei ist er jetzt. Ich fühle, wie
meine Seele herunterbrennt wie ein Talglicht in Zugluft, und bin
beinahe überzeugt davon, daß das Böse zum Schluß siegen wird, obwohl
es sich in Wolken verbirgt, oder wie es im Katechismus heißt. Aber
das Schlimmste von allem ist, daß ich die Achtung vor dieser Kunst
verliere, die die Liebe und der Traum meiner Jugend gewesen ist. Wie
ist es anders möglich, als daß ich anfangen muß, den Wert dieser Kunst
gering zu schätzen, wenn ich hier Leute sehe, die ohne Erziehung, ohne
Bildung, vom Handwerk und von der Straße kommen, nur von Eitelkeit und
Leichtsinn getrieben, ohne Begeisterung und Verstand, sehe, wie sie
nach ein paar Monaten Charakterrollen, historische Rollen spielen,
leidlich gut, ohne einen Funken von Ahnung von der Zeit zu haben, in
der sie sich bewegen, oder eine Spur von Verständnis für die Bedeutung,
die die Personen, die sie darstellen, in Wirklichkeit besaßen.
Es ist ein langsamer Meuchelmord, der an mir verübt wird. Und unter
diesem Pöbel, der mich unterdrückt (einige Mitglieder der Truppe sind
mit Paragraphen des Strafgesetzbuches in Kollision gekommen), werde
ich, was ich nie gewesen bin -- Aristokrat, denn so schwer kann der
Druck der Gebildeten von den Ungebildeten nie empfunden werden.
Aber es gibt doch einen Lichtpunkt in dieser Finsternis: ich liebe.
Ein Mädchen von reinstem Gold mitten in diesen Schlacken. Natürlich
wird auch sie zu Boden getreten und macht dieselbe langsame Hinrichtung
durch wie ich, nachdem sie mit Stolz und Verachtung die schändlichen
Anträge des Regisseurs zurückgewiesen hat. Sie ist die einzige Frau mit
lebendigem Geist unter all den Tieren, die sich hier im Schmutz wälzen,
und sie liebt mich mit ihrer ganzen Seele und ist jetzt im geheimen
meine Braut. -- Oh, ich warte nur auf den Tag, da ich mich durchgesetzt
habe und ihr meine Hand bieten kann, aber wann? Wir haben oft daran
gedacht, zusammen in den Tod zu gehen, doch dann kommt die trügerische
Hoffnung und verleitet einen, das Elend fortzusetzen! Dies unschuldige
Mädchen zu sehen, zu sehen, wie sie leidet und sich schämt, wenn sie
gezwungen wird, in unanständigen Kostümen aufzutreten, das ist mehr,
als man ertragen kann! Aber ich will dies traurige Kapitel einstweilen
ruhen lassen.
Von Olle kann ich grüßen, und von Lundell auch! Olle hat sich sehr
verändert! Er ist in eine neue Art Philosophie hineingekommen, die
alles niederreißt und alle Dinge um und um kehrt, daß sie auf dem
Kopf stehen. Es ist sehr amüsant anzuhören und wirkt bisweilen sehr
wahr, ist aber auf die Dauer recht gefährlich. Ich glaube, ihm sind
diese Ideen in dem Verkehr mit einem hiesigen Schauspieler gekommen,
der ein sehr guter Kopf ist und große Kenntnisse besitzt, der aber
sehr unmoralisch ist und den ich liebe und hasse zu gleicher Zeit. Es
ist ein sonderbarer Mensch! Er ist im Grunde gut, aufopfernd, edel,
großherzig, ich kann mit einem Wort nicht eine schlechte Eigenschaft
von ihm anführen, -- aber er ist unmoralisch, und ohne Moral ist der
Mensch doch ein Schuft. Nicht wahr?
Jetzt muß ich abbrechen, denn ich sehe meinen Engel, meinen guten Geist
kommen; nun werde ich wieder eine Stunde haben, da alle bösen Gedanken
fliehen und ich mich wieder als ein besserer Mensch fühle! Grüße Falk
und bitte ihn, an mein Schicksal zu denken, wenn er es schwer hat.
Dein Freund R.«
»Nun, was sagst du dazu?«
»Das ist die alte Geschichte von den Kämpfen des wilden Tieres! Weißt
du, Ygberg, ich glaube, man muß ein schlechter Mensch werden, wenn man
in der Welt vorwärts kommen will.«
»Versuche es! Es ist vielleicht nicht so leicht!«
»Hast du jetzt noch Geschäfte mit Smith?«
»Nein, leider nicht. Du etwa?«
»Ich bin wegen meiner Gedichte bei ihm gewesen. Er hat sie für zehn
Kronen pro Bogen gekauft, so daß er an mir denselben Mord begehen kann
wie der Stellmacher an Rehnhjelm. Und ich fürchte etwas in dieser Art,
denn noch habe ich keinen Ton gehört. Er war beängstigend gutmütig, so
daß ich auf das Allerschlimmste gefaßt bin, wenn ich nur wüßte, was es
ist. Aber was ist dir, Bruder, du bist ja ganz weiß im Gesicht?«
»Ja, siehst du,« erwiderte Ygberg und hielt sich am Geländer fest, »ich
habe seit zwei Tagen nur diese fünf Stückchen Zucker gegessen! Ich
glaube, ich werde ohnmächtig!«
»Wenn dir mit Essen geholfen ist, so geht es, denn ich habe
glücklicherweise Geld bei mir!«
»Gewiß ist mir mit Essen geholfen,« flüsterte Ygberg mit matter Stimme.